Cherchez la femme –
unter dem Hidschab

Das Jüdische Museum Berlin auf lange vorgezeichneten Abwegen

Das Jüdische Museum Berlin – Arbeitsplatz zahlreicher studierender Antideutscher – ist nach eigener Angabe „ein lebendiger Ort der Reflexion über die jüdische Geschichte und Kultur sowie über Migration und Diversität in Deutschland.“ (1) Demnächst soll die Dauerausstellung überarbeitet werden. „Dazu werden wir die neueste Forschung berücksichtigen und der Zeit nach 1945 mehr Raum geben. Gleichzeitig möchten wir noch stärker auf die Bedürfnisse unseres Publikums eingehen.“ Die Phrase der Bedürfnisorientiertheit darf wirklich in keiner Selbst- oder Projektbeschreibung fehlen: „Wir legen Wert auf die historische Genauigkeit der Ausstellungen und im selben Maße darauf, allen Besuchern mit ihren unterschiedlichen Interessen und Erfahrungshorizonten gerecht zu werden.“ (2) In der Regel besteht ein krasser Widerspruch zwischen Wahrheit, Vernunft und Erkenntnis auf der einen und den Bedürfnissen des Publikums auf der anderen Seite. Dieser Gegensatz war im Jahre 2001 durchaus noch präsent: „Ein Besuch des Museums ist [aufgrund der Schilderung der „Gefahren von Intoleranz und Verblendung“] kein leichter Entschluss und kann schnell zugunsten einer weit weniger fordernden und unterhaltsameren Unternehmung verworfen werden. Vor diesem Hintergrund bemüht sich das Museum, den Besuch zu etwas Besonderem zu machen.“ (3) Nur entschied man sich dann zugunsten des Eventcharakters und der Bedürfnisbefriedigung. Die damalige Befürchtung, es werde ein „jüdisches Disneyland“ konzeptioniert, die sich vornehmlich gegen eine angebliche Amerikanisierung durch den ehemaligen US-Finanzminister und Gründungsdirektor Michael Blumenthal richtete, hat sich im „Narrativen Museum“, das sich dem Infotainment verschrieb, auf etwas andere Weise nun doch bewahrheitet. Der Programmdirektor Ken Gorbey wies die Kritik seinerzeit mit den Worten „Das alte Museum behauptet stets, alles besser zu wissen als der Besucher“, zurück, als wäre es nicht die elementare Aufgabe eines Museums, im Idealfall eben eine Sachautorität darzustellen, von der Menschen etwas lernen oder erfahren könnten. Das JMB hingegen war schon in seiner Gründungsphase antiautoritär und diskursoffen ausgelegt. Der heutigen Programmdirektorin Cilly Kugelmann gehe es vor allem darum, „Inhalte mit einer selbstironischen Distanz zu präsentieren.“ (4)

Das Museum der Berliner Republik

Die gröbsten ideologischen Verklärungen spielen sich eher in den Sonderausstellungen und Veranstaltungen ab, deren Programm laut Konzeption „Ausstellungen zur deutsch-jüdischen Geschichte, Kunst und Kultur, Fotoausstellungen, thematische Kunstausstellungen, zeitgenössische Kunst und Installationen, historische Ausstellungen zu Holocaust und Exil“ vorsah. Man wollte sowohl Themen aufgreifen, „die in der Dauerausstellung nur gestreift werden konnten oder gar nicht zur Sprache kamen, als auch Themen, die sich mit der jüdischen Kultur der Gegenwart auseinandersetzen.“ (5) Zwar werden in diesem Museum auch sehenswerte und teilweise durchdachte Veranstaltungen und Ausstellungen geboten, doch erst der Klezmer-Kitsch, ergänzt um ideologische Spielereien verleihen ihm die notwendige künstlerische, akademische und notfalls popkulturelle Weihe.

Der Streit um die Ausrichtung des JMB ist so alt wie der Plan der Errichtung des Jüdischen Museums selbst. Schon das „Integrative Konzept“ von Ammon Barzel, das gedachte, nichtjüdische und jüdische Berliner Stadtgeschichte gemeinsam unter einem Dach zu präsentieren, sorgte für hitzige Diskussionen. Barzel wurde schließlich gefeuert, sein Konzept aber letztlich dem Namen nach weit über seine Intention hinaus verwirklicht und radikalisiert – die Leitmotive sind seitdem Pluralismus und Menschlichkeit.

Im Grußwort zur Dauerausstellung hielt Staatsminister Prof. Julian Nida-Rümelin (für Angelegenheiten der Kultur und der Medien) 2001 fest, „dass es sich bei diesem Museum nicht nur um ein wichtiges pädagogisches und didaktisches, sondern auch um ein eminent politisches Projekt handelt. Es geht um konkrete Lernprozesse, die dem Bereich der politischen Bildung zugeordnet sind: um Respekt und Anerkennung für Minderheiten, um Toleranz im eigentlichen Sinne der Anerkennung von Andersheit als Voraussetzung für Demokratie und eine Kultur, die zunehmend von Vielfalt geprägt ist.“ (6) Ihm schien nicht in den Sinn gekommen zu sein, dass Toleranz im „eigentlichen Sinn“ höchstens eine Vorstufe der Anerkennung ist. Der Begriff tole­rare im Sinne von „erdulden“ oder „ertragen“ verweist auf deutliches Unbehagen, das ausgehalten wird, woraus später die Duldsamkeit als sedimentierte Charaktereigenschaft resultieren kann. Der Staatsminister hingegen segnete die Unentschlossenheit und Schwammigkeit der Konzeption des Museums noch einmal von staatlicher Seite ab.

Michael Blumenthal (bis 2014 Direktor) schrieb in der Einleitung zur Dauerausstellung ganz im Sinne des Aufstandes der anständigen Deutschen: „Das Jüdische Museum steht für die Entschlossenheit, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und mit Blick auf die gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart und Zukunft aus ihr zu lernen.“ (7) Vielleicht die gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart und Zukunft, nämlich der Terror und der Antisemitismus des Islam, drängten sich geradezu auf. Das Museum, das als Nachfolger des am 24. Januar 1933 eröffneten und nach fünf Jahren zwangsgeschlossenen ersten Jüdischen Museums gedacht war, sollte ursprünglich am 11. September 2001 eröffnet werden, was um mehrere Tage verschoben wurde; ein Umstand, der niemals Gegenstand der Reflexion wurde. Die Eröffnung für Ehrengäste am 9. September wurde hingegen inszeniert als der inoffizielle Gründungsakt der Berliner Republik als des neusten, restgeläuterten Deutschlands. Der damalige Bundespräsident Johannes Rau nannte ein paar Namen von bekannten jüdischen Intellektuellen und stellt fest, dass „uns noch stärker bewusst werden wird, wie schwer der Verlust wiegt, den wir uns auch selber durch den Holocaust zugefügt haben.“ (8) Nach der Klage über das leichtfertig verschwendete Humankapital fuhr er fort: „Der Holocaust war weder im deutschen Wesen noch in der deutschen Geschichte angelegt. Die Schuld für das, was den deutschen und europäischen Juden angetan worden ist, tragen die, die den Massenmord geplant, angeordnet und begangen haben.“ (9) Die angeblich reine Zufälligkeit, mit der der Holocaust von Deutschland ausging, lag also im Wesen einiger Weniger, praktischerweise meist Toter begründet. Die Zeit berichtete frenetisch: „Der Museumsdirektor Michael Blumenthal gab seinen Gästen beim Galadiner am Eröffnungstag ein stolzes Wort auf den Weg: Durch die Anerkennung der Vergangenheit, durch das Jüdische Museum und andere Gedenkstätten in der Hauptstadt habe Deutschland ein Beispiel gegeben und das moralische Recht gewonnen, seine Stimme im weltweiten Kampf gegen den Rassismus, für religiöse Toleranz, für die Rechte der Minoritäten überall in der Welt vernehmbar zu machen.“ (Zeit, 15.9.2001) Der Kanzler, sein Außenminister und weite Teile des deutschen Friedensvolkes nahmen ihn beim Wort. Nach dem versehentlichen, vermutlich dem Schock geschuldeten, deutschen Kriegsbeitritt gegen den Terror in Afghanistan, dem man sich nach der öffentlich zugesagten „uneingeschränkten Solidarität“ nicht mehr entziehen konnte, ohne das Gesicht zu verlieren, legitimierten Blumenthals programmatische Worte das eindeutige und moralisch unangreifbare Nein zum Irakkrieg. So konnte Schröder in seiner Rede bedauern: „Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger, wir haben versucht, den Krieg zu verhindern. Bis zur letzten Minute. […] Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, viele unter Ihnen, die älter sind als ich, wissen, was Krieg bedeutet. Sie haben ihn erlebt, ja überlebt.“ (10) Die Formulierung der Deutschen als Überlebende ist von der Assoziation her schon arg durchsichtig. Aber da damals schon eine Koalition der Willigen unter Führung der USA der Aggressor war, den man überlebt hatte, wurde das Nein zum Krieg zum maßgeblichen Garant einer zweiten Amtszeit der rot-grünen, antiimperialistischen Staatsantifa.

Das Museum für islamische Befindlichkeiten

Das größte jüdische Museum Europas entdeckte schnell sein revolutionäres Subjekt, das in Deutschland vor allem ein zu umsorgendes und zu verteidigendes Objekt ist: den Islam. Den ideologischen Grundstein dafür legte schon Bundespräsident Rau in der Eröffnungsrede, als er verkündete: „Die Wurzeln Europas liegen nicht allein im Christentum. Zu den Wurzeln Europas gehört auch die jüdische Kultur – übrigens auch die islamische.“ (11) Im JMB wurden bald das Akademieprogramm „Migration und Diversität“ (12) sowie das Jüdisch-Islamische Forum aufgebaut, die heute zentrale Bestandteile der angestrebten museal-aktivistischen Partizipation im „Meinungsbildungsprozess“ sind. Die Verklärung des Islam begann etwa im Jahre 2008 mit der Sonderausstellung „typisch! Klischees von Juden und Anderen.“ Schon hier stellte man bildliche Klischees und Stereotypen als bloß abstrakte Zeichen für Diskriminierung in einem Identifikationsakt nebeneinander, ohne auf zugrundeliegende Ideologien und deren Unterschiede einzugehen. Während des Jubiläumssymposiums mit dem Titel „Visionen der Zugehörigkeit – Juden, Türken und andere Deutsche“ (13) im Oktober 2011 (14), wurde die eingangs gestellte Leitfrage des Tages „Was ist deutsch im 21. Jahrhundert?“ spätestens mit dem Titel des Panel 2 beantwortet: „Der Islam gehört zu Deutschland“. Auf jenem Panel saß unter anderen Naika Foroutan, die sich als laute Sarrazin-Kritikerin einen Namen gemacht hatte, worüber man vergaß, was sie in ihrer Dissertation, die sie für die Bundeszentrale für politische Bildung als Kurzfassung veröffentlichen konnte (15), so alles schrieb. (16) Ihr Hauptproblem war der israelische „Staatsterror“ (S. 96), weswegen sie auch für die islamische Welt die einzig adäquate Frage stellte, nämlich „welche Macht die jüdische Lobby in den USA tatsächlich hat, wenn sie die Supermacht dazu bringen kann, eine Teilnahme an einer UN-Konferenz abzusagen, weil Israel dort kritisiert werden sollte.“ (S. 96) Im Falle der PLFP und Hamas „wäre es angebrachter, von radikalen oder fundamentalistischen Gruppen zu sprechen und nicht von Terroristen.“ (S. 97) Schließlich versuchte sie dem seit dem 11. September 2001 nicht mehr zu leugnenden islamischen Terror noch Nützlichkeit zuzusprechen: „Tatsächlich stellt nun die Furcht vor der Bedrohung eine Gleichwertigkeit her, die durch Jahrzehnte währende moralische Vorhaben nicht erreicht werden konnte. Zumindest für die islamische Welt hatte sich somit der Konflikt als positiv dargestellt, denn von westlicher Seite herrschte zuvor eine latente Gleichgültigkeit gegenüber dieser Zivilisation. Diese Gleichgültigkeit ist nun, bedingt durch den sicherheitsbedrohenden Konflikt, in Interesse umgeschlagen. Dies erlaubt den Blick auf die islamische Welt aus einer anderen Perspektive.“ (S. 291 f.) Der letzte Satz der Arbeit lautet: „Kulturdialog wird der regulative Grundsatz der post-bipolaren Weltordnung sein, trotz anachronistischer Überlebenskämpfe der neokonservativen Politik oder gerade deswegen.“ (S. 293) (17) Heißt: Dank des islamischen Terrors haben die Kulturrelativisten und Dialogfreunde endgültig gesiegt (18), weshalb ein Jahr später Judith Butler im JMB ohne Bedenken ihren Adorno-Preis vor frenetisch klatschendem Fan-Publikum in einer lauen Diskussion mit Micha Brumlik verteidigen durfte, der ihren Antizionismus als „zu idealistisch“ befand – eine Sternstunde des Berliner Salon-Antizionismus. (19) Zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht (8. und 9. November 2013) ließ sich die Crew des Museums in trauter Runde während der Tagung „Antisemitism in Europe Today: the Phenomena, the Conflicts“ von dem vor allem für seine antiisraelische Haltung und seinen antizionistischen Aktivismus bekannten Brian Klug öffentlich erläutern, was Antisemitismus sei bzw. vor allem, was alles nicht antisemitisch sei. (20) Detlev Claussen – mittlerweile völlig auf der kommunikationstheoretischen Linie von Jürgen Habermas – „kritisierte“ letztlich doch zustimmend (21) und Evelien Gans führte lang und verwirrend aus, wieso der proisraelische, frauen-, schwulen- und judenfreundliche Geert Wilders und nicht der islamische antisemitische Terror das größte Problem sei. (22) Man kann sich durchaus vorstellen, welche Befriedigung den Redakteur für Islamophilie bei der Taz, Daniel Bax, erfüllt haben muss, als er Blumenthal mit den Worten zitieren konnte: „Wenn ich die Debatte um Muslime in Deutschland heute verfolge, fühle ich mich erinnert an Erfahrungen, die ich als Jude in Deutschland gemacht habe.“ (23)

In diese Reihe der bedauerlichen Einzelfälle und Fehltritte fügte sich schließlich noch 2014/2015 die Ausstellung zur Beschneidung unter dem doppeldeutigen Titel „Haut ab! (24) Haltungen zur rituellen Beschneidung“ mit einer beschnittenen Banane als fetzigem Titelbild ein. Die „Haltungen“, welche Beschneidung kritisch betrachten oder gar ablehnen, bestünden vor allem aus „Antiislamismus und Antisemitismus“. (25) Man ließ dort dann Prof. Dr. Christina von Braun mit Prof. Dr. Schirin Amir-Moazami „diskutieren“, was in Anbetracht der jeweiligen bisherigen Arbeiten der beiden natürlich ein Selbstgespräch war. Zumal der Schwerpunkt beider sonst eher in der Verharmlosung des Kopftuches liegt, das beispielsweise vor der „Kopulation mit den Augen“, also dem magisch-penetrierenden Blickfick, bewahre.

Bis März 2017 konnte man schließlich eine Ausstellung betrachten, die sehr viel verriet, ohne dass es jemanden gestört hätte, zumindest nicht die Bedürfnisse der Besucher. „A Muslim, a Christian and a Jew“ (26) sollte auf einen Witz verweisen, der im Anschluss dekonstruiert werden würde. In der Ausstellung setzte „sich Eran Shakine humorvoll mit der Frage nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Muslim*innen, Christ*innen und Jüd*innen auseinander“, verkündete das Museum. Was in der Ausstellung aber absolut keine Rolle spielte, waren gerade die Unterschiede zwischen diesen Religionen – wie es der Ankündigungstext schon angedeutet hatte: „Bei Shakine jedoch erscheinen die drei als äußerlich nicht unterscheidbares Trio.“ (27) Die „Pointe“ war, dass sie sich „innerlich“ natürlich auch nicht unterschieden. Das Wort „Unterschiede“ fällt deshalb so permanent, um sie als tatsächliche dann zu verschweigen bzw. kleinzureden. Dies gilt für nahezu jede Ausstellung, die sich auch mit dem Islam beschäftigt. Die Feuilletons helfen munter mit, schreiben fleißig die Pressemappen und -mitteilungen ab – oder fast noch schlimmer: formulieren sie nur um, betonen also ebenfalls euphorisch, dass das Jüdische Museum Berlin differenzierte Religionskomparatistik betreibe, und propagieren damit die mal verkappte, oft aber explizite Identifizierung, die mit einem Vergleich nichts zu tun hat.

Die Rückkehr der Religion in den öffentlichen Raum

„Wie viel Religiosität säkulare Gesellschaften vertragen, zeigt diese aktuelle Ausstellung“ (28), behauptet das Jüdische Museum Berlin anlässlich seiner aktuellen Sonderausstellung Cherchez la Femme. Die Ausstellungsmacher haben den Mund nicht zu voll genommen: In einer merkwürdigen Verquickung von Dokumentation und Kunstpräsentation hämmert das JMB den Besuchern pädagogisch und autoritär ein, dass man säkularen Gesellschaften gar nicht genug Islam zumuten kann. Mit den Worten: „Die muslimische Kopfbedeckung konfrontiert den Westen mit der Rückkehr der Religion in den öffentlichen Raum“ wiederholen sie scheinbar arglos nur das, was jeder weiß. Aber es ist doppelt gelogen: Da kehrt nicht etwa Religiosität im allgemeinen Sinne zurück, was eine Renaissance des Glaubens bei Christen und Juden bedeuten müsste, sondern eine bis vor kurzem wenig beachtete, nämlich die allochthone „wahre Religion“ schickt sich seit einigen Jahren an, z.B. mit der LIES!-Kampagne vor allem in NRW, den öffentlichen Raum aggressiv für sich zu reklamieren und nebenbei 140 Rekruten für den IS anzuwerben, bis der Verein um Abou-Nagie vor einem halben Jahr endlich verboten wurde. Im Museum würde man sich vermutlich fragen, wieso es denn gleich wieder so ernst werden muss, schließlich zeigten sie dort doch nur „eine lockere Auswahl von assoziativen Positionen.“ (29)

Auf einer zeichenhaft-assoziativen Ebene bewegt sich die Ausstellung tatsächlich, wie die Ankündigung schon verriet: „Noch in den 1950/60er-Jahren trugen Stil­ikonen wie Grace Kelly das Kopftuch als modisches Accessoire. Heute bedecken Frauen vor allem in religiösen Zusammenhängen ihre Haare.“ (30) Natürlich durfte Grace Kelly in der Ausstellung gar nicht erst vorkommen, denn hätte jede muslimische Frau das juristische und moralische Recht, sich öffentlich ebenso freizügig zu zeigen wie Grace Kelly und ebenso viele Liebschaften zu führen, wäre die Debatte eine ganz andere. Die Ausstellung sei „als Kommentar zur Diskussion gedacht und ganz sicher nicht als abschließende Bewertung“, betonte Kuratorin Miriam Goldmann in der Rundführung für die Presse. Die Verhüllung des weiblichen Haupthaares repräsentiere letztlich doch irgendwie eine „Praxis, die das Weibliche auf positive Weise affirmiert.“ (31) Was man selbst nicht glaubt, sagt man einfach doppelt. Ebenso diskursiv verfährt die gesamte Ausstellung in ihren rein suggestiven Akten.

Der Untertitel „Perücke · Burka · Ordenstracht“ kündigt an, dass die religiösen Kopfbedeckungen von Frauen in Judentum, Islam und Christentum verhandelt werden sollen. „Heute finden Frauen in Judentum und Islam neue Wege, um ihre religiösen Traditionen mit einem modernen Lebensstil zu verbinden. Konflikte in männlich geprägten Gesellschaften bleiben nicht aus, die Grenzen des Akzeptablen sind stets neu zu verhandeln.“ (32) Das Christentum, in dessen Geschichte Kopftücher keine zentrale Rolle spielten, wurde im Ankündigungstext einfach ausgespart. Da man im Duktus der Beschwörung der kulturellen harmonischen Vielfalt gezwungen ist, die scheinbaren interreligiösen Gemeinsamkeiten zu betonen, bekommen die Besucher die verschiedensten Arten der Schleier in Judentum und Islam präsentiert und mit einer zusammenfassenden Erklärung versehen – für das Christentum fehlt diese. Beginnend mit den dezenten jüdischen Haarbändern, Perücken, Hüten, Kappen sowie den weit weniger dezenten Tüchern steigert sich das Ausmaß der Verschleierung zu den islamischen Kopftüchern, Unterkappen und Obertüchern, zum Tschador und schließlich zur Burka. In der Mitte finden sich mangels einer alltäglichen Verhüllungspraxis von Christinnen nur drei christliche Ausnahmesymbole: eine Nonnentracht, ein Brautschleier und eine Mantilla, die in der Vergangenheit bei päpstlichen Audienzen zu tragen war. Die Botschaft: Der Unterschied zwischen einem profanen Hochzeitsaccessoire und dem Nikab sei nicht mal ein gradueller. Nur das Outfit Melania Trumps beim Papstbesuch befand die Museumshostess, welche die Führung leitete, als „albern“. Schon dieser eine Satz beweist die Anmaßung der Ausstellung. Natürlich konnte die Frau nicht verstehen, dass eine First Lady in Saudi-Arabien, wo es Pflicht ist, bewusst kein Kopftuch trägt, um wenige Tage später bei der Papstaudienz, wo es eben nicht mehr verpflichtend ist, ihr Haar zu verdecken – als Respektbekundung gegenüber einer selbst für Katholiken nur mehr ideellen Autorität sowie gleichzeitig als deutliche An- oder besser Absage in Richtung Riad, Teheran sowie nicht zuletzt Clichy-sous-Bois und Neukölln. Wenn die Museumsführerin das Kopftuch der First Lady so albern fand, hätte sie konsequent zum selben Urteil kommen müssen wie Julia Bähr in der FAZ mit Blick auf die „Men in Hidschab“: „Das Kopftuch wirkt an ihnen endlich so lächerlich überflüssig, wie es an den Iranerinnen schon immer war.“ (33)

Keinen Platz mehr in diesem Nebeneinander fanden die religiösen Bademoden, die in einer Extra-Vitrine ausgestellt wurden und die eine jeweils religiöse Entsprechung zeigen: ein orthodox jüdisches Schwimmkleid mit passender Badekappe, ein evangelikaler Einteiler aus den USA – beide lassen Arme, Beine, Hals und Gesicht unverdeckt – und schließlich der sharia swimsuit, besser als Burkini bekannt, der nur die Hände, Füße und das Antlitz frei von Stoff zeigt. Dahinter läuft ein Video der diesjährigen Istanbul Modest Fashion Week, bei der das widersprüchliche Bedürfnis, trotz strenger Befolgung von islamischen Kleidungsvorschriften Eleganz zu zeigen, befriedigt wird. Der generelle Unsinn von religiösen Geboten zur Bedeckung des weiblichen Körpers, die jede Verhüllte zu einer überdeutlichen Repräsentantin ihres Geschlechts und ihrer Religion stigmatisiert, kommt in keinem Kunstwerk, in keiner Dokumentation dieser Ausstellung zum Ausdruck. Angedeutet wird das einzig in der Kippa für Frauen, die mehr ein Zeichen für gewollte religiöse Gleichberechtigung ist, und dem Titelbild der Ausstellung, ein Selbstporträt der jüdischen Künstlerin Anna Shteynshleyger mit zwei Perücken, wobei eine ihr das Gesicht verdeckt.

Frauenstimmen für den Hidschab

Den eigentlich gar nicht so schwer zu fassenden Unterschied zwischen den christlichen Ordensschwestern (34), den vereinzelten Communities extrem orthodoxer Juden und den islamischen Staaten verklärt das JMB insgesamt zu bloßen paradigmatischen Zeichen, anstatt darin einen Ausdruck der Wahrheit bzw. Unwahrheit der jeweiligen Religion zu sehen. Die islamischen Staaten haben das Kopftuch ab den 1970ern wieder zur ideologischen Staatsräson und den Frauen die Verhüllung zur Pflicht gemacht. Das gilt für weit mehr als nur jene zwei Staaten (Saudi-Arabien sowie Iran) und eine indonesische Provinz (Aceh), in denen das Kopftuch explizit juristisch verpflichtend ist. Die Bekleidungsvorschriften nicht zu befolgen, wird hier mit der Scharia „strafrechtlich“ drastisch geahndet, von Geldstrafen zu Gefängnis und Auspeitschung. Zudem kann beispielsweise im Iran die Ablehnung der Verschleierungspflicht zu einer Verurteilung wegen Apostasie führen, die, wie im Fall Salman Rushdie geschehen, mit der Drohung der Todesstrafe sanktioniert wird. Darüber hinaus gibt es aber zwölf weitere Staaten, deren Rechtsgrundlage die Scharia bildet, sowie 14 Länder, in denen die Scharia „nur“ im privatrechtlichen Bereich umgesetzt wird, und 26 Staaten mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung ohne offizielle Schariarechtsform, die aber Mitgliedsländer der Organisation für islamische Zusammenarbeit (OIC) sind und die 1990 verabschiedete Kairoer Erklärung der Menschrechte im Islam anerkennen, welche die Scharia zur Grundlage von Gesetz und Rechtsprechung erklärte. Es sei daran erinnert, dass die OIC als Reaktion auf den für die bekennenden Araber unrühmlichen Ausgang des Sechstagekriegs mit dem Ziel der Förderung der islamischen Solidarität unter der besonderen Berücksichtigung der Befreiung der Palästinenser und mit dezidiert antiamerikanischem und antisemitischem Fokus gegründet wurde und den globalen Kampf gegen Islamophobie erst salonfähig gemacht hat. Mittlerweile gehören 56 Mitgliedsstaaten zur OIC, die mit einer Vielzahl von Stimmen innerhalb der UN ihre menschenfeindlichen Forderungen durchaus durchsetzen können, was sich im Ausschluss von LGBT-Verbänden von der UN-Aids-Konferenz 2016 zeigte. Das Problem ist die Scharia selbst. Während im westlichen Recht schlichtweg alles erlaubt ist, was nicht verboten wurde, lässt sich dies auf die Scharia nicht einfach übertragen. Schon die weitere Bedeutung des Wortes Scharia im Sinne von „Pfad“ verweist auf den Befehlscharakter dieser „Rechtsordnung.“ Hier ist alles verboten oder zumindest verdächtig, was nicht explizit erlaubt wurde. Jede Neuerung (Bid´a) ist erst einmal grundverdächtig bis verwerflich und wird in der Regel schlimmer bewertet als eine Sünde, also als der Verstoß gegen bestehende Verbote. Halal und haram sind nur zwei von fünf bzw. sechs Kategorien: „verwerflich“ oder „unvollkommen“ stehen zwischen erlaubt und verboten, zu denen noch „verpflichtend“ und „empfehlenswert“ hinzukommen. Eben daraus resultieren die oftmals sehr vagen Formulierungen in den Rechtskatalogen zahlreicher islamischer Länder, die die willkürliche Abstrafung arg erleichtern. Somit gibt es in der Scharia eine strukturelle rechtliche Absicherung bzw. Legitimation jener, die beispielsweise seit Jahrzehnten einer in Kairo öffentlich vergewaltigten Frau ihr diese Tat selbst zum teils strafbaren Vorwurf machen, vor allem, weil diese Frau kein Kopftuch trug – wobei auch ein Kopftuch hier nie ein sicherer Schutz vor Vergewaltigung war. Über die Einhaltung der islamischen Moral wachen somit vor allem gedeckte inoffizielle Instanzen, deren Mitglieder als öffentliche Sittenwächter auftreten und damit nur auf ihr Wohnviertel ausdehnen, was sie zu Hause längst praktizieren. (35) Sie fordern den Tod von Frauen, die ein Foto von sich ohne Bedeckung auf Twitter posten, zum Beispiel mit den Worten: „Wir wollen Blut, töte sie und wirf ihre Leiche zu den Hunden, die geringste Strafe für sie ist eine Enthauptung.“ (36) Wie sich der Zwang zur Unterwerfung als unsichtbares Geschlechtswesen mit allen Formen der Gewalt auf Mädchen und Frauen in den westlichen Staaten auswirkt, kann man in den Autobiographien von Ayaan Hirsi Ali und anderen nachlesen. Das Kopftuch abzulegen ist Ausdruck des Wunsches nach einem freien und selbstbestimmten Leben und richtet sich, den jeweiligen Frauen und Mädchen kaum bewusst, notwendig gegen Familienehre und Islam. Genau deswegen wurde 2005 die damals 23-jährige Hatun Sürücü auf offener Straße in Berlin-Tempelhof von ihrem jüngeren Bruder mit drei Kopfschüssen hingerichtet. Das vom Clan beschlossene Todesurteil gegen Hatun Sürücü, die sich aus einer Zwangsehe, in die sie im Alter von 15 Jahren gepresst wurde, befreien konnte, die ihr Kopftuch ablegte und seither auch bei der Auswahl ihrer Liebhaber frei lebte, hat ihrem Mörder in sozialer Hinsicht nicht geschadet: Eine Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe beschreibt ihn als Märtyrer und Helden, dessen Tat in Kreuzberg und in den Jugendgefängnissen „viel Verständnis“ entgegengebracht wird. Die Beteiligung der ganzen Familie verdeutlichte sich im Besuch des Vaters im Gefängnis, der seinem Jüngsten eine goldene Uhr schenkte, die dieser während des Prozesses als Ehrenabzeichen trug.

Sätze wie „Die hat doch selber Schuld“ und „Die Hure lief rum wie eine Deutsche“, wie sie nach der Tat in Berliner Schulen umgingen, verweisen darauf, dass alle als Deutsche und damit synonym als Hure bezeichnet werden, die es wagen, ihr Kopftuch abzulegen. „Das Kopftuch ist […] nicht nur abstraktes Symbol des islamischen Patriarchats in all seinen Ausprägungen und des Djihades, der pathologisch auf die Krise des ersteren reagiert, sondern auch in seiner stofflichen Materialität ein konkretes Herrschaftsinstrument des Phallozentrismus, das sich physisch in die Leiber von Frauen und Mädchen einschreibt.“ (37) Davon unbeeindruckt verkündet das JMB: „Ein selbstbestimmtes Tragen des Kopftuchs sollte nicht als Symbol für Zwang gesehen werden.“ (38) Die durchs Kopftuch manifestierte ewige Zugehörigkeit zum islamischen Kollektiv, dieser Verlust jeder persönlichen Besonderheit hallt in den stereotypen Rufen der stolzen Kopftuchträgerinnen wieder, sie mögen doch bitte als Individuum und nicht nur als Muslima wahrgenommen werden. Diesem Ruf des diskriminierten Islam schließt sich die Ausstellung ohne Abstriche an: „Wie beschreiben diejenigen, die im Eifer der Debatte gern überhört werden, selbst ihre Situation? Ob regelkonformer Islam oder Kulturmusliminnen, Religion als Privatsache oder Kopftuch als Zeichen kultureller Selbstbestimmung – Frauenstimmen aller Richtungen kommen in der Schau zu Wort.“ (39) Nicht Frauenstimmen aller Richtungen bekommen vom JMB eine Plattform, sondern hauptsächlich die einer Richtung, der des politischen Islam und ihn schön redenden linken Stimmen. Besonders deutlich wird das in einer wandhohen Kollage von Zeitungsbeiträgen, -titeln und -comics zur Burkinidebatte, die folgendermaßen eingeleitet wird: “In dem sogenannten Burkini-Verbot spiegelten sich Angst, Hilflosigkeit und politischer Aktionismus wider, die durch die jüngste Anschlagserie in Frankreich ausgelöst wurden.“ (40) Und weiter heißt es „Unter dem Deckmantel der Verteidigung von Frauenrechten wird über das Erscheinungsbild nationaler Identitäten verhandelt. Die Frauen selbst bleiben meist ungehört.“ (41) Um das zu untermauern, dürfen die Gender-Dschihadistinnen, die für eine feministische Auslegung des Korans antreten, und islamische Feministinnen nicht fehlen, die sich seit den 1990er Jahren zunehmender medialer Präsenz und Beliebtheit an westlichen Universitäten erfreuen.

Lady Bitch Ray entdeckt feministischen Muslim-Punk

Ein Auszug aus einer Dissertationsstudie zur Bedeutung des muslimischen Kopftuchs von Reyhan Şahin, abgedruckt im aktuellen JMB Journal (42), vermerkt über die junge Generation der stolzen Muslimas: „Ein überraschendes Ergebnis der Studie ergab, dass die expressiv-modisch gekleideten Frauen ihren Glauben konsequenter praktizieren als die gängig oder gar nicht modisch gekleideten Kopftuchträgerinnen. […] Die Bekleidungsweise von äußerst expressiv gekleideten Kopftuchträgerinnen kann als ein Ausdruck des Widerstands und Rebellion gedeutet werden, sich bewusst nicht an die islamischen Kleidungsnormen zu halten, die innerhalb streng religiöser Communities sozial ‚kontrolliert‘ werden. Die Haltung dieser Frauen ist vergleichbar mit der Revolte von Punks, sich nicht an Mainstream-Kulturen anzupassen. Ebenso kann das Kopftuch in einem anti-muslimischen Umfeld als Ausdruck des Muts der Trägerin als auch ihres Widerstands verstanden werden, sich trotz Anfeindungen für das Kopftuch zu entscheiden. […] Was früher überwiegend als Zeichen der nicht-akademisierten, türkisch-muslimischen Hausfrau wahrgenommen wurde, kann heutzutage, je nach Trägerin, auch Zeichen einer gut ausgebildeten, selbstbestimmt lebenden, berufstätigen Akademikerin sein.“ Soll heißen: Die Gründe für das Tragen eines islamischen Kopftuchs sind so zahlreich wie ihre Trägerinnen. Die gleiche Reyhan Şahin, die besser als Rapperin Lady Bitch Ray bekannt ist, nimmt im gleichen Text scheinbar bruchlos eine richtige, aber ihren eigenen Aussagen diametral entgegengesetzte Einordnung der Verschleierung vor: „Das muslimische Kopftuch ist […] im Grunde genommen ein Zeichen für die Zugehörigkeit der Trägerinnen zum orthodoxen, sunnitischen oder schiitischen Islam. Die befragten Trägerinnen verstehen das Kopftuch neben dem fünfmaligen täglichen Beten als religiöse Grundpflicht im Islam, viele heben dabei ihre ‚Liebe zu Gott (Allah)‘ hervor und einige nennen in diesem Kontext das ‚islamische Gebot‘, als ‚muslimische Frau‘ ihre ‚Reize zu bedecken‘. […] Die meisten Frauen betrachten das Kopftuch als wichtigen Teil ihrer Identität, sie würden sich ohne es ‚nicht vollständig‘ oder gar ‚nackt‘ fühlen.“ Das Kopftuch ist das Gegenteil eines Bekenntnisses zur Individualität, mit ihm wird vielmehr die Zugehörigkeit zum islamischen Kollektiv nach außen getragen, was oft mit einem Gefühl von Macht und der Bezwingung der eigenen Lustansprüche durch ein externalisiertes Über-Ich einhergeht. Die Ganzkörperverschleierung „hatte einen besonderen Reiz vermittelt, ein sinnliches Gefühl“, schrieb Hirsi Ali rückblickend. „Ich kam mir dadurch stark vor: Unter dieser Hülle lag eine bislang ungeahnte, doch potentiell tödliche Weiblichkeit. […] Seltsamerweise gab mir der Umhang das Gefühl, ein Individuum zu sein. Er vermittelte eine Botschaft der Überlegenheit: Ich war die einzig wahre Muslima.“ (43) Das Kopftuch wird zur Identität, indem es Individualität ersetzt. Es abzulegen fühlt sich wie ein Identitätsverlust an, indessen das eigene Ich ohne Kopfpanzer nackt scheint. „Mädchen werden zur Sanftmut erzogen. Ein muslimisches Mädchen verschwindet, bis fast nichts mehr von ihrer Persönlichkeit übrig ist. Im Islam entwickelt man sich nicht zwangsläufig zum Individuum; viele Menschen, vor allem Frauen, entwickeln nie einen klaren individuellen Willen. Man unterwirft sich, das ist die wortwörtliche Bedeutung des Begriffs Islam.“ (44)

Anstatt auf Ausschnitte aus dem Comic Persepolis zurückzugreifen, dessen erste Seite schon die kindliche Trauer unter dem Kopftuch zum Ausdruck bringt, durfte eine Künstlerin, Soufeina Hamed (Tuffix), die mit der Anfertigung eines Cartoons beauftragt wurde, das islamische „Anders Sein“ (45) hypostasieren und umdeuten, wie sie es schon mit der Lebens- und Glücksfeindlichkeit des Islams angesichts des Ramadans vermochte. (46) Im Jahr 2014 hatte sie sich als hamassolidarische Gaza-Freundin geoutet (47) – anscheinend ist dies ein Curriculum, das zu einem Auftrag des JMB führt.

Das Vice Magazin hat in Neukölln auf einer von der Gruppe „Salaam Shalom organisierten und von der Berliner Milli Görüş-Fraktion (Islamische Föderation Berlin) mitunterstützten Demo, die 2015 unter dem Motto myheadmychoice stattfand“ und sich gegen die „institutionelle Diskriminierung“ von Kopftuchträgerinnen richtete, mit den dort anwesenden Aktivistinnen gesprochen, um deren „persönliche“ Gründe für die Verschleierung zu erfahren: „Mein Kopftuch ist meine Identität, ich bin auch damit aufgewachsen und könnte mir ein Leben ohne überhaupt nicht vorstellen.“ „Wenn ich es abgenommen hätte, wäre es mir so vorgekommen, als würde ich meine Identität oder meine Familie verraten. Das Kopftuch ist ein Teil von mir.“ „Ich war mir bewusst, dass es für eine praktizierende Muslima dazugehört.“ (48) Gegen solche „Argumente“ wandte sich damals der Generalsekretär des Zen­tralrats der Juden, Stephan Kramer, im Rahmen der Beschneidungsdebatte, obwohl er selbst zu den Befürwortern der Beschneidung gehörte. Im Interview mit der Zeit sprach er sich nicht nur gegen die Behauptung aus, dass die Beschneidung angeblich keine Körperverletzung sei und nicht schmerzen würde, sondern fügte auch noch hinzu: „Ich habe mehrere Rabbiner gefragt: Wir haben so vieles abgeschafft, was in der Thora steht, warum nicht auch das? Die meisten Argumente überzeugen mich nicht wirklich: Es sei identitätsstiftend, und man hat es seit 5.000 Jahren so gemacht. Das allein kann noch keine Begründung sein, die mich zufriedenstellt.“ (49) Eben diese Einengung der eigenen Argumente aus Vernunftgründen sollte doch als nicht zu unterschreitende Mindestforderung gelten.

Schon 2005 bemerkte auch Necla Kelek, dass als „bewusste Demonstration das Kopftuch heute nicht in erster Linie von der stummen Mehrheit getragen (wird), die durch familiären Druck ins Haus und in die Tradition gepresst wird, sondern es sind oft gebildete Frauen, die ihr Kopftuch als Symbol der Emanzipation begreifen. Psychologisch ist das ein interessanter Vorgang. Da es den muslimischen Frauen nur zum Preis des Bruchs mit der Familie möglich wäre, sich gegen die Konvention zu stellen, reagieren sie nicht mit Rebellion“, sondern „mit Überanpassung und werden zu Vorkämpferinnen des Islam. Sie erkaufen sich ein Stück Freiheit von der Familie, indem sie sich in Glaubensfragen als mustergültige Koranschülerinnen gebärden. Dafür werden sie von der Umma gelobt. Und sie fordern diese Anerkennung auch von der deutschen Gesellschaft. Sie grenzen sich ab, um als ‚anders‘ anerkannt zu werden. Vielleicht spüren sie, dass die deutsche Gesellschaft gerade denen fürsorglichen Schutz gewährt, die sich als besonders anders geben, weil die Deutschen dieses immer wieder als Bewährungsprobe für ihre eigene ‚Toleranz‘ missverstehen.“ (50)

Lotterie der Schamlosigkeit

Ein auf der Ausstellung gezeigter Comic mit dem Titel Lotterie der Schamlosigkeit zeigt einen geteilten Frauenkörper: auf der einen Hälfte eine Frau in Minirock und mit entblößter Brust, auf der anderen einen verhüllten Frauenkörper, wobei die einzelnen Körper- oder Kleidungspartien der einen Seite mit wirklich frauenfeindlichen Kommentaren (Minirock als Aufruf zur Vergewaltigung, Ekel vor Körperbehaarung, zu viel Schminke = Hure) versehen ist, während die Kommentare auf der andere Hälfte von den Besuchern als islamfeindliche Urteile verstanden werden sollen. (51) Alle Vorurteile sind formuliert aus der Sicht westlicher Männer und sollen den Eindruck entstehen lassen: Wir alle werden genauso vorurteilsvoll abgestempelt, ob als Oben-Ohne-Baderin oder als Burkini-Trägerin. Diese beliebige Austauschbarkeit, die kapitalistische Verwertungserwartungen und Schönheitsideale an Frauen nicht zu unterscheiden weiß von den grauenvollen Maßnahmen wie Säureangriffen, Ehrenmorde und Zwangsehen – Untaten und Drohungen mit Untaten, mit denen die Trägerinnen islamischer Kluften systematisch gebrochen werden – verdeutlicht die Akzeptanz dieser Gewalt im Agitprop-Werk wie auch in der Realität. In einem weiteren Wandtext wird man belehrt: „Mit ihrer Entscheidung für das Kopftuch sind muslimische Frauen in Europa oft Vorurteilen ausgesetzt: sie würden unterdrückt, seien ungebildet oder fremd. In Europa wird der Islam in den letzten Jahren zunehmend als Bedrohung wahrgenommen und das Kopftuch wurde zum Symbol einer diffusen Angst. Musliminnen sind nicht mehr nur Ausgrenzung, sondern auch offenen Anfeindungen ausgesetzt. Gleichzeitig fordern sie ihr Recht ein, auch mit Kopftuch vollwertige Mitglieder der Gesellschaft zu sein. Die muslimische Kopfbedeckung konfrontiert den Westen mit der Rückkehr der Religion in den öffentlichen Raum. Bemühungen, muslimische Kleidung aus der Öffentlichkeit zu verbannen, stehen jedoch im Konflikt mit den Grundrechten aller Menschen.“ (52) Damit macht das JMB, diesmal frei von jeder Ironie, deutlich, dass nicht das Leid der islamischen Frauen, die in den islamischen Staaten oder Gemeinschaften zur Verhüllung und einem Dasein nach den Regeln der Scharia gezwungen sind, oder die Tatsache, dass viele (ex-)muslimische Frauen auch in Europa ein westliches säkulares Leben oft mit dem Leben bezahlen müssen, verhandelt werden darf, nein, es muss um die Thematisierung der Vorurteile der westlichen Menschen als Quelle für islamisches Leiden gehen. Generell lässt sich keine Unterscheidung zwischen Zwang und Freiheit in der Ausstellung finden. Eine Einreihung in die gesamtdeutsche Position gelingt schließlich allzu leicht: Ein Schulterschlag mit barbarischen Ehrencodices, ausgedrückt als Religion, wird verlogen als Menschenrecht anerkannt. Was laut JMB die Religionen miteinander vereint, ist die Art der Betrachtung von religiösen Frauen, nämlich durch den vorurteilsvollen männlichen heterosexuellen Blick. Versinnbildlicht wird dieser in überlebensgroßen Projektionen von vergleichsweise ausdruckslosen, höchstens freundlich-interessierten, aber wahrlich nicht lüsternen Männeraugenpaaren, die auf die schon besprochenen aufgereihten Schleierarten blicken. Diese Plattitüde, die auf eine bekannte Erfahrung wohl jeder Frau, ob religiös oder nicht, anspielt, nämlich angesehen zu werden und sich dadurch ab und an auch belästigt zu fühlen, soll vorab versöhnen und lässt dabei das Thema der Ausstellung – die religiösen weiblichen Kopfbedeckungen auf der Grundlage weiblicher Sittsamkeit – zugunsten der geforderten Einheit aller Unterdrückten fallen. Irritierend wirkt ein einzelnes Frauenauge in der Montage, laut einer JMB-Pädagogin hilflos als „ein Scherz der Künstler“ bezeichnet. Gerade an diesem einem Auge soll sich der Protest entzünden, wenn die Besucherinnen zu den vielen Augen werden und Solidarität mit dem vereinzelten Frauenauge zeigen – dadurch können die Museumsbesucherinnen zu Aktivistinnen werden und „den Kampf um öffentliche Anerkennung“ (53) gemeinsam wagen, denn nur solidarisch gewinnt man den Krieg der Blicke.

Der neueste, parallel zur Ausstellung erfolgte Streich des Museums ist das im Mai gestartete Projekt mit dem Titel „Nicht ohne meinen Glauben“. Kooperationspartner ist der Inssan e.V., der vor einigen Jahren versuchte, mit Geldern von Ibrahim El-Zayat, der nach einem gerichtlichen Urteil nun auch legal Muslimbruder genannt werden darf, eine Moschee mit riesigem kulturellen und kulinarischen Missionsgelände zu errichten. Aufgrund des Geldgebers wurde die Baubewilligung glücklicherweise versagt. Dem gemeinsamen Projekt mit dem JMB gehe „es sowohl um die Sensibilisierung der Mehrheitsgesellschaft als auch um das Empowerment der muslimischen Communities.“ (54) Das Motto der Auftaktveranstaltung lautete: „Gemeinsam gegen antimuslimischen Rassismus.“ Und zu diesem Zweck geht das JMB ein Bündnis mit einem Verein ein, der wissentlich bereit war, sich von jemandem finanzieren zu lassen, der bis vor kurzem auf www.islam-online.net noch als Verbindungsmann der Muslimbrüder in Deutschland gelistet war. „Das Museum möchte etwas bewirken, möchte die Besucher in einer Weise erreichen, die ihr Denken und vielleicht sogar ihr Handeln beeinflusst.“ (55) Nicht erst in Anbetracht dieser neuesten Entgleisung in Form einer Ausstellung wäre zu hoffen, dass sie dies nicht tun. Aber das wäre nicht nur naiv, sondern schon fast dumm, denn mit jährlichen Besucherzahlen um die 700.000, also 2.000 täglich, ist das Jüdische Museum Berlin ein Major Player in der hauptstädtischen Ideologieproduktion. (56)

Paulette Gensler/ Katharina Klingan (Bahamas/2017)