Schluss mit Feierabend

Warum die Linke die Zumutungen des postmodernen Kapitalismus bejubelt

Akademisch gebildete deutsche Linke und Liberale haben es immer schwerer: Das zähe Engagement, das sie im Kampf gegen „Nazi-Schlampen“ (Christian Ehring), „absolute Arschlöcher“ (Sibylle Berg) und „Rattenfänger“ (Sigmar Gabriel) zeigen, verfehlt mehr und mehr die gewünschte Wirkung, ja stößt immer öfter auf Ablehnung. Die Glaubwürdigkeit der Prediger der offenen Gesellschaft krankt daran, dass sie einer Freiheit das Wort reden, die in Wirklichkeit den Konkurrenzkampf für alle verschärft und die gesellschaftlichen Minimalstandards auflöst. Je deutlicher das Missverhältnis zwischen dem feierlichen Musterdemokraten-Jargon und der bedrohlicher werdenden politischen Realität hervortritt, desto lächerlicher und angreifbarer wird der notorische „Lehrer-Lämpel-Selbstdarstellungsdrang“ (Maxim Biller) des antipopulistischen Mittelstands.

Lange hat es funktioniert, politische Desaster als alternativlosen Sachzwang durchzupeitschen und jede Kritik daran als Majestätsbeleidigung abzukanzeln. Diese Art Schicksalspolitik, die sich als pragmatische Vernunft deklariert, ist eine so zählebige wie erfolgreiche Strategie, weil die Regierten sich von den Regierenden gerne in der fatalistischen Meinung bestätigen lassen, dass sich am Lauf der Dinge sowieso nichts ändern lässt. Doch mittlerweile werden die offiziellen Durchhalteparolen nicht nur als Drohung weiteren ökonomischen Drucks wahrgenommen, sondern auch als dreiste Verharmlosung der globalen Gewaltexzesse, die im Namen des Koran veranstaltet werden. Schlagzeilen wie die in der FAZ (9.5.2017): „Deutsche müssen sich auf neue Anschläge einstellen“ konterkarieren allzu deutlich den Tenor von Medien und Politik, die zur Angstfreiheit anhalten und das Erstarken der Religion, aus deren Mitte die Mörder kommen, als kulturelle Bereicherung für jedermann zurechtlügen.

Die Gefühle der Unterschicht

Dass die Linke gegenüber der Unterschicht längst den Regierungsstandpunkt eingenommen hat, von dem aus jeder Einwand gegen den postmodernen Kapitalismus als populistisch und damit tendenziell faschistisch denunziert wird, ist auch eine der Kernthesen in Didier Eribons Bestseller Rückkehr nach Reims. Erfreulich am Verkaufserfolg des Buchs ist zweifelsohne, dass die, die es lesen, mit der schlichten Wahrheit konfrontiert werden, dass es bei Wahlen auch um ökonomische Lebensumstände und soziale Fragen geht.

Durch die sanfte Kritik des linken Dünkels gegenüber jenen, die in längst vergangenen Zeiten als Arbeiterklasse hofiert wurden, fühlen sich einige, die das Buch feiern, offenbar bemüßigt, nun ein bisschen auf Selbstkritik zu machen – doch diese Haltung hat wohl andere Gründe. Eribon schildert das Aufwachsen im kommunistisch geprägten Arbeitermilieu der nordfranzösischen Kleinstadt Reims, von dem er sich auf seinem Bildungsweg ins Pariser Intellektuellenmilieu sukzessive abgrenzt. Die Auseinandersetzungen und Anfeindungen, die er als heranwachsender Schwuler und Intellektueller im rauen Malocherumfeld erlebt, werden in einem Wechsel aus Introspektion, Anekdote und soziologischem Exkurs rekonstruiert. Es wird also nicht langweilig und zudem sind die Anekdoten aus der provinziellen Unterschicht für den akademischen Leser so spannend wie der Erzeuger- und Bauernmarkt mit echten Kühen fürs Stadtkind.

Was die Rückkehr nach Reims aber erst zur Erweckungsliteratur, das heißt zur „neuen Lesart des Linksseins“ (Spiegel) adelt, ist der konstruktive und onkelhafte Ton der Kritik. Anstatt den selbstherrlichen Konformismus der Linken mit zersetzender Polemik zu überziehen, regt Eribon im Duktus des Gutmeinenden, der es nach abgeleisteter Selbsteinkehr nun besser machen will, sensiblere Diskursstrategien an. Es sind Sätze wie diese, die der traditionslinken Leserschaft Freudentränen der Rührseligkeit in die Augen treiben: „Von wem dürfen sich die Ausgebeuteten und Schutzlosen heute vertreten und verstanden fühlen? An wen wenden und auf wen stützen sie sich, um politisch und kulturell zu existieren, um Stolz und Selbstachtung zu empfinden, weil sie sich legitim, da von einer Machtinstanz legitimiert, fühlen?“ (1)

Das ist zunächst einmal fürchterlicher Kitsch; doch diese Mischung aus esoterischem Existentialistenslang und paternalistischer Unterschichtsbetütelung benennt die nötigen Voraussetzungen einer zeitgemäßen Herrschaftstechnik links angehauchter Parteien. (2) Dass es Leute gibt, denen es aus unterschiedlichen Gründen nicht darum geht, lediglich eine Runde Verständnis abzukriegen, verfliegt in dieser Überbetonung des Anlehnungsbedürfnisses. Wo jedes Unbehagen zum Verständigungsproblem pädagogisiert wird, wo es keine Perspektiven als die der befriedigten Anerkennungswünsche mehr gibt und wo Politik nichts als Diskurs ist, da schafft man sich die Frage nach den realen Gründen des Unbehagens vom Hals. Solche Gefühlspädagogik verunmöglicht nicht nur die Kritik der herrschenden Verhältnisse, sie verhindert auch die Kritik wutbürgerlicher Asozialität, weil die Vorstellung, dass es auch Menschen gibt, deren lauernde Des­truktivität nicht mit ein bisschen Schulterklopfen aus der Welt zu schaffen ist, bei der Spekulation über die bestmögliche soziale Balance keinen Platz hat.

Eribon schreibt für Leute, deren scheinbare Sympathie für die Unterprivilegierten ein Vorwand ist, sich die Einsicht in den objektiven Grund der subjektiven Verkümmerung zu ersparen. Dahinter steht die Vorstellung, dass man die Unterklasse aufs moralische Niveau der Mittelschicht heben müsse. Deren Angehörige stehen dort mit gutem Zuspruch und Überlebenshilfen aus dem Werkzeugkasten der Motivationspsychologie bereit. Ihre Kümmerer-Prämie dabei ist das erhabene Gefühl, dass es die anderen sind, die Probleme haben, was wiederum gegen die Erfahrung der Trostlosigkeit des eigenen Daseins abdichtet.

Eribons Wohlfühlprogramm geht noch weiter. Das Abwandern ehemals sozialistischer und kommunistischer Wähler zum Front National bezeichnet er als „politische Notwehr der unteren Schichten“. Diese Notwehr richte sich gegen den Identitätsverlust, der durch die Vernachlässigung seitens ihrer politischen Führer zustande gekommen sei. Grund zu politischer Notwehr besteht in Frankreich aber in erster Linie gegenüber dem Islam, von dem auf 250 Seiten dann auch genau einmal die Rede ist. In einem Kapitel des Buches erfährt der Leser, dass die Eltern des Autors von Reims in die ein paar Kilometer entfernte Gemeinde Muizon umzogen, weil sie den permanenten Krach, den Vandalismus und die Einschüchterungen durch kriminelle Jugendbanden in der direkten Nachbarschaft satthatten. Über die Umzugsgründe seiner Mutter heißt es unter anderem: „Sie ertrug den andauernden Lärm nicht mehr, nicht den Geruch, der aus anderen Küchen strömte, und auch nicht die Schreie des Lamms, das im Bad der Nachbarwohnung geschächtet wurde, als das islamische Opferfest vor der Tür stand. Entsprachen ihre Beschreibungen der Wirklichkeit? Oder entsprachen sie ihrer Fantasie? Wahrscheinlich beides.“ (3)

Da an keiner Stelle des Buchs der Hinweis auftaucht, dass die Mutter am Münchhausen-Syndrom oder verwandten Störungen leidet, scheint Eribons Verdacht auf die mütterliche Spinnerei damit zusammenzuhängen, dass er sich nicht vorstellen kann, dass es gute und eben nicht nur rassistische Gründe gibt, sich in Vierteln unwohl zu fühlen, in denen das Feiern islamischer Opferfeste auf dem Alltagsprogramm steht. Spätestens hier wird klar, dass er einem Milieu verpflichtet ist, dessen Sprecher sich genüsslich über die Hässlichkeiten der Autochthonen auslassen (ob nun in verständnisvollem oder geiferndem Ton), die aber unheimlich still werden, wenn es um die Verrohungen geht, die in Kulturen vorherrschen, die als fremde stets geschätzt werden müssen.

Abschied vom Proletariat

Das Gerede von Stolz, Selbstachtung und kollektiver Identität ist nur eine weitere Etappe in einem politischen Verfallsprozess, in dem sich die Linke seit ihrer Verabschiedung von der Kritik der politischen Ökonomie befindet. Der Ursprung liegt einige Jahrzehnte zurück und beginnt irgendwo dort, wo man sich auf die Suche nach neuen politischen Subjekten und erfüllenden Initiativen machte. In den späten 1970ern wurde die proletarische Revolution durch die Selbstverwirklichung ersetzt, die eine postmaterialistische Linke in der Ökoszene, besetzten Häusern oder der Antiatomkraftbewegung zu finden glaubte.

Nun ging es nicht mehr um Ausbeutung und Klassenkampf, sondern darum, wie man gut miteinander klarkommt und wo­raus man ein spannendes Projekt machen kann, in dem alle das Gefühl haben, sich selbst „einbringen“ zu können. Die grundlegende Neuausrichtung an sektenartigen Ein-Punkt-Bewegungen impliziert mithin den Verlust der Bezugnahme auf die gesamtgesellschaftliche Perspektive, die beim Proletariat immerhin gesetzt war.

Der expandierende Identitäts- und Subjektivitätsfimmel vormaliger Revolutionsromantiker verlief parallel zur Subjektivierung der Produktion in den 1970er Jahren. Der Fordismus geriet aufgrund des strukturellen Rückgangs der Kapitalrentabilität in den kapitalistischen Zentren in eine Krise; den hohen Wachstumsraten aus der Expansionsphase der sogenannten zweiten industriellen Revolution waren Mitte des Jahrzehnts bereits Geschichte. Die reale Steigerung des Bruttosozialprodukts der Bundesrepublik, die 1965 noch 5,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr betrug, war 1975 ins Negative gerutscht und lag bei ­–1,3 Prozent. (4) Geblieben aber waren aus der Expansionsphase nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst die relativ hohen Löhne insbesondere in den Kernindustrien und ein hoher Beschäftigungsgrad, der mit gewerkschaftlicher Macht einherging. Aus dieser Klemme führte die Liberalisierung der internationalen Märkte und die tendenzielle Abkehr von der Binnenmarktorientierung innerhalb der Nationalökonomien, wodurch die Kapitalseite unabhängiger von der nationalen Arbeiterklasse wurde, was sich in der Folge in der Erosion tariflich strukturierter Lohn- und Arbeitsverhältnisse niederschlug. Befeuert wurde dieser Prozess durch die Zunahme der Bedeutung des Exportsektors, was dazu führte, dass die Verwertung des Kapitals von der Entwicklung der Masseneinkommen im nationalen Rahmen unabhängiger wurde, während die Höhe der Löhne als Kostenfaktor im internationalen Wettbewerb wichtiger wurden. Die Dezentralisierung und Verlagerung der informationstechnisch und rationalisierungsstrategisch aufgerüsteten Produktion trieb ganze Regionen in die Deindustrialisierung.

Diese Umstrukturierung der kapitalistischen Produktion ist gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Flexibilität der Arbeitsorganisation, permanente Qualitätsprüfung und den Übergang von der betrieblichen Fremdbestimmung zur individuellen Selbstvermarktung des Arbeitskraftbehälters. Fortan gilt die fordistische Produktionsweise als starr, hochlohnverwöhnt und etatistisch und das so geprägte Bewusstsein als träge und rückwärtsgewandt. Und die Linke stößt, was fällt, nämlich das Proletariat. Gleichzeitig liefert man dem modernisierten Management die passenden Stichworte, wie die vom eigenverantwortlichen Selbstverwirklichen, die man sich bei den Sozialexperimenten in diversen Gefühls- und Selbsterprobungsgemeinschaften in jahrelanger Übung angeeignet hatte.

Für Marx gab es zur Aufhebung des Widerspruchs zwischen der Entwicklung des Reichtums einerseits und dem Elend derer, die ihn produzieren, andererseits, nur eine Lösung: die revolutionäre Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums durch die Produzenten. Darüber ist man heute siegesgewiss hinweg. Das Herunterschrauben der eigenen Ansprüche wird seither durch einen pseudosouveränen Gestus verdeckt, der den Stolz darauf erkennen lässt, dass man den öden Klassenkampf und mit ihm den Mief von Arbeiterschweiß hinter sich gelassen habe.

Die linke Betriebsamkeit beim Entdecken immer neuer Subkulturen korrespondiert unterdessen mit der Expansion immer neuer, scheinbar klassenloser Gesellschaften in der Soziologie. Die Anzahl der neuen Gesellschaften, die ab den 1980ern von der Dienstleistungsgesellschaft über die Multioptionsgesellschaft, die pluralisierte Gesellschaft, die Verantwortungsgesellschaft, die Wissensgesellschaft oder die Risikogesellschaft entdeckt wurde, spricht dafür, dass zumindest den Gesellschaftsforschern die Arbeit nicht ausgegangen ist. Gemein ist all diesen postmodernen, reflexiv-modernen oder auf irgendeine andere Art gänzlich neuartigen Gesellschaften nicht nur der sterbenslangweilige Soziologenjargon ihrer Erfinder, sondern auch die stets implizite These, dass die Gesellschaftsmitglieder nicht mehr viel mit schnöder Ökonomie zu tun hätte und nur noch mit der Beackerung ihrer hochindividuellen Lebensstile beschäftigt seien. (5) Der Gedanke, dass gerade die besonders individualisiert scheinenden Regungen in erster Linie Anpassungsleistungen im ökonomischen Existenzkampf sind und dass all das hektische Plappern und Herumwursteln in Arbeit und Freizeit nur der würdelose Ausdruck ihrer Ohnmacht angesichts der Übermacht des gesellschaftlichen Ganzen ist, kommt schon allein deswegen nicht auf, weil man damit beschäftigt ist, dauernd Neues zu vermarkten, damit die Projektfinanzierung steht. Aber das hat mit Ökonomie natürlich nichts zu tun.

Keinen Dreckslohn mehr

Komplett verschwunden ist das Proletariat nicht. Zwar ist es nicht mehr mit der Revolution beauftragt, doch geht es nun als konturloses und rechtswählendes Schreckgespenst um. Ein Blick auf die Theoriegeschichte der Erledigung des Proletariats zeigt indessen, dass den guten Gründen für eine Abkehr vom Arbeiterbewegungsfimmel schon immer eine gehörige Portion Verachtung gegenüber den empirischen Arbeitern beigemischt war. Als André Gorz sein vieldiskutiertes Buch Abschied vom Proletariat (1980) schrieb, das mit seiner Kritik der Metaphysik der Produktivkräfte sowie der Kritik der deformierenden Auswirkungen der Fabrikarbeit durchaus richtig lag, setzten nicht unerhebliche Fraktionen der Linken noch auf die historische Mission der Arbeiterklasse. Besonders widerwärtig an den damals kurrenten Appellen an die Arbeiterklasse war, dass man dem als an sich kraftstrotzend vorgestellten Arbeitsvolk vorwarf, sich manipulieren zu lassen und sich blödzukonsumieren statt brav hinter der roten Fahne herzumarschieren. Wenig wollte man davon wissen, dass die „von sozialem Druck Deformierten sich mit der Gewalt, die sie zurichtet“, identifizieren. Überhaupt kein Problem hatte man damit, dass die „Proletarier aller Länder“ – und in allererster Linie die Deutschlands – nicht getan hatten, was ihre unabweisbarste Aufgabe gewesen wäre, nämlich als Klasse sich zu vereinen und dem nationalsozialistischen Grauen das Ende zu bereiten. Wodurch jede weitere, geschichtsvergessene Rede von der historischen Menschheitsaufgabe des Proletariats zum Verrat an den Verfolgten und Vernichteten geriet. (6)

Um eine Kritik am falschen Geschichts­optimismus, nachdem, wie Adorno sagte, die Klassenherrschaft gerade in der Abschaffung der Klassen zu sich selber kam, geht es den Linken, die das Bedürfnis entwickelten, zum Proletariat auf Distanz zu gehen, damals und heute gerade nicht. Die Linke sieht im proletarischen Arbeiter vielmehr ein Auslaufmodell, einen Passivbürger, der das Gegenteil dessen verkörpert, was man als Selbstverwirklichung und Autonomie bejubelt. So verwandelt sich die berechtigte Kritik der Monotonie der Fabrikarbeit in eine Feier der scheinbar autonomen Arbeit. Je stumpfer und hässlicher der Proletarier gezeichnet wird, desto bunter und weltoffener erscheinen die, die seine unterstellte historische Mission beerben wollen.

So hieß es mit Blick auf die kaputtmalochte und abgestumpfte Arbeiterklasse schon bei Gorz: „Am Monatsende ist Zahltag, nichts anderes zählt mehr, nicht Engagement noch Erfindungsgabe noch Entscheidungskraft. […] Das Ressentiment ist die einzige dem Proletarier bei ‚seiner‘ Arbeit verbliebene Freiheit. Sie wollen ihn passiv? Nun gut, er wird passiv sein. […] Der Arbeiter sagt: Ich werde so, wie ihr mich haben wollt, und gerade auf diese Weise entgehe ich euch. Man pfeift auf die Unternehmer; die können zahlen; wir wollen Zaster; für Drecklohn Dreckarbeit: Sprache des proletarischen Ressentiments, Sprache der Ohnmacht.“ (7)

Dass ein Arbeiter auf die Unternehmer pfeift, lediglich sein Geld und nach Feierabend seine Ruhe will, ohne sich im geringsten zu Engagement, Erfindungsgabe, Entscheidungskraft bekennen zu wollen, würden sowohl die Chefs als auch die Kollegen heute als Frechheit betrachten. Für den einzelnen Arbeiter bedeuten solche Anforderungen tatsächlich Klassenkampf, die Ansage nämlich, dass er nicht mehr gebraucht wird, dass seine Maloche, sein Feierabendbier und seine Sprache von gestern sind. Ein Gestern, das er bitteschön auszutauschen habe gegen weniger Dreckslohn, mehr Engagement und elaboriertere Formen der Kommunikation. Die Blindheit für die systematische Gewalt des Kapitalverhältnisses geht einher mit der Übersensibilität in Sachen Gender oder Antirassismus. Die Sprache des proletarischen Ressentiments gilt als niederer Instinkt der gewöhnlichen Leute, der vom akademisch gebildeten Mittelstand mit Lustekel konsumiert wird, solange keiner aufmuckt. Sobald die ressentimentbeladenen Proleten anfangen, auch von der Dreckspolitik zu sprechen, die die herrschende politische Elite zu verantworten habe, dann ist Schicht im Schacht. Das politisch Ruppige, das dem gewünschten Jargon der Demokratie zuwiderläuft, gilt als charakterdefizitärer Unwille zur angemessenen Wertschätzung des herrschenden Systems samt den dazugehörigen Sprachregelungen. Schon Horkheimer machte in seinen frühen Schriften auf die Instrumentalisierung des Ressentiment-Begriffs durch die Herrschenden aufmerksam, die grantig werden, wenn den weniger Erfolgreichen der Spaß vergeht: „Ein feiner Trick: das System zu kritisieren soll denen vorbehalten bleiben, die an ihm interessiert sind. Die anderen, die Gelegenheit haben, es von unten kennenzulernen, werden entwaffnet durch die verächtliche Bemerkung, daß sie verärgert, rachsüchtig, neidisch sind. Sie haben ‚Ressentiment‘.“ (8)

Gorz beließ es nicht beim Abschreiben des Proletariats, er zauberte sogleich ein neues Subjekt aus dem Hut, das es nun anstelle des Proletariats richten soll. Es sind diejenigen, die aus der kapitalistisch organisierten Arbeit rausfallen und darauf zielen, „Autonomieräume zu erobern“. Es ist die „Nicht-Klasse“ der Neoproletarier, ihre Stärke: geballte Subjektivität. Den nicht von der Lohnarbeit Deformierten falle die Aufgabe zu, die neue „Nicht-Gesellschaft“ fernab des „Produktivismus“ zu errichten. Für diesen historischen Auftrag sollen jene besonders geeignet sein, die als „Aushilfe im Sommer bei der Post unterschlüpfen, im Herbst bei der Weinlese, als Verkäufer im Dezember, als angelernter Arbeiter im Frühjahr“. Die hier gepriesene Mobilisierung der Prekären erweist sich heute als vorweggenommener Alptraum einer Nicht-Gesellschaft, in der tendenziell gesellschaftsunfähige, dauerbewegte Einzelkämpfer als Unternehmer ihrer eigenen Arbeitskraft ständig um allzeit knappe Ressourcen konkurrieren.

Dieser Abschied vom Proletariat hat die Linke vollends zerlegt. Man vergleiche nur einmal das theoretische Niveau marxistischer Texte aus den 1970er Jahren, die in diversen Unigruppen zirkulierten, mit dem hochnotpeinlichen Gestammel, das antirassistische Witzfiguren in zeitgenössischen Critical-Whiteness-Seminaren hervorbringen. Das obsessive Interesse an allerlei neuen sozialen Bewegungen und schließlich am Antirassismus war auch ein Versuch, die eigene Krise zu überwinden, die aus der Unfähigkeit resultierte, die nachindustriellen Verhältnisse auf den Begriff zu bringen. Den Voluntarismus hat man mit dem Proletariat natürlich nicht hinter sich gelassen, die Revolutionsromantik heftet sich heute an andere Subjekte. Wie die schlimmstenfalls aussehen, daran erinnerte jüngst die Jüdische Allgemeine (21.4.2017): Bei den Linken gebe es „eine Faszination für den revolutionären und antizionistischen Islam, weil man in den Muslimen den neuen Proletarier zu erkennen meint“, so der Chef des Dachverbands jüdischer Organisationen in Frankreich, Francis Kalifat.

Pauperisierte Linke

Dass linke Schnösel heute die Nase rümpfen, wenn es um Abgehängte oder Proletarier geht, ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass ihre eigene ökonomische Lage objektiv betrachtet wenig Anlass zu protziger Arroganz liefert. Karl Heinz Roth hatte diesen Widerspruch in seinem Beitrag Die Wiederkehr des Proletariats und die Angst der Linken vor nunmehr über 20 Jahren auf einem Konkret-Kongress zu thematisieren versucht.

Heute noch interessant ist daran die Einsicht, dass die Linke die Wiederproletarisierung verdrängt, weil diese sie selbst betrifft. Roth sieht im Wechsel zur postfordistischen Produktionsweise und der umfassenden Deregulierung eine Tendenz zur globalen Verarmung, die auch viele Linke sich in den „unteren Segmenten der deregulierten Arbeitsmärkte wiederfinden“ lässt. (9) Da mittlerweile der größte Teil der Linken als entweder „selbständige Arbeiter“ oder in prekären Arbeitsverhältnissen in jener „neuen Proletarität“ lebten, setzte Roth darauf, die Linke möge in Reflexion der eigenen Lebensverhältnisse das Bündnis auch mit Leuten falschen Bewusstseins suchen. Es ist bekanntlich anders gekommen, die Linke hat sich für das moralisch-ideologische Bündnis mit dem Kapital entschieden.

In einem auf der Seite der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) veröffentlichten Gespräch zur Lage der Arbeiterbewegung zwischen dem Gewerkschafter Peter Birke und dem RLS-Autor Peter Biening macht letzterer deutlich, wie selbstverständlich selbst die gewerkschaftsnahen Linken sich heute als Avantgarde der Pluralisierung begreifen: „Aber ich rede doch nicht von Nützlichkeit – ich rede davon, dass eine auch durch Einwanderung pluralisierte Gesellschaft jenseits des Ökonomischen eine Qualität hat, die auch mitkommuniziert werden muss. Wer will denn zurück in diese muffige Welt der Sechziger, die die AfD in ihrem Programm beschreibt? Oder umgekehrt: Was habe ich mit einem Arbeiter zu tun, der dahin zurück will?“

Dass der Arbeiter, von dem hier die Rede ist, zurück will, könnte daran liegen, dass er den behaupteten Segnungen, welche die Linke in diesem zur Ersatzreligion avancierten Jenseits des Ökonomischen verortet, noch nicht begegnet ist. Es könnte außerdem daran liegen, dass die dem entgrenzten Konkurrenzdruck Ausgelieferten die Globalisierung in erster Linie als alltägliche Zumutung erleben, nämlich immer mehr Kraftanstrengungen im Zeichen der totalen Flexibilität für immer weniger Geld aufbringen zu müssen. Eine Linke, die es derart nötig hat, die wohlfeile Abgrenzung zur Gurkentruppe AfD mit dem indirekten Hinweis darauf zu verbinden, wie wenig muffig doch unsere schöne Welt von heute ist, und deren komplett ins Leere laufender Antifaschismus in erster Linie die Funktion hat, die Gewaltverhältnisse zu verschleiern, die das Kapitalverhältnis seinen Anhängseln zumutet, ist freilich so kurios wie nichtsnutzig.

Die globalisierungsaffine Unfähigkeit, sich vorzustellen, dass nicht alle, die hart malochen müssen oder die, für die es keine Arbeit gibt, in den gleichen Gute-Laune-Ton verfallen wie die Fans von rotgrünen Demokratiefesten, hängt auch damit zusammen, dass man sich abgewöhnt hat, sich einen Begriff von Lohnarbeit zu machen. Die flexible und scheinbar selbstständige Arbeit, die das Los von immer mehr Menschen ist, lässt die ehemals getrennten Bereiche von Arbeit und Freizeit immer mehr ineinander verschwimmen. Nach der Arbeit pfeift man eben nicht auf den Betrieb, sondern klappt den Laptop auf, netzwerkt und geht dem Umfeld mit dem Gejammer über irgendwelche Projekte auf die Nerven. Zentrales Charakteristikum dieser Selbstausbeutung im Zeichen der herrschenden Unternehmerideologie ist, sie nicht als solche zu erleben, sondern vor lauter Emanzipation, Selbstentfaltung und Kreativität den Lohncharakter des Arbeitens zu verdrängen. Umso gereizter reagiert man auf die, die daran erinnern, dass Arbeit Zwang und kein Selbstverwirklichungsspaß ist.

„Um mich selbst neu zu erfinden, musste ich mich zuallererst abgrenzen“ schreibt Eribon und konkretisiert seine einstige Abgrenzung von seinem Herkunftsmilieu durch den Überdruss an den Wochenend­ausflügen während seiner Kindheit: „Bald schon kamen mir diese Rituale aber steril und albern vor. Ich wollte lesen, anstatt meine Zeit mit einer Angelrute zu verschwenden und auf einen Schwimmer zu starren. Die gesamte Geselligkeit und Kultur dieses Zeitvertreibs wurden mir verächtlich. Die Musik aus den Transistorradios, die belanglosen Gespräche mit den anderen Anglern, die strikte Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern.“

Eribon beschreibt mit solchen Anekdoten seinen eigenen Werdegang, den er als prototypisch für den „Abschied vom Proletariat“ linker Intellektueller ansieht. Die von ihm mittlerweile als politischer Fehler benannte Verachtung der empirischen Arbeiter ist jedoch seit den 1980er Jahren zu einem immer klarer hervortretenden Merkmal linker Milieus geworden. Der Wille, niemals Belangloses zu tun und die dauernde Angst, vermeintlich Wichtiges zu versäumen, hängen beide ursächlich mit den politisch-ökonomischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte zusammen. In der Ära des Fordismus bildet der Sonntag in der Natur noch einen kompensatorischen Gegensatz zur Lohnarbeit, heute ist der Gegensatz von Arbeit und Freizeit überholt. Die Freizeit ist nicht mehr nur die Verlängerung der Arbeit, die Sphären fallen in eins. Diese In-eins-Setzung korrespondiert mit der Tilgung der entspannten, vertrödelten und ungenutzten Zeit. Nicht umsonst kamen in den 1980ern Aktivsportarten auf: Man hängt am Strand nicht mehr nur ab, spielt Skat oder macht Siesta, sondern schwitzt bei Beach-, Surf- oder Tauchsport; man geht nicht mehr im Wald spazieren, sondern walkt wie bekloppt gegen die Uhr durch die Gegend oder ersetzt das klassische Skifahren durch immer artistischer werdende Wintersportvarianten. Die Natur wird zur bloßen Kulisse, erlebt werden will, wie sehr der eigene Körper doch leistungsfähig ist. Und wer so tickt, dass jeder belanglose Zeitvertreib verächtlich wird, weil alle Zeit im Dienst des Besserwerdens steht, der missgönnt dem Arbeiter die Stammkneipe oder das träge Kleinbürgerhobby. Wer indes die Belanglosigkeiten kennt, die frisch vom Adornoseminar kommende und vom scheinbaren Lernerfolg ganz verzückte Leseratten mit roten Ohren verzapfen, wird dazu geneigt sein, die dösige Beschaulichkeit des Angelwochenendes in ganz anderem Licht zu sehen.

Die antideutsche Lösung des Arbeitsproblems geht indes in etwa so: „Die Arbeit nieder – Luxus für alle“. Das klingt zwar freundlich, ist aber auch nicht viel mehr als eine lahme Abgrenzung vom Arbeiterbewegungsmarxismus und staatsnahen Gewerkschaften. Was daran stört, ist nicht mal so sehr der Pseudohedonismus von jungen oder junggebliebenen Menschen, die allein deswegen nicht als Experten für Luxus in Betracht kommen, weil sie die Kombination aus Kirmestechno und Flachparolen von Bands wie Egotronic ertragen und eine durchgehampelte Nacht unter Amphetamineinfluss, die anstrengender ist als eine Doppelschicht bei Ford, als besondere Form der Genussfähigkeit missinterpretieren. Der recht flapsige Umgang mit der Arbeit verweist darauf, dass man entweder keinen oder wenn, dann einen sehr infantilen Begriff von Gesellschaft hat, von der man versorgt werden will. Vergessen wird, dass in der die Natur zu menschlichen Zwecken umgestaltenden Arbeit, nicht nur die Bedingung von Luxus steckt, sondern mit ihr erstmals in der Geschichte die Möglichkeit realer Befreiung aufscheint. Das Problem ist nicht die gesellschaftliche Arbeit, sondern ihr vernunftwidriger Einsatz im Dienst der Kapitalakkumulation.

Was tun?

Heute muss man keinem mehr erklären, dass das optimistische Setzen auf die schlummernden Revolutionsgelüste der Arbeiterklasse Wunschdenken ist. Selbst die linken Prediger der sozialen Gerechtigkeit – welche nur die im pfäffischen Ton vorgetragene etatistische Befriedung gesellschaftlicher Antagonismen meint – kuscheln im Zweifelsfall lieber mit dem Zentralverband der Muslime, als sich mit realem sozialem Elend auseinanderzusetzen.

Wie randständig der Kampf der Lohnabhängigen für eine Verbesserung ihrer materiellen Lebensverhältnisse ist, unterstrichen jüngst die Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF), also Leute, die der Sozialromantik sicher nicht verdächtig sind. In ihrem Evaluationsbericht zur Lage der deutschen Wirtschaft steht folgende Empfehlung: „Auch höhere Lohnsteigerungen könnten dem deutschen Wachstum Impulse geben“. Die Kritik der Interessenvertreter des Kapitals an der sehr deutschen Politik der sogenannten „Lohnzurückhaltung“ fiel übrigens in eine Woche, in der die Sozialdemokratische Partei Deutschlands dadurch von sich reden machte, dass ihre prominentesten Vertreter beim Israelbesuch Zoff mit der Regierung des Gastlands anzettelten, um an die miesesten, das heißt: antisemitischen Instinkte der Wählerschaft zu appellieren.

Gegen die herrschende Lohnpolitik und gegen alle nicht entlohnten Übergriffigkeiten im Dienste der verordneten Eigeninitiative gilt es heute selbstverständlich nicht nur, mehr Dreckslohn zu fordern, sondern auch die gute alte entfremdete Drecksarbeit zu verteidigen. Eine Arbeit, die immerhin einen klaren Anfang sowie ein ebensolches Ende hat und die man nur des Lohnes wegen verrichtet. Einzufordern ist ferner, sich nicht dauernd von irgendwelchen Kommunikationsspielchen oder angeblich motivationssteigernden Besinnungsübungen, die schlimmstenfalls rund um die Uhr laufen, belästigen lassen zu müssen.

Schließlich ist es unter den gegebenen Verhältnissen nur die Kombination von ausreichend Geld und dem Streben nach Vergnügen, Liebe, Kunst und Kritik nach Feierabend, die einen zuweilen dazu befähigt, gegen die gemeinschaftlichen Vereinnahmungen resistent zu bleiben und die Zuweisung eines Platzes im Chor der individualistischen Dank- und Schönredner des postmodernen Hamsterrads dankend abzulehnen. Die so verstandene Drecksarbeit ist allemal erträglicher und weniger deformierend als es die ideologischen Formen des Geldverdienens im akademischen, journalistischen oder sonst wie gesinnungsproduzierenden Gewerbe sind, in dem die Zurichtung der grenzenlos Engagierten besonders reibungslos funktioniert. Ein Umfeld, in dem Menschen zuweilen so traurig enden, dass sie beim hoffnungslosen Warten auf den Tod vor lauter gesinnungsdeutscher Empörung – die man heutzutage freilich stets mit Prisen missglückter Selbstironie zu garnieren hat – englische Wähler und türkische Faschisten gleichsetzen, um im Anschluss ans genauso zornige wie sinnfreie Drauflosschwätzen in der globalen Gruppentherapie erlöst zu werden: „Was macht man, wenn man weiß, dass die Hälfte der Leute, mit denen man auf den Tod wartet, absolute Arschlöcher sind. […] Wie können wir uns wieder vertragen mit den Brexit-Wählern, den Reichsbürgern, Identitären, Chemtrailspezialisten, den Orbán-Wählern, den Putin-Buddys, den Erdoğan-Fans. […] Wie können wir uns wieder vertragen, um eventuell gemeinsam aufzuräumen, was Vollidioten aus der Welt gemacht haben, die nicht wir sind, die wir unseren Müll getrennt und das Licht ausgeschaltet haben? Wir sitzen an einem Therapietisch und wissen nicht weiter.“ (Sibylle Berg auf Spiegel online, 6.5.2017) An diesem Therapietisch einer kaputten Menschheit weder hüben noch drüben Platz nehmen zu müssen, zählt zu den gar nicht mal so kleinen Freuden in einer Zeit, die ansonsten wenig Anlass zu utopischen Hoffnungen gibt.

David Schneider (Bahamas 76/2017)