Eine Unterweisung in politischer Theologie

Die öffentliche Erledigung des islamkritischen Schriftstellers Michael Kleeberg

Am 27. Juni 2017 ereignete sich an der Universität Frankfurt etwas in der Geschichte der Frankfurter Poetikvorlesungen einmaliges. Die Germanistik-Professorin Susanne Komfort-Hein, die zugleich die Geschäftsführerin der jährlich stattfindenden Veranstaltung ist, trat vor Beginn der vierten von fünf Vorlesungen ans Rednerpult und verlas eine Erklärung, mit der sie sich von Michael Kleeberg, dem Schriftsteller, den sie selbst zu den Vorlesungen eingeladen hatte, distanzierte. Sie betonte gleich zu Anfang, dass die Poetikdozenten stets „aufgrund ihres literarischen Werkes eingeladen“ würden, Kleeberg hingegen sei in der vorangegangenen dritten Vorlesung mit „Verlautbarungen, die für Irritationen gesorgt haben“, hervorgetreten.

Unbedingte Sensibilität für unsere Sprachregelungen!

Es geht um die letzte Passage der [dritten] Vorlesung, in der die Stimme des Staatsbürgers Michael Kleeberg und die des literarischen Autors Kleeberg nacheinander zu hören waren – sie wurden als Stimmen einer grundsätzlichen Zerrissenheit vorgestellt. Die Rolle des Staatsbürgers bringt sich mit einer politisch äußerst problematischen Rhetorik zur aktuellen Lage Deutschlands als Einwanderungsland und zum Umgang mit unserer deutschen Geschichte in Stellung. So etwa wird das Aufeinandertreffen einer Mehrheits-Identität, die sich auflösen, mit einer Minderheits-Identität, die sich durchsetzen will genannt oder die ausschließliche historische Fokussierung der deutschen Geschichte auf Auschwitz kritisiert.

Kleeberg habe anschließend zwar zugegeben, dass ihn beim Romaneschreiben nicht politische Fragen leiteten, sondern „das Schicksal des einzelnen – als eines Flüchtenden, Migranten, Exilanten“, aber beide Positionen seien in seiner Vorlesung „unvermittelt“ geblieben, weswegen es jetzt „Diskussionsbedarf“ gebe. Apodiktisch erklärte Prof. Komfort-Hein: „Wir geben hier keine neutrale Bühne“, was durchaus als Drohung an künftige Gäste der Universität zu verstehen war. „Der Diskussionsbedarf, der sich aus der Vorlesung ergibt, ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer gegenwärtig weltpolitisch so gefährlichen Zeit sehr ernst zu nehmen, in der“ – nicht etwa Kritiker des Islams, sondern – „eine offene demokratische Gesellschaft und die Anerkennung von Differenz bedroht sind.“ Aus diesem Grund forderte sie „die unbedingte [!] Sensibilität [!!] für unsere [!!!] Sprachregelungen“ sowie die „kritische Analyse demokratiefeindlicher [!] Rhetorik“. (1) Die traditionelle Autorenlesung, die regelmäßig nach der fünften und letzten Poetikvorlesung im Frankfurter Literaturhaus vor einem größeren Publikum stattfindet und für gewöhnlich der Präsentation des bisherigen literarischen Werks des Gastes dient, widmete sie deshalb kurzerhand in eine Diskussionsveranstaltung um, in der sich Kleeberg dem Literaturprofessor Heinz Drügh und der Islamwissenschaftlerin Armina Omerika stellen sollte. In Windeseile verbreiteten sich universitätsintern Gerüchte, dass der aktuelle Poetikdozent ein „Rechter“, ein „AfD-Mann“ oder gar ein „Nazi“ sei.

Michael Kleeberg war von der Universität Frankfurt als Poetikdozent eingeladen worden, um unter dem Titel „Besserem Verständnis“ einen Werkstattbericht über die Entstehung seines demnächst erscheinenden neuen Prosawerks – einer modernen Variation von Goethes West-Östlichem Diwan – zu präsentieren. Es sprach also viel dafür, dass er sich um „Anerkennung von Differenz“ im Orient-Okzident-Verhältnis mühen und die nötige Sensibilität für an der Universität herrschende Sprachregelungen aufbringen würde. Umso merkwürdiger und natürlich verdammungswürdiger war es, dass der bis zu dieser vierten Poetikvorlesung nicht gerade als Enfant Terrible bekannte Schriftsteller plötzlich in demokratiefeindliche Rhetorik verfallen sein soll.

Die Frankfurter Germanistik-Professoren müssen gewusst haben, dass Kleeberg bereits seit mehreren Jahren als kundiger Kommentator der Zustände im Nahen und Mittleren Osten sowie der Islamisierungsprozesse in Europa hervorgetreten ist, 2004 ein Reisetagebuch über seine Erfahrungen im Libanon (2) veröffentlicht und später im Spiegel, in der Welt oder in der Frankfurter Allgemeinen immer wieder über die Gefahren, die vom politischen Islam ausgehen, geschrieben hat. Sie müssen auch gewusst haben, dass Kleeberg seine Position in den letzten Jahren geändert hat. So hatte er im Jahr 2005 die Ursache für die gewaltsamen Aufstände vor allem arabischstämmiger Jugendlicher in den französischen Vorstädten noch ausschließlich in der „faktischen Apartheid“ gesehen, die in Frankreich herrsche und zur Entstehung von „Ghettos“ geführt habe, was wiederum den „Verwahrlosungs- und Tribalisierungsprozess“ der Banlieue-Bewohner beschleunigt habe. (3)

Westöstlicher Diwan des Hasses

Nach den Massakern in der Charlie Hebdo-Redaktion und in einem jüdischen Supermarkt bemerkte er jedoch in einem im Februar 2015 im Spiegel erschienenen Essay mit dem Titel „Westöstlicher Diwan des Hasses“, dass „eine Form von permanentem Beleidigtsein und von Paranoia die Muslime immer dazu treibt, sich als Verfolgte anzusehen und den Sparren der Aggressivität im eigenen Auge nicht wahrzunehmen“. Auch dies zu erkennen, sei nötig, „[u]m zu verstehen, woher muslimische No-Go-Areas in französischen Vorstädten kommen, die Mörder produzieren, warum dem Angebot des israelischen Premierministers Netanjahu, französische Staatsbürger in Israel zu bestatten, Folge geleistet wird, warum das Massaker an Pariser Karikaturisten und Einkäufern in einem koscheren Supermarkt zum ersten Mal die fromme Lüge hinterfragen lässt, der Islam habe nichts mit dem islamistischen Terror zu tun“. Darüber hinaus zählt Kleeberg zu den wenigen deutschsprachigen Kommentatoren, die den islamischen Antisemitismus als virulente Gefahr erkannt haben: „Schlimmer und viel schwieriger zu lösen [als das Problem, das einzelne Dschihadisten darstellen] ist der neue Antisemitismus, der nicht aus dem Islamismus der Extremisten kommt, sondern aus dem Islam selbst. […] Nicht die drei Attentäter [vom Januar 2015] sind die Haupthypothek, sondern die Zehntausende von jungen Männern, die beifällig zu deren Taten genickt haben.“ (4)

Auch hier ist Kleeberg in den letzten Jahren deutlicher geworden und keiner will es gemerkt haben. Hatte er 2006 noch davor gewarnt, dass Israel „all jenen arabischen Kräften in die Hände [spiele], denen die Demokratisierung des Libanon ein Dorn im Auge ist“, und erklärt, dass man im „Kreis des Hasses“, dem Araber und Israelis gleichermaßen angehörten, keine objektive Position einnehmen könne (5), wandelte sich angesichts des weltweiten islamischen Rollbacks seine Äquidistanz im „Nahost-Konflikt“ zu ausgesprochener Parteilichkeit für den Staat der Juden. Seit spätestens 2012 erkennt er in der aggressiven Israelfeindschaft den religiös begründeten Kitt der islamischen Nationen: „Das Hauptgewicht antiisraelischen Hasses ist von den panarabischen Trägern auf die islamistischen übergegangen. […] Ganz gleich wieviele tausend Kilometer das jeweilige Land von Israel entfernt ist, die Komponente des Antizionismus gehört immer dazu.“ Wenn nicht durch Waffengewalt, so könnte das zu befürchtende Ende Israels auch über den Umweg der demografischen Kriegsführung herbeigeführt werden: „[G]enau darauf spekulieren diejenigen der feindseligen Araber, die langfristig und strategisch denken: auf die Macht der Demografie. Gelänge der Frieden und öffnete sich Israel, so wären – das ist ihr Kalkül – die Juden binnen weniger Generationen eine Minderheit in ihrem eigenen, demokratisch verfassten Lande, mit allen ganz legalen Konsequenzen, die sich aus einer arabischen Bevölkerungsmehrheit ergäben.“ Besonders bedrohlich sei die Perspektive einer (kriegerischen oder auch demografischen) Bezwingung des Judenstaats, weil die derzeitige geopolitische Lage befürchten lässt, dass die Verteidigung Israels als Konsequenz der nationalsozialistischen Judenvernichtung nur für einen Bruchteil der Nationen prioritär sein würde: „Ich glaube, schon heute gibt es nur noch wenige Völker auf der Erde, für die der Holocaust eine Katastrophe ist, die sie noch betrifft: die Israelis, die Juden der Diaspora (vor allem in den USA), die Deutschen, eine Handvoll westeuropäischer Staaten, die Palästinenser. Für alle übrigen haben weder der Judenmord noch der Staat Israel noch überhaupt nur der unruhige Flecken Erde im Nahen Osten existentielle Bedeutung. […] Da zahlreiche Mächte sich für die Israelfrage nicht interessieren, besteht die Gefahr, dass das Land, für die, die sich noch dafür interessieren, irgendwann zum Klotz am Bein wird.“ Deshalb ruft Kleeberg dazu auf, die islamische Bedrohung Israels als einen Systemkonflikt zu begreifen, der die ganze freie Welt angeht: „[S]o sollten auch all diejenigen, denen an der Existenz Israels nichts liegt, dessen derzeitigen Konflikt mit Iran offenen Auges betrachten: Hier geht es auch um die Konkurrenz zwischen der offenen Gesellschaft und ihren Feinden, auch um den Wettstreit der Systeme zwischen Menschenrechten und religiösem Recht.“ (6)

Mit Michael Kleeberg trat also ein Schriftsteller ans Pult des Frankfurter Audimax, der bereits lange vor seinen Poetikvorlesungen keine Zweifel an seinen politischen Vorstellungen hatte aufkommen lassen. An die Verantwortlichen der Frankfurter Poetikvorlesung, die ganz genau wussten, wen sie sich ins Haus holten, muss von den medialen Vertretern der deutschen Willkommenskultur – vor Ort die Frankfurter Rundschau und der Hessische Rundfunk – vorab und in drohendem Ton die Ermahnung ergangen sein, ihren Gast auf Verstöße gegen das Dogma von der „Anerkennung von Differenz“ hin schärfstens zu beobachten.

Der Künstler und der Staatsbürger

Kleeberg sollte an der Goethe-Universität über sein neues Buchprojekt sprechen, das nicht zuletzt aufgrund der Goethe’schen Vorlage, einen expliziten Lokal-Bezug hat. Die Frankfurter Professoren hatten wohl zunächst gehofft, dass der als unpolitisch geltende Schriftsteller Kleeberg den politischen Staatsbürger Kleeberg zuhause lassen würde. Weil aber zum Schreiben ein leibhaftiger Autor mitsamt seinen Gedanken und Erfahrungen gehört, konnte Kleeberg, als er über sein Orient-Okzident-Buch sprach, nicht unterschlagen, welchen Einfluss die Katastrophen in der islamischen Welt sowie die Flüchtlingskrise in Europa auf seine Gedanken und damit auf sein Werk hatten. Zwar ist er sympathischerweise der Ansicht, „dass überhaupt niemand mit den politischen Ansichten und Meinungen deutscher Schriftsteller und Intellektueller der erweiterten Gegenwart behelligt werden sollte, die fast durchweg ein Augenrollen und Kopfschütteln meinerseits hervorgerufen haben und hervorrufen.“ Dennoch wollte Kleeberg von seinen Ansichten sprechen, weil sie eben „auf welche Weise auch immer, die künstlerische Arbeit an einem Projekt beeinflussen, das in keiner Sekunde so tun kann und will, als habe es etwa nichts mit den politischen und sozialen Fragen und Verwerfungen der Gegenwart zu tun.“ Gerade bei der Arbeit an dem Kapitel über „Flucht, Migration und Exil“ sei ihm eine „kontrollierte und produktive Schizophrenie“ zupassgekommen. So bezeichnet er den „Riss, der ganz offenbar durch mich geht und, wie ich beim Schreiben feststelle, den Staatsbürger M.K. von dem Künstler M.K. scheidet und trennt. Produktiv nenne ich sie deswegen, weil dieser Riss bis jetzt die Arbeit an dem Buch nicht behindert oder stoppt, sondern eher zu befördern scheint.“

Seit Kleeberg sich genauer mit dem Islam auseinandergesetzt habe, sei er zu „einem in zahlreichen Bereichen negativen Urteil“ gekommen. Sogleich fügte er hinzu, dass es den Islam natürlich nicht gebe und die Dominanzpolitik des Westens gegenüber der islamischen Welt mitverantwortlich für die aktuelle Misere sei. Mit diesen Beteuerungen ist Kleeberg dem Uni-Establishment, das eine Woche später „Sensibilität für unsere Sprachregelungen“ einfordern sollte, entgegengekommen. Aber es sollte sich für ihn nicht rechnen, denn seine sich anschließenden Überlegungen waren in der Tat Störungen des Common Sense, die für einen Skandal wie gemacht schienen: Es widerstrebe ihm, „die Muslime nur als Opfer und nur als Schachfiguren westlicher Dominanz zu sehen und ihnen jegliche Autonomie und damit auch Verantwortung abzusprechen für den vergleichsweise tristen Zustand aller Staaten, in denen der Islam die Politik beeinflusst.“ Er erinnerte sich an eine Begegnung mit Salafisten in Kairo, die ihn zur Überzeugung brachte, „dass für diese Mischung aus Frauenverachtung, Demokratieverachtung, Antisemitismus und barbarischer Menschenverachtung in keinem europäischen Land auch nur ein Fuß breit Platz und Toleranz sein darf.“ Des Weiteren bezog er sich positiv auf die arabischen Schriftsteller Abbas Beydoun und Boualam Sansal, die seit Jahren auf die destruktive Rolle des Islam in ihren Ländern hinweisen, und fügte hinzu: „Überhaupt sind die hellsichtigsten Kritiker des Islam und der Demokratieabgewandheit vieler Muslime arabische Intellektuelle, die […] wissen, wovon sie reden und an der Naivität der Deutschen verzweifeln.“ Doch Kleeberg ließ es damit nicht bewenden, sondern legte mit jener Passage über die „Lage Deutschlands als Einwanderungsland“ und den „Umgang mit unserer deutschen Geschichte“ nach, die bis heute nirgends vollständig nachzulesen war – und die ihn wenig später die Reputation kosten sollte.

„Zum Einwanderungsland fehlt Deutschland vor allem das Selbstverständnis. Man muss sich selbst schätzen, damit andere einen auch schätzen und es als ein Privileg ansehen, die neue Staatsbürgerschaft zu ergattern. Einwanderung bedeutet immer auch teilweise Assimilation.

Als ich 1999 wieder nach Deutschland zurückkam, begann gerade die Zeit der Schröder-Administration, deren Außenminister Fischer in einem Interview das neue Selbstverständnis Deutschlands ansprach, das seither fast zu einer politischen Theologie geworden zu sein scheint, nämlich die ausschließliche historische Fokussierung der deutschen Geschichte auf Auschwitz und der damit einhergehende Wunsch nach Auflösung des moralisch belasteten Deutschen in größeren und vor allem unbelasteten Zusammenhängen als Weg der Entschuldung.

Vieles in der deutschen Politik, was unsere Nachbarn aufgrund seiner Irrationalität wahnsinnig macht, erklärt sich aus dieser deutschen Neurose, das für alle Zeiten schuldig gewordene nationale Element zum einen in dem Abstraktum Europa aufgehen zu lassen, das so kein anderes Land sich wünscht, und zum anderen in der irrsinnigen Hoffnung, dass sich das ‚Nazi-Gen‘ der Deutschen irgendwann in einem großen ‚Multikulti-Genpool‘ vollständig aufgelöst haben wird.

So funktioniert es aber nicht, und nicht erst seitdem infolge der totalitären Umwandlung der Türkei plötzlich die Frage nach den politischen Loyalitäten und Zugehörigkeiten von mehreren Millionen in Deutschland lebenden Türken an Brisanz gewinnt, ist klar, dass das Aufeinandertreffen einer Mehrheits-Identität, die sich auflösen, mit einer Minderheits-Identität, die sich durchsetzen will, keine guten Voraussetzungen für die Integration von Zuwanderern in einem Einwanderungsland darstellt.

Dass die deutsche Regierung dann die Grenzen für eine unkontrollierte Einwanderung von Hunderttausenden und im Laufe der nächsten Jahre Millionen Muslime geöffnet hat, Menschen, von denen ein Teil kein Verhältnis zu demokratischen Umgangsformen hat, keine Erfahrung mit Menschen- und Minderheitenrechten, keine in diesem Land gesuchten Berufsfähigkeiten, aber als häufige gemeinsame Eigenschaft eine archaische und per Definition intolerante Religiosität, die die Integrierbarkeit noch zusätzlich erschwert, halte ich für ein Spiel mit dem Feuer, und all die Phrasen wie ‚Der Islam hat nichts mit dem islamistischen Terror zu tun‘ oder ‚der Islam gehört zu Deutschland‘ geben mir das Gefühl, in einer das ganze Land umfassenden Aufführung von Max Frischs Biedermann und die Brandstifter gelandet zu sein.

Und bei alledem rede ich nur vom Alltag: Von den Unverschämtheiten muslimischer Jungs gegenüber ihren deutschen Lehrerinnen, von der sexuellen Aggression junger nordafrikanischer Männer gegenüber ungläubigen Frauen, von der elterlichen Zurichtung muslimischer Mädchen zu verschleierten Gebärmaschinen ohne Recht auf Bildung und eigenes Leben, von den in türkischer Sprache vor der Öffentlichkeit verborgenen antisemitischen und antideutschen Ausfällen in den Freitagspredigten deutscher Moscheen, die ein soeben erschienenes Buch dokumentiert, von dem zutiefst beschämenden Wegkriechen Angela Merkels und Frank Walter Steinmeiers aus dem Deutschen Bundestag, wenn dort eine Parlamentsresolution den Völkermord der Türken an den Armeniern verurteilt.

Da habe ich noch nicht vom islamistischen Terror gesprochen, der zwar in seiner überwältigenden Mehrheit muslimische Glaubensgenossen tötet, der aber eben mittlerweile, wie deutsche Politiker das mit achselzuckender Selbstverständlichkeit nennen, auch hierzulande ‚angekommen‘ ist. Ich hatte ihm keine Fahrkarte gekauft.

Ich habe Angst davor, dass wenn in einer europäischen Demokratie – und ganz besonders in Deutschland, wo das nationale Bewusstsein ungleich schwächer entwickelt ist als bei allen seiner Nachbarn und Partner – der moslemische Bevölkerungsanteil eine gewisse kritische Größe überschritte, sich auf Dauer sowohl das europäische als auch das demokratische Element verlieren könnte. Und ich fürchte, dass mit Millionen neuer arabischer und nordafrikanischer sunnitischer Einwanderer, die hinzukommen zu den sich als Türken und nicht als Deutsche begreifenden bereits hier lebenden, diese kritische Größe überschritten werden und Transformationsprozesse in Gang kommen könnten, die dieses Land von Grund auf und nicht zum Besseren verändern würden.“ – Nach diesen erregten Äußerungen stellte Kleeberg sie in den Kontext seiner poetologischen Überlegungen: Die „produktive Schizophrenie“, von der er sprach, bestehe darin, dass er diese „Meinungen“ bei der literarisch schöpferischen Tätigkeit „transzendiere“: „Es mag hundertmal so sein, dass die Zuwanderung von Hunderttausenden Muslimen nach Deutschland und Europa nicht gut ist, aber was mich ungleich mehr bewegt, wenn ich mich dem Phänomen als Schriftsteller widme, ist das Schicksal des Einzelnen, seine Motive, sein Wesen, seine Antriebe, seine Hoffnungen und Verluste. Denn so sehr irgendein Massenphänomen falsch sein kann, der einzelne Mensch ist nie falsch.“ Vom Schriftsteller Kleeberg, der den Staatsbürger Kleeberg nicht ignorieren kann, sich ihm aber auch nicht überlässt, wollte fortan niemand mehr etwas wissen. Zu viele Trigger-Words waren gefallen, als dass man sich die Chance, einen Skandal loszutreten, noch hätte nehmen lassen wollen.

Ein Skandal nimmt seinen Lauf

Bevor eine Woche später Prof. Komfort-Hein die vierte Poetikvorlesung mit der eingangs zitierten Stellungnahme eröffnete, hatte sich niemand außerhalb des stets nur spärlich besuchten Hörsaals für Kleebergs Äußerungen interessiert. Aber nachdem die Professorin ihrem Gast undemokratische Umtriebe unterstellt und einen Faktencheck durch eine Islamwissenschaftlerin angekündigt hatte, wurde der Fall Kleeberg plötzlich bundesweit verhandelt. Den Auftakt machte der Hessische Rundfunk mit einem Interview des hauseigenen Kulturjournalisten Alf Mentzer. Auf die Frage, wie schlimm Kleebergs Äußerungen denn nun gewesen seien, antwortete er mit dem Verweis auf eine These von Volker Weiß, wonach „genau diese Verbindung zwischen Flüchtlingspolitik, Willkommenskultur und Holocaust“ ein „Denkschema der Neuen Rechten“ sei, „also die Unterstellung, deutsche Flüchtlingspolitik leite sich direkt aus einem Schuldgefühl den Holocaust betreffend ab. Das sei in zweierlei Hinsicht unangemessen: Zum einen pathologisiert es all das, was wir Willkommenskultur nennen als komplexbeladen. Zum anderen legt es ja nahe, doch jetzt endlich mal aufzuhören, ständig auf Auschwitz oder den Holocaust Bezug zu nehmen. Und das ist eine fatale Doppeldenkfigur der Entsorgung sowohl von humanitärer Verpflichtung, zum Beispiel den Flüchtlingen gegenüber, wie auch von historischer Verantwortung der deutschen Geschichte gegenüber und in diese Falle sollte man, glaube ich, auch als intelligenter Schriftsteller nicht tappen.“ (7)

Wenn die „Verbindung zwischen Flüchtlingspolitik, Willkommenskultur und Holocaust“ ein Kerngedanke der Neuen Rechten ist, dann müssten auch große Teile des deutschen Medienbetriebs, der Politikerkaste und überhaupt der hiesigen Bevölkerung als neu-rechts gelten. Es bedarf nämlich gar nicht erst der „Unterstellung, deutsche Flüchtlingspolitik leite sich direkt aus einem Schuldgefühl den Holocaust betreffend ab“, schließlich wird exakt diese Begründung seit zwei Jahren allerorten, und meistens stolz, von Unzähligen im Mund geführt. Bei der Recherche für sein Buch Allein unter Flüchtlingen hat Tuvia Tenenbom monatelang Deutsche aus allen Milieus gefragt, warum wohl ihr Land mehr Flüchtlinge aufgenommen hat als jedes andere in Europa und stets die gleichen Antworten erhalten: Deutschland trage eine besondere Verantwortung wegen der deutschen Geschichte, wegen des Holocausts, wegen Hitler. (8) Kleeberg hat diese Verbindung also nicht hergestellt, sondern lediglich aufgenommen. Sein Vergehen bestand darin, aufgrund dieser Verbindung die „Willkommenskultur“ als „komplexbeladen“ zu „pathologisieren“, genauer gesagt: als Symptom einer spezifisch „deutschen Neurose“ zu bezeichnen – allerdings nicht, um ein Ende der Thematisierung von Auschwitz oder die Entsorgung der „historischen Verantwortung der deutschen Geschichte gegenüber“ zu fordern. Im Gegenteil: Indem er den Auschwitz-Bezug im deutschen Nationalbewusstsein als „politische Theologie“ denunzierte, dementierte er auch die darin enthaltene Hoffnung auf eine Erlösung von der historischen Schuld. Im Gegensatz zu Sonntagsrednern, die folgenlos von Verantwortung gegenüber der deutschen Geschichte schwadronieren, nahm Kleeberg die Verantwortung gegenüber den Opfern der deutschen Geschichte und deren Nachfahren ernst, als er darauf hinwies, dass sich ein Massenmord an Juden nicht mit Willkommenskultur für antisemitische Muslime wiedergutmachen lässt.

Die spezifisch „deutsche Neurose“ besteht Kleeberg zufolge darin, dass die Deutschen nach der Wiedervereinigung Auschwitz zum Kernstück des deutschen Selbstverständnisses erklärt haben und aufgrund dieser „ausschließlichen Fokussierung“ notwendig jede als nationale Aufgabe apostrophierte Anstrengung mit dem Holocaust in Beziehung setzen. Die „Willkommenskultur“ war daher kein reiner Akt der Nächstenliebe, sondern ein mindestens ebenso egoistisch motivierter Versuch der „moralisch belasteten Deutschen“, sich selbst auf den „Weg der Entschuldung“ zu bringen. Dieses Verhalten zeugt nicht von jenem republikanischen Selbstverständnis, das etwa die Amerikaner zu einer funktionierenden Einwanderernation verbindet, sondern von Unsicherheiten und Selbstzweifeln, die mit moralischer Hybris getilgt werden sollen. Letztlich schadet dieses fehlende „Selbstverständnis“ der Deutschen auch den Immigranten – jedenfalls jenen, denen unter den Augen einer prinzipienlosen Mehrheitsgesellschaft von religiösen und familiären Autoritäten das Leben zur Hölle gemacht wird.

Das Nazi-Gen im Multikulti-Genpool

Wie so viele ignorierte auch Volker Breidecker von der Süddeutschen Zeitung Kleebergs Angst vor dem Verlust des „demokratischen Element[s]“ in Deutschland. Stattdessen vernahm er in der Vorlesung „Töne, wie sie so sonst nur aus dem pseudointellektuellen Umfeld der AfD und auf Schulungsseminaren des Ritterguts Schnellroda, im Braintrust der ‚Identitären Bewegung‘, zu hören sind“ und unterstellte dem Schriftsteller eine „in die Bockshörner des Salonrechtsradikalismus blasende Rhetorik“. (9) Stein des Anstoßes war für ihn, dass Kleeberg den Deutschen attestiert hatte, die „irrsinnige Hoffnung“ zu hegen, ihr „Nazi-Gen“ werde sich in einem großen „Multikulti-Genpool“ auflösen. Dabei hatte Kleeberg mit dem Verweis auf Gene gerade kein rassistisches Bekenntnis abgelegt, sondern vielmehr den Vorwurf erhoben, die Deutschen, die ihre Nazi-Vergangenheit zum positiven, gemeinschaftsstiftenden Markenkern ihrer Nation gemacht haben, hätten sich mithilfe der Flüchtlinge eine Imagepolitur verpassen wollen – und zwar unter der bevölkerungspolitisch begründeten Prämisse, je mehr muslimische Einwanderer ins Land kämen, desto weniger nazistisch würden die Autochthonen. Nichts anderes meinte zum Beispiel Wolfgang Schäubles jeder Empirie spottende Statement am Rande des jüngsten evangelischen Kirchentags: „Christen und auch alle anderen Menschen in der Bundesrepublik können von ihnen [den Muslimen] lernen. Im Islam werden viele menschliche Werte wie Gastfreundschaft und Toleranz sehr stark verwirklicht.“ (10) Damit hat Schäuble variiert, was er bereits ein Jahr zuvor als Warnung vor dem bevölkerungspolitischen Notstand ausgegeben hatte: „Die Abschottung ist doch das, was uns kaputt machen [!] würde, was uns in Inzucht [!!] degenerieren [!!!] ließe. Für uns sind Muslime in Deutschland eine Bereicherung unserer Offenheit und unserer Vielfalt.“ (11) Nicht Schäuble und erst recht kein Schreiberling der Süddeutschen Zeitung sind je auf den Gedanken verfallen, dass man aus dem Nationalsozialismus auch eine andere Konsequenz ziehen könnte, nämlich gerade von den Deutschen das konsequente Eintreten für individuelle Freiheit und zivilisiertes Miteinander einzufordern – zwei Grundsätze, die erst dann Gültigkeit für sich beanspruchen können, wenn Staat und Gesellschaft sie im Zweifel mit aller Härte gegen ihre Feinde verteidigen, und zwar unabhängig von deren Herkunft, Kultur, Gesinnung oder Religion.

Mit seiner These, es gebe eine deutsche „Mehrheits-Identität“, die sich auflösen wolle, lag Kleeberg dann allerdings doch falsch, denn eine deutsche Identität hat es nur in Gestalt eines größenwahnsinnigen und mörderischen Phantasmas gegeben. Das, was sich hierzulande „aufzulösen“ und sich einer islamischen „Minderheits-Identität“ zu unterwerfen droht, ist eine nur oberflächlich bejahte, aber praktisch weitgehend eingehaltene Summe von Verkehrsformen, die offensichtlich als fremd und oktroyiert begriffen wird, und fällt jedenfalls nicht unter den „Begriff“ der Identität. Was Kleeberg am Selbstverständnis zum Beispiel amerikanischer Bürger schätzt und bei den Deutschen vermisst, ist gerade keine zusammenschweißende Verpflichtung auf Tradition, Brauchtum und eine gemeinsame Geschichte, sondern das Bekenntnis der Mitglieder einer freien Gesellschaft zu einer auf immer auch prekären Regeln des ungegängelten Zusammenlebens gründenden Nation. Das bezieht die Selbstachtung des je einzelnen Bürgers mit ein, die auch auf der Wertschätzung einer mit möglichst vielen geteilten Lebensweise beruht. Kleeberg sagte ganz richtig: „Man muss sich selbst schätzen, damit andere einen auch schätzen.“ Ein Fehler ist es jedoch, zu glauben, dass dieser Mangel an ‚Selbstschätzung‘ sich in einem Selbstgespräch der Deutschen und der mutwilligen Herbeiführung deutscher Flüchtlingskrisen erschöpfe, denn ‚aus Auschwitz lernen‘ heißt auch, nötigend in anderer Länder Geschicke einzugreifen. Kleeberg meint, dass Deutschland aufgrund von Schuldgefühlen und Selbsthass im „Abstraktum Europa aufgehen“ möchte, doch das Gegenteil ist der Fall: Das Hadern mit der eigenen „Identität“ mündet in einen gar nicht so neuen deutschen Sonderweg, der als offensive Entgrenzung der deutschen Souveränität zu begreifen ist, die in der ‚Selbstschätzung‘ der anderen europäischen Nationen (besonders in Osteuropa) Hindernisse und Provokationen erkennt, die um jeden Preis zu korrigieren seien. Wo Kleeberg eine Selbsteuropäisierung Deutschlands wittert, handelt es sich vielmehr um den Versuch, Europa zu verdeutschen. Das ist nicht in erster Linie ein Symptom fehlender ‚Selbstschätzung‘, sondern das Ergebnis einer diese kompensierenden ‚Selbstüberschätzung‘.

Darüber war in den Kommentaren über Kleebergs „neurechte Entgleisungen“ nichts zu erfahren, „Unmut“ bereiteten stattdessen vor allem Kleebergs „Passagen über den Islam“, (12) mit denen er seinen „Ressentiments zum Islam freien Lauf“ gelassen (13) und „reaktionäre Abgründe der Poetik“ offenbart habe. (14) Der Skandal war also perfekt, nachdem sich die Uni-Professorin von ihrem Gast distanziert hatte. Kleeberg, der bis zuletzt keine Ahnung vom Inhalt der angekündigten Stellungnahme hatte, (15) versuchte zwar noch den Schaden zu begrenzen, indem er das Manuskript seiner mittlerweile berüchtigten Vorlesung öffentlich machen wollte. Die Universität mochte die Debattenhoheit aber nicht aus der Hand geben und intervenierte dagegen unter Verweis auf die Druckrechte, die sie an allen Poetikvorlesungen hat. In ihren Seminaren mobilisierten Professoren derweil gegen Kleeberg und riefen die Studenten dazu auf, die Diskussionsveranstaltung am Ende der Vorlesungsreihe zu besuchen. Folglich begann es in der Studentenschaft zu rumoren: Kaum jemand wusste genau, was vorgefallen war, weil außer Fachpublikum und literaturinteressierten Rentnern so gut wie niemand die Poetikvorlesungen besucht hatte, aber dass ein „Rassist“ und „Islamophober“ da wöchentlich am Rednerpult gestanden sei, war plötzlich für viele ausgemachte Sache.

Bei der fünften und letzten Poetikvorlesung am 4. Juli – zwei Wochen nach den „Islam-Äußerungen“ und eine Woche nach der Distanzierung durch die Uni – blieb Kleeberg dem Publikum ein furioses Finale schuldig. Stattdessen beendete er seine Vorlesungsreihe mit Ausführungen über das Verhältnis von Kunst und Leben, über „utopische Orte“, an denen ein „anderer Zustand“ im Sinne Robert Musils möglich sei, über die Idee einer „opferlosen Geschichte“ nach dem Modell des alttestamentarischen Opferverbots, über „Geschlechterverhältnisse ohne Besitzansprüche“ und über die „Produktionsbedingungen der Literatur“. Diese so gar nicht populistischen Töne blieben sicher unter den Erwartungen der Kleeberg-kritischen Studenten. Wer sein antirassistisches Engagement beweisen wollte, hatte sich aber längst Tickets für die bald ausverkaufte Abschlusslesung besorgt, die tags darauf im Literaturhaus stattfinden sollte. Diese öffentliche Lesung, die üblicherweise der Präsentation und Diskussion des literarischen Werks des jeweiligen Poetikdozenten dient, war aufgrund von Kleebergs „Islam-Äußerungen“ kurzentschlossen zu einem Tribunal umfunktioniert worden, bei dem der Autor mit der kombinierten Expertise eines Literaturwissenschaftlers und einer Islamwissenschaftlerin konfrontiert werden sollte.

Showdown im Literaturhaus

Vor Beginn der Veranstaltung hatten sich Studentengrüppchen vor dem Literaturhaus versammelt und bereits Absprachen getroffen, „Radau“ zu machen, falls auf dem Podium „rassistische“ Äußerungen fallen würden. Soweit sollte es jedoch nicht kommen, denn die akademischen Diskutanten nahmen Kleeberg so sehr in die Mangel, dass es keiner Unterstützung durch das junge Publikum bedurfte. Zunächst aber hatte Kleeberg selber das Wort. Er las Passagen aus zwei seiner Romane – zuerst einen Abschnitt aus Vaterjahre, anschließend ein Kapitel aus Das amerikanische Hospital –, doch zu einem Gespräch über sein Werk kam es nicht. Nach nur einem Wortwechsel über Kleebergs Bücher hat Prof. Heinz Drügh das Gespräch auf die „problematischen“ Aussagen aus seinen Vorlesungen gelenkt und der Islamwissenschaftlerin Prof. Armina Omerika das Wort gegeben, mit der Kleeberg, anders als vom Literaturhaus behauptet, überhaupt nicht reden wollte. Er wisse gar nicht, „worüber wir da diskutieren sollen: Islam in Deutschland? Richtiger Islam? Falscher Islam? Das Gros der Bekannten und Freunde, die ich zunächst im Libanon und danach in Syrien, Ägypten und Iran gefunden habe, würde sich wohl herzlich bedanken, wenn man sie vom Islam her definierte.“

Und tatsächlich kam eine wirkliche Diskussion nicht zustande. Drügh konfrontierte Kleeberg mit immer neuen isolierten Zitaten aus seinen Vorlesungen und Omerika salbaderte über das islamische Erbe Europas und über die „Konstruiertheit“ des Orient-Okzident-Gegensatzes. Kleeberg verwies wieder und wieder darauf, dass seine islamkritischen Aussagen nur im Kontext der poetologischen „Denkbewegung“, die er in seiner Vorlesung nachgezeichnet hatte, zu verstehen seien. Weil er glaubte, er könne die Trennung von Schriftsteller und Staatsbürger aufrecht erhalten gegenüber Leuten, die sich für Ersteren gar nicht mehr interessierten, fehlte ihm eine offensive Strategie, mit der er seine Aussagen auch inhaltlich hätte verteidigen können und geriet, dem Kreuzfeuer der Professoren ausgesetzt, ins Stottern und Straucheln. Offenkundig war Kleeberg auf seine Erledigung – denn nichts anderes bedeutete diese einen inszenierten Skandal krönende Veranstaltung – nicht vorbereitet gewesen. Erst im Hörsaal von seinen Gastgebern diskreditiert, dann in den Medien als rechtspopulistischer Provokateur vorgeführt und zum Schluss vor versammeltem Publikum als in die Enge getriebener Volksfeind blamiert, dürfte er nicht nur wegen der öffentlichen Demütigung Blut und Wasser geschwitzt haben: Die existenzgefährdende Wirkung einer solchen Affäre muss nicht nur Kleeberg selber, sondern auch seinen verbeamteten Gegenspielern bewusst gewesen sein. Freischaffende Schriftsteller sind über den kärglichen Erlös aus ihren Büchern hinaus auf Aufträge, Einladungen und Preise materiell angewiesen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kleeberg in den kommenden Jahren sein Auskommen aus solchen Quellen weiter sichern kann, ist im gleichen Maß gesunken wie die Wahrscheinlichkeit, dass in Zukunft andere Personen des Literaturbetriebs gegen den Islam öffentlich Stellung beziehen.

Während der Diskussionsveranstaltung konnte Kleeberg nur einen Punkt machen, der den Podiumsteilnehmern und dem Publikum wenigstens für einen kurzen Moment den Atem stocken ließ. „Begonnen, so Kleeberg, habe sein Nachdenken über Mechanismen deutscher Identitätsbildung, als er nach 14 Jahren Frankreich-Aufenthalt nach Deutschland zurückkehrt sei. Damals habe man viel über Erinnerungsfelder gesprochen, die eine Nation zusammenhalten. In diesem Kontext wurde ein Interview mit dem damaligen Außenminister Joschka Fischer veröffentlicht, das über einheitsstiftende historische Momente reflektierte. Für die Vereinigten Staaten von Amerika sei ein solches Ereignis die Unabhängigkeitserklärung, in Frankreich seien es die Erklärung der Menschenrechte und die Französische Revolution. Fischer wurde gefragt, welcher historische Moment für Deutschland diese Bedeutung habe: Fischer antwortete, ‚wir haben Auschwitz‘, erinnert sich Kleeberg. Wenn Auschwitz tatsächlich das Äquivalent sei und die absolute Verneinung von Menschlichkeit der Kernpunkt wäre, auf den wir uns beziehen‘, könne das im Umkehrschluss, so Kleeberg, eigentlich nur bedeuten, ‚dass dieses Land am Ende ist.’“ (16) In diesen Worten klingt eine Warnung Maxim Billers nach, der sich 1996, am Vortag der Feierlichkeiten zum 9. November, unter dem Titel „Heiliger [!] Holocaust“ noch ganz unbehelligt von deutschen Professoren und Journalisten über politische Theologie so auslassen durfte: „Das Holocaust-Trauma als Mutter eines endlich gefundenen deutschen Nationalbewusstseins? Was sonst! Was sonst als diese unglaubliche, unerhörte Tat – sowie ein noch nie dagewesener Weltkrieg – schenkte diesem seit Jahrhunderten geographisch, geistig und mental uneinigen, unfertigen Volk von einem Tag auf den andern den großen nationalen Topos, den Schlüsselbegriff, der alle, egal ob Linke oder Rechte, Bayern oder Friesen, Aufklärer oder Romantiker, mit einer solchen Wucht und Gewalt zusammenband wie kein Goethestück, kein Hambacher Fest, keine Bismarckverordnung vorher. Und darum also lieben die Deutschen den Holocaust so – vor allem die, die immer wieder sagen, dass sie von ihm nichts mehr hören wollen. Ich, persönlich, kann den Holocaust nicht leiden. Aber an einem solchen dunklen, nassen Novembertag kann ich die Besessenheit der Deutschen damit fast verstehen. Sie sollten nur endlich ehrlich zugeben, was sie von den toten Juden wollen – und begreifen, dass eine freundliche, offene Nation nie aus dem Horror entstehen kann, sondern nur aus einem Traum.“ (17)

Theresa Weber (Bahamas 77/2017)