Störfaktor Israel

Im Jom-Kippur-Krieg zeigte sich, dass die Reeducation der Deutschen gescheitert war

Die deutsche Linke ist auf den ersten Blick keineswegs israelfeindlicher als die in anderen westlichen Ländern und auch die bundesrepublikanische Gesellschaft insgesamt fällt in ihrer Feindseligkeit gegen Israel zumindest nicht allzu weit aus dem europäischen Rahmen. Die Zahlen, die eine große Umfrage der Europäischen Union vor 15 Jahren zutage brachte und die seinerzeit noch für einen kleinen transatlantischen Skandal sorgten, haben sich seither immer wieder sozialstatistisch bestätigt. In dieser einen Hinsicht wenigstens spiegelt die pazifistisch-antirassistische Voreingenommenheit der öffentlich-rechtlichen Medien das Empfinden einer klaren Mehrheit der Bundesbürger – wenn auch die Relevanz zumindest des Antizionismus für die politische Gefühlslage der EU-Bürger insgesamt wie auch der Deutschen im Besonderen seit den Zeiten der westlichen Intervention im Irak nachgelassen hat. Das sogenannte Eurobarometer, veröffentlicht Anfang November 2003, brachte folgendes Ergebnis: 59 Prozent der EU-Bürger sahen in Israel die größte Bedrohung für den internationalen Frieden, gefolgt von den USA, die, gleichauf mit dem Iran und Nordkorea, mit 53 Prozent auf den zweiten Platz kamen. In Deutschland fühlten sich gar 65 Prozent der Befragten von Israel bedroht, 45 Prozent noch von den USA – eine Abweichung vom europäischen Durchschnitt, die wohl als späte Folge der Nachkriegszeit gelten kann, als man zwar, um eine Formulierung Eike Geisels zu gebrauchen, den Juden den Holocaust nicht verzeihen konnte, sich ansonsten aber nicht allzu ungern unter den Schutzschirm der amerikanischen Siegermacht begab.

Europa dünkt sich also mehrheitlich antiimperialistisch, nationale Besonderheiten scheinen sich zusehends zu nivellieren. Und doch sind die nationalen Ursachen dieser gesamteuropäischen Tendenz sehr verschieden. Den nationalen Unterschied, der sich in der Form der projektiven Aufladung des sogenannten Nahost-Konflikts zeigt und hierzulande darin aufscheint, dass sich wenigstens ein kleiner Teil des ansonsten die Staatsräson der Berliner Republik mittragenden rot-grünen Milieus mit dem Israel-Bashing und der BDS-Kampagne schwerer tut als europäische oder amerikanische Gesinnungsgenossen, erklärt der britisch-jüdische Soziologe David Hirsh so: „Die Versuchung, den Nahen Osten als Vehikel eigener Anliegen zu nutzen, ist allgegenwärtig. In England sind die Ansichten beeinflusst von der Kolonialschuld (colonial guilt), Deutschland blickt auf Israel durch die Brille des Holocaust (holocaust lens), in Irland werden die Palästinenser zu Republikanern, die Israelis zu Unionisten, in Polen sympathisieren viele mit Israel als kleiner demokratischer Nation, die von tyrannischen Nachbarn bedroht ist. In Südafrika“ – und, um es keinesfalls unter den Tisch fallen zu lassen, bei den missratenen Nachfahren der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung – „wird der Konflikt mit der Apartheid parallelisiert.“ (Mail & Guardian, 9.10.2008, Übers. v. Autor) Man kann diese zutreffende Beobachtung wohl so auf den Begriff bringen: In den Ländern und Milieus herrscht eine Art unbefangener Antisemitismus vor, der jene apokalyptische Zuspitzung einer sich als Antikapitalismus gebenden primitiv-affektiven Zivilisationsfeindschaft bislang nicht erfahren hat, die das nationalsozialistische Deutschland als „Endlösung“ historisch bereits in die Tat umsetzte.

Misslingende Mimikry

Die Mimikry des um sich selbst nur allzu gut wissenden deutschen Antisemitismus an den unbefangeneren, lediglich ahnend-verdrängenden, der in den anderen europäischen Ländern und bei der US-Linken vorherrscht, will bis heute nicht recht gelingen. Setzt sie doch voraus, dass man die Juden und ihren Staat umstandslos dem Lager des imperialistischen Aggressors zuschlagen kann, was schwerfällt, wenn einem – wie jedem Deutschen, wie widerwillig auch immer – vor Augen steht, dass die Juden in den Lagern der deutschen imperialistischen Aggression ermordet wurden. Um diese Mimikry wenigstens einigermaßen hinzubekommen, müssen aus Opfern Täter gemacht werden, deren Taten wiederum das ihnen zugefügte Leid mindestens aufwiegen. Deswegen erinnert man hierzulande so gern an den Sechs-Tage-Krieg von 1967, weil man Israel damit gewissermaßen seiner Unschuld entkleiden und so in die Reihe westlicher Staaten kooptieren kann, die autochthone Bevölkerungen unterjochen beziehungsweise unterjocht haben und deren militärische Überlegenheit sie ohne Ansehen der realen Lage und jeweiligen Mission in die moralisch missliche Lage des Goliaths unter lauter Davids bringt.

Aus denselben Gründen erinnert man hierzulande so wenig an den Jom-Kippur-Krieg, der gerade einmal sechs Jahre später an die unangenehme, weil eigentlich zur Parteinahme verpflichtende Tatsache gemahnt, wie fragil und gefährdet Israel ist und bleibt und wie schnell eine Neuauflage des Holocaust droht, sollte Israel einmal unterliegen. Dass man diese Tatsache schon seinerzeit bis ins Bundeskanzleramt und die sozialliberale Regierung hinein auf skandalöse Weise ignorierte und in der Neuen Linken nicht nur insgeheim begrüßte, lässt sich leicht aus den linken und linksradikalen Publikationen jener Jahre ersehen. Stellvertretend für viel Gleichlautendes sei hier aus einem marxistisch-leninistischen Magazin zitiert, das schon von seinem programmatischen Schwerpunkt her die Aggression gegen Israel für den denkbar revolutionärsten Akt hielt. Die Rede ist vom ab 1969 herausgegebenen Organ der sozialistischen Palästinakomitees, die aus dem SDS entstanden und in den Siebzigern vom KBW dominiert wurden. Es trug den bezeichnenden Namen Die Front. In der ersten Ausgabe des Jahres 1974, die sich vorrangig gegen den Waffenstillstand richtete, mit dem der Jom-Kippur-Krieg beendet worden war, stand Folgendes zu lesen: „Der Krieg ist der einzige Weg, um die Spuren der imperialistischen Aggression von 1967 auszulöschen, um den imperialistischen Brückenkopf in Palästina zu zerstören. Die Massen haben mit ihrem revolutionären Geist erkannt, dass Imperialisten, Zionisten und Reaktionäre nicht auf dem friedlichen Weg geschlagen werden können […]. Nur durch einen langdauernden Volkskrieg können die arabischen Territorien von Imperialisten und Zionisten befreit werden […]. Die arabischen Massen wollten einen langen Krieg, in dem alle arabischen Kräfte geopfert werden, um alle Marionetten und Klassen, die die arabische Revolution aufzuhalten versuchen, offen zu entlarven und zu vernichten.“ (Hrvb. v. Autor)

Derlei Pamphlete, die im Ton eins zu eins aus deutschen Wehrmachtsbefehlen an die Ostfront entlehnt zu sein scheinen, sind denen, die sie verfasst haben, schon seit längerem natürlich eher unangenehm. Beteiligte Alt-SDSler kontern üblicherweise mit dem Verweis darauf, dass die schrille Rhetorik der Siebziger wie jede Jugendsünde längst ad acta gelegt worden sei, sie sich schließlich doch recht schnell gemäßigt hätten und im Zuge der sogenannten „Neuen Sozialen Bewegungen“ doch Wertvolles zur Modernisierung der Bundesrepublik beizutragen wussten. So weit, so falsch. In Wirklichkeit lieferte die heute so hysterisch wirkende Parteinahme für die unterdrückten Völker des Trikont und damit implizit wie explizit gegen die Mächte der ehemaligen Anti-Hitler-Koalition und ihren „Brückenkopf im Nahen Osten“ genau die Blaupause, die auch der ökologisch-pazifistische Mainstream späterer Jahrzehnte benutzte und benutzt. Die antizionistische Aggression insbesondere der sich weiland auf den Marxismus-Leninismus berufenden Kräfte war zwar damals durchaus eine schrille Zuspitzung, sie besaß jedoch gerade deshalb jene Avantgarde-Funktion, die die vielen verschiedenen Gruppen und Grüppchen auf allen anderen Politikfeldern vergebens beanspruchten und anstrebten.

Diese Aggression spiegelte auf ihre notwendig verzerrte Art die in diesen Jahren stattfindende Beendigung der Phase forcierter Westbindung Deutschlands sowie der forcierten Verwestlichung des politischen Denkens und der kulturellen Sitten der Deutschen. Sie brachte letztlich zum Ausdruck, dass das Ende der Reeducation, die die frühe Bundesrepublik gegen den Willen mindestens einer überaus großen Minderheit der Westdeutschen geprägt hatte, gekommen war. Mit diesem Ende ging aber keine Renaissance klassischer Nazi-Nostalgie einher, die die öffentliche Erziehung in der Bundesrepublik tatsächlich als solche verunmöglicht und tiefgreifend desavouiert hatte. Vielmehr handelte es sich um eine Art antiimperialistische Vergangenheitsbewältigung, in der der Nationalsozialismus zur Episode im weltweiten Volkskrieg planiert wurde und zugleich die Gegner, Besieger und Opfer des Nationalsozialismus wie von selber die Nazis von heute wurden: Feinde der Völker, Kriegstreiber, Usurpatoren und Zerstörer. Mussten 1973/74 noch die arabischen Volksmassen als Projektionsfläche für diese Verschiebung herhalten, so machten es wenige Jahre später Ökologie- und Friedensbewegung möglich, diese Verschiebung zu universalisieren. Natur an sich, Kultur an sich und Frieden an sich waren es nun, die vom kapitalistischen Westen bedroht wurden und die allesamt vor allem die nunmehr geläuterten und von der Geschichte belehrten Deutschen als Anwalt und Verteidiger auf ihrer Seite hatten.

Das Ende der Bonner Republik

Dieser Zustand, der Deutschland zum Weltmeister der Mülltrennung, des Appeasements und schließlich der Willkommenskultur machen sollte, war der Bundesrepublik nicht von Anfang an eingeschrieben. Er ist das Resultat eines epochalen Wandels, der mit den Umbrüchen in der Produktion seit den 1970er Jahren und dem dazugehörigen Strukturwandel des westdeutschen und später gesamtdeutschen Nachkriegsstaates einhergeht: der Verwandlung der Bundesrepublik von einem konstitutiv demobilisierten in den mobilmachenden Staat der Berliner Republik, von einem strikt westlich orientierten Beamtenstaat, geprägt von einem tiefen, institutionalisierten und nur allzu berechtigten Misstrauen gegen Basisdemokratie und politische Hysterie, beauftragt mit der Rezivilisierung der Deutschen, in einen, in dem die vermeintlich gute Sache, die die sogenannte Zivilgesellschaft bestimmt, im Zweifelsfall über Recht und Vernunft steht. In diesem neuen Staat, den man durchaus als zivile Reprise dessen verstehen sollte, was Fraenkel, Neumann und andere als die grundlegende Besonderheit des NS-Staates ausgemacht hatten, degeneriert der einst antifaschistische Auftrag zum beliebigen Ticket. Ein Ticket, das gegen Krieg an sich und überall, gegen die vermeintliche Zerstörung autochthoner Kulturen, das Waldsterben, für das Klima und mal gegen Serben und dann wieder gegen missliebige Reaktionäre gelöst wird.

Der Holocaust ist eine manipulative Spielmarke geworden, während die Verhinderung seiner Wiederholung, die im Jom-Kippur-Krieg tatsächlich gedroht hatte, der Gleichgültigkeit anheimfällt. Mit dieser Wiedereingliederung von Auschwitz in eine Reihe mehr oder weniger eingebildeter Gefahren und angemaßter Befugnisse nach deutschem Belieben und deutscher Befindlichkeit geht einher, dass das, was einst – eben genau bis zum Jom-Kippur-Krieg – die Devise deutscher Außenpolitik war, heute gerade noch ein widerwillig geleistetes Lippenbekenntnis darstellt: die Stärkung Israels und der unbedingte Beistand, zu denen sich die Bundesrepublik unter Federführung des CDU-Bundeskanzlers Adenauer, des SPD-Oppositionsführers Schumacher und des Bundespräsidenten Heuss in den 1950er Jahren verpflichtet hatte. Eine Pro-Israel-Politik, die gegen den erheblichen Widerwillen einer Bevölkerung durchgesetzt wurde, deren deutliche Mehrheit in zeitgenössischen Umfragen den Nationalsozialismus „für eine gute Idee“ hielt, die nur „schlecht ausgeführt“ worden sei, und in der jeweils sehr große Minderheiten sich „für einen starken Führer, der über den Parteien steht“ und gegen „einen zu großen Einfluss jüdischer Kreise in Wirtschaft und Politik“ aussprachen.

Diese Haltungen waren es auch, die ursächlich dafür sorgten, dass „Erinnerung und Demokratie“, wie Jeffrey Herf es pointierte, in der frühen Bundesrepublik „immer wieder in Widerspruch gerieten“. (1) Adenauers Schwerpunkt lag darauf, antisemitisch-autoritären Stimmungen möglichst wenig eigenständigen Artikulationsraum zu gewähren, also lieber in der CDU/CSU einen nur oberflächlich demokratisierten Rechtsaußen-Flügel zu dulden und diesen durch Integration gen Westen zu nötigen, als die Bildung einer zugkräftigen antidemokratischen rechten Partei zu riskieren. Eine durchaus nachvollziehbare Haltung, die in bitterer Konsequenz aber dazu führte, dass die Verfolgung von NS-Verbrechen in den 1950er Jahren alles andere als eifrig betrieben, die Rolle der Wehrmacht im Vernichtungskrieg sogar regelrecht totgeschwiegen wurde. Heuss und Schumacher hingegen legten den Schwerpunkt eher auf „Gerechtigkeit“, thematisierten stets den Antisemitismus und den Holocaust samt der Mentalität, die vom einen geprägt wurde und deshalb zum anderen geführt habe, und machten sich damit in weiten Kreisen fast so unbeliebt, wie es die von den Völkischen so beschimpften „Erfüllungspolitiker“ der Zwischenkriegszeit gewesen waren. Die Wahlniederlagen der Sozialdemokratie in der unmittelbaren Nachkriegszeit dürften in nicht geringem Maße auf die projüdische und proisraelische Haltung der Partei damals zurückgehen. So war die oppositionelle SPD-Fraktion im Bundestag beispielsweise die einzige, die 1952 geschlossen für das Luxemburger Abkommen stimmte, in dem die vereinbarten Reparationszahlungen Westdeutschlands an Israel geregelt wurden, was dem Antrag überhaupt erst seine klare Mehrheit verschaffte. Die kleine KPD-Fraktion im Übrigen stimmte zu Hochzeiten der antikosmopolitischen Säuberungen hinter dem Eisernen Vorhang ebenso geschlossen dagegen.

Reeducation und Protestbewegung

Die politische Konstitution der frühen Bundesrepublik war also tief widersprüchlich. Auf der einen Seite waren da, um es mit Lenin zu sagen, die „Kommandohöhen“: das Bundeskanzleramt, die Rundfunkanstalten, die Bildungsministerien und die Universitäten, die eine sanfte, aber in der Rückschau doch sehr bestimmte Reeducation betrieben und auf deren Effekte bei der heranwachsenden Spät- und Nachkriegsgeneration hofften. Auf der anderen Seite aber herrschte der allgegenwärtige Nazismus des Alltags: in den Familien sowieso, aber auch auf den unteren Ebenen der Administration, exekutiert von prügelnden und hetzenden Lehrern, brutalen Kommiss-Polizisten und autoritären Vorgesetzten aller Art. So nimmt es nicht wunder, dass sich ein Generationenkonflikt der schärfsten Art in den 1960er Jahren anbahnte, der letztlich aber gerade nicht in die Richtung führte, die viele von jenen, die mit Verve die Verwestlichung der Jugend vorantrieben, erhofft hatten.

Denn der Konflikt fand auf zwei Ebenen statt, die alles andere als säuberlich geschieden waren: Der wachsende Unwille, so zu leben, wie es die Alltagsnazis der Vorgängergeneration getan hatten, richtete sich gegen die Autoritäten schlechthin, gegen Adorno letztlich genauso wie gegen den Steißtrommler, den man am Familientisch wie im Klassenzimmer erdulden musste – ohne noch unterscheiden zu wollen, dass der eine das gerade Gegenteil des anderen darstellte. Die Fähigkeit, wohlmeinend-paternalistischen Konservativismus und kryptonazistischen Pseudo-Konservativismus auseinanderzuhalten, war kaum vorhanden, was leider bis heute gilt. Das Establishment verschmolz in den Augen der Rebellen so zu einer amorphen Masse, von der und deren Vergangenheit man sich in toto abheben wollte, mit deren Leid beziehungsweise Schuld man nichts mehr zu tun haben wollte. All das, aber eben auch die im Lauf eines Vierteljahrhunderts langsam gewachsene Sensibilität gegenüber gewalttätigen Mobilmachungen, Weltbrandreden und nicht zuletzt auch die moralisch anerkannte Verpflichtung gegenüber Israel wollte man mit einem großen Schlag loswerden, mit dem allergrößten sogar, den das historische Arsenal bot, der proletarischen Weltrevolution, getragen von antikolonialen Massen. Die gängige Formel war stupide aber wirkungsvoll: Kapitalismus erzeugt Faschismus, Kapitalismus muss weg! Nur folgerichtig galt dann auch, dass wer gegen den Kapitalismus sei, ergo kein Faschist sein könne. Verworfen wurde damit die Einsicht und Erinnerung, dass der Faschismus und insbesondere der Nationalsozialismus sehr wohl auf sehr bestimmte Art antikapitalistisch waren, dass gerade letzterer wie kein anderer antikoloniale Bewegungen gefördert hatte und, last but not least, dass NSDAP, SA und SS ebenfalls Jugendbewegungen vorstellten, die keine Rücksicht mehr auf die Hemmungen der alten Welt zu nehmen gewillt waren.

Eine solch rücksichtslose Selbstermächtigung, wie der heute geläufige Terminus verräterisch lautet, konkurrierte allerdings noch eine ganze Weile mit den ebenfalls nicht zu leugnenden sympathischen Zivilisierungserfolgen eben dieses zurückliegenden knappen Vierteljahrhunderts. In einer Umfrage des Allensbach-Instituts Ende 1967, also noch nach dem Sechs-Tage-Krieg und auch nach der Ermordung Benno Ohnesorgs durch einen faschistoiden Hilfspolizisten, ergab sich, dass Studenten zwar den untergründigen Antiamerikanismus der westdeutschen Gesellschaft in großem Umfang teilten – auf dem Höhepunkt des Vietnam-Krieges und angesichts der Vielzahl dubioser Verbündeter der USA im Kalten Krieg zumindest in Maßen nachvollziehbar –, jedoch dezidiert nicht ihren Autoritarismus und Antisemitismus: Mehr als die Hälfte der Studenten hießen die Proteste ihrer Kommilitonen gut und sogar stolze 85 Prozent der Studenten befürworteten damals zugleich die Reparationszahlungen an Israel, was in der Gesamtbevölkerung gerade einmal ein Zehntel tat. Wiederum nur neun Prozent der Studenten beantwortete die bekannte Frage, ob der Nationalsozialismus eigentlich eine gute Idee gewesen sei, mit ja, in der Gesamtbevölkerung hingegen stimmte immer noch jeder Zweite dieser Aussage zu. (2)

In den Folgejahren entstand aus dieser spannungsgeladenen Atmosphäre einerseits das Klima für die sozialdemokratische Reformpolitik der ersten Brandt-Jahre, die bereits während der Großen Koalition begonnene Reformprojekte in großem Maßstab fortführte. Andererseits deckte die Lockerung der öffentlichen Debatten in der Bundesrepublik wohl allzu viele generationsübergreifende Mentalitätskonstanten auf: Die Auslagerung des Nationalsozialismus auf den „Imperialismus“ versprach die Loslösung von der deutschen Vergangenheit und bereitete dadurch zugleich einer generationellen Versöhnung den Weg, bei der sich die großelterlichen reuigen Kämpfer der tatsächlichen nationalen Revolution mit den wenige Jahre später reuigen Kämpfern der eingebildeten Weltrevolution einander wieder annäherten. Zudem avancierte in jenen Jahren ostentativer Radikalismus vom Karrierehindernis zusehends zu einem Karrierehelfer, sofern man sich im Tausch für sozialen Aufstieg nur rechtzeitig der Mao-Kostümierung entledigte.

Was bei diesem Treiben störte, war lediglich der von Dieter Kunzelmann attestierte „Judenknacks“ deutscher Linker, den man immer handfester zu kurieren suchte. Der Sieg Israels im Sechs-Tage-Krieg begann dabei eine entlastende Funktion zu übernehmen. Zeigte doch die scheinbare militärische Überlegenheit Israels, dass man sich zum einen keine Sorgen mehr machen musste um den jüdischen Staat, ja dass dieser, dem in den Folgejahren des Sieges von 1967 beinahe mythische Allmacht angedichtet wurde, nichts mehr mit Opfern des Faschismus-gleich-Kapitalismus zu tun habe, sondern selber zum Stützpfeiler von Faschismus-gleich-Kapitalismus geworden war. Diese projektive Verkehrung Israels in der Sicht junger linker Deutscher nachgerade zum Profiteur des Nationalsozialismus kehrte die bisherige Entwicklung fast um. Während in der westdeutschen Gesamtbevölkerung die offen antisemitischen Ressentiments in den Achtzigern langsam zurückgingen, die Reeducation sozusagen in der Breite nachwirkte, kehrten sie im akademischen Milieu mit Macht zurück. Das jedoch in schlussendlich gewandelter Form: im neo-völkischen Kitsch der Öko- und Dritt-Welt-Romantik und dem akademischen Kultus um das „Andere“.

Israel vor dem Untergang – na und?

So kam der Überfall an Jom Kippur 1973 zu einem Zeitpunkt, als kaum ein progressiv gesinnter Mensch es mehr für nötig befand, die Stimme für Israel zu erheben. Die Avantgarden des Marxismus-Leninismus, von RAF bis KBW, deren gemeinsame Losung „Dem Volke dienen“ lautete, hatten mit ihren schrillen Tönen vorgepfiffen, während die DKP, damals eine Partei mit an die 50.000 Mitgliedern, die dumpferen Töne aus der DDR echote, in der der Ministerrat am 7. Oktober 1973 verlautbart hatte: „Israel und diejenigen imperialistischen Kräfte, die es seit Jahren in seiner Aggressionspolitik unterstützen, tragen die volle Verantwortung für die gegenwärtige gefährliche Lage und alle sich daraus ergebenden Folgen“. (3) Bis in die SPD-nahen Jugendorganisationen machte sich eine Stimmung breit, die den arabischen Überfall als eine Art Revanche für den amerikanisch unterstützten Militärputsch gegen den sozialistischen Präsidenten Allende wenige Wochen zuvor empfand.

Und auch von höchster Ebene kam nichts anderes. So band die zwar hauptsächlich, aber nicht nur von Scheels FDP durchgedrückte Linie, dass „Israel ein Störfaktor in Deutschlands Außen- und Wirtschaftspolitik“ sei, wie Michael Wolffsohn den Ton und die Ausrichtung der nach 40 Jahren geöffneten Akten aus dem Bundeskanzleramt in der Welt vom 9.6.2013 resümierte, nicht zuletzt den Kniefall-Kanzler Brandt. Dessen unrühmliche diplomatische Rolle im Sommer/Herbst 1973 machte die neue Isolation Israels besonders deutlich, eine Isolation, die nur durch die bedingungslose, sich um den Widerstand aus anderen Nato-Staaten kaum scherende Unterstützung der USA nicht in die Katastrophe führte.

Es hat jedenfalls gute Gründe, dass Jom Kippur der verdrängte Krieg blieb. Er passte damals und er passt heute einfach nicht, nicht in die modernisierte deutsche Vergangenheitsbewältigung und nicht in die deutsche Wirtschaftsstrategie. Denn der wachsende Antizionismus Reformdeutschlands und die offenbar – aller Reeducation zum Trotz – unwiderstehliche Versuchung, die eigene Vergangenheit durch Dämonisierung Israels zu entsorgen, sind nicht allein isoliert sozialpathologisch zu erklärende Phänomene. Die Schwächung der geistigen wie politischen Westbindung der Bundesrepublik, die der Jom-Kippur-Krieg erstmals klar sichtbar werden ließ, fiel zeitlich nicht von ungefähr zusammen mit dem Ende des Welthandelssystems, wie es in Bretton Woods am Ende des Zweiten Weltkriegs festgelegt worden war. Die dort festgeschriebene Leitfunktion des Dollars (samt ihres von Keynes seinerzeit übrigens vehement abgelehnten „Geburtsfehlers“, die Deckung des Dollars in Gold) endete ebenfalls 1973. So wie Deutschland sich weigerte, seine Exportabnehmer in der Dritten Welt durch Parteinahme und Unterstützung für Israel im Jom-Kippur-Krieg zu vergrätzen, so weigerte es sich im selben Jahr auch, durch Deviseninterventionen den US-Dollar zu stützen. Die Wechselkurse wurden de facto freigegeben, das Ende der amerikanischen Regulationsvormacht eingeläutet.

Dieser Konflikt hatte eine Vorgeschichte. Deutschland und Japan lehnten es schon seit den 1960er Jahren ab, die expansive Wirtschaftspolitik, die der Dollar als Weltgeld garantieren sollte, fortzuführen und zu unterstützen, sie kochten im Zuge der Dekolonisierung ihr eigenes Süppchen. Beide Länder verschafften sich insbesondere auf den neu sich öffnenden Märkten des zusammengebrochenen Empire und des französischen Kolonialreichs immense Wettbewerbsvorteile durch eine an niedrigen Inflationsraten orientierte Politik und systematische Unterbewertung ihrer Währungen. Die Erklärung von Rambouillet als Ergebnis des damals noch als G6, später dann als G7 beziehungsweise G8 bekannt gewordenen Formates ebnete 1975 schließlich den Weg in den postmodernen Kapitalismus unserer Tage: Die Industrienationen einigten sich jetzt auch de jure auf eine Freigabe der Wechselkurse und vor allem auf die Abschaffung der Kapitalverkehrskontrollen, was letztlich den Einfluss der Kapitalmärkte auf die Haushaltshoheit der Nationalstaaten in einem seit dem Zweiten Weltkrieg ungekannten Maß stärkte und die Migration der Produktion weg von den korporatistisch-legislativen Fesseln in den westlichen Ländern in Billiglohnländer in die Wege leiten half – mit allen bekannten verheerenden Folgen hie wie da. (4)

1973 war das Jahr, in dem die Nachkriegsordnung an ihr Ende kam, 16 Jahre, bevor sie mit dem Zusammenbruch des RGW-Verbunds auch offiziell obsolet wurde, das Jahr, in dem sich das kriselnde Kapital der Regulation ebenso zu entziehen begann, wie die einstigen Siegermächte begannen, die Kontrolle zu verlieren. Allein Israel als zentrales Produkt jener Nachkriegsordnung, als Staat, den es ohne den westlichen Sieg im Weltkrieg und die daraus folgende US-amerikanische Hegemonie so wohl schwerlich nur hätte geben können, besteht fort als Störfaktor, der in einer deregulierten Welt als „nationalistisches“ und „souveränistisches“ Relikt beschimpft wird. Daran ändert nichts, dass sich Israel, allein schon um des blanken Überlebens seiner Bevölkerung willen, zur permanenten militärisch-technologischen Überlegenheit gezwungen sah und deshalb jegliche Verwirklichung gesellschaftlicher Utopien sistierte. Der Umbau vom Gewerkschaftsstaat zum Hightech-Staat vollzog sich ähnlich wie in anderen westlichen Ländern – und wiederum auch nicht. Denn die Tendenz zur Selbstzerstörung staatlicher Souveränität, wie sie in Europa herrscht, kann Israel sich schlicht nicht leisten. Vor diesem Hintergrund erst lässt sich die postmoderne Neuausrichtung des Antizionismus unserer Tage erklären: Warf man früher den Juden die Zersetzung vor, so ist es nun ihr Staat, dem man vorwirft, dem Zerfall zu widerstehen.

Uli Krug (Bahamas 80/2018)