My Own Private Holocaust

Untergangswunsch, Vernichtungsangst und die toten Augen der Greta Thunberg

Ich war 2009 dabei, als wir Milchlaster in der Bucht von Mont-Saint-Michel ausgeleert haben; ich habe eine üble Erinnerung daran. Melken wie jeden Morgen, die Laster betanken und dann alles auskippen wie wertloses Zeug… Ich glaube, da würde ich lieber die Gewehre rausholen.

Michel Houellebecq — Serotonin

„Die Natur verhandelt nicht“, so wiederholt es Martin Kaiser von Greenpeace Jahr ein, Jahr aus, auf jeder Klimakonferenz der Vereinten Nationen, zuletzt anlässlich der Sicherheitskonferenz in München, wo er dem US-Vizepräsidenten Mike Pence vorwarf, den Klimawandel nicht einmal erwähnt zu haben. Dass diesem nicht genug Aufmerksamkeit gewidmet würde, kann man, zumal in Deutschland, nicht behaupten. Aber genau darum geht es: Mitschuldig macht sich schon, wer den Klimawandel und dessen Folgen für künftige Generationen außen vor lässt, gleichgültig, um welche politischen Themen es gerade geht. Dass der Mensch dabei nicht selbst als Teil der Natur begriffen wird, die er bearbeitet und in die er eingreift, zeugt von einem Naturverständnis, das deckungsgleich ist mit dem derjenigen, die angeklagt werden, den Klimawandel nicht ernst zu nehmen und dadurch zum Weltuntergang beizutragen. Natur, das soll etwas an sich sein: unterworfen und zugleich absolut herrschend; lieblich und schützenswert, aber ebenso grausam und gnadenlos; wild und ungebändigt, dennoch ehernen Gesetzen folgend; betörend schön und doch lebensgefährlich; Lebensgrundlage und Todeszone in einem; vor allem aber: sprachlos. Denn die Sprachlosigkeit der Natur ermöglicht es sowohl jenen, die den menschengemachten Klimawandel für eine Tatsache halten – selbst wenn alle Prognosen, von der Versteppung des Planeten über das Waldsterben bis zum Ozonloch, sich nicht bewahrheitet oder durch Gegenmaßnahmen erledigt haben –, als auch jenen, die die Erderwärmung für einen menschenunabhängigen Prozess halten, in ihrem Namen zu sprechen. So schwanken die Positionen zwischen Allmacht – wir können das Klima machen – und Ohnmacht – die Natur macht eh, was sie will. Der gemeinsame Bezugspunkt ist ein Naturverständnis, das die zweite, die gesellschaftliche Natur von der ersten, der biologisch-organischen abspaltet. In Formulierungen, die nahelegen sollen, dass der Mensch ein Fremdkörper in der Natur sei, also wie ein Alien vom Planeten Zweite Natur über die unschuldige Erde hergefallen ist, aber ebenso in Phantasien, in denen die Erde zu einer Mischung aus Selbstbedienungsladen und Raubrittergut gerät, verrät sich das Gegenteil des schöpferischen Anspruchs, in der Auseinandersetzung mit der ersten Natur die Welt zu einer menschlichen zu machen.

Die Grundannahme des historischen Materialismus, dass gesellschaftlicher Fortschritt mittels der Beherrschung der Natur notwendig und möglich wird – und dabei die Trennung von erster und zweiter Natur eine Arbeitshypothese darstellt, die diesen Zusammenhang erhellen soll –, ist aus dem Denken verschwunden, weil die Konsequenz ein Dementi der Behauptung wäre, dass die Natur nicht verhandele: Sie tut es mittels ihres sprachbegabten Tieres. Leider nutzt dieses die Sprachbegabung nicht, um darüber nachzudenken, welche Verantwortung sich daraus ergeben könnte – dazu bräuchte es ein entsprechendes Subjekt: die Menschheit –, vielmehr wird die Sprache genutzt, um den Menschen entweder als Fehltritt der Evolution zu desavouieren und sich in Weltuntergangsphantasien zu ergehen oder sich einem Nihilismus der Grenzenlosigkeit des Kapitalverhältnisses anheimzugeben, der insgeheim ebenso dem Untergang verhaftet ist. Gegenstand des Sprechens über den Klimawandel ist weder Mensch noch Natur noch Dieselkraftstoff, sondern die Ohnmacht, die von der zweiten auf die erste Natur nur verschoben wird, weil man sich nicht mehr der Illusion hingibt, an der Gesellschaft noch etwas retten zu können. Dass die zweite Natur übermächtig geworden ist und der Mensch nicht mehr gilt als ein gefällter Baum im Amazonasgebiet oder ein ölverschmierter Vogel, kann als Hinweis darauf verstanden werden, dass die Menschen ebenso Anhängsel geworden sind wie die erste Natur, der sie entstammen, und dass entsprechend einzig die Beherrschung der zweiten Natur Rettung bringen könnte. Die Rettung jedoch wird stattdessen in der Verabsolutierung der zweiten Natur gesucht. Dem zwangsneurotischen Mechanismus des Mehrdesselben entsprechend, in dem beständig wiederholt wird, was als unsinnig sich längst schon erwiesen hat, wird seit über 50 Jahren über den Klimawandel geredet, um nicht darüber sprechen zu müssen, wie der Hunger aus der Welt geschafft werden kann.

Alltag und Katastrophe

Die Debatte über den Klimawandel als über das Schicksal der Gattung entscheidende Frage sorgt dafür, dass viele andere Fragen nicht gestellt werden, die für die Gattung, so sie denn einmal Menschheit sein will, entscheidend sind, erlaubt aber zugleich die Fiktion des Subjekts Menschheit im Angesicht der Natur, vor der „wir“ alle gleich sind und alle die gleiche Verantwortung haben, egal, ob wir Dieselfahrer, Sojabauern, Vielflieger oder Morgenmuffel sind: Das ist so herrlich unausweichlich und gleichzeitig derart abstrakt, dass, wie Wolfgang Pohrt bereits 1991 feststellte, es ein Missverhältnis geben muss zwischen der Untergangsangst und der konkreten Befürchtung, selbst betroffen zu sein:

Je abstrakter der Inhalt der Untergangserwartung ist und je ferner die Behauptung dem Erfahrungs- und Vorstellungshorizont eines Normalbürgers liegt – von der möglichen eigenen Krebskrankheit kann man sich vielleicht noch eine Vorstellung machen, vom Weltuntergang nach der Klimakatastrophe kaum –, desto größer wird also einerseits die Zustimmung sein, die sie erntet, und desto geringer ist andererseits einstweilen noch der Zusammenhang zwischen der Untergangserwartung und beliebigen anderen Vorstellungsinhalten. Es scheint, als wäre der Weltuntergang als abstrakte Idee eine lockende Vorstellung für alle, und als träten Differenzen erst bei der Frage auf, wie weit man mit der Realisierung gehen und welchen Preis man dafür zahlen möchte. Die maximale Zustimmung zum ozonlochbedingten Weltuntergang und die etwas geringere, aber immer noch sehr hohe Zustimmung zum schadstoffbedingten Krebstod wären dann so zu interpretieren, daß nicht alle, die sich den Weltuntergang wünschen, auch dem eigenen Krebstod entgegensehen möchten, daß aber von vielen das Risiko eines vorzeitigen eigenen Todes durch Krebs realistischerweise als so gering eingestuft wird, daß sie sich das ihnen angenehme Bild einer vergifteten, ihrem Untergang entgegentreibenden Welt davon nicht vermiesen lassen. (Pohrt 1991, 248)

Pohrt hat in seiner Untersuchung Der Weg zur inneren Einheit festgestellt, dass sich die mit den Achtzigerjahren verbundene, esoterische Untergangsangst der damaligen Ökobewegung mit dem Zusammenbruch des Sozialismus 1989 über Nacht in kerniges Mitmachen verwandelt und so die Voraussetzung für grüne Regierungsbeteiligungen geschaffen hatte. Die Untergangsangst – oder besser: Untergangsangstlust – aber, die sich zunächst an Radioaktivität geklammert, dann an den Sauren Regen gebunden, danach auf die Mittelstreckenraketen verschoben und alsbald auf das Ozonloch verlagert hatte, blieb offenbar so virulent wie die inneren und äußeren Verhältnisse, die sie im Subjekt unbewusst schüren: „Als Ersatz für die Kritik an einem gesellschaftlichen Ausbeutungsverhältnis, welches auch seine Nutznießer gefährdet, stellte die Angst vor schleichender Vergiftung und tückischen Strahlen sich ein“. (Pohrt 1991, 303) Die „Klimakatastrophe“ ist dabei die abstrakteste Form der Untergangsphantasie, eine, die nicht allein von Bildern verhungernder Eisbären, schmelzender Gletscher oder von Wetteranomalien bedient werden kann. Vielmehr gilt hier Benjamins Diktum, dass es so weitergehe, sei die Katastrophe: jedenfalls für viele Mittelschichtsjugendliche Westeuropas, die die eigenen mauen Lebensaussichten in die Welt und aufs Klima projizieren und sich gegen die Erwachsenen zusammenschließen, denen sie die Schuld an der Kläglichkeit ihrer Zukunftsaussichten geben. Der Hype um Greta Thunberg und den von ihr inszenierten Klima-Schulstreik gibt dieser diffusen Angst eine Richtung. Das wohlige Grausen, das sich einstellt, wenn Greta, wie sie von allen genannt wird, vor der „Wirtschaftselite der Welt“ in Davos zu „Panik“ aufruft und im Namen ihrer Generation den Erwachsenen scheinbar die Gefolgschaft entzieht, hat eher mit der Figur des Racheengels als mit der einer jugendlichen Aktivistin zu tun, die sich selbstbewusst Öffentlichkeit verschafft. Dass sie jünger aussieht als die 16 Jahre, die sie alt ist, und mit ihren Zöpfen und ihrer starren Mimik an Wednesday, die mittlere Tochter der Addams-Family erinnert, trägt zum Gruselfaktor bei, den andere Authentizität nennen. Wednesday ist in der Addams-Family die einzige Figur, die wirklich gruselig ist; eine kleine Sadistin, lässt sie keine Gelegenheit aus, andere zu quälen und sich gefügig zu machen. Während der Rest der Familie eher so wirkt, als seien sie amerikanischer Durchschnitt, nur eben im Frankenstein-und-Dracula-Universum, ist Wednesday nicht nur – gemessen an den Wertvorstellungen ihrer „Kultur“ – eine ausgemachte Spießerin, sie verkörpert auch das wirklich Unheimliche, das selbst in diesem Universum eben nicht einfach so da ist.

Wednesday bekommt in der Fernsehserie von ihren liebevollen Eltern behutsam Grenzen aufgezeigt, und auch wenn sie kein eigenes Überich zu besitzen scheint, fügt sie sich meistens, wenn auch schmollend. Bei Greta, der behüteten Tochter aus der oberen Mittelschicht Schwedens – die Mutter Malena Ernman ist eine bekannte Opernsängerin, der Vater, Svante Thurman, ein Schauspieler –, scheint das anders zu sein: Die Fama, die von den Eltern mittels eines Buches verbreitet wird, beschreibt es so, dass Greta im Alter von acht Jahren vom Klimawandel erfahren hat. Zunächst schaltete sie im Haus nur die Beleuchtung ab, danach ernährte sie sich vegan, flog nicht mehr, und ihre Eltern sowie ihre Schwester machten das alles mit. Die Vermarktung ihres Asperger-Autismus macht Greta zudem immun gegen eventuelle Kritik. Ihre Diagnose hat sie zur Herrscherin über ihre Familie gemacht, und nun tritt sie so, wie sie ihren Eltern gegenübertrat, auch der Öffentlichkeit gegenüber auf. Begründen muss sie das nicht, denn: „Ich sehe die Welt etwas anders, aus einer anderen Perspektive. Ich habe ein besonderes Interesse. Es ist sehr üblich, dass Menschen im Autismus-Spektrum ein besonderes Interesse haben.“ (1) Nur besteht dieses Interesse zumeist nicht in der Rettung der Menschheit, sondern in der Befassung mit öffentlichen Verkehrssystemen, Straßenbahnen, Bussen, Zuglinien und Bahnhöfen oder mit allem anderen, was dem inneren Chaos des „Menschen im Autismus-Spektrum“ äußere Struktur zu verleihen vermag. Bei Greta ist das anders, immer schriller werden ihre Warnungen und Forderungen; ein besonderes Interesse, außer der aufgesogenen, unbewussten Angst anderer und ihrer selbst, ist dabei nicht zu erkennen. Freilich kann es nicht darum gehen, sich über Greta lustig zu machen oder sie einfach als ideologisch verblendet zu denunzieren, wie es vielfach auch in ideologiekritischen Kreisen geschehen ist. Wem noch nicht jedes Scham- und Mitgefühl abhandengekommen ist, der sollte sich eher fragen, was es bedeutet, wenn ein 16-jähriges Mädchen mit schweren psychischen Problemen, dem ihre Eltern einreden, ihr Zustand sei nun einmal Schicksal, zur öffentlichen Figur wird.

Eine Wilde

Wenn in zahlreichen Artikeln über Greta die Rede davon ist, dass es sich beim sogenannten Asperger-Autismus um eine „leichte Form“ des Autismus handele, wird darüber hinweggetäuscht, dass es sich um eine Einordnung innerhalb dessen handelt, was das Autismus-Spektrum ausmacht. Ähnlich wie es eine „leichte Depression“ gibt, die für die Betroffenen und ihr Umfeld keineswegs „leicht“ ist, sondern einfach nur bedeutet, dass der Patient zumeist gerade so eben noch in der Lage ist, arbeiten zu gehen und den Alltag zu bewältigen, gibt die Unterteilung im Autismus-Spektrum keineswegs darüber Auskunft, was die Zugehörigkeit zur einen oder anderen Form für Patienten und Angehörige bedeutet. Im deutschen Manual für die Diagnostik heißt es allgemein: „Die Kernsymptome von Autismus-Spektrum-Störungen umfassen altersunabhängige Defizite in der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie eingeschränkte, repetitive Verhaltensmuster, Interessen oder Aktivitäten. Störungen der Interaktion beziehen sich auf die Initiierung, Aufrechterhaltung und Gestaltung von zwischenmenschlichen Beziehungen im Rahmen von Familie, Freundschaft, Partnerschaft sowie Gleichaltrigen in Kindergarten, Schule und Beruf. Störungen der Kommunikation beziehen sich einerseits auf die Sprachentwicklung, andererseits insbesondere auf die nonverbale Kommunikation einschließlich Gestik, Mimik oder Blickverhalten. Hinzu kommen bei kognitiv gut begabten Betroffenen auch paraverbale Leistungen wie das Verstehen von übertragener Bedeutung in Sprichwörtern und Humor oder Ironie. Eingeschränkte, repetitive Verhaltensweisen, Interessen oder Aktivitäten umfassen Spezialinteressen, ritualisierte Tagesabläufe und eine starke Abneigung gegenüber Veränderungen der eigenen Lebensumstände. Diese Phänomene müssen von frühester Kindheit an bestehen und bleiben lebenslang präsent.“ (2) Charakteristisch ist ein ausgeprägter Mangel an Empathie, das heißt am Erkennen von Gemütszuständen anderer, gepaart mit einem Unverständnis der Reaktionen anderer; im Vordergrund steht bei „kognitiv gut begabten Betroffenen“ die mangelnde Fähigkeit zu Metaphorik und Symbolisierung. Dass „Menschen im Autismus-Spektrum“ nunmehr nicht als behindert oder krank gelten wollen, hat mit der exorbitanten Zunahme von diagnostizierten und selbstdiagnostizierten Fällen von Asperger-Autismus zu tun. Es gibt Foren im Internet, in denen man sich selbst testen kann, und es gibt Selbsthilfegruppen von Beleidigten, denen Psychiater die gewünschte Diagnose verweigert haben.

Die Botschaft lautet hier ebenfalls: Die Natur verhandelt nicht. Wurde der Autismus früher als frühkindliche Psychose beschrieben und machte etwa Bruno Bettelheim die „Kühlschrankmutter“, das heißt ein Versagen der Eltern von Neugeborenen, für diese frühen Störungen verantwortlich, gilt Autismus heute lediglich als eine von der gesellschaftlichen Norm abweichende Wahrnehmungsweise. Im Gleichklang mit der Klage über Heteronormativität wird die Neuronormativität der medizinischen Diagnose angeprangert und autistischen Menschen ein besonderes Verhältnis zur Realität nachgesagt. Obwohl jeder Beleg dafür bislang fehlt, wird diese Annahme von der biologischen Psychiatrie unterstützt: Wo es sonst keine Hilfe zu geben scheint, hilft es offenbar, den Leidenszustand für normal zu erklären. Michel Foucault, der in seiner Beschreibung der normativen Kraft der Psychiatrie Sinnvolles und Notwendiges zur Psychiatriekritik beigetragen hat, würde sich im Grabe umdrehen, diese Absage ans Normative mit ihm verbunden zu wissen. Die Unfähigkeit zur Einfühlung als biologische Gegebenheit wird zur Rechtfertigung, sich überall ohne schlechtes Gewissen wie ein Arsch aufzuführen. Die Realität des Autismus ist eine andere: Autistische Menschen leiden oftmals unter der Kontaktunfähigkeit und darunter, die Wirklichkeit nicht zu verstehen; selbst wenn sie sogenannte „Inselbegabungen“ haben, sind sie nur sehr begrenzt in normale Abläufe, zum Beispiel auf der Arbeit, integrierbar und spüren das auch. Nicht zuletzt gibt es eine hohe Komorbidität mit anderen psychischen Erkrankungen und kognitiven Behinderungen. Es existiert keine „leichte Form des Autismus“, es gibt aber offenbar Menschen mit wenig Empathie, die die Diagnose des Autismus für sich beanspruchen, weil sie damit leichter durchs Leben kommen und keine Verantwortung übernehmen müssen.

Das gilt für Greta nicht. Sie hat einen hohen Grad sozialer Anpassung erreicht, die es ihr ermöglicht, sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Sie will das sicher selbst auch, aber inwieweit sie ihre öffentliche Wirkung selbst einschätzen und bestimmen kann, muss dahingestellt bleiben. Als Figur präsentiert sie une sauvage – eine Wilde – im Sinne Rousseaus, die, eben weil sie „anders“ ist, eine unbequeme Wahrheit geradeheraus auszusprechen vermag, und als solche ist sie im unerklärten Krieg der europäischen Mittelschichten gegen die Armen und Verwahrlosten eine unschätzbar kostbare Waffe. Denn so aggressiv, anklagend, vernichtend gar ihre Worte sind – ihnen fehlt die Leidenschaft, und das scheint es zu sein, was viele ihrer Altersgenossen mobilisiert, die sich durch einen ähnlichen Mangel an Empathie, insbesondere gegenüber der Elterngeneration, auszeichnen.

Die Verdammten

Autistoide Emotionslosigkeit ist es, was den gesamten halbgaren Klimaprotest charakterisiert. Schüler lassen sich am Freitag von ihren Eltern zur Schule bringen; implizit geben die Schulleiter ihnen frei, es wird halt dann nachgeholt, was am Freitag, ohnehin der unwichtigste Schultag, verpasst worden ist. Von Streik oder Protest könnte keine Rede sein, wäre da nicht die Angst der Eltern vor der Rache ihrer Kinder. Es ist keineswegs Radikalität oder Konsequenz, die deren Protesten Bedeutung verschafft, vielmehr ist es schlechtes Gewissen und schiere Angst, dass alle Kinder so sein oder werden könnten wie Greta – und wo die Angst ist, ist der Wunsch nicht weit. Die German Angst war schließlich einstmals der German Wish nach Weltherrschaft bis zur Selbstvernichtung; heute ist sie die verallgemeinerte Form eines Vorbewussten, das sich um die Niederungen des Alltags nicht mehr zu kümmern braucht, sondern individuell das große Ganze im Blick hat. Diese Leidenschaftslosigkeit in der Abrechnung mit den Altvorderen war auch den Nationalsozialisten eigen, und ohne historische Parallelen allzu sehr strapazieren zu wollen, ist es doch auffällig, dass vor allem jüdische Vertriebene ausdrücklich das jugendlich-revolutionäre, aber dennoch vollkommen leidenschaftslose Element der nationalsozialistischen Machtübernahme thematisiert haben, und zwar nicht zuletzt in Horror- und Gruselfilmen, die die Möglichkeit bieten, eigene Phantasien zu visualisieren.

In dem britischen Film Das Dorf der Verdammten von Wolf Rilla aus dem Jahr 1960, nach einer nichtssagenden Romanvorlage von John Wyndham, tauchen Kinder mit jenem toten Blick der Rache auf, mit dem auch Greta die Welt betrachtet. Rilla war ein jüdischer Emigrant; er fügte der Vorlage die gespenstische, arisch-totäugige Aura hinzu, die den Film zum Klassiker werden ließ: In einem normalen Dorf verlieren die Erwachsenen eines Tages plötzlich das Bewusstsein. Nachdem sie wieder aufgewacht sind, werden in kürzester Zeit fast allen Ehepaaren neue Kinder geboren, die alle gleich aussehen und sich sehr schnell entwickeln. Sie diktieren ihren Eltern, darin Greta sehr ähnlich, was diese zu tun haben. Der Widerspruch und der eigentliche Horror entstehen im Film dadurch, dass die Eltern merken, dass etwas nicht stimmt; nicht sie, die Kinder sind fremd geworden. Die Verleugnung dieses Gefühls, dem Sigmund Freud sich in der historischen Wirklichkeit bis zur letzten Minute widersetzt hat: dass da eine Generation heranwächst, die mit der Generationenfolge aufräumt, weil sie glaubt, nur die Vernichtung der Eltern könne ihre Zukunft sichern, hat vielen anderen das Leben gekostet, weil sie für sie eine Denkunmöglichkeit darstellte. Heute scheint die Lage anders zu sein: Seit Jahrzehnten sinkt der Lebensstandard der Mittelschichten, und deren Kinder ahnen, dass sie keineswegs den ihrer Eltern erhalten oder übertreffen werden. Den Verzicht ökologisch zu rationalisieren, als eigene Wahl darzustellen, hilft dabei, sich der Enttäuschung zu entziehen, dass es die Eltern nicht richten können, dass sie ebenso ohnmächtig sind wie man selbst und einem lediglich Bildungschancen und Beziehung anbieten können. Die Naziklone im Dorf der Verdammten stehen für diesen Mord an den Eltern, den Mord an der Tradition: eine Drohung, die unbewusst von Greta ausgesprochen wird. In der Phantasie, dass die Eltern und Großeltern auf Kosten ihrer Kinder leben und deshalb bestraft, gar liquidiert werden müssen, entäußert sich der tiefe Kern des Antisemitismus: der Neid auf die unterstellte bedingungslose Eltern- und Kindesliebe der Juden, die die Verleugnung des Erbes und die Rückkehr zu ihm zu einer notwendigen Entwicklungsphase werden lässt, weil es – nicht zu Unrecht – große Zweifel gibt, wohin man da zurückkehren könnte.

Elternmord

Die als beinahe organisch angenommene Trennung zwischen Mensch und Natur spiegelt dabei nur die Verleugnung der eigenen Naturverfallenheit wider, die in drei Lebenstatsachen zusammengefasst werden kann: der langen Abhängigkeit vom äußeren Objekt in den ersten Lebensjahren, der Notwendigkeit der Fortpflanzung und dem Vergehen der Lebenszeit, die mit dem eigenen Tod endet. Diese biologischen Tatsachen werden in entsprechenden psychischen Übersetzungen des Individuums zur Grundlage seines bewussten wie unbewussten Erlebens. Die Anerkennung der Erfahrung ausreichend guter Versorgung in der frühen Kindheit bildet die Grundlage für Liebe und Hass sowie die Unterscheidung zwischen Gut und Böse; die Anerkennung des Ausschlusses aus dem elterlichen Geschlechtsverkehr, aus der eigenen Urszene, stiftet Inzesttabu und Generationenfolge, mehr noch aber schafft diese Anerkennung den psychischen Raum, der über die Dyade mit der Mutter hinausgeht, und damit sowohl die Möglichkeit für Phantasie wie für Realitätssinn, wie sie in ödipalen Inszenierungen zu allen Zeiten des Lebens zur Aufführung gelangen; die Anerkennung von Zeitlichkeit und Tod schließlich schützt vor narzisstischem Größenwahn und ist die Grundbedingung für jede Form des Begehrens wie des Aufbegehrens, denn man lebt eben nur einmal. Alle drei zusammen beschreiben die Voraussetzung für Entwicklung und Veränderung, wobei es darauf ankommt, wie die psychischen Übersetzungen im Subjekt vorgenommen werden (können), also wie die unbewussten Phantasien, die mit ihnen nach je subjektiver Erfahrung verknüpft sind, die Wahrnehmung der inneren und äußeren Realität strukturieren (vgl. Money-Kyrle 1971).

Sind neurotische Fixierungen im Wesentlichen an die verschiedenen Phasen der Auseinandersetzung mit diesen facts of life gebunden, stellen sie also Kompromisslösungen dar, die mehr oder weniger ein Leben lang funktionieren können, weil der Kontakt zur äußeren Realität überwiegend intakt bleibt und Erfahrungen verarbeitet werden können, gibt es tiefergehende Entwicklungsstörungen, denen eines gemeinsam ist: ihre Abkehr von der äußeren Realität, sowohl in der Wahrnehmung als auch in der libidinösen Besetzung von Objekten. Die Wahrnehmung funktioniert zwar formal – es ist keine physische Blind-, Taub- oder Stummheit vorhanden, keine Fühllosigkeit im neurologischen Sinn –, aber alles Äußere ist lediglich erweitertes Inventar der Innenwelt und wird entsprechend behandelt. Anstelle der libidinösen Besetzung von äußeren Objekten tritt die Besetzung des Ich. Die Notwendigkeit der Verleugnung der Naturverfallenheit im Individuum ergibt sich erst aus dem Abzug der Libido von den Objekten aufs Ich. Im Gegensatz zur Abspaltung, die mittels projektiver Identifizierung vonstatten geht, weiß der Verleugnende unbewusst oder vorbewusst um seine Verleugnung, ist aber unfähig oder unwillig, sie aufzuheben.

Es kann also vermutet werden, dass in der neuesten Weltuntergangsbewegung erstens die Notwendigkeit des versorgenden äußeren Objekts, zweitens die ödipale Triangulierung sowie die Generationenfolge und drittens die Tatsache des Vergehens der Zeit und der eigene Tod geleugnet werden soll. Dass dies zwangsläufig einhergeht mit dem Ansteigen der Judenfeindschaft hat einen banalen Grund, den schon Pohrt benannt hat: „Was beispielsweise die Juden und das Ozon miteinander verbindet ist die Tatsache, daß ein Durchschnittsdeutscher [bzw. Durchschnittseuropäer, Anm. TK] beide nur vom Hörensagen kennt. Das Gerede vom ozonlochbedingten Weltuntergang wie die Parole ‚Die Juden sind unser Unglück‘ müßte er daher für zumindest abseitig und verstiegen, wenn nicht blödsinnig halten, unter der Bedingung jedenfalls, daß er nach Maßgabe seiner eigenen Erfahrungen und seines eigenen Verstandes urteilt. Ganz unabhängig also vom Inhalt oder vom Wahrheitsgehalt der Klimakatastrophenprognose ist festzustellen, daß die Bereitwilligkeit, sie zu glauben, sich in keiner Weise von der Empfänglichkeit für den Glauben an eine jüdische oder sonstige Gefahr unterscheidet. Obendrein geht aus den Daten hervor, daß der Inhalt des Öko-Syndroms das Beliebige und Zufällige daran ist und die Denkform dasjenige, womit man auch in Zukunft wird rechnen müssen“ (Pohrt 1991, 271 f.). Es gälte zu Warenform und Denkform in jener Logik eine Fühlform hinzuzufügen, denn hier fehlt eine Vermittlung (3). Der Wunsch nach dem Elternmord ist nicht aus beiden ersteren allein zu erklären, er wäre erst aus dem Zusammenspiel der affektiven Verwicklungen zu analysieren, der den Hass auf die Alten und die Eltern erst wirklich erfassen könnte. In der Jungle World dekretiert etwa Jörn Schulz: „Jugendlichen fällt die Rolle der Erwachsenen zu, die mit der Stimme der Vernunft mahnen müssen, dass Zeit ein entscheidender Faktor im Kampf gegen die globale Erwärmung ist und die Uneinsichtigkeit Donalds und Wladimirs keine Ausrede sein darf.“ (4) Was der „Kampf gegen die globale Erwärmung“ nun wirklich sein soll, weiß offenbar auch Schulz nicht: Ihm geht es um den Eros der jugendlichen Revolte, wie konformistisch sie immer sein mag. Dass Rebellion heute heißen könnte, der Einladung zur Rebellion zu widerstehen, darauf kann der Sozialrevolutionär nicht kommen.

Juden wurden in Gaskammern vergast, wir auf der Straße!

In Konkret beschwert sich wie immer schwer kritisch Bernhard Torsch:

Nun gibt es auch Linke, die die […] protestantische Sturheit von Thunberg ein bisschen affektiert finden. Man fühlt sich an die schlechten Gedichte und noch schlechteren Lieder erinnert, die man gesungen oder gar geschrieben hat, als man selber 16 war. Vielleicht auch daran, ansonsten nicht viel getan zu haben und vor der letzten Konsequenz, das kaputtzumachen, was Mensch und Natur kaputtmacht, zurückgeschreckt zu sein. Größtenteils blieben das aber private und innere Regungen. 16-jährige zu verspotten und, wie im Falle Thunbergs, per Ferndiagnose entmündigen zu wollen, ist das Ding der Rechten und einiger Liberaler, die publizistisch ausrücken, das ‚Recht‘ auf den Privatbesitz automatischer Waffen ebenso zu verteidigen wie eine auf ewiges Wachstum ausgerichtete Wirtschaftsform in einer Welt mit begrenzten Ressourcen. Die besondere Niedertracht in der Wortwahl, die bis zu subtilen Vernichtungsdrohungen reichte, liegt gerade im Falle Thunbergs an der Schwere ihres Vergehens, nämlich der Leistungsgesellschaft mit Leistungs- und der Konsumgesellschaft mit Konsumverweigerung zu drohen. (5)

Anders als an Donald Trump nimmt an Greta niemand eine Ferndiagnose vor – das Problem ist ja vielmehr, dass sie und ihre Eltern die Diagnose wie ein Schutzschild vor sich hertragen. Interessant aber ist Torschs Absage an den Fortschritt: Die Formulierung, „eine auf ewiges Wachstum ausgerichtete Wirtschaftsform in einer Welt mit begrenzten Ressourcen“ legt nahe, es gehe einzig um Verzicht: jenen Verzicht, den Greta über sich und ihre Familie oktroyiert hat. Dass Greta andererseits mit neuesten Elektroautos (die sich kein bulgarischer Familienvater leisten kann, der deswegen ein Dieselauto aus Deutschland oder Österreich billig kaufen muss) von ihrem Vater um die Welt gefahren wird und selbst über Twitter kommuniziert; dass also Greta keineswegs Konsumverweigerung betreibt, das muss ihm entgehen, weil noch in jedem deutschen Linken (auch wenn er ein eingeborener Österreicher ist) ein Feind des Fortschritts schlummert. Da ist sogar Greta, selbst wenn sie es von sich selbst nicht wissen will, fortschrittlicher.

Michel Houellebecqs neuem Roman Serotonin wird nicht nur unterstellt, er sei reaktionär, weil er wieder einmal so schwulen- und frauenfeindlich ist, nein, quel scandale, er ist darüber hinaus noch ökologisch. In ihm geht es nicht um das Klima als Wetterphänomen, sondern um das Klima, das die Europäische Union in agrarischen Regionen mit ihren Subventionen schafft. Diese Version ist natürlich zu konkret für Feuilleton und Umweltschutz, allein weil sie sich allzu menschenfreundlich abhebt von Gretas abstraktem Gerede über die Natur, den Planeten und den Hass auf die Altvorderen. Als in den Achtzigerjahren Leute aus der Bewegung gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen die Parole „Die Juden wurden in Gaskammern vergast, wir auf der Straße!“ ausgaben, nahmen sie vorweg, was heute im europäischen Maßstab als Durchschnittsideologie gelten kann: Die eigenen Mordgelüste werden im wahrsten Sinne des Wortes in die Luft projiziert, deren Opfer man wird und gegen die man sich mit allen Mitteln zur Wehr setzen kann; jeder hat seinen privaten Holocaust zu gewärtigen. Die Juden hatten wenigstens so etwas wie Privatsphäre: Von Greta kann man das nicht behaupten.

Dass es sich dabei um die Unfähigkeit handelt, persekutorische Schuld in depressive zu verwandeln und derart zu überwinden, hat die Psychoanalytikerin Janine Chasseguet-Smirgel schon in den Achtzigerjahren festgestellt und gemeint, dass diese (damals noch deutsche) katastrophische Denk- und Fühlform verhindere, über die wirklichen Gefahren nachzudenken (vgl. Chasseguet-Smirgel 1988). Wenn Houellebecq in Serotonin die Verbindung von erster und zweiter Natur gerade am antidepressiven Medikament verhandelt, das eben dort ansetzt, wo in den Nervenbahnen nicht mehr unterscheidbar ist, welcher Stoffwechsel zu welchem Register gehört, wird eine Negativität greifbar, die eben in den Unterscheidungen allein noch Register zu erkennen vermag. Den Atavismus, zu dem Greta uns einlädt, beantwortet der Autor mit der schrecklichen Erkenntnis, dass es die zweite Natur ist, die uns zum Atavismus nötigt, weil das zivilisatorische Band zerschnitten wurde, das einstmals die Rechtfertigung für die Unterscheidung zwischen erster und zweiter Natur gewesen ist. Die Schönheit und Bitterkeit der unmittelbaren Auseinandersetzung mit der äußeren Natur ist der Aussichts- und Sinnlosigkeit der Befassung mit der inneren Natur gewichen.

Tjark Kunstreich (Bahamas 81/2019)