Die Brutalisierung des Linksliberalismus

Thesen zum Aufstieg der postproduktiven Klasse und der Kreativökonomie

Vielen gilt die SPD als traditionell und unbeweglich. Dennoch waren es regelmäßig Sozialdemokraten, die die jeweiligen Zeichen der Zeit erkannten, in vorauseilendem historischem Gehorsam die Weichen stellten und nach neuen Bündnispartnern Ausschau hielten: wie zum Beispiel der damalige Westberliner Wissenschaftssenator Peter Glotz auf dem linksradikalen Tunix-Kongress des Jahres 1978, an dem rund 20.000 Menschen teilnahmen und der einen regelrechten Gründerboom für Alternativprojekte auslösen sollte. Hatte die deutsche Politik bis hierhin versucht, die Ausbreitung des Linksradikalismus durch repressive Mittel einzuhegen, bot Glotz nun den Dialog an: „Ich bin bereit, auch alternative Kulturen zu verteidigen und die Mehrheit aufzufordern, sie zu tolerieren; aber dies hat natürlich zur Voraussetzung, dass diese alternative Kultur den Mainstream, die Mehrheitskultur, zumindest nicht aggressiv angreift und nicht versucht, die eigene Lebensart anderen aufzuzwingen. Dann könnten wir vielleicht zu einem modus vivendi zwischen Menschen mit unterschiedlichen Wertesystemen kommen.“

Einig war sich Glotz mit den Teilnehmern des Tunix-Kongresses darin, dass sich etwas grundlegend ändern müsse: „Die SPD als Partei muss in den Achtzigerjahren viel von dem aufnehmen, was in den neuen sozialen Bewegungen der Siebzigerjahre entstanden ist. Sei es im Feminismus, sei es in der Alternativbewegung, sei es unter den Überschriften ‚ökologisches Bewusstsein‘ oder ‚Sensibilisierung‘.“ Den tieferen Grund für diese Neuausrichtung bestimmte der sozialdemokratische Zukunftsvisionär Glotz folgendermaßen: „Es hat wenig Sinn, die Tugenden der Arbeitsgesellschaft heilig zu sprechen und zu konservieren zu suchen. Die Frage ist, wie man zu neuen kommt und wie man künftige Eliten motivieren will.“ (alle Zitate nach Neumann 2008: 44 ff.) Glotz, der von „demokratischem Dialog“, „friedlicher Koexistenz“ und einer „Theorie der zwei Kulturen“ redete, war sich wohl selbst kaum bewusst, dass sein Bündnisangebot den Auftakt einer gesellschaftlichen Entwicklung darstellen sollte, an deren Ende der Sieg der ehemals subkulturellen linksradikalen Alternativbewegung über die bundesdeutsche Mehrheits- und Konsenskultur stehen sollte, die Ende der 1970er Jahre freilich schon brüchig geworden war. (1)

Post-Achtundsechziger als Elite mit Zukunft

Was Glotz im Gegensatz zu vielen anderen seiner Zeit erkannte und woraus er politischen Profit zu schlagen erhoffte, war die schon damals erkenntliche Zukunftsträchtigkeit der alternativen Arbeits- und Lebensformen, welche eine Post-Achtundsechzigerbewegung propagierte, die sich von der Behebung allgemeiner gesellschaftlicher Missstände bereits verabschiedet hatte. Mit Blick auf die „künftigen Eliten“ sah der Wissenschaftssenator in seinen prospektiven Bündnisgenossen überaus hellsichtig die Vertreter einer sich zu diesem Zeitpunkt erst noch im Entstehen befindlichen „historisch progressiven Klasse“ (Antonio Gramsci), die mit den in den mittleren 1970er Jahren einsetzenden ökonomischen Transformationsprozessen offenbar weit besser zurechtkam als die durchschnittsdeutschen Mittel- und Kleinbürger der von Glotz so bezeichneten „Arbeitsgesellschaft“. Wie jede aufsteigende Klasse begleitete, reflektierte und antizipierte die Alternativbewegung wiederum selber diese Prozesse theoretisch, was die Feinderklärung gegen ihren sozialen und kulturellen Konkurrenten einschloss: den fordistischen Normalbürger der bundesdeutschen Mittelschicht. Dieser verkörperte regelrecht – nicht nur in Westdeutschland – die nach 1945 errichtete Gesellschaftsform, als deren sozialpolitisches Konstituens ein vor allem staatlich gewährleisteter Klassenkompromiss gelten kann. Die „formierte Gesellschaft“ der trente glorieuses zwischen 1945 und 1975 zeichnete sich ökonomisch durch ein relatives Gleichgewicht von Arbeit und Kapital aus, was sich unter anderem in steigenden Lohnquoten, einem Rückgang der Durchschnittsarbeitszeit sowie sozialen Integrations-, Nivellierungs- und Aufstiegsprozessen niederschlug.

I.

Mit der Ölpreiskrise des Jahres 1974/75 offenbarte sich endgültig, dass dieses Gesellschaftsmodell in nahezu allen westlichen Nationen in eine strukturelle Krise geraten war. Die Erträge, die mittels der bis dato prosperierenden hochtechnologisierten und standardisierten Großserienproduktion von Massenkonsumgütern erwirtschaftet wurden, gingen zurück, da der Binnenmarkt, für den in der Nachkriegszeit hauptsächlich produziert worden war, schon Ende der 1960er Jahre weitgehend an seine immanenten Grenzen gelangt war. Hinzu kam der Aufstieg von neuen, vor allem asiatischen Wettbewerbern auf dem Weltmarkt sowie die Notwendigkeit, für zunehmend diversifiziertere Konsumen-tensegmente zu produzieren, was auf der Ebene der Produktion eine „flexible Spezialisierung“ erforderte, um auf eine immer weniger plan- und berechenbare Nachfrageentwicklung innerhalb kürzester Zeit zu reagieren (Piore/Sabel 1989: 205 f.). Deutlich wurde damit, dass die Herstellung von Standardgebrauchsgütern weniger lukrativ wurde – was insbesondere für die westlichen Länder mit ihren vergleichsweise hohen Lohnkosten, Steuern und Sozialabgaben galt. Die Deregulierung der Finanzmärkte in den 1980er Jahren trieb diesen Prozess weiter voran. Der nun obligatorische Börsengang von Großunternehmen führte in der Regel dazu, dass weniger profitable Produktsparten ausgegliedert wurden – das sogenannte Outsourcing. Dieses betraf vor allem tangible assets beziehungsweise materielle Vermögenswerte, sprich: die industrielle Güterproduktion. Die Verlagerung der Fertigungskapazitäten in Niedriglohnländer, die auch durch die Einführung neuer Kommunikationsmittel möglich wurde, fragmentierte die ehemals starren und relativ übersichtlichen Wertschöpfungsketten, welche sich – Folge dieser Entwicklung – mittlerweile zunehmend aus per Vertrag angegliederten, dem Hauptkonzern oftmals gar nicht bekannten Subunternehmen zusammensetzen. Auch Unternehmen, die scheinbar bis heute Gebrauchsgüter herstellen, begannen sich so gut wie ausschließlich auf ihren Kernbereich zu fokussieren, der jedoch immer weniger in der Fertigung bestand, sondern hauptsächlich in asset-light work wie Design und Marketing, während sie den Rest vertraglich auslagerten (Davis 2016: 51–94). Was seitdem primär zählt, sind Informationen und Ideen – ökonomisch gesprochen: Patente beziehungsweise intellectual property –, womit im Westen auf der einen Seite eine kulturelle Entwertung von körperlicher Arbeit einherging, die dem „Bedeutungsverlust der materiellen Produktion“ (Abelshauser 2011: 384) korrespondierte. (2) Auf der anderen Seite verband sich mit dieser Entwicklung eine Aufwertung von kognitiven und hochqualifizierten Tätigkeiten: den Wissens-, Informations-, Kommunikations-, Technologie- und Kulturökonomien.

Nicht zuletzt die im Jahr 1974 einsetzende Massenarbeitslosigkeit machte deutlich, dass der westliche Normalarbeiter im nachfordistischen Zeitalter tendenziell ausgespielt hatte. Was sich sozialökonomisch allerdings erst allmählich herausbildete – ein wissens- und kulturkapitalistisches Akkumulationsregime, das auf manuelle Arbeit kaum mehr angewiesen war –, trieben linksradikale Vorkämpfer diskursiv voran, indem sie antikapitalistische Parolen ausgaben, die in Wahrheit mit einer Kritik an Kapital, Wert und Warenform nur bedingt zu tun hatten, da sie sich primär gegen die sozial befriedete und industriell geprägte Nachkriegsordnung richteten, in welcher sich insbesondere in Deutschland überhaupt erst Züge westlich-liberaler Bürgerlichkeit, die auch einigermaßen gelebt wurden, herausgebildet hatten. Es war die linksradikale Alternativbewegung der 1970er Jahre, die just zu dem Zeitpunkt, als das fordistische Akkumulationsregime wirtschaftlich ohnehin in die Krise geriet, dessen sozialökonomische und lebensweltliche Strukturmerkmale als abzuschaffende Hauptprobleme thematisierte. Die Rebellion gegen die „Fabrik-“ beziehungsweise „Arbeitsgesellschaft“ mit dem ihr zugehörigen Normalarbeitstag, der bürgerlichen Kleinfamilie, der Standardbiografie und der Gleichförmigkeit des Massenkonsums war so gesehen nichts anderes als das objektiv erforderliche, dem historischen Verlauf adäquate ideologische und kulturelle Komplement des ökonomischen Prozesses.

Katalysator der Zerstörung

Den Alternativbewegten ging es darum, „Netze zu bauen, vielfältige Kanäle zu ziehen, ein Milieu zu entwickeln, Nischen und Ritzen zu besetzen, den Staat zu unterlaufen, zu zerbröckeln, brüchig zu machen“. (zit. nach Kasper 2017: 215) Was sich liest wie die praktische Verwirklichung der Philosophie Gilles Deleuze’ zielte nicht zufällig auf den Staat als den Inbegriff des bürgerlich (und damit selbst partikularen) Allgemeinen. Im organisierten Kapitalismus der fordistischen Industriegesellschaft prägte jener nämlich die Wirtschaft insofern, als er qua Strukturförderung, Arbeits- und Tarifrecht sowie Steuer-, Sozial- und Beschäftigungspolitik den allgemeinen Rahmen absteckte, innerhalb dessen sich private Unternehmen bewegen konnten. Er begründete damit eine allgemeine Sphäre der öffentlichen Auseinandersetzung über die Gestaltung des Gemeinwesens, in welcher eine Einigung über die Verteilung der wachsenden Wohlstandsgewinne hergestellt werden konnte. Dass mit der Ablehnung der fordistischen Arbeitsgesellschaft die linksradikal angestrebte Staatserosion einherging, war im Zuge des Aufstiegs des „desorganisierten Kapitalismus“ (Claus Offe) also nur konsequent und folgerichtig.

Wie alle Ideologen betrachten auch Progressivisten des 21. Jahrhunderts die Welt nicht so, wie sie ist, sondern so, wie sie es gerne hätten. Schon allein aus diesem Grunde ist es ihnen unmöglich, die eigene historische Rolle zu reflektieren, die sie innerhalb des seit den mittleren 1970er Jahren vonstattengehenden gesellschaftlichen Disruptionsprozesses bis heute einnehmen: die Rolle des ideologischen Katalysators. Als avantgardistische, sprich: antizipierend-konformistische Vorkämpfer sind sie zugleich die objektiven Nachkömmlinge der Alternativbewegung, die sich nichts weniger als die Zerstörung der letzten Reste bürgerlicher Zivilisation auf die Fahnen geschrieben hatte. Wie jede Ideologie einer sich im historisch-sozialen Aufstieg befindenden Gesellschaftsgruppe war und ist auch der postindustrielle Linksliberalismus beziehungsweise Linksradikalismus – letzterer als dessen brutalisierte Form – bloßer Ausdruck einer auf Herrschaft zielenden Klasse. Allem Gefasel von „Inklusivität“ zum Hohn hat diese Klasse mittlerweile nämlich „ein historisch nahezu unübertroffenes Niveau an Exklusivität erlangt. Lebenslanges Lernen, der Konsum schier unerschöpflicher Mengen von Wissens- und Kulturgütern, Kodeverfeinerungen und die permanente Optimierung aller Lebensvollzüge ist der Preis, den die Privilegierten für ihre Zugehörigkeit zu entrichten haben. Weniger begünstigte Milieus, die vor dem Hintergrund dieser avancierten Standards als weniger kultiviert, weniger gesundheitsbewusst und weniger selbstdiszipliniert erscheinen, werden von den Mitgliedern des postindustriellen Bürgertums intuitiv aussortiert und wirkungsvoll daran gehindert, in die Machtzentren aufzuschließen.“ (Koppetsch 2019a: 225; Hvb. im Orig.) Dennoch verstehen sich Linksliberalismus wie Linksradikalismus – wiederum anderen historischen Aufstiegsideologien entsprechend – als universelles Menschheitsbeglückungsprojekt. Die Feinderklärung gegen alles, was auch nur im Entferntesten an Normalität, Gleichförmigkeit und Fremdbestimmung erinnert, zeigt aber eben, dass sie dies keineswegs sind. Diejenigen, die der Soziologe David Riesmann als „außengeleitete Charaktere“ beschrieb (Riesmann 1956) und die Linksradikale als alt, weiß, männlich und heterosexuell – kurz: als „normal“ – imaginieren und personifizieren, sind heutzutage nicht nur allüberall der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern dienen längst als reaktionäres Projektionsobjekt, das den antirassistischen, antisexistischen, antikapitalistischen etc. Hass auf sich zieht. Analog zu Horkheimers Ausführungen in Die Juden und Europa (3), in denen er den Verlust der ökonomischen Bedeutung der Zirkulationssphäre als historisch-materielles Konstituens des Antisemitismus bestimmte, kann das zeitgemäße, geradezu manisch wirkende Ressentiment gegen den „alten weißen Mann“ – sprich: den fordistischen Normalarbeitnehmer des Westens – als ideologische Verdoppelung von realhistorischen und -ökonomischen Tendenzen dechiffriert werden: Auch die „ideologische Praxis“ des postindustriellen linksradikalen Bewusstseins treibt dahin, „Objekte des sozialen Unrechts im Geist noch einmal zu erniedrigen, um dem Unterschied den Anstrich der Vernunft zu geben.“ (Horkheimer 1939: 325 f.). Der Linksradikalismus mag im Gegensatz zum historischen Antisemitismus bisher nur in Einzelfällen „praktisch“ geworden sein – die ideologische Form der Feindbestimmung trägt identische Züge.

Hauptfeind: weißer Mann

Denn tatsächlich handelt es sich auch beim antiweißen Rassenhass, der natürlich ebenso Ausdruck von Selbsthass sein kann, um eine unbewusste Personifizierung von gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnissen, die mitsamt ihren Vertretern ohnehin im Niedergang begriffen sind. Die Verlierer der globalwirtschaftlichen Entwicklung der beiden Jahrzehnte von 1988 bis 2008 – der Hochphase der sogenannten Globalisierung – sind nämlich weniger die Einwohner der Entwicklungs- und Schwellenländer als hauptsächlich die unteren und mittleren Bevölkerungsschichten der westlichen OECD-Staaten. Nicht nur, aber vor allem die Mittelschichten der aufstrebenden Nationen Asiens konnten im Zuge der oben geschilderten Verlagerungsprozesse dagegen deutliche Einkommenssteigerungen verbuchen. Der „ökonomische Dualismus“ zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern, wie er für das industriell-fordistische Zeitalter typisch war, wich daher einer „globalen Dreiteilung“: Zum noch immer relativ reichen sogenannten globalen Norden (mit Japan und Ozeanien) und den failed ­states des armen sogenannten globalen Südens kam eine aufstrebende globale Gruppe von vorwiegend asiatischen Staaten hinzu, in der ungefähr ein Fünftel der Weltbevölkerung lebt und die im Gegensatz zu den anderen beiden Gruppen von der Globalisierung profitierte (Reckwitz 2019: 70–71). So stieg das Pro-Kopf-Einkommen im städtischen und ländlichen China zwischen 1988 und 2008 um 220 Prozent. In Indonesien verdoppelte sich das mittlere Einkommen (Land) beziehungsweise stieg um 80 Prozent (Stadt). Und auch in Vietnam und Thailand erhöhten sich die Realeinkommen um mehr als das Doppelte (Milanović 2016: 19–20). Demgegenüber wuchs das Einkommen der unteren Bevölkerungssegmente des Westens (Ozeanien und Japan mit eingerechnet) um nur wenige Prozentpunkte oder stagnierte. Kurz: „Die großen Gewinner sind die Armen und die Mittelschicht Asiens, die großen Verlierer die Angehörigen der unteren Mittelschicht der reichen Welt.“ (Milanović 2016: 21) Die „globale“ Finanzkrise des Jahres 2008, die in Anbetracht ihrer negativen Auswirkungen in Wirklichkeit eine Krise der atlantischen Volkswirtschaften war, verstärkte diesen Trend weiter, indem sie die Verlagerung der wirtschaftlichen Entwicklung von Europa und Nordamerika nach Asien nicht unterbrach, sondern im Gegenteil forcierte. Während sich allein zwischen 2008 und 2011 das Durchschnittseinkommen etwa in den chinesischen Ballungsräumen verdoppelte und im ländlichen Raum um 80 Prozent anstieg, stagnierte die Einkommensentwicklung der westlichen Transformationsverlierer auch in diesem Zeitraum (Milanović 2008: 39). (4)

Allein seit dem Eintritt Chinas in die WTO im Jahr 2001 wurden mehr als zwei Millionen US-amerikanische Arbeitsplätze gestrichen, und auch für die kommenden Jahrzehnte steht zu befürchten, dass durch Automatisierungs- und Digitalisierungsprozesse viele weitere wegfallen werden. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Agrar- und Industriearbeitsplätze und damit um Bereiche, in denen überwiegend männliche Arbeitskräfte beschäftigt sind. Komplementär betrifft die Aufwertung der Wissens-, Kommunikations- und Kulturökonomien in erster Linie Arbeitsfelder, in denen zum größten Teil Frauen tätig sind – letzteres gilt für drei der fünf am schnellsten wachsenden Berufsgruppen (Carlson 2018: 203; Reckwitz 2019: 79). Parallel zur nicht nur ökonomischen, sondern auch und gerade kulturellen beziehungsweise diskursiven Abdrängung manuell-körperlicher Tätigkeiten erklärte der Genderfeminismus, der sich unterdessen zum common sense postindustrieller Akademiker verallgemeinerte, den weißen Mann zum Hauptfeind, dessen angebliche Privilegien aus moralischen Gründen abgeschafft gehörten. In striktem Gegensatz zur linksradikalen Projektion stellt sich die Lebensrealität von Männern, vor allem, wenn sie der Unterschicht beziehungsweise unteren Mittelschicht angehören, jedoch oftmals alles andere als „privilegiert“ dar. So ist die Wahrscheinlichkeit, alkoholabhängig zu werden oder an einer Drogenüberdosis zu sterben, bei männlichen US-Amerikanern doppelt so hoch wie bei weiblichen. Männer in den USA begehen mit einem Anteil von 77 Prozent weit häufiger Selbstmord als Frauen – allein zwischen 1999 und 2014 stieg die Selbstmordrate bei männlichen US-Amerikanern mittleren Alters um 43 Prozent an. Männer werden auch deutlich öfter straffällig, weshalb sie 90 Prozent der Gefängnisinsassen in den USA ausmachen. Die Zahlenverhältnisse drehen sich um, wenn man die Geschlechterverteilung an höheren Schulen und Universitäten betrachtet: Obwohl man aufgrund der laufend ins Leben gerufenen Frauenförderprogramme das Gegenteil annehmen könnte, sind an US-Colleges zwei Millionen mehr weibliche als männliche Studenten eingeschrieben. US-amerikanische Frauen erwerben 57 Prozent der Bachelorabschlüsse, 60 Prozent der Masterabschlüsse und 52 Prozent der Doktortitel. Blickt man auf die afroamerikanische Minderheit, fallen die Zahlen noch höher aus: Ganze 70 Prozent der von Schwarzen erworbenen Masterabschlüsse gehen an Frauen (ähnlich liegen die Verhältnisse bei der hispanischen Minderheit) (Carlson 2018: 202 ff. u. 211 f.).

Wirklichkeitsadäquater Wahn

Der Kampf gegen die Vorherrschaft des Patriarchats erweist sich in postfordistischen Zeiten als weltanschaulich getriebener und zugleich wirklichkeitsadäquater Wahn im Dienste einer neuen Ökonomisierungsform, an der Frauen, wenn sie aus weniger wohlhabenden Schichten kommen, selbstverständlich ebenso zu leiden haben. Überhaupt braucht es für die Abschaffung der ehemaligen Mittelschicht keine linksradikalen Vollstrecker – jene dezimiert sich nämlich mittlerweile ganz von selbst. So ging die Lebenserwartung der US-amerikanischen Bevölkerung im Jahr 2017 das dritte Mal in Folge zurück. Die Gründe für diesen, in der modernen Geschichte des Landes einmaligen Vorgang sind einerseits die Überdosierung von Fentanyl und anderen synthetischen Opioiden sowie andererseits der oben erwähnte starke Anstieg der Suizidrate. Die Entwicklung betrifft wiederum nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen: Während die um Alterseffekte bereinigte Todesrate im Jahr 2017 pro 100.000 Einwohner bei schwarzen Frauen und Latinas um 6,1 beziehungsweise 2,2 Prozent zurückging, stieg sie bei weißen Männern und weißen Frauen um 5,6 Prozent an (bei schwarzen Männern stieg sie um 2,1 Prozent, bei Latinos blieb sie stabil). Da es sich bei den Opfern überproportional um Bewohner des Rust Belt, der Atlantikküste sowie den südlichen Staaten Florida, Louisiana und New Mexico handelt, wird deutlich, warum die beiden Princeton-Ökonomen Anne Case und Angus Deaton die Überdosierungen und Suizide als „Tod durch Verzweiflung“ bezeichnen. Die genannten Gegenden sind meist ehemalige Industrieregionen, die aufgrund der Deindustrialisierungsprozesse mit sozialen und ökonomischen Restrukturierungsproblemen zu kämpfen haben. In den Augen der genannten Ökonomen „geht der Griff nach den Opioiden, nach Alkohol oder nach der Schusswaffe für den Suizid auf den sozialen Abstieg der weißen Amerikaner mit Highschool-Abschluss seit den siebziger Jahren zurück. Ihnen schien früher ein gutes Leben in bescheidenem Wohlstand garantiert zu sein. Dass sie nun früh sterben, ist gar nicht immer auf akute Armut zurückzuführen. Es ist eher ein ‚Tod durch Hoffnungslosigkeit‘.“ (NZZ v. 30.11.2018)

II.

Die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung der westlichen Industriearbeiterschaft hat historische Gründe. Die technologischen Produktivitätsschübe seit den 1970er Jahren verbilligten die Produktion der stofflichen Grundbestandteile auch von Hightech-Fabrikaten wie Fernsehern, Handys oder Notebooks nämlich soweit, dass die Märkte damit regelrecht überschwemmt werden konnten. Da im Gegensatz zu früheren Zeiten der Besitz und Gebrauch eines beliebigen Produkts kein soziales Prestige mehr generieren konnte, weshalb auch dessen Marktwert nach unten ging, machte man sich daran, Prestige andersartig zu generieren. Werbung, Kundenkommunikation, Branding, Marketing, Style- und Designentwicklung riefen in der Folge eine Konsumform ins Leben, in der es weniger darum ging, etwas zu nutzen, als an Trends zu partizipieren. Je banaler und billiger die Herstellung beispielsweise eines Kopfhörers wurde, desto mehr kam es auf dessen Farbe, Form und „Hipness“ an – vor allem aber auf die Möglichkeit der emotionalen Identifikation mit dem jeweiligen Label und dessen mit positiven Eigenschaften verknüpfte Konsumentengruppe. Während die handgreifliche Produktion nicht mehr interessierte und in die Peripherie verdrängt wurde, entwickelte sich die ästhetische Veredelung der Importgüter mitsamt kommunikativer, ethischer und kultureller Vermittlung zum wichtigsten Tätigkeitsbereich der nachindustriellen Epoche.

Mit der Einführung beziehungsweise Kommerzialisierung des Internets kam ein weiteres, ähnlich strukturiertes Arbeitsfeld hinzu, in welchem es weniger um die Schaffung von Inhalten (content) welcher Art auch immer geht, sondern hauptsächlich um die Bereitstellung von digitalen Rahmenbedingungen (Plattformen), auf denen sich die User bewegen und austauschen können. Dabei ist das technische Know-how für die im Grunde simple Erstellung von Webseiten oder Apps mit auf der Hand liegenden Funktionen eher sekundär – etwa die Umsetzung einer Seite für das Hochladen und Abspielen von Videos (à la Youtube). Primär drehen sich auch die „digitalen Dienstleistungen“, die für die Aufrechterhaltung einer Webseite und deren Nutzerbetreuung anfallen, um Aufmerksamkeit, Ästhetik und Kommunikation. Ob digital oder analog: Die creative economy fungiert heute als neuer westlicher Leitsektor, dessen Subjektivierungs-, Produktions- und Arbeitsformen weit über ihn hinausgreifen. Deren sozialökonomisches Koordinatensystem ist gänzlich anders gelagert als das der klassischen Lohnarbeit: Anstelle von formalen und austauschbaren Kriterien wie Qualifikation, Leistung und Funktionsrolle, die den weitgehend standardisierten Tätigkeiten der Industriemoderne ebenso entsprachen wie sie ihr genügten, traten nun solche wie Kompetenz, Profil und Performanz auf den Plan (Reckwitz 2007: 201–223). Das postindustrielle Arbeitssystem zeichnet sich seinem Selbstverständnis nach durch kreative, im Grunde „künstlerische“ Arbeit aus, in der eigenmotivierte und selbstverantwortliche Individuen ihr unverwechselbar-persönliches Potential weniger produktiv ausschöpfen als vielmehr performativ ausleben. War „Arbeit“ bis dahin etwas, das man tun musste, also extrinsisch motiviertes Mittel zum Zweck der Selbsterhaltung, sollte es nun darum gehen, sich mit der ausgeübten Tätigkeit zu identifizieren und ihr einen persönlichen Wert beizumessen.

Totaler Zugriff aufs Individuum

Die Protagonisten der Alternativkultur nahmen dabei all das vorweg, was heutige, von Grund auf links eingestellte Durchschnittsspätbürger als für sich selbstverständliche Lebens- und Arbeitsmaximen ausgeben, denn schon damals ging die Selbsttransformierung in den ebenso postmodernen wie postproduktiven „Arbeitskraftunternehmer“ (Günter Pongratz/Hans J. Voß) nicht ohne gehörige Moralisierung, Spiritualisierung und Politisierung der eigenen Rolle einher: „Woher sonst, als aus einem neuen Verständnis zu uns selbst, zu den anderen und zur Natur soll die Kraft für eine neue Gesellschaft kommen“, fragte etwa der Münchner Sponti Meinrad Rohner Mitte der 1970er Jahre rhetorisch, um gleich darauf hinzuzufügen: „Zum revolutionären Prozess gehört nicht nur die Fähigkeit zur massenhaften Zerstörung der kapitalistischen Verhältnisse, sondern auch die Fähigkeit, schon jetzt ein neues Leben zu führen.“ (zit. nach Kasper 2017: 251) Die Gründung von Naturkostläden, Stadt- und Landkommunen, Druckerei- und Kunsthandwerkerkollektiven, Alternativzeitungen und antiautoritären Stadtteilgruppen verstanden die Alternativen als „positive Negation von Arbeit“ (zit. nach Neumann 2008: 14), womit sie ein ebenso politisches wie moralisches Wirtschaften jenseits von Markt und Staat zu etablieren trachteten. Im alternativbewegten Selbstverständnis sollte die „Befreiung im alltäglichen Widerstand, in unserem Leben“ (Joschka Fischer, zit. nach: Kasper: 2017: 315) eine neue Form von Arbeit begründen, die „ansatzweise nicht-entfremdet“ ablaufen sollte, um einen „Hauch von der Aufhebung der Trennung von Kopf- und Handarbeit zu spüren.“ (Blatt – Stadtzeitung für München, zit. nach Kasper 2017: 317)

Die Kritik der „entfremdeten Arbeit“, deren unmaterialistischer Hype studentische Kulturrevolutionäre, neomarxistische Theoretiker und spontaneistische Alternativbewegte in den 1970er Jahren im Zuge einer interessiert falsch verstandenen Marx-Lektüre zusammenbrachte, hatte insofern leichtes Spiel, als der klassische Industriearbeitsplatz aus genannten Gründen im Westen ohnehin keine Perspektive mehr besaß. Zwar veränderte sich partiell auch die Arbeit in der Fabrik durch „Neue Produktionskonzepte“ wie Teamarbeit, flache Hierarchien, „qualitative“ Tätigkeiten und „postbürokratische“ Organisationsformen. Allerdings hatten diese innerhalb des Industriebetriebs ihre immanenten Grenzen, weshalb sie nach einer kurzen Experimentierphase oftmals wieder abgeschafft beziehungsweise abgeschwächt wurden. Hauptspielfeld der „nicht-entfremdeten“ Einstellung zur Arbeit war von Beginn an die Wissens- und Kulturökonomie, in der nun all die zuvor im alternativen Milieu erprobten skills produktiv zur Geltung kommen konnten. (5) Produktiv, da die ursprünglich gegenkulturellen Imperative im postfordistischen Kontext regelrecht zu einer Art Produktivkraft geworden sind: „Die Vielfalt der Menschen, Lebensstile, Meinungen und Einstellungen sind entscheidende Treiber für Innovation und Erfolg“, beschreibt die Karriereseite des Online-Modehändlers Zalando dessen Firmenphilosophie. „Wir versuchen – auch für potentielle Bewerber – abzubilden, welche unterschiedlichen Nationalitäten zusammenarbeiten. Dazu zählt auch, die persönliche Identifikation oder persönliche Geschichten und Hintergründe aufzugreifen.“ (FAZ: Beruf und Chance Spezial: Vielfalt im Berufsleben, 8.7.2019) Dort, wo formelle Qualifikationen nicht mehr genügen und das Individuum gänzlich in Beschlag genommen werden soll, rücken folgerichtig die ehemals angeblich verborgenen oder gar systematisch unterdrückten „individuellen Besonderheiten“ in den Vordergrund. Da diese im damit angeheizten „gnadenlosen Profilierungswettbewerb“ (Reckwitz 2017: 217) schon aus Abrechnungsgründen wie eh und je dem Einzelnen zugerechnet werden müssen, ist der überall zu beobachtende Aufmerksamkeits-, Identitäts- und Vielfaltsboom die ideologische Konsequenz einer Wertschöpfung, die unmittelbar aufs Individuum zugreift und dessen Eigenschaften valorisiert. Daher: „Je mehr ‚schräge Vögel‘, desto mehr Innovationen, desto mehr Wohlstand lautet die Gleichung.“ (Bröckling 2007: 173)

Ende der Gleichheit

Ging es in der fordistischen Epoche darum, qua formaler Qualifizierung den anderen formal Qualifizierten „gleich“ zu sein – eine Qualifizierung, die auf einen Gegenstand ging und damit rational ausweisbar war –, fungiert im postmodernen Kapitalismus die formale Gleichheit als Negativfolie, von der man sich auf Teufel komm raus abheben muss. Was Marx hinsichtlich des klassischen Industriekapitalismus konstatierte: dass sich die Austauschenden als „Gleichgeltende“ und damit „Gleichgültige“ zueinander verhalten, deren „sonstiger individueller Unterschied […] sie nichts an[geht]“, da sie „gleichgültig gegen alle ihre sonstigen individuellen Eigenheiten“ sind (Marx 1857–1858: 153 f.), verhält sich heute genau umgekehrt: Was interessiert, ist die „Besonderheit“. Die permanente Selbstoptimierung hat hierin ihren Grund, da schlichte Rollenausfüllung nicht mehr genügt und man daher immer noch besser performen kann. Deshalb dreht sich heutzutage alles um soziale, kulturelle und emotionale – selbstverständlich stets „individuelle“ – „Kompetenzen“ und persönliche „Erfahrungen“, die man am besten im ganz konkreten Leben gesammelt hat. In dem Maße jedoch, in welchem die creative economy den ehemals geschützten Bereich des Konkreten, Individuellen und Privaten unmittelbar in die Sphäre der Verwertung überführt, verschwindet das, was tatsächlich einmal als „besonders“ gelten konnte: „Die industrielle Leistungsgesellschaft war gegenüber den Idiosynkrasien […] indifferent, man könnte auch sagen: Sie hat sie toleriert. Dadurch hat sie auch solchen Besonderheiten, die in der Spätmoderne als nicht markt-, performanz- und kompetenzkonform aussortiert werden – den sozial wenig Kompetenten und Netzwerkunfähigen, den Introvertierten und Aufbrausenden, den Uncharmanten und Provinziellen –, einen Raum der Anerkennung eröffnet, solange die Subjekte nur ihre Arbeit taten.“ (Reckwitz 2017: 223; Hvb. im Orig.)

III.

Seit den 1980er Jahren hat sich, dem Aufstieg der Informations- , Kultur- und Wissensökonomie parallel, einerseits die Einkommensschere zwischen Akademikern und Nichtakademikern im Westen deutlich geöffnet, während sich andererseits eine neue Unterklasse aus „einfachen Dienstleistern, semiqualifizierten Industrieberufen, prekär Beschäftigten, Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern herausgebildet hat“, die „sich hinsichtlich ihres Einkommens, Vermögens und sozialen Status deutlich unterhalb des Niveaus der alten Mittelklasse“ (Reckwitz 2017: 279) bewegt. Diese Gruppe macht gegenwärtig etwa ein Drittel der westlichen Bevölkerungen aus und ist weiter im Wachsen begriffen, da die Bedeutung von basalen Dienstleistungen für die Bedürfnisse der postindustriellen urbanen Schicht weiter zunimmt. Die Hausmeister, Paketzusteller, Reinigungskräfte und Imbissverkäufer dieses Arbeitsmarktsegments unterscheiden sich vom traditionellen Industriearbeiter insofern, als niedrige Qualifikations- und Bildungsstandards hier ebenso prägend sind wie die geringe Gewerkschaftsbindung. Die Tertiarisierung des Arbeitsmarktes, welche die Entstehung beziehungsweise Ausbreitung der sogenannten service class mit begünstigte, „führt somit zur deutlichen Polarisierung der Sozialklassen. Daraus resultiert eine den Verhältnissen des 19. Jahrhunderts nicht unähnliche Klassenstruktur mit einem wohlhabenden Bürgertum auf der einen Seite und einer ‚Dienstbotenklasse‘ auf der anderen Seite. Darüber hinaus ist von Belang, dass die wachsende soziale Segregation von Bildungswegen zu einer verminderten sozialen Durchlässigkeit und mithin zur ständischen Verfestigung von Klassenstrukturen noch zusätzlich beigetragen hat. Mobilitätsfenster, die sich in den 1970er und 1980er Jahren öffneten, haben sich gegenwärtig wieder geschlossen.“ (Koppetsch 2019a: 220)

Postmaterialistische Dauermittzwanziger

Die postindustrielle Klasse der Kreativarbeiter nimmt die Serviceleistungen der prekarisierten Dienstleisterklasse selbstredend dankend an. Als Top-Performer ohnehin ständig am Rödeln, bleibt für die Selbstreproduktion kaum Zeit, so dass die basalen persönlichen Versorgungsleistungen gewissermaßen outgesourct werden. Hierfür kommt das neue Lumpenproletariat gerade recht. In diesem Zusammenhang kaum verwunderlich, dass das Kreativmilieu durchwegs promigrantisch eingestellt ist: Als hochqualifizierter Akademiker (ob wohlhabend oder nicht) jeder diesbezüglichen Gefahr enthoben, profitiert man davon, dass sich im Umfeld der urbanen wissens- und kulturökonomischen Zentren immer noch mehr buntscheckige Konkurrenzsubjekte tummeln, die insofern selber zur Kreativität gezwungen sind, als sie irgendeine, notfalls improvisierte Dienstleistung des schieren Überlebens willen vermarkten müssen. Von der sprachlichen und kulturellen Durchmischung respektive „Vielfalt“ verspricht man sich zudem innovative Impulse, was zeigt, dass man Öffentlichkeit, Gesellschaft und Kultur kaum mehr auf andere Weise als die Projektgruppe begreifen kann, da diese analog dem sozialen Netzwerk, aus dem sie sich rekrutiert, „essentiell auf der Diversität ihrer Teilnehmer“ (Reckwitz 2017: 200) basiert. Da die postmoderne Theorie ihren Anhängern nicht trotz, sondern wegen des notorischen Gefasels vom „Anderen“ die Fähigkeit zur Empathie systematisch ausgetrieben hat, feiert man das Elend, das einen umgibt, da man sich, postmateriell wie man ist, nicht mit materiellem Reichtum identifiziert und deshalb auch bei allen anderen davon ausgeht, dass Geld und Konsumgüter fürs „Glück“ keine Rolle spielen.

Das neue wohlhabende Bürgertum, von dem die Soziologin Cornelia Koppetsch im oben angeführten Zitat spricht, repräsentiert jedoch nur den einen Teil der Wissens- und Kulturarbeiter. Der andere, zahlenmäßig vermutlich erheblichere Teil der neuen postindustriellen Klasse setzt sich dagegen aus – wenn auch meist hochgebildeten – „Freelancern“ und damit Pseudoselbstständigen zusammen, deren totalflexiblisierte Arbeits- und Lebensrealität oftmals weit unter dem Status liegt, den noch die Eltern genossen hatten. Dieses Segment gehört dennoch den neuen kulturellen Eliten an, da sich diese „über Werte, Normen und Lifestyle definieren“, weshalb „auch derjenige sich als Angehöriger der neuen globalen Klasse fühlen [kann], der sich mit prekären Jobs durchs Leben schlägt, jedoch die richtige Gesinnung hat und an den Insignien des Zeitgeistes zumindest teilweise partizipiert.“ (Grau 2019) Dem linksliberalen neuen Großbürgertum steht so ein in der Regel ebenso junges (oder berufsjugendliches) wie linksradikales urbanes Milieu gegenüber, das sich trotz seiner kulturellen und diskursiven Avantgarde-Stellung materiell faktisch an der Grenze zum Dienstleistungsprekariat bewegt. Die Übergänge sind hier – wenn auch nur von oben nach unten, nicht andersherum – fließend. Für Kreativarbeiter ist dies in der Regel jedoch kein Problem, das man sich eingestehen wollte: In der Weise, in der die neuen Arbeitsformen sowie deren „betriebswirtschaftliche“ Outputs tendenziell rein affektiven und damit nur mehr subjektiven „Wert“ besitzen, so dass dieser objektiv nicht mehr festzustellen oder gar messbar ist, werden nämlich auch die realen Lebensumstände zu diskursiv deutbaren „Kontexten“, deren Schattenseiten sich einfach wegfühlen lassen sollen. Dass man nicht selten vergleichsweise wenig verdient, befristet angestellt ist, keine Zeit, aber durchgehend Stress mit Arbeitskram hat, stört linksradikale Dauermittzwanziger, die ihr Leben auch im fortgeschrittenen Alter noch in jährlich neu zusammengewürfelten WGs verbringen und trotzdem kein Geld für den Urlaub haben, jedoch nur peripher, da sie das bürgerliche Leben – Eigenheim, Familie und Berufslaufbahn – aus ideologischen Gründen prinzipiell verschmähen und sich deshalb in der Rolle des nomadischen Abenteurers Selbstachtung verschaffen. Kompensiert wird das reale Elend zudem durch die positive Aufladung der jeweiligen Arbeitstätigkeit, welche gewissermaßen die schon rein zeitlich zusammengeschrumpfte und damit kaum mehr existente Freizeit in sich aufgesogen hat. So, wie zwischen kreativen Kollegen und Freunden längst kein Unterschied mehr besteht, weil im Grunde ohnehin alle das Gleiche tun und miteinander „vernetzt“ sind, sprich: der Kumpel oder Lebenspartner als potenzieller co-worker fürs Folgeprojekt fungiert, mutieren auch die eigene Wohnung zum homeoffice und das ehemals der Muße vorbehaltene Café zum erweiterten Büro und damit zu austauschbaren settings zur Selbstvermarktung. Die Arbeit beziehungsweise das raumzeitlich entgrenzte „Projekt“, das als „singuläres Ereignis“ im ideologischen Selbstverständnis „ein hohes Maß an Offenheit für Neues und Unerwartetes“ (Reckwitz 2017: 193) enthält, muss deshalb das liefern, was das entleerte Privatleben, das dem Selbstbild des aufregenden Lebens durchweg Hohn spricht, nicht mehr hergibt.

Verklärung der Verhältnisse

Die „entfremdeten“ Arbeitsformen der fordistischen Industriegesellschaft nötigten dem Einzelnen die emotionale Distanz zur jeweiligen Tätigkeit geradezu auf, wodurch Kritik am eigenen Tun zumindest theoretisch möglich erschien. Von der „Möglichkeit eines Arbeiters, die Differenz zu erkennen zwischen seiner objektiven Lage als Zahnrad des Produktionsprozesses und seiner virtuellen Lage als souveräner assoziierter Produzent“ (Gorz 1983: 35) kann heute keine Rede mehr sein, da die Kreativarbeit einen Menschenschlag hervorgebracht hat, der mit seiner beruflichen Rolle unmittelbar verschmolzen ist. Das omnipräsente narzisstische Abfeiern des eigenen Tuns steht dabei in direkt proportionalem Verhältnis zu dessen Sinnlosigkeit. Die Formel lautet daher: Je schwachsinniger, desto geiler. Wurden in der klassischen Industriemoderne tatsächlich Gebrauchsgüter produziert, die zumindest einem Teil der Menschheit Nutzen brachten, so wissen bei den postindustriellen Wissens- und Kulturerzeugnissen oftmals nicht einmal mehr deren Produzenten, zu was diese objektiv gut sein sollen. Die Dauerideologisierung der faktischen bullshit jobs dient insofern der individuellen Kompensation und ist für die postindustrielle Arbeit geradezu konstitutiv. Anstatt sich einzugestehen, dass die Produktion von Nonsens auch die dazugehörigen Tätigkeiten real überflüssig macht, reden sich junge Kreative, deren Leben vielmals schon in Hinblick auf den Sozialversichertenstatus objektiv prekärer ist als die eines angelernten Niedriglohnarbeiters im Automobilbetrieb, permanent ein, gerade auf sie selbst komme es an.

Der auf Dauer gestellten Bemühung, die offensichtliche Diskrepanz zwischen realem Unglück und dem Selbstbild des ungebundenen, souverän verfügenden Individuums ja nicht ins Bewusstsein treten zu lassen, liefert die zeitgenössische Ideologieproduktion die nötigen konstruktivistischen Hilfsmittel, da nach ihr nur das zählen soll, was gedacht und geredet wird. Dies wiederum versetzt die Kreativsubjekte in die Lage, die Realität auf genuin linksdeutsche Art und Weise so zurechtzulügen, dass man sich trotz allem wohlig arrangieren kann. Was Marx und Engels in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts in Hinsicht auf einen Antikapitalismus aus Deutschland formulierten, das als seinerzeit schwach industrialisiertes respektive kapitalisiertes Land schon zu dieser Zeit Ideologen hervorgebracht hatte, deren zentrales Anliegen die subjektivistische Verklärung der negativen Verhältnisse war, trifft deshalb auch auf „kritische“ Geister von heute zu: „Die kritische Kritik belehrt sie […], daß sie in der Wirklichkeit aufhören, Lohnarbeiter zu sein, wenn sie den Gedanken der Lohnarbeit im Gedanken aufheben, wenn sie in Gedanken aufhören, sich als Lohnarbeiter zu gelten, und dieser überschwenglichen [sic] Einbildung gemäß sich nicht mehr für ihre Person bezahlen lassen. Als absolute Idealisten, als ätherische Wesen können sie hinterher auch natürlich vom Äther des reinen Gedankens leben. Die kritische Kritik belehrt sie, daß sie das wirkliche Kapital aufheben, wenn sie die Kategorie des Kapitals im Denken überwältigen, daß sie sich wirklich verändern und zu wirklichen Menschen machen, wenn sie ihr ,abstraktes Ich‘ im Bewußtsein verändern“. (Marx/Engels 1846: 56)

Da die kreative Existenz als objektive Elendsveranstaltung ohne durchgehende Verdrängungs- und Abspaltungsanstrengungen nicht möglich erscheint, dient der „kulturdistinktive Klassenhass“ (Krug 2018: 24) der postproduktiven Lebensform als notwendiges Ventil. Deren Vertreter befinden sich im Dauermodus der Revolte, die noch immer als kritisch und antikapitalistisch daherkommt. Der rebellische Charakterzug kann dabei als die zentrale Bedingung fürs kreative Mitmachen gelten, da die Ablehnung der westlichen Zivilisation, die in der postmodernen Weltanschauung wie schon im Nationalsozialismus als Synonym zu „Kapitalismus“ gilt, dessen ideologisches Substrat darstellt. Der in Wahrheit gänzlich unkritische, ja affirmative Antikapitalismus ist vor allem in Deutschland nicht nur seit Jahrhunderten gesellschaftlicher Grundkonsens, sondern begleitete das Kapital während „seiner gesamten Entwicklung […] wie ein Schatten. Es lässt sich behaupten, ohne auch nur im geringsten auf ein Paradox auszusein, dass der Antikapitalismus – geschichtlich betrachtet – der wichtigste Ausdruck des Kapitalismus ist.“ (Jean Baechler, zit. nach Boltanski/Chiapello 1999: 79) Letzterer ist nämlich „auf seine Gegner angewiesen, auf diejenigen, die er gegen sich aufbringt und die sich ihm widersetzen, um die fehlende moralische Stütze zu finden und Gerechtigkeitsstrukturen in sich aufzunehmen, deren Relevanz er sonst nicht einmal erkennen würde.“ (Boltanski/Chiapello 1999: 68) Für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bedeutet dies konkret, dass die in der Folge von „1968“ aufgekommenen „Gruppierungen, die sich im Bereich der ‚alternativen Ökonomie‘ (später oft: ‚solidarische Ökonomie‘) engagierten und nach den Prinzipien von Gemeinschaftseigentum, der Rotation von Aufgaben und nach sozialen und ökologischen Standards wirtschafteten“ (Rucht 2010: 78), der kapitalen Verwertungslogik in dem Moment neue soziale, kulturelle und moralische Rahmenbedingungen verschafften, als die bisherigen aus immanenten Gründen in die Krise geraten waren.

War der Fordismus seiner ideologischen Grundstruktur nach „rechts“, weshalb dem Rechtsradikalismus seinerzeit ein tatsächlich historisch relevantes Bedrohungspotenzial zukam, ist die linke Grundeinstellung im Nachgang der Studentenbewegung, die aus skizzierten Gründen „nur im Rahmen der zugrundegehenden westlichen Kultur zu verstehen ist und selbst einen Teil dieses Untergangs darstellt“ (Horkheimer 1969: 512), zur hegemonialen Ideologie der nachfordistischen Gesellschaften geworden. Dabei nahm die radikalisierte Spielart des Linksliberalismus, der von diesem ohnehin nur noch mit Mühe unterscheidbare Linksradikalismus, im Transformationsprozess von der spät- in die nachbürgerliche Gesellschaft die Rolle der ideologischen Vorhut ein. Weit vom Selbstanspruch entfernt, in irgendeiner Weise kritisch oder auch nur oppositionell zu sein, treiben deren Vertreter den antibürgerlichen Disruptions- und Zerstörungsprozess weiter voran, weshalb „linke Kritik“, insbesondere, wenn sie von linksradikalen Bohemiens vorgetragen wird, zur contradictio in adiecto geworden ist (6): „Bis in die siebziger Jahre hinein wurde Kultur immer noch als Sphäre begriffen, in der andere, gegenkulturelle oder auch rein ästhetische Werte gelten. Das hat sich vollkommen verändert. […] Folgerichtig ändert sich der Ort gesellschaftlicher Opposition, er wandert ins konservative Lager ein“. (Koppetsch 2019b) Da jedoch auch letzteres dem totalitären Ausgreifen der zum Wahn gewordenen, linksfaschistischen Ideologie kaum standzuhalten vermag, ist „objektiv antifaschistischer Widerstand“ (Thomas Maul) heutzutage allein dem Rechtspopulismus vorbehalten, mit dessen Aufstieg nichts anderes als die „verdrängte Kehrseite“ (Reckwitz 2019: 24) der postindustriellen Gesellschaft erscheint. Politische Richtungsverortungen der klassischen bürgerlichen Epoche, die allerdings schon seit den 1930er Jahren weitgehend obsolet geworden waren, haben im nachbürgerlichen Zeitalter endgültig ihre ursprüngliche Geltung verloren. In den Worten des Fox News-Kommentators und wahren Konservativen Tucker Carlson, die nicht zufällig nach dem ihm wohl unbekannten Horkheimer (7) klingen, der ganz Ähnliches ein halbes Jahrhundert zuvor festgehalten hatte: „Links und rechts sind keine aussagekräftigen Kategorien mehr […]. Der Graben verläuft zwischen denen, die vom Status quo profitieren, und denen, die es nicht tun.“ (Carlson 2018: 18)

Andrea Dielle (Bahamas 83/2019)