Einer von uns

Wie Adorno in die Volksgemeinschaft gegen rechts integriert werden soll

Am 15. Juli 2019 veröffentlichte der Suhrkamp-Verlag einen nach Tonbandaufnahmen transkribierten Vortrag aus dem Jahr 1967, den Theodor W. Adorno auf Einladung des Verbands Sozialistischer Studenten Österreichs an der Wiener Universität hielt. Gegenstand der Einlassungen war die damals in Wahlen erfolgreiche NPD. Der Verlag bewarb die Publikation, die Adorno selbst offenbar nie in Erwägung gezogen hat, damit, dass der Inhalt des Vortrags „aus heutiger Sicht nicht nur von historischem Interesse“ sei: „Vor dem Hintergrund des Aufstiegs der NPD, die bereits in den ersten beiden Jahren nach ihrer Gründung im November 1964 erstaunliche Wahlerfolge einfahren konnte, analysiert Adorno Ziele, Mittel und Taktiken des neuen Rechtsradikalismus dieser Zeit, kontrastiert ihn mit dem ‚alten‘ Nazi-Faschismus und fragt insbesondere nach den Gründen für den Zuspruch, den rechtsextreme Bewegungen damals – 20 Jahre nach Kriegsende – bei Teilen der bundesdeutschen Bevölkerung fanden.“ Zwar habe sich seither vieles verändert, „manches aber ist gleich geblieben oder heute, 50 Jahre später, wieder da.“ Deshalb handele es sich bei Aspekte des neuen Rechtsradikalismus nicht einfach um ein historisches Dokument, sondern um „eine Flaschenpost an die Zukunft“. (suhrkamp.de)

Dieser Deutung des Vortrags schlossen sich nahezu alle Rezensenten an: Er wirke „in vielen Passagen wie ein direkter Kommentar zu Methode und Ideologie der Rechten seit 2015 – von der AfD über Pegida bis hin zur Identitären Bewegung.“ (Spiegel online, 6.8.2019) Die „Analyse der ideologischen Macht des Nationalismus, die sich heute die AfD und ihre europäischen Verwandten systematisch zunutze machen“, sei „erschreckend gültig“. (Süddeutsche.de, 20.7.2019) Der Verfasser des Nachworts, Volker Weiß, der zur Geschichte und Gegenwart des Rechtsextremismus in Deutschland forscht und dessen Promotion über Arthur Moeller van den Bruck unter anderem vom notorischen „Israelkritiker“ Moshe Zuckermann betreut wurde, bekräftigte diese Lesart in der TV-Sendung „Kulturzeit“ am 4.7.2019, indem er behauptete, Adornos Vortrag könne „auch ganz aktuell im letzten Jahr geschrieben worden sein“ (www.3sat.de) – obwohl von breitem Zuspruch der Bevölkerung für die immer noch existierende NPD keine Rede sein kann.

Ein ganz normaler Mensch

Dabei haben sich Adornos Sympathiewerte im multikulturell renovierten Deutschland der Gegenwart gerade in linken Kreisen stark verschlechtert, hängt ihm doch der Ruf an, ein intellektueller Patriarch und weißer alter Mann gewesen zu sein. Trotz seines historisch-materialistischen Denkens gilt es als suspekt, dass Adorno Bürgerlichkeit und Zivilisiertheit gegen die Aktionen der bundesdeutschen Studentenbewegung Ende der 1960er Jahre, der er durchaus nicht übelgesonnen war, störrisch verteidigte. Seither firmiert er als der „spießige Marxist“, dessen korrektes und penibles Auftreten „eher zu Konrad Adenauer als zu Rainer Langhans“ (Deutschlandfunkkultur.de, 31.7.2019) passte, was in der neuen weltoffenen Bundesrepublik natürlich als Tadel gemeint ist.

Solche Makel aber scheinen angesichts der unverhofften Möglichkeit, Adornos Wiener Vortrag für den angesagten Kampf gegen den Rechtspopulismus zu instrumentalisieren, zur Randnotiz zu werden. Suhrkamp, so heißt es, sei mit der Veröffentlichung auch deshalb ein „Coup“ gelungen, weil die Leserschaft dabei Zeuge einer Metamorphose werde, in deren Verlauf „der Philosoph und Soziologe, der sich sonst in seinen Büchern in einer hermetischen Sprache und in einem kryptischen Vokabular verliert, alltagssprachlich öffnet und von einem intellektuellen Denkmal zu einem (fast) ganz normalen Menschen wird.“ (RBB Kultur, 27.8.2019) Adorno gebe ausnahmsweise nicht „den weltabgewandten Denker, der schwerverständliche Gedanken“ formuliert, sondern spreche mit „klaren Worten“, um sein Publikum „mit einer tagespolitischen Intervention“ (FAZ.net, 15.8.2019) zu erreichen – nähere sich also endlich doch einmal jener Plumpheit des linken Politikberaters an, als den sich die gesamtdeutsche geistesfeindliche Presse den Chefdenker wünscht. Dieser Imagewandel dürfte dazu beigetragen haben, dass sich für den Suhrkamp-Verlag die Veröffentlichung ausgezahlt hat. Denn „(d)rei Wochen nach dem Erscheinen ist die vierte Auflage gedruckt – 30.000 Exemplare sind verkauft. Ein großer Wurf zum 50. Todestag des größten deutschen Intellektuellen der Nachkriegszeit.“ (MDR Kultur, 6.8.2019) Dank seiner scheinbaren Verwendbarkeit im Dienst des volksgemeinschaftlichen Konsenses gegen rechts gilt Adorno nun gar als „Popstar für junge Leute“, da „sein Werk in den Protestsommer 2019 und zu der Sinnsuche der Protestierenden“ passe. Das bestätigte der Inhaber der Campus-Buchhandlung der Hamburger Universität, der angab, viele „junge Menschen (seien) wieder interessiert an politischer Literatur. Allein zum Rechtsruck habe er mittlerweile einige Regalmeter, aber auch der 150. Geburtstag von Marx’ Das Kapital sei überraschend gut gelaufen.“ Die gestiegene Sensibilität der „jungen Menschen“ erklärt demnach die neue, an den Umsätzen abzulesende Popularität Adornos; mit einer Ausnahme: „die Jura-Studenten kaufen wie immer.“ (Bento.de, 8.8.2019) Angesichts dieser posthum erschlossenen Fanbase des berüchtigten Nörglers wundert es nicht, dass viele Besucher einer „Podiumsdiskussion zur Aktualität Adornos“ im Großen Saal der Evangelischen Akademie auf dem Frankfurter Römerberg wegen Platzmangels abgewiesen werden mussten. (FAZ.net, 15.8.2019)

Es spricht einiges dafür, dass die Inanspruchnahme Adornos für die Anliegen der Bewegung gegen rechts einer Tendenz entgegenkommt, vor der er selbst gewarnt hat. So findet sich in einer seiner Vorlesungen der Hinweis, dass „es überhaupt schlechterdings keine Wahrheit, nicht die wahrste Theorie […] gibt, die, wenn sie aus ihrem Zusammenhang herausgebrochen wird und vor allem, wenn sie in den Dienst irgendwelcher Interessenlagen tritt, nicht eben unmittelbar auch zur Unwahrheit werden kann.“ (1) Selbst wenn man voraussetzt, dass jegliche theoretische Reflexion dem Wahrheitsanspruch verpflichtet ist, stellt sich das Problem des Zeitkerns der Wahrheit, auf das die Kritische Theorie stets aufmerksam gemacht hat. Die Rede vom Zeitkern meint, „daß es nicht eine allgemeine, statisch in sich ruhende Wahrheit, auch keine über die Gesellschaft gibt, sondern daß die Wahrheit selber immer nur aus der konkreten Situation eigentlich folgt und daß in dem Augenblick, wo sie von der konkreten Situation sich ablöst oder glaubt, sich über sie zu erheben, daß sie damit gerade zur Kraftlosigkeit und zur Ohnmacht verurteilt wird und das genaue Gegenteil von dem bewirkt“ (2), worauf sie zielte. Die naheliegende Frage, ob ein Vortrag von 1967, der zum Großteil an Adornos früheren, von ihm selbst im Druck veröffentlichten Vortrag Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit aus dem Jahr 1959 anschließt, für die heutige Gegenwart einen Erkenntnisgewinn bedeutet, und wenn ja: wie dieser aussehen könnte, stellen sich die Adorno-Adepten allerdings gar nicht erst. Genauso wenig wurde darüber nachgedacht, ob der unter dem Eindruck judenfeindlicher Tendenzen in der frühen Bundesrepublik entstandene Vergangenheits-Aufsatz nicht vielleicht schon 1967 eine nur mehr beschränkte Gültigkeit besessen hat, und ob der Versuch, Gedankenfiguren aus jenem für die Analyse des Erfolgs der NPD nutzbar zu machen, nicht auch Adornos notwendig beschränkte Fähigkeit widerspiegelte, ein damals neues Phänomen angemessen auf den Begriff zu bringen.

Doch statt Adornos Denken solcherart historisch zu reflektieren, begeistert sich der Historiker Weiß unter Zurückstellung seiner fachlichen Qualifikation im Nachwort darüber, dass sich Adornos Ausführungen wie „ein Kommentar zu aktuellen Entwicklungen“ (3) lesen, und übergeht den eigenen Anspruch, die „hellsichtig wirkende Aktualität […] mit dem historischen Zeitkern ihrer Wahrheit ins Verhältnis“ (S. 62) zu setzen. Zu verlockend scheint die Analogiebildung, hatte die NPD doch in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre „als Sammlungsbewegung des rechten Lagers“ einen „signifikanten Zuspruch“ (S. 60) zu verzeichnen, während sich heute „eine äußerste Rechte erneut zur einflussreichen politischen Kraft entwickelt.“ (S. 61) Worin eigentlich der „Einfluss“ einer Partei bestehen soll, die von allen anderen Parteien derart kollektiv geächtet ist, dass nach ihrem Einzug in den Bundestag wochenlang wie im Kindergarten darüber gestritten wurde, welche Abgeordneten neben ihr sitzen sollen, erläutert Weiß nicht.

Nationalismus als unterstellte Kontinuität

Einmal davon abgesehen, dass man bei den Wahlergebnissen für die damalige NPD mit maximal 9,8 Prozent (bei den Landtagswahlen 1968 in Baden-Württemberg) eher von einer soliden Randständigkeit als von breitem Zuspruch sprechen müsste – zumal in einer Gesellschaft, die 25 Jahre zuvor mehrheitlich aus überzeugten Nationalsozialisten bestand –, stellt sich die Frage, wer überhaupt heute die äußerste Rechte sein soll. Der organisierte Rechtsextremismus in Deutschland ist seit Jahren keine einflussreiche politische Kraft mehr; selbst die historische NPD war es zu keiner Zeit. Um die „hellsichtig wirkende Aktualität“ von Adornos Aussagen zu belegen, bleiben demzufolge nur jene Teile der Bevölkerung, die entweder aus welchen Gründen auch immer Anhänger der AfD sind oder nicht zu den Gewinnern des postmodernen Kapitalismus gehören – zwischen beiden Gruppen dürfte es große Überschneidungen geben, und beide ähneln sich darin, dass sie trotz ihrer wachsenden Bedeutung bei Wahlen innenpolitisch de facto wenig Einfluss haben. Auch Weiß konzediert, dass das von Adorno so genannte „Gespenst der technologischen Arbeitslosigkeit“ (S. 11), die potenzielle Überflüssigkeit auch derer, die noch im Produktionsprozess stehen, „im völkischen Phantasma eines ‚großen Austauschs‘ ethnischer Gruppen“ (S. 73) eine scheinbare Konkretion gewinne. Weshalb dieses autoritäre Syndrom aber weder in den 1960er Jahren noch heute eine rechtsextreme Massenmobilisierung begründen konnte, sondern der Impuls volksgemeinschaftlicher Mobilmachung vielmehr erfolgreich von der Linken aufgenommen und transformiert wurde, fragt Weiß an keiner Stelle.

Entsprechend rätselhaft bleibt, woran Weiß „die immense Zugkraft frauenfeindlicher und homophober Agitation in Zeiten der Gleichberechtigung oder die Renaissance des religiösen Fundamentalismus inmitten einer säkularen Gegenwart“ (S. 81) heute empirisch festmachen will. In der deutschen Mehrheitsgesellschaft wird ihm das nicht gelingen, denn bislang ist außerhalb der Kommentarspalten einschlägiger Internetforen nichts von einem neu erwachten christlichen Fundamentalismus oder einem volksgemeinschaftlichen Bedürfnis zu verspüren, die deutschen Frauen wieder an den Herd zu fesseln. Garantiert fündig würde er auf seiner Suche hingegen in den Lebenswelten des Alltagsislam, wo Frauenfeindlichkeit und Homophobie selbstverständlich sind und der Übergang von religiösem Alltag im Privaten zu dessen Durchsetzung mittels Landnahme in der Öffentlichkeit fließend ist. Von all dem will man als aufrechter Antirassist natürlich nichts wissen. Stattdessen bringt Weiß den „globalen Dschihadismus“ als ein „agitatorische(s) Schlüsselelement des Rechtspopulismus“ ins Spiel und hält den neuen Nazis immerhin zugute, dass es hier „anders als im Antisemitismus nicht allein [sic!] um pathische Projektion“ gehe, da der Dschihadismus ein „realer Akteur“ (S. 75) sei. Dabei muss die Frage unter den Tisch fallen, ob der Unterschied zwischen pathischer Projektion – also gelebtem Wahn – und projektiv aufgeladener realer Gefahr denn ein bloß gradueller ist. Dass darüber hinaus der globale Dschihadismus inzwischen von so ziemlich jedem Politiker als Gefahr benannt wird, um sogleich die feinsäuberliche Trennung von Alltagsislam und dessen angeblichem Missbrauch durch den islamischen Terror aufrechtzuerhalten, ist ein Taschenspielertrick, dem sich lediglich die AfD zumeist verweigert. Statt diesen offensichtlichen Zusammenhang zu benennen, soll, so Weiß, die Kritische Theorie die Bereitschaft aufbringen, sich das Themenfeld Dschihadismus zu erschließen, um „ihre Fähigkeit (zu) beweisen, ‚auf gegenwärtige und konkrete Bedrohungen zu reagieren‘.“ (S. 76)

Dass solche fragwürdigen Empfehlungen das Resultat des Versuchs sind, einen historischen Text in die Schablonen der Gegenwart zu pressen, um eine Bedienungsanleitung für den Kampf gegen rechts daraus zu machen, ist keine Überraschung. Verschwiegen werden darf trotzdem nicht, dass Adornos Wiener Vortrag, der nicht ganz unbegründet zu Adornos Lebzeiten in der Schublade blieb, gewisse unfreiwillige Angriffsflächen bietet, die prädestiniert dafür sind, den „Staatsfeind auf dem Lehrstuhl“ (W. Pohrt) als geistigen Urheber der „Unteilbar“-Meute zu vereinnahmen. Besonders scheint sich dafür Adornos Kritik am Nationalismus zu eignen, der sich heute laut Weiß im „Ruf nach Souveränität […] rechter Europagegner“ (S. 71) erneut Bahn breche. So spricht Adorno davon, dass „die Menschen in Deutschland [...] in einer immerwährenden Angst um ihre nationale Identität zu leben (scheinen), eine Angst, die zu der Überwertigkeit des Nationalbewußseins sicher das Ihrige beiträgt.“ (S. 22) Er schließt hier an Überlegungen aus dem Vergangenheits-Aufsatz an, worin es heißt, der Nationalismus werde „politisch benötigt als wirksamstes Mittel, die Menschen zur Insistenz auf objektiv veraltete Verhältnisse zu bringen.“ (4) Das Problem ist, dass diese in Wien thematisierte Angst Ende der 1960er Jahre nicht Ausdruck einer überhistorischen Kontinuität, sondern tatsächlich etwas historisch Neues war. Denn der Nationalismus, verstanden als Hypostasierung des Werts der eigenen Nation im Gegensatz zur diagnostizierten Minderwertigkeit der anderen, war in der unmittelbaren Nachkriegszeit, also in der Adenauer-Ära, nicht virulent. Vielmehr ist für diese Epoche, wie Moishe Postone feststellt, ein „ambivalente(s) Verhältnis von Kontinuität und Bruch mit der Vergangenheit“ charakteristisch. Diese Ambivalenz komme darin zum Ausdruck, dass sich einerseits auf institutioneller Ebene Parlamentarismus, Gewaltenteilung und Bürgerrechte nach westlichem Vorbild wenigstens formal ziemlich reibungslos etablierten, während andererseits „ein großer Teil des Verwaltungsapparates des NS-Staates ebenso […] wie große Teile des staatlichen Personals“ übernommen wurden. Die institutionelle Integration der alten Nazis hatte die bedeutsame Nebenfolge, dass die tatsächlichen Ewiggestrigen in ihren neuen Ämtern neutralisiert wurden. Gleichzeitig mit der Integration alter Nationalsozialisten in den Staatsapparat nämlich „wurden die öffentliche Kritik des Antisemitismus und die Verurteilung der Vernichtung der Juden – wie sie sich zum Beispiel im 1953 abgeschlossenen Abkommen über Wiedergutmachungszahlungen an den Staat Israel sowie individuellen Entschädigungszahlungen an Überlebende des Holocaust manifestierte – zu einem zentralen Legitimationsmoment der Bundesrepublik.“ (5) Als wesentliche Stütze dieser Politik erwies sich der wirtschaftliche Aufschwung, „der nach Ausbruch des Koreakrieges 1950 zu einem bis in die 60er Jahre anhaltenden Boom führte. Die von der CDU / CSU unter Führung Erhards betriebene liberale Wirtschaftspolitik führte, jedem Bürger sichtbar, aus der Zeit des Hungers, der Not und des Mangels heraus in eine dynamische Ära vorwiegend materialistisch bestimmter Wünsche und Bestrebungen, die mit einem starken Interesse an Kontinuität und Sicherheit (‚keine Experimente!‘) gekoppelt waren.“ (6)

Westbindung als Bruch

Außenpolitisch setze Adenauer durch personelle Konzessionen an ehemalige Vertreter des „Dritten Reichs“ und gegen erheblichen Widerstand die in der Bevölkerung zunächst unbeliebte Westintegration der Bundesrepublik durch. Die Verankerung Westdeutschlands im westlichen Verteidigungs- und Bündnissystem, in europäischen und transatlantischen Strukturen, war mit einem „Souveränitätsgewinn durch Souveränitätsverzicht“ (7) verbunden: „Adenauer war sich, im Widerspruch zur Oppositionskritik am Ausverkauf nationaler Interessen, sicher, dass (ein) nationaler Souveränitätsverzicht der beste Weg (sei), deutsche Interessen […] durchzusetzen.“ So sah der erste Bundeskanzler „in der Montanunion eine Chance, der Bundesrepublik eine gleichberechtigte Stellung in Europa zu verschaffen und den Westen insgesamt zu stärken, einen Ausgleich mit Frankreich auch über das Saar-Problem zu erreichen und gleichzeitig Auflagen der Alliierten über Beschränkungen der westdeutschen Wirtschaftskapazität überflüssig werden zu lassen.“ Mit dieser Strategie war er erfolgreich, was sich am Zuspruch der Mehrheit der Westdeutschen für CDU und CSU bei den Bundestagswahlen 1953 und 1957 und an der „in Westdeutschland […] zunehmend verbreitete(n) Europa-Begeisterung“ zeigte. Dan Diner spricht in diesem Zusammenhang im positiven Sinne von einer „Amerikanisierung und Verwestlichung“ der Bundesrepublik, die aufgrund des „provisorisch erklärten Charakters – der offenen nationalen Frage – […] in paradoxer Weise Distanz zur Nation hielt. Die Bundesrepublik mochte als Verfassungsstaat, als ein Gemeinwesen, dessen Selbstverständnis sich vor allen Dingen um die Wirtschafts- und Sozialordnung rankte und das fest in das Weltbürgerkriegsverhältnis des Kalten Krieges eingebunden war, alles mögliche sein, nur eines war sie mit Sicherheit nicht: ein Nationalstaat.“ (8) Zweifellos hat sich die „Gesellschaft, die die Rechtsnachfolge des besiegten Nationalsozialismus antritt, […] auf den Resultaten bewegt, die der Nationalsozialismus geschaffen hat“, was in dem Umstand zum Ausdruck kam, „daß Vernichtung und Massenmord nicht Rache und Bestrafung nach sich zogen, sondern den durch das Wohlwollen der Sieger ermöglichten Wohlstand“ (9). Dass die Transformation „von der Raserei der Vernichtung in konsumgesättigte Apathie“ selbst „zu Zeiten der Prosperität immer auf dem Sprung war, wieder in Aufmischbereitschaft umzuschlagen“ (10), wie die Kritik am Postnazismus prägnant herausgestellt hat, ändert jedoch nichts am realpolitischen Erfolg von Adenauers Versuch der Reeducation durch Konzession an die alten Eliten: Die Westbindung der frühen Bundesrepublik im Verbund mit der Mehrung des allgemeinen Wohlstands durch die wirtschaftliche Entwicklung „unterband ein Wiederaufflammen des Nationalismus“ (11) als Massenphänomen.

Eine Hinwendung der Deutschen zur Nation erfolgte nach Adenauers Kanzlerschaft. Erst unter seinem Nachfolger Ludwig Erhard (1963 bis 1966) lässt sich von einem „neuen Nationalismus“ (K. Sontheimer) sprechen. Unter anderem hatte sich „unter den Fittichen der in Erhards Regierungszeit allzu wohlwollend geduldeten nationalistischen Phraseologie in der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) ein starkes Sammelbecken für alle Rechtsextremisten und Nationalisten unter Einschluß einer Reihe von Protestwählern gebildet“. (12) Während dieses parteipolitische Phänomen nach dem gescheiterten Einzug der NPD in den Bundestag 1969 genauso schnell in sich zerfiel, wie es entstanden war, etablierten sich ganz andere gesellschaftliche Neuerungen auf Dauer. Die sozialen, ökonomischen und technologischen Entwicklungen der Nachkriegszeit wie die schrittweise, durch die Integrationstendenz des Kapitals bedingte Auflösung proletarischer Milieus, der Anstieg von Frauenerwerbsarbeit, die größere Bedeutung der Angestelltenberufe und die Auflösung der traditionellen Familien- und Geschlechterbeziehungen untergruben die sozialgeschichtlichen Grundlagen der Adenauer-Republik und erleichterten es so, mit der Kritik an jenen auch die politischen Fortschritte jener Jahre wie die Westbindung und die außenpolitische Allianz mit Israel zu desavouieren. Als Resultat der Studentenproteste, die einen Bruch mit der Elterngeneration eher simulierten als vollzogen, entstanden mit der Neuen Linken und den Neuen Sozialen Bewegungen politische Strömungen, die fortan auch parteipolitisch einen festen Platz im Staat einnahmen. Dabei ist es kein Zufall, dass Antisemitismus, Antiamerikanismus und antiwestliches Ressentiment, die in den 1950er Jahren ebenfalls vorhanden, aber durch den von Adenauer durchgesetzten kalten Frieden mit der Vergangenheit weitgehend sistiert waren, erst seit den 1960er Jahren massenwirksam enttabuisiert wurden – und das nicht etwa durch die NPD, sondern durch die antizionistische und antiamerikanische Neuausrichtung der Linken. Erst die antizionistisch gewendete Neue Linke entdeckte, spätestens nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967, also genau zum Zeitpunkt von Adornos Vortrag, den deutschen Sonderweg „in Differenz zum westlichen Westen“ wieder und nahm „in der Verlebendigung jener Traditionsbezüge, die der politischen Kultur des Westens entgegenstehen, eine dubiose Vorreiterrolle“ (13) ein. Sie denunzierte „ausgerechnet und genau das als faschistisch […], was als einziges einen tatsächlichen Bruch mit der bisherigen Geschichte des deutschen Sonderweges bedeutete, die forcierte Westbindung der BRD durch Adenauer nämlich, die mit einer bis dahin unvorstellbaren öffentlichen Ächtung des Antisemitismus einherging – während andererseits genau das, was die Kontinuität deutscher Ideologie bis heute verbürgt, völkischer Kulturdünkel, sinistrer Verschwörungswahn und angstlüsterne Untergangsphantasien als Potentiale ‚fortschrittlichen Bewußtseins‘ identifiziert wurden.“ (14)

Nation und Nationalismus

All diese Entwicklungen muss Weiß, der in früheren Publikationen bewiesen hat, dass er sie kennt, ausblenden, um in der Gegenwart ein „Aufblühen des Nationalismus“ (S. 70) diagnostizieren zu können, dem mit Adornos Hausapotheke beizukommen sei. Dabei gilt bereits der Verweis auf staatliche Souveränität als Voraussetzung zur Durchsetzung von Gewaltmonopol und Rechtssicherheit als erster Schritt zu einem „aggressiven Nationalismus“ (Spiegel online, 9.11.2018), gegen den nicht nur Frank-Walter Steinmeier bei jeder Gelegenheit zu Felde zieht. Auch wenn derartige Warnungen von einer Inflationierung des Nationalismusbegriffs zeugen, kann sich Weiß auf die Wendung des „pathischen Nationalismus“ stützen, die bei Adorno selbst nicht unproblematisch ist. Im Vergangenheits-Aufsatz geht Adorno zunächst davon aus, dass die „Idee der Nation, in der einmal sich die wirtschaftliche Einheit der Interessen freier und selbständiger Bürger gegenüber den territorialen Schranken des Feudalismus zusammenfasste“ und die sich gegen die Naturalzusammenhänge (wie etwa die Familie) historisch behauptete, durch die Expansionstendenz des Kapitals zu dessen Hindernis geworden ist. Hinzu kommt der Bedeutungsverlust des Nationalstaats durch die Etablierung transnationaler Bündnisse. Diese Tendenzen werden durch die Reaktivierung der „Erbschaft barbarisch primitiver Stammesverfassungen“ (15), die sich laut Adorno im neuen Nationalismus ausdrückt, kompensiert. Mit anderen Worten: Wenn sowohl der Einzelne als auch die Nation als Agens bürgerlicher Organisationsform im geschichtlichen Prozess ohnmächtig werden, findet eine Regression hin zu den überwunden geglaubten Naturalverbänden statt (16), was sich am Bedeutungsgewinn von Kommunen, Regionen und der Familie in Folge des bewussten Verzichts auf staatliche Regulierung gegenwärtig durchaus zeigen ließe. Schon bei Adorno bleibt aber der Widerspruch, dass sich das Bedürfnis nach Regression auf den Stammesverband in der Fetischisierung der Nation artikulieren soll, die diese Stammesverbände einst gerade aufgelöst hat, weitgehend unreflektiert. Richtig in Fahrt – und an dieser Stelle müsste man über Adorno hinausgehen – kommt der Zerfall der Gesellschaft in partikulare Überlebenskollektive nämlich erst durch einen postmodern-nachbürgerlichen Sozialcharakter, der die Flucht nach vorn gegen die Grenzen setzende Nation antritt: Die Rückbesinnung auf feudale Stammesverbände, die Adorno zu Recht befürchtete, stellt sich in der Gegenwart konkret dar als Vorwärtsverteidigung im Sinne der Konstitution von immer wahl- und zahlloser entstehenden Minderheiten mit globalem Bezugsrahmen. Gerade Deutschland ist Vorreiter dieser Entgrenzungstendenz, woraus eine paradoxe Konstellation resultiert: Der klassische nationalistische Impuls hält sich in der Gegenwart gerade im weltoffenen Überlegenheitsgefühl der Deutschen aufrecht, in ihrem multikulturalistischen Antinationalismus, der als Lehre aus Auschwitz präsentiert wird und alle Zweifler, die auf nationale Souveränität angesichts der globalen Bedrohung des Islam nicht verzichten wollen, als rechtspopulistische Dumpfbacken abwertet.

Nicht nur angesichts von Weiß’ Weigerung, den heutigen Nationalismus als Auslaufmodell für anachronistische Volksstaatsanhänger zu begreifen, drängt sich die Frage auf, ob man als Historiker womöglich automatisch dagegen immunisiert ist, gesellschaftlichen Wandel zu reflektieren. Auch Weiß’ Beschäftigung mit den Topoi der Vergangenheitsbewältigung, Schuldabwehr und Erinnerungskultur legt diese Frage nahe. So schreibt Weiß: „Noch heute vermag, wie zu Adornos Zeiten, die ‚Erwähnung von Auschwitz‘ […] Menschen ‚zum Weißglühen‘ zu bringen“ (S. 80), womit er auf Teile einer in der deutschen Öffentlichkeit heftig kritisierten Rede des Thüringer AfD-Vorsitzenden Björn Höcke vom 17. Januar 2017 in Dresden anspielt. Dort proklamierte Höcke unter Bezugnahme auf Franz Josef Strauß, dass die „Vergangenheitsbewältigung als gesamtgesellschaftliche Daueraufgabe […] ein Volk (lähmt). […] Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad!“ Weiterhin beklagte er, dass „wir Deutschen […] das einzige Volk der Welt (sind), das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ (Tagesspiegel online, 19.1.2017) Vor zwanzig Jahren hätte der Wahlthüringer für diese Einlassungen stehende Ovationen bekommen, womöglich wäre ihm sogar eine wohlwollende Titelstory im Spiegel gewidmet worden. Denn gegen die Errichtung des Berliner Holocaust-Denkmals, um das es auch Höcke ging, gab es damals Protest aus Kreisen, für die die Zuschreibung rechtsradikal selbst nach heutigen Maßstäben unzutreffend gewesen wäre. So monierte der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Martin Walser, anlässlich der Preisverleihung im Oktober 1998, dass „unsere geschichtliche Last“ den Deutschen tagtäglich „vorgehalten wird“, was zu einer „Dauerpräsentation unserer Schande“ geführt hätte. Das damals in Planung befindliche Mahnmal stelle die „Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Alptraum“ dar und sei die „Monumentalisierung der Schande“. (17) Rudolf Augstein war es vorbehalten, noch deutlicher zu werden: „Nun soll in der Mitte der wiedergewonnenen Hauptstadt Berlin ein Mahnmal an unsere fortwährende Schande erinnern. Anderen Nationen wäre ein solcher Umgang mit ihrer Vergangenheit fremd. Man ahnt, daß dieses Schandmal gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland gerichtet ist. Man wird es aber nicht wagen, so sehr die Muskeln auch schwellen, mit Rücksicht auf die New Yorker Presse und die Haifische im Anwaltsgewand, die Mitte Berlins freizuhalten von solch einer Monstrosität.“ Letztendlich würde man „untauglichen Boden mit Antisemitismus düngen, wenn den Deutschen ein steinernes Brandmal aufgezwungen wird.“ (Der Spiegel, 49/98)

Vergangenheitsstolz als Aufarbeitungsstolz

Unbestritten steht Höcke mit seiner Dresdner Rede in einer Tradition, die Adorno Ende der 1950er Jahre beschrieben hat: Unter die Verbrechen der Deutschen solle ein „Schlußstrich“ gezogen werden, um „von der Vergangenheit loskommen“ zu können, schließlich schade „die allzu konkrete und hartnäckige Erinnerung ans Geschehene dem deutschen Ansehen im Ausland“. (18) Nur steht Höcke eben nicht allein mit unbelehrbaren Rechtspopulisten, sondern gemeinsam mit Walser, Augstein und dem Spiegel in jener Tradition. Dass der Komplex Schuldabwehr und Verleugnung in Adornos Wiener Vortrag, anders noch als im Vergangenheits-Aufsatz, nur am Rande vorkommt, dürfte dann auch damit zusammenhängen, dass sich schon in den 1960er Jahren hinsichtlich des Umgangs mit dem Nationalsozialismus Veränderungen ankündigten. Deutschland entwickelte nach Adenauers Rückzug aus der Politik trotz wirtschaftlicher Rezession ein neues Selbstbewusstsein, das mit der Integration linker Politik ins Selbstverständnis des Staates und dem aufkommenden Stolz, die Vergangenheit „aufarbeiten“ zu wollen, einherging. Letzteres manifestierte sich in der Entspannungspolitik, die spätestens seit der Koalition aus SPD und FDP ab 1969 die deutsche Außenpolitik prägte. Neben der Anerkennung der Nachkriegsgrenzen trug Willy Brandt mit dem Kniefall vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos 1970 nicht nur zur „Selbstversöhnung der Deutschen“ (Antje Vollmer) bei, sondern brachte „die Möglichkeit eines anderen Verhältnisses Deutschlands zu seiner Vergangenheit zum Ausdruck. Er führte damit implizit die Vision einer anderen deutschen Nachkriegsidentität vor Augen, einer, die nicht auf der Vermeidung der Vergangenheit beruhte, sondern darauf, sich Deutschlands schrecklicher Vergangenheit offen zu stellen, die Verantwortung für diese Vergangenheit zu übernehmen (und) sie grundsätzlich zu verurteilen“. (19) Mit der Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Sieges der Alliierten über Deutschland am 8. Mai 1985 fand dieses Ansinnen seine Fortsetzung. Während der damalige Kanzler Helmut Kohl anlässlich eines Staatsbesuchs in Israel 1984 noch von der „Gnade der späten Geburt“ gesprochen hatte, führte Weizsäcker „den Deutschen die Verantwortung für die NS-Verbrechen unmissverständlich vor Augen“, wenngleich auch er nicht auf das „Leid in Bombennächten, Leid durch Flucht und Vertreibung, durch Vergewaltigung und Plünderung“ verzichten wollte. Unter diesen Vorzeichen war es möglich, den 8. Mai als Tag der Befreiung zu begehen: „Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Die Aufforderung, „(w)ir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen“, wurde zum „zentrale(n) Element öffentlichen Gedenkens“. (20)

Mit der ersten rot-grünen Koalition auf Bundesebene 1998 vollzog sich ein weiterer geschichtspolitischer Modernisierungsschub, der das Ende der Bonner Republik besiegelte. Das hatte auch ein Ende der gedenkpolitischen Bescheidenheit zur Folge, was bedeutete, dass Positionen wie die von Martin Walser und Rudolf Augstein randständig wurden; Björn Höcke ist heute sozusagen ihr sich selbst stolz in die nationale Schmuddelecke stellendes Relikt. Das Holocaust-Mahnmal hingegen steht für das Selbstverständnis der Berliner Republik: „Es war die Entscheidung für ein erstes gemeinsames Erinnerungsprojekt des wiedervereinten Deutschland und das Bekenntnis, dass sich dieses geeinte Deutschland zu seiner Geschichte bekennt und zwar indem es in seiner Hauptstadt, in ihrem Zentrum, an das größte Verbrechen seiner Geschichte erinnert“, wie Wolfgang Thierse rückblickend feststellte. (Kölnische Rundschau, 10.5.2005). Die Initiatorin des Mahnmals, Lea Rosh, konstatierte anerkennend, dass es „kein anderes Volk auf der Welt (gebe), das sich mit den eigenen Verbrechen dermaßen offen auseinandergesetzt hat.“ (Die Welt, 27.1.2010) Die Gedenkstätte symbolisiert darüber hinaus, dass sich seither die einzelnen Aspekte des Bekennens deutscher Schuld an Weltkrieg und Shoah zu einem politischen Konzept verdichtet haben. Innenpolitisch wurde das erstmals massenhaft deutlich im sogenannten Aufstand der Anständigen; fast zeitgleich erfolgte die Demontage des altbundesrepublikanischen Sozialstaates im Zuge der Hartz-Reformen, wie sie von einer konservativen Regierung nicht hätte durchgesetzt werden können. Auf diesen Zusammenhang hat Wolfgang Pohrt früh hingewiesen: Die Rechten „werden gebraucht, damit Schröder die von ihm geführten Raubzüge der Elite als ‚Aufstand der Anständigen‘ zelebrieren kann. Sie werden gebraucht, weil die Ächtung von Antisemitismus und Rassismus das moralische Korsett einer Clique sind, die sich sonst alles erlauben will, jede Abgreiferei, aber wie jeder Verein für ihren Bestand Verbote und Tabus benötigt.“ (21)

Parallel dazu etablierte sich eine außenpolitische Doktrin, die der frühere Bundespräsident Joachim Gauck formulierte: „Aus dem Erinnern ergibt sich ein Auftrag.“ (Welt online, 27.1.2015) Das bedeutet in der Übersetzung Pohrts: „Mit den Verbrechen, die Deutschland an den Juden und an der Menschheit beging, hat es sich eigenem Selbstverständnis gemäß das Vorrecht, die Auszeichnung und die Ehre erworben, fortan besondere Verantwortung zu tragen. Der Massenmord an den Juden verpflichte, so meint man, Deutschland dazu, Israel mit Lob und Tadel moralisch beizustehen, damit das Opfer nicht rückfällig werde.“ (22) Dass unter diesen Gesichtspunkten Leute wie Björn Höcke eine Ausnahme darstellen, weil sie eine ideologische Denkform verkörpern, die objektiv längst abgewirtschaftet hat, wurde spätestens dann evident, als das Zentrum für politische Schönheit, eine der wichtigsten nichtstaatlichen Institutionen der neuen entgrenzten Volksgemeinschaft von links, 2017 unmittelbar bei Höckes Privatgrundstück einen Nachbau des Holocaust-Mahnmals zu errichten begann, um ihn in den Augen der Helldeutschen als Einwohner von Dunkeldeutschland vorzuführen.

Autoritär gleich rechts?

Ausgerechnet die Gruppe der Höcke-Fans soll jedoch bei Weiß als Beleg dafür herhalten, dass nicht nur von der gesamten AfD, sondern auch der Mehrheit der übrigen Landsleute heute ein „autoritär agierender Nationalstaat […] nicht mehr als Bedrohung empfunden“ (S. 74) würde. Damit ist die Fährte zu den Studien zum autoritären Charakter als einer Art Dauerbrenner kritischer Sozialwissenschaft gelegt. Grundlage dieses von Adorno gemeinsam mit anderen Mitarbeitern des Instituts für Sozialforschung noch im Exil und nicht nur mit Blick auf die deutsche, sondern ebenso auf die amerikanische Gesellschaft konzipierten Bandes war die Annahme, dass „die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Überzeugungen eines Individuums häufig ein umfassendes und kohärentes, gleichsam durch eine ‚Mentalität‘ oder einen ‚Geist‘ zusammengehaltenes Denkmuster bilden, und daß dieses Denkmuster Ausdruck verborgener Züge der individuellen Charakterstruktur ist.“ Eine bestimmte Charakterstruktur also hängt demnach gewissermaßen kausal mit der politischen Einstellung zusammen; die (Selbst-)Verortung eines Individuums im rechtsextremen Spektrum wäre entsprechend auf den autoritären Charakter zurückzuführen, der wiederum durch die Möglichkeit solcher Identifikation gefestigt wird. Wenn von der autoritären Charakterstruktur die Rede ist, bezieht man sich in aller Regel auf die in der Untersuchung bei den Vorurteilsvollen diagnostizierten Syndrome. Ganz so einfach sollte man es sich jedoch nicht machen. Die Autoren der Studien weisen selbst darauf hin, dass „im Mittelpunkt des Interesses […] das potenziell faschistische Individuum (stand)“ (23) und keineswegs tatsächliche Anhänger des gerade erst besiegten Nationalsozialismus in Deutschland; insofern war die Theorie vom autoritären Charakter auch ein Gegenentwurf zur stereotypen Rede vom Nationalcharakter. In diesem Zusammenhang ist eine weitere Einschränkung Adornos von Bedeutung. Im Vergangenheits-Aufsatz schreibt er, man beurteile die autoritäre Charakterstruktur „überhaupt falsch“, „wenn man sie von einer bestimmten politisch-ökonomischen Ideologie her konstruierte; die wohlbekannten Schwankungen der Millionen von Wählern vor 1933 zwischen der nationalsozialistischen und kommunistischen Partei sind auch sozialpsychologisch kein Zufall.“ (24) Anhand dieser retrospektiven Bemerkungen liegt es nahe, den autoritären Charakter als ein Phänomen zu betrachten, das mehr oder minder ausgeprägt bei Vertretern jeder politischen Richtung anzutreffen ist, als eine Disposition also, die zuerst in den Subjekten angelegt ist, bevor sie sich in politischen Meinungen oder der Präferenz für eine bestimmte Partei artikuliert oder kaschiert. Trotzdem hält sich nach wie vor das Gerücht, dass ausgerechnet Linke – die zumeist einfach mit denen identifiziert werden, die von sich glauben, links zu sein – hinsichtlich autoritärer Verhaltensmuster unverdächtig seien, während die – wiederum von den Linken als solche bestimmten – Rechten quasi naturwüchsig autoritär seien. Dass Adorno mit Blick auf die Studentenbewegung gerade einer bestimmten Form des Antiautoritarismus autoritäre Verhaltensmuster bescheinigte, scheint über solche Wortverdrehungen inzwischen fast vergessen zu sein.

Die Studien zum autoritären Charakter hingegen attestieren einzig dem „genuine(n) Liberale(n)“ – womit keine FDP-Wähler gemeint sind – einen „starken Sinn für Autonomie und Unabhängigkeit“ und stellen fest, dass dessen Engagement keine „Zeichen von Zwang und Überkompensierung“ (25) aufweise. Einige der anderen in der Studie unterschiedenen Typen sind stattdessen durch höchst problematische Eigenschaften gekennzeichnet. So fällt der „starre Vorurteilsfreie“ durch „überaus stereotype Züge auf, durch eine Struktur also, bei der die Absenz von Vorurteilen nicht auf konkreter Erfahrung beruht und in der Charakterstruktur integriert ist, sondern aus allgemeinen, äußerlichen ideologischen Formen abgeleitet ist.“ In seinem Hang zur „Rigidität“ sei er Träger von Syndromen, die auch bei den von Vorurteilen Beherrschten festgestellt wurden, so dass seine Vertreter „Klischees und Phrasen (kaum weniger benutzen) als ihre politischen Gegner.“ (26) Der „protestierende Vorurteilsfreie“ werde durch „konformistische ‚Korrektheit’“ gelenkt, die bei ihm als starrer Schematismus das schwach entwickelte Gewissen ersetzt. Dabei wenden sich diese Personen „gegen alle äußere Autorität“ und entfalten „gewisse zwanghafte Züge. […] Sie werden von dem Wunsch geleitet, das Unrecht ‚gutzumachen‘, das den Minderheiten angetan wurde; zugleich sind sie gefesselt von den wirklichen oder imaginären […] Fähigkeiten“ (27) ihrer Schutzbefohlenen. Die „impulsiven Vorurteilsfreien“ wiederum sympathisieren „auf Grund ihrer eigenen libidinösen Veranlagung mit allem […], was sie als unterdrückt ansehen“, sie „zieht […] alles an, was ‚anders‘ ist und eine neue Art von Befriedigung verspricht.“ (28) Dass die Staatsantifa, die Klischees und Phrasen gegenüber politischer Erkenntnis bevorzugt, in dieses Schema ebenso fällt wie die männerkritische Seenotretterin, die durch ihr starres Mitleid daran gehindert wird, die potentielle Gefahr einzuschätzen, die von moslemischen Jungmännern für westliche Gesellschaften ausgeht, liegt auf der Hand.

Viele Verhaltens- und Denkweisen, die von den Verfassern dem autoritären Charakter zugeschrieben werden, sind ebenso konstituierend für die Aufstandsbewegung gegen rechts. Erstens: Wenn der Konventionalismus eine „starre Bindung an die konventionellen Werte des Mittelstandes“ impliziert, wären die zum Dogma verfestigten und dadurch geradezu ins Gegenteil verkehrten „Werte“ des Antirassismus, Antifaschismus und Antinationalismus als Transformationen jener autoritär-konventionellen Denkform zu entziffern. Zweitens: Da dieser Wertekatalog durch den Aufstand der Anständigen – exemplarisch in Herbert Grönemeyers „Kein Millimeter nach rechts“-Rede – autoritär und kollektiv verordnet wird, wird hier offenkundig ein Bedürfnis nach autoritärer Unterwürfigkeit bedient. Diese Autorität verkörpert der ideelle Gesamt-Antifaschist in regierungsamtlichen wie in zivilgesellschaftlichen Würden. Drittens: Gegenüber tatsächlichen oder nur vermeintlichen Nazis und Rechtspopulisten gehört es inzwischen geradezu zum guten Ton, ihnen sowohl das private Wohnumfeld als auch das Beschäftigungsverhältnis madig zu machen, sie auf bloßes Hörensagen hin bei Freunden und Chefs zu diffamieren und ihnen öffentliche Redeverbote zu erteilen. Der Staatsantifaschismus knüpft damit unmittelbar an die „Tendenz (an), nach Menschen Ausschau zu halten, die konventionelle Werte mißachten, um sie zu verurteilen, ablehnen und bestrafen zu können.“ (29) Die Marginalisierung und öffentliche Sanktionierung von Widerspruch oder Nichtmittunwollen durch den vermeintlich antifaschistischen, jedoch durch und durch autoritären Mob der Wohlwollenden und Sensiblen bestätigt Adornos Diagnose im Wiener Vortrag, wonach es „zu den Grundstücken der deutschen Ideologie (gehört), daß es keine Einzelgänger geben soll“ (S. 21), was in der Neigung, sich selbst mit Slogans wie „Unteilbar“ und „Wir sind mehr“ zu labeln, sowie in der Beschwörung von Geschlossenheit und kollektiver Identität zum Ausdruck kommt.

Jeder für sich und doch zusammen

Dass nach Lage der Dinge die Charakterstruktur und innere Logik der Mehrheitsgesellschaft gegen rechts die weitaus größere Gefahr darstellt als die AfD in den Parlamenten, kommt einem Rechtsextremismusexperten, dem seine Finanzierung wegbrechen würde, wenn er derlei ausspräche, nicht in den Sinn. Deshalb ist Weiß als Vertreter seiner Zunft daran gelegen, ein Szenario zu entwerfen, in dem ein übermächtiger autoritär-nationalistischer Feind drauf und dran ist, die Staatsgeschäfte zu übernehmen – während in Wahrheit eher der Staat drauf und dran ist, seinen Verfassungsschutz als Antifa zu reorganisieren. Adornos Feststellung aus dem Jahr 1959, dass Aufklärung mittels politischer Bildung bei den Unansprechbaren an ihre Grenzen gerät, trifft bis heute zu. Demgegenüber wollte er mit einiger Berechtigung jene Deutschen gestärkt wissen, die „für den Faschismus kaum anfällig sind.“ Schließlich äußerte er die Hoffnung, „daß sich aus (dieser Gruppe) so etwas wie Kader bilden, deren Wirken in den verschiedensten Bereichen dann doch das Ganze erreicht, und die Chancen dafür sind umso günstiger, je bewusster sie selbst werden.“ (30) Die erhofften Kader wirken jedoch schon längst nicht mehr als eine der Aufklärung und Stärkung des Individuums verpflichtete, um ihre eigenen Grenzen wissende Minderheit, sondern sind ebenso selbstbewusster wie größenwahnsinniger Bestandteil eines breiten Mehrheitsbündnisses gegen den designierten rechtspopulistischen Pöbel. Es handelt sich um ein Herrschaftsprojekt der sich selbst als die wahren Demokraten in die Brust werfenden Parteien – von der Linkspartei bis hinein in die CSU – im Verbund mit der Mehrheit der Deutschen, die mit wahnsinniger Begeisterung in den Vorfeldorganisationen des Staates, sprich: in der Zivilgesellschaft aufgehen. Dass die Agenda dieser Allianz aus Weltoffenheit, Antifaschismus, Antirassismus und Minderheitenschutz besteht, versteht sich genauso von selbst wie der Umstand, dass jeder Nationalismus zu bekämpfen sei, womit das identitätsstiftende „Ritual nachholenden Widerstands als eine Bannung des Vergangenen“ (31) ideologisch unterfüttert wird, bis auch Antideutsche nichts mehr daran finden, dem jüdischen Staat, der schließlich auch von Rechten regiert wird, Nachhilfe in Sachen Toleranz zu erteilen. Obwohl sie längst Teil einer unteilbaren Mehrheit sind, werden Leute wie Volker Weiß nicht müde, ihr Wirken „als Pionierleistung eines Einzelgängers“ zu verkaufen: „Weil viele sich nach dem gleichen Muster verhalten, entsteht das Phänomen einer Masse ohne deren äußeres Erscheinungsbild. Zahllose Autisten sagen zeitgleich, aber jeder für sich: Ich bin der einsame Rufer in der Wüste, ein unabhängiger Geist mit Mut zur eigenen Meinung.“ Mutig hingegen wäre es, am Realitätsprinzip festzuhalten und „die Propaganda (zu) kritisieren“, statt „sich deren Lügen umso brutaler (einzuhämmern), je schwerer sie den Verstand beleidigen.“ (32)

Mario Möller (Bahamas 83/2019)

Ich danke Magnus Klaue für wichtige Hinweise.