Dreams are my reality

Tyrannei der ersten Person: Queere Psychoanalyse als postmoderne Transsubstantiationslehre

I.

Wer bereit ist, sogenannten trans*in-klusiven Aktivisten Gehör zu schenken, aber bei den folgenden Geschichten noch von leisen Zweifeln geplagt sein sollte, der wird solche Skepsis künftig nicht nur bei sich, sondern auch bei anderen als transphobe, cissexuelle Abwehr (1) exorzieren müssen, um nicht als Menschenfeind dazustehen, als den ihn ein zahlenmäßig zwar übersichtliches, dafür aber umso schrilleres juste milieu erscheinen lassen will. Denn was bis vor kurzem nur Gegenstand satirischer Serien-Formate wie South Park (2) war, wird inzwischen teilweise von der Wirklichkeit überboten. So berichtete am 19. Oktober 2018 eine Website für den Kampfsport Brazilian Jiu-Jitsu: „Transgender MMA-Kämpferin Fallon Fox schlug ihre weibliche Gegnerin Tamika Brents so heftig, dass diese einen Schädelbruch erlitt. Das geschah im Jahr 2014. In einem Interview nach dem Kampf sagte Brents: ‚Ich habe gegen etliche Frauen gekämpft und nie eine solche Stärke in einem Kampf gefühlt wie in dieser Nacht. Ich kann nicht sagen, ob es daran liegt, dass sie als Mann geboren wurde oder nicht, da ich kein Mediziner bin. Ich kann nur sagen, dass ich mich noch nie im Leben so unterlegen gefühlt habe und dabei bin ich selbst eine anormal starke Frau. Ich lehne es immer noch ab, dass Fox zu Kämpfen zugelassen wird. Bei jedem anderen Job oder in jeder anderen Karriere würde ich sagen, geht klar, aber wenn es zum Kampfsport kommt, denke ich, dass das nicht fair ist.‘“ (3) Doch nicht nur dürfen gewesene Männer unter dem Trans-Label mittlerweile in Sportarten als Frauen antreten, auch Erwachsene können beanspruchen, Kinder zu werden.

Der britische Independent meldete am 12. Dezember 2015: „Transgender-Vater Stefonknee verlässt Familie in Toronto, um neues Leben als 6-jähriges Mädchen zu beginnen“ (4). Über den seit 23 Jahren verheirateten 52-jährigen Vater von sieben Kindern, der im Text politisch unkorrekt als „Miss“ Wolscht – so lautet sein Familienname – figuriert, wurde mitgeteilt, dass er „im Moment kein Erwachsener mehr sein“ möchte und deshalb nun bei seiner Adoptivfamilie untergekommen sei. Da diese seine neue Transgender-Identität nicht nur rechtlich-politisch aus vollem Herzen unterstützt (ein Antrag auf Adoption wurde gestellt), ist Stefonknee – mit laszivem Unterton als Stef-on-knee ausgesprochen – zu einem Entgegenkommen bereit. So sei er dem Wunsch der Enkeltochter der Adoptiveltern nach einer jüngeren Schwester nachgekommen: „Vor einem Jahr war ich acht und sie sieben Jahre alt. Und sie sagte zu mir: ‚Ich möchte, dass Du die kleine Schwester bist, deshalb werde ich neun Jahre alt sein‘. Ich sagte: ‚Nun, mir macht es nichts aus, sechs zu sein. Daher bin ich seitdem sechs Jahre alt.‘“ Stefonknee ist inzwischen ins Kinderzimmer voller Puppen und Spielzeug eingezogen: „Wir haben eine tolle Zeit, wir malen. Wir machen Kindersachen“, teilt die offenbar quietschfidele, sehr schnell sehr jung gewordene „Miss“ Wolscht mit. Seine nicht gerade amüsierte Ehefrau hingegen, die im Jahr 2009, als er nach einem Besuch des Toronto Trans March wegen Suizidalität in die Klinik kam und wieder entlassen wurde, versucht hatte, eine einstweilige Verfügung wegen Bedrohung und Körperverletzung gegen ihn zu erwirken, stellte ihn vor die Entscheidung, entweder nicht mehr trans zu sein oder die Familie zu verlassen. „Miss“ Wolscht entschied sich für Letzteres: „Für mich ist ‚Hör auf, trans zu sein‘, nichts, was ich tun könnte […] Es wäre so, als ob man mir sagen würde, hör auf damit, 1,82 groß zu sein, oder hau ab.“

Selbstidentifikation und Anerkennung

Mag man derlei Skurrilitäten noch als lächerlich abtun, hat die voluntaristische Identitätspolitik andernorts handfestere Konsequenzen. Aus Großbritannien berichtete der Guardian am 11. Oktober 2018, dass die 52-jährige Trans-„Frau“ Karen White im Frauengefängnis von New Hall in der Grafschaft West Yorkshire gegen zwei Insassinnen sexuelle Übergriffe verübt hatte. (5) White, der mit bürgerlichem Namen Stephen Terrence Wood heißt, diesen aber nach einer Verurteilung wegen Pädophilie im Jahre 2001 in David Thompson geändert und sich zum Zeitpunkt seines zweiten Haftantritts noch keiner operativen Geschlechtsanpassung unterzogen hatte, juristisch sogar noch als Mann galt, saß in dem Frauengefängnis, in dem er seine Strafe für mehrere Vergewaltigungen und andere sexuelle Verbrechen gegen Frauen verbüßen sollte, allein deshalb ein, weil er sich während des Gerichtsprozesses selbst als Frau identifiziert hatte. Das Justizministerium hat sich zwar später für diesen Skandal entschuldigt und ihn in ein Männergefängnis nach Leeds verlegen lassen, wo er sich der chirurgischen Geschlechtsanpassung unterzog; an der Anerkennung des Wunschgeschlechts, die über den Gender Recognition Act (GRA) (6) aus dem Jahr 2004 weit hinausging, weil sie den Akt der voluntaristischen Selbstidentifikation überhaupt erst rechtlich absicherte, ist aber bis dato nichts geändert worden. Das Ministerium hatte bereits im Januar 2017 einen 60-seitigen Leitfaden für den Umgang mit Trans*gender-Gefängnisinsassen vorgelegt, worin sie die seit langem vorgebrachte transinklusive Forderung nach Selbstidentifikation („self-ID“), (7) also die Möglichkeit, sein Zielgeschlecht ungeachtet biologischer, chromosomaler, anatomischer und hormoneller Gegebenheiten qua performativem Sprechakt zu wählen, aufgriff, um die im GRA festgelegten angeblich diskriminierenden Anforderungen wie die Absolvierung eines zweijährigen Alltagstests, (8) den Trans*gender-Insassen zu ersparen.

Frances Crook, Geschäftsführer der Howard League for Penal Reform, spricht nicht zu Unrecht von einer „sehr toxischen Debatte“, da „Gefängnisse sehr wahrscheinlich von einigen der extremsten Diskussionen beeinflusst und genötigt wurden, Entscheidungen zu treffen, die Frauen verletzt haben“, und vertritt die transphobe Mehrheitsmeinung, der zufolge „kein Mann, der ein ernstes sexuelles oder gewalttätiges Verbrechen gegen Frauen begangen hat und danach das Geschlecht wechseln will, aber noch nicht durch den ganzen Prozess durchgegangen ist, immer noch einen Penis und männliche Hormone hat, in ein Frauengefängnis verlegt werden sollte.“ (9)

Wölfe im Schafspelz

Allerdings gibt es in Großbritannien inzwischen mehrere Frauen mit Penissen, die in Frauenknästen einsitzen, und es hätten nach einem Wahlsieg der diversity-freundlichen Labour Party noch mehr werden können: „2017 waren mindestens 13 ‚self-ID‘-Frauen in Frauengefängnissen untergebracht, einige davon Sexualstraftäter. Frauenrechtsorganisationen […] sind alarmiert, dass ein solches Vorgehen mit der diskutierten Reform [hinsichtlich der Möglichkeit zu self-ID, P.W.] weiter vereinfacht würde. Damit könnten Hunderte Insassen, die derzeit trotz deklarierter weiblicher Identität in Männergefängnissen inhaftiert sind – bei mindestens der Hälfte soll es sich um Sexualstraftäter handeln –, in Frauengefängnisse verlegt werden.“ (10) Dass der Hinweis auf solche Verbrechen nicht, wie von Transaktivisten regemäßig behauptet, whataboutism (ein Ablenkmanöver) oder derailing (eine beabsichtigte Entgleisung) ist, die den Fokus von der Täter- auf die Opferseite verschieben sollen, um darüber hinwegzutäuschen, dass weitaus häufiger transidente Personen Opfer transphober Gewalt werden, als dass sie selbst als Täter in Erscheinung treten, versteht sich von selbst. Niemand bestreitet, dass diese Personen häufig transphoben Bedrohungen, Übergriffen und auch Morden zum Opfer fallen. (11) Ebenso wenig steht die Notwendigkeit der Solidarität mit den derart Verfolgten in Frage. Aber so wenig, wie aus der blutigen Wirklichkeit rassistischer Verfolgung die Existenz von Rassen bzw. rassischen Identitäten folgt – auch wenn die Critical Whiteness genau das supponiert –, so wenig folgt aus transphoben Gewaltverbrechen die Existenz von nichtbinären oder Trans-Identitäten, die es aus Gründen der Antidiskriminierung anzuerkennen gelte. Der Fokus auf die skizzierten gesellschaftlichen Entwicklungen dient allein der Extrapolation dessen, was sich aus dem juristischen Irrsinn notwendig ergibt, demzufolge eine Gesellschaft bei der Bestimmung der geschlechtlichen Identität nicht auf objektive (biologische, anatomische) Geschlechtsmerkmale, sondern subjektive Phantasien als Kriterien für die geschlechtliche Identitätsbestimmung abstellt. Das im Namen der Diversität eingeforderte transinklusive Unternehmen läuft insofern darauf hinaus, der Forderung des Wolfes, im Schafsstall übernachten zu dürfen, nachzugeben, sobald er nur von sich behauptet, ein Schaf zu sein.

II.

Dass der Transgender-Wunschtraum auf die „reibungslose Rotation“ aller, von jeglichen Qualitäten gereinigten biologischen Kategorien „im luftleeren Raum“ (12) hinausläuft, also auf ein widerstandsloses, voluntaristisches Verfügen über alle objektiven, natürlichen Gegebenheiten, wie es für die, wie Lacan sagte, psychotische Verwerfung kennzeichnend ist, liegt in der Logik der Sache. Biologisches Geschlecht, d.h. die Geschlechterdifferenz, (13) aber auch biologisches wie chronologisches Alter und damit die Generationenabfolge sowie in letzter Konsequenz auch die Spezieszugehörigkeit sollen in den infantilen Omnipotenzphantasien keine Rolle mehr spielen. Nicht einmal die chirurgische oder hormonelle Machbarkeit, d.h. die operative Zuordenbarkeit (Transition), die das Aufkommen von Transsexualismus überhaupt erst historisch ermöglichte, soll Voraussetzung der Bestimmung der Geschlechtszugehörigkeit sein, Biologie überhaupt keine Rolle mehr spielen, weil Anatomie kein Schicksal, sondern qualitätslose Projektionsfläche queerer Phantasien sein soll. (14) Um beim obigen Beispiel zu bleiben: Wer heute noch 52-jähriger Vater war, kann morgen die jüngere Freundin der eigenen Tochter, ein bunt gestreiftes Eichhörnchen oder ein fliegender Kaiser sein, wobei die Probe aufs Exempel letzteren ziemlich lädiert dastehen lassen dürfte. Wen objektive Gegebenheiten nicht interessieren, der fordert umso hysterischer die kollektive Versicherung, dass 2+2 wirklich 5 sind. Daher rührt vermutlich die in den oben angeführten Beispielen erwähnte und in der klinischen Literatur immer wieder vermerkte, zur Nötigung neigende Gewissheit der Betroffenen, (15) das Gegengeschlecht sans phrase annehmen zu wollen, ohne sich einer therapeutischen Infragestellung der (womöglich ihnen selbst unbewussten) Motive für den Geschlechtswechsel unterwerfen zu müssen, (16) sekundiert von einer Pseudo-Psychoanalyse, die eine wirkliche Analyse, also Zerlegung des angeblich irreduziblen wie indiskutablen Wunsches zusehends für übergriffig hält. Die Betroffenen müssen offenbar alle anderen davon überzeugen, was sie über sich selbst denken möchten, damit das Ideal-Ich nicht doch noch ein paar Kratzer durch den Blick in den sozialen Spiegel erleidet, die narzisstische Abwehrformation womöglich Schaden nehmen könnte. So berichtet Jenny-Anne Bishop, eine Aktivistin der Transgender-Bürgerrechtsgruppe Transforum, über die kompromisslose Gewissheit, die von psychoanalytischer Seite in der Vergangenheit immer wieder als eines der „Leitsymptome“ (17) transsexueller Pathologie beschrieben wurde: „Als ich sie [Karen White, P.W.] getroffen habe, war sie am Beginn ihrer Transition. Aber ich fühlte, dass sie jemand war, der auf keinen Rat gehört hat. Sie schien wie jemand, der auf jeden Fall seinen Acker pflügen wird, ungeachtet dessen, was das Umfeld sagt, und dass sie ihre Rechte einfordern wird. Sie beharrte darauf, dass die Leute sich in ihrem Zielgeschlecht auf sie bezögen, ohne dass sie sich besonders große Mühe gab, als Frau rüberzukommen. Sie würde Leute wegen Hassverbrechen anzeigen, sollten sie daran Anstoß nehmen, welchen Namen sie für sie gebrauchen sollten […]. Sie war eine Person, die keine Kompromisse eingehen würde.“ (18)

Diese Kompromisslosigkeit mit dem Siegel identitätspolitischer Anerkennung, also inklusiver Gender-Diversität zu verbrämen, das hat sich eine zwar kleine, dafür aber hoch passiv-aggressive Transgender-Bewegung, die sich als neue Bürgerrechtsbewegung auf der Höhe der Zeit versteht, zur Aufgabe gemacht. Die meisten ihrer Vertreter sind glücklicherweise bloß verbalradikale, anonyme Internetmaulhelden, die allerdings ihnen nicht genehme Referentinnen in Deutschland, den USA, Großbritannien oder in Kanada bislang relativ erfolgreich die Vortrags- und Diskussionsbühnen streitig machen (die Strategie des deplatforming, also des Entziehens von öffentlichen Foren) , indem sie diese einer antifeministischen Transphobie zeihen und sie als Terfs (trans-exclusive radical feminists) bezeichnen. Das Transexklusive besteht dem Vorwurf nach darin, dass besagter Personenkreis an einem sexuellen Dimorphismus als Grundlage der Geschlechtsbestimmung festhält, „Frau/en“ ganz traditionell über den Besitz von Gameten/Eizellen definiert und nicht dazu bereit ist, Frauen mit Penissen als Frauen anzuerkennen. In transaktivistischen Kreisen gilt diese wertfreie Unterscheidung als Ausdruck politischer Diskriminierung. So wurde Rebekah Wershbale, eine junge Mutter und Aktivistin der feministischen Gruppe Fair Play for Women, in der britischen Ortschaft Macclesfield ihres Stammlokals verwiesen, weil sie ein angeblich nichtinklusives, transphobes T-Shirt mit dem Hate-Speech-Slogan „woman/women/noun/adult human female“ (dem Lexikoneintrag zu „woman“ bei Google) trug. (19) Entsprechend musste sich, ebenfalls in Großbritannien, ein Transgender-Aktivist vor seiner Gewerkschaft für angebliche Hetze verantworten. Sein Vergehen: „Debbie Hayton, ein Physiklehrer in Mittelengland, lebt als eine Transgender-Frau, nachdem sie ihr Geschlecht im Jahr 2012 von Mann zu Frau geändert hat. Aber im Gegensatz zu vielen Leuten in der Trans-Community glaubt sie nicht daran, dass ihr biologisches Geschlecht geändert werden kann, und vertritt resolut den Standpunkt, dass sie immer ein biologischer Mann bleiben wird. Sie sieht sich jetzt mit einem möglichen Ausschluss aus dem LGBT-Komitee des Trades Union Congress (TUC) konfrontiert, weil sie ein Oberteil mit dem Slogan: ‚Trans-Frauen sind Männer. Kommt drüber hinweg!‘ trug.“ (20) Der Kampf der Transaktivisten basiert auf der unterstellten Strukturhomologie von geschlechtlicher Identität (und daran geknüpfter Transphobie) und sexuellem Begehren (und daran geknüpfter Homophobie). Beides zeichne sich gleichermaßen durch einen konstitutiven Mangel an Sein bzw. eine Negativität aus und sei entsprechend amorph bzw. fluide und kontingent. Daher gelte es nach den langwierigen (aber größtenteils gewonnenen) gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen mit der Homophobie, nun eine ebenso ubiquitäre Transphobie (21) anzugreifen.

III.

Rückendeckung erfährt die so kleine wie laute transaktivistische Bewegung inzwischen nicht nur durch den uninformierten Gesinnungsjournalismus, der seine (positive) „Haltung“ mit Urteilsfähigkeit verwechselt, sondern mehr und mehr auch durch eine gefühlige Psychoanalyse, die sich die klinische Skepsis austreiben möchte, um sie durch sozialpädagogische Anerkennung zu ersetzen. So lässt sich der wirklichkeitsleugnende Konformismus, der alle transphoben Ewiggestrigen zu Befürwortern der gebotenen Gendervarianz, also angeblich konstitutiv fluider bzw. nichtbinärer Geschlechtsidentitäten machen möchte, in der queeren Psychoanalyse auf den Nenner einer, wie es die „Diskursführerin des sich ab der Jahrtausendwende formierenden, neolacanianischen Transdiskurses“ (22), Patricia Gherovici, formuliert, „Ethik der sexuellen Differenz“ bzw. „des Begehrens jenseits normativer Sexualideologien“ (23) bringen. Diese Ethik, die keine Moral sein will, fordert nur vorgeblich rücksichtsvoll, entpathologisierend (24), d.h. dem Anspruch nach antinormativistisch, tatsächlich aber kryptonormativ, die Selbstautorisierung transidenter Personen umstandslos für bare Münze zu nehmen, weil das Festhalten am ätiopathogenetischen Blick lediglich Ausdruck der stigmatisierenden Macht einer moralistisch sozialdisziplinierenden Psychiatrie und dadurch Resultat des Agierens verängstigter, transphober, cissexueller Analytiker und Psychiater sei. An dessen Stelle soll, auch wenn man es selbst vehement leugnet, (25) die stumpfe Anerkennung der individuellen Beschädigung treten, die man ganz aufgeweckt Sinthom nennt. Dieser Begriff bezeichnet eine kaum ausgearbeitete theoretische Vermutung des späten Lacan, Ausdruck seines therapeutischen Defaitismus, die von Gherovici zum „Zentraltheorem der transgender psychoanalysis“ (26) hochgejazzt wird. Unter Sinthom versteht Gherovici im Anschluss an Lacan „eine Art kreativer Lösung […], etwas, das es dir erlauben könnte, in der Welt zu existieren – mit anderen Worten, deine idiosynkratische, kreative Überlebensstrategie […], eine Weise, das Leben lebenswert zu machen“ (S. 23). Wer würde es wagen, analytische Einwände oder auch nur Fragen in Bezug auf kreative Lösungen vorzubringen, die das Überleben sichern, so der implizite Einwand, der sich mit dem an anderer Stelle erfolgten Hinweis auf drei Studien verschränkt, deren Ergebnissen zufolge es gerade der pathologisierende, klinische Blick sei, der das Leben der Transen gefährde, denn „einer der Hauptgründe für ihr psychisches Leiden war soziales Stigma“, „soziale Marginalisierung“ bzw. „die Klassifizierung der Transgender-Identität als psychische Störung“. (S. 20)

Transsexuelle Ethik

Vor diesem Hintergrund gerät jede ätiologische Nachfrage zum Mordversuch, die „Ethik der sexuellen Differenz“ soll nicht mehr, wie von Sigusch 1995 noch gefordert, auch die Ethik des Therapeuten zulassen, d.h. den „eigenen professionellen und nichtprofessionellen Vorstellungen folgen zu können, […], die sich auf Gott, die Welt und die Heilkünste beziehen und auch auf klinische Erfahrungen und Regeln, die ich mir auferlegt habe, um nicht irrationalen Wünschen von Patienten mit verheerenden Folgen der falschen Manifestation unreflektiert und unverstanden zu Diensten zu sein.“ (S. 812) Shrinks, how dare you? lautet dagegen heute offenbar das inoffizielle Motto einer „totalisierende[n] Abwehr, die Grauen und Abweichung bannen will“, und die sich „beinahe reflektorisch einstellt, in psychischer wie in epistemischer wie in diskursiver Hinsicht.“ (S. 813) (27) Theodor W. Adorno hatte diesen als Sensibilität camouflierten, tatsächlich aber nötigenden Rekurs auf die Person in Form der Privilegierung der Ethik gegenüber der Moral in seiner Vorlesung über Probleme der Moralphilosophie (Frankfurt a. Main 1996 [1963]) bereits kritisch registriert. Adorno weist dort, ausgehend von der etymologisch korrekten Feststellung, dass Moral sich zwar aus dem Begriff der öffentlichen Sitten (lat. mores) ableitet, darauf hin, dass die angenommene „Substantialität des Sittlichen“ (Hegel) der jeweiligen Gemeinschaften „radikal hinfällig geworden ist“ (S. 22), so dass sich die Ablehnung des Moralischen, in der Rede vom Moralistischen, teilweise zurecht gegen den „Provinzialismus“, das „Enge und Beschränkende in der Beziehung auf geltende Vorstellungen“ (ebd.), richte. Jedoch sei der „sentimentale Kulturbegriff“ (S. 23) der Ethik, der die Rede von der Moral durch eine nichtmoralistische Moral ersetzen solle, „schlimmer und bedenklicher“ (ebd.), weil er sich „seinem Wesen nach […] auf den Begriff der sogenannten Persönlichkeit [bezieht]. Ethos: Wesensart – also: wie einer ist, wie einer beschaffen ist“ (ebd.). Durch diese „Nivellierung der Problematik von Moral auf Ethik wird von vornherein das entscheidende Problem der Moralphilosophie, nämlich das Verhältnis des einzelnen Individuums zu dem Allgemeinen, eskamotiert, es wird weggeschafft“ (ebd.); und zwar durch die „harmonistischen Vorstellungen“ (S. 28) der Ethik, die „gegen das von außen gesetzte, Zwanghafte, so etwas wie ein Remedium jedenfalls zu versprechen scheint“ (S. 26). Wenn man also so lebe, wie man ohnehin beschaffen sei, das „bloße So-Sein, dass man so und nicht anders ‚geartet‘ sei, zum Maßstab dessen […] macht, wie man sich verhalten soll“, (S. 26) und glaubt, dass dann „das richtige Leben herauskomme“, so, schließt Adorno, sei das „pure Ideologie“ (ebd.). Und zwar eine, die sich komplementär zu der verhalte, der zufolge „die Kultur und das Sichanpassen an die Kultur die Selbstveredelung, Selbstkultivierung des Individuums eigentlich dort leiste, wo die Kultur selbst gegenüber der Moralphilosophie zur Diskussion steht und eigentlich ein zu Kritisierendes wäre“. (ebd.) Aus diesem Grund hält Adorno kritisch am philosophischen Begriff der Moral fest, der eben nicht in seiner etymologischen Bedeutungsherkunft aufgeht, sondern trotz der in der Moral stets bewusst und unbewusst tradierten „asketischen Ideale“ (Nietzsche) auf einen „vernünftige[n] Rechtsgrund“ (S. 26) verweist.

Diesen Rechtsgrund macht Adorno für die Moralphilosophie – und das gilt auch für die Psychoanalyse – im „Verhältnis von Gesetz und Freiheit“ (S. 30), also Allgemeinem/Gesellschaft und Besonderem/Individuum, aus. Diesen Konflikt will der subjektivistische Transdiskurs ganz einfach umgehen und beschwört ihn dadurch nur umso mehr herauf. Im Anschluss an die deutsche Übersetzung eines schwachen Textes des transsexuellen, US-amerikanischen Psychoanalytikers Griffin Hansbury, (28) dessen schlichtes (queeres) Argument darauf hinausläuft, die psychische Realität seines klinisches Falls „Kevin“ mit einem rhetorischen Kunstgriff als objektive „physio-psychische Realität“ (S. 558) zu behaupten, hat sich im vergangenen Jahr in gleich zwei führenden Journalen der hegemonialen (nicht-lacanianischen) Psychoanalyse in Deutschland (29) eine breite Debatte über die Frage einer notwendigen Anerkennung von Trans*identitäten entwickelt. Im Gegensatz zu den Neolacanianern (30) ist man hier aber offenbar noch nicht vorbehaltlos dazu bereit, dem queeren Transdiskurs das Feld zu überlassen. So kritisiert die jüngst verstorbene Frankfurter Sexualwissenschaftlerin und psychoanalytische Psychotherapeutin Sophinette Becker, die das Phänomen des Transsexualismus seit Jahren klinisch erforscht hat, in ihrem Beitrag zu der Debatte in Psyche (31) nicht nur, dass „erstmal eine gründliche Auseinandersetzung mit den bisher vorliegenden psychoanalytischen Beiträgen zu Transsexualität/Transidentität stattfinden [müsse], auch den ätiologischen, ohne sie von vornherein unbesehen als ‚transphob‘ zu verdammen, inklusive der Prüfung, ob sie klinisch interessant bleiben, sofern sie nicht die Transsexualität zu erklären suchen“. (S. 594) Darüber hinaus unterzieht sie die in diesen Diskussionen immer wieder stereotyp vorgetragene Annahme eines „gequeerten Körpers“, der „omnipotent gesext […] und gegendert“ (S. 565) werden könne und es jedem ermögliche, „im Flux der Vielfalt“ zu „schwimm[en]“ (S. 566), einer grundsätzlichen Kritik. Dabei ist, wie Donald Moss in seinem Beitrag zu dieser Debatte betont hat, (32) die Unterscheidung von Psyche/Wunsch/Traum/Phantasie auf der einen Seite und biologischer und anatomischer Gegebenheiten auf der anderen Seite „die Grundprämisse der klinischen psychoanalytischen Arbeit“ gewesen, „dass jeder von uns alles ‚haben‘ kann – denken wir nur an den Körper der Hysterischen, an seine psychische Plastizität, die Fähigkeit von Körperteilen, durch keinerlei empirische/körperliche Gegebenheiten eingeschränkt, als ein anderer Körperteil zu fungieren.“ (S. 608, Hervorhebungen von mir, P.W.) Heute aber sollen Frauen reale, nichtphantasierte Penisse oder, wie im klinischen Fall Hansburys („Kevin“), Männer reale, nichtphantasierte Vaginen haben können. Den Widerstand gegen die epistemische Ineinssetzung von psychischem Wunsch/Traum und physischer Wirklichkeit, der transitiven und intransitiven Dimension im Erkenntnisprozess, zu brechen, ist das Ziel queerer Psychoanalyse. Daher gilt es, der Psychoanalyse sowie dem nicht minder störrischen Rest der Gesellschaft trans*inklusive Nachhilfe zu geben. Das queere Leitbild des Körpers als qualitätslose Projektionsfläche bringt Becker völlig zu Recht mit dem von Reimund Reiche geprägten Begriff der (infantilen) bisexuellen Omnipotenz in Verbindung, d.h. der Überzeugung, „eigentlich beide Ausformungen des Geschlechts omnipotent in sich zu enthalten“. (33) Diese sei aber „ab der Pubertät nurmehr um den Preis der Verleugnung zu haben“ (S. 591), wobei der Abschied von genau dieser (unbewussten) Vorstellung „ein wichtiger Aspekt der psychischen Strukturbildung zu sein [scheint]“. (34) Während wiederum die „bisexuelle Potenz, eine in der Regel stumm bleibende, unbewusste, aber stabile bisexuelle Identifikation […], ein kostbarer Schatz ist; sie hütet im Inneren, was man in der äußeren Welt sowieso nicht haben kann“, ermögliche sie doch „eine stabil-flexible Geschlechtsidentität, d. h. eine sichere Geschlechtsidentität, verbunden mit der Fähigkeit zur Identifikation mit dem anderen Geschlecht, ebenso wie eine stabil-flexible sexuelle Orientierung, d. h. z. B. Heterosexualität ohne Homophobie“, denn ein „Mann kann hier stolz auf seine weiblich-rezeptiven Anteile sein“. (S. 591) Eine geschlechtliche Existenzweise also, die von der queeren Psychoanalyse radikal bestritten wird.

Tyrannei der ersten Person

Was Becker der analytischen Haltung Hansburys vorwirft, trifft auch auf den Lacanianismus Gherovicis zu: Dass nämlich unbewusste Konflikte, „vor allem Triebkonflikte (mit den entsprechenden aggressiven Strebungen), keine große Rolle spielen, sondern allenfalls Konflikte mit dem Über-Ich, mit den kulturellen Verboten.“ (S. 592) Aus diesem Grund werden „[i]m Zuge der ,Entpathologisierung‘ … heute vielfach nicht nur ätiologische Theorien zur Transidentität, sondern psychodynamisches Verstehen transidenter Patienten überhaupt als transphob gebrandmarkt, dem die affirmative ,Begleitung‘ als einzig akzeptable Alternative entgegengestellt wird“ (S. 594, Hervorhebungen von mir, P.W.). Überdies kollabieren beide aufgrund ihres Primats des Psychischen die für analytische Deutungen erforderliche Unterscheidung von „Träumen und Wachheit“, statt „ihre separate, regulierte Integrität [zu] bewahren. Diese Trennung zu eliminieren – indem man aus den beiden Zonen eine einzige macht – bedeutet, ebendiese Prämisse zu annullieren, ebendieses Problem, dessen sich anzunehmen die Psychoanalyse geboren wurde – die Prämisse einer Psyche, die mit zwei perfekten Zonen, jede ein separater Ausdruck von Wunsch und Trieb, fertig werden muss.“ (S. 603) Beide gestehen daher der „psychischen Realität eine außergewöhnliche, transmutative Kraft zu. Die entscheidende Grenze – zwischen Träumen und Wachen, psychischer und physischer Realität […] wird verschwinden. Das Psychische gewinnt die Oberhand, es inkorporiert und determiniert. Eine vermeintlich neue Form taucht auf, eine Art ‚physischer‘ Realität, die das herkömmliche Gewicht und die traditionelle Realität des ‚Physischen‘ faktisch zunichte macht. Die einst irreduzible Spannung zwischen psychischer und physischer Realität – Träumen und Wachen, Vorstellung und Substanz, Geist und Körper – kann unter bestimmten Umständen, die Hansbury zu definieren bestrebt ist, aufgelöst werden.“ (S. 606). Aber genau diese postmoderne Neuauflage der katholischen Transsubstantiationslehre läuft, wie Moss richtig vermerkt, ganz trivial auf Definitionsmacht, also die „Rückkehr zu einer voranalytischen Haltung“ hinaus, „in der die aufrichtige, eindringliche Stimme der ersten Person Singular so behandelt wird, als habe sie das letzte – nicht deutungsfähige – Wort.“ (S. 610). Gegen diesen losgelassenen Subjektivismus, selbst wenn er von sicherlich oft stark leidenden Transsexuellen und Transgender-Personen vertreten wird, für die die Frage nach einer chirurgischen und hormonelle Transition oder auch „nur“ der geschlechtlichen Anerkennung zweifellos oft eine „von Leben und Tod“ (S. 165) ist, gilt es auf der von Moss vertretenen analytischen Haltung zu insistieren (35): „Ganz gleich, was Sie sagen, was Sie fühlen, wie Sie es sagen oder wie viele Sie sind – Sie haben weder die Autorität noch das absolute Recht und die Macht, allein gestützt auf Ihre Stimme zu deklarieren, was ich bin und was ich habe, was er ist und was er hat, was sie ist und was sie hat, und ja, was Sie sind und was Sie haben. Unsere Identität als Analytiker gründet im Widerstand gegen die Tyrannei der Stimme der ersten Person Singular und/oder Plural. Ganz gleich, was wir aus dem Mund unserer Patienten oder dem eigenen hören – unsere Reaktion darauf ist ein ‚Sagst Du!‘ in dieser oder jener Form. Nur wenn wir der Tyrannei der Stimme der ersten Person Widerstand leisten, bewahren wir uns die Möglichkeit zu deuten. Und die Deutung, so wie Psychoanalytiker sie verstehen, gründet in der unaufhebbaren Unterscheidung zwischen Träumen und Wachen, zwischen psychischer und physischer Realität.“ (S. 611) Diese Haltung aufzugeben, hieße nicht nur die Möglichkeit psychoanalytischer Deutung, sondern generell den Anspruch von Kritik preiszugeben, denn deren Gegenstand ist nicht nur die falsche ökonomische Einrichtung der Gesellschaft, sondern auch das daraus resultierende Konglomerat ideologischer Vorstellungen, also die (alb)traumhaften Wünsche, Phantasien und Bedürfnisse der Individuen.

Philippe Witzmann (Bahamas 84/2020)