Seuchenprävention als globaler Heilungsprozess

Autoritäre Lebensschützer und staatsfeindliche Freiheitshelden im letzten Gefecht gegen die bürgerliche Republik

Was da seit Mitte März und vor allem bis Ende April 2020 unter dem Stichwort Lockdown geboten wurde und eingeschränkt bis heute weiter gilt, sind Notstandsmaßnahmen. In Deutschland waren sie im Umfang und in der flächendeckenden Durchsetzung durch Polizei und Militär, das hier gar nicht zum Einsatz kam, weniger radikal als zum Beispiel in Frankreich, Italien oder Spanien; anscheinend reichte die Drohung mit Repressionsmaßnahmen und sozialer Ächtung für Regelverletzer, die von den Agenturen einer Verantwortungsgemeinschaft ausgegeben wurden, um die parlamentarische Demokratie samt ihrer institutionellen Vermittlung des politischen Willens ohne nennenswerten Widerspruch teilweise außer Kraft zu setzen.

Wurde ein Corona-Fehlalarm inszeniert?

Der innere und äußere Feind, den man sich mit brachialen Methoden zu bekämpfen anschickte, ließ sich nicht politisch bestimmen, er kam quasi naturwüchsig als Seuche über die meisten Länder der Welt. Einen Virus kann man weder sehen noch mit ihm verhandeln, er ist überall, hat sich gegen alle verschworen und doch kann hinter ihm kein Drahtzieher ausgemacht werden. Das unterscheidet den Corona-Notstand vom politischen, wo die beschworene oder tatsächlich eintreffende Katastrophe von einem anderen Land oder Teilen der eigenen Bevölkerung ausgeht. Wenn auch der gleiche Souverän mit ähnlichen Mitteln vorgeht, so behauptet er im einen Fall Leben zu schützen, indem er andere auslöscht, im anderen geriert er sich als nur Lebensschützer, stellt die gesamte Bevölkerung unter Kuratel und suspendiert die Freiheit als nachgeordnetes Rechtsgut. Der den Virus bekämpfende Staat im Verbund mit den vielen selbstinitiativen Bürgern begründet eine Gemeinschaft der Bedrohten, deren Einsicht in die Notwendigkeit der Selbstbeschränkung und des Verzichts er allerdings nicht traut.

Jene, die die Kontaktsperre oft schon vor ihrem Inkrafttreten als haltlos und überflüssig bezeichnet haben, tun sich schwer, die Gründe für das in ihren Augen sinnlose Agieren des Staates darzulegen und verfallen immer wieder in die Logik der Kritiker von Notstandsmaßnahmen etwa gegen Separatisten, Aufständische oder Terroristen und ergehen sich in Mutmaßungen über die wirklichen Hintergründe. Wurde da etwas vorgeschoben, absichtsvoll zum Monstrum aufgeblasen, um sich die Ermächtigung für die Etablierung des totalen Staats zu holen, und wurden die getäuschten und in Panik versetzten Bürger dabei zu Komplizen gemacht? Dagegen spricht schon, dass es den zunächst sehr wenigen, aber in den sozialen Netzwerken prominent agierenden Kritikern gerade nicht wie jenem chinesischen Arzt erging, der öffentlich Abbitte für seine Warnung vor dem Virus leisten musste und dann an ihm verstarb. Unbeantwortet bleibt vor allem die Frage, wer zu welchem Zweck eine so weitgehende Manipulation seit dem Februar 2020 veranstaltet hat und wie es ihm gelingen konnte, damit durchzukommen. Nur ganz platte, aber durchaus lautstark in Erscheinung getretene Gestalten haben unter Verweis auf die Interessen der Chemieindustrie und das unheilvolle Wirken milliardenschwerer Agenturen zur weltweiten Manipulation der Wahrheit über eine angeblich eher harmlose Grippeerkrankung hinter dem Rücken der Bürger die Strippen ziehende Geheimgesellschaft entdecken wollen. Doch auch gar nicht paranoide Gestalten können sich deren Ursache-Wirkung-Schema nicht entziehen. Wenn, wie auch sie behaupten, die Wahrheit über die relative Harmlosigkeit der Pandemie von Anfang an bewiesen und publiziert war, stellt sich die bange Frage, warum sie sich nicht durchsetzen konnte, obwohl doch die angekündigten herben Einschnitte in das Leben aller und die damit einhergehenden ökonomischen Folgen Zweifel notwendig hätten aufkommen lassen müssen. Es müssten demnach die Verantwortlichen in Gesundheitsbehörden und Politik zunächst die eigenen Zweifel aktiv verdrängt und sich dann auf die organisierte Desinformation der Bevölkerung verlegt haben. Wäre es so, dann hätten sie wider besseren Wissens, zu dem auch das vorsätzlich nicht überprüfte Wissen anderer gehört, gehandelt, also über ihre eigentlichen Zwecke vorsätzlich die Unwahrheit gesagt. Eine Erklärung dafür lautet: Schwache Politiker hätten eine Expertokratie installiert, um zu tun, was die bürgerliche Demokratie ihnen verwehrt, nämlich endlich einmal kräftig durchzuregieren und als hemdsärmlige Vollstrecker der Einsichten Dr. Drostens als Gesundheitsdiktatoren zu walten. Daran ist nicht alles falsch, und doch trägt eine solche Erklärung schon deshalb nicht, weil sie auf die dröge Einsicht rekurriert, dass Politiker immer nach der totalen Macht drängten, weil der Staat des Kapitals aus seiner eigenen Logik heraus immer auf die vollständige Kontrolle seiner Subjekte aus sei. Da das Kapital selbst – vorgestellt durch Banker, Aufsichtsratsvorsitzende und die Sprecher einschlägiger Lobbyorganisationen – an der drohenden horrenden Kapitalvernichtung durch die Folgen des Lockdowns kein Eigeninteresse haben kann, es sei denn man unterstellt vermittlungslos eine ihm innewohnende Tendenz zur Selbstvernichtung, ist es auch mit einer solchen Begründung eher schlecht bestellt. Es bleiben massenpsychologische Bemühungen, die auf den selbstentmündigten Bürger abstellen, der vom Überdruss am eigenen gesellschaftlichen Geschöpf und am eigenen privaten Leben gezeichnet nur noch eine Lust kenne, nämlich die am Untergang.

Der Staat und die Heimsuchungen der ersten Natur

Auch mit den genannten Versatzstücken eines der Kritischen Theorie verpflichteten Denkens kommt man der Wahrheit nicht näher, wenn die Todesangst ausgeblendet bleibt, die im Frühjahr 2020 die Mehrheit nicht nur der Deutschen in eine Starre hat verfallen lassen. Solange diese Angst vor dem eigenen vorzeitigen Tod und dem seiner Nächsten nur pathologisiert und zu ihrer Neutralisierung auf ganz normale Grippeepidemien verwiesen wird, denen auch schon einmal bis zu 20.000 Menschen in einer Saison zum Opfer gefallen seien, ohne dass der Notstand ausgerufen worden wäre, scheitert auch dieser Kritikversuch am kritikablen Geschehen der letzten Monate. Als ob der Hinweis auf angeblich oder wirklich aufgetretene kollektive Paranoia schon ausreichte, den Tod einer sehr großen Zahl von Menschen, ganz vorwiegend außerhalb Deutschlands, als grippale Saison-Erscheinung wegzureden, verfällt die „Corona-Kritik“ in allen ihren Formen notwendig auf die Leugnung nicht nur einer bestimmten, sondern jeder tödlichen Gefahr, soweit diese aus der ersten Natur kommend das ganz kreatürliche Überleben sehr vieler in Frage stellt. Statt eine solche objektive Not im eigenen Denken als immerhin möglich auch nur zuzulassen, wurde sie verdrängt und umso vehementer radikale Staatsfeindlichkeit in Gestalt eines völlig deformierten Freiheitspathos gegen ein Notstandsregime zelebriert, dem man durch Aufrechnungen glaubt Paroli bieten zu können. Den wegdiskutierten realen Opfern der Coronaepidemie wurden unverdrossen fiktive, hochgerechnete, also abstrakte Tote als Folge des sich abzeichnenden ökonomischen Niedergangs, der Aussetzung lebenswichtiger Behandlungen anders Erkrankter und der Vereinsamung, in die die ganze Bevölkerung gezwungen wurde, entgegengestellt. Die berechtigte Frage nach den möglicherweise auch letalen Folgen eines pauschalen Kontaktverbots erweist sich als unredlich, wenn der Ausgangspunkt verwischt wird, der im Frühjahr zum Beispiel in den Krankenhäusern Italiens und Frankreichs lokalisierbar war. Gegen die von Anfang an auch mit aus dem Zusammenhang gerissenen Bildern manipulierte Angst- und Lebensschutzkampagne von Politik und Qualitätsmedien sowie die verhängten Verbote anzugehen, macht nur Sinn, wenn zugestanden wird, dass wirklich sehr viele Menschen gestorben sind und dass die zeitweilig ins Panische ausgreifende Angst vor einem Massensterben eben nicht auf die Inszenierung von Dunkelmännern zurückzuführen ist, die wahlweise als Drahtzieher und Profiteure oder als das entpersonalisierte Wirken eines für gewitzte Theoretiker jederzeit abrufbaren gesellschaftlichen Zwangsverhältnisses erscheinen.

Keineswegs nur Linksradikale unterschiedlicher Generationen und politischer Bekenntnisse, sondern mehr noch all die vulgäranarchistischen Aufgeregten aus Stuttgart-Untertürkheim und anderswo haben dem Staat in der Auseinandersetzung mit der ersten Natur auch nur die Potenz zugestanden, in Vertretung aller Bürger repressiv einer Heimsuchung zu wehren. Es will nicht in die Köpfe und schon gar nicht in die Argumentationen der Verdrossenen, dass unabhängig von der Art und Gefährlichkeit des Coronavirus Notstandsmaßnahmen im Fall von Naturkatastrophen – regional bei verheerenden Erdbeben oder sogar landesweit und präventiv bei gefährlichen Seuchen – im Interesse des Schutzes möglichst vieler Menschenleben Sinn machen können. An dieser Einsicht ändert auch der Umstand nichts, dass Seuchenprävention durch kollektive Kontaktverbote oder Quarantänemaßnahmen nur dort erfolgreich sein können, wo das Gesundheitssystem und mit ihm der immer auch repressiv abgesicherte gesellschaftliche Konsens so hoch entwickelt sind, dass es in Reaktion auf die Zwangsmaßnahmen nicht zur Massenpanik kommt. Eine dieser Voraussetzungen ist das staatlich garantierte Überleben für alle auch im Ausnahmezustand, das in weiten Teilen der Welt nicht existiert, mit den bekannten „Disziplinlosigkeiten“ in den Armutsregionen als Folge.

Der präventive Notstandsstaat

Jede Fundamentalkritik an der Verhängung des Lockdown-Notstands wird sich daran überprüfen lassen müssen, ob die von den Gesundheitsbehörden ausgerufene Gefährdungslage nach dem Kenntnisstand von Anfang März 2020 nicht etwa als evident, wohl aber als wahrscheinlich zu beurteilen war. In Analogie zum Verwaltungsverfahrensrecht ergingen Regierungsbeschlüsse im Eilverfahren, die ohne abschließende Erörterung und unter Umgehung des parlamentarischen Prozederes zur Abwehr eines drohenden und bei weiterem Zuwarten und Abwägen möglicherweise nicht wiedergutzumachenden Schadens erfolgten. Bund und Länder haben lediglich summarisch geprüft, ohne abschließend zu urteilen, mithin präventiv entschieden. Die Gründe lassen sich so zusammenfassen: Man stand im März einer in vielen Symptomen grippeähnlichen Krankheit gegenüber, die aber weit ansteckender verlief als Influenza in ihren verschiedenen Formen und gegen die vor allem kein Impfstoff vorhanden war. Die Bundesländer haben beginnend am 13. März und zusammen mit dem Bund flächendeckend am 22. März 2020 die bis Ende April ganz und teilweise noch bis heute andauernden Kontaktverbote beschlossen und umgesetzt, weil die seit Ende Februar vor allem in Italien, Frankreich und Spanien sprunghaft angestiegenen Infektions- und vor allem auch Todesfälle das Gesundheitssystem mindestens in einigen dichtbesiedelten Regionen zeitweise an den Rand des Zusammenbruchs geführt haben, was mit einer signifikanten Übersterblichkeit in den Monaten März und April und in einigen Ländern wie zum Beispiel Großbritannien bis in den Juni einherging. Die herrschende Meinung nicht nur unter den staatlich bestallten Experten vom Robert-Koch-Institut oder der Charité ging Anfang März, wie man heute weiß, irrig davon aus, dass das neue Virus enorm aggressiv und damit für sehr viel mehr Menschen tödlich sei, als dann an oder in Verbindung mit der Coronaerkrankung wirklich gestorben sind.

Drakonische Maßnahmen mit wahrscheinlich erheblichen negativen Auswirkungen in anderen Bereichen mit der Begründung zu verhängen, man wisse nichts Genaues und verhänge zur Sicherheit auf gut Glück den Notstand, wäre abenteuerlich und unverantwortlich gewesen. Aber so war es dann doch nicht. Die Kontaktverbote wurden in allen Ländern mit der beabsichtigten Senkung der Neuerkrankungen begründet. Die Zeit, die man dadurch herausschlagen könnte, wollte man zur Aufrüstung des Gesundheitssystems und der Suche nach besseren Behandlungsmethoden und einem Impfstoff nutzen. Danach ist man schlauer: Die Pandemie war nicht nur weit weniger tödlich als angenommen, ihren Höhepunkt hat sie in den meisten Ländern Europas, darunter Deutschland, schon Ende März erreicht und ist trotz schwankender Infektionszahlen seither im Abklingen. Vielleicht schon im Mai hätte man mit guten Gründen in manchen europäischen Ländern das Kontaktverbot ganz oder weitgehend lockern können. Und doch ist man danach nicht immer schlauer: In Schweden, wo man den gebotenen Umgang mit der Seuche an den vernünftigen Staatsbürger delegierte und staatlicherseits kaum Kontaktbeschränkungen befahl, sind die Todeszahlen bis in den Juni hinein signifikant höher gewesen als in den Nachbarländern, die Kontaktverbote verhängt hatten. In Schweden waren etwa die Hälfte der Toten in Alters- und Pflegeheimen zu beklagen gewesen, deren prekär beschäftigtes Personal, das auf jeden Groschen angewiesen und auch mit deutlichen Corona-Symptomen zur Arbeit gegangen ist, sich vielfach als Überträger erwies. Ob allgemeine Kontaktverbote zum Schutz der Insassen hier sehr hilfreich gewesen wären, mag man bezweifeln. Interessant ist, dass die andere Hälfte der wie überall zumeist alten und vorerkrankten Toten nicht in Heimen lebte und auch die Anrechnung von nur 50 Prozent der über 5500 (Stand Ende Juni) Verstorbenen bei einer Gesamtbevölkerung von 10 Millionen eine erheblich höhere Mortalitätsrate per 100.000 Bewohner ergab als in Dänemark, Norwegen oder Deutschland.

So paradox es klingt, so schwer es jedem Staatskritiker auch über die Lippen geht: Jedenfalls für den Zeitraum von Mitte März bis mindestens Ende April 2020 überwogen die Gründe für eine Billigung der Notstandsmaßnahmen alle Argumente der Lockdown-Gegner gleich welcher Couleur. Das sich abzeichnende sehr glimpfliche Ende der Pandemie in Deutschland, für das es noch keine überzeugenden Erklärungen gibt, vermag daran nichts zu ändern. Jede Parteilichkeit mit den „Kritikern“ des Notstands-Regimes, an den wirklich unangenehmen und nötigend auftretenden unbedingten Verteidigern des Lebens, wird unhaltbar, solange sie den Corona-Tod exorzieren und gegen ihn mit hohl klingenden Phrasen auf der persönlichen Freiheit als höchstem Gut bestehen.

Die Freiheitsbewegung formiert sich

Die Zahl der Hobby-Virologen und ähnlicher Bescheidwisser in Deutschland ist ab Mitte April sprunghaft angestiegen, als die Panik vor dem Corona-Tod der Panik vor dem ökonomischen Untergang zu weichen begann und zugleich das Ausmaß der Pandemie sich als weit weniger katastrophal abzeichnete als prognostiziert. Bilder von einer Kundgebung am Cannstatter Wasen in Stuttgart am 29. April 2020 zeigen eine in vielen Tausenden zählende Menschenmenge und hinter ihr einen vollbesetzten Großparkplatz. Michael Ballweg, der Initiator dieser als „Querdenken 711“ bezeichneten Proteste gegen die Suspendierung der Freiheitsrechte, die sich für vorgezogene Neuwahlen stark machen und die in den Parlamenten vertretenen Parteien zum Einbekenntnis ihrer grundgesetzwidrigen Bestrebungen zwingen will, präsentierte Jahre vor der Pandemie sehr eindrucksvoll, was im Südwesten des Landes, jener gerühmten Wiege des deutschen Liberalismus, Freiheit nur bedeuten kann: die brutale Einbindung aller zum eigenen Mikrokosmos zählenden Personen in ein moralisches und schon deshalb asoziales Projekt, das auf Angst und Zwang gründet, die daran Beteiligten in ihrem rücksichtslosen dem je eigenen Fortkommen verpflichteten Weg bestärkt und damit verbunden den unbedingten Willen postuliert, jedem Mitbürger einen möglicherweise laxen Umgang mit insbesondere vertraglichen Verpflichtungen durch ein Höchstmaß an Überwachung und Sanktion zu verwehren. Die Kombination aus der Verhöhnung einer nicht ordentlich überwachten 14-Jährigen zu Thanksgiving 2018 in Ulm, die Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurde, und der Haltung jener Schlüssellochgucker, die sich mit sadistischer Freude Sendungen über mit versteckter Kamera dokumentierte Schlampereien von Reinigungspersonal oder Handwerkern ansehen, spannt den Bogen vom der Kehrwoche verpflichteten schwäbischen Liberalismus zu gesamtdeutscher Freiheit.

Michael Ballweg, ein deutscher Leistungsträger, der einer IT-Firma vorsteht, ist privat kontrollsüchtig und lebt als Unternehmer anscheinend gut davon: „An einem lauen Sommerabend waren die Ballwegs bei Freunden in Stuttgart zum Grillen eingeladen. Ihre 13-jährige Tochter war bei einer Freundin und sollte spätestens um 21 Uhr zu Hause sein. Vater Michael war den ganzen Abend über etwas unbehaglich zumute, und er fragte sich, ob sich die Tochter an die vereinbarte Zeit halten würde. Trotzdem verzichtete er auf einen Kontrollanruf.“ Aus der privaten Sorge, die Tochter könnte mit Jungs rummachen und sich womöglich vom Leistungsgehäuse Familie emanzipieren, entsprang dem pfiffigen Bastler eine Geschäftsidee, die hunderttausenden besorgten schwäbischen Eltern aus dem Herzen gesprochen haben muss: „Stattdessen kam dem Softwareentwickler eine andere Idee: Wie wär’s mit einer App, die ihn automatisch benachrichtigt, sobald seine Tochter am vereinbarten Ort eintrifft – oder wenn sie dort zur festgelegten Zeit nicht eintrifft? Aus dieser Idee hat Ballweg mit seiner Media Access GmbH die App ‚Synagram Kids‘ entwickelt, die eben dies bewerkstelligt. Wenn das Kind nicht zur vereinbarten Zeit am vorher festgelegten Ort ankommt, können seine Eltern den Nachwuchs über die GPS-Funktion in dessen Smartphone orten.“ (Computerwoche, 11.3.2014)

Panic-Buttons als Ermächtigung für private Notstandsmaßnahmen finden offensichtlich auch dort Anwendung, wo der freie Lohnarbeiter oder zumeist ja längst die Betreiber einer Ein-Personen-Gesellschaft während des Arbeitsauftrags nicht mehr zu orten sind oder sonst vertragsbrüchig werden könnten: „Dank der skalierbaren Technologie hinter Synagram brachte Media Access jetzt mit ‚Synagram Tourenplanung‘ seine erste App auf den Markt, die die ortsgebundenen Terminbenachrichtigungen in die B2B-Welt überträgt. Die branchenübergreifende App ermöglicht Firmen mit Fahreinsätzen, etwa Handwerksbetrieben oder Kurierdiensten, die Planung und Koordinierung ihrer Kundentermine. Dabei bekommen die Mitarbeiter die Termine über die App direkt auf ihr Smartphone geschickt, während Synagram überwacht und in der Zentrale Bescheid gibt, ob sie pünktlich beim Kunden angekommen sind. Während der Einsätze kann sich der Leiter die genauen Standorte aller Mitarbeiter dank GPS-Ortung in Echtzeit auf einer Karte anzeigen lassen und so bei Änderungen oder Notfällen schnell umdisponieren. Alle Einsatz- und Fahrtzeiten der Mitarbeiter werden zudem fortlaufend erfasst und dem Einsatzleiter bei Schichtende übersichtlich dargestellt. Auch das lästige Führen und Auswerten der Einsatzzeiten gehört mit der Tourenplaner-App der Vergangenheit an, denn sowohl die Einsatzzeiten als auch die Kundentermine der Mitarbeiter werden automatisch erfasst und protokolliert. Am Ende des Arbeitstages erhält der Einsatzleiter dann automatisch eine Übersicht aller Einsatzzeiten und Kundentermine sämtlicher Mitarbeiter. ‚Mit unserer branchenübergreifenden App können Unternehmen und Handwerksbetriebe, aber auch Servicedienstleister, ihre Touren besser planen. Außerdem lassen sich die Arbeitszeiten der Mitarbeiter ohne Zusatzaufwand genau erfassen. Das spart Zeit, Nerven und letztlich auch Geld‘, wirbt Ballweg.“ (Computerwoche, 11.3.2014)

Von der Freiheit der Freiheitsbewegten

Ballweg, der 45 Jahre alt ist und einen fitten Eindruck macht, sich also Anfang April 2020, als er mit seiner Kampagne begann, einigermaßen sicher sein konnte, dass selbst die Ansteckung mit Covid-19 ihm und seiner Familie nicht mehr als einen milden Krankheitsverlauf ohne Anschluss ans Beatmungsgerät eintragen würde, erkannte in den ebenfalls fitten Nutzern von Großparkplätzen seine genuinen Verbündeten: die Schrauber von Daimler oder Porsche zum Beispiel, die um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze besorgt und überzeugt von ihrer körperlichen Resistenz gegen Viruserkrankungen vom Staat die Freiheit einklagen, das Ansteckungsrisiko auf sich nehmen zu dürfen und damit auch das Recht, möglicherweise jene anzustecken und gar sterben zu lassen, die eh’ nicht mehr viel aushalten. Sollen sie doch zu Hause bleiben. Im Kleingruppenakkord gestählt wissen sie schon lange, dass ein Kollege, der wegen psychischer Probleme oder der Verweigerung von Freizeitsport nicht mehr mitziehen kann und den Lohn aller schädigt, so frei sein sollte, sich aus dem Lockdown-Kollektiv in der Werkhalle selbst zu verabschieden, bevor der Rat der Kollegen damit beginnt Beweise über seine selbstverschuldete Leistungsschwäche gegen ihn zu sammeln. Sie alle, bis hinunter zum Fahrradkurier oder der Kellnerin auf Minijobbasis in der Event-Gastronomie, eint nicht nur die Panik vor dem Wegfall ihres Einkommens, sie können auch jene andere Panik vor der Vereinsamung und den trüben Zukunftsaussichten selbst dann, wenn die Rechnung aufzugehen scheint, im ewigen Einerlei der gesicherten Existenz, nie ganz in den Griff bekommen. Zwar tun sie alles dafür, ihr privates Leid in eine gegen Zweifel abgedichtete Welt der Innerlichkeit umzubenennen und glauben, durch esoterische Hilfspakete gestützt, so lange an die Gedeihlichkeit ihres persönlichen Lockdowns, bis unbedeutende Ereignisse wie der inzwischen schon sehr weit gediehene Bau eines unterirdischen Hauptbahnhofs sie in Weißglut versetzt und in wüsten Beschuldigungen von Staat und Politik vereint. Als ahnten sie, dass der staatliche Zwang, Regeln einzuhalten, sie viel weniger einschränkt, als der selbstauferlegte Regelkatalog, den sie sich allein oder ergänzt um ihre nächsten Angehörigen selbst auferlegen, machen sie in Staatsfeindschaft, um ihrem überstrapazierten Seelenhaushalt, der sich gegen das individuelle Verbotsregime auflehnen muss, einen Veitstanz zu gönnen, von dem sie hoffen, das Regime der selbstverhängten Zwangsmoral möge sich dann wieder widerspruchsfrei aufrichten lassen. Diese Reichsbürger wollen den Staat nicht etwa dort treffen, wo er schon lange vor dem Corona-Notstand nichts zum Schutz der dauernd beschworenen persönlichen Freiheiten tut, sondern drohend und reglementierend den Raum für die freie Meinungsäußerung etwa wegen gemeinschaftsschädigender Hassreden sukzessive einschränkt oder die bei der Planfeststellung zum Stuttgarter Hauptbahnhof noch penibel eingehaltenen Regularien der öffentlichen Partizipation ein Jahrzehnt später im östlichen Brandenburg, als es um Elektromobilität ging, einfach auf ein lächerliches Minimum einschrumpft. Die wütenden Staatsfeinde vom Cannstatter Wasen und anderswo ahnen, dass in der staatlichen Verfassung einer republikanischen Gesellschaft auch der Appell aufbewahrt ist, etwas mit den unzureichend gewährten persönlichen Freiräumen anzustellen, also sie auch zur Verwirklichung privaten Glücks zu nutzen und auszudehnen, ja überhaupt sich als Teil einer noch zu verwirklichenden, zur Kooperation befähigten Gesellschaft zu begreifen, die frei von staatlichen und partikularem Zwang sein könnte. Im Bestreiten oder doch gezielten Ausblenden des zeitweilig möglicherweise sehr vielen drohenden vorzeitigen Todes ist schon der Beschluss enthalten, sich Leben nicht anders als das eigene Überleben zu Lasten anderer vorzustellen und damit einen Begriff von Freiheit auszuhebeln, der von der Verwirklichung des je eigenen Glücks ausgehend das der anderen miteinbeziehen muss.

Gegen die Zumutungen der Lebensschützer

Jeder Wutrede auf die „Coronaverbrecher“ entspricht das kollektive Beklatschen von Verkäuferinnen, Erzieherinnen und anderen systemrelevanten Malochern, mit denen man privat eher weniger zu tun hat. Dem asozialen Freiheitsfreund entspricht die Selbstfeier der unbedingten Lebensschützer, jener also, die sich dreingefunden haben und sich in außergewöhnlichen Zeiten zu den wirklich Guten durch ihren vollkommen freiwillig geleisteten Verzicht zählen. Als wäre dieses Einverständnis mit dem Zwang ohne die Klage über den Verlust von alltäglichen Gepflogenheiten nicht schon schlimm genug, fügten viele von ihnen den staatlichen Verboten noch ein paar private Einschränkungen hinzu, um damit in den sozialen Netzwerken für ihre Unverbesserlichkeit zu werben. Auch diese Zeitgenossen sind umgetrieben von Verfolgungswünschen, die einer verwandten Beschädigung des Seelenlebens entspringen wie bei den für die Freiheit Aufbegehrenden. Ihre häufig längst besiegelte Unfähigkeit zur nichtreglementierten Begegnung mit Anderen, die sich nur allzu oft in zwanghaft um Hygienefragen drehenden Ticks oder in der ritualisiert betriebenen lustfeindlichen Zubereitung und Aufnahme von übel riechender und schmeckender Nahrung ausdrückt, wird zum Markenzeichen ihrer sieghaft bekräftigten monadenhaften Existenz, die ohne den Hass auf Unbekümmerte, die sie unterschiedslos der Verantwortungslosigkeit zeihen, nicht auskommt. Stellvertretend für all die neurotischen Kümmerer, die sich zum Teil aufs Ausspionieren und Denunzieren ihrer Nachbarn verlegten, hat der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn Ende März ausgeplaudert, welche Gesellschaft ihm vorschwebt, als er den Verletzern der Umgangssperre als schlimmste Folge ihres Tuns nicht etwa die Ansteckung und den möglichen Tod anderer Menschen vorwarf, sondern die Brüskierung jener Mehrheit, die sich den Verboten schon deshalb unterwirft, weil sie etwas anderes als ihre selbstverhängte Quarantäne schon gar nicht mehr herbeisehnen – der Gemeinschaft der anständigen Deutschen also: „Wer sich jetzt noch in Gruppen versammelt und Partys feiert, handelt gegen die Gesellschaft und nimmt in Kauf, dass Menschen schwer krank werden oder sogar sterben. Manch einer findet es vielleicht witzig, die Corona-Verordnung zu umgehen oder heimlich auszutricksen, aber das ist asozial und unanständig all denjenigen gegenüber, die sich an die Verbote zum Schutz der Gemeinschaft halten.“ (Stuttgarter Nachrichten, 29.3.2020).

Den Kritikern, und zwar allen Kritikern der Notstandspolitik, wurde noch im Mai unterstellt, sie machten sich wegen mangelnden Glaubens an die Inhalte der deutschen Qualitätspresse respektive der wöchentlichen Ansprachen Dr. Drostens der Vorbereitung zum Bürgerkrieg schuldig. Regierungssprecher Steffen Seibert wandte sich gegen die zum größten Teil in der Tat kruden Theorien, die bei den öffentlichen Protesten gegen die Corona-Maßnahmen vorgetragen wurden, mit den Worten, „wer so etwas verbreitet, der will unser Land spalten und die Menschen gegeneinander aufbringen“. Die „hohe Aggressivität“ sowohl gegen Polizisten als auch Journalisten bei den Demonstrationen, die bis hin zu Angriffen auf beide Berufsgruppen geführt habe, sei „streng und scharf zu verurteilen“, erklärte Seibert, um hinzuzufügen, dass die freie und unabhängige Medienlandschaft über alle Aspekte zur Corona-Pandemie informiere. Jeder könne sich bei vertrauenswürdigen Quellen über Stand und auch Kontroversen in der wissenschaftlichen Debatte informieren. (evangelische.de, 11.5.2020) Die Verrückten vom Rosa-Luxemburg-Platz und anderswo dienen nur als Material zu einer viel weitergehenden Obsession. Es soll gläubig angenommen und nicht etwa widerwillig hingenommen werden, was die Propagandisten und häufig auch in Personalunion Vollstrecker des Notstands dem langsam von der Stange gehenden desorientierten Publikum täglich einhämmern. Frei von Zweifel und Selbstkritik, dafür mit wachsender Gereiztheit verlängert ein regierendes Lebensschutzkartell seine am Anfang noch nachvollziehbaren Verbote von Monat zu Monat ohne Berücksichtigung der sich seit Anfang Juli bundesweit im einstelligen Bereich bewegenden täglichen Todesfälle und der immer häufiger leichten Krankheitsverläufe auch bei alten Leuten. (Stand: Mitte August 2020)

Erschienen im März und April die Unterstellungen der Coronakritiker wunderlich und unangemessen, so muss sich seit spätestens Juni der Verdacht, unredlich zu argumentieren und unangemessen zu handeln, gegen einen diskussionsunwilligen Staat und seine Volksgemeinschaftsagenturen richten. Auch wenn von den am 1.8.2020 in Berlin auf einer sehr großen Demonstration gegen die Corona-Auflagen vorgetragenen „Argumentationen“ gegen Maskenpflicht und andere Auflagen nichts zu halten ist, so spiegelte dieser öffentlich vorgetragene Überdruss nur das ähnlich argumentenfreie, mit Verwarnungen, Verunsicherungen und Drohungen gespickte Durchregieren von Staat und Öffentlichkeit wieder. In Berlin mit seinen 3,8 Millionen Einwohnern ist im Zeitraum von 20.7. bis 15.8.2020 genau ein Corona-Todesfall gemeldet worden, und in den Intensivstationen liegen konstant weniger als 15 Angesteckte. Statt nun vorsichtig und zunächst vorübergehend die Restriktionen sukzessive in immer mehr Bereichen aufzuheben, wurden von Seiten der Regierung zunächst ein generelles Verbot des Alkoholausschanks und wenige Tage nach Schulanfang Vorbereitungen zur Umstellung in flächendeckenden Online-Unterricht empfohlen. Drohend wird immer wieder hervorgehoben, dass nach dem Notstand nichts mehr wie vorher sein werde, dass Schluss mit der in Wirklichkeit kaum vorhandenen Libertinage sein müsse, dass eine neue Zeit bevorstünde, in der Verantwortungslosigkeit und mangelndes Engagement auf seine Urheber empfindlich zurückfallen werde. Durch den Notstand gestählt wird die beschworene klimapolitische Wende, die durch die Corona-Krise nur scheinbar in den Hintergrund getreten ist, durch eine abenteuerliche Politik der Staatsverschuldung für den „Wiederaufbau“ nach der Pandemie als unverzichtbar in den Vordergrund gespielt. Als Wiedergänger der auf den Klimaprotesten nötigend eingeforderten „freiwilligen“ Unterwerfung aller unter ein Verzichtsregime wird das gemeinschaftsverbürgende Stigma, der obligatorische Mundschutz, dieser Panik-Button der auch Nach-Corona-Gesellschaft, auf möglichst lange Zeit allen verordnet. Diesen fragwürdig gewordenen Masken, die an die Utensilien paranoider Bazillenabwehrer erinnern und als informelles Hoheitssymbol eines autoritär bleiben wollenden Staates den Bürgern weiter aufgezwungen werden, stimmen die Verängstigten in den Meinungserhebungen unbedingt zu. Das geschieht auch in der immer noch grundlosen Angst, eine abweichende Meinungsäußerung könnte von den Umfrageinstituten publik gemacht und man selber an den öffentlichen Pranger gestellt werden.

Angstmacher am Werk

Was mit der neuen Zeit nach Corona gemeint ist, offenbarte der Lieblingsinterviewpartner der Qualitätsmedien und Dauergast der öffentlich-rechtlichen Talk-Runden Karl Lauterbach schon am 27.4.2020 in einem Taz-Interview. Der SPD-Gesundheitspolitiker, der seit Februar für die härtesten und möglichst ewig währenden Kontaktverbote zuverlässig eintritt, exerzierte darin an der Keimzelle der Gesellschaft vor, was allen angetan werden soll. Im verkündeten Masochismus, der in der Hinnahme des irgendwann sinnlos gewordenen Verzichts liegt, schwingt ein mindestens ebenso stark wütender sadistischer Wille zur nachhaltigen Verunsicherung und schließlich Unterwerfung anderer mit.

Wie dem Querdenker Nummer 711 von der Freiheitsfront, Michael Ballweg, ist Lauterbach der Schutz seiner ebenfalls 13-jährigen Tochter höchstes Anliegen. Wo Ballweg als jeden Widerstand brechen wollender Gewaltmensch, der nicht nur die totale Kontrolle, sondern auch Strafen bei Zuwiderhandlung sich jederzeit vorbehält, immerhin die Rebellion seiner Tochter bis hin zu ihrer Flucht unter die Fittiche des Jugendamts riskiert, das trotz ideologischer Komplizenschaft mit dem Vater eine unwillige 13-Jährige nicht einfach zurückexpedieren darf, vollstreckt der Lebensschützer Lauterbach sein Ziel, die Tochter in ewige Abhängigkeit zu bringen, ganz sensibel und vor allem kommunikativ: „Ich verbringe im Moment viel Zeit mit meiner 13-jährigen Tochter. Was mich berührt ist, wie viel Verunsicherung die Kinder erleben durch diese Erkrankung. Sie machen sich unfassbar viele Gedanken.“ Er folgt offensichtlich den Methoden der Täter in manchen Psychothrillern der schwarzen Serie des Hollywood-Kinos der späten 1940er und frühen 1950er Jahre. Als guter Vater verstärkt er die schon vorhandene Verunsicherung seines Kindes absichtsvoll, indem er statt von dessen Ängsten abzulenken und neuen Halt zu stiften, durch immer wieder neu aufgenommene durchaus manipulative Gespräche über den Verlust, den Tod, das Ausgeliefertsein das Kind nicht von einem Alp befreit, sondern seiner Seele den Alp als lebenslängliche Bürde einpflanzt, was im schlimmen Fall zu einer Zwangsbindung an die Eltern führt, die das Erwachsenwerden vereitelt. Die Verbreitung von Angst und Schrecken erfolgt durch die maßlose Übertreibung eines Geschehens: „Es ist die erste riesige Katastrophe, die sie erleben. Sie sind plötzlich aus der Schule gerissen, sie sehen ihre Freunde nicht mehr, vielleicht endet das Schuljahr, ohne dass sie jemals ihre Freunde wiedergesehen haben werden. Die Kinder machen sich auch viele Sorgen um ältere Leute, die sie gut kennen und die sie nicht verlieren wollen“. Eine solche erzwungene und völlig verfrühte Beschäftigung mit dem Tod, die es doch zu verscheuchen gälte, schlägt sich in Phrasen wie „die Endlichkeit des Lebens wird den Kindern bewusst“ nieder und führt irgendwann zu zwanghaften Ergebnissen. Lauterbach ist nur ein besonders prominenter und radikal zur eigenen Anti-Pädagogik sich bekennender Unmensch. Seine eigene aufs Kind projizierte Angst nicht etwa vor einer Pandemie, sondern vor möglichen Erschütterungen seiner Lockdown-Gemeinschaft Familie, geistert, seit der Atomtod durch die jüngst verstorbene Kinderbuchautorin Gudrun Pausewang in den 1990er Jahren Eingang in den Lehrplan von 10-Jährigen gefunden hat, durch die Köpfe von zur Erziehung von Kindern nicht mehr befähigten Mittelstandseltern, die mit Lauterbach davon überzeugt sind, dass „wir mehr über ihre (der Kinder, J.W.) sich dramatisch ändernden Lebenswelten reden müssen. Denn zugleich werden sie mit einer Krise konfrontiert, die selbst uns Erwachsenen Angst macht.“ Wo oberstes Erziehungsziel die Gestaltung eines Kinderlebens ohne Angst wäre, das den ganz Kleinen und auch den nicht mehr so Kleinen dazu verhelfen soll, einmal unbefangener, neugieriger und genussvoller in die Adoleszenz einzutreten, als es einem selber gelang, betreiben die Eltern in Corona-Zeiten ähnlich wie 40 Jahre davor ihre Vorgänger in Atomtodzeiten die Übertragung ihrer eigenen, ideologisch aufgeladenen Lebensangst auf die Kinder. Indem sie der Erziehung Äußerliches, wie es in der Dauerermahnung die Schöpfung zu bewahren aufklingt, zum Ideal verklären, betreiben sie das unverantwortliche Geschäft mit der eigenen Angst, der niemand entgehen soll und die sie potenziert und damit traumatisierend an die Kinder durchreichen. „Die psychologischen Folgen (für die Kinder, J.W.) sind hier noch völlig unklar“, sagt Lauterbach wahrheitswidrig, denn er spricht nicht über die Tochter, sondern über sich: „Mich beispielsweise hat es stark geprägt, als ich mit 14 Jahren die Studie zum Club of Rome gelesen habe. Das hat mein ganzes Leben verändert. Ich war bis dahin behütet aufgewachsen, und ich erinnere mich, dass die Bedrohung, die Welt könne untergehen, meine Berufswünsche beeinflusst und mein ganzes Leben verändert hat. Um wie viel stärker muss es auf 13-Jährige wirken, wenn sie so eine Katastrophe erleben, wenn sie sehen, wie in Italien und in New York die Menschen sterben? Für Kinder sind das enorm traumatisierende Erlebnisse.“ Man weiß nicht, was den 14-jährigen Lauterbach zum Weltuntergangsapostel werden ließ, sein angeblich behütendes Elternhaus und/oder die Rationalisierung eigener Verzagtheit und damit Einsamkeit in der Pubertät durch angelesene Untergangssehnsüchte, die dazu dienen sollten, eine ihm als feindlich erscheinende Welt zu strafen. Als Vater hätte er auf sich selbst als wenig beispielgebenden Jugendlichen reflektieren und alles in Bewegung setzen müssen, dass seine verhockte und von Selbsthass geprägte Jugend sich nicht in der Tochter wiederhole, die ja nur ein Jahr jünger ist, als er es bei der menschenfeindlichen Rationalisierung seiner persönlichen Defizite war.

Ewig Zwölfjährige übernehmen Verantwortung

Dem Schutz der Schwächsten sei man ganz besonders verpflichtet, tönt es aus den Agenturen einer Lockdown-Gemeinschaft die einer möglichst unendlichen Kontaktsperre verpflichtet ist, und meint damit noch vor den an die Lauterbachs ausgelieferten Kinder die ganz Alten. Die hat man in den ohnehin unmenschlichen Pflegeheimen über viele Wochen hinweg völlig eingesperrt, und auch nach der Lockerung gilt für sie wie vorher nur noch die präzise in einigen Monaten berechenbare Restlebenszeit in von überlauten Fernsehgeräten beschallten Aufenthaltsräumen. Dass sie klaglos verdämmern und ihre Angehörigen den Spuk willig mitmachen sollen, kann man daran erkennen, wofür die Anfang Juli beschlossenen Hilfspakete jedenfalls nicht ausgelegt sind: Für die in den langen Wochen der totalen Kontaktsperre am meisten ausgeschlossenen Alten war nichts im Jackpot. Die Nach-Corona-Zeit, die nie wirklich eintreten soll, wird eine ganz dem Klimaschutz verpflichtete Welt der vermehrten Zwänge zu Verzicht und Distanz sein, in der die Sorge für die Freiheit und das Leben nicht mehr reformierbarer Unproduktiver keine Rolle spielt. Ein deutscher Meisterdenker und Lebensreformer fasste in einem Interview, das er kurz vor seinem 80. Geburtstag gegeben hat, zusammen, welchen Segen ein inzwischen (Stand Ende Juli 2020) in der Sache sinnfreies Notstandsregime uns allen dann doch beschert: „Ich lebe seit Jahrzehnten in meinem persönlichen Lockdown. Das Innere ist mir viel wichtiger als alles Äußere. Corona ist ein Segen – und eine Hilfestellung für Veränderung und innere Einkehr. ‚Fridays for Future‘ hat leider nicht ausgereicht, es musste eine Krankheit kommen, die alle Menschen zwingt, sich zu ändern, zu besinnen und runterzufahren. Wir haben gelernt, dass es eben nicht egal ist, wenn in China ein Sack Reis umfällt. Wer nicht hören will, muss fühlen. Veränderung ist immer erstmal anstrengend und angsteinflößend. Aber irgendwann rückblickend werden wir alle erkennen, dass dieser globale Heilungsprozess richtig und wichtig war.“ Auf die Frage, wie es ihm so kurz vor dem hohen Geburtstag denn gehe, antwortete Rainer Langhans: „Ich fühle mich heute wohler denn je. Ich habe auch das Gefühl, dass ich immer jünger werde, nicht älter. Ich fühle mich wie zwölf. Vor allem geistig.“ (Abendzeitung, 6.6.2020). Ein geistig im Stande der Vorpubertät verharrender Narzisst ist Langhans zeitlebens gewesen. Man muss ihm nur lassen, dass er sein Leben, trotz seiner verheerenden Stichworte zur Bekräftigung des immer innerlicheren Zeitgeists, weder als Funktionär der grünen Partei noch auf irgendwelchen Plena zur Vorbereitung von Klimaschutz-Demos verbracht hat, dass er weder Gesundheitsexperte noch IT-Unternehmer wurde, sondern in seiner Nische möglicherweise ein gar nicht so unglückliches Leben führt. Was aus der jungen Lauterbach einmal werden könnte, wenn die fürsorgliche Gehirnwäsche ihres Vaters greift, kann man an den Aussagen ihrer Altersgenossen und all der anderen ewig 12-Jährigen zum Klimaschutz ablesen. Wenn diese Gestalten einmal ganz an der Macht sind, dann wird es für nutzlose Greise und verantwortungslose Nörgler sehr unangenehm.

Justus Wertmüller (Bahamas 85 / 2020)