Enver Pascha marschiert im Geiste mit

Die pantürkische Kampagne zur Vernichtung Armeniens und der Armenier

„Wir sind zwei Staaten, aber eine Nation!“ – diese Parole, die das Verhältnis der Türkei zu Aserbaidschan kennzeichnet, durchzieht die siegestrunkenen türkischen Medien seit Oktober 2020, als die armenische Niederlage schon nicht mehr aufzuhalten war. Dass Tayyip Erdogan sie sich zu eigen gemacht hat, verweist darauf, dass er auf Quellen und Ereignisse zurückgreifen kann, die älter sind als die türkische Republik und die vor ihm, seit 1991, auch kemalistische Politiker gerne und durchaus zum Wohlgefallen der aserbaidschanischen Freunde benutzt haben.

Aserbaidschan – eine pantürkische Pseudonation

Nur, wie kommt man auf so eine Idee? Man kann die nationale Eintracht zweier Staaten mit der Sprache begründen, denn das aserische Türkisch unterscheidet sich vom in der Türkei gepflegten Türkisch nur wenig, Gespräche zwischen Türken und Aserbaidschanern sind mühelos möglich. Nur fanden diese Gespräche in den Jahrhunderten vor 1991, von einer entscheidenden Ausnahme abgesehen, kaum statt, denn Türken und Aserbaidschaner trennte über 400 Jahre lang eine Grenze, die in etwa der der heutigen Türkei zur ehemaligen Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten entspricht. Diese Grenze war, spätestens seit die Russen Anfang des 19. Jahrhunderts den persischen Salafiden die transkaukasischen Gebiete abgenommen hatten, ziemlich dicht. In sowjetischen Zeiten war sie sogar ganz geschlossen.

Das Staatsgebiet des heutigen Aserbaidschan war nur im 16. Jahrhundert für einige Jahre Bestandteil des türkisch geprägten osmanischen Reichs. Auch mit dem Verweis auf eine gemeinsame Geschichte ist der Nachweis von Gemeinsamkeiten schwer zu führen, es sei denn, man schließt sich der um 1900 begründeten völkischen Turan-Ideologie an, die von einem mystifizierten Ur-Türkentum ausgeht, das sich von der Mongolei ausgehend langsam weiter ausgebreitet habe. Als ein Volk werden demnach sowohl die verschiedenen Turk-Völker auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion zusammen mit den Bewohnern der türkischen Republik als auch allerlei angeblich von Turkmenen besiedelte syrische Provinzen ausgegeben. So viel kann also nicht dran sein an der so inbrünstig beschworenen gemeinsamen Nation – möchte man meinen.

Auffällig ist jedoch, dass die Überlebenden des Armenier-Pogroms im aserbaidschanischen Sumgait im Jahr 1988 ihre Peiniger stets als „die Türken“ bezeichneten. Die Geschichte einer Flagge vermag Auskunft über diese Zuschreibung zu geben. Als Nationalflagge zeigt die Republik Aserbaidschan ein in drei gleich große Streifen waagerecht aufgeteiltes Tuch in den Farben Blau, Rot und Grün. Auf dem mittleren roten Streifen sieht man einen weißen Halbmond und einen achtzackigen Stern auf rotem Grund. Diese Fahne ist mit der Nationalflagge der kurzlebigen Freien Republik Aserbaidschan identisch, die von 1918 bis 1920 bestand.

In der Demokratischen Republik Aserbaidschan stand Blau als Symbol für die Zugehörigkeit der Aserbaidschaner zu den Turkvölkern, Rot für die fortlaufende Entwicklung der aserbaidschanischen Kultur und Grün als Symbol für den Islam. Der Halbmond mit Stern auf rotem Grund ist ein weiteres Symbol des Islam und war schon lange davor − mit allerdings nur fünfzackigem Stern − Bestandteil des Staatswappens des osmanischen Reiches und ist seit Gründung der türkischen Republik ohne Zutaten deren Nationalflagge.

In der 1991 gegründeten Republik Aserbaidschan hingegen steht Blau angeblich nicht fürs Türkentum, sondern für die Freiheit Aserbaidschans. Rot soll das Symbol für das gegenwärtige Leben der Aserbaidschaner sein, Grün soll nicht mehr für den Islam, sondern für die Zukunft Aserbaidschans stehen, die sich in der Natur des Landes manifestiert. Den Islam, der die vorherrschende Religion des Landes ist, symbolisiert der Halbmond. Fürs Türkentum steht dann wenigstens der Stern, der die acht turkstämmigen Völker meint, aus denen sich im Laufe der Jahrhunderte die heutige aserbaidschanische Nation gebildet habe. (1) Die Abschwächung der Botschaften gegenüber dem Original von 1918 ist allein der Verwischung von damals noch als peinlich empfundenen Bezügen zu einer blutigen Geschichte geschuldet.

Zwei Turkvölker finden sich – im Zeichen des Genozids

Aserbaidschanische Identität basiert auch im Selbstverständnis ihrer Gründungsväter auf der Verbindung zu den sieben Brudervölkern. Was den Völkerverbund ideologisch vereint, ist der Islam. Aber auch sonst gibt es wenig spezifisch Aserbaidschanisches zu entdecken, das Land ist nach Definition seiner Gründungsväter und in der nationalen Praxis seit 1988 zu hundert Prozent Staat gewordener Turanismus und damit eines mit offenen Grenzen und klar definiertem Feind. Der Turanismus, diese vor allem auf den jungtürkischen Ideologen Ziya Gökalp zurückgehende Volkstums-Ideologie hat nie seinen Reiz verloren, weder für Türken noch für die Turkvölker, obwohl letztere die Rolle der Türkei als primus inter pares gewiss nicht ohne Misstrauen betrachten.

Aserbaidschanisches Selbstbewusstsein gab es frühestens seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, seine Ideologen waren Männer, die dem Turanismus, bzw. dem Panislamismus und dem Panturkismus huldigten. Bis 1918 standen sie im Bündnis mit den russischen Bolschewiki, von denen sie sich Unterstützung bei der nationalen Loslösung von Russland versprachen. In Transkaukasien teilweise von den Russen verfolgt, näherten diese Ideologen sich immer mehr dem Komitee für Einheit und Fortschritt, also den Jungtürken, an und lebten zeitweilig in Istanbul im Exil, wo sie auch ihre wichtigste Zeitschrift Türk Yurdu (Türkische Heimat) herausgaben, die zugleich eine Art Zentralorgan für die Panturkisten unter den Jungtürken war. Deren Nachfolgeorgan gleichen Namens erscheint heute noch als extrem chauvinistisches, den Grauen Wölfen nahestehendes Monats-Magazin in Istanbul. Der entscheidende Vordenker des aserbaidschanischen Nationalismus war Amin Rasulzadeh, der 1918 Vorsitzender der verfassungsgebenden Verfassung der ersten Republik war, ab 1922 in Polen und Rumänien im Exil lebte und seine letzten Jahre von 1947 bis zu seinem Tod 1955 in der Türkei verbrachte. Rasulzadeh war von 1941 bis 1943 Mitglied im Nationalen Komitee von Aserbaidschan, das mit den Nazis kollaborierte. Die aserbaidschanische Legion als Teil der kaukasisch-mohammedanischen Legion stand im engen Zusammenhang mit diesem Komitee. Rasulzadeh hat den Turanismus in Zusammenarbeit mit den Jungtürken mitentwickelt, den Genozid an den Armeniern gebilligt und stand in der letzten Phase dieses Genozids an der Seite von Enver Paschas Truppen beim letzten großen Armenier-Pogrom vor 1988, das am 15.9.1918 in Baku stattfand und zwischen 9.000 und 50.0000 Opfer forderte, in Rang und Würden. In Aserbaidschan stehen heute dutzende Denkmäler aus jüngerer Zeit, die an den Chauvinisten und Massenmörder Rasulzadeh ehrend erinnern.

Die erste gemeinsame aktive Periode türkischer und aserbaidschanischer Pantürken ist mit einem Kampfverband verbunden, der im Juli 1918 den programmatischen Namen „kaukasische islamische Armee“ erhielt. Herausstechender Protagonist des gemeinsamen Kampfes war ihr Gründer, der damalige Kriegsminister und maßgebliche Organisator des Genozids an den Armeniern in den Jahren 1915/16, Enver Pascha. Es handelte sich dabei um die osmanische dritte Armee unter dem Jungtürken Nuri Pascha, die um aserbaidschanische Freiwillige ergänzt bis zum Waffenstillstand zwischen Osmanen und Alliierten im Oktober 1918 im Gebiet des heutigen Armeniens, Aserbaidschans und auch Georgiens mit dem Ziel operierte, ein neues, nunmehr dezidiert türkisches Großreich zu begründen.

Die islamische Armee zog durch das heutige Armenien und stand zeitweilig kurz vor der Eroberung Eriwans. Dabei verübte sie in Bergkarabach die schlimmsten Massaker an Zivilisten, die sich nicht in die Region um die erfolgreich verteidigte Hauptstadt hatten flüchten können. Ihr eigentliches Ziel aber war Baku, später dann Tiflis. Am 15. September 1918 eroberte die Armee des Islam Baku und noch am selben Tag begann ein Pogrom, dem in Baku und Umgebung zwischen 9.000 und 30.000 Armenier und andere Christen zum Opfer fielen. Tags darauf nahm Nuri Pascha die Siegesparade viel umjubelt ab. Das Pogrom vom 15.9.1918 gilt vielen Aserbaidschanern heute noch als Tag der Befreiung. (2) In der aserbaidschanischen Nationalmythologie soll es sich dabei um eine Revanche für die Ereignisse zwischen dem 31.3. und 2.4.1918 ebenfalls in Baku gehandelt haben, als Armenier bis zu 20.000 wehrlose Aserbaidschaner ermordet haben sollen. Dass in diesen Tagen unter anderem tartarische islamische Kampftruppen sich bewaffnet, aber erfolglos gegen die zu einem großen Teil aus Armeniern bestehenden Bolschewiki gewandt hatten und die ganze Stadt binnen kürzester Zeit von Straßenbarrikaden durchzogen war, bleibt unerwähnt. Aber nicht zu bestreiten ist, dass armenische Freischärler Tausende aserbaidschanische Zivilisten ermordeten.

Ein Fremdkörper in Transkaukasien

Einen großen Bruder oder wenigstens mehrere kleine Brüder, mit denen sie Mythos und Ressentiment teilen können, haben die Armenier nicht. Armenische Staatlichkeit hat es nach dem 15. Jahrhundert, als ein unabhängiger Staat in Kilikien in der östlichen türkischen Mittelmeerregion von den Osmanen unterworfen wurde, von einem Zwischenspiel in den Jahren 1918 bis 1920 abgesehen, bis zur Gründung der Republik Armenien im Jahre 1991 nicht mehr gegeben. Lediglich Bergkarabach vermochte auch unter den Salafiden und dem Zaren relativ unabhängig zu bleiben, wohl einer der Gründe, warum es eine geradezu mythische Bedeutung erlangt hatte.

Umgeben von in der Regel feindseligen islamischen Nachbarn, nur halbherzig geschützt und nur zeitweise privilegiert durch das zaristische Russland, blieb bei Armeniern der Traum vom eigenen Staat wach, der gleichsam an vergangene Herrlichkeit eines vor bald tausend Jahren von islamischen Eroberern zerschlagenen armenischen Großreichs anknüpfen sollte.

Der Hass auf Armenier hängt eng damit zusammen, dass sie ihr Schicksal unter den Osmanen nicht kampflos hinnehmen wollten und bis heute nicht aus der Region verschwunden sind. Auf beiden Seiten der Grenze zwischen den Salafiden und den Osmanen fristeten Armenier Jahrhunderte lang ein ärmliches und rechtloses Leben, denn Schutz vor den Übergriffen islamischer Nomaden oder auf Beute ausgehender Bewohner islamischer Nachbardörfer erhielten sie nie. Das hat sich mit der Eingliederung Ostarmeniens ins russische Reich für die dort ansässigen Armenier immerhin merklich verändert. Auch im auf dem Gebiet der heutigen Türkei liegenden Westarmenien zeichnete sich trotz der nie beendeten Rechtsunsicherheit ab dem frühen 19. Jahrhundert ein Wandel ab. Zunächst flohen viele vor dem Elend und wanderten als Gelegenheitsarbeiter vor allem in die rasch expandierenden Küstenstädte aus, wo sie sich schon bald etablieren konnten.

Binnen kurzer Zeit gab es allseits hochgeschätzte Handwerker, Freiberufler, Unternehmer, Beamte und Bankiers armenischer Herkunft. Was sie im Kleinen in ihren ostanatolischen Dörfern und Städtchen gepflegt hatten: Bildung, Arbeitsdisziplin und Aufstiegsdenken, verhalf ihnen in der rasch wachsenden und sich modernisierenden spätosmanischen Ökonomie − wie Griechen und Juden auch − zum schnellen sozialen Aufstieg.

Die eigentlichen armenischen Siedlungszentren waren schon bald weit eher Istanbul oder Smyrna (Izmir) als die abgehängten Regionen ihrer ostanatolischen Herkunft, wo sie sich ebenfalls zunehmend in den wenigen Städten konzentrierten. Gewachsenes Selbstbewusstsein und vereinzelter Widerstand gegen die ihnen im Vergleich zu den Moslems auferlegte doppelte Steuer, aber vor allem wohl der Neid der ökonomisch rückständigen islamischen Bevölkerungsmehrheit hatten in den Jahren 1894 bis 1896 unter Sultan Abdülhamid II. Pogrome in Städten mit starkem armenischen Bevölkerungsanteil wie Erzurum, Urfa und Diyarbakir im Osten, aber auch in der Hauptstadt Istanbul zur Folge, die gezielt angezettelt wurden und denen zwischen 80.000 und 300.000 Armenier, aber auch andere Christen zum Opfer fielen.

Die armenische politische Intelligenz machte in den Jahren danach den katastrophalen Fehler, dem Komitee für Einheit und Fortschritt, also den Jungtürken zu vertrauen, die 1909 Abdülhamid II. stürzten und einen säkularen Staat mit Religionsfreiheit und Minderheitenrechten im Programm hatten.

Viele und insbesondere die wohlhabenden und einflussreichen Armenier hatten sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg auf osmanischem wie russischem Terrain von ihrer ländlichen Heimat längst losgesagt, waren Städter geworden und wollten nicht mehr länger als Bauer oder Kleinhändler in der trostlosen Provinz ein armseliges Dasein fristen. Das in den spätosmanischen Jahren enorm angewachsene spezifisch armenische Bildungssystem, das u.a. großen Wert auf das Erlernen mehrerer Fremdsprachen legte, begünstigte den raschen Wandel eines fast reinen Bauernvolks in eine relativ moderne urbane Gesellschaft, deren Abkömmlingen allmählich alle Türen offen zu stehen schienen.

Nach dem Genozid von 1915/16 war für Armenier auf beiden Seien der russisch-türkischen Grenze klar, dass ein friedliches Zusammenleben mit „Türken“, wie man die Moslems nun auch in Ostarmenien nannte, nicht möglich war und nur der eigene dezidiert nicht-türkische und nicht-islamische Staat eine Überlebensperspektive versprach. Doch auch in der heutigen Republik Armenien existiert weiterhin das Problem, dass sich ein Drittel der Bevölkerung in der Hauptstadt konzentriert und die Landflucht, häufig genug aber auch die Emigration in vor allem Länder mit starker armenischer Diaspora wie die USA und Frankreich die Dörfer veröden und die Bevölkerung insgesamt stagnieren lässt.

Wenn die offizielle Türkei seit Jahrzehnten den Genozid mit dem Argument herunterspielt, es habe sich dabei um die Folge kriegerischer Auseinandersetzungen gehandelt, dann schwingt auch in dieser monströsen Lüge ein Körnchen Wahrheit mit. Nach den Pogromen unter Abdülhamid II. regte sich unter Armeniern Widerstand, der zwar ohne größere Bedeutung war, aber den Osmanen umso mehr Anlass gab, sich für eine präventive und kollektiv auszuführende Abrechnung vorzubereiten. Ein mit einem ganzen Wagen voll Sprengstoff verübtes Attentat armenischer Radikaler vor einer Istanbuler Moschee 1905 traf zwar nicht den Sultan, der unverletzte blieb, tötete aber 26 Männer aus seinem Gefolge. Der nach der Stadt Sasun benannte Aufstand in der heutigen ostanatolischen Provinz Bitlis nahe des Van-Sees im Jahr 1904 führte zu grausamen Vergeltungsaktionen mit 3000 bis 8000 Toten. Natürlich ist den Verantwortlichen in einem militärisch und ökonomisch schwer angeschlagenen Riesenreich nicht entgangen, dass jene Menschen zweiter Klasse, die sich aber allmählich in den Bereichen Produktion, Handel und Bildung unübersehbar an die Spitze setzten, mit Forderungen an sie herantreten würden, deren Erfüllung die zumeist bitterarme sunnitische Mehrheitsbevölkerung ihres letzten Privilegs endgültig berauben würde, nämlich als Rechtgläubige die Ungläubigen als Menschen zweiter Klasse demütigen zu dürfen. Abdülhamids Armenier-Pogrome waren eine kontrollierte Triebabfuhr fürs rechtgläubige Volk und eine Warnung an die christlichen Minderheiten, es nicht zu übertreiben. In ihr war aber auch schon die Drohung mit dem Genozid enthalten und der unübersehbare Hinweis, dass es wichtigere Staatsziele geben könnte als die Aufrechterhaltung einer Ökonomie, die ohne armenische und andere Christen, aber auch die Juden zusammenbrechen würde. Die Jungtürken, unter denen Damad Ismail Enver oder einfach Enver Pascha schon in den frühen Jahren der Bewegung eine einflussreiche Rolle innehatte, waren vor dem Ersten Weltkrieg zu einem verwandten Ergebnis gekommen: Nur ein starker Staat, der wirklich unteilbar, also ethnisch homogen sein müsste, würde die Einheit verbürgen. Denn das meint der unter ihnen verbreitete Turanismus, dessen Ideologen im Grunde nicht viel auf ethnische Homogenität im Vielvölkerstaat gaben, sondern nur auf eine gemeinsame Sprache und eine gemeinsame Kultur Wert legten, die sich ihnen nur als islamisch darstellen konnte.

Armenische Gegenwehr

Die in der Westtürkei ansässigen Juden sowie die Pontos-Griechen an der Schwarzmeerküste verfügten, anders als die Armenier wenigstens in Transkaukasien, über kein geschlossenes Siedlungsgebiet und hatten auch keine – wenn auch unzuverlässige – Ordnungsmacht hinter sich, die Pogrome wie die von 1894 bis 1896 im osmanischen Reich in ihrem Einflussbereich nicht zulassen würde. Ihre Bestrebungen zielten daher vorrangig auf mehr Schutz und mehr Einfluss bei der Regelung öffentlicher Angelegenheiten. Die Armenier stellten im Gebiet der heutigen armenischen Republik weitgehend unangefochten die übergroße Mehrheit und in den später zu Aserbaidschan zusammengefassten Gebieten waren sie stark vertreten, insbesondere in den Städten, etwa in Baku. In Bergkarabach hatten sie mitten im späteren Aserbaidschan eine fast rein armenische Enklave. Da zwischen dem osmanischen und dem russischen Imperium keine Verständigung möglich war, hatten die Armenier ein relativ sicheres Hinterland. In Westarmenien war die Situation grundverschieden. Nicht nur, dass die Armenier dort schutzlos waren, auch der Umstand, dass eine durchgängige armenische Besiedelung außer in wenigen Regionen, z.B. der um Van, nicht gegeben war und sich armenische Dörfer sehr häufig in direkter zumeist schlechter Nachbarschaft mit moslemischen befanden, ließen auch für die Jahre vor dem Genozid die armenischen Träume vom souveränen großen Armenien nach dem Zerfall der beiden Imperien als reichlich unrealistisch erscheinen.

Immerhin, es gab diese Pläne, es gab auch, wie die Attentäter von 1905 belegen, durchaus aktivistische Politgruppen, die auf der Grundlage von nationaler Erweckung, vagen sozialistischen Ideen und dem Versprechen aufs unabhängige eigene Land in den Widerstand gegangen sind, der auch nicht frei von Rache für die Verbrechen der Osmanen war. Während des Genozids gab es nur vereinzelt und schnell niedergeworfene Gegenwehr, da es an Waffen, Organisation und Vorbereitung gemangelt hatte. So hatten Armenier im Mai 1915 die Stadt Van immerhin fast zwei Monate lang verteidigen können. Wer es nach der Niederlage nicht über die nahe Grenze nach Ostarmenien geschafft hatte, wurde sofort niedergemacht. Spätestens seit dem Frühjahr 1918 veränderte sich die Lage in Ostarmenien grundlegend: Das russische Imperium war zusammengebrochen und die Bolschewiki konnten das Machtvakuum zunächst nicht füllen, was für Armenier genauso verheißungsvoll wie bedrohlich war.

Die armenische Bevölkerung hatte durch hunderttausende Elends-Flüchtlinge aus osmanischem Gebiet, die dem Genozid entrinnen konnten, stark zugenommen, damit korrespondierend befand sich das armenische Selbstbewusstsein im Anstieg. Nun gab es armenische Freischärler, die nicht nur ihren 1918 gegründeten neuen Staat absicherten, sondern es auch den „Türken“ heimzahlen wollten und auch mit Pogromen die moslemische Minderheit aus dem Gebiet der heutigen Republik vertrieben. Die Sowjetunion fasste zunächst 1920 die armenische, die aserbaidschanische und die georgische SSR unter einem Dach zusammen, bis sie 1936 zugunsten der je eigenständigen Sowjetrepubliken wieder aufgelöst wurde.

In Westarmenien kamen die Armenier nicht mehr zum Zug, hier lebten keine Landsleute mehr. Eine im Völkermord geschulte osmanische Armee hätte jede von außen kommende separatistische Bestrebung sofort im Keim erstickt, denn das osmanische Imperium ist anders als die drei anderen am Ersten Weltkrieg beteiligten Imperien nie ganz untergegangen. Die an den Weltkriegsfronten geschlagene Armee blieb auch nach dem Waffenstillstand im Oktober 1918 im anatolischen Landesinneren intakt und das Komitee für Einigkeit und Fortschritt hatte in ihr alle relevanten Funktionen inne.

Die frühe Sowjetunion hatte die Bedeutung der Ölfelder um Baku natürlich längst im Auge und wollte weder türkische noch aserbaidschanische oder national-armenische Dominanz über diese Ressourcen. Insofern kam es ihr gerade recht, im Frühjahr 1918 eine kurzlebige kommunistische Republik im heutigen Aserbaidschan, die vorwiegend von Armeniern angeführt wurde, unterstützen zu können, die auch für Pogrome und Vertreibungen von Moslems verantwortlich war. Die 1920 gegründete Transkaukasische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik war, um mit Lenin zu sprechen, der diese Gründung unterstützt hatte, „Ausdruck großrussischen Chauvinismus’“, der nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ unterschiedliche Interessen zugunsten des russischen neutralisierte.

Während Westarmenien ein von Türken und Kurden bewohnter riesiger armenischer Friedhof war, konnte in Ostarmenien wenigstens die armenische Sowjetrepublik bescheidene Selbstverwaltung in einem überwiegend armenisch besiedelten Gebiet gewährleisten. Im armenischen Interesse war besonders der Sonderstatus als autonomes Gebiet mit Selbstverwaltung, der Bergkarabach eingeräumt wurde. Zu einem entspannten Zusammenleben – von einer allmählichen Verwischung der Unterschiede ganz zu schweigen – kam es mit der moslemischen Minderheit innerhalb der Republik, aber auch als armenische Minderheit mit den Aserbaidschanern im Nachbarland nicht. Zwar waren die Armenier auch in Sowjet-Zeiten als die gebildeteren und unternehmungslustigeren Transkaukasier erfolgreicher als ihre moslemischen Nachbarn, was man im Neuerstehen und Anwachsen der 1918 liquidierten oder geflohenen armenischen Minderheit in der Industriemetropole Baku leicht erkennen kann, wo Armenier zeitweilig 21 Prozent der Bevölkerung stellten und zum Zeitpunkt der endgültigen Vertreibung ab 1990 immerhin noch fast 17 Prozent. Doch der Konflikt war lediglich stillgestellt, um bereits 1988, als der Zusammenbruch der Sowjetunion sich ankündigte, mit vergleichbarer Härte wie 1918 erneut auszubrechen. Das lässt sich leicht an dem schikanösen Umgang mit den Bewohnern Bergkarabachs durch die aserbaidschanische Sowjetrepublik verdeutlichen. Es gab bis zur Angliederung 1994 kaum Reisemöglichkeiten für Armenier, und auch sonst wurde alles unternommen, sie auf ihrer Insel zu isolieren und möglichst ökonomisch von jeder sowjetischen Unterstützung abzuschneiden.

November 2020: Armenien ist existentiell gefährdet

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: 1988 demonstrierten in Stepanakert zigtausende erregte Bewohner Bergkarabachs und parallel noch sehr viel mehr in Eriwan und forderten die Vereinigung der autonomen Region mit Armenien. Der Oberste Sowjet der Region und dann der Republik übernahmen die Forderung, woraufhin in Aserbaidschan Pogrome einsetzten. Nach dem Pogrom von Baku im Jahr 1990 mit mindestens 91 toten Armeniern verließen binnen weniger Monate alle 160.000 dort lebenden Armenier die Stadt. Das taten in den Jahren bis 1991 auch alle anderen in Aserbaidschan lebenden Armenier, insgesamt 500.000. Im Gegenzug wurden aus Armenien und der Region Bergkarabach auch unter Anwendung von Gewalt bis hin zum Pogrom ca. 200.000 Aserbaidschaner vertrieben. In den kriegerischen Auseinandersetzungen um Bergkarabach wurden bis 1994 aus den armenisch besetzten und dann annektierten Gebieten zwischen Armenien und Bergkarabach weitere wohl über 200.000 Aserbaidschaner vertrieben. Die heute gehandelte Zahl von 560.000 ist aserbaidschanische Propaganda und dem UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR zu danken, das unverdrossen die nach der Vertreibung geborenen Kinder von Binnenflüchtlingen der ursprünglichen Zahl zuschlägt. Wie im Fall der Palästinenser auch − und Aserbaidschan hat ein hohes Bevölkerungswachstum.

Im Gefolge des jüngsten Krieges wurden die von Armenien eroberten Landkreise zum größten Teil wieder aserbaidschanisch. Anfang Dezember 2020 muss man von 75.000 geflohenen Armeniern aus der Kernregion Bergkarabach und einer deutlich kleineren Zahl armenischer Siedler aus den annektierten Gebieten um Bergkarabach ausgehen. Armenien steht seither unter russischem „Schutz“ und muss Friedenssoldaten auf seinem Gebiet hinnehmen, ohne die der zu einem dünnen Korridor geschrumpfte Rest der annektierten Gebiete, die Armenien und Bergkarabach verbinden, nicht zu schützen wäre.

Armenien inklusive Bergkarabach werden als souveräne Staaten nur schwer überleben können. Die Bevölkerungsentwicklung ist anders als in Aserbaidschan negativ und die Auswanderung erheblich, was nicht nur, aber zu einem großen Teil an der feindlichen Nachbarschaft liegt. Aserbaidschan bestreitet Bergkarabach seit 1992 den Autonomie-Status und beansprucht das Gebiet als eigenes Territorium; zugleich ist man mit dem russischen Grenzsicherungssystem nicht einverstanden, was so auch regierungsoffiziell verlautbart wird. Da Russland in der Verfolgung seiner Interessen sehr flexibel ist, ist eine wirkliche Garantie für den aktuellen Status Quo nicht gegeben.

Auch wenn die armenische Politik 1918 bis 1920 und seit 1988 teilweise verbrecherisch war, so folgte sie in beiden Perioden der Erkenntnis, dass ein erneuter Genozid aus verwandten Gründen möglich ist und dass das dazu bereite Personal Gewehr bzw. Metzgermesser bei Fuß bereitstand und -steht. Die einzige Überlebenschance für Armenier in der Region war in beiden Fällen die Etablierung eines islamfreien Staates. Zwar sind im Zuge der Vertreibungswellen sowohl Aserbaidschan als auch Armenien und Bergkarabach fast 100-prozentig ethnisch homogen, doch während aserbaidschanischer Nationalismus eben turanistisch, mithin genauso pantürkisch wie panislamisch orientiert ist und damit die Zuwanderung von Angehörigen turkstämmiger Brudervölker zulässt und auch für Gebietserweiterungen offen ist, muss Armenien ein geschlossenes Siedlungsgebiet exklusiv für Armenier in genau definierten Grenzen sicherstellen. Es gibt keine befreundeten Völker an den Landesgrenzen und der Traum eines Großarmenien ist, wie der Niedergang einer entsprechenden Partei, die nicht mehr im Parlament von Eriwan vertreten ist, belegt, längst ausgeträumt.

Die aserbaidschanischen Bestrebungen von 1988 bis heute sind der Versuch, die Armenier komplett zu vertreiben − nicht nur aus den 1994 eroberten aserbaidschanischen Gebieten zwischen Bergkarabach und der Republik Armenien, sondern auch aus Bergkarabach und der armenischen Republik überhaupt. Eine andere Interpretation lassen die feindseligen Regierungsverlautbarungen aus Baku genauso wenig zu wie der Umgang mit armenischen Kriegsgefangenen, die beginnenden Verwüstungen von Kirchen und Friedhöfen und der Einsatz internationaler Brigaden des Djihad.

Wenn die Ost-Armenier, gleich, ob sie in der armenischen Republik als Mehrheitsbevölkerung oder in Aserbaidschan als immerhin starke Minderheit lebten, ab 1988 ihre Bedränger wie schon 1918 einfach als Türken identifizierten, dann wollten sie damit keine chauvinistische Verschwörungstheorie lancieren, sondern ihrer Erfahrung und ihren Ängsten Ausdruck verleihen. Sie wussten sehr wohl, dass die Aserbaidschaner mit den Türken außer der Sprache und der Religion nichts verband. Sie wussten, dass sich Aserbaidschaner und Türken bis 1991 nie begegnet sind, von jenem grausamen Zwischenspiel im Frühjahr 1918, auf das es aber ankommt, einmal abgesehen. Aus gemachter Erfahrung und dem Wissen um den wahren Inhalt aserbaidschanischen Nationalismus’ war ihnen bewusst, was ihnen bevorstehen könnte, wenn aus dem sowjetischen Verbund entlassene Moslems ihre Sache auf sich stellen würden. Auf der aserbaidschanischen Nationalfahne drohte ihnen der todbringende Sichelmond auf blutrotem Tuch und rief ihnen der grüne Islam-Streifen zu, auf welcher die Gemeinschaft verbindenden Grundlage der nächste Genozid vorbereitet werden würde.

Was die armenische Nation angeht, so leben sie in Transkaukasien seit 1991 zweifellos unter sich, man hält zudem auch in der Diaspora enge Verbindungen. Allerdings ist die Bindung an die armenische Staatskirche im Sinne eines praktizierten Christentums schwach ausgebildet. Zwar verstehen sich über 90% als deren Mitglied, das war es dann aber auch schon. Und die gerne verbreiteten Bilder uralter Kirchen in bergiger Region sind weit mehr Nostalgie und Kitsch als irgendein nationaler oder gar völkischer Auftrag. Der nationale Zusammenhalt der Armenier liegt in dem Wissen begründet, dass Massenvertreibung und Genozid als beständige Drohung gegen sie besteht und dass ihnen anders als bei ihren Todfeinden, die sich auf islamische Brüderlichkeit verlassen können, eine internationale christliche Solidarität verweigert wird – eine Weigerung, die immer schändlichere Züge trägt.

Der Konflikt ist dennoch nicht religiös motiviert, denn das würde nahelegen, es gebe einen christlich-moslemischen Religionsstreit, was nicht der Fall ist. Es gibt allein die mörderische Verachtung des in der Region in Zahl und inzwischen auch Waffen überlegenen Islam gegen Christen, wovon auch die Georgier betroffen sind, der, wenn die Gelegenheit sich bietet, Enver Paschas islamische Armee wieder in Stellung bringen kann und sei es in Form syrischer Djihadisten im türkisch-aserbaidschanischen Staatsauftrag. Ein Land, in dessen Hauptstadt es ein Hotel namens Villa Enver Pascha gibt und in dem der 15.9.1918 zwar inoffiziell, aber breit als Tag der Befreiung gefeiert wird, hat offensichtlich noch viel vor. Um das zu verdeutlichen, lohnt es sich, noch einmal einen Blick auf den Beginn der zweiten Vertreibungswelle zu werfen, denn so lange liegen die Pogrome von Sumgait im Jahre 1988 mit über 50 Toten und Baku im Jahre 1990 mit mindestens 91 Toten noch nicht zurück.

Für Armenien!

„Die Täter [von Sumgait, J.W.] seien zum Teil sehr jung gewesen und waren ‚wie schwarze Raben gekleidet und mit Eisenstangen und Beilen bewaffnet‘, sagte eine Zeugin. ‚Armenier, wenn ihr nicht binnen drei Tagen die Stadt verlasst, werden wir euch wie Hunde abschlachten‘, stand auf Flugblättern. Sogar in eine Entbindungsstation drangen die Aserbaidschaner ein und massakrierten armenische Wöchnerinnen und die Neugeborenen. Sie hätten geschrien: ‚Tod den Armeniern! Wir werden euch ausrotten.‘ […] ‚Meine Schülerin machte ihr Kleid auf‘, berichtete die armenische Fremdsprachenlehrerin Raissa Dallakjan nach dem Pogrom von Sumgait, ‚und zeigte mir ihren Körper, auf den mit Messern Kreuzzeichen eingeschnitten waren. 17 Männer waren in ihre Wohnung eingedrungen und hatten sie vergewaltigt.‘ Auch über ihre jüngste Schwester waren ‚die Türken‘ hergefallen, und alles vor den Augen ihrer Eltern.“ (Spiegel, 23.3.1992)

Das Pogrom von Baku, zwei Jahre später, wurde in einem Bericht des UN-Ausschusses für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau am 25. Juli 1997 aufgegriffen und wie folgt beschrieben: „Fünf Tage lang wurde im Januar 1990 die armenische Bevölkerung in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, ermordet, gefoltert, ausgeraubt und erniedrigt. Schwangere Frauen und Säuglinge wurden belästigt, kleine Mädchen wurden vor den Augen ihrer Eltern vergewaltigt, christliche Kreuze wurden auf ihre Rücken gebrannt, und sie wurden aufgrund ihres christlichen Glaubens missbraucht.“ (a.a.O.)

Ein Zeuge berichtete, was sich 72 Jahre davor, am 15.9.1918, ebenfalls in Baku ereignete und viele Tausende das Leben kostete: „Raubüberfälle, Morde und Vergewaltigungen waren auf ihrem Höhepunkt [am 15. September 1918 um 16:00 Uhr]. In der ganzen Stadt fanden Massaker an der armenischen Bevölkerung statt und waren Plünderungen an den nicht-muslimischen Völkern im Gange. Sie brachen die Türen und Fenster zu den Wohnungen auf und schleppten die Männer, Frauen und Kinder auf die Straße und töteten sie. Von fast allen Häusern, die angegriffen wurden, waren die Schreie der Menschen zu hören ... An einigen Stellen gab es Berge von Leichen, und viele hatten schreckliche Verletzungen von Dum-Dum-Geschossen. Dieses erschreckende Bild war auch am Eingang des Finanzministeriums an der Surukhanskoi-Straße zu sehen. Die ganze Straße war mit Leichen übersät, bei den toten Kindern war das Alter nicht älter als neun oder zehn Jahre. An über achtzig Körpern waren Verletzungen zu sehen, die durch Schwerter oder Bajonette zugefügt worden waren, und bei vielen waren die Kehlen durchgeschnitten, als wären die Unglücklichen wie Lämmer geschlachtet worden.“ (Wikipedia, Stichwort Armenierpogrom in Baku)

Wer immer noch behauptet, im armenisch-aserbaidschanischen Konflikt gebe es keine Guten, hat, was die angewandten Mittel angeht, möglicherweise recht. Wer das jedoch vorträgt, um die beliebte Behauptung zu stützen, es habe keine der kriegführenden Seite wenigstens im moralischen Sinne recht, weil schließlich auf beiden Seiten ethnisch gesäubert worden sei, der hat sich im Gestus der Ausgewogenheit die pantürkische Weltsicht bereits zu eigen gemacht. Expansionistisch war von Anfang an Aserbaidschan. Eine von der SU zum autonomen Gebiet erklärte armenische Enklave hat man stets abgelehnt. Immer reagiert, wenn auch manchmal überreagiert, haben die Armenier und nicht die Aserbaidschaner, die sich nachsagen lassen müssen, dass sie mit dem Genozid von 1915/16 sympathisiert haben und es heute noch tun. Wer also nicht einsehen will, dass die territoriale Angliederung Bergkarabachs an Armenien überlebensnotwendig für die dortige Bevölkerung und darüber hinaus für die Republik Armenien war und ist, der ist schon im Bund mit jenen, die in armenischer Schwäche schon den Anlass für erneute und dann finale Aggression sehen − in Transkaukasien und anderswo.

Denn die Wölfe heulen längst schon in Europa, am lautesten in Frankreich, wo Pantürken Mitglieder der mit 600.000 Angehörigen zweitgrößten armenischen Diasporagemeinde bereits terrorisieren: „Türkische Dschihadisten zogen am Donnerstagabend 29.10. durch die französische Stadt Dijon und riefen islamistische und armenierfeindliche Parolen. Der rassistische Mob ging auf Protestierende los und konnte nur durch den Einsatz von Tränengas von der Polizei gestoppt werden. Dass Anhänger des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan unter ‚Allahu Akbar‘ (Gott ist groß)-Rufen direkt nach dem islamistischen Dreifachmord in einer Kirche in Nizza eine solche Aktion durchführen, gebe zu denken, schreiben Kommentatoren. Eine ähnliche Aktion fand bereits am Mittwoch 28.10. in Lyon statt. Die türkischen Faschisten marschierten in das als ‚Kleinarmenien‘ bekannte Banlieue Decines und versuchten, Jagd auf Armenier zu machen. Die etwa 250 Faschisten trugen türkische Fahnen und riefen zur Gewalt gegen Armenier auf. Sie riefen ‚Wo seid ihr Armenier?‘ und ‚Wir werden die Armenier umbringen‘. (ANFNEWS, 30.10.2020) In Berlin gehen inzwischen Drohbriefe bei hier lebenden Armeniern ein, die offensichtlich aus dem Milieu der Grauen Wölfe stammen.“ (Welt, 3.12.2020) Das sind die gleichen Leute, die auf dem Berliner moslemischen Friedhof auf dem Areal der Neuköllner Şehitlik Cami (Märtyrer-Moschee) seit 1922 ein Ehrengrab für die jungtürkische Völkermörder Bahattin Şakir und Cemal Azmi liebevoll pflegen, die von, „armenischen Terroristen“ − mithin Mitgliedern der armenischen Organisation Nemesis − ermordet worden seien, wie es auf den Grabsteinen in deutscher Sprache heißt.

Während in Frankreich immerhin angekündigt wurde, die den Grauen Wölfen nahestehenden Vereine zu verbieten, tut sich in Deutschland nichts.

Justus Wertmüller (Bahamas 86 / 2021)