Über die Freiheit der Kunst, Israel abschaffen zu wollen

Am 23.2.2019 vermeldete die Kasseler Lokalzeitung Hessische/Niedersächsische Allgemeine (1), dass die Mitglieder der Findungskommission anlässlich der Entscheidung, das Künstlerkollektiv ruangrupa aus Jakarta damit zu beauftragten, die kommende documenta zu leiten, „getanzt“ hätten. Wohl aus Freude, denn das Künstlerkollektiv verspricht nicht nur erbaulichen Aktivismus im Namen von Diversität und Vielfalt, sondern bekundet auch den Willen, die Stadt Kassel nicht zu kurz kommen zu lassen.

Während der vorherige Leiter Teile der documenta nach Athen ausgelagert und dafür heftig kritisiert worden war, beteuerten die beiden führenden Figuren der ruangrupa Ade Damawan und Farid Rakun zur Freude der lokalen Zivilgesellschaft, dass in diesem Jahr wieder Kassel „gefeiert“ werde. Man werde lange hier arbeiten, lokale Partner suchen, Räume öffnen und auf die Kunstszene, die Schulen, die Universitäten und sogar die Krankenhäuser, zu welchem Zweck auch immer, zugehen. Auch die documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann fieberte alsbald auf Sternstunden der interkulturellen Verständigung hin: „Wir suchen schon eine große Wohnung, wo man ordentlich kochen kann, mit einem großen Tisch.“ Grund für die ausgelassene Stimmung war aber nicht nur das kulinarische Begleitprogramm, vielmehr verspricht man sich vom neuen documenta-Führungsteam ein als Kunst deklariertes politisches Mitmachspektakel, das so richtig unter die Haut gehen soll: „Wenn die documenta 1955 antrat, um Wunden des Krieges zu heilen, warum sollten wir nicht versuchen, mit der documenta 15 das Augenmerk auf heutige Verletzungen zu richten.“

Aktivismus statt Kunst

Der Öffentlichkeit erklärte die ruangrupa, dass der sogenannte lumbung im Mittelpunkt ihres kuratorischen Schaffens stehe, der die Grundsätze von „Kollektivität, Ressourcenaufbau und gerechter Verteilung“ in den Fokus stellt. Was für den kunstbeflissenen Kasseler zunächst wie ein exotischer Volkstanz für wagemutige Büromenschen geklungen haben mag, meint einen politischen Ansatz, der im progressiven Lager kaum Wünsche offenlässt: „Die Grundlage des Konzepts mit einem internationalen Netzwerk aus lokalen, gemeinschaftsorientierten Organisationen aus der Kunst und anderen kulturellen Kontexten lässt sich mit dem indonesischen Begriff lumbung umschreiben. […] lumbung (ist) als eine Art kollektiver Ressourcenfundus zu verstehen, der auf dem Prinzip von Gemeinschaftlichkeit beruht. Er versammelt Ideen, Geschichten, menschliches Arbeitspotenzial, Zeit und andere gemeinsam nutzbare Ressourcen. Im Mittelpunkt von lumbung stehen die Vorstellung und der Aufbau dieser kollektiven, geteilten Ressourcen für neue Nachhaltigkeitsmodelle und kulturelle Praktiken. Diese werden durch Residency-Programme, Zusammenkünfte, öffentliche Aktivitäten und die Entwicklung von entsprechenden Instrumenten unterstützt“. Nicht nur „das allgemeine Kunstpublikum“ komme als Zielgruppe der kommenden Ausstellung in Betracht, vielmehr soll eine „Vielzahl von Communities angesprochen sowie lokales Engagement und Partizipation gefördert werden.“ Kurzum: „Kunst trifft auf Aktivismus, Management und Vernetzung“. (2)

Mit diesem Programm, das nachhaltigkeitsorientierte Erbauungsprosa für Gemeinschaftsschwärmer mit postmoderner Wettbewerbsideologie verbindet und Kunst auf das Identitätsgetue von penetrant um sich selbst kreisenden Projektkünstlern reduziert, erfüllt man die Erfordernisse in der auf Diversität gepolten Gesellschaft in nahezu perfekter Weise. Dabei kommt in jedem Satz das Bemühen zum Ausdruck, die Nützlichkeit des eigenen Unterfangens für nachhaltiges Unternehmertum ranschmeißerisch auszuweisen. Eine spezifische, wenn auch längst nicht mehr originelle Note bekommt der kollektive Ressourcenschutz indonesischer Provenienz durch die stets betonte, ja geradezu zelebrierte harmonistische Interpretation von Mensch und Natur, die sich bestens als Projektionsfläche für einen exotisierenden, mithin rassifizierenden Blick auf „den Süden“ eignet, weswegen die begeisterte Zustimmung sowohl in Kassels Laboratorien der Generation Woke als auch der Diversity- und Ökobourgeoisie wenig überraschend ist. Das Herausstellen der eigenen Identitäten, der umstandslos nebeneinander gestellten tatsächlichen und eingebildeten Diskriminierungserfahrungen und die Unterwerfung unter den − wahlweise als Virus, als Klima oder als Natur angepriesenen − Weltgeist ist ebenso wie das komplementäre Anprangern abstrakter rassistischer Strukturen konstitutiver Bestandteil eines postmodernen Gemeinschaftsparadigmas, das nicht nur die vom Staat alimentierte Kulturverwaltung, sondern auch zunehmend die gesamte Gesellschaft dominiert. Und wenn alle das gleiche wollen, Stadtverordnete, antirassistische Aktivisten und Studenten mit oder ohne Migrationshintergrund, Marketingabteilungen und internationale Kollektive mit Kunsthintergrund, dann zwingt das „Werk“ den Betrachter auch nicht mehr zur Reflexion gesellschaftlicher Verhältnisse, die lediglich noch ein bisschen kitschiger verdoppelt werden. Der engagierte Besucher der Ausstellung darf sich stattdessen beim als „Nongkrong“ bezeichneten kollektiven Herumfläzen und Nachsinnen über Nachhaltigkeit und Residency-Programme mit den Aktivisten der „Communities“ und „Ekosisteme“ stets auf der richtigen Seite wähnen. (3) Dieser Verkehrung der Kunst zum Aktivismus korrespondiert die Abschaffung des Individuums, die freilich der Kunst vorgelagerte Gründe hat. Ein untrügliches Zeichen hierfür ist der tendenziell größenwahnsinnige Jargon mit dem noch dem stumpfsinnigsten Gerödel eine unzweifelhafte Relevanz für die stets im hektischen Umbruch befindliche Menschheit aufgestempelt werden soll: Lauter umtriebige „Akademiker*innen, Aktivist*innen, unabhängige Forscher*innen, Biobäuer*innen, Fischer*innen sowie Organisator*innen und Akteur*innen“, die sich „großen Herausforderungen stellen und durch ihr Handeln bedeutsame Veränderungen anstießen.“ (4)

Die Absicht, mittels künstlerischen Spektakels scheinbare Kritik und große Veränderungen zu initiieren, hat auf der documenta indes eine lange Tradition. Schon mit Joseph-Beuys-Projekt „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ wurde in Kassel dafür geworben, den Abgesang auf die Zivilisation anzustimmen und in der künstlerisch projektierten Gegenaufklärung so etwas wie kommensurable Kunst für jedermann zu sehen. In seinen anfangs nicht selten skeptisch beäugten Kunstinstallationen mit Filz, Fett und Honig, vor allem aber auch in seinem Projekt „7000 Eichen“ wurde, zur großen Begeisterung der damals noch aufstrebenden Generation, die sich dann 40 Jahre später als Ökobourgeoisie etabliert hat, die „warme Gemeinschaft“ als Kontrastprogramm zur kalten städtischen Gesellschaft präsentiert. (5) In der Begeisterung für Beuys, die sich heute in der für den lumbung fortsetzt, lässt sich die, von Jan von Brevern in einer Kritik am Konzept des lumbung treffend beschriebene Sehnsucht nach einer imaginierten natürlichen Gemeinschaft aus immer freundlichen und wohlwollenden Menschen herauslesen, die „nur zum Preis der Freiheits- und Individualtitätsverluste“ zu haben ist und den Raum für eine „antimoderne, durch rousseauistische und romantische Sehnsüchte gespeiste Utopie“ (6) schafft. Im Unterschied zu damals ist man heute jedoch bemüht, den Umbau der Gesellschaft zu einem Stammesverband als fortschrittlich und nachgerade urban auszuweisen, mitunter ist man dabei sogar bereit, der alles beherrschenden Klimaschutzpolitik zuliebe auch jene Natur zu verwerfen, zu deren Schutz die Generation Beuys sich theatralisch bekannte. Was die einen mit den anderen allerdings verbindet, ist der unbedingte Wille zur moralischen Reinigung der Welt von den Brutstätten der verderbten Zivilisation.

Den oben zitierten Jan von Brevern, der sich als einer der wenigen anschickte, die aktuellen documenta-Leiter für ihren Ursprünglichkeitskult zu kritisieren, verließ dann aber doch der Mut, seine Thesen zur Kritik der zeitgenössischen Gesellschaft zu verfeinern. Im Gegenteil: Anstatt den lumbung-Unfug in den allgemeinen Zusammenhang mit dem postmodernen Feldzug gegen die Aufklärung und die minimalen Freiheiten westlicher Gesellschaften zu bringen, reproduziert er die Elemente des regressiven Gemeinschaftskitsches, indem er schwer optimistisch auf die Schaffenskraft Verantwortung übernehmender, kosmopolitischer Kommunitaristen setzt, die er ausgerechnet in einer Berliner Coffee-Shop-Kette ausmacht, die ihn wiederum an eine Scheune erinnert. So entdeckt von Brevern in der zeitgenössischen Espresso-Schickeria eine Scheinalternative zur naturnahen Muffigkeit und weist die lumbung-Werte „Großzügigkeit, Humor, lokale Verankerung, Unabhängigkeit, Regeneration, Transparenz und Genügsamkeit“ (7) nicht als adäquate Standardvokabeln aus, die dem schäbigen Inhalt die passende Form geben, sondern er möchte das als grundsätzlich sympathisch rubrizierte Projekt letztlich dadurch retten, dass man es lediglich vom ohnehin überholten Naturfetisch befreit.

Am deutschen Wesen soll der Palästinenser genesen

Am 18. Juni 2020 stellte die ruangrupa die ersten „lumbung member“ vor. (8) Genannt wurden Inland (Spanien), Off-Biennale Budapest, Trampolin House in Kopenhagen, die Jatiwangi Art Factory und Gudskul aus Indonesien sowie als Institutionen die Fondation Festival sur le Niger, das Más Arte Más Acción aus Kolumbien und ein Khalil Sakakini Cultural Center (im Folgenden KSCC). In der Presse zeigte man sich durchaus überrascht, dass bei der Vorstellung der Kunstkollektive einzelne Künstler gar nicht erst benannt wurden. So genau wollte man es jedoch nicht wissen, wer sich hinter den Künstlerkollektiven konkret verbirgt. In der Süddeutschen Zeitung hieß es entsprechend lapidar, die Gruppe „Inland“ aus Spanien sei eine Organisation, die sich mit „agrikulturellen Aktivitäten“ vorgestellt habe, das dänische Trampolin-Haus kümmere sich derweil „um die Belange von Asylsuchenden“ und das KSCC käme aus Ramallah. (9) Aus Ramallah zu kommen ist für das deutsche Publikum − und für eine Kulturredaktion zumal − ein untrügliches Qualitätsmerkmal, mindestens so sehr wie Agrikultur, Flüchtlingshilfe, Diversität und Nachhaltigkeit. Auf die Idee, nachzufragen, was das Team Ramallah in Sachen Kunst vorhat, welche „großen Herausforderungen“ angestrebt werden und was das alles mit dem Konzept des lumbung zu tun hat, kam bei so viel versammelter politischer Korrektheit natürlich keiner. In der Pressemitteilung vom 18. Juni 2020 heißt es zum KSCC: „In this collective, we begin from the question of funding [Hervorhebung J. D.] as a way to engage culturally with politics and economy, rethinking funding and re-proposing it as a value that grows through community engagement and collective movement.“ Im März 2021 tauchte plötzlich der Name „The Question of Funding“ (im Folgenden QoF) auf, vom KSCC war fortan nichts mehr zu hören. (10) Viel mehr als die Information auf der Homepage der documenta fifteen war über die Gruppe lange nicht zu finden. Dort steht: „The Question of Funding ist ein stetig wachsendes Kollektiv Kulturschaffender und Community Organizer aus Palästina.“ Ein halbes Jahr später, am 8. Dezember 2021 berichtete die HNA über den Auftakt der Reihe „Lumbung Konteks“, in der künftig einmal im Monat die geladenen Kollektive von den Leitern der ruangrupa vorgestellt werden sollen. Zum Auftakt des Gesprächsformats ging es, so dem Bericht in der Lokalzeitung zu entnehmen, um „Musik als weltumspannendes Bindeglied, um die ‚Musikalität des Bodens‘, um Tänze und Klänge, deren Bezug zum Land – und wie sich daraus gemeinschaftliches, widerständiges Handeln bildet.“ (11) In dem in der Zeitung besprochenen Video kamen Fayrouz Sharqawi und Yazan Khalili als Sprecher der Gruppe QoF zu Wort. Man erfährt vom Hauptanliegen der Gruppe: Ihnen gehe es um „soziale, wirtschaftliche Umwälzung“ und die „Autonomie als Voraussetzung der Befreiung“. Und zwar eine Befreiung vom leidvollen Zwang, „auf den Märkten Obst und Gemüse aus Israel“ einkaufen zu müssen. Solchem Ungemach wird nun mittels eines Volkstanzes der Kampf angesagt, der sich deshalb anbiete, weil er „soziale und kulturelle Gewebe kitten“ helfe. Und so vereint eben das lumbung-member QoF kongenial Kunst und politischen Aktivismus der niederträchtigsten Sorte, dessen einschlägige Zielrichtung das erste Mal der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Der Künstler Khalili, der als einer der beiden Vertreter der Gruppe QoF im oben angeführten Video genannt wird, war von 2015–2019 Direktor des KSCC. Das KSCC ist eine aus der palästinensischen Autonomiebehörde hervorgegangene NGO. Es gehört also nicht viel zur Erkenntnis, dass man es mit der Gruppe des QoF mit Personen zu tun hat, die aus dem direkten Umfeld offizieller und halboffizieller palästinensischer Kulturpolitik kommen. Das KSCC ist nach dem arabischen Nationalisten Khalil al Sakakini benannt, der den Zionismus verabscheute, der im Heroismus des Terrors den Geist einer Nation sah und der sich in den dreißiger Jahren als Hitleranhänger beschrieb. (12) Dass die documenta, trotz der Absicht, sich mit dem Thema „nationalsozialistische Vergangenheit der Kuratoren der ersten documenta“ auseinanderzusetzen (13), eine Gruppe aus einem Kulturzentrum eingeladen hat, das für die Vorliebe palästinensischer Volkstumskämpfer für die deutsche Tradition, „den Juden die Stirn“ (Sakakini) zu bieten, steht, wurde allerdings erst durch die Recherche des Bündnis gegen Antisemitismus Kassel öffentlich.

Hitler-Anhänger ist der ehemalige Direktor des KSCC und Vertreter des QuF Khalili nicht. In einer Fantasie über eine Schlägerei mit einem Kellner erklärte Khalili jedoch, dass die Juden im Nahen Osten keine Heimat hätten, sie kämen von überall her. (14) Dann führte er eine Variation der zentralen Thesen des Postkolonialismus aus: Nicht vom Antisemitismus besessene Deutsche unter der Führung der Nationalsozialisten hätten die Vernichtung der Juden organisiert, sondern weiße Christen. Anstatt sich dafür bei den ermordeten Juden zu entschuldigen, hätten sie mit den Zionisten zusammengearbeitet, um die Überlebenden in den Nahen Osten zum Zweck eines europäischen Kolonialprojekts zu exportieren. Dadurch, dass er zum einen den Holocaust als Tat des weißen Mannes interpretiert, und darüber hinaus im Holocaust ein Instrument des als Kolonialpolitik denunzierten Zionismus sieht, reproduziert Khalili ein zentrales Element der postkolonialen Ideologie: Indem er die von Al-Husseini angeführten Palästinenser zu Opfern des Zionismus und indirekt zu Opfern des Holocaust stilisiert, betreibt er eine klassische Täter-Opfer-Umkehr.

Auch in einigen Kunstwerken wird die ganz und gar verrückte Weltanschauung Khalilis deutlich. Eine Anordnung farbiger Tafeln nennt er „Apartheid Monochromes“. Die Tafeln sollen die Rolle der ehemaligen Identity-Karten Israels thematisieren. Gemäß Khalilis Ausführungen determinierten diese die politische, die ökonomische und soziale Existenz der Palästinenser, die er im Einklang mit der antisemitischen Internationale einer Apartheid unterworfen sieht. „The Day We Saw Nothing in Front of Us“ nennt Khalili eine Bilderserie verschiedener Landschaften, auf denen israelische Siedlungen weggekratzt wurden. Die symbolische Gewalt des Künstlers im Werk richte sich gegen die tatsächliche Gewalt, die er in einer anderen Bilderinstallation „No One Saw The Colors“ mit der der Atombombe in eine Reihe stellt. (15) Joseph Croitoru, der Khalili vom Vorwurf Antizionist und Antisemit zu sein, freisprechen möchte, attestiert Khalilis Schaffen eine Vielschichtigkeit, die nicht nur die „Spezifik der palästinensischen Lebenswelt visualisiere und verbalisiere, sondern auch deren Stereotypisierung“. (16)

Die Anfänge des QoF reichten zurück in Khalilis Zeit als Direktor des KSCC. Von diesem habe er sich gelöst, als er 2019 für ein Promotionsstudium nach Amsterdam ging, so der plumpe Versuch Croitorus, die braune Spur von Sakakini über die QoF bis zum lumbung zu verwischen. Sein soziologistisches Gefasel erfüllt schließlich den entscheidenden Zweck, über das Entscheidende hinwegzugehen, darüber nämlich, dass es Khalili vor allem darum geht, den israelischen Staat als jüdischen Staat und als Staat überhaupt abzuschaffen. Croitoru verweist in rechtfertigender Absicht auf Khalilis Aufsatz „The Utopian Project“, in dem dieser sich freundlicherweise dafür ausspreche, dass „jüdische Israelis und Palästinenser in einem nichtstaatlichen Raum koexistierten: ‚Die moralische Emanzipation des Palästinensers und des Juden‘ heißt es darin zum Schluss‚ ist erst einmal die Emanzipation des Staates vom Zionismus, später ihre Emanzipation vom Staat als solchem.“ (17) Es reicht offenkundig das Wort Koexistenz, um übersehen zu dürfen, dass sich der theoretisch versiert gebende Khalili als Wiedergänger Fichtes zu erkennen ist. Die „Befreiung“ des Juden vom Judentum, sprich: von dem, was die Juden zur Nation werden lässt und somit Grundlage der tatsächlichen jüdischen Emanzipation in einer Welt der Nationen ist, ist genau das, was Fichte formulierte, als er den Juden danach trachtete, die Idee des Judentum auszutreiben: „[…] ihnen Bürgerrechte zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel, als das, in einer Nacht ihnen allen die Köpfe abzuschneiden, und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine jüdische Idee sei.“ (18) Das ist bekanntlich eines der zentralen Motive des modernen Antisemitismus, die diesen vom Rassismus und von einer Religionsfeindschaft grundlegend unterscheidet.

Das Konzept der documenta fifteen, das sich wie eine Mischung aus dem „Tag der Erde“ und einem Tag der Offenen Tür eines Eine-Welt-Ladens oder als ein Potpourri des Veranstaltungskalenders des Palästina-Fan-Clubs Café Buch-Oase (19) liest, stellt den idealen Resonanzraum für den modernen Aktivisten der Sache des des Deutschen liebsten Heldenvolkes dar, der nun nicht mehr mit Kufiya um den Hals und Kalaschnikow und Steinschleuder unterm Arm, sondern selbstkritisch, antinational und bescheiden einer Gruppe aus Gaza mit dem Namen Eltiqa den Vortritt lässt. Und wie gehabt, kam auch weiterhin niemand auf die Idee, nachzuforschen, mit wem man es denn nun mit dieser Gruppe zu tun hat, die einen Facebook-Account führt und über die man spärliche Informationen in zwei älteren Artikeln in der einschlägigen „electronic-intifada“ findet. (20) Es reicht, wenn Khalili verkündet, es ginge ihm darum, „die Art zu hinterfragen, wie wir als Palästinenser Palästina sehen und wie die Welt uns als Palästinenser sieht“ (21), um als Vermarkter „von Kunst aus Kriegs- und Krisengebieten“ zu gelten, und flugs gelten die Vorwürfe, Antisemitismus, Antizionismus und Israelhass würden Platz in der documenta fifteen finden, der erleichterten Öffentlichkeit nur noch als eine Falschinformation und, so Croitoru, als „Peinlichkeit“.

Dass es weder in der ruangrupa noch im „Artistic Team“ irgendjemanden gestört hat, wen man sich mit der Einladung dieses Centers ins Haus geholt hat, ist nicht allzu überraschend. Ade Darmawan, der als einer der Sprecher der ruangrupa agiert, ist Unterstützer des „A Letter against Apartheid“, während der ebenfalls als Sprecher fungierende Farid Rakun eine Resolution unterzeichnete, die sich gegen die finanzielle Unterstützung der Bienal de São Paulo durch Israel wandte. Dem aus fünf Personen bestehenden künstlerischen Team, das die eigentliche kuratorische Arbeit in der documenta fifteen übernehmen soll, gehören vier Personen aus dem BDS-unterstützenden Umfeld bzw. der Israel-Boykottszene direkt an. Und auch in der Findungskommission, die später als Beirat die documenta begleiten soll, sitzen mit Amar Kanwar und Charles Esche Vertreter der in der Kulturszene besonders umtriebigen Israelkritiker. (22)

Der Bürgermeister gibt den postmoderne Ungeist wieder

Nach der Veröffentlichung des Beitrags des Bündnis gegen Antisemitismus Kassel und dem darauffolgenden Medienecho zeigte sich die documenta zunächst wortkarg. Doch die documenta ist ein kulturelles und öffentlich finanziertes Großereignis, im Aufsichtsrat sitzen politische Vertreter, denen es im Zweifelsfall um den Glanz geht, den das Großevent auf Kassel wirft. Und den gilt es mit aller Verve zu verteidigen. So meldete sich der Oberbürgermeister Kassels und Aufsichtsratsvorsitzende der documenta und der Museum Fridericianum gGmbH Christian Geselle doch noch zu Wort: „Die Freiheit der Kunst ist die wichtigste Voraussetzung für die Existenz und weltweite Bedeutung der documenta“, ließ er in einer am 16.1.2022 veröffentlichen Presseerklärung verlauten (23), als es darum ging, Stellung angesichts der Tatsache zu beziehen, dass in wichtigen Gremien der Kunstausstellung Israelhasser und Leute sitzen, denen die Verurteilung von BDS als antisemitische Bewegung als Gefahr für die Meinungsfreiheit gilt. Mit einem „Eine Überprüfung findet nicht statt!“ hoffte der Oberbürgermeister die Diskussion zu beenden. Mit diesem autoritären Gehabe präsentierte sich Geselle auch gestenreich in der Hessenschau (24), in der er sich dumm stellend folgenden Satz in das Mikrofon sprach: „Die Palästinenser beschäftigen sich mit ökonomischen und sozialen Fragen, insbesondere mit der Frage der eigenen Landwirtschaft und der eigenen Absatzmärkte in den palästinensischen Gebieten.“ Dass das „eigene“ hier „Kauft nicht beim Israeli“ bedeutet, hätte der Oberbürgermeister der lokalen Presse entnehmen können. Einen antisemitischen Bezug könne er nicht erkennen. Zu recht sah Alex Feuerherdt in ihm einen überforderten Provinzbürgermeister. (25) Unschwer ist aber auch zu erkennen, dass der Oberbürgermeister als für weite Kreise politisch repräsentative Sprechpuppe parlierte, der die von seinen Referenten notierten Phrasen ablieferte, mit denen es im postmodernen Diskurs zu reüssieren gilt. So ging es tatsächlich weniger um das Ansehen und den Ruf der Stadt und der Kunstausstellung, sondern um „die Perspektive des globalen Südens“ und um die Staatsräson, die zugleich auch als Stadträson erklärt wurde. Und die sieht folgendermaßen aus: Die „Stadträson“ bestünde darin, sich in „herausragender Verantwortung für Menschen jüdischen Glaubens und den Staat Israel“ zu sehen. (26) In diesem wenig beachteten Satz, der nur auf dem ersten Blick wie eine hilflose Rechtfertigung aussieht, definiert der wieder gut gewordene Deutsche Juden als Menschen jüdischen Glaubens. Im Begriff „Menschen jüdischen Glaubens“ ist unschwer die im Fichteschen Sinne zu verstehende „Emanzipation“ des Juden vom Zionismus zu erkennen. Praktischerweise kann so der Antisemitismus gleichsam zur Religionsfeindschaft umdefiniert werden, von der bekanntlich insbesondere Moslems betroffen sind, und die Perspektive des Südens – in der es nur Muslime zu geben hat – ist hergestellt. Der Oberbürgermeister wird, ob er es intendiert hat oder nicht, zum Geistesbruder Khalilis.

So schließt sich der Kreis zu den Vertretern der postmodernen Ideologie im lumbung und ihren in diversen Bewegungen, in Medien und Politik vertretenen Glaubensbrüdern und -schwestern, die den Citoyen und dessen Bezugsrahmen, den bürgerlichen Staat, ohnehin als Übel betrachten, weshalb auch der israelische Staat nicht auf seine Fortexistenz zu pochen habe. Es sind die, die den Citoyen als Subjekt eines politischen Gemeinwesens wahlweise von einem Virus, von der UNO, vom Klima oder dem Planeten als Verkörperung eines halluzinierten Weltgeists abgesetzt sehen wollen und das politische Gemeinwesen zusehends in einen Unstaat miteinander konkurrierender Rackets, hier BLM, FfF oder Greenpeace und dort Fatah, PFLP oder Hamas, verwandeln. Khalili präsentiert sich somit mehr als der ideelle Gesamtpalästinenser, als es der anachronistische, nach einem eigenen Staat strebende Autokrat Mahmoud Abbas sich jemals hätte erträumen können. Im Gleichklang mit seinen Fürsprechern gibt Khalili die ideologische Marschrichtung vor, wenn er nicht nur von der Emanzipation der Palästinenser träumt, sondern davon, den Juden vom Judentum und vom Zionismus zu befreien.

Israelkritik und die Freiheit der Kunst

Die Recherchen des Bündnis gegen Antisemitismus Kassel stießen neben weitgehend argumentfreien Wutanfällen verschiedener Journalisten auch auf Zuspruch in der überregionalen Presse. Somit zeigte sich: In Deutschland ist das Wohl und Wehe der Juden Gegenstand der gesellschaftlichen Debatte, kurz, es gibt im Namen der Meinungsfreiheit ein Für und Wider. Zum Teil spielte sich dieses Hin und Her in ein und derselben Zeitung oder gar in den Artikeln selbst ab. Das überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass die sich kritisch dünkende Szene staatlich alimentierter Künstler und die Journalistenzunft permanent zwischen einer Zurückweisung eines relativierenden Pluralismus und einer Verteidigung der Diversität laviert, zu der Israelkritik und Antizionismus konstitutiv dazugehören. (27)

Nachdem Thomas E. Schmidt in der Zeit die Argumentation aufgegriffen hatte, dass Aktivisten auf der documenta offen für die palästinensische Sache streiten, viele das Existenzrecht des Judenstaates abstreiten und in die Sprache des Antisemitismus verfielen (28), befand die Chefredakteurin von Monopol Elke Buhr, es ginge Schmidt darum, „den penetrant freundlichen ruangrupa-Mitgliedern eins auszuwischen.“ (29) Dann griff sie einige Punkte des Blogbeitrags des Bündnis gegen Antisemitismus Kassel auf. Der Namensgeber des KSCC Sakakini sei tot und er werde im Namen des geladenen Kollektivs noch nicht einmal erwähnt. Dass sich die Kunstaktivisten in diesem Zentrum treffen würden, sei damit zu vergleichen, dass auch in Kassel Menschen in Straßen wohnten, die nach Antisemiten und Kolonialverbrechern benannt seien und Yazan Khalilis Schlägereigeschichte sei nur ein Fantasieprodukt. Dieses lässig daherkommende Desinteresse verwundert gerade bei jenen, für die Gewaltfantasien als wichtiges Moment rechtsextremistischer Gewaltbereitschaft gilt und für die eine Hindenburgpromenade, ein Lutherplatz, ein Kolumbusdenkmal, ja schon ein Afrikakeks, die Zigeunersauce und Worte wie Mohr und Negerkönig zum Skandal taugen. Nur: Bewohner von Mietshäusern in etwa einer Kasseler Jahnstraße oder Ernst-Moritz-Arndt-Straße suchen sich ihre Wohnungen nicht danach aus, wie die Straßen heißen, sondern danach, ob Wohnungen dem Budget, den Platzbedürfnissen, den Ansprüchen an Lärmschutz entsprechen und vielleicht auch noch nach der Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr sowie leicht zu erreichenden Einkaufsmöglichkeiten und Kulturangeboten. Auf jeden Fall benennen Bewohner die Straßen nicht, in denen sie wohnen. Das ist bei Kulturzentren nicht der Fall, ob deren Namensgeber tot oder lebendig sind, es sind die Betreiber derselben, die i.d.R. den Namen aussuchen. Und weil die Buhr tatsächlich nichts zu sagen hatte und bis dahin nur heiße Luft produzierte, mussten „rassistische Untertöne“ her, die sie dem Bündnis gegen Antisemitismus Kassel meinte unterjubeln zu müssen. Mit dieser frei floatenden Demagogie diente Buhr dann der denkfaulen Öffentlichkeit als Stichwortgeberin: Die Vorwürfe des Bündnis gegen Antisemitismus Kassel seien widerlegt und überdies rassistisch.

Nachdem also die rassistischen Untertöne von einer Expertin als gesetzt galten, ließ die Berliner Zeitung den Schaumschläger Hanno Hauenstein von der Leine und in der Zeit durfte Eva Menasse vom Leder ziehen. Hauenstein und Menasse stehen für die, die die Pappkameraden Hans-Georg Maaßen, „Querdenker“ oder „die Rechten“ allgemein benötigen, um Antisemitismus einen genehmen Platz zuweisen zu können. Die „hiesigen Priester gegen Antisemitismus“, von denen sich, so die Zeit, „eine der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen“ Menasse – aus der es jedenfalls sehr deutsch spricht – wie von „Chanukkaleuchtern im öffentlichen Raum“ umstellt sieht, gilt es abzuräumen. (30) Sind diese „Priester“ wortreich zur Strecke gebracht, wird Israel wieder zum Gegenstand derjenigen Debatte, die es in Deutschland mit großem Pathos als Grundlage der Meinungs- und Kunstfreiheit zu verteidigen gilt. Wohin die Reise geht, machte Hauenstein deutlich, indem er meinte, den von Schmidt verwendeten Begriff „Judenstaat“ skandalisieren zu müssen. Ein „Judenstaat“ verleugne die „Diversität eines Landes [...], das weder alle Jüdinnen dieser Welt repräsentiert, noch von einer Mehrheit der dort lebenden Juden als Ethnokratie verstanden wird.“ (31) Hauenstein spricht damit aus, was Linke umtreibt, die zwar von Tel Aviv ob der dort neben reichlich israelischen Fahnen ebenso häufig anzutreffenden LGBTQs, der dort herrschenden Partystimmung, multikulturellen Vielfalt und liberalen Atmosphäre begeistert sind, aber davon abstrahieren wollen, dass nur Israel als „Judenstaat“ der „Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage“ (32) ist.

Schließlich konnte dann Claudia Roth ihres Amtes walten. Zwar hatte es den Anschein, als konterkarierte die Kulturstaatsministerin die Kraftmeierei des Oberbürgermeisters, als sie mit den Trägern der Kunstschau über eine Überprüfung der als Vorwürfe bezeichneten Tatsachen beriet. Sie teilte mit, dass den „Vorwürfen“ gegen die documenta nachzugehen sei. Die Stellungnahme nach dem Treffen der Politikerin mit politischen Vertretern des Landes Hessen, der Stadt Kassel und der documenta gGmbH wies dann folgenden zu beschreitenden Weg: Es gehe darum, „den aus historischer Verantwortung geschärften deutschen Blick in einen konstruktiven Dialog mit den Perspektiven internationaler Künstlerinnen und Künstler mit deren jeweiligem Erfahrungshorizont zu bringen.“ (33) In den Medien gab man sich erleichtert, die Vertreterin der Regierung habe der im lumbung agierenden ruangrupa den Rücken gestärkt, an den Vorwürfen sei nichts dran und die Macher der documenta seien über jeden Verdacht erhaben, erklärten diese doch schon am 12.1.2021: „Die documenta fifteen unterstützt in keiner Weise Antisemitismus. Sie vertritt die Forderung der Freiheit von Kunst und Wissenschaft und unterstützt das Anliegen, Antisemitismus, Rassismus, Rechtsextremismus, gewaltbereitem religiösem Fundamentalismus sowie jeder Art von Diskriminierung entschieden entgegenzutreten.“ (34)

Eine Woche später wagten sich die Macher der documenta fifteen mit einer Presseerklärung ganz aus der Deckung und formulierten: „Verfälschende Berichte oder rassistische Diffamierungen, wie sie aktuell gegen Beteiligte der documenta fifteen vorgebracht werden“, verhinderten einen kritischen Dialog und eine produktive Debatte. Und dann verkündeten sie ein unschwer als Manifest des postmodernen Diskurses zu verstehende Ankündigung: „Im Sinne einer offenen und vielstimmigen Debatte plant die documenta fifteen, zeitnah zu einem internationalen Expert*innenforum We need to talk! Art – Freedom – Limits (Arbeitstitel) einzuladen. Stimmen aus verschiedenen Bereichen, darunter Kolonialismus- und Rassismusforschung, Land Right Studies, Indigenous Studies, Holocaust- und Antisemitismusforschung, Recht, Medien sowie Kunst und Kultur, werden in eine Debatte eintreten, um das Grundrecht der Kunstfreiheit angesichts von steigendem Rassismus und Antisemitismus und zunehmender Islamophobie zu diskutieren.“ (35)

Ob sich die Mitglieder der „jüdischen Community“, wie Claudia Roth im Jargon der Postmoderne die Jüdische Gemeinde benannte (36), beim nonkrong im lumbung von Khalili und seinen deutschen Mitstreitern vom Zionismus emanzipieren lassen, um dafür mit Kolonialismus- und Rassismusforschern über Islamophobie zu diskutieren, oder sich auf das Diktum der Kulturstaatsministerin berufen können, sie „werde alles dafür tun“, dass sie sich nicht gefährdet oder bedroht fühlen, oder sich vielleicht doch besser auf die Staatsräson des jüdischen Staates Israels verlassen? Es bleibt spannend.

Jonas Dörge (Bahamas 89/2022)