Gehorsam ohne Befehl – Bomben legen aus Erfahrung

Das Mitmacherkollektiv und die besseren Deutschen

Im gewöhnlichen Leben handeln wir nicht nach Motivation, sondern nach Notwendigkeit, in einer Verkettung von Ursache und Wirkung; allerdings kommt immer in dieser Verkettung auch etwas von uns selbst vor, weshalb wir uns dabei für frei halten. Diese Willensfreiheit ist die Fähigkeit des Menschen, freiwillig zu tun, was er unfreiwillig will. (R. Musil, Der Mann ohne Eigenschaften)

...der hiesige Autoritarismus (ist) einer ohne Autorität und der hiesige Konventionalismus einer ohne Konventionen. Schon bei den Nazis war nicht das Wort des Führers Befehl, sondern sein Wille, den der kongeniale Volksgenosse erahnte. Nie hätte der Nationalsozialismus funktioniert, hätte den Deutschen jede ihrer Missetaten bei Strafandrohung befohlen werden müssen. Anders, als es das Wort vom "Befehlsnotstand", von der "Gleichschaltung" oder vom "Führer" selber glauben machen will, herrschte das NS-System durch Gehorsam ohne Befehl. (W. Pohrt, Der Weg zur inneren Einheit)

Konkret wird Freiheit an den wechselnden Gestalten der Repression: im Widerstand gegen diese. Soviel Freiheit des Willens war, wie Menschen sich befreien wollten. Freiheit selbst aber ist derart mit Unfreiheit verfilzt, daß sie von dieser nicht bloß inhibiert wird, sondern sie zur Bedingung ihres eigenen Begriffs hat. (T.W. Adorno, Negative Dialektik)

Der faschistische Sozialpakt existiert im bundesdeutschen Postfaschismus weiter als eine im Resultat aufgehobene Voraussetzung, die unmittelbar keine Spur ihrer gewaltförmigen Durchsetzung mehr an sich trägt: umso besser kann diese Tatsache verleugnet und der Nationalsozialismus als das Verbrechen einiger Irrer, als "Unrechtsstaat", als "das Schlimmste, das Menschen einander je angetan haben" exorziert werden. Diese Lebenslüge der BRD ist das Fundament aller demokratischen "Vergangenheitsbewältigung", jenes kollektiven Beschweigens des Nationalsozialismus, das durchaus auch die Form enervierender Redseligkeit annehmen kann. Weil das postfaschistische Deutschland in institutioneller wie personeller Hinsicht in Kontinuität zu seinem Vorgänger steht, muß ausnahmslos jeder Versuch einer Vergangenheitsbewältigung innerhalb des sich weiterschleppenden Systems zur symbolischen Distanzierung, zum substanzlosen Gestus geraten. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die Deutschen einen schier unerschöpflichen Vorrat an größeren und kleineren Entlastungslügen angelegt, aus dem sie sich je nach Gelegenheit und Bedarf bedienen. Danach war das nationalsozialistische System wahlweise das Werk von Hitler höchstpersönlich, einer kleinen Verbrecherclique und ein paar Helfershelfern oder des Monopolkapitals und seiner Schergen. Otto Normalvergaser jedenfalls hat "von alledem nichts gewußt", war "im Grunde auch dagegen" oder "konnte gar nicht anders handeln", weil "Befehlsnotstand" herrschte und man im Falle des Zuwiderhandelns sofort "ins KZ gekommen" wäre.

Aufklärungsarbeit in Deutschland

Dem – soweit man ihn hierzulande voraussetzen kann – unbefangenen Beobachter muß dieses Gespinst an Rechtfertigungen sich so darstellen, als hätten Millionen Deutsche kollektiv verabredet, sich dumm zu stellen und aus diesem Sich-dumm-stellen ein kohärentes System gezimmert, um auszutesten, ob irgendjemand es vielleicht als diskussionswürdige Aussage behandeln würde. Unterstellt werden kann jedenfalls, daß nur die wenigsten Deutschen den Quatsch von wegen "nichts gewußt" etc., den sie sich und anderen erzählen, auch wirklich glauben. In Wirklichkeit ist jedem klar, daß der Nationalsozialismus, anders als Diktaturen traditionellen Zuschnitts, ohne massenhaftes Mitmachen nicht funktioniert hätte; jeder weiß, daß er sein Scherflein zum Funktionieren eines verbrecherischen Ganzen beigetragen hat und jeder weiß auch genau, daß er dies im Interesse des postfaschistischen Ganzen besser verheimlicht: "Das Funktionieren der Bundesrepublik verdankt sich unter anderem dem Umstand, daß einer vom anderen, selbst wenn er es gewollt hätte, nicht wissen sollte, wie groß sein Anteil an den faschistischen Verbrechen gewesen war". (1) Weil die Entlastungslügen so durchsichtig sind und ein jeder insgeheim weiß, wie es sich genau verhält und dies daher umso tatkräftiger verleugnen muß, entsteht eine besonders verhärtete und gegen Aufklärung resistente Form des Bewußtseins. Horkheimer charakterisierte diese Mischung aus Gewitztheit und Zwanghaftigkeit einmal folgendermaßen: "Immer wieder zu formulieren: das Schuldbekenntnis der Deutschen... war ein famoses Verfahren, das völkische Gemeinschaftsempfinden in die Nachkriegsperiode hinüberzuretten. Das Wir zu bewahren war die Hauptsache ... Das Schuldbekenntnis hieß vielmehr, ,wir‘ und die Nazis gehören zusammen, der Krieg ist verloren, ,wir‘ müssen Abbitte tun, sonst kommen wir nicht rasch genug wieder hoch. Erst wenn die Sieger Konsequenzen ziehen wollten, griff man zur unverschämten Lüge und behauptete das Gegenteil der Schuld, ,wir‘ haben davon nichts gewußt, anstatt ,wir‘ wollen es nicht wissen. Selbst noch das ,Ich‘ stand für das ,Wir‘. Ich war kein Nazi, im Grunde waren wir‘s alle nicht. Das Wir ist die Brücke, das Schlechte, das den Nazismus möglich machte." (2)

Geschäftsgrundlage der antifaschistischen Volkspädagogen, der Mahner und Warner wider das Vergessen und die Anfänge, denen zu wehren sei, war und ist dagegen die Annahme, die Deutschen seien etwas begriffsstutzig oder hätten sich in einen Irrtum verrannt, den man dadurch ausräumen könne, daß man sie mit seriöser Darstellung der historischen Fakten konfrontiere. Konsequent mußten die antifaschistischen Pädagogen die Ausflüchte der Landsleute für ernsthafte Behauptungen nehmen, die man Schritt für Schritt widerlegen könne. Da das Aufklärungsbemühen dergestalt von einer falschen Voraussetzung lebt, mußte es zu einer fast so gespenstischen und skurrilen Veranstaltung werden, wie es das allgemeine Sich-dumm-stellen immer schon war. Einmal abgesehen davon, daß der antifaschistische Lerneifer erst einsetzte, als garantiert alle das Zeitliche gesegnet hatten, die man für ihre Untaten belangen hätte müssen – was ihn als Ersatzhandlung vor allem verdächtig macht, ist die Tatsache, daß er stets als sensationelle Erkenntnis ausposaunen muß, was eine – im doppelten Sinne des Wortes – furchtbare Trivialität sondergleichen ist: daß die Ärzte, die Juristen, die Soziologen, die Historiker, kurz: alle fröhlich mitgemacht haben.

So zieht das verhärtete Bewußtsein der Durchschnittsdeutschen noch seine vermeintlich radikalsten Opponenten in seinen Bann: auch sie müssen sich dumm stellen, um ihr Geschäft weiterbetreiben zu können. Ihr Grundsatz ist die These, daß über den Nationalsozialismus noch lange nicht alles und vor allem nicht das Wesentliche gesagt wurde und daher noch unendlich großer Forschungsbedarf bestehe. Das verleiht Zähigkeit und Ausdauer und ermöglicht einem, Banalitäten als Offenbarung zu verhökern: "Die seit 1992 u.a. von Christopher Browning, David Bankier und Daniel Goldhagen veröffentlichten Studien markieren insofern einen Durchbruch, als sie den Fokus auf die Analyse der gewöhnlichen deutschen TäterInnen und das öffentliche Bewußtsein in Nazi-Deutschland legen. Diese Studien widerlegen erstmals das entlastende Märchen vom Befehlszwang. Sie weisen nach, daß die Deutschen die Juden freiwillig quälten, folterten und ermordeten." (jungle world 28/1998, S.15, Hvhb. cl.) Für Matthias Küntzel und seinen Co-Autoren, von denen diese Sätze stammen, war die Lektüre von Goldhagens "Hitlers willige Vollstrecker" eine Offenbarung. Über die Botschaft, die da überbracht werden soll, sind sie sich allerdings selber nicht ganz im Klaren. Die unbedingte Ablehnung jedweder Theoretisierung der Massenvernichtung koexistiert bei ihnen ganz friedlich mit dem Wunsch nach einer wasserdichten Supertheorie. Da wird einerseits mit dem abgegriffensten Empör-Vokabular aus dem Wörterbuch des Gutmenschen ausgerufen: "Schon die Ermordung eines einzigen jüdischen Kindes aus der Warenform ableiten zu wollen, ist respektlos und zynisch zugleich." An anderer Stelle heißt es: Joachim "Bruhns Argumentation, die deutsche Spezifik, d.h. Auschwitz auszuklammern und die rassistische Denkform des rassistischen Mörders aus Solingen" – einer rassistischen Stadt im rassistischen Deutschland, so könnte die Kraftmeierei weitergehen – "allein aus der Warnform abzuleiten mußte zwangsläufig bei einer Argumentation landen, die ihn zum Verteidiger des" – damit es ja keiner vergißt – "rassistischen Mörders und der ,eigentlichen‘ Intentionen von Christian R. machte." Was sie immer schon über die "Wertkritiker" von der bahamas und der ISF sagen wollten – jetzt wo sie endlich wissen, daß selbst "die Ermordung eines einzigen jüdischen Kindes" von Übel war, trauen sie sich endlich. Weil sie nie verstanden haben, daß eine kritische Theorie der Gesellschaft nicht durch heulsusenhafte Beschreibung der Verbrechen, die die gesellschaftlich produzierten Subjekte verübt haben, ersetzt werden kann, streuen sie den Verdacht, daß all diejenigen, die sich den Mühen der Nacherzählung verweigern, herzlose Technokraten der Vernunft seien, Leute also, die in ihrer Respektlosigkeit und ihrem "Zynismus" alle Merkmale des Schreibtischtäters aufweisen. Kein der Wertkritik Verdächtiger kam aber je auf die Schnapsidee, die Massenvernichtung der Juden, also die Tat selbst oder die Ermordung auch nur eines einzigen jüdischen Menschen direkt "aus der Warenform abzuleiten". Die absurde Unterstellung, daß Joachim Bruhn ein Buch mit dem Titel "Was deutsch ist" geschrieben haben soll, in dem dann ausgerechnet die "deutsche Spezifik ausgeklammert" sei, kann nur aufstellen kann, wer das Buch in böser Absicht gelesen hat. (3) Diese Mischung aus bekennendem Pathos und Denunziation hat aber System. Es soll ein Verdikt gesprochen werden, das da lautet: angesichts von Auschwitz ist jegliche Form von Gesellschaftstheorie apologetisch. Von Objektivität zu sprechen, zu begründen, nach Konstitutionsbedingungen zu fragen, zu schließen, abzuleiten – für Küntzel et al. ist das alles eins, nämlich das, was Betroffenheitslinke immer schon an Theorie gehaßt haben: "Determinismus", "Objektivismus", "schematischer Ökonomismus", "Ableitungsakrobatik" und vor allem: "ein erstklassiger Freispruch für die VollstreckerInnen."

Dagegen bieten sie eine Lehre von der Willensfreiheit auf, deren einzige These lautet: die Deutschen haben die Juden umgebracht, weil sie sie umbringen wollten. Der Tatwille resultierte in einem adäquaten Taterfolg, würde der Jurist sagen. Es waren "empirische Subjekte, die eigenverantwortlich handeln", und genauso verhält es sich heute mit den Mördern von Solingen: das "kaltblütige Verbrennen von TürkInnen diente ... dem Zweck, sie zu töten." Die verblüffende sprachliche Nähe dieser Sätze zur richterlichen Begründung von Strafurteilen, in denen Vorsatz und persönliche Schuld des Täters nach einem immergleichen Schema nachgewiesen werden und in denen mit Adjektiven wie "kaltblütig" besondere kriminelle Energie unterstrichen wird, um daraus die wiederum besondere Verwerflichkeit der Tat zu deduzieren, ist keineswegs Zufall. Was im Strafurteil erscheint, ist der verkommene Rest frühbürgerlicher Subjekttheorie, der formelhafte Nachhall eines längst untergegangen Selbstbewußtseins, das einmal emphatisch den Menschen zum alleinigen Herren seiner Geschicke erklärt hatte. Von dieser Vernunft ist die fade Ideologie übriggeblieben, daß jeder seines Glückes Schmied sei und deswegen auch umgekehrt die Konsequenzen seiner Handlungen selber zu tragen habe. Daß Linke, die völlig zurecht immer auf der Fremdbestimmtheit individueller Entscheidungen unterm Kapitalverhältnis insistiert haben, im Moment der Feinderklärung reflexhaft die Chimäre des Einzelnen und Freien anrufen, um mit der ganzen Wucht strafrichterlicher Rhetorik den Bannfluch zu sprechen, beweist nicht nur ihre intellektuelle Unredlichkeit. Solches Tun erinnert daran, wie gerade in den Köpfen solcher Linker, die von Betroffensein und Unmittelbarkeit raunen, der Wunsch nach einem sozialistischen Vernunftstaat steckt, der grausamer noch als der bürgerliche die ihm Unterworfenen unters Fallbeil der Gerechtigkeit zwingt.

Ein Beitrag zur Mentalitätsgeschichte

Dieser Theoriefeindlichkeit kontrastiert merkwürdigerweise die Feststellung: wir halten es "für evident, daß es seit Beginn des 19. Jahrhunderts eine stringente Entwicklung zum eliminatorischen Antisemitismus und seit 1933 eine geradlinige Entwicklung nach Auschwitz hin nachgewiesen werden kann." (Jungle world 28/1998, S.16, Hvhb. cl.) Diese Aussage postuliert genau das, was die Autoren ihren Gegnern vorwerfen: einen ganz schauderhaften Determinismus. In ihrem Buch ist in diesem Zusammenhang die Rede von der "spezifisch deutschen Identität", die sich "in spezifischer Weise mit dem Kapital verbindet" (4) oder es wird gefordert, das "TäterInnenbewußtsein in eine theoretisch fundierte Erklärung des Antisemitismus (einzuordnen)". (5) Da soll also nun die wirklich lückenlose und wasserdichte Erklärung für und Ableitung von Auschwitz geliefert werden. Geht das aber mit der emphatischen Willensfreiheitsdoktrin zusammen?

Es geht. Zentralkategorie von Küntzel et al. ist der "eliminatorische Antisemitismus", der sich, wie der Begriff schon andeutet, auf den blanken Willen zur Vernichtung reduziert. Dieser Vernichtungswille habe sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland "stringent" seinen Weg gebahnt; Auschwitz führen sie auf diesen Vernichtungswillen und nichts anderes zurück. Die Kategorie des Vernichtungswillens – das ist der springende Punkt – deckt dabei folgende durchaus unterschiedene Phänomene ab: sie bezeichnet gleichermaßen das Motiv fürs Mitmachen des einzelnen Subjekts wie das Selbstverständnis seines Handelns, läßt sich andererseits im großen Maßstab auf die Judenvernichtung als "planmäßig verfolgtes Ziel des Nationalsozialismus" (also des Systems als Ganzen) anwenden und die antisemitisch-eliminatorische Ideologie als Ursache für Auschwitz kann man gleich noch mit draufsatteln. "Vernichtungswille" ist Küntzels Lenor Ultra, mit dem die Begriffe solange weichgespült werden, bis alle ihre Konturen verschwinden. Dieses Verfahren bietet den Vorteil, daß man flink die Objekte der Aussage wechseln bzw. die gesellschaftlichen Sphären, die zwar durch einander vermittelt, aber eben nicht deckungsgleich sind, durcheinanderwerfen kann. In der Kategorie des "Vernichtungswillens" fallen Individuum, Ideologie und Gesellschaft völlig in eins. Angesichts dieser planen Identifizierung von allem und jedem ist es nicht verwunderlich, daß Küntzel et al. völlig affirmativ und fetischistisch von einer "spezifisch deutschen Identität" sprechen. Sie weisen die terroristische Frage, was "deutsch" sei, nicht dadurch als falsch zurück, daß sie sie als mit dem Nationalstaat notwendig gesetzte und hierzulande am reinsten entwickelte Aufforderung zu Selektion und Ausgrenzung dingfest machen, sondern sie beantworten sie ganz brav, indem sie sie als Eigenschaft definieren. Das kommt davon, wenn man "Ideen und Weltanschauungen... zunächst für sich selbst analysieren" bzw. die Theorie mit der Empirie "synthetisieren" möchte, "ohne daß die Theorie der Empirie in den Rücken fällt." Das Resultat ist eine Auffassung, die geeignet ist, die blödesten Anwürfe gegen die sogenannte "antinationale Linke", sie trieben deutsche Mentalitätsgeschichte anstatt Kapitalismuskritik in revolutionärer Absicht, endlich zu bewahrheiten.

Was den Kapitalismus, vor allem aber die kapitalistisch vergesellschafteten Subjekte in Deutschland angeht, so insistieren Küntzel et. al. auf deren Willensfreiheit; was die Frage der Möglichkeit eines Ausbruchs aus dem Höllenzirkel angeht, gibt es plötzlich keinen freien Willen mehr. Die deutsche Geschichte ist ausweglos, als "Hineingeborener" ist man automatisch im schlechten Kontinuum ge- und befangen. Was allein bleibt, ist intensive Trauer- und Bewußtseinsarbeit und Betroffenheit. Anstatt den objektiv-abstrakten Fetischen von "Nationalität", "Deutschtum" etc. auf dem Wege der vorerst theoretischen Kritik die Luft abzulassen, machen sie sich noch dort, wo bzw. indem sie sich am heftigsten von ihm abgrenzen, wieder mit dem Kollektiv gemein. Man sucht die nächste Nähe zu jenen unverbesserlichen Schurken, wo man ihnen ganz fern sein will. Was Arendt als "Banalität des Bösen" bezeichnet hatte, damit könnten Küntzel et al. nichts anfangen: die freiwillig handelnden Eichmanns waren "Hanswurste" (Arendt), keine Schurken, sondern grauenvolle Nullen, die sich nicht einmal richtig verabscheuen lassen. Küntzel et al. hingegen brauchen – deswegen ihr Abstellen auf Goldhagen, Browning – gerade die mordlustigen, sadistischen, vernichtungswilligen Deutschen, und sie müssen ein auswegloses Kontinuum dieses Vernichtungswillens schreiben, weil diese Ontologie des Schlechten den eigenen Bemühungen um Läuterung und Aufarbeitung einerseits das leicht bittere Aroma der Vergeblichkeit untermischt und andererseits die eigene schöne Seele umso wirkungsvoller hervorhebt. Die Mehrheit der deutschen Täter war aber weder sadistisch noch blutrünstig. Hätten sie über diese Qualitäten und nur über diese verfügt, wäre die Judenvernichtung als generalstabsmäßig vorbereiteter und durchgeführter Vorgang gescheitert. Mordlust erschöpft sich wie jede noch mit einem Rest von Persönlichkeit verbundene Leidenschaft: sie kippt von Raserei in Apathie, sie macht, wie jedes klassische Pogrom beweist, nach halbvollbrachter Tat halt. Das leidenschaftliche Morden und das Morden als Vollzug eines Jahre dauernden systematisch betrieben Auftrags, als Arbeit des Tötens, schließen auf Dauer einander aus anstatt sich zu ergänzen. Die Schreckensbilder von über den Vernichtungszweck hinaus gehenden Untaten wie Demütigen, Foltern oder Vergewaltigen, die Küntzel et al. dauernd bemühen, dokumentieren die Ausnahme, die sie als Regel setzen müssen, wollen sie ihr Konstrukt eines fanatisch-gläubigen Tätersubjekts retten. Die sadistischen Grausamkeiten der deutschen Täter waren eine Reaktionsbildung darauf, daß die tatsächlichen Opfer in der Regel nichts weiter als verschüchterte Menschen waren, denen ihr Untermenschentum selbst für viele hartgesottene Antisemiten nicht ausreichend anzumerken war. Durch Erniedrigung wollten sie die Opfer dem Bilde, das sie von ihnen hatten, gleich machen und diese Handlungen nahmen in dem Maße, wie die Vernichtung ab 1942 systematischen Charakter annahm, ab, weil diese Entpersonalisierung an den Juden durch Ghettoisierung und später in den Lagern im abstrakten Vollzug exekutiert wurde.

"Man läßt die Realität der Shoah nicht an sich heran" – werfen Küntzel und andere ihren Gegnern vor, während sie wohl für sich beanspruchen, die Judenvernichtung "an sich heranzulassen" (hätte auch heißen können: sie "sinnlich" nachzuerleben, "auf Tuchfühlung mit ihr zu sein" o.ä.). Solche gegenüber den Ermordeten schon an Obszönität grenzende Psychologisierung der Massenvernichtung, aus der die ganze Zudringlichkeit der penetrant aufarbeitenden besseren Deutschen mit geballter Widerwärtigkeit spricht, ist die wohl unausweichliche Konsequenz ihrer Subjekttheorie.

Über die Willensfreiheit

Im Mittelpunkt der Erwägungen von Küntzel et al. steht die bedeutungsschwer aufgeworfene Frage, ob die Deutschen Millionen Menschen freiwillig umgebracht haben. Natürlich haben sie das, und diese Feststellung ist so wahr wie banal. Aber das vereinzelte, mit Willen und Bewußtsein begabte Subjekt ist keine in sich ruhende Substanz, sondern in allen seinen Momenten ein Produkt der Gesellschaft. Als frei handelndes reproduziert es das gesellschaftliche Zwangsverhältnis, dem es unterworfen ist – genauso wie die gesellschaftliche Objektivität sich nur vermöge und vermittels der Handlungen der Subjekte realisiert. Die Alternative von Freiheit oder Determinismus zielt an der Sache vorbei, denn: "nur durch das Prinzip der individuellen Selbsterhaltung hindurch funktioniert das Ganze, ... das vermöge der Partikularität und ihrer Verstocktheit fortlebt; buchstäblich Ideologie, gesellschaftlich notwendiger Schein. Das allgemeine Prinzip ist das der Vereinzelung." (6) Individuum und Gesellschaft fallen deshalb unmittelbar zusammen – denn "die Gesellschaft" ist keine an sich höhere Macht, sondern von den Menschen produziert und von ihnen tätig in Gang gehalten; und sie fallen ebenso unmittelbar auseinander – denn die Gesellschaft existiert als ein versachlichtes, anonym-eigengesetzliches Getriebe, das sich dem einzelnen Individuum gegenüber verselbständigt hat, ihm die Bedingungen seines Handelns aufzwingt und ihn als sein Anhängsel eher schlecht als recht mitschleppt. Als ein außer ihnen existierendes "Verhängnis" (Marx) ist der objektive Zusammenhang deshalb weder auf subjektive Willensanstrengungen als seinen Grund zurückführbar noch vermögen diese ihn zu überblicken, geschweige denn zu verändern. Das setzt, selbstverständlich, die an der Figur des autonomen, in sich selbst begründeten Individuums gebildeten Kategorien von Schuld und Verantwortung außer Kurs. Das kollektiv begangene Unrecht der Massenvernichtung justitiell, mit den individualistischen Kategorien des Strafrechts zu ahnden, wie es in der BRD geschehen ist, konnte nur heißen, den kollektiven, d.h. gesellschaftlichen Charakter jener Barbarei zu verleugnen, auf deren Resultaten die BRD sich aufbaute. Solche Ideologiekritik des Individuums und seiner Derivate negiert die Kategorien von Verantwortung und Schuld aber keineswegs in toto: es ist die Schuld eines jeden Individuums, durch seine Handlungen eine gesellschaftliche Objektivität zu reproduzieren, die es genausogut mit allen anderen revolutionär beseitigen könnte. In diesem revolutionstheoretischen Sinne ist und bleibt es für alle seine Taten verantwortlich und deshalb ist und bleibt es den Deutschen vorzuwerfen, daß sie den Nazis bis zuletzt treu ergeben waren – und damit die "Volksgemeinschaft" als klassenübergreifendes Verfolgerkollektiv erst praktisch konstituierten – anstatt sie gewaltsam zum Teufel zu jagen.

Erklärung und Kritik – ein entscheidender Unterschied

Auch wenn Küntzel und Co. sie auf eine Stufe mit den durchschnittlichen Entlastungslügen der Deutschen stellen: die wert- und staatskritische Gesellschaftstheorie ist keine positive Determinationslehre, denn jeder ihrer Sätze und Aussagen über die tatsächlich determinierende Gewalt ihres Gegenstandes zielt auf die mögliche Abschaffung desselben. Sie sagt nicht: "es kommt alles notwendig, so wie es kommt und daran läßt sich nichts ändern", sondern fällt ein historisches Existentialurteil: "heute ist es so und es wird notwendig so weitergehen – es sei denn, die Menschen ändern ihre Verhältnisse, wozu sie grundsätzlich die Freiheit besitzen." Jeder Satz der kritischen Theorie, der auf der fatalen Notwendigkeit kapitalistischer Vergesellschaftung insistiert, meint das Gegenteil, will seinen Adressaten befragen, ob er durch sein einverständiges Mitmachen diese Notwendigkeit befördern oder sie destruieren will. Sie kann die Freiheit der Leute, das Zwangsverhältnis, dem sie unterworfen sind, abzuschaffen, aber nur unterstellen. Solange sie sich weiterhin mit allen Konsequenzen fürs Mitmachen entscheiden, also freiwillig tun, was sie unfreiwillig wollen, wird die Theorie ihr Geschäft weiterbetreiben: einen gesellschaftlichen Zusammenhang zu denunzieren, der die Möglichkeit von Freiheit tagtäglich untergräbt.

In diesem Sinne kann und will die wert- und staatskritische Gesellschaftstheorie weder den Antisemitismus noch gar die Vernichtung der Juden "erklären" oder aus der Wertform "ableiten" [Übrigens: Etwas "ableiten" meint die Gewinnung von Aussagen nach formal-logischen Regeln aus vorgegebenen Prämissen, ohne einen Wahrheitsgehalt der dabei gewonnenen Sätze zu beanspruchen. Erstaunlich, wie es Küntzel et al. genauso wie Günther Jacob & co. entgehen kann, daß die materialistische Dialektik – z.B. Postones begriffliche Rekonstruktion des Antisemitismus – dieses Verfahren in jeder Hinsicht bestimmt negiert.] An Auschwitz wird jede nach logisch-rationalen Kriterien organisierte "Erklärung" oder "Ableitung" zuschanden und jeder Versuch, es dennoch zu tun, kann nur zur Rationalisierung eines an und für sich Unverständlichen geraten. Wären Küntzel et al. mit ihrem Vorhaben erfolgreich; könnten sie also eine lückenlose sozialhistorische Beweiskette vorlegen, wonach die Vernichtung der Juden logisch zwingend, also notwendig aus der deutschen Geschichte als aus ihrem Grund folgt, dann wäre dieser Nachweis – vermutlich gegen die Intention der Autoren –, die größtmögliche Rechtfertigung von Auschwitz und die größtmögliche Entschuldigung der Millionen Mitmacher und Vollstrecker, die sich denken läßt. Da ist die sogenannte "Wertkritik" ungleich bescheidener. Weder will sie bestimmte Ereignisse aus irgendwelchen Axiomen logisch deduzieren noch will sie sie, was aufs Gleiche hinausläuft, durch eine Kette von Fakten beweisen. Theorie ist eben nicht die Summe aller aufgebotenen Fakten, vielmehr werden diese von der Theorie konstituiert. Ihr geht es um die begriffliche Darstellung der real-abstrakten Konstitutionsbedingungen des Denkens und Handelns der einzelnen Subjekte. Die Wertkritik kann darlegen – und Moishe Postone hat dies mustergültig getan – wie der Antisemitismus als "objektive Gedankenform" den fetischistischen Charakteren kapitalistischer Vergesellschaftung entspringt und kann den Impuls zur Vernichtung der als "Gegenrasse" halluzinierten Juden bestimmen, der dieser Denkform notwendig innewohnt – aber deswegen keineswegs unter allen Umständen notwendig aus ihr folgt. Antisemitismus ist eine objektive, an sich selbst notwendig eliminatorische Ideologie und als solche kein deutsches Spezifikum. Die Vernichtung der Juden, der von Deutschen industriell betriebene Massenmord ist deshalb eine Konsequenz des Antisemitismus, insofern das in ihm Angelegte auch praktisch vollstreckt wurde und er ist es wiederum nicht, da diese praktische Entfesselung des an sich immer schon Beschlossenen einen in der Tat spezifischen Aggregatzustand kapitalistischer Vergesellschaftung voraussetzt, den man als deutsche Besonderheit – im Sinne der Besonderung eines Allgemeinen – bezeichnen kann. Auschwitz markiert den Punkt, an dem der antisemitische Alltagsaffekt – kein deutsches Spezifikum – in den "Antisemitismus der Vernunft" (Hitler), in die Arbeit der Vernichtung umschlägt, was zu besorgen die Sache allein der Deutschen war. Die Massenvernichtung ist daher das Ereignis, von dem aus man die Geschichte des Kapitals in Deutschland als jenen Prozeß identifizieren muß, der im Resultat terminierte. Es ist richtig zu sagen: vom Resultat her betrachtet eignet der deutschen Geschichte jene fatale Notwendigkeit, in der das barbarische Moment ihrer kapitalistischen Konstituiertheit unverschnitten zum Ausdruck kommt; hingegen ist es falsch, zu postulieren, es gebe eine lineare Entwicklung von den Anfängen des Antisemitismus bis nach Auschwitz – genau das ist der Geschichtsdeterminismus und Deduktivismus von Küntzel et.al , den sie so gern auf ihre Gegner projizieren.

Gehorsam ohne Befehl

Die viel bemühte Freiwilligkeit, mit der die Deutschen sich den Nazis tatkräftig andienten, stellt eine gesellschaftliche Qualität dar, die von der nationalsozialistischen Bewegung begünstigt wurde und darüberhinaus einen durchaus neuen Charakter von Herrschaft indiziert. Ein Grundzug der nazistischen Ideologie ist, wie Marcuse einmal dargelegt hat, ihr Existentialismus: die "mythischen Wesenheiten", mit denen sie operiert – Volk, Rasse, Blut etc. – werden vorgestellt als objektive, mit unbändig-naturhafter Macht nach oben drängende Bewegung, als substantielle Dynamik, der die Nazis ihr Selbstverständnis als revolutionäre "Bewegung" (gegen die "verkrusteten Strukturen" des bürgerlichen Lebens, wie man heute sagen würde) und die Insignien ihrer eigenen unwiderstehlichen Geschichtsmächtigkeit, die den "Zug der Zeit" repräsentierte, entlehnten. Die vollendete Konkretion, die diese Dynamik verheißt, ist aber in Wahrheit vollendete Abstraktion: sie läßt sich theoretisch nicht beschreiben, definieren, konkretisieren, sondern läßt nur die rückhaltlose Entscheidung, das praktische Mitmachen zu – wer abseits steht, macht sich sofort verdächtig. Der Nazismus weist also einen äußerst demokratischen Grundzug auf, insofern er mehr noch als der Volksstaat überkommener Prägung tatsächlich auf die freiwillige Entscheidung des Einzelnen setzt. Diese Freiwilligkeit ist aber diejenige von Unfreien, eine Karikatur von Freiheit, denn ihr gesellschaftlicher Inhalt ist das Paradox einer freien Entscheidung für Herrschaft, die Entscheidung, selbst Partikel von Herrschaft zu werden. Der Einzelne opfert bzw. überantwortet sich mit Haut und Haar einer "Bewegung", d.h. dem als reine Dynamik sich setzenden Souverän und bekommt dafür als dessen Exemplar einen Teil jener Insignien der Macht verliehen, die der Staat monopolisiert hat: Wille, Herrschaft, Freiheit, über Leben und Tod anderer befinden. Im Nazismus werden "verblendete, ihrer Subjektivität beraubte Menschen als Subjekte losgelassen." (7) Die Parolen der Nazis: das Volk, die Rasse, das Blut wieder in ihr Recht zu setzen, sind kein klar umrissenes Programm, das man diskutieren und dann befolgen oder ablehnen kann, sondern ein Mobilisierungsaufruf, der Appell an jeden einzelnen, sich nach seinen Kräften für unabkömmlich zu melden, sich zu beweisen, sich nützlich zu machen. Das ist der Kern des Gehorsams ohne Befehl und zugleich die Form, in der die suspendierte Konkurrenz unterm Nazismus wiederaufersteht. Herrschaft vollzieht sich nicht mehr wesentlich über Anordnungen, Befehle und Gesetze, sondern gleichsam als Wink, als Blinzeln, das der einzelne zu deuten hat. Was einmal Gesellschaft war, zerfällt in ein Ensemble von Bandenkämpfen: jeder Einzelne und jede Abteilung des Systems wollen die besten und zuverlässigsten Nazis sein. Um dieses Prädikat wetteifern alle; das alle Verbindende isoliert sie aber auch von einander, denn ihm zugrunde liegt der universale Verdacht eines jeden gegen jeden, er könne es nicht ernst genug meinen. Woran die Zuverlässigkeit gemessen wird, ist der an den Tag gelegte Eifer bei der Identifizierung, Deportation und Vernichtung der "Gegenrasse". Das ist der mörderische Gehalt jener reinen Dynamik, die der Nazismus proklamierte: die gnadenlose Ausmerzung der "Artfremden" als unendlicher Prozeß, als entfesselte Raserei, die durch die Konkurrenz, die die deutsche Verfolgergemeinschaft intern bis aufs Messer führte, nicht etwa abgeschwächt, sondern im Gegenteil noch verstärkt wurde. Deshalb ist es auch unerheblich, ob jeder Deutsche unterm Nationalsozialismus überzeugter, gläubiger Antisemit war. An das völkische Brimborium haben vermutlich die wenigsten Deutschen geglaubt – über den "Blubo" haben sie sich vielmehr lustig gemacht. Anders als Küntzel et al. meinen, handelten die Deutschen eben nicht aus fanatisch-gläubigem Judenhaß, also als empirische Subjekte, sondern als transzendentale Staatsbürgersubjekte, deren Kennzeichen gerade die sinistre Fähigkeit zur Abstraktion von Gefühlsregungen wie z.B. Mitleid und Empathie ist und aus dieser Abstraktion jene gleichsam leere und subjektlose Energie beziehen, die sie zur Begehung ihrer Untaten benötigten: es ist "eine Art dynamischer Idealismus, der die organisierten Raubmörder beseelt. Sie ziehen aus, um zu plündern, und machen eine großartige Ideologie dazu ... Da sie aber die Geprellten bleiben, was sie freilich insgeheim schon ahnen, fällt schließlich ihr erbärmlich rationales Motiv, der Raub, dem die Rationalisierung dienen sollte, ganz fort und diese wird ehrlich wider Willen. Der unerhellte Trieb... ergreift von ihnen ganz Besitz." (8)

Daß die Deutschen aller Klassen und Schichten so bereitwillig auf den nazistischen Mobilisierungsaufruf eingegangen sind, mag mit der bekannten Tatsache zusammenhängen, daß in Deutschland das bürgerliche Subjekt von vornherein als ein von Selbstzweifeln geplagtes und krisengeschütteltes zur Welt kam. Als Protagonist einer Revolution, die ihm die politische Aufsicht über die Akkumulation des Kapitals sicherte, konnte sich der Bürger in England oder Frankreich für kurze Zeit tatsächlich als Subjekt der Geschichte fühlen und die von ihm durchgesetzte Vergesellschaftung mit einer weitgespannten, optimistischen Zukunftsprojektion verbinden, die noch auf die aufkommende Arbeiterbewegung ausstrahlte. Spätestens gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird es für den Bürger dann unabweisbar, daß er die Vergesellschaftung, von der er zweifellos profitiert, keineswegs beherrscht – weder als einzelner noch als Klasse – sondern daß er von einem abstrakt-anonymen Prozeß als ein Anhängsel mitgeschleift wird. Das bürgerliche Subjekt sieht sich einer erstarrten Welt gegenüber, in der es keine Angriffspunkte mehr findet. Es möchte die Abstraktion abschütteln, von der es erschlagen zu werden droht und kontert ihr im Namen einer neuen konkreten Dynamik, heiße diese nun "Leben", "Volk", "Natur" oder wie auch immer. Was anderswo Resultat war, damit hat man in Deutschland begonnen. Als armselige Kreaturen von Gnaden des Souveräns haben die deutschen Bürger die emphatische geschichtliche Tat, die auszuführen ihnen verwehrt war, dadurch überspielt, daß sie eine höhere und schicksalshafte Macht halluzinierten, als deren selbstlose Diener sie sich begriffen. Über diesen Weg setzt sich allmählich die Vorstellung durch, wonach das eigene Handeln stets nur die "Beschleunigung", "Entbindung", "Forcierung" einer höheren Macht darstelle. Das ist die fetischistische Ideologiekritik, die der Bürger an sich selbst vollzieht: er wird seiner eigenen Ohnmacht eingedenk, macht diese aber zur eigenen Sache, indem er sich dem verselbständigten objektiven Unheil, nunmehr als krude Natur ideologisiert, entschlossen in die Arme wirft. Das Wollen-Müssen, d.h. die unmittelbare Identität von Freiheit und Zwang, kommt hier endlich ganz unverstellt zum Ausdruck. Und wie die Bürger, so ihre formalen Antagonisten: auch die Sozialdemokraten und später die Parteikommunisten machten, wie bekannt, in positiver Geschichtsmetaphysik. Auch sie glaubten sich stets "mit der neuen Zeit" im Bunde oder der "historischen Notwendigkeit", die ohnehin zur besseren Gesellschaft hinführe – weswegen ein hellsichtiger Zeitgenosse die SPD einmal als Verein zur Herbeiführung einer ohnehin stattfindenden Mondfinsternis bezeichnete.

Georg Elser: Bombenlegen aus Erfahrung

Offenbar gab es nach 1933 nur einen einzigen, der sich von allem Geschwafel über Vorsehung und andere höhere Mächte gänzlich unbeeindruckt zeigte: "Nach meiner Ansicht haben sich die Verhältnisse in der Arbeiterschaft nach der nationalen Revolution in verschiedener Hinsicht verschlechtert. So z.B habe ich festgestellt, daß die Löhne niedriger und die Abzüge höher wurden ... Ferner steht die Arbeiterschaft seit der nationalen Revolution unter einem gewissen Zwang. Der Arbeiter kann z.B. seinen Arbeitsplatz nicht mehr wechseln wie er will, er ist heute durch die HJ nicht mehr Herr seiner Kinder und auch in religiöser Hinsicht kann er sich nicht mehr so frei betätigen ... Ich war bereits voriges Jahr um diese Zeit (1938, Anm.) der Überzeugung, daß es bei dem Münnchner Abkommen nicht bleibt, daß Deutschland anderen Ländern gegenüber noch weitere Forderungen stellen und sich andere Länder einverleiben wird und daß deshalb ein Krieg unvermeidlich ist." (9) Keine hochherzigen idealistischen Thesen, kein selbstloses und aufopferungsvolles Engagement für das Gute, Wahre, Schöne, das Vaterland, die Menschheit, den Kommunismus oder ähnliches Zeug – was Johann Georg Elser, der im Bürgerbräukeller eine Bombe deponierte, um Hitler und seine Kumpane ins verdiente Jenseits zu befördern, nach seiner Verhaftung zu Protokoll gab, war alles, was er zur Begründung seiner Tat anführen konnte. Wie konnte es möglich sein, daß unter Millionen Wahnsinnigen ein einziger Vernunft zeigte; wie unter Millionen, die sich für ihre Unfreiheit entscheiden, ein einziger sich tatsächlich frei entschied: nämlich dazu, die führenden Nazis zu beseitigen? Nein, man wird bei Elser keine besondere, außergewöhnliche, vom Durchschnittsbewußtsein seiner Landsleute abweichende Qualität, Energie oder Eigenschaft finden, die ihn zu seiner Tat prädestinierte. Daß die Löhne gesunken, der allgemeine Zwang gestiegen und ein Krieg zu erwarten sei, wußte jeder Deutsche. Der verbissene, blinde Eifer, mit dem die Deutschen nichtsdestotrotz sich den Nazis andienten, ist als freiwillige Tat zugleich deren Gegenteil, zwanghafte Willkür und reflektiert am subjektiven Pol adäquat den Zug des Ganzen, nämlich das Ende der zivilisatorischen Potenz des Kapitals und seinen Umschlag in blinde, tautologische, selbstzweckhafte Raserei wie sie sich in der Produktion von Rüstung, Volkswagen, Autobahnen und anderem Müll äußerte, andererseits in Vernichtung durch Arbeit und schließlich in die Arbeit der Vernichtung in der Todesfabrik Auschwitz manifestierte. Im selben Maße aber, wie Individuum und Gesellschaft im Zeichen verrückt gewordener Selbsterhaltung sich enger zusammenschließen, im selben Maße fallen sie noch krasser auseinander denn je: als verstockt auf sich selbst zurückgeworfene Subjekthülse, die flink, wendig und agil genug sein muß, um der Macht jeden Wunsch von den Lippen abzulesen, verliert das Individuum seine Fähigkeit zur Erfahrung eben des Ganzen, dem es sich permanent so bereitwillig zur Verfügung stellt. Seine Erfahrungen schmelzen auf Augenblickserlebnisse zusammen, ohne daß sich eine Kontinuität des Bewußtseins noch herausbildete.

Elsers verschroben-eigenbrötlerische Züge; seine Beharrlichkeit, mit der er den Lauf der Dinge beobachtete und daraus seine Konsequenz zog, nämlich geduldig und mit Liebe zum Detail seine Bombe bastelte und deponierte, sind die Male derselben verhärteten Partikularität, die die Volksgenossen um ihn herum zu hundertprozentigen Mitmachern werden ließ. Aber es bedarf der verhärteten Partikularität auch, um sich ihrer schließlich zu entwinden. Sie ermöglicht es, gegen die komplett absurden und irrenlogischen Appelle von Herrschaft und gegen die Bereitschaft, mit der die überwältigende Mehrheit ihnen wider alles bessere Wissen Folge leistet – also gegen eine Welt, die sich gegen Vernunft und Menschlichkeit förmlich verschworen zu haben scheint – auf seiner unreglementierten Erfahrung zu insistieren und aus dem unmittelbar Erfahrenen Urteile und Schlüsse zu ziehen, es also ins rechte Verhältnis setzen – ins Verhältnis zum Ganzen nämlich: "Die von mir angestellten Betrachtungen zeitigten das Ergebnis, daß die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten." (10) Von Johann Georg Elser und von keinem anderen läßt sich also sagen, daß er im nationalsozialistischen Deutschland tatsächlich frei gehandelt hat. Daß Elser freilich der einzige war und blieb, der ohne Hintergedanken und strategische Absichten nichts weiter wollte, als die Nazis zu beseitigen und dies auch auszuführen sich bemühte – diese Tatsache bezeichnet freilich präzise das Verhältnis, in dem die Möglichkeit von Vernunft und Freiheit zu ihrer realen Chance steht.

Clemens Nachtmann (BAHAMAS 27/1998)

 

Anmerkungen:

1) Georg Seeßlen, Tanz den Adolf Hitler, Berlin 1994, S.23

2) Max Horkheimer, Notizen, 1949–1969, in: ders., Gesammelte Schriften, Band 6, Frankfurt a.M. 1991, S. 404

3) Für wie dumm halten Küntzel et al. eigentlich ihre Leser, wenn sie es an derselben Stelle fertigbringen, Bruhn als "Verteidiger der ´eigentlichen´ Intentionen von Christian R. "vorzuführen und ein paar Zeilen weiter ein Zitat von Bruhn zu bringen, in der dieser so explizit, wie man es sich nur wünschen kann, gegen genau diese Spaltung von rassistischer Handlungsform und "eigentlich" guter Protestenergie Stellung bezieht?

4) Ulrike Becker u.a., Goldhagen und die deutsche Linke, Berlin 1997, S. 90

5) ebenda, S. 88

6) Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt a.M. 1966, S. 306f.

7) Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt a.M. 1971, S.153

8) ebenda, S.154 (Hvhb. cl.)

9) Anton Hoch/Lothar Gruchmann: Georg Elser. Der Attentäter aus dem Volke, Frankfurt a.M. 1980, S. 98f.

10) ebenda, S.100