"Auschwitzkeule" über Gollwitz

– eine nationale Revue

Eines der bemerkenswertesten Nachwuchstalente der nationalen Presse heißt Peter Murakami. Seine Sporen hat er sich als Vorortberichterstatter aus einer Provinz verdient, in die ältergediente Redakteure nicht mehr reisen wollten. "In Gollwitz an der Havel gibt es für die rund vierhundert Einwohner weder einen Kaufladen oder eine Kneipe; noch eine Kita, eine Schule oder ein Jugendzentrum – Normalität in der märkischen Sandbüchse." (jW, 6.11.97) Was wäre das Mitleid mit dem Elend der Leute ohne den Hinweis auf die Unverfälschtheit von Landschaft und Genre. Und was wäre eine Reportage aus exotischen Gegenden, wenn sie nicht mit zivilisationskritischem Müll angereichert wäre.

",Hier kann ich mir nicht mal ‘ne Brause kaufen‘, beschreibt sie [alte Frau] die lausige Infrastruktur des Ortes, die zunächst angenehm durch den Mangel an McDonals-Filialen und ähnlichen Zivilisationskrankheiten auffällt." Einfach und gradaus sind die Leute, die es nach Brause gelüstet und nicht nach Cola. Noch im vorgerückten Alter machen sie alles selber: "Nun als Rentner baut er [Herr Erich Schmidt] sich die Heizung in sein Häuschen selbst ein. Eine Installationsfirma kann er sich nicht leisten ..." Und sie haben ein ausgeprägtes Gefühl für Tradition und Identität. Irgendwie einleuchtend, daß man dort, wo McDonalds nicht hingehört, auch unter sich bleiben möchte. "Nur, daß die jüdischstämmigen Aussiedler aus Usbekistan, Turkmenien und Kirgisien ausgerechnet im Herrenhaus wohnen sollen, das die Gollwitzer liebevoll als ,Schloß‘ bezeichnen, regt Erich Schmidt wirklich auf."

Weniger liebevoll, aber analytisch schärfer, beschreibt die nationale Konkurrenz von der anderen jungen Zeitung die Misere: "Heute sind über 20 Prozent der Bürger arbeitslos, bei Hinzurechnung der Vorruheständler und ABM-Kräfte sogar über 35. Mit dem Wegbrechen der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft kam auch das Ende der sozialen Einrichtungen im Dorf. Heute gibt es hier keine örtlichen Einkaufsmöglichkeiten, keine Post, keine Gaststätte und keine Jugendeinrichtung mehr. Die Situation ist trostlos – und dann kam diese Meldung: 60 Asylanten werden zugeteilt!" (Junge Freiheit, 30.10.97)

Wenn der Bürger sich Gemeinschaftsaufgaben widmet, wird es ihm mit Undank vergolten. Anders als den gewieften Politprofis haftet einem nationalen Mann etwas erfreulich Ungeschlachtes an. Er redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und rutscht deshalb leicht auf dem glatten Parkett der Politik aus. Doch gerade die Tatsache daß er nicht Politik treiben möchte, sondern unmittelbarer Sprecher seiner Mitbürger ist, macht ihn menschlich. Der ehrenamtliche Bürgermeister verhält sich zum Politiker wie Brause zu Coca Cola. ",Die sieben Gemeindevertreter sind alle parteilos und arbeiten ehrenamtlich‘, beteuert Heldt und wirkt beinahe ein wenig hilflos, angesichts der landesweiten Entrüstungswelle". (jW, 6.11.97) Der hilflose Herr Heldt und die anderern sechs Ehrenamtlichen sind nämlich überhaupt nicht gefragt worden, ob sie Juden im Dorf haben wollen. Mit uns kann man es ja machen, denkt sich der Bürgermeister und der Murakami schreibt es für ihn auf: "Seit ihrem Nein zu den Plänen, die nicht einmal mit ihnen diskutiert wurden, sondern die ihnen knapp mitgeteilt wurden, müssen sich die Gollwitzer landesweit in den Medien als Antisemiten, Rassisten und Ausländerfeinde beschimpfen lassen." Eigentlich geht es um den Widerspruch von Basisdemokratie und Obrigkeitsstaat und nicht um Antisemitismus. Der Anführer derer, die man so arg beschimpft hat, ist überhaupt kein Antisemit und Nazi, sondern das Opfer knapper Mitteilungen von oben. Wenn Bürgermeister Heldt dann seinen antisemitischen Dreck dem Naziblatt diktiert, sollte man ihn nicht vorschnell verurteilen, sondern berücksichtigen, daß er und seine Mitgollwitzer systematisch und landesweit verfemt wurden.

"Ohne unparteiische Prüfung des Sachverhaltes wurde die Kampagne gegen uns bis zum heutigen Tag fortgesetzt. Damit ist der Ruf unseres Dorfes weltweit geschädigt worden. Die erste Folge dieser Neubelebung einer mittelalterlichen Methode von Bann und Acht, mit der man seine politischen und andersgläubigen Gegner vernichtete, bekamen wir am 9. November zu spüren. Es wurden orts- und wohl auch landesfremde Demonstranten in Omnibussen herangefahren, welche uns wohl für vogelfrei hielten, indem sie einen unserer Bürger tätlich angriffen und einen anderen, der als Beobachter aus dem Fenster seines Hauses schaute, mit einem Steinwurf verletzten. ... Insbesondere erwarte ich, daß sich ebenso Herr Bubis für die von ihm losgetretene Hetz- und Haßkampagne gegen uns, als auch dem Landkreis Potsdam-Mittelmark entschuldigt." (Andreas Heldt, Junge Freiheit, 12.12.97)

Für den Nachweis, daß die Gollwitzer, die nach Aussage ihres Bürgermeisters am 9.11.97 nur knapp einem von orts- und landesfremden Demonstranten ausgeführten jüdischen Ritualmord entgangen sind, keine Antisemiten sind, bedarf es erheblicher analytischer Schärfe in der Argumentation. Erfahrenere Genossen zeigen dem Murakami, wie’s gemacht wird.

Zum Beispiel Knut Mellenthin, Experte für Judenfragen und Chef-Artikler von analyse und kritik (ak). Wenn es darum geht, Antisemitismusvorwürfe gegen originär emanzipatorische Potentiale zurückzuweisen, vermag er Juden verschwinden und am unverdächtigen Ort wieder auftauchen zu lassen. Zum Beispiel damals, als in dem nach Entebbe entführten Passagierflugzeug die palästinensischen Freiheitskämpfer und ihre deutschen Genossen beim Judenselektieren nicht ganz akkurat waren. Weil sie in die jüdische Gruppe ein paar Nichtjuden einteilten und einige Juden mit nicht-israelischen Pässen in die andere Gruppe, hat Mellenthin 1991 der erleichterten ak-Gemeinde mitteilen können: Nicht schön, aber kein Antisemitismus. Gollwitzer haben auch nichts gegen Juden, sondern gegen Fremde – zumindest ist von kt. noch nichts anderes ermittelt worden. Juden dürfen sich also darauf freuen, nicht anders behandelt zu werden wie andere Fremde auch, da machen die Gollwitzer keinen Unterschied. Es handelt sich nämlich um eine "Mißstimmung" die etwas mit Landwirtschaft zu tun hat.

"Wieweit die Mißstimmung in Gollwitz ganz speziell darauf zurückzuführen ist, daß die 60 Menschen, die dort untergebracht werden sollten, Juden und Jüdinnen sind, hat noch niemand zuverlässig ermittelt. (...) Auch ein Wessi (...) wird dort wohl nicht gerade mit offenen Armen aufgenommen werden, sondern eher schon mal vor eingeworfenen Fensterscheiben, Kuhscheiße auf der Fußmatte und aufgeschlitzten Autoreifen stehen." (ak, 23.10.97) Weil das mit dem Antisemitismus noch niemand ermittelt hat, tat auch das ND gut daran, den Schnitzer des Demobündnisses, das dauernd von Antisemitismus dahergeredet hatte, zu korrigieren: "Gollwitz: Kundgebung gegen Ausländerfeindlichkeit" (Schlagzeile vom 10.11.97).

Ganz unbefangen geben sich diejenigen, die sich immer schon über dieses "Judenzeugs" (Karl Held, Gegenstandpunkt) geärgert haben, weil das kein taugliches Argument ist, sondern Philosemitismus, was wiederum eine Herrschaftsvariante ist, um die Untertanen irrezuführen, deren eigentliches Interesse in der strikten Bekämpfung des Judenstaates liegen müßte: Die "Bundesregierung teilt in der Sache durchaus die Auffassung der Gollwitzer und hat mit der russischen Regierung darüber verhandelt, ob man dort nicht die Ausreise drosseln könnte. Freilich hat sie das nicht an die große Glocke gehängt, weil es dem offiziellen deutschen Philosemitismus nicht gut anstehen würde, die Einwanderungsfreiheit für russische Juden offiziell zurückzunehmen. Schließlich besitzt dieser Handelsartikel für eine aufstrebende Großmacht einen gewissen Wert auf dem weiten Feld der diplomatischen Winkelzüge irgendwo zwischen dem Ausbau deutsch-russischer Sonderbeziehungen, der Pflege des deutschen Sonderverhältnisses, dem Reiz einer fast einzigartigen Vermittlungsmacht im politischen ‘Niemandsland’ zwischen zerfallender GUS-Staaten und dem ausdehnungswilligen vorderasiatischen Judenstaat." (Gegenstandpunkt 4/97)

Kann man das mit dem Philosemitismus nicht irgendwie peppiger ausdrücken? Etwas mit Gutmenschen und ihrer Auschwitzkeule? Man kann: "Ein 400-Seelen Dorf in Brandenburg wehrt sich gegen den Zuzug von 60 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Sofort stürzen sich die gnadenlosen Gutmenschen, allen voran Ignatz Bubis, auf die offenbar verstockten ,Antisemiten‘, die sich in aller Unschuld nur um die Identität ihres Dorfes gesorgt hatten. Unter dem geballten Druck heben die Gollwitzer schließlich ihren Gemeinderatsbeschluß auf. Ein Lehrbeispiel, wie mit Hilfe der ,Auschwitz-Keule‘ gesellschaftlich-politische Veränderungen mit Brachialgewalt erzwungen werden." (Der Republikaner, 11/1997)

Doch falsche Aufgeregtheiten schaden nur. Man muß die Dinge dialektisch sehen. Die Zonis sind zwar erwiesene Antisemiten – andererseits gibt es in der Ex-DDR eine unentwirrbare Gemengelage aus der gültige unbestreitbare Tatbestände herausgefiltert werden können, nämlich daß Antisemitismus auf Deutsch Fremdenfeindlichkeit heißt und jedenfalls nichts mit Juden zu tun hat.

"Umfragen aus den Jahren 1993 und 1995 belegen manifeste antisemitische Einstellungen unter brandenburgischen Jugendlichen (...) Dennoch ist es m.E. richtig, von einer ,unentwirrbaren Gemengelage‘ von ,nationalistischen Ressentiments‘ und ,allgemeiner Fremdenfeindlichkeit‘ in den ostdeutschen Provinzen zu sprechen. Hier haben wir für die Ex-DDR gültige, unbestreitbare Tatbestände auch in Gollwitz unterstellt. Das mag ‘wissenschaftlich’ anfechtbar sein; es ist aber immer noch wahrscheinlicher als die umgekehrte These, in Gollwitz zeigten ,die Ossis‘ (oder ,die Deutschen‘) ihr wahres Gesicht." (Js. in ak 18.12.97)

Einen wirklichen Grund, in Gollwitz gegen die Gollwitzer zu demonstrieren hat es also nicht gegeben. Aber das war auch nicht nötig. Man weiß schließlich, von wem das alles ausging: "Linke Autoren schreiben sich wieder einmal ihre Wut und ihr nutzloses Besserwissen von der Seele (...) Publikumsbeschimpfung und Glaubensbekenntnis gleichzeitig". (ak, 23.10.97)

Wer so undifferenziert herumkrakelt, unterscheidet sich durch nichts mehr von der philosemitischen und volksfeindlichen Massenpresse. "Daß die ,bürgerlichen‘ Medienvertreter bei der Anklage gegen die Gollwitzer die staatliche Politik außen vor lassen, ist nicht verwunderlich. Schlimm finden wir, daß Leute, die sich als radikale Linke verstehen, dasselbe tun und sich allenfalls in der Schärfe der Anklage gegen die deutschen ,Volksgenossen‘ von der Massenpresse unterscheiden. Der Verdacht, daß sie damit ihren Abschied von gesellschaftsverändernder Politik legitimieren wollen, ist weder konstruiert noch bösartig." (Js. in ak 18.12.97)

Und unser Nachwuchstalent resümiert mit Befriedigung: "Wen wundert es da, daß sich ernsthafte Antifa-Gruppen geweigert hatten, den Demonstrationsaufruf zu unterzeichnen." (Murakami, jW 11.11.97) Die ernsthafte Antifa-Gruppe ist übrigens die Anitfaschistische Aktion Berlin.

Wir fassen zusammen und fragen mit Knut Mellenthin: Wer wen? "Ausländerfeindliche Politik wird in Bonn konzipiert, nicht in den Dörfern. Gollwitz, das ist auch ein Sündenbock, an dem sich von ,antideutschen‘ KleindarstellerInnen bis zu ReporterInnen der öffentlich-rechtlichen Medien alle, die es möchten und nötig haben, auf risikolose und unverbindliche Weise ihre eigene Vortrefflichkeit bestätigen können." (ak 23.10.97)

Bei Peter Murakami wird das Elend sozialisiert und die Barbarei nach unten getragen. Das mußte ja zu Widrigkeiten führen. "Die Methode ist einfach und altbewährt. Das soziale Elend wird sozialisiert und von den Eliten ferngehalten, die Barbarei der Konkurrenzgesellschaft nach unten getragen und damit bewußter sozialer widerstand verhindert. Die Widrigkeiten der Nachwendegesellschaft erscheinen den einen als von dumpfen Ostprovinzlern und den anderen als von Fremden verursacht. Teile und herrsche." (jW, 6.11.)

Weil Analyse und Kritik zusammengehören, hilft man sich gegenseitig aus. Murakami verschafft sich die Argumente aus dem ak und der ak die Informationen aus der jW. "Wenn nur die Hälfte dessen stimmt, was darüber in Neues Deutschland und junge Welt zu lesen war, dann hat die Strafexpedition gegen das Dorf den ,gehässigen‘ Vorwurf im ak-Aufmacher bestätigt. Mit einer Einschränkung: Ganz ,risikolos‘ war die Aktion nicht; wie es scheint, hat diesmal tatsächlich die Polizei eine weitere Eskalation verhindert‘ (jW)." (Js., ak, 18.12.97)

Wer "antikapitalistische Affekte", die lediglich falsch "kanalisiert" wurden (Pirker) und noch nicht emanzipatorisch umgeleitet, pauschal diskreditiert, findet sich auf Seiten der Staatsmacht und gegen das Volk wieder. Von Antideutschen jedenfalls "ließen sich die Gollwitzer nicht einschüchtern. Vor allem die nationale Jugend freute sich auf einen ,offenen Schlagabtausch‘ mit dem ,Lumpenproletariat’", analysiert der faschistische Pressedienst der Berlin-Brandenburgischer Zeitung 10.–24.11.97. "Diesen Haß zu schüren und gegen das kapitalistische System insgesamt zu wenden, ist seit jeher das Anliegen der Linken." (Js. in ak 18.12.97) Den Haß auf die "kraß ungleiche Verteilung des Reichtums" meinte er freilich, aber würden ihm die Berlin-Brandenburger darin ernsthaft widersprechen?

"Von den Gollwitzern lernen, heißt siegen lernen" ist nicht nur die Losung des brandenburgischen Fascho-Info-Dienstes. Auch der Klassenkampfexperte, der das mit der Kuhscheiße nicht so gut findet und insoweit noch mit einer gewissen inneren Distanz in Fragen des guten Geschmacks mit sich kämpft, macht klar: "Der zentrale Dissenspunkt aber ist vermutlich: ich behaupte, daß diese Deutschen, und sogar diese Gollwitzer, unser politisches Subjekt sind. Ich meine das wahrhaftig nicht persönlich. Es zieht mich zu diesen Leuten nichts, wirlich nichts hin. Es ist aber keine Frage des guten Geschmacks, sondern der grundsätzlichen politischen Option". (Mellenthin, ak 18.12.97)

Wie Knut Mellenthin hat auch Werner Pirker den ,scharmanten Bauern‘ (E. Henscheid) im Kreis Potsdam-Mittelmark nicht finden können, nur agrarische Idioten. Trotzdem sind sie antikapitalistischer Affekte fähig, weshalb sie Kanalisierte sind und keine Täter: "Der spontane, primitive Protest wird dämonisiert, die Idiotie ostdeutschen Landlebens zur Ursache allen Übels erklärt, die ewige ,deutsche Täterseele‘ zur einzig zulässigen faschismustheoretischen Kategorie erhoben. Weil antikapitalistische Affekte rassistisch kanalisierbar sind, gerät jeder antikapitalistische Ansatz in den Verdacht der Komplizenschaft mit den Tätern." (jW, 16.9.)

Womit nur noch zu klären bliebe, ob die "Idiotie ostdeutschen Landlebens" Wesen des Klassenkampfes ist oder lediglich fehlgeleitete Erscheinung. Dieses Rätsel hat eine Genossin gelöst, die dem Klassenwesen des Zeitgeistes mutig zu Leibe rückt, weil sie weiß, daß der fruchtbare Schoß Siemens heißt und Rattenfänger gebiert: Ellen Brombacher, Idiotin des Klassenkampfes: "Das ist das Klassenwesen des Zeitgeistes. Die Gollwitzer tragen Verantwortung und sind Verführte. Die eigentlich Anzuklagenden sind die Verführer und das System, welches der Rattenfänger wieder bedarf. Der Schoß blieb fruchtbar, aus dem das kriecht. Der Schoß, das waren und sind vor allem Großkonzerne und -banken. Es ist genau zu bedenken, wer in erster Linie anzuklagen ist. Wir sollten uns nicht unbedacht in das System der Hackordnung einfügen". (jW 15.11.97)

Justus Wertmüller (BAHAMAS 25/1998)