Handbuch der Inquisitoren

Aktualisierte Ausgabe im Schwarzbuch-Format

Den intellektuellen Streitern wider den "Intellektualismus" und "Rationalismus", die sich in der Weimarer Republik für einen Beitritt zur NSDAP noch zu fein waren und ihre völkische Hetze aus der Grauzone von Deutschnationaler Volkspartei und Konservativer Revolution betrieben, rieb Kurt Tucholsky im Februar 1932 die Voraussetzungen ihres fanatischen Antiintellektualismus unter die Nase: "Daß Kinder von Bauern und Kleinbürgern diese Bildung genießen konnten, ist ein Werk des Intellektualismus gewesen." Friedrich Hussong, Chefkommentator im Hugenberg-Konzern und einer der Wortführer jener bildungsfeindlichen Bildungsaufsteiger hatte kurz zuvor verkündet: "Volkheit ist Glaube und Wachstum ... Der Geist ist in der Volkheit, bei dem Intellektualismus ist nur Gewitztheit." Dem "gewitzten" Tucholsky fiel es nicht schwer, auf die Grundlagen des verklärten "Geistes" zu verweisen: "Hussong und die Seinen, sie sind Kinder des Systems, das sie so sehr verdammen. ... Das ganze Kleinvolk, das sich heute die Kehlen gegen die Ratio, gegen die Liberalen, gegen die Demokratie heiser brüllt, wäre nicht, wenn die Aufklärer nicht gewesen wären." (1)

Die antitotalitären Apologeten der wehrhaften Demokratie von heute wären nicht, wenn die Kommunisten nicht gewesen wären. Jedenfalls nicht die, zu deren Referenzen das Zertifikat "68er" gehört. (2) Den Kommunisten verdanken sie weniger den Anlaß ihrer publizistischen Randale – sie könnten heute ebenso gegen Sekten, Serben oder Sozialbetrüger zu Felde ziehen und tun dies zum Teil ja auch –, sondern vor allem ihr bescheidenes intellektuelles Rüstzeug und die in diversen linken Kleingruppen nach 68 ausgebildete Missionars-Mentalität, inklusive den Hang so mancher Missionare, die Mönchskutte gegen die Robe des Inquisitors einzutauschen.

Analogien sind immer ein wenig krumm und schief, selbst wenn sie sich förmlich aufdrängen. Ganz sicher wären viele dieser Leute ohne die Kommunisten nicht "nichts", sondern durchaus "etwas", schließlich stammen die meisten ja aus sogenannten "guten Familien". Außerdem unterscheidet die völkischen Antirepublikaner von 1919 bis 33 und die fundamentalistischen Antikommunisten seit 89 auf den ersten Blick mehr als sie verbindet. Gegen Demokratie und Liberale schreit sich heute niemand mehr die Kehlen heiser und gegen die Ratio nur noch dann, wenn ethnische Identität und gesundes Volksempfinden sich als wasserdichter denn "formalistisches Prozedere" und "Parteiengezänk", mithin als zweckrational für das nationale Anliegen erweisen. Auch die Kennzeichnung "Kleinvolk" dürfte nicht nur aufgrund der sozialen Herkunft, sondern vor allem angesichts massenmedialer Präsentation der Akteure als Stars nicht ganz zutreffend sein. Mögen ihre intellektuellen Leistungen das Niveau der durchschnittlichen Leser und Zuschauer auch nicht überschreiten, so sind sie doch auf eine Weise gegenwärtig, die eine Organisierung der Anhängerschaft in speziellen Vereinigungen – wie dies in der Weimarer Republik der Fall war – überflüssig macht. Außerdem zeigt ja gerade das Erscheinen des "Schwarzbuch des Kommunismus" im traditionell nicht antiintellektuellen Frankreich, daß vormals typisch deutsche Regressionserscheinungen auf dem globalen Markt der Meinungen und Lebenshilfen nun für jeden, der sie sich leisten will, zur Verfügung stehen.

Hinzu kommt: Wer heute als antikommunistischer Welterlöser sein Glück versucht, rennt sperrangelweit geöffnete Türen ein und findet sich an Ort und Stelle unversehens mit zu allem bereiten Konkurrenten konfrontiert. Der "generalisierte antitotalitäre Impuls" dessen Mangel die TAZ-Autorin Ulrike Ackermann den Linken ankreiden zu müssen glaubt (TAZ 1.12.97), ist heutzutage nicht gerade dernier cri. Als Stéphane Courtois, Herausgeber des "Schwarzbuch", glaubte, mit seiner Forderung nach einem "Nürnberger Tribunal des Kommunismus" einen Überraschungscoup gelandet zu haben, wurde er postwendend mit der Information desillusioniert, Front-National-Chef Jean Marie Le Pen habe dieses Terrain schon vor längerem für sich reklamiert. Um sich der Gefahr eines solchen Malheurs erst gar nicht auszusetzen, entsagte Courtois’ deutscher Gesinnungsfreund Daniel Cohn-Bendit daraufhin der Versuchung, stets zu den ersten in Sachen Tabubruch zu gehören. Auf die Feststellung, sein Antikommunismus erinnere an den des Geschichtsrevisionisten Ernst Nolte, entgegnete er in einem Tagesspiegel-Interview (29.11.97) ebenso generös wie abgeklärt: "Wenn Nolte sagt, hier geht der Mond auf, und da geht er unter, hat der Mann ja auch recht." Die taktisch klug gemeinte Gelassenheit zahlte sich nicht aus. Nur eine Woche später sollte wieder ein anderer – älterer – das Rennen machen. Franz Schönhuber verwahrte sich auf einer gemeinsam mit Le Pen in München veranstalteten Pressekonferenz dagegen, "die Geschichte einseitig zu interpretieren und Auschwitz zu instrumentalisieren." Allein der Gerechtigkeit halber forderte der frühere Republikaner-Vorsitzende "ein Gesetz gegen die Verharmlosung dessen, was die Kommunisten in dieser Welt getan haben."

Langer Bart und traurige Gestalt

Das Zuspätkommen scheint nicht nur ein bezeichnendes Merkmal der "Schwarzbuch"-Autoren und ihrer geschäftigen Trittbrettfahrer zu sein – schließlich gehört das Marktsegment des fundamentalistischen Antikommunismus zu den inzwischen am meisten ausgeplünderten Claims der ideologischen Goldgräberzunft –, es ist wohl auch ein Signifikant des europäischen Post-68er-Linken generell. Als Ritter der traurigen Gestalt verwandelte er sich zunächst in den halluzinierten Archetypus des Klassenkämpfers, dem im Klassenk(r)ampf zu wenig Köpfe rollten und dem die "Diktatur des Proletariats" zu wenig diktatorisch war. Ähnlich Don Quixote, der zu einer Zeit seine tragikomische Heldenexistenz entwarf, als die Epoche der Ritter zwar schon vergangen, doch in der Literatur noch omnipräsent war, formulierte auch der Post-68er-Linksradikale Texte und Regieanweisungen seiner Inszenierungen vermittels einer quixotischen Ineinssetzung von äußerst lebendigen Polit-Mythen und einer diesen bereits entwachsenen gesellschaftlichen Realität. Das klassenkämpferische Proletariersubjekt war um 68 längst in der staatsbürgerlich vergesellschafteten Geldmonade aufgegangen. Ihm nachfolgende Mythen ökologischer und zivilgesellschaftlicher Provenienz konnten sich nur deshalb einer gewissen Scheinblüte erfreuen, weil sie, ebenso wie die Idylle einer naturwüchsigen Proletariergemeinschaft, dem Geborgenheitsbedürfnis von Leuten entgegenkam, die sich irgendwie zu weit aus dem Fenster gehängt zu haben schienen. Das dabei empfundene Schwindelgefühl, Böswillige sprachen auch vom "intellektuellen Selbsthaß", bewirkte quasi reflexartig eine Vermeidungshaltung, bei der die Individuen wie alle anderen auch mit den Füßen mehr schlecht als recht durch den Nebel unverstandener gesellschaftlicher Existenz schlurfen, während ihr Geist dessenungeachtet in den lichten Sphären einer heroischen Vergangenheit ein als Kredit auf eine bessere Zukunft deklariertes Gnadenbrot bezieht.

Dieses bemerkenswerte Phänomen eines "cultural lack" zeichnet auch noch die antitotalitären Geisterjäger von heute aus. 1997 applaudiert der Spiegel Stéphane Courtois ob seiner gelungenen Selbstinszenierung: "Mit seinem langen Bart und seinen mächtigen Gesten wirkt Courtois selber wie ein russischer Dissident der späten Breschnew-Jahre." Courtois war von 1968 bis 1973 militant der maoistischen Gruppe "Vive la Revolution". Ließ deren von Courtois mitverfaßte Polit-Prosa oft an mißlungene Parodien der Ergüsse Dostojewskischer "Dämonen" denken, so scheint sich der heutige solitair democratique von den Inspirationen des französischen Grand-Guignol-Theaters der ersten drei Jahrzehnte dieses Jahrhunderts, einem Vorläufer der heutigen Splatter-Movies, leiten zu lassen. In dem ab Ende der 20er Jahre zur Aufführung gekommenen Grand-Guignol-Einakter "Sabotage" wird einem Gewerkschafter seine Klassenkampf-Obsession zum familiären Verhängnis. Während er, statt zu arbeiten, auf Versammlungen für den Generalstreik agitiert, erleidet sein an Diphterie erkranktes Kind einen Erstickungsanfall. Der von der Mutter herbeigerufe Arzt versucht mit einer Notoperation das Kind zu retten. Plötzlich fällt der Strom aus, der Generalstreik hat begonnen; das Kind stirbt. Als der Gewerkschafter triumphierend nach Hause kommt, wird er von seiner gerade wahnsinnig werdenden Frau mit dem Worten "Mörder, Du hast Deinen Sohn getötet" empfangen. Courtois muß gerade diese Schlußszene beeindruckt haben. In einem Interview mit dem konservativen Figaro (13.11.97) macht er die französische KP für das Entgleisen eines Expresszuges im Jahre 1947, bei dem 16 Menschen starben, verantwortlich. Die KP trägt die Verantwortung, weil sie zum Streik aufgerufen hat, und nicht etwa die staatliche Eisenbahn, weil sie trotz des Streiks Züge fahren ließ. Wie im Grand-Guignol wird aus der Verantwortung schnell eine direkte Täterschaft. Courtois im Interview mit der liberalen Zeit eine Woche später: "Während des großen Streiks von 1947 ließ die PCF den Expreßzug von Paris nach Lille entgleisen, was sechzehn Menschen das Leben kostete. Frankreichs demokratisches System verhinderte, daß die PCF heute mehr Blut an den Händen hat."

Franz Kafka äußert in einem nachgelassenen Fragment die Ansicht, Don Quixote habe ausschließlich in der projektiven Phantasie seines Knappen Sancho Pansa gelebt. Ihm, so Kafka, "gelang es im Laufe der Jahre, durch Beistellung einer Menge Ritter- und Räuberromane in den Abend- und Nachtstunden seinem Teufel, dem er später den Namen Don Qixote gab, derart von sich abzulenken, daß dieser dann haltlos die verrücktesten Taten aufführte, die aber mangels eines vorbestimmten Gegenstandes, der eben Sancho Pansa hätte sein sollen, niemandem schadeten." Vielleicht sind die quixotischen Post-68er die zur Nützlichkeit gebändigten Teufel des staatsbürgerlichen Unbewußten. Denn auf verquere Weise sprechen die bislang vorliegenden Elogen auf das "Schwarzbuch" immer auch von den Leichen im eigenen Keller. Zwar wird die Topographie des früheren Feind-Territoriums akribisch vermessen: "Von Rußland bis Vietnam, von der ehemaligen DDR über Äthiopien und Kambodscha bis China, Cuba, Nordkorea wird eine Bilanz erstellt. Der Befund ist niederschmetternd." Doch alsbald ist man wieder zu Hause: "In Lateinamerika sind Castro und den Sandinisten rund 150.000 Bürger zum Opfer gefallen. Für Afrika verbuchen die Autoren in Angola, Mocambique, Äthiopien 1,7 Millionen Tote." (FAZ 13.11.97) Hier werden Opferbilanzen erstellt, in die all jene eingeschlossen sind, die aufgrund der in diesen Ländern stattgefundenen westlich-demokratischen Militärinterventionen, Bürgerkriege und wirtschaftlichen wie militärischen Blockaden starben. Schuld an ihrem Tod sind selbstverständlich nicht die Urheber dieser Maßnahmen, sie sind im eigentlichen Sinne auch gar nicht die Urheber. Es war die Vermessenheit eines Aufbegehrens gegen die natürliche Ordnung des Kapitals, die Ordnung von frühem Tod an Hunger und anderswo leicht kurierbaren Krankheiten, die Vermessenheit, ein Stück vom Kuchen des Reichtums abbekommen zu wollen, ohne die Alternative "bezahl oder stirb", die all diese Menschen zu Tode brachte.

Ein Apell zur intellektuellen Selbstbeschränkung

Diese Vermessenheit hat in der bürgerlichen Gesellschaft seit langem einen Namen: Kommunismus. Gegen ihn einzuschreiten, auch mit Massenliquidierungen wie das chilenische Militär in den 70er Jahren – auf sein demokratisches Konto gehen mindestens 30.000 Tote –, ist nicht nur ein Menschenrecht, sondern geradezu eine staatsbürgerliche Pflicht. Die Staatsanwaltschaft am "Sondergericht für Terrorismus und Finanzvergehen" im demokratischen Spanien hat dies Mitte Dezember nachdrücklich bestätigt. Eine Klage von Angehörigen in Chile ermordeter und verschwundener Spanier wurde mit dem Verweis auf die rechtstaatlich gebotene Notwendigkeit der Militärmassaker abgewiesen. Für die demokratischen Juristen handelte es sich um "eine vorübergehende Suspendierung der verfassungsmäßigen Ordnung ..., um die Unzulänglichkeiten dieser Ordnung zu beheben und den Frieden zu wahren." (laut TAZ 12.12.97) Demnach gereicht es dem General Pinochet juristisch nicht zum Nachteil, daß er 1973 das "Schwarzbuch des Kommunismus" noch nicht kennen konnte. Schließlich handelten er und auch seine Kameraden anderswo schon immer in der ehrlichen Überzeugung, ausschließlich Schlimmeres zu verhindern.

Die "Schwarzbuch"-Autoren bringen also nicht Neues in die gleichförmige Welt einer natürlichen Ordnung von verdientem Reichtum und ebenso verdienter Armut. Das Nette an ihnen aber ist, daß sie selbst einmal zu den widernatürlich Verblendeten gehörten; selbst wenn dies solange zurückliegen mag, daß es heute kaum noch wahr erscheint, hat dieser Umstand doch etwas Beruhigendes. Das bürgerliche Publikum kann die historiographischen Abenteuer seiner Don Quixotes auf eine Weise goutieren wie Kafkas Sancho Pansa. Der, "ein freier Mann, folgte gleichmütig, vielleicht aus einem gewissen Verantwortlichkeitsgefühl, dem Don Qixote auf seinen Zügen und hatte davon eine große und nützliche Unterhaltung bis an sein Ende."

Die Gleichmütigkeit der freien Staats- und Marktsubjekte beinhaltet auch die Muße zu Debatte und Interpretation. Dazu gehört das freimütige Einräumen mancher Übertreibung, Fälschung und Hochstapelei im "Schwarzbuch"; bei acht- bis neunstelligen Opferzahlen kommt es schließlich auf einige Millionen weniger nicht an. Dazu gehört auch die demokratische Auseinandersetzung um den Sinn des ganzen. In ihr bleiben allerdings Gleichmut und gelassene Überzeugung, die eigenen Teufel gebannt zu haben, schon nach kurzer Zeit auf der Strecke. Apokalyptische Stimmungen und dunkle Visionen setzen sich durch, das Publikum wähnt sich in einer von barbarischen Wilden umlagerten Festung. Als befähigter Conferencier solcher Seancen macht der einst kluge, durch Entführung, Mißhandlung und die anschließend wohlwollende Aufnahme in die mediale Volksgemeinschaft zum Durchschnittstempo haltenden Mitläufer geläuterte Jan Philipp Reemtsma von sich reden. Auf einer wohl auch aus Anlaß des "Schwarzbuch"-Erscheinens vom Reentsmaschen "Institut für Sozialforschung" mitveranstalteten Tagung – "Genozid in der modernen Geschichte" – behandelte er kürzlich laut dem anwesenden Protokollanten des Tagesspiegels (9.12.97) "den Begriff einer Rhetorik des ,Noch‘, derer sich namentlich die Täter oder Anstifter zum Genozid bedienen. In dieser ,Rhetorik‘ ... bilde sich jeweils ein moralisch geprägtes Selbstbild ab. Es finde sich innerhalb des kommunistischen Systems verkapselt in einer ,Rhetorik der eschatologischen Säuberung‘. Diesseits einer am politischen Horizont aufscheinenden Zeitschwelle erscheint ,noch‘ alles erlaubt."

Was Reemtsma hier "in betont unaufgeregter Diktion" vortrug, ist nicht nur der Exorzismus des vom Heiligen zum Teufel gewandelten Ernst Bloch samt seiner Theologie des "Noch nicht" und des "Vorscheins", wenngleich ihm dies bei manchen der Anwesenden, die sich noch kurz vor 89 durch Bloch-Texte hindurchquälen mußten, einen gewaltigen Sympathiebonus eingebracht haben dürfte. Auch handelt es sich nicht nur um den gleichermaßen sympathieträchtigen Appell zur intellektuellen Selbstbeschränkung eines ehedem Ambitionierten. Wenn jenseits des bestehenden "Noch" Tod und Vernichtung, wie im "Schwarzbuch" bilanziert, auf die Unschuldigen warten, wenn demzufolge die Formulierung des "noch" bestehenden Zustandes als eines zu Überwindenden zwangsläufig in den Generalverdacht einer "Rhetorik der eschatologischen Säuberung" gerät, dann ist das Plädoyer des engagierten Intellektuellen auch eins für das permanente demokratische Notstandsregime, all inclusive. Das heißt, auch für die eigene Selbstabschaffung. Womit wir wieder bei der Eingangsanalogie wären.

Doch scheint’s, der Intellektuelle kann von seiner eingebildeten Berufung zum Denken ebensowenig lassen wie andere Besessene von ihren Obsessionen. Wie beispielsweise päderastisch veranlagte Personen der nachteiligen Verfestigung ihrer Triebschicksale als Kinderschänder durch eine Anstellung als Sportlehrer, Jugendgruppenleiter etc. zumeist erfolgreich entgehen können und die Gesellschaft Menschen mit ausgeprägten sadistischen Neigungen nutzbringend in Verwaltung und Exekutive zu integrieren vermag, also vieles von dem, was gemeinhin dem Verdikt schädlich und destruktiv anheimfällt, in Produktiv-Energie verwandelt werden kann, so findet auch der Intellektuelle unter der Ägide seiner selbstverordneten antitotalitären Beschränkung noch Möglichkeiten einer zum gesellschaftlichen Nutzen sublimierten Entfaltung. Warum sollte schließlich die allgemein als Bedingung jeden Denkens anerkannte Fähigkeit zur Unterscheidung dem Totalitarismus Vorschub leisten? Vorausgesetzt, sie wird verantwortungsbewußt genutzt.

Seiner Verantwortung eingedenk, darf der antitotalitäre Intellektuelle seine Nützlichkeit auch schon mal im Tonfall der Entrüstung formulieren, wie der TAZ-Autor Alexander Arenberg (14.1.98): "Daß Nationalsozialismus und Kommunismus nun gleich sein sollen, geht zu weit." Die Gleichsetzung übersehe den entscheidenden Unterschied: " ... der Kommunist ist ein fröhlicher, zukunftsfroher, der Nationalsozialist ein panischer Mörder." Die Gleichsetzung verdecke aber auch unterschiedliche Bedrohungspotentiale. Die einen hängen nämlich der ehedem den Juden zugeschriebenen Ritualmord-Liturgie an: "Morden ist für den Kommunismus Transsubstantiation. Im Blut des Klassenfeindes wird die klassenlose Zukunft geboren, wird die Utopie real. Durch Vernichtung zur Erlösung, durch Tod zum Leben." Die anderen hingegen unterscheiden sich kaum von den vertrauten Erscheinungen heutigen Geisteslebens: " Der Nationalsozialismus aber ist die ewige Wiederkehr des Gleichen, verspäteter Manichäismus, dumpf und düster, abwegig."

Kinder – Kulaken und Juden

Knapp ein Jahrzehnt zuvor war Ernst Nolte, vom gleichen Differenzierungsbedürfnis angetrieben, zur rhetorischen Frage: "War nicht der Archipel Gulag ursprünglicher als Auschwitz?" gelangt. Damals wurde Nolte ungerechtfertigterweise der Gleichsetzung geziehen, wo er doch nur eine für die deutsche Identität notwendige Unterscheidung anstellen wollte. Welche Konsequenzen eine solche Ignoranz des Publikums hätte haben können, wurde der schon zitierten Ulrike Ackermann nach Kenntnisnahme des Schwarzbuch-Erscheinens klar: "Für eine auf die Singularität nationalsozialistischer Verbrechen mühsam aufgebaute negative deutsche Identität hat das ,absolut Böse‘ nur einen ausschließlichen Ort: Auschwitz. Eine Identität, die ihre eigene Brüchigkeit ahnt und deshalb diese umso vehementer verteidigt." Aus die-ser, nicht nur von Ackermann gewonnenen, Erkenntnis entsprang wohl die eigenartige Dialektik von Gleichsetzung und Unterscheidung, mit der gerade deutsche Antitotalitaristen ihr Publikum beeindrucken.

Erster Schritt der kühnen Gedankenakrobatik: "Der Hungertod eines ukrainischen Kulakenkindes, das einer von Stalin absichtlich herbeigeführten Hungersnot zum Opfer fiel, zählt genausoviel wie der Tod eines Judenkindes, das im Warschauer Ghetto von den Nazis ausgehungert wurde." (Courtois laut Spiegel 48/97) Zweiter Schritt: "Aber das bolschewistische Projekt unterschied sich von dem der Nazis grundlegend. ... Die nationalsozialistische Idee und Praxis zielte vor allem auf die radikale Aussonderung, die Selektion. Sie ging von der prinzipiellen Gesundheit und Einheitlichkeit des Volkskörpers aus – von dem lediglich die ,artfremden‘, ,degenerierten‘ und ,kranken‘ Elemente abgestoßen oder abgetrennt werden müßten." Zwar scheinen sowohl die Anführungsstriche bei den Eigenschaften der "abgestoßenen" und "abgetrennten" "Elemente" wie deren Fehlen bei der Attributierung des "Volkskörpers" auf Ernst Nolte hinzuweisen, doch stammt diese Erkenntnis von Gerd Koenen, ehemaliges ZK-Mitglied des Kommunistischen Bund Westdeutschland und kongenialer Übersetzer der Ideen Pol Pots ins Deutsche. (3) Man glaubt beim Lesen förmlich dem unangenehmen Odeur der Koenen-Ackermannschen Erleichterungsstoßseufzer ausgesetzt zu sein: "Gottseidank würden wir als reinrassige, gesunde und stets anstellige Deutsche niemals solch ,radikaler Aussonderung‘ anheimfallen." Koenen gibt seiner Erleichterung im Tonfall des ausschließlich den Fakten verpflichteten Historikers Ausdruck: "Gegenüber den engeren ,Volksgenossen‘ überstieg der Naziterror kaum das Maß einer brutalen Diktatur konventionellen Zuschnitts. 1937/38 saßen in den Konzentrationslagern und Gefängnissen Deutschlands einige zehntausend politische, ,sozial schädliche‘ und rassische Häftlinge. Die Zahl der Ermordeten rechnete nach Hunderten eher als nach Tausenden." Der so Rechnende würde es sich wohl verbitten, mit einer anderen Rechnung aus der gleichen Zeitung konfrontiert zu werden. Dort war nämlich vier Tage zuvor von "etwa sechzehntausend Todesurteilen, die während des ,Dritten Reiches‘ von zivilen Strafgerichten verhängt und meist auch vollstreckt wurden" (4) die Rede. Einerseits, würde Koenen wohl anführen, sei nicht geklärt, wie "eng" das Verhältnis dieser Toten zum "Volkskörper" gewesen war, andererseits müsse es doch zumindest als fraglich gelten, ob bei Hinrichtungen aufgrund rechtskräftiger Todesurteile von "Mord" gesprochen werden dürfe. Und schließlich, aber das würde Koenen nicht so ausdrücklich bekennen, geht es bei seiner Rechnung nur zu einem kleinen – für die Auflösung der Denksportübung Dialektik von Gleichsetzung und Unterscheidung jedoch unabdingbaren – Teil um Deutschland. "Die entsprechenden sowjetischen Ziffern", so Koenen in Übereinstimmung mit den meisten deutschen Antitotalitaristen, "gingen zur selben Zeit in die Hunderttausende und Millionen – Ausdruck eines organisierten sozialen Massenterrors, noch mitten im Frieden, der nach jedem Maßstab, den man anlegen könnte, beispiellos war."

Damit ist die Ausgangsthese – totes Kulakenkind "zählt genausoviel" wie totes Judenkind – erfolgreich "aufgehoben". Was Stalin "mitten im Frieden" praktizierte, dazu sah Hitler sich erst im Weltkrieg genötigt. Praktizierte NS-Deutschland den "einer brutalen Diktatur konventionellen Zuschnitts" üblicherweise zukommenden Terror, überstieg der sowjetische "jeden Maßstab", war "beispiellos". Hier wird der Unterschied zwischen dem französischen Original einer demokratischen Heilslehre und ihrer Nutzanwendung für speziell deutsche Bedürfnisse deutlich. Deutlich wird aber auch die sogar im demokratisch-nationalistischen Sinne unverantwortliche, ja erbärmliche Zuarbeit gewendeter Post-68er in Frankreich für die deutsche "Normalisierung". (5) Denn schon die Courtoissche Gleichsetzung von totem Kulakenkind und totem Judenkind ist eine Lüge, die deutsche Geschichtsrevisionisten zur Selbstbedienung einlädt. "Wahr" an dieser Gleichsetzung ist nur, daß beide Kinder tot sind und daß beide auf gewaltsame Weise ums Leben kamen. Die bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen sowjetischem Staat und den als Kulaken bezeichneten Privat-Bauern zu Beginn der 30er Jahre als staatlichen Genozid zu bezeichnen ist mehr als unredlich.

Für den Hungertod des Kulakenkindes sind ebenso wie der sowjetische Staat auch dessen Eltern, die von der privaten Scholle und der bereicherungsträchtigen Verfügung über deren Früchte nicht lassen konnten, verantwortlich. Schließlich ging es damals um die Alternativen Privatbesitz oder Kollektivierung. Zur letzten Alternative wurden die Privat-Bauern schließlich mehr oder weniger gezwungen. Ihr dagegen gerichteter Widerstand veranlaßte die staatliche Seite zu einer Reihe von Terrormaßnahmen, einschließlich Massenhinrichtungen und Deportationen in Zwangsarbeitslager. Die Durchsetzung der ersten Alternative (Privatbesitz) hatte jedoch bereits in den 20er Jahren zu Hunger (und das hieß auch Verhungern) geführt. Als 1928 staatlicherweise die Preise für Agrarprodukte auf ein niedriges, das heißt für Nicht-Privat-Bauern erschwingliches, Niveau fixiert wurden, setzten sich die Kulaken mit Boykott-Maßnahmen und der verstärkten Entfaltung von Schwarzmärkten zur Wehr. Der Staat reagierte auf diesen Widerstand, und um seinen ehrgeizigen Industrialisierungsprojekten eine gesicherte Versorgungsbasis zu verschaffen, mit dem Beschluß zur Kollektivierung der Landwirtschaft. Als Stalin Ende 1929 (6) die berüchtigte Losung "Liquidierung der Kulaken als Klasse" verkündete, war in weiten Teilen der SU bereits ein informeller Bürgerkrieg im Gange. Privat-Bauern waren eher bereit, ihre Ernten zu vernichten, als sie zu den staatlich fixierten Preisen feilzubieten. Gegenüber den aus Stadtbewohnern zusammengestellten Beschlagnahmungsgruppen setzten sie sich bewaffnet zur Wehr. Die Kulaken verloren diese Auseinandersetzung mit für sie katastrophalen, und in den meisten Fällen wohl nicht zu rechtfertigenden Folgen. Dennoch betrafen diese Folgen nur diejenigen Kulaken, die sich der Kollektivierung widersetzten. Auch wer davon ausgeht, daß die Verteidigung privaten Besitzes eine quasi naturrechtlich legitimierte Notwehrmaßnahme darstellt, kommt um den politischen Subjektstatus der Kulaken nicht herum. Die Kulaken waren im politischen Sinne antagonistische Partei. Sie kämpften für eine den Absichten des Staates entgegenstehende sozial-politische Ordnung. Diese zu erringen, hielten sie auch angesichts der ihnen bekannten staatlichen Gegenmaßnahmen für gerechtfertigt. Angesichts dieser bekannten (7) Geschichte den Unterschied von totem Kulakenkind und totem Judenkind noch einmal erläutern zu wollen, wäre mehr als makaber; eine solche Absicht fände sich zwangsläufig auf einen der zahlreicher werdenden Schauplätze zur Verhöhnung der ermordeten Juden verwiesen.

Details der Geschichte

Wenn die Opfer sozialer und politischer Auseinandersetzungen den Opfern der antisemitischen Massenvernichtung gleichgestellt werden, dann kann diese Gleichung natürlich auch umgekehrt gelten. Die ermordeten Juden können dann zu den vielleicht bedauerlichen, aber unvermeidlichen Enststehungskosten moderner Staatlichkeit gezählt werden. Schließlich bauen alle Staaten auf historischen Leichenbergen auf, und wer die bei deutschen Rechten beliebte Datierung des Beginns des "totalitären Zeitalters" auf 1789 kennt, ahnt auch, welche Interpretation hierzulande angestrebt wird. Der derzeit gültige Standard des Totalitarismus-Begriffs, der sein Erkenntnisobjekt in die phänomenologische Klammer von Kommunismus einerseits und Nationalsozialismus andererseits einzwängt, mag den deutschen Ambitionen noch eine Zeit lang standhalten. Wie lange noch, darüber scheint man sich in Frankreich inzwischen Gedanken zu machen. Einer, von dem man dies nicht unbedingt an erster Stelle erwartet hatte, der mit antitotalitären Lorbeeren reichlich behängte Bernard-Henri Lévy, äußerte Ende vergangenen Jahres sein Unbehagen über das gemeinsame Aufgehen von Auschwitz und Gulag im Totalitarismus-Begriff (8). Lévy besteht auf der Priorität des Vergleichs "zweier Arten" (NS und Stalinismus) "einer Gattung" (Totalitarismus). Die "Verweigerung des Vergleichs" zeichne gleichermaßen die traditionelle Linke wie ihre antitotalitären Kritiker aus und führe bei diesen zu "fast noch perverseren Wirkungen".

Dazu zähle vor allem die Herauslösung des Nationalsozialismus aus seinen Entstehungsbedingungen. Ähnlich wie die pietätvollen Versuche "die Shoah in einer heiligen Exterritorialität zu belassen" sei der Versuch zu werten, "sie im langen Strom der menschlichen Leiden zu verwässern". Lévy bewertet folgerichtig auch dies als Geschichtsrevisionismus, als "die Kehrseite des Details", das für Le Pen, wie dieser in seiner Münchener Pressekonferenz wiederholte, die Gaskammern darstellen.

Was immer in Frankreich aus den Lévyschen Einwänden werden mag, in Deutschland hätten sie von vornherein kaum eine Chance auf Gehör, geschweige denn auf Diskussion. Der deutsche Antitotalitarismus soll abschließend noch einmal am Beispiel einer Persönlichkeit gewürdigt werden, die sich früher viel auf die popularisierte Verbreitung französischer Meistergedanken zugute hielt. "Die Totalitarismusdebatte ist permanent notwendig" deklamiert Daniel Cohn-Bendit im eingangs zitierten Tagesspiegel-Interview. Und wer kann dazu schon kompetentere Beiträge liefern als jemand, der bereits "während der Studentenrevolte 1968 die Mitstreiter darauf hinwies, daß wir im besseren der beiden deutschen Staaten leben, daß die DDR eine Diktatur ist." Statt mit einem herzlichen har har und dem diskreten Hinweis auf "Linksradikalismus – Gewaltkur gegen die Alterskrankheit des Kommunismus" (9) die Kompetenz des Schlaumeiers zu unterstreichen, fährt die Interviewerin mit einer verlegenen Frage nach eventuellen "Vorzügen" der DDR fort. Der "zweisprachige Soziologe" (Tagesspiegel) gerät nun in Rage: "... Die Augen wurden verschlossen gegenüber den Spartakiaden, der rücksichtslosen Ausbeutung der Kinder im Sport, dem Doping von Zwölfjährigen, den Schuluniformen ..." Hier kommt es zu einer Blitz-Intervention der Interviewerin: "Die es auch in England gibt." Cohn-Bendit: "Was sie nicht besser macht. Tatsache ist: die haben ihr Volk eingesperrt in der DDR: fertig."

Eine Woche später (7.12.97) fühlte sich der Tagesspiegel veranlaßt, der permanenten Notwendigkeit der Totalitarismusdebatte durch ein weiteres Dokument deutschen Differenzierungsvermögens Rechnung zu tragen. Der vormals das antifaschistische Deutschland repräsentierende Schriftsteller Hermann Kant stellt in einem Leserbrief die "Frage eines Vaters, dessen vier Kinder in der DDR zur Schule gingen, während zwei von ihnen jetzt in England zur Schule gehen: Macht es die DDR-Schuluniformen wenigstens dann besser, wenn es sie gar nicht gegeben hat?" Da Kant keine weiteren Fragen hatte, konnte die Redaktion "einen Fehler eingestehen: sowohl der Interviewte als auch die Interviewerin meinten die Uniformen der Jungen Pioniere". Und wenn nicht die, dann eben etwas anderes. Auschwitz, Gulag, Doping – alles die gleiche Soße: fertig.

Horst Pankow (BAHAMAS 25/1998)

 

Anmerkungen:

1) Kurt Tucholsky alias Ignaz Wrobel in Weltbühne Nr.7, 16.2.1932, S. 262. Angesichts der aktuellen Tucholsky-Präferenz linksnationalistischer Republik-Verbesserer mag solche Zitierung verwundern. Gerade deren peinlichste Vertreter, wie die Herausgeber des grotesken Weltbühne-Remakes Ossiezky in der im Dezember 97 vorgelegten Nullnummer, glauben, mit der tumben Dichotomie von Heimat und Staat, die der Autor auf entsetzlichste Weise im Schlußkapitel seines für einen Deutschen bemerkenswert treffsicher-satirischen Buches Deutschland, Deutschland über alles entwickelte, debütieren zu können: "Kurt Tucholsky schrieb einmal: ,... was gegeben wird, soll der guten Sache dienen: dem von keiner Macht zu beeinflussenden Drang, aus Teutschland Deutschland zu machen.‘ Den Worten unseres Vorredners möchten wir uns anschließen." Besser, wir unterbrechen diese Leute nicht beim Verdeutschen des Teutschen und widmen uns später einmal der für Tucholsky letztlich tödlichen Ambivalenz von sentimentaler Heimatduselei und rational motivierter Herrschaftskritik.

2) Und sicher auch nicht die, deren hegelianisch inspirierte Welterlösungsphantasmen ihnen den Übergang vom sowjetischen "Sozialismus in einem Land" zur westlichen Ideologie von "freedom and democracy" noch in den 50er Jahren reibungslos ermöglichten. Dennoch fällt es einem heutzutage nicht leicht, den Wunsch, die vergangene, in der mehrfachen Bedeutung es Wortes festzustellende, "Orginalität" der Manés Sperber et al. gegen ihre billigen Plagiatoren in Gestalt der ehemaligen K-Gruppen-Fürsten (Schmierer, Semler usw.) in Schutz zu nehmen, einfach als nur lächerlich abzutun.

3) Koenen selbst schreibt darüber in der FAZ (25.7.97): "Als das angebliche Grundlagendokument eines ,Steinzeitkommunismus‘ galt die Pariser Dissertation Khieu Samphans, der später den nom de guerre Pol Pot annahm. Ich hatte sie damals aus dem Französischen ins Deutsche übertragen, und zu meiner insgeheimen Erleichterung las sie sich als relativ maßvolles Programm einer geschlossenen Nationalwirtschaft, ..."

4) In einem Artikel über den Nürnberger Juristenprozeß 1947 (Heinrich Wefing: Der Dolch unter der Robe) in der Wochenendbeilage der FAZ vom 6.12.97.

5) Nicht mehr als "Zuarbeit" kann freilich das Engagement gewisser französischer Massenmedien gewertet werden. So berichtet die FAZ (20.12.97) von einer Fernsehdiskussion, in der "ein ehemaliger KGB-Offizier erzählte, daß im GULag Lastwagen mit Gaskammern im Einsatz gewesen seien." So wird nicht nur Noltes Definition vom GULag als das "ursprünglichere Verbrechen" ins Recht gesetzt, sondern gleichzeitig der deutsche Polizist Arthur Nebe, Erfinder der mobilen Gaswagen, rehabilitiert. Nebe wurde allerdings schon 1996 von der Zeit-Herausgeberin Dönhof als Widerstandskämpfer geehrt (vgl. BAHAMAS Nr. 21, S. 29/30)

6) Ein Zeitpunkt übrigens, zu dem in der privatkapitalistisch organisierten Welt in Folge der Weltwirtschaftskrise massenhaftes Hungern und Verhungern auf dem Programm stand.

7) Es ist zwar weitgehend vergeblich, in fast ausschließlich ideologisch motivierten Zusammenhängen mit einigermaßen gesicherten "Tatsachen" kommen zu wollen, dennoch zwei Lektüre-Vorschläge zum Thema Kulaken: In seiner Stalin Biographie (Berlin 1989: Argon) behandelt Isaac Deutscher den entsprechenden Zeitabschnitt vor allem im VIII. Kapitel (S. 382 ff). Als Einstieg ist auch die "Geschichte des ,Stalinismus‘" des französischen KP-Kritikers (Eurokommunist) Jean Elleinstein (Westberlin 1977: VSA) geeignet. (S. 74–98)

8) Lévys Beitrag erschien in der Zeitschrift Le Point. Leider kann er hier nur nach der höchstwahrscheinlich unzulänglichen Wiedergabe der FAZ (20.12.97) vorgestellt werden.

9) Titel eines von Daniel Cohn-Bendit und seinem Bruder Gabriel verfaßten Pamphlets. Das ab November 1968 in hoher Auflage in Deutschland als ro-ro-ro-Taschenbuch verbreitete Werk enthält zur Frage der "besseren Staaten" unter anderem folgende Aussage: "Wenn wir das Programm der Nationalen Befreiungsfront Südvietnams und das Regime der Demokratischen Republik Nordvietnam oder Kubas auch nicht einstimmig billigen, so zerstört doch der hartnäckige und siegreiche Widerstand der vietnamesischen Freiheitskämpfer den Mythos von der Unbesiegbarkeit einer hochorganisierten kapitalistischen Gesellschaft. Dieses Bewußtsein war nicht ohne Bedeutung für die Entschlossenheit und das Vertrauen in unserem Kampf gegen die permanente verborgene oder offene Gewalt der modernen Gesellschaft, die nur repressiv sein kann." (2. Auflage 1969, S. 31)