Chaos und Anarchie in Albanien

Skipetarische Lehren über Reichtum, Tausch und unkonventionelle Wege zu Besitzstand

I. Probleme beim Fernfuchteln

Wenn hier mehr als ein gutes Wort für die albanischen Aufständischen eingelegt, ja sogar der Nachweis versucht wird, bei ihnen handele es sich um eine zumindest tendenziell emanzipatorische Bewegung, die dieses Prädikat auch einmal verdiene, so mag das mit Recht verwundern. Haben wir etwa unsere Kritik am politischen Aktivismus der diversen Befreiungsbewegungen, unser Insistieren auf das affirmative Nichts hinter den geschwätzigen Parolen von "Tierra y Libertad" und dergleichen nur betrieben, um letztendlich doch noch auf einen bewaffneten Favoriten zu setzen, der uns mit handfesten Aktionen die Mühen der theoretischen Kritik erleichtert? Oder planen wir, nachdem wir die Chance im Falle des mexikanischen EZLN bereitwillig anderen überließen, den professionellen Aufbau eines skipetarischen Informationsbüros? Der BAHAMAS-Redakteur als Honorarkonsul des "Roten Vlora"?

Ein solches Projekt dürfte wohl am meisten verwundern. Schließlich gelten die albanischen Aufständischen hierzulande als die am wenigsten reputationsfähigen ihrer Zunft. Anstatt ihren Kampf als das Ergebnis eines unter langwierigen Gewissensqualen nach vergeblicher Ausschöpfung aller legalen Möglichkeiten stattgefundenen, in Seminaren und Soli-Workshops nachvollziehbaren, Prozesses darzustellen, fordern sie scheinbar unvermittelt den Kopf des Präsidenten. Die staatsbürgerliche Gretchenfrage "Darf man das?" scheinen sie nicht zu kennen. Statt auf Würde, Identität und Nation bestehen sie vor allem auf ihr beim Glücksspiel verlorenes Geld. Solcherart vom Materialismus befallen, zeigen sie sich unfähig, den demokratischen Gutmenschen ein diskussionsfähiges Programm zu überreichen. Weder Koran noch Kruzifix, weder ethnische Zersplitterung noch nationale Vereinigung haben sie im Sinn, stattdessen stiften sie jede Menge "Chaos und Anarchie".

Kein Wunder, daß bei solchen Referenzen noch kein linksdeutscher Kulturmanager sich fand – und finden wird –, dem Anliegen der albanischen "Volksmassen" einen würdigen Platz neben dem der palästinensischen, chiapanekischen etc. zu verschaffen. Die Ablehnung einer formell niemals eingereichten Bewerbung für einen aussichtsreichen Listenplatz in der deutschen Hitparade "Völker kämpfen für Selbstbestimmung, Demokratie und (gegebenenfalls) Sozialismus" formuliert junge-Welt-Autor Werner Pirker in der konkret (4/97): "Weil sie die Waffe der Kritik nicht beherrschen, entschieden sie sich gleich für die Kritik der Waffen." Pech gehabt, wer zu früh kommt, den bestraft der Pirker. Stellvertretend für die gesamte Branche stellt der deutsch-österreichische Nationalbolschewist mit achselzuckendem Bedauern fest, daß leider "die Dynamik der Aufstandsbewegung in keinerlei Verhältnis zu einer durchdachten Strategie, geschweige denn einer radikalen Theorie steht." Ja, und für solche Leute will man sich in der BAHAMAS ins Zeug legen? Noch einmal Pirker stellvertretend für die meisten der hiesigen "Fernfuchtler" (Handke): "Die Avantgarde des albanischen Volksaufstandes bildet die organisierte Kriminalität." Ein Urteil, das übrigens bis vor wenigen Wochen auch von Pirkers Widerpart Jürgen Elsässer geteilt wurde, vor allem, wenn es darum ging, aufstandsfreundliche Positionen aus der jungen Welt fernzuhalten. Doch gottseidank sind Antiautoritäre alles andere als Dogmatiker. So war es der Autorität Wolfgang Pohrts schnell vergönnt, einen heftigen Sinneswandel beim gestrengen Elsässer hervorzurufen. Nachdem Pohrt in der gleichen konkret-Ausgabe, in der Pirkers Bannfluch erschien, einem Interviewer allerlei Sympathisches über die kriminellen Albaner zu Protokoll gegeben hatte, verfaßte der wendige jW-Redakteur für besondere Aufgaben eilends einen Kommentar, in dem "die Unterstützung der Rebellen" zum "einzig Vernünftigen" erklärt wird (jW 29/30.4. 97).

Wenn die gefestigten Weltbilder derart Kopf stehen, daß passionierte Volksfreunde vor der moralischen Unreife und frühzeitigen Verkommenheit einer Volksbewegung warnen und andererseits notorische Volksverächter in derselben Bewegung auf einmal den Geist der Vernunft erblicken, dann scheint guter Rat teuer. Vorerst bleibt deshalb keine andere Wahl als den verklärten Boden der historisch-empirischen "Wirklichkeit" zu betreten und die dort herrschenden Gottheiten, die "Fakten", zu befragen.

II. Wenn Geld wächst

Nach dem Urteil aller, die sich dazu berufen fühlen, betraten die Albaner das Reich von Marktwirtschaft und Demokratie im Status geistiger Unreife. Deren Ursachen werden, abhängig von der jeweiligen Orientierung der Diagnostiker, mal in der balkanischen Unfähigkeit zum Wirtschaften überhaupt, mal in der verhängnisvollen Erbschaft des Stalinismus oder, wenn es etwas kritischer sein darf, auch schon mal in der schockartigen Einführung des Marktes erblickt. Diese geistige Unreife der Albaner fand ihren Ausdruck in dem Anspruch auf etwas, was ihnen zwar versprochen war, aber ihnen nach den Gesetzen marktwirtschaftlicher Vernunft nicht zusteht: Ein müheloses Einkommen und zwar sofort.

Als Repräsentanten mühelosen Einkommens fungieren in der bürgerlichen Welt die Angehörigen der Geld- und Zirkulationssphäre. Ihr Umgang mit der abstrakten Form allen gesellschaftlichen Reichtums, ihre mysteriös erscheinende Fähigkeit, die gewöhnliche Eigenschaft des Geldes, sich beständig von seinem Besitzer fortzubewegen, umkehren zu können und ohne den scheinbar naturgegebenen Zwang zum Verkauf von Dingen und Arbeitskraft das Geld aus sich selbst heraus zu vermehren, verschafft ihnen in den Augen derer, die der Preisaufdruck auf den Waren vom unbefangenen Genuß der Dinge trennt, eine nahezu magische Aura. Was sich hierzulande in der Aversion gegen Banker, Spekulanten und andere "unproduktive Schmarotzer" äußert und im Vernichtungswunsch gegenüber den im nationalen Alltagsbewußtsein all diese Erscheinungen integrierenden "Juden" kulminieren kann, mag anderswo seinen Ausdruck in der Bewunderung von Glücksspielern und anderen erfolgreichen "Abenteurern" finden. Es ist dies ein Unterschied in der Herausbildung nationaler Sozialcharaktere, der in krisenhaften Situationen entscheidend sein kann. Vielleicht ist dies auch der Unterschied zwischen Albanern und dem, was sie den hiesigen Rezipienten der "albanischen Tragödie" sind einerseits und dem, wofür das "Modell Deutschland" als internationale Chiffre steht, andererseits.

Die Neigung der Albaner, ihr Geld den sogenannten "Pyramidengesellschaften" zur magischen Vermehrung anzuvertrauen, hatte allerdings auch ganz handfeste ökonomische Gründe. Mit der Beendigung der realsozialistischen Herrschaft war de facto auch jedwede eigenständige albanische Nationalökonomie abgeschrieben, die ein solches Präfix mit einigem Recht hätte beanspruchen können. In Albanien stellte sich wie in den meisten anderen osteuropäischen Ländern heraus, daß der materielle Standard allein der protektionistischen Modernisierungsdiktatur der herrschenden Arbeiterpartei geschuldet war. Einzig der Versuch einer politischen Bestimmung des Wertmaßstabes ermöglichte es für kurze Zeit, breiten Bevölkerungskreisen ein halbwegs gesichertes Auskommen zu verschaffen. Nach dem Scheitern dieses Versuchs wies das ungezügelte Wirken der Marktkräfte jenen Weltgegenden bald wieder den Platz zu, den sie seit der Herausbildung eines kapitalistischen Weltmarktes einnehmen: den Katzentisch für Lieferanten billigster Agrarprodukte und (zunehmend überflüssigerer) Arbeitsmigranten. Die Entwicklung privatkapitalistischer Strukturen, die Reichtumsvermehrung auf der Grundlage industrieller Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft ermöglichen, war in Albanien von vornherein unrealistisch. Was also tun mit noch vorhandenem abstrakten Reichtum, dessen Geldwert im wortwörtlichen Sinne zwischen den Fingern zerrinnt?

Wenn vorhandenes Geld nicht mehr produktiv verwertet werden kann und es aufgrund seiner unaufhaltsamen Entwertung auch in größeren Mengen nicht mehr zur Überbrückung verwertungsloser Zeit taugt, dann ist der Moment für unkonventionelle Lösungen gekommen. "Rund ein Drittel der Albaner (und damit vier von fünf Haushalten) wurden vom Fieber der raschen Bereicherung gepackt und verschleuderten ihre kümmerlichen Ersparnisse, die Einnahmen aus dem Verkauf ihrer Herden, ihrer jüngst privatisierten Grundstücke oder ihrer Wohnungen, die sie gerade erst zu einem symbolischen Preis erworben hatten, wie auch das Geld, das ihnen ihre nach Griechenland oder Italien ausgewanderten Kinder geschickt hatten. Sie investierten alles in den rund zehn ,Stiftungen‘, die auf dem Prinzip des Pyramidensparens beruhten." (1) Die wundersame Vermehrung des Geldreichtums durch die Erfolgreichen erscheint in der bürgerlichen Gesellschaft nicht ganz abwegig als das Ergebnis geschickt angestellter Additionen. Was für den Lohnempfänger vermittels Überstundenschinderei nur klägliche Mehreinnahmen einbringt – aber immerhin sind es welche –, was den Unternehmenserfolg als Ergebnis gesteigerten Umsatzes bestimmt, stellt sich vordergründig als die additive Vermehrung von Geldmengen dar. Das Weiterreichen und Ansammeln von Geldbeträgen und der gewöhnlich als "Zinsgeschäfte" bezeichnete Handel mit ihnen führte in Albanien zu einem temporär beachtlichen Resultat: "1996 meldete das Land die höchsten Wachstumsraten von ganz Europa – dank Schwarzhandel und Geldwäsche und vor allem aufgrund des künstlichen Booms der Pyramidengeschäfte, deren Zusammenbruch das Land seitdem an den Rand des Bürgerkriegs brachte." (2) Der Gegenwert von mehr als einer Milliarde Dollar (3) wurde auf diese Weise in dem knapp 3,5 Millionen Einwohner zählenden Land in einem Zeitraum von kaum mehr als einem Jahr verdient und sinnvollerweise außer Landes gebracht, wo er in derzeit weniger schnell verfallende Währungen umgetauscht wurde. Eine durchaus beachtenswerte wirtschaftliche Leistung.

III. Zweierlei Visionen

Die tendenziell emanzipatorische Leistung der Albaner besteht aber in ihrem staatsbürgerlichen Versagen. Sowohl Profiteure wie Verlierer der Pyramidenspiele hatten nur eines im Sinn: so schnell wie möglich reich zu werden und mit dem erwarteten Reichtum möglichst bald das Land zu verlassen. Diese "Deformation der Werte und der sozialen Tradition" (Tagesspiegel 18.3.97) verhinderte seit dem Zusammenbruch der Pyramiden einen das staatliche Gewaltmonopol renovierenden nationalen Konsens. Die Verlierer bestehen auf der Rückgabe ihres verlorenen Einsatzes, obwohl oder gerade weil sie wissen, daß dieser in Albanien zu nichts anderen als zum erneuten Spielen wirklich taugt. Die Legitimität des Staates wird ganz unzeitgemäß von seinem konkreten Nutzen für die Nutzlosen abhängig gemacht. Das unterscheidet die albanische Volksbewegung von den anderen bekannten postkommunistischen Unruhen. Damit stellen die Aufständischen – und auch die häufig nahezu kampflos kapitulierenden regulären Armee- und Polizeitruppen – sich quer zu den Erwartungen des marktwirtschaftlichen Weltgeistes im Reich der Freiheit. Voll Staunen darüber, daß dies heute noch nötig ist, formuliert die Neue Zürcher Zeitung gleichwohl geduldig, was hierzulande keinem Staatsbürger mehr gesagt zu werden braucht: "Jeder Anleger, der in die Pyramiden investierte, wusste um das Risiko und hat es daher auch selbst zu tragen." (18.3.97)

Solche Selbstverständlichkeiten der bürgerlichen Geschäftsordnung sind durch das Scheitern der Geldwirtschaft knapp sieben Jahre nach Einführung ihrer "echten" Version in Albanien ebenso fragwürdig geworden wie die staatsbürgerliche Loyalität überhaupt. In weiten Teilen des Landes haben die Leute dort erstmals das getan, was nach Ansicht radikaler Linker überhaupt an jedem Ort der Welt getan werden müßte: Die Staatsmacht vertreiben und Räte organisieren, die Gefängnisse öffnen und die lebensnotwendigen Dinge direkt aneignen. Für die "internationale Gemeinschaft" sind sie deshalb zum Objekt polizeilicher Exekutivaufgaben geworden. Aber auch für Linke (4) ist ein solches Benehmen äußerst anstößig. Werner Pirker, stolz, noch in jedem Wirtshaus seine Zeche selbst bezahlt zu haben, hegt einen quälenden Verdacht: "Ob sie bloß zurückklauen wollen, was ihnen geklaut wurde oder ob sie bereits darüber hinausgehende Visionen entwickelt haben, ist schwer auszumachen." (jW 11.3.97)

Durchaus weitergehende Visionen entwickelten hingegen die deutschen Ossis um die Jahreswende 1989/90. Manchem ist vielleicht noch eine damals viel reproduzierte Fotografie erinnerlich. Sie zeigte einen schnauzbärtigen, von Kopf bis Fuß in stonewashed Jeans gekleideten Mann mit einer Begleiterin, die vor allem durch eine ungewöhnliche, irgendwie pilz- oder schwammförmige, Kopfbedeckung und einen um das Handgelenk baumelnden Kleinstregenschirm (so etwas gab es in der DDR also auch) auffiel. In ihren lederbehandschuhten Händen hielt sie die Stange eines gemeinsam mit dem stone-washed-man getragenen Transparents mit der Aufschrift. "Kommt die DM / bleiben wir / kommt sie nicht / geh’n wir zu ihr!" Als sollte die Marxsche Metapher vom Fetischcharakter der Ware gleichsam auf doppelte Weise bestätigt werden, wurden der BRD-Währung magische Wirkungsweisen zugeschrieben. Die Vision des in eine clowneske Schamanenrolle gedrängten Helmut Kohl von den "blühenden Landschaften" im Osten verdoppelte komplementär dazu das übliche Nichtzurkenntnisnehmen des realen Mißerfolgs durch agitierte Staatsbürger. Wo die Einführung der D-Mark als "wirkliches" Geld anstelle des DDR-"Spielgeldes" und "echter" Marktwirtschaft anstelle der "Kommandowirtschaft" zum Ende des Marktes und der arbeitsteiligen Produktion in der DDR geführt hatte, sollte die phantasierte Prosperität dennoch durch die Größe des die Währung stiftenden staatlichen Souveräns erreicht werden. "Deutschland einig Vaterland" lautete die kollektive Vision, als die Ossis im Sommer 1990 ihr "Spielgeld" für den halben Gegenwert an "echter" DM eintauschten und so gut wie alles im Spielcasino der freien Marktwirtschaft verloren.

Auch in dieser Hinsicht haben die Albaner lobenswerterweise versagt. Dem albanischen Staat war in der deutsch-europäischen Strategie zur postkommunistischen Neuordnung des Balkans nicht nur die Rolle eines aktivistischen Kerns für ein späteres Großalbanien zugedacht worden. Auch als Vorposten für die direkte Beeinflussung des Geschehens im europäischen Südostbereich war Albanien äußerst attraktiv. Mit dem Schlachtruf "Skipetaren aller Länder, vereinigt Euch!" sollte dem verteufelten Serbien das Kosovo und dem eventuell unsicheren Kantonisten Mazedonien zumindest Respekt abgeknöpft werden. Daraus wird wohl vorerst nichts. Des deutschen Fernfuchtlers Traum, der "albanische Funke" könne weite Teile des Balkan "in Brand setzen", ist nach der Revolte erfreulicherweise zum Alptraum geworden. Das klingt auch in der jW-Kitschprosa des Werner Pirker ganz schön schaurig: "Der Balkan bleibt die blutende Wunde der postkommunistischen Neuordnung Osteuropas." (jw 13.3.97)

"Deutschland einig Vaterland" drückte die barbarische Option bürgerlicher Subjektivität in ihrer Krise aus. Wenn Warentausch nicht mehr betrieben werden kann, weil den zum Tausch verurteilten Individuen der Gegenwert abhanden gekommen ist, bleibt als Chance der Appell an den die Wertförmigkeit konstituierenden Staat. Wir, Deine auf Gedeih und Verderb ausgelieferten Bürger, so lautet der Inhalt des Appells, wir sind die lebendige Masse, deren Willfährigkeit als Verlierer Deine Macht ebenso konstituiert wie der Erfolg der Gewinner. Mögen wir zur Reichtumsvermehrung durch Tausch auch nicht mehr taugen, weil das einzige, was wir anzubieten hätten – unsere Arbeitskraft – kaum einen Wert mehr darstellt, unsere nahezu bedingungslose Gefolgschaft möge dennoch Dein freiverfügbares Kapital sein. Auch das meinten kürzlich deutsche Gewerkschafter, wenn sie vor Bankzentralen demonstrierend die Parole "Wir sind das Kapital" als deutschen Gruß entboten.

"Bringt uns den Kopf von Sali Berisha", diese Mindestbedingung der südalbanischen Aufständischen für jegliche Verhandlungen bringt dagegen tendenziell eine vernünftige Option zum Ausdruck. Zwar wird (vorerst?) die Verantwortlichkeit auf eine Anführerperson delegiert und es bleibt offen, ob man nach deren Sturz sich nicht doch mit einer renovierten Herrschaft anfreunden könnte, aber von einem untertänigen Appell, doch bitte weiter vernutzt zu werden, fehlt hier jede Spur. Die Konzentration des Hasses auf Berisha bestätigt zwar die alte ideologische Aufführung von freien, gleichberechtigten Bürgern und der Politik als ihrer privilegierten Dienerschaft, sorgt also dafür, daß die Schmierenkomödie mit neuen Darstellern weitergehen kann, doch ist ein solcher Ausbruch überhaupt die Vorbedingung dafür, daß eine aus Protest entstandene Massenbewegung an ihre immanenten ideologischen Grenzen stoßen kann und so auch die Chance erhält, diese zu überwinden. In der völkischen Blutsgeschwisterschaft der Deutschen ist dies von vornherein nicht möglich. (5)

IV. Von Tausch und Glücksspiel

Am Anfang eines jeden gesellschaftlich-organisierten Warentausches steht nicht nur die Wertförmigkeit der gebrauchsfähigen Dinge als Waren, sondern auch die Garantie ihrer Wertförmigkeit durch die staatliche Gewalt. Die Privateigentümer, deren Willensakt sich im Tausch manifestiert, müssen sich gegenseitig als solche anerkennen, Die Form dieser Anerkennung ist der Vertrag. Dieser wird in seiner legalen Form durch die staatlichen Gesetze garantiert. In seiner Eigenschaft als Garant der abstrakt wertmäßigen Form der Dinge setzt der Staat eine nationale Währung in Umlauf, die als Medium des allgemeinen Austausches und des projektierten Nutzens der Tauschenden fungiert. An der Verfügung über deren Quantität wird aller Reichtum gemessen. Das Geld als allgemeines Äqivalent aller Waren unterscheidet sich von diesen dadurch, daß sein Tauschwert keine Abstraktion von seinem Gebrauchswert darstellt, sondern daß sein Gebrauchswert gerade in seinem Tauschwert besteht und vice versa. Auf diese Weise erscheint das Geld den Warentauschenden als eigenständig existierender Schlüssel zum Reichtum. Zwar trennt das Geld sowie die Notwendigkeit, es zu verdienen und auszugeben, die Individuen von der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung, doch erscheint sein Besitz ihnen gerade deshalb als einziges Mittel, diese zu realisieren. (6)

Der Zwang zum Tausch, d.h. zur Gewinnung abstrakten Reichtums in Geldform, gilt den bürgerlichen Subjekten deshalb folgerichtig als quasi naturhaftes Streben nach Verfügung über Geld. Das Geld erscheint so als von den konkreten Dingen losgelöste Form, ohne die jene niemals zu erreichen wären. Es tritt auf als ein universelles Werkzeug, dessen Handhabung von den Fähigkeiten seiner Benutzer abhängig ist – deren Bandbreite in der landläufigen Auffassung vom Dilettantismus bis zur Virtuosität reicht. Der empirische Ausdruck des Zwangs zum Tausch ist die Notwendigkeit der Geldbeschaffung unter der staatlich notwendigerweise (7) erzwungenen Anerkennung des fremden Geldbesitzes einerseits und den staatlich für erforderlich gehaltenen Spielregeln – von Finanzgesetzen bis zur restriktiven Beobachtung von Glücksspielen – zur effektiven Vermehrung des Nationalreichtums andererseits. Weil die Geldbeschaffung für die meisten in der Regel wenig erfreulich verläuft und auch für die Erfolgreichen der Geldbesitz ständig sich an der potentiellen Verfügbarkeit der von diesem nicht äquivalent erfaßten Waren relativiert, existieren in der bürgerlichen Gesellschaft Nischen für unkonventionelle Geldvermehrung.

Eine davon ist das Glücksspiel. Seine konventionelle, von Staat und Staatsbürgern positiv sanktionierte Form, erfährt es in den staatlich konzessionierten Lotterie-, Wett- und Spielcasinobranchen. Daneben existieren halblegale und illegale Spielergemeinschaften, in denen beträchtliche Summen über den Tisch wandern. In der BRD erreichte das Glücksspiel interessanterweise einen Höhepunkt kurz vor dem Ende der "Nachkriegsordnung", in den späten 80ern. Zitat aus dem Februar 1987: "Der Spieltrieb der Deutschen bricht sich auf atemberaubende Weise seine Bahn. In den Innenstädten drängeln sich Spielhallen in nahezu jeden pleite gegangenen Krämerladen, die Lotto-Verwaltungen berichten von ständig neuen Rekord-Ziffern. Die Zahl der Spielbanken stieg in den vergangenen drei Jahren stetig an. [...] Unter dem Namen ,Pilotenspiel‘ oder ,Schneverdinger Joker‘ entstehen aus dem Nichts private Spieler-Treffs, wo Dutzende von bislang vernünftigen Menschen 1000 und mehr Mark auf den Tisch werfen, um eventuell ein paar Tausender zu machen." (8)

"Pilotenspiele" erfreuten sich gerade in gebildeten und begüterten deutschen Kreisen großer Beliebtheit. Die nach dem Kettenbriefprinzip - ähnlich den albanischen - Pyramiden funktionierenden Spiele versprachen die Versiebenfachung des Einsatzes. Die Spieler hatten laut TAZ zwischen 1000 ("Volksmodell Jumbo") und 7000 DM (Luxusmodell "Concorde") Einstand auf den Tisch zu legen (9). Neben "gutbetuchten Architekten oder Steuerberatern" (10) fanden sich auch viele die Freuden der verantwortungsvollen Realpolitik genießende Linke, vornehmlich aus akademischen Kreisen, zum Zocken ein. Prominent wurde damals die Spielbeteiligung der Berliner Senatorin Anne Klein (Alternative Liste), deren nicht weniger ins Pilotenspiel involvierte CDU-Kollegen ihren Rücktitt wg. "zweifelhafter moralischer Integrität" forderten. (11)

Erwartungsgemäß endete der Boom dieser Spiele, als es immer schwieriger wurde, einsatzfähige Nachrücker zu finden; immerhin dauerte er mehr als zwei Jahre (Sommer 87 bis Herbst 89) an. Endgültig in der Versenkung verschwanden die Pilotenspiele als die Ossis ihr "Spielgeld" gegen Westgeld verscherbelten und das große Spiel der Deutschen um einen definitiven Weltmachtplatz begann. (12) Um die Jahreswende 89/90 war es aufgrund der jeder realen Berechnung enthobenen Umtauschkurse von DDR-Mark in D-Mark für kurze Zeit noch einmal möglich, auf spielerisch-spekulative Weise seinen Schnitt zu machen. Der Westberliner Sozialhilfeempfänger kam mit seinem umgetauschten Hungergeld in Ostberlin ebenso auf seine Kosten wie sein millionenschwerer Mitbürger, der sich Ost-Immobilien unter den Nagel riß. Als die Beute aufgeteilt war, begann die öffentliche Hetze gegen Schwarzhändler und Geldwäscher. Deut-schlands Stabilität war nun im Augenblick seines höchsten Triumphs vom unverantwortlichen Finanzgebaren seiner Bürger bedroht, und dieses ist laut allgemeinem Konsens ein Einfallstor für die (zumeist ausländische) "organisierte Kriminalität". Wenn allgemeine Sparsamkeit angesagt und akzeptiert wird, wenn die nationale Währung trotz unüberwindbarer Verwertungsprobleme zum Kern einer neuen europäischen, international konkurrenzfähigen Geldmacht mutieren soll, dann hat sich das private Bereicherungsstreben vor dem nationalen Verantwortungsbewußtsein zu rechtfertigen. Glücksspiele sind dann ebensowenig angesagt wie Lohnforderungen. Jedenfalls in Deutschland.

V. Andere Länder, andere ...

Anderswo ließ man sich durch staatlicherseits formulierte Sparnotwendigkeiten weniger beeindrucken, was nicht daran lag, daß die Nation sich weniger Großes vorgenommen hätte. Auch Albanien hatte schließlich eine außenpolitische Mission und ein inneres Aufbauwerk zu vollbringen. Die oben geschilderte sympathische Gemeinsamkeit der albanischen Gesellschaftsklassen, den nationalen Restreichtum zum eigenen Nutzen – möglichst außer Landes – zu gebrauchen, resultiert nicht nur aus einer erkannten Aussichtslosigkeit der staatlichen Projekte. Sie verrät auch einen gewichtigen, wahrscheinlich entscheidenden, Unterschied in dem, was man landläufig politische Sozialisation nennt: die Abrichtung der Menschen nicht nur zu Tauschsubjekten, sondern auch zu Staatsbürgern, die ihrem Souverän libidinös zugetan sind. Einen sich in der Gefolgschaft auf Gedeih und Verderb bewährenden Polit-Sadomasochismus hat die jahrzehntelange realsozialistische Herrschaft bei ihren Untertanen offenbar nicht zustandegebracht. (13) Dies wird ihr jetzt posthum von deutschen Beobachtern als besonders stalinistisches Verbrechen angekreidet.

Als Modernisierungsdiktatur aus dem Geist der traditionellen Arbeiterbewegung in einem agrarischen und rückständigen Land war die Enver-Hodscha-Regierung im wesentlichen auf ihre exekutive Gewalt angewiesen. Weder waren genügend materielle Ressourcen vorhanden, die, in Form von Waren einen wertvermehrungsträchtigen Tausch hätten in Gang setzen können, noch existierten nennenswerte gesellschaftliche Gruppierungen, die eine in Aussicht gestellte Realisierung von Partikularinteressen zu ökonomischen Aktivitäten hätte hinreißen können. Die Großgrundbesitzerklasse und die Klerikerkaste waren aus guten Gründen entmachtet worden. Als politische Antriebskräfte fungierten Antifaschismus, Linksnationalismus und eine inhaltlich oft wechselnde, von den Inspirationen des Staatsoberhauptes abhängige, Definition von staatssozialistischer Arbeitermacht. Da eine reale Arbeiterklasse anfangs nicht einmal minoritär vorhanden war, wurden die Albaner zur Staatsnation und zur herrschenden Klasse zugleich erklärt. Mit staatlichem Terror und überwiegend moralischer Belohnung wurde so ein nationales Aufbauwerk ohne die üblichen Ingredienzen einer modernen Nation – die Verinnerlichung von Wert und Tauschzwang durch das Staatsvolk – betrieben. Wie im Realsoz üblich, sollten Lohnarbeit und Markt unter der politischen Aufsicht der Arbeiterpartei zu Mitteln des materiellen Wohlergehens der Lohnarbeiter werden.

Die Absurdität einer vernünftigen Lenkung des Vernunftlosen, der geistreichen Gestaltung des Geistlosen führte auch in Albanien für westliche Beobachter zu einer Situation, die irgendwie den Eindruck von Unabgeschlossenheit vermittelte. "Für Albanien gilt," schreibt Christian Semler, der es wissen muß, denn er war früher einmal als Führer einer proletarischen Avantgarde auch Stellvertreter Enver Hodschas in Deutschland, "daß die Herrschaft der Realsozialisten die vorhandene archaische Gliederung der Gesellschaft zwar weitgehend zerschlug, aber daß die neuen Formen der Vergesellschaftung, Gewerkschaften, Komitees, Verbände durch Terror erzwungen und scheinhaft waren." (TAZ 17.3.97) Was fehlte, war die einvernehmliche Bekundung aller Beteiligter: Wir wollen es so und nicht anders. Am Ende lebten die Albaner nicht mehr in der Not und dem Elend, wie es der freie Weltmarkt für eine rückständige agrarische Bevölkerung vorsieht, sondern auf der Grundlage einer arbeitsteiligen staatlichen Mini-Industrie und einer relativ produktiven, weitgehend industrialisierten Landwirtschaft. Sie lebten nicht mehr in religiöser Umnachtung, sondern verfügten über einen Bildungsstandard, der zwar weitgehend von den metareligiösen Vorstellungen des Staatssozialismus geprägt war, der ihnen aber dennoch erlaubte, Nutzen und Nachteil von Arbeit zu trennen – gerade weil die scheinbar naturhafte Selbstverständlichkeit des Tausches im Realsoz fehlte bzw. nur rudimentär ausgebildet werden konnte.

Diese Haltung unterscheidet die Albaner nicht nur von den Deutschen, doch von diesen ganz besonders. Als nach dem Ende des Realsoz bald keine Aussicht mehr auf irgendeinen Nutzen von Arbeit – das sollte unter marktwirtschaftlichen Bedingungen bald deutlicher Vernutzung ihrer Arbeit bedeuten als dies unter Staatssozialismus jemals der Fall war – bestand, stellten sie diese weitgehend ein. Das konnte hierzulande nur Abscheu und Entsetzen hervorrufen. Noch eimal Semler: "Die Ablösung realsozialistischer Herrschaft hinterließ ein verwüstetes Terrain. Eine gutausgebildete, weitgehend alphabetisierte Bevölkerung stellte die Arbeit ein, ein Zustand, den Marx auch nur für einen Tag als unvorstellbar angesehen hätte." (TAZ ebenda) Die Anrufung des Schutzheiligen angesichts des Schreckensbildes nichtarbeitswilliger Arbeiter kündet davon, daß der berufsmäßige Ex-Kommunist Semler (14) und der Noch-Arbeitertümler Pirker doch noch mehr als die gleiche Luft atmen. Was hätte Marx wohl zum heutigen linken Journalismus gesagt. Lassen wir das lieber.

Bezüglich Albaniens lautet der Ratschlag aller Berufener (ohne Pirker): Das faule Pack hat die Arbeit nicht erfunden. Also muß sie ihm beigebracht werden. "Es muß mehr für den Mentalitätswandel getan werden, für den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft. Denn sonst könnten Reformerfolge in wenigen Jahren abermals durch Revolten zunichte gemacht werden." (Tagesspiegel 18.3.97) Das bedeutet erst einmal Militärintervention. Rein humanitär selbstverständlich.

VI. Das Beispiel direkter Aneignung

Man braucht es eigentlich nicht zu wiederholen: Daß man Geld und Staat zum Teufel wünscht, wenn sie einem nichts mehr nützen, sie gar kollektiv in Frage stellt, wäre hierzulande undenkbar. Der Terminus Deutscher Sonderweg bezeichnet eine staatliche und gesellschaftliche Entwicklung, an deren Ende ein nationaler Sozialcharakter steht, der die Zwangskollektivität der konkurrierenden Staatsbürger als eine jeder berechnenden Vernunft enthobene Schicksalsgemeinschaft begreift.

Der gewöhnliche, zum Verkauf von Arbeitskraft oder anderen Fähigkeiten verurteilte Bürger kapitalistischer Staaten geht von der Selbstverständlichkeit des gesellschaftlichen Tauschzwanges aus. Dennoch ist er meistens in der Lage, seine Interessen als Benachteiligter zu erkennen und sie gegenüber den besitzenden Konkurrenten zu veteidigen. Die kollektive Austragung des Interessengegensatzes findet dann in der Form des Klassenkampfes statt. Durch diesen wird der Zwang zum Warentausch, also auch zum ausbeutungsfähigen Verkauf der Arbeitskraft, nicht in Frage gestellt, aber der Wert des eigenen Warenbesitzes, der Arbeitskraft, wird verteidigt bzw. ausgedehnt. Ein Ausfechten konträrer Interessen im Klassenkampf wird ständig mit den Interventionen des den Warentausch und die Wertvermehrung garantierenden und befördernden Staates konfrontiert. Neben direkten, auch gewaltsamen, Eingriffen zugunsten der Kapitalbesitzer gehören moralische Appelle unter Berufung auf die gemeinsame Verantwortung der Konfliktparteien für das Wohl der Nation zum staatlichen Repertoire. Hier entscheidet sich dann, ob das unverstandene Interesse am Erhalt des Warenspektakels in eine Identität mit dessen nationalstaatlicher Form mündet oder ob das partikulare Interesse am möglichst hohen Gegenwert für die verkaufte Arbeitszeit sich durchsetzt.

In Deutschland ist dieser Konflikt spätestens seit 1933 zugunsten der Einordnung jeden Partikularinteresses in das nationale Gesamtwohl entschieden. Wer hier und heute soziale Ansprüche noch anmeldet, tut dies nicht ohne Berufung auf den Vorteil für Deutschlands Stellung in der Welt und die demokratische Staatsdoktrin. Bekanntlich wird die Verteidigung sozialer Standards der Unterklassen von allen Beteiligten als "Besitzstandwahrung" verpönt, mit dem Ergebnis, daß diese so gut wie nicht stattfindet.

Unter diesen Bedingungen kann auch keine Schaffung irgendwelcher "Besitzstände" der Nichtbesitzenden erst stattfinden, die irgendwann mal zu verteidigen wären. Anders als in Deutschland wußten die Überflüssigen in Albanien sich zu helfen. Wo Arbeitskraft nicht mehr vernutzt wurde, wo gesellschaftlicher Warentausch kaum noch stattfand, fand man neben Glücksspielen noch andere – recht naheliegende – Wege zum Besitzstand. Deutschen Beobachtern stehen dabei die Haare zu Berge: "... die besten Verdienstmöglichkeiten hatten Schmuggler, die Waren, Waffen und Flüchtlinge ... schleusten." (SPIEGEL 12/97) "... als Schleuser über die Berge oder als Steuermann für Bootsflüchtlinge ließ sich gut verdienen, der Schmuggel blühte." (SPIEGEL 11/97) Es liegt ja nicht nur an der kognitiven und intellektuellen Unbeweglichkeit der deutschen Ossis, daß sie bislang nicht auf die Idee kamen, ihre geographische Lage lukrativ auszunutzen. Der Schmuggel von Drogen und anderen illegalen Dingen über die deutschen Ostgrenzen könnte manch bescheidenen Wohlstand stiften; auch das "Einschleusen" von Flüchtlingen und anderen unerwünschten Ausländern würde neben der ideellen Anerkennung durch die BAHAMAS-Redaktion wohl auch das eine oder andere Bargeld einbringen. Daß die Ossis für diese vorteilhaften Aktivitäten zu blöd sind, sich vielmehr als freiwillige Hilfspolizisten des deutschen Staates aufspielen, liegt in ihrer unheilvollen Sozialisation als volksgemeinschaftliche Deutsche begründet.

Angesichts ihrer Überflüssigkeit für die kapitalistische Wertverwertung haben die Albaner schließlich das getan, was auch unter weniger prekären Bedingungen sinnvoll wäre. Sie haben gehandelt wie Bertolt Brechts Kommunarden, deren Resolution vor Jahren noch zu den Hits der hiesigen arbeitertümelnden Linken gehörte: "In Erwägung ... usw. ... / Wollen wir mal feststelln, daß nur Fensterscheiben / Uns vom guten Brote trennen, daß uns fehlt." Fensterscheiben sind wie die Preisschilder an den Waren ein sinnfälliger Ausdruck der staatlich garantierten Wertförmigkeit der notwendigen Dinge. Sie zu mißachten, die ausschließende Abstraktion des Wertes zugunsten der unmittelbaren Aneignung zu überwinden, ist die über den Augenblick hinausreichende "Botschaft" der Aufständischen. Daß ihnen auf die Dauer unter ihren konkreten Bedingungen kaum ein Erfolg beschieden sein wird, steht auf einem anderen Blatt. Doch nicht erst auf diesem steht die Notwendigkeit der direkten Aneignung und der Vertreibung der Staatsgewalt in den uns nur zu vertrauten "entwickelten" Ländern. Und damit auch die "Emanzipation der Deutschen zu Menschen" (Marx).

Wie immer die albanische Revolte enden wird, die praktizierte Aufkündigung der Loyalität zu Markt und Staat, die Zerschlagung der alten Strukturen und die Selbstorganisierung – für den SPIEGEL bezeichnenderweise der "Selbstmord einer Nation" (12/97), rücken basale Voraussetzungen einer Aufhebung des Kapitalismus wieder ins Bewußtsein. Insofern ist das albanische Beispiel durchaus ein Hoffnungsschimmer für alle, die noch auf den Massenselbstmord der Nationen – sprich Revolution – setzen.

Horst Pankow (BAHAMAS 23/1997)

Anmerkungen:

1) Ibrahim Warde, Wo Pyramiden wie Kartenhäuser zusammenfallen in: Le Monde Diplomatique (deutsche Ausgabe) 8.4.97, S. 8/9

2) Warde ebenda

3) laut Warde ebenda

4) Bis auf wenige Ausnahmen. Dazu gehören beispielsweise die Zeitschriften Soz und INPREKORR sowie das stalinistische Zirkelblättchen Gegen die Strömung. Alle äußern sich jedoch besorgt über die anscheinende Disziplinlosigkeit der Rebellen und fordern gesetzliche, moralische und ideologische Ordnung ein.

5) Man denke daran, wie die volkstümelnde RAF in einer ihrer letzten Aktionen versuchte, sich den Ossis anzubiedern, indem sie ihnen im wahrsten Sinn den Kopf des Treuhand-Chefs Rohwedder vor die Füße warf und damit weniger als nichts erreichte.

6) vgl. dazu auch Karl Marx, Das Kapital, Bd. I, in: MEW 23, S. 99 ff

7) Jedes Strafgesetzbuch weiß auf seine Weise vom Unterschied zwischen konkretem Nutzen und abstraktem Wert. Konsum ohne vorherigen Tausch – Geld gegen Ware – ist Diebstahl und wird bestraft.

8) DER SPIEGEL 8.2.1988. Das Blatt sah die gelernten BRD-Bürger damal "Im Spielrausch", so der Heftaufmacher.

9) vgl. Tim Sperber, Höhenflug mit massenhafter Bruchlandung, in: die tageszeitung 20.10.87

10) Sperber ebenda

11) Über die Spielbeteiligung radikalerer, aktivistischer Linker gibt eine Kleinanzeige des "Lateinamerikazentrum (gemeinnütz.) e.V." aus der Berliner "Lokalprärie" der tageszeitung vom 23.10.87 Aufschluß: "Für alle Piloten mit dem schlechten Gewissen: Wir können helfen! Für Projekte in Mittelamerika + unsere Öffentlichkeitsarbeit hier brauchen wir noch dringend Spenden!"

12) Von den kümmerlichen Versuchen, die Pilotenspiele in der Ostzone der BRD als – der dort vorherrschenden Mentalität entsprechend – "Generals"- oder "Kommandantenspiele" wiederaufleben zu lassen, lohnt es sich nicht zu reden.

13) Das gilt wahrscheinlich für den Realsoz insgesamt. Eine nähere Untersuchung könnte zeigen, daß die aktuellen völkischen Aufwallungen dort in der Regel älter als die staatliche Form der Arbeiterbewegung sind, von der sie vorübergehend in einem Tiefschlaf versetzt, jedoch nicht beseitigt wurden. Albanien hat den

Vorteil, daß hier vor dem Realsoz ein effektiver Nationalstaat nicht wirkte.

14) Semler überschreibt seinen Artikel übrigens ganz schnuckeligsoftig mit Komm zurück, kleiner Staat! Auf regressiv-infantile Weise ermöglicht er so einen psychoanalytischen Einstieg in den libidinösen Staatsfetischismus von Leuten seines Schlags. Waren diese nicht zur machtvolleren Demokratie konvertiert, als ihnen die Anerkennung der staatlichen Ineffektivität des Realsoz unausweichlich erschien?