Phantom Kollektivschuld

I. Schuld – nein danke! Verantwortung – ja bitte!

Am 7. Juni verkündete die freie deutsche Meinungsbildnergilde (Sektion Presse) ihren Lesern, daß die bewährte deutsche Ärzteschaft auf ihrem soeben abgeschlossenen "99. Deutschen Ärztetag" wieder einmal Großes vollbracht habe. Zeitgleich und wortidentisch präsentierten die tageszeitung und Der Tagesspiegel Verlauf und Ergebnis einer für die mentale Volksgesundheit bedeutsamen Operation: "Engagiert wurde darum gestritten, ob das Bekunden von Betroffenheit allein ausreiche, ob nicht vielmehr die Ärzte des Jahres 1996 die Hinterbliebenen der Opfer um Vergebung bitten müßten. Am Ende stand ein Kompromiß. Der Ärztetag akzeptierte seine Gesamtverantwortung, lehnte aber eine Kollektivschuld ab." (1)

Von den Fortschritten der deutschen Medizin beflügelt, hielt bereits einen Monat zuvor ein als deutscher Außenminister tätiger deutscher Jurist ein engagiertes Plädoyer. "Offenbar mit Blick auf das Buch des jungen amerikanischen Historikers Daniel Goldhagen über den NS-Massenmord an den Juden", schreibt der Tagesspiegel (9.5.96), "hat Bundesaußenminister Kinkel die These einer Kollektivschuld der Deutschen zurückgewiesen. ,Schuld ist immer persönlich, nicht kollektiv und nicht erblich‘, sagte Kinkel [...] in einer Rede vor dem American Jewish Committee (AWC) in Washington. [...] Deutschland bekenne sich zur Verantwortung, die ihm aus dem ,furchtbaren Geschehen‘ erwachsen sei". Zwar läßt das deutsche Blatt seine Leser darüber im Unklaren, wie dieses Plädoyer vom Auditorium aufgenommen wurde, keine Unklarheit kommt jedoch darüber auf, daß der Redner nicht von seiner persönlichen (Mit-)Schuld am Verlauf des Jugoslawien-Krieges sprach. Die Schuld der Deutschen am von ihnen begangenen Massenmord an den Juden steht zur Disposition. Und die möchten sie gern gegen eine weltpolitische Verantwortung eintauschen, die sie sich schon lange anmaßen, die ihnen aber von ihren "Partnern" für ihr Empfinden nur zu zögernd und hinhaltend zugestanden wird.

Der "junge amerikanische Historiker" hat mit seinem "Machwerk" (taz 13.14.4.96) offenbar eine empfindliche Stelle des deutschen Abwehrsystems getroffen. Nach dem hierzulande beliebten homöopathischen Prinzip verfahrend, injizierte die Zeit am 12. April eine geringe Dosis des bedrohlichen Wirkstoffes (2) in die Zirkulation der öffentlichen Meinungsbildung und rief damit gewaltige stabilisierende Kräfte hervor. Was mit der Aussicht auf einen "neuen Historikerstreit" angekündigt worden war, entwickelte sich zu einem medialen Volkssturm gegen die Schatten der Vergangenheit auf dem selbstgemalten Menschenrechts-Porträt des deutschen Anspruchs auf Verantwortung. Diagnose: Ungebrochene Latenz der "Kollektivschuld-These".

"Was der Autor meint, steht in seinem Buch." Mit dankenswerter Präzision legt Doktor Schirrmacher den Krankheitsherd frei: "Deutschland, fundamental antisemitisch, hat den Judenmord willig und mit innerer Zustimmung vollzogen. Hätte das Land die Möglichkeit dazu gehabt, wäre die Vernichtung der Juden bereits im 19. Jahrhundert durchgeführt worden. Besäße es ein anderes politisches System, wäre es auch heute wieder zum Genozid fähig." (FAZ 30.4.96) Die Kompetenz für die moralisch-therapeutische Stärkung des angegriffenen Patienten darf mit Recht die Kino-Reporterin der taz für sich beanspruchen: "... in der Tat wird hier das Fantasy-Material der 40er und 50er Jahre neu aufbereitet, eine Art ,Pulp-Fiction‘ mit soziologischem Tarncode." (13./14.4.96) Auf gut deutsch: Schund.

Schirrmacher hatte allerdings schon zu Beginn der Affäre ihre möglichen Folgen erkannt: "Glaubt man den Thesen des Buches, kann der Weg der Deutschen ins einundzwanzigste Jahrhundert nur mit Skepsis und Furcht betrachtet werden." (FAZ 15.4.96) Dem konnte sich auch das deutsche Außenministerium nicht verschließen, zumal es ohnehin Betrübliches feststellen mußte: "In den USA steht Goldhagens Werk [...] auf den Bestsellerlisten. Es sei ,davon auszugehen, daß es auf das Bild des Holocaust in der amerikanischen Öffentlichkeit prägend wirkt – mehr als andere Bücher‘, analysierte die deutsche Botschaft in Washington in einem achtseitigen Papier." (Spiegel 21/96)

Wenn deutschen Journalisten die Rolle des Allgemeinmediziners bei der Pflege der geistigen Kollektivhygiene zukommt, und einige von ihnen – wie die erwähnte Kino-Reporterin – dank Zusatzausbildung im ehemals linken Milieu auch psychotherapeutische Brachialkuren gegen "die zur Flagellanten-Geste verkommene Selbstbezichtigungsrhetorik" liberaler Schwächlinge anbieten können, dann sind die deutschen Historiker hochqualifizierte Spezialisten, zuständig für richtungweisende Neuerungen. Auf dem eingangs erwähnten "Ärztetag", der sich im demokratischen Deutschland auch als "Ärzteparlament" titulieren läßt, breitet der Historiker Eberhard Jäckel eine fundamentale Erkenntnis vor den Delegierten aus: "Das ist der einzige Vorteil, den uns diese belastende Vergangenheit bietet, daß wir die Freiheit und die Menschenrechte deswegen mit größerer Entschiedenheit verteidigen können, weil wir wissen, daß sie bei uns einmal mißachtet und mit Füßen getreten worden sind." Das Presseprotokoll vermerkt dazu den dankbaren Befund eines Arzt-Parlamentariers, "die Ärzteschaft könne nun erstmals ,eine Brücke schlagen zwischen der Generation der Söhne und der Väter‘". (Tsp 7.6.96) Eben dies wollte der deutsche Außenminister in seinem Washingtoner Plädoyer für die Zunft der Staatslenker zum Ausdruck bringen.

II. Eine "These" wird ausgetrieben

Ihre Eltern und ihre Geburt liegen im Nebel der jüngeren deutschen Geschichte. Den einen gilt sie als typische Importware US-amerikanischer re-education, für andere ist sie Produkt christlichen Grübelns in der Nachkriegszeit, wieder andere begreifen sie als Mittel, um von Widersprüchen im deutschen Volke abzulenken. Einig sind sich alle nur in ihrer Zurückweisung. Die Rede ist von der Kollektivschuld-These.

Leibhaftige Verfechter dieser These wurden bislang noch von niemandem erblickt. Es ist wie bei manchen Geistererscheinungen, es sind andere, die wiederum andere kennen, welche Augen- oder Ohrenzeugen des Rätsels wurden. Die Annahme ihrer Existenz weckt Verdacht und Mißtrauen. Gelegentlich wird der Vorwurf erhoben, jemand sei von ihr befallen wie von einer Manie, sie drücke sich sich gleichsam zwanghaft in seiner Argumentation aus. Goldhagen soll so jemand sein. Der weist dies zwar umgehend zurück (3), doch der auf auf ihm lastende Verdacht allerdings wächst dadurch nur.

Versucht man die verschiedenen Positionen der mannigfaltigen Thesen-Banner auf Gemeinsamkeiten bezüglich Funktion und Inhalt des Phantoms zu befragen, so ergibt sich folgendes: Die Kollektivschuld-These wurde aufgestellt, um die Entfaltung eines nationalen Selbstbewußtseins der Deutschen nach ’45 zu unterbinden oder zumindest aufs schwerste zu beeinträchtigen. Die Deutschen – so der Kern der These – seien in ihrer Gesamtheit mitschuldig gewesen an den Verbrechen ihrer nationalsozialistischen Führung – namentlich dem Mord an den Juden. Eine wesentliche Differenz zwischen Regierung und Staatsbürgern, jedenfalls was die Verbrechen und deren Motive betraf, sei nicht feststellbar. Darum sei jeder deutschen Staatlichkeit nach ’45 aufs schärfste zu mißtrauen und nur solche Deutsche könnten in einer nichtdeutschen Welt akzeptiert werden, die von der berüchtigten These überzeugt seien und demzufolge sich die Warnung vor künftigen deutschen Aktivitäten zu eigen machten. Das sei aber schlechterdings unzumutbar, weil so jeder künftige Beitrag Deutschlands zur Lösung der Probleme dieser Welt, der die gleichberechtigte Teilnahme an den weltpolitischen Aktivitäten plus Übernahme von "Verantwortung" zur Voraussetzung habe, verunmöglicht werde. Das finden alle engagierten Gegner der Kollektivschuld-These, deren politisches Spektrum Deutsche jeglicher Couleur in einer wahren Volksgemeinschaft eint, sehr ungerecht.

Die eilige Verallgemeinerung aller Deutschen in ihrer Gesamtheit als Komplizen der Anordnenden und Ausführenden muß der Kollektivschuld-These zu Recht vorgeworfen werden. Selbstverständlich zeugt es nicht gerade von analytischer Genauigkeit, Kinder und geistig nicht zurechnungsfähige Personen einem politisch bewußten Kollektiv zuzuschlagen. Ohne Frage müssen diejenigen, die Verfolgten Unterschlupf gewährten und auf andere Weise deren Leben schützten, einen besonderen Status beanspruchen dürfen. Auch der antifaschistische Widerstand in Deutschland – obgleich quantitativ nicht sehr bedeutsam – stellt eine Ausnahme dar. Ähnliches gilt für die freiwillig oder unfreiwillig Exilierten. Doch schon hier kann sich zeigen, daß ein Fragen nach den Antworten deutscher linker und liberaler Intellektueller auf die "Judenfrage" so wenig Erbauliches ans Licht bringt wie ein Stochern im Vermächtnis der deutschen Arbeiterbewegung zur "nationalen Frage". Die Ikone des deutschen Exils, Thomas Mann, notierte noch im Oktober ’45 in seinem Tagebuch: ",Rasse‘ ist vollends kompromitiert. Wie soll man sie [die Juden] nennen? Denn irgend etwas anderes ist es mit ihnen und nicht nur Mediterranes. Ist dies Erlebnis Anti-Semitismus? Heine, Kerr, Harden, Kraus bis zu dem faschistischen Typ Goldberg – es ist doch ein Geblüt." (4).

Es brauchen keine akribischen Berechnungen angestellt werden; die Zahl derjenigen, die irgendetwas zugunsten der von Deutschland zur Vernichtung bestimmten getan haben, war hierzulande so gering wie in keinem anderen Land unter deutschem Einfluß. Wie sich die "einfachen" Deutschen gegenüber dem allgegenwärtigen Vernichtungsgeschehen verhielten, ist den Berichten Überlebender zu entnehmen. Die aus Jugoslawien in das KZ Bergen-Belsen verschleppte jüdische Kommunistin Hanna Lévy-Hass hat ihre Erfahrungen mit der deutschen Bevölkerung präzise festgehalten: "Erloschen und erdfahl, ausgehungert, mit den letzten Kräften, bleich und mit fiebrigen Augen, schleppten wir uns auf einer endlos scheinenden Straße ins Lager Bergen-Belsen. [...] Dorfbewohner, Frauen in sehr netten Sommerkleidern, Radfahrer und Fußgänger, alle gut gekleidet, gepflegt, ausgeruht, mit der Ruhe einer normalen Lebensführung im Gesicht, hielten einen Augenblick an, um uns neugierig anzustarren. Ohne aus ihrer absoluten Indifferenz herauszugehen! Und die zahlreichen Soldaten [damit sind nicht die SS-Bewacher, sondern ,einfache‘, gerade vorbeikommende Soldaten gemeint, H.P.] begleiteten uns, ohne je das Gewehr aus der Hand zu legen, teilten entlang der Kolonne Stockschläge an jeden aus, der sich umwandte oder ein wenig zurückzubleiben wagte." (5)

Die Indifferenten und die Prügelnden von Schuld am Geschehen freizusprechen, ihnen nicht vorzuwerfen, daß sie geprügelt haben, daß sie sie indifferent zugesehen haben – weil man das, wenn nötig, jederzeit wieder von ihnen erwarten möchte – ist ein Zweck der permanenten Austreibung der Kollektivschuld-These. Von Überlebenden selbst wurde diese These interessantewrweise – jedenfalls soweit dies hierzulande bekannt ist – niemals aufgestellt. Abwegig schien sie ihnen angesichts ihrer Erfahrungen aber nicht zu sein. Jean Améry schreibt fast zwei Jahrzehnte nach seiner Befreiung aus Auschwitz: "Mir schien, ich hätte die Untaten als kollektive erfahren: Vor dem braungewandeten NS-Amtswalter mit Hakenkreuzbinde hatte ich auch nicht mehr Angst gehabt als vor dem schlichten feldgrauen Landser. Auch wurde ich den Anblick der Deutschen auf einem kleinen Bahnsteig nicht los, wo man aus den Viehwaggons unseres Deportationszuges die Leichen ausgeladen und aufgeschichtet hatte, ohne daß ich auch nur auf einem der steinernen Gesichter den Ausdruck des Abscheus hätte lesen können." (6)

Zwar war Améry der Meinung, es sei unsinnig, die Nazi-Ideologie insofern für wahr zu nehnem, als man den NS-Deutschen ein gemeinsames Bewußtsein, einen ebensolchen Willen und ein entsprechendes Handeln zuschreibe. Ein wenig spielte hier wohl auch seine linksdemokratische Hoffnung auf ein irgendwie "anderes", besseres Deutschland eine Rolle. Trotzdem fand er aber "Kollektivschuld" sei "eine brauchbare Hypothese, wenn man nichts anderes darunter versteht als die objektiv manifest gewordene Summe individuellen Schuldverhaltens. Dann wird aus der Schuld jeweils einzelner Deutscher – Tatschuld, Unterlassungsschuld, Redeschuld, Schweigeschuld – die Gesamtschuld eines Volkes." (7) Eine wohl kaum widerlegbare "Hypothese".

Einen anderen und in der gegenwärtigen Goldhagen-Aufregung akuten Zweck der Austreibung der Kollektivschuld-These hat Günther Anders bereits anläßlich des "Historikerstreits" der 80er Jahre aufgedeckt. Nach Anders ist die These nur deshalb in der Welt, damit sie von den Deutschen zurückgewiesen werden kann. Sie folge der geheimen Logik des antisemitischen Wahns: "Ich bekämpfe etwas, also ist es." Durch die Bestreitung der "hartnäckig und eifersüchtig" am Leben gehaltenen These erhoffe man sich die Möglichkeit, die Überlebenden nicht nur als "unversöhnlich" und "rachsüchtig" zu kennzeichnen, was ja auch geschieht, sondern langfristig als Lügner hinzustellen und damit die deutsche Vergangenheit endgültig zu entsorgen. Damit dann – müßte man Anders, der mehr auf Dinge wie die "Ehre" der Täter und ihres Anhangs fixiert ist, ergänzen – der Übernahme und Ausübung von "Verantwortung" der deutschen Großmacht keine moralisch formulierten, aber politisch praktizierten, Bedenken mehr im Wege stehen dürften. "Gäbe es das Wort nicht", so Anders, "Ihr würdet es erfinden, um es zu bekämpfen. So wie Ihr, wenn es uns Juden nicht gegeben hätte, Juden erfunden und sogar hergestellt hättet, um uns verfolgen und liquidieren zu können." (8)

Goldhagen allerdings hätten sie nicht erfunden. Die zentrale Aussage seines Buches würde in Deutschland niemals hergestellt. Seine Erkenntnis, daß der völkische Antisemitismus der Deutschen von Anfang an auf Vernichtung angelegt war, soll mit der Kollektivschuld-These exorziert werden.

Horst Pankow (BAHAMAS 20/1996)

 

Anmerkungen:

1) o.V., Ärztetag zur NS-Zeit: Nie wieder "terminale Versuche", in: die tageszeitung 7.6.96; o.V., Ärztetag verurteilt Verbrechen von NS-Medizinern, in Der Tagesspiegel 7.6.96

2) Auszug aus der Einleitung zu Goldhagens "Hitler’s willing executioners"

3) In einem Bief an "liebe Buchhändlerinnen, liebe Buchhändler" in Deutschland, den er als bezahlte Anzeige in deren Zentralorgan "Börsenblatt" (31/96) veröffentlichen durfte

4) Thomas Mann am 27.10.45, in: ders. Tagebücher 1944–1.4.1946, hrg. von Inge Jens, Frankfurt/M. 1986, S. 269

5) Hanna Lévy-Hass, Vielleicht war das alles erst der Anfang. Tagebuch aus dem KZ Bergen-Belsen, Berlin 1979, S. 21 u. 22

6) Jean Améry, Ressentiments, in: ders. Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten, München 88, S. 84

7) Améry S. 92

8) Günther Anders, Wir Eichmannsöhne, München 1988, S. 80 ff.