A Colony Again?

Robert Mugabes aussichtsloser Kampf gegen die Balkanisierung Afrikas

„Mit Hilfe von Schlägertrupps klammert sich Präsident Mugabe an die Macht.“ (FAZ, 5.5.00) So oder ähnlich lauteten die Schlagzeilen der europäischen Zeitungen vom Main bis an die Themse, mit denen sie den Sieg der Opposition bei den Wahlen Ende Juni herbeischreiben wollten. Nach Lenin liegt eine revolutionäre Situation dann vor, wenn die Herrschenden nicht mehr können und die Beherrschten nicht mehr wollen, und genau das sollte in der Berichterstattung über Zimbabwe geriert werden: blutige Landbesetzungen durch „Rent-a-mobs“ (Times), Verfolgung von Oppositionellen, wirtschaftlicher Zusammenbruch ... Die weißen Farmer waren die Helden jeder Story, sie waren die Opfer, die doch nur in Ruhe ihren Tabak ernten und verkaufen wollten. Und mittendrin Präsident Robert Mugabe, der sich, wie weiland Mao, an die Spitzen von „Roten Garden“ (FAZ, 5.5.00) stellte und damit die Neutralität des Staatsoberhauptes aufgab, die den „Christ und Marxist-Leninist“ (Mugabe über Mugabe) in den achtziger Jahren zum sozialistischen Liebling des Westens gemacht hatte. Er wetterte gegen die weißen Farmer, als wäre der Befreiungskampf zurückgekehrt, und kündigte entschädigungslose Enteignungen an. Was von der westlichen Presse als Wahlkampfmanöver Mugabes zum Zwecke des Machterhalts mißdeutet wurde, war in Wirklichkeit jedoch die Aktualisierung der Landfrage. Keine der Befreiungsbewegungen in Südafrika, Namibia und Zimbabwe hatte sich militärisch durchsetzen können; der Preis für die politische Macht war es, die Besitzverhältnisse nicht anzutasten. Im Lancaster-House-Abkommen über die Unabhängigkeit von Rhodesien/Zimbabwe wurde eine Klausel eingefügt, die Enteignungen für zehn Jahre verbot. So gehören in Zimbabwe heute 60 Prozent des fruchtbaren Boden etwa 4500 weißen Farmern. Diese Besitzverhältnisse und die elende Situation der Landarbeiter waren einstmals der Hauptgrund, den antikolonialen Kampf zu beginnen. Und nun kehrt, unter veränderten Bedingungen, die Landfrage zurück und richtet sich gegen die Befreiungsbewegungen an der Macht.

Die Landfrage ist der politische Ausdruck der allgemeinen Krise auf dem afrikanischen Kontinent. Südafrika, Namibia und anderen Staaten blieb nichts anderes übrig, als Mugabes Unterstützung für Landbesetzer gut zu heißen, denn was in Zimbabwe geschieht, kann morgen oder übermorgen in Namibia oder Kenia, wo es schon erste Anfänge gibt, Realität werden. Die Landfrage ist aber nicht etwa deshalb wieder brisant geworden, weil die für den Weltmarkt Überflüssigen ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen wollen, sondern weil die afrikanischen Staaten Bankrott sind.

Ähnlich wie Jugoslawien überlebten die afrikanischen Staaten, indem sie Teile der Bevölkerung staatlich alimentierten. Bei sinkenden Exporterlösen wurden im Rahmen von „Entwicklungshilfe“ Zuschüsse an den Staat und Kredite gewährt. Das wird vom Westen immer weniger finanziert, statt dessen wird durch die „Strukturanpassungsprogramme“ von IWF und Weltbank die Subsistenzwirtschaft gefördert. Mugabes Anhänger mit ihren Plakaten „Zimbabwe will never be a colony again!“ formulieren eine Kampfansage, die keineswegs so übertrieben und abwegig ist, wie sie auf den ersten Blick scheint. Im Unterschied zu anderen afrikanischen ehemaligen Staaten wie Kongo, geht es im südlichen Afrika nicht nur um die Zerschlagung der zur Sicherung der Verwertung nicht mehr benötigten staatlichen Strukturen: In Zimbabwe, Namibia und Südafrika genießen die weißen Minderheiten „Artenschutz“, der von den vormaligen Kolonialmächten garantiert wird; die FAZ zitiert einen weißen „Zyniker“ aus Harare mit den Worten, „in Zimbabwe gebe es mehr Elefanten als Weiße“ (21.6.00). Sie seien also auch schutzbedürftiger als jene.

Eine Rekolonialisierung würde zum einen die Reproduktion der schwarzen Arbeitskräfte der Subsistenz überlassen und in diesem Sinne tatsächlich einen Rückgriff auf die Verhältnisse vor der „nationalen Befreiung“ bedeuten, die ohnehin nie ganz verschwunden waren. Zum anderen, und darin drückt sich die veränderte Situation aus, wäre es nicht nur eine Besatzungstruppe, die die weißen Siedler zu schützen hätte: es braucht einen Staat, um eine Binnenökonomie zu organisieren, die einen „weißen“ Lebensstandard garantieren kann. In Zimbabwe bietet sich das Oppositionsbündnis MDC – in dem von der ehemals linksradikalen und nun sozialdemokratischen, d.h. erst Anti- und jetzt Pro-IWF-Gewerkschaft bis zu den weißen Siedlern alle möglichen Gruppierungen vertreten sind – dazu an, die Rolle der „zivilisierten“ Schwarzen zu spielen, die „Rassenkonflikte“ im Keim ersticken und so die Besitzverhältnisse zugunsten der weißen Minderheit sichern. Nicht zu Unrecht wirft Mugabe der Opposition vor, von den vormaligen Sklaventreibern in London ausgehalten zu werden.     

Ein Kompromiß führt auf den dritten Weg

„Alles begann mit seiner furiosen Zurschaustellung von Homophobie, eine Leidenschaft, die sich schnell mit seiner Abneigung gegen Tony Blair und seine ‚schwulen Gangster’ verband. Dies erweiterte sich zur Unterstützung für illegale Farmbesetzungen, einem klaren Angriff auf Recht und Gesetz und einer unverantwortlichen Bereitschaft, der Wirtschaft seines Landes furchtbaren Schaden zuzufügen“, schrieb die Times (24.6.00) über Mugabe. Daß dieser die ehemalige Kolonialmacht beschuldigte, mit ökonomischem Druck den britischen Einfluß in Zimbabwe auszuweiten, ist für das konservative Blatt Grund genug zu behaupten, Mugabe habe sich in „einen schwarzen Ian Smith verwandelt“ – mithin in einen rassistischen und wirklich und wahrhaftig verrückten Diktator, der jener Führer des weißen Rhodesien in Wirklichkeit gewesen war. Für kritische Ohren klingt dieser Vergleich zwischen Smith und Mugabe wie der zwischen Hitler und Milosevic. Und wie in Deutschland, so hat auch in Großbritannien dieser historische Vergleich eine vorrangig exkulpatorische Funktion. Er ist zum einen Projektion, in der die Wirklichkeit schlicht umgedreht wird – schließlich sind die Hauptnutznießer der maroden Lage die großen britischen Konzerne, die Zimbabwes Bodenschätze ausbeuten, und die Großgrundbesitzer, deren Besitz in zwanzig Jahren „nationaler Befreiung“ nicht angetastet worden ist –, zum anderen wird so Geschichte neu interpretiert.

Die Labour-Regierung hat erkannt, was die Kritiker der „nationalen Befreiung“ schon lange gewußt haben, nämlich daß von der Befreiung nur die Nation übrig bleibt. Vor diesem Hintergrund nimmt sich dann die eigene blutige Kolonialgeschichte als gar nicht mehr so schlimm aus. Für Mugabe und die anderen Veteranen des Befreiungskampfes im südlichen Afrika erscheint dieses Vorgehen jedoch wie eine Wiederholung der Geschichte; ihnen muß es vorkommen, als habe sich die Uhr um vierzig Jahre zurückgedreht.

Der Faschist Smith hatte mit seiner einseitigen Unabhängigkeitserklärung (UDI) von Großbritannien 1965 der ersten Welle der afrikanischen Nationenbildung – innerhalb weniger Jahre waren 40 afrikanische Staaten unabhängig geworden, allein 27 davon im „afrikanischen Jahr“ 1960 – ein jähes Ende gesetzt und deutlich gemacht, daß die weißen Siedler im südlichen Afrika nicht, wie etwa in Kenia und anderen britischen Kolonien, zu einem Ausgleich bereit waren. Rhodesien wurde durch die UDI zum Hoffnungsträger der Nazis aller Länder, schließlich gab man sich noch radikaler als das südafrikanische Regime. Mithilfe der südafrikanischen Rassisten gelang es Smith, trotz der Unabhängigkeit von Mocambique und Angola nach dem Sturz des portugiesischen Salazar-Faschismus im April 1974, sich bis Ende 1979 an der Macht zu halten. Die letzten Jahre seiner Macht waren vom Krieg gegen die östlichen und westlichen Nachbarstaaten geprägt, deren konterrevolutionäre Terrortrupps von Rhodesien und Südafrika gestützt wurden. Im Inneren bekam jedoch der bewaffnete Kampf der beiden Befreiungsbewegungen ZANU und ZAPU immer größere Dimension bis schließlich ein Status quo erreicht war, in dem keine der beiden Seiten noch auf einen militärischen Sieg hoffen konnte. Als das südafrikanische Regime, nach den Unruhen von Soweto 1976 selbst unter Druck geraten, damit rechnen mußte, daß der Krieg, den man so eifrig exportiert hatte, zum Absender zurückkehrt, verließen die südafrikanischen Truppen den Süden Rhodesiens.

Es folgten die Lancaster-House-Verhandlungen in London – der Verursacher war auch hier schließlich der Vermittler. Dabei hatten die Befreiungsbewegungen des südlichen Afrika in einer gemeinsamen Erklärung schon 1968 festgestellt: „Es könnte jetzt für die Entwicklung des Befreiungskampfes (in Zimbabwe, Anm. TK) gefährlich sein, davon auszugehen, daß der Kampf auf der Basis Großbritanniens als der verantwortlichen Verwaltungsmacht geführt werden müsse ...“ (1)  Mugabe (ZANU) und Joshua Nkomo (ZAPU) wußten also, worauf sie sich einließen, als sie sich an den Verhandlungstisch setzten. Ihre Alternative hätte in der Ausweitung des Konflikts gelegen, aber das hätte Restbestände jenes Panafrikanismus im Bewußtsein dieser Veteranen vorausgesetzt, mit dem sie einstmals begannen. Denn die Lage war gar nicht so ungünstig: Durch ein Eingreifen britischer Truppen wäre die Kolonialmacht für jeden ersichtlich zur Partei in diesem Krieg geworden. Statt dessen ließen sich die Führer der konkurrierenden Organisationen auf Bedingungen ein, die die Privilegien der weißen Minderheit sicherten.

Nur noch einmal kam kurz Panik unter den verbliebenen Weißen auf, als der Linke Mugabe im April 1980 die Wahlen gewann. Rhodesien wurde unabhängig und hieß fortan Zimbabwe. Aber ansonsten predigte Mugabe, dessen ZANU von China unterstützt wurde, Versöhnung. Mit einem Mal stand er für einen afrikanischen „dritten Weg“, für die Integration von Schwarzen und Weißen in einer Nation.

Niederlage im Kampf gegen „Rassismus und Tribalismus“

Die gezielte Destabilisierung der jungen Staaten war das erklärte Ziel Südafrikas. In Angola und Mocambique richteten die „Rebellenbewegungen“ genannten Mordbanden Unita und Renamo ein Massaker nach dem anderen an; Südwestafrika/Namibia wurde von Südafrika verwaltet, die südafrikanische Regierung erklärte das Land für „unabhängig“ und setzte eine schwarz-weiße Marionettenregierung ein. Zugleich war die nationale Einheit seit den ersten Unabhängigkeitserklärungen der zentrale Inhalt der antikolonialen Bewegungen in Afrika, spätestens nach dem Scheitern von Patrice Lumumba im damaligen Belgisch-Kongo. Das Eingreifen der belgischer Truppen auf Seiten von „Ethnien“, die sich der Staatwerdung widersetzten, führte zu einem blutigen Bürgerkrieg, an dessen Ende 1961 die Ermordung Lumumbas, einer der zentralen Figuren der „afrikanischen Einheit“ stand. Er stellte schon 1958 fest: „Neben diesem Kampf für die nationale Befreiung ... widersetzt sich unsere Bewegung mit aller Kraft der Balkanisierung des nationalen Territoriums, gleich unter welchen Vorwänden diese versucht wird.“ (2) 

Die Furcht vor einer „Balkanisierung“ Afrikas war, wie sich in den vergangenen Jahren zeigte, sehr berechtigt; aber indem Mugabe und andere auf den starken Staat setzten und darauf, daß sich eine dem Staat ergebene Elite herausbildet, die diesen zu schützen bereit ist, legte er auch eine Grundlage für dessen Zerschlagung. Die Orientierung auf den Staat ließ in Zimbabwe wie anderswo andere Hauptfeinde der afrikanischen Emanzipation unangetastet, sondern stärkte diese auch noch. Lumumba benannte sie: „Rassismus und Tribalismus müssen bekämpft werden, weil sie ein Hindernis sind für harmonische Beziehungen zwischen den Menschen und den Völkern“ (3) , schrieb er kurz vor seiner Ermordung in seiner letzten Botschaft (man beachte, daß die Menschen vor den Völkern kommen und Rassismus und Tribalismus zusammen genannt werden).

Die Staatwerdung erschien ohne Alternative, weil in den jeweiligen Territorien, deren Grenzen durch die Kolonialmächte festgelegt worden waren, nicht eine, sondern zahlreiche Gesellschaften existierten, die sich sowohl ethnisch als auch vor allem im Verhältnis zur jeweiligen Kolonialmacht abgrenzten. Die Idee der „afrikanischen Einheit“ wiederum war eine Reaktion auf die so geschaffenen nationalen Territorien und insofern antinational, als Afrika als Kontinent, nicht als Nation gemeint war – erst in den späten sechziger Jahren bildeten sich in einzelnen Staaten „originäre“ Befreiungsnationalismen, z.B. in Zimbabwe, dessen Charakter als Einheitsstaat von der Opposition (noch) nicht in Frage gestellt wird. 

Die Befürchtung vor einer Balkanisierung im eigenen Lande führte zur militärischen Zerschlagung der am südafrikanischen ANC (und damit an der SU) orientierten ZAPU, die zudem noch die Minderheit der Ndebele an der Grenze zu Südafrika repräsentierte (der einzigen ländlichen Region, in der die Opposition bei den diesjährigen Wahlen die Mehrheit gewann): „Waffenfunde bei der ZAPU und die Angst vor einem militärischen Eingreifen Südafrikas auf Seiten der ‚Dissidenten’ führte zu diesen drakonischen Maßnahmen, u.a. auch zum Ausschluß der ZAPU aus der Regierung der nationalen Einheit.“ (4)  Als alles vorbei war, bot Mugabe den Unterlegenen Versöhnung an. ZAPU und ZANU vereinigten 1987 sich zur ZANU-PF. Mugabe gelang es, die gesamte Führungsriege zu integrieren bzw. zu bestechen. Der im letzten Jahr verstorbene Joshua Nkomo soll zum größten Grundbesitzer Zimbabwes avanciert sein (jW, 3.7.98). Nur so konnte sich Mugabe halten, nur so, in der absoluten Personalisierung der staatlichen Souveränität, konnte er die ab Ende der achtziger Jahre folgenden Linienwechsel begründen, die vielerlei bewirkten, aber eines nicht: die Enteignung des Großgrundbesitzes und der Minen.

1991 schwor die ZANU-PF dem Marxismus-Leninismus ab und akzeptiert das von der Weltbank vorgelegte „Strukturanpassungsprogramm“. Diese Kapitulation zur rechten Zeit, ging mit dem Ende der Bestimmungen des Lancaster-House-Abkommen einher. Ebenfalls 1991 wurde der „Land Acquisition Act“ vom zimbabweschen Parlament verabschiedet, nur konnte es, wegen der beginnenden (und für die folgenden Jahre anhaltenden) Jahrhundertdürre im südlichen Afrika nicht umgesetzt werden. Als die Dürre 1996 zu Ende ging, stand die Frage des Landes erneut auf der Tagesordnung. Durch das „Strukturanpassungsprogramm“ sank das Realeinkommen der lohnabhängigen Bevölkerung bis 1997 auf ein Viertel des Niveaus von 1980, die Folge waren Streiks und Demonstrationen gegen IWF und Weltbank, aber auch gegen die Regierung Mugabe, die vor allem das Wohlergehen der eigenen Leute im Blick hatte. Die Veteranen des Befreiungskampfes gingen auf die Straße, um die Auszahlung von zugesagten Geldern durchzusetzen. Die Not der stark angewachsenen Landbevölkerung, die zum großen Teil noch in den von der britischen Kolonialmacht geschaffenen Reservaten lebt, tat ein übriges, um Mugabe unter Druck zu setzen, der sich zunächst auf „african values“ besann und die verderblichen westlichen Einflüsse geißelte – wobei sich die „african values“ kaum von den amerikanischen „family values“ unterscheiden, wie nicht zuletzt der Umgang mit AIDS beweist. In Zimbabwe und zahlreichen anderen afrikanischen Staaten werden Treue und Enthaltsamkeit gepredigt, statt die Benutzung von Kondomen zu propagieren. Thabo Mbeki, der südafrikanische Präsident, weiß die Not mit Mißtrauen gegen die westliche Aids-Medizin zu verbinden. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt dieser teilweise esoterischen Spekulationen, ist es allerdings eine Tatsache, daß nicht einmal für Kondome Geld vorhanden ist.

Und wo kein anderes Hilfsmittel vorhanden ist, tuts allemal die Ideologie: Einer der verderblichen Einflüsse ist für Mugabe die Homosexualität, die er für die Verbreitung von AIDS in Afrika verantwortlich macht und als „unafrikanisch“ bezeichnete. Daß es sich hierbei nicht um irgendeinen Ausfall ohne weitere Konsequenzen handelte, zeigte sich in der Anklage gegen den ehemaligen Staatspräsidenten, Mugabes Vorgänger Canaan Banana. Er wurde im Sommer 1997 der mehrfachen Vergewaltigung von Männern angeklagt. Im Jahr zuvor wurde Homosexualität in Zimbabwe unter Strafe gestellt, Schwulenorganisationen verboten.  Diese reaktionäre Wendung ging einher mit verstärkter sozialistischer Rhetorik – was noch nirgendwo ein Widerspruch war, erinnert sei hier an das Cuba der achtziger Jahre oder an zahlreiche Befreiungsbewegungen, die es auf sexuelle Minderheiten ebenso abgesehen hatten wie auf die Bourgeoisie. Mit den afrikanischen Werten kam auch die „afrikanische Erde“ wieder zu Ansehen. Die Landfrage, die die ZANU-PF fünfzehn Jahre lang nicht in Angriff genommen hat, wurde erneut zum zentralen Moment.

Gegen die Balkanisierung Afrikas

Ob es sich hier tatsächlich um die Rückbesinnung auf den Marxismus-Leninismus maoistischer Prägung handelt oder nicht, mag dahin gestellt bleiben: Vor allem konnte Mugabe so die Veteranen des Befreiungskrieges in die ZANU-PF reintegrieren und einen bedeutenden gesellschaftlichen Störfaktor instrumentalisieren. Der im Wahn seiner Souveränität befangene Staatsführer hat scheinbar einen Ausweg aus dem Diktat der Sachzwänge des Weltmarkts gefunden, indem er sich auf die volksgemeinschaftliche Variante sozialistischer Vergesellschaftung besinnt. Eigentlich ist es eher erstaunlich, daß diese letztlich auf Subsistenzwirtschaft zielende und deswegen auf die Gemeinschaft der Gleichen setzende Politik erst jetzt eine ebenso zweifelhafte wie verzweifelte Renaissance in Zimbabwe erlebt. Nur hat hier der Weltmarkt schon eine Falle aufgestellt: Die neuesten Strukturanpassungsprogramme, wie sie von der britischen Labour-Regierung „angeboten“ werden, setzen auch auf nichts anderes als Subsistenzwirtschaft. So kommen zwei scheinbar vollkommen gegensätzliche „Weltanschauungen“ zum selben Resultat – Autonomie für die Armen auf niedrigstem Reproduktionsniveau. Sie unterscheiden sich aber in der Frage, wo die Regierung des Landes ihre Machtbasis haben soll. Mugabe will seine Macht auf dem Land neu begründen, während der Westen die Stadtbevölkerung dafür auserkoren hat.

Keinesfalls hebt die Subsistenz das Wertgesetz aus den Angeln. Vor der Zeit der nationalen Befreiung wurde beinahe die gesamte Reproduktion der Arbeitskräfte in den Kolonien auf dieser Grundlage gewährleistet, was den Konzernen und Großgrundbesitzern Lohnkosten gen Null bescherte; zugleich garantierte dies den Stammesstrukturen ihre Fortexistenz und schmälerte die Erfolgsaussichten der Befreiungsbewegungen erheblich. Nach dem Ende der SU wurde aus dieser fast schon verblassenden Erinnerung an bessere Zeiten das neue Konzept für den afrikanischen Kontinent. Der Westen braucht keine Staaten mehr, welche die Rohstofförderung absichern, das erledigen heute private Sicherheitsunternehmen oder gleich Söldnerbanden. Die afrikanischen Staaten wurden zu Störfaktoren, einfach weil sie noch existierten und dem Weltmarkt dadurch gewisse Grenzen setzen. So erklärt sich der blutige Krieg im Kongo und das umstrittene Engagement Zimbabwes darin. Nach dem Sturz von Mobuto, der zunächst noch von Belgien und Frankreich gehalten wurde, um Diamantenproduktion zu sichern, entdeckte man die Vorteile eines staatenlosen Zustands für eine Form der Marktwirtschaft wieder, die in diesen Gegenden seit über 400 Jahren ausschließlich im Raub von menschlichen und materiellen Ressourcen besteht. Die Rohstoffinteressen haben die gelegentlichen Befürchtungen vor den Folgen des staatlichen Zerfalls in den Hintergrund gedrängt. Das Vorgehen des Westens im Kongo wurde von Mugabe als das verstanden, was es ist: die Fortsetzung der „Balkanisierung“ Afrikas, die permanente Destabilisierung zur Sicherung der Profitinteressen. Insofern handelte er als Internationalist, als er Truppen zur Unterstützung von Kabila entsandte, wohlwissend, daß er diesen Einsatz gar nicht würde bezahlen können.

Am schärfsten von der mit der Renaissance der Subsistenzwirtschaft verbundenen Entstaatlichung sind die neuentstandenen Schichten der vom Staat alimentierten großstädtischen Arbeiter und Angestellten betroffen, die, kaum, daß es sie gibt, schon wieder überflüssig geworden sind. Sie sind das Rückgrat der Opposition in Zimbabwe. Der Chef der Gewerkschaft ZUCTU, Morgan Tsvangirai ist zugleich Generalsekretär des Anti-ZANU-Bündnisses MDC, das sich nach den Protesten gegen die Regierungspolitik bildete. Galt die ZUCTU noch vor zwei Jahren als linksradikal in ihrer Kritik an der ZANU und ihrer getreuen Umsetzung der Weltbank-Vorgaben, akzeptierte die MDC, deren größte Einzelorganisation die Gewerkschaft ist, vor den Wahlen die Bedingungen für weitere Kredite. Eine Landreform halten alle für notwendig, aber die MDC ist gegen Enteignungen; sie repräsentiert sowohl weiße Farmer als auch Landarbeiter, die um ihren Arbeitsplatz fürchten. (Weil die Arbeitsbedingungen auf den Farmen nach wie vor eher mit Leibeigenschaft zu vergleichen sind, wird hier deutlich, in welcher Lage sich Leute befinden, die für einen solchen Arbeitsplatz und die dafür Verantwortlichen kämpfen.) So war das Hauptthema im Wahlkampf die „Korruption“ und die Auseinandersetzung um die Landbesetzungen.

Verantwortlich für die Besetzungen ist die britischen Labour-Regierung. Nach ihrem Machtantritt stoppte sie 1998 die Zahlungen, zu denen Großbritannien nach dem Lancaster-House-Abkommen im Tausch für den Verzicht auf Enteignungen verpflichtet war. Im Rahmen einer an „ethischen Prinzipien“ orientierten Außenpolitik kreidete man Mugabe Vetternwirtschaft und Korruption an. Nach dem Vorbild Zaire/Kongo, wo das Verfahren ja schon erfolgreich war, wurden verschiedene Elemente der Destabilisierung eingesetzt, z.B. stoppten die weißen Farmer die Rückzahlung an Krediten an die Staatsbank.

Nachdem Mugabe das Referendum über die neue Verfassung verlor, die entschädigungslose Enteignungen ermöglichen (als Drohung, um überhaupt Druck ausüben zu können) und zugleich die Machtbefugnisse des Präsidenten und des Staates erweiterten sollte (als Vorbeugung gegen die „Balkanisierung“), witterten die weißen Farmer und Industriellen, von denen viele britische Staatsbürger sind, die auch auf der Insel leben, eine Chance, Mugabe endlich abzulösen. Sie hielten den im April geernteten Tabak zurück, um die Krise zu verschärfen. Zimbabwe ist der Welt zweitgrößter Tabakproduzent nach Brasilien, 30 Prozent des Exports werden damit bestritten. Damit kündigten sie den Status quo des Lancaster-House-Abkommens endgültig auf, und Mugabe reagierte entsprechend mit der Bemerkung, daß Großbritannien seine „Kinder“ gerne zurück haben könne.

Aber anstatt Mugabe dankbar dafür zu sein, daß er darauf verzichtete, die Ausweisung der Weißen anzuordnen, setzte die internationale Empörung über den „schwarzen Rassisten“ Mugabe ein, der sich weigerte, die Landbesetzer zur Aufgabe aufzufordern. Er setzte sich statt dessen an die Spitze der Bewegung, ungeachtet der Angriffe vor allem aus London, wo man keine Propagandalüge ausließ. So entstand das Bild eines wahllosen Terrors gegen Andersdenkende und anders Aussehende zu Wahlkampfzwecken.

No Future

Was unter Umständen als Manöver begann, das Mugabe für sich nutzen wollte, hat sich zu einer handfesten Bedrohung für alle an der Macht befindlichen, vormaligen Befreiungsbewegungen entwickelt. Der linksradikale PAC rief dazu auf, auch in Südafrika endlich die Landfrage zu stellen, Winnie Madzikela-Mandela besuchte mit dem Vorsitzende des Veteranenverbandes, Chenjerai Hunzvi, der sich selbst „Hitler“ nennt, besetzte Farmen, und der regierende ANC hat sich bislang von Mugabe – trotz entsprechender Aufforderungen durch die Gewerkschaft und die kommunistische Partei – nicht öffentlich distanziert. Die in Namibia regierende SWAPO veranstaltete Ende Mai eine Großkundgebung im Nordosten, wo die meisten großen Farmen liegen. Hier gehören 60 Prozent des fruchtbaren Landes ebenfalls weißen Farmern. Ehrenredner war, neben Staatschef Sam Nujoma, Mugabe. Die oppositionelle Turnhallen-Partei fordert von Deutschland Entschädigungen für die Ausrottung der Hereros 1904 – auf ihrem Land befinden sich heute große Farmen mit Besitzern, die sich selbst nach wie vor als deutsche Siedler begreifen. Diese Liste ließe sich fortsetzen. Die „geschichtslosen Völker“ haben jetzt eine Geschichte, die sie ihren Verursachern als offene Rechnungen präsentieren.

Das Ende der ausgerufenen Versöhnung – die ohne die Enteignung ohnehin nicht einmal ein Ausgleich war – erscheint als Wiederkehr des „Rassenkrieges“, den Buren, Briten und Deutsche gegen die schwarze Bevölkerung führten. Aber seine Bestimmung hat sich, anders als FAZ und Times behaupten, nicht plötzlich umgedreht; die Opfer sind nach wie vor nur in Ausnahmefällen Weiße, z.B. Farmer, die sich der Besetzung des Landes widersetzen. Mugabe hat sich geweigert, die Privilegien der Weißen weiterhin mit staatlicher Macht abzusichern. So konnte er sich an die Spitze der Bewegung setzen, die sich ansonsten gegen ihn gerichtet hätte. In der eigenen Partei nicht mehr unumstritten, hat er sich eine neue Basis geschaffen. Die nationale Integration von schwarzer Mehrheit und weißer Minderheit, das zentrale Projekt der Mugabes, Nujomas und Mandelas der Region, hat Schiffbruch erlitten; immerhin fast zwanzig Jahre haben sie es geschafft, den Status quo aufrecht zu erhalten, den zu akzeptieren der Preis ihrer Machtübernahme war. Der Preis war die permanente Krise und Zehntausende Menschenleben. Jetzt kehren mit den ehemaligen Kolonialmächten die Mörder zurück an den Ort ihrer Tat, um die Menschenrechte der Weißen zu sichern.

Exportfähigkeit und nationaler Ausgleich stehen sich in Zimbabwe ebenso unversöhnlich gegenüber wie Subsistenz und Souveränität. Mugabes Versuch einer Synthese unter dem Diktat des Weltmarkts droht als staatenlose Anarchie unterm Wertgesetz zu enden. Die Idee der Selbständigkeit, die dem Panafrikanismus ebenso zugrunde lag wie der nationalen Unabhängigkeit führt in Zimbabwe zur Polarisierung der Kräfte von Weltmarkt und Subsistenz und führt den Anachronismus des Versuches ihrer Harmonie vor Augen. Weil Mugabe kein anderes Rezept hat, als das, was ihm ohnehin vom IWF verordnet wurde – die extensive Ausweitung der Subsistenz, um die Überflüssigen mit der Auseinandersetzung mit der „ersten Natur“ zu beschäftigen –, kann er nur noch den Preis für die Übergabe der Macht in die Höhe treiben, wodurch wiederum nur die Abhängigkeit, nicht mehr von den Interessen, sondern von der Gnade des Westens, sich totalisiert. So ist eine Situation entstanden, in der es keine „nationale Lösung“ mehr geben kann, weder positiv noch negativ. Aber nach einer Renaissance wenigstens eines revolutionären, sozialistischen Panafrikanismus – im minimalen Sinne „des nackten Überlebens einer größtmöglichen Zahl von Menschen“ (Hermann Gremliza) – sieht es zur Zeit am Allerwenigsten aus.  Vorerst setzt Mugabe, trotz drohenden Staatsbankrotts, auf Integration: Mit der neuen Regierung, in der kaum noch alte Veteranen, sondern vor allem junge Technokraten vertreten sind, soll die städtische Opposition und der Westen beruhigt werden. Die entschädigungslose Enteignung von an die 200 Farmen soll die Landbesetzer besänftigen und zur Aufgabe der anderen Besetzungen bewegen. Allerdings hat eingestandenermaßen auch Hunzvi die über 1000 Besetzungen nicht mehr unter Kontrolle; weil er beim Postenreigen leer ausging, kündigte er die Verstärkung der Kampagne an. (Vgl. Times, 17.7.00)

„Die Zukunft macht sich aus dem Staub“, titelte die FAZ am 21.6.00: „Vor der Wahl haben viele Weiße ihre Koffer gepackt“ – die Zukunft Zimbabwes ist also weiß oder gar nicht. Das ist eine Drohung, vor allem, nachdem Mugabe entgegen den Wünschen Europas die Wahlen doch gewonnen hat: Eine andere als eine weiße Zukunft soll das südliche Afrika nicht haben. Noch will eine Mehrheit in Zimbabwe nicht einsehen, daß ihre Perspektive darin liegen soll, die Perspektive der weißen Siedler zu sichern.

Nichtsdestotrotz ist nach Lage der Dinge die „nationale Befreiung“ nur ein Zwischenspiel in der Geschichte der europäischen Herrschaft über den afrikanischen Kontinent, d.h. der Ausplünderung der Rohstoffe und der Ausbeutung seiner Bewohner, gewesen. Nach der Tragödie der mißglückten Souveränität folgt die kannibalische Farce des Kolonialismus. 

Tjark Kunstreich (Bahamas 32/2000)

 

 

Anmerkungen:

1) Gemeinsame Erklärung von ANC (Südafrika), MPLA (Angola), PAIGC (Guinea-Bissau), SWAPO (Südwestafrika) und ZAPU (Rhodesien) auf der 5. Gipfelkonferenz der Organisation für afrikanische Einheit (OAU), 1968. Zitiert nach: R. Falk, P. Wahl: Befreiungsbewegungen in Afrika. Politische Programme, Köln 1980, S. 316

2) Patrice Lumumba: Das Aktionsprogramm der Kongolesischen Nationalbewegung, zitiert nach: Befreiungsbewegungen in Afrika, S. 125

3) Letzte Botschaft Patrice Lumumbas vor seiner Ermordung, zitiert nach: Befreiungsbewegungen in Afrika, S. 131

4) Siegfried Schröder: Zimbabwe: 20 Jahre unabhängig, in epd-Entwicklungspolitik 6/2000