Sonderweg in die Zivilisation?

Liberalismus als Gegenbild zur Barbarei in den Betrachtungen zur deutschen Geschichte

In der letzten BAHAMAS wurden verschiedene Zugänge zu einer Theorie des deutschen Sonderweges vorgestellt. Von vorrangigem Interesse bei der Diskussion solcher Theorien ist die Frage, ob die besondere Aggressivität des deutschen Imperialismus auf einer Kontinuität beruht, die auch die Kriegsniederlage von 1945 überdauert hat. Für die Auffassung, daß der deutsche Sonderweg 1945 beendet wurde, gibt es in der Literatur einen politischen und einen ökonomischen Argumentationsstrang: Einmal wird ins Zentrum gerückt, daß mit der erzwungenen politischen Westintegration der BRD die Grundlage für eine Herrschaft durch reaktionäre Eliten verlorenging und die Resultate der fehlenden bürgerlichen Revolution mit Panzern gebracht wurden; im anderen Fall wird darauf verwiesen, daß mit der vollständigen Ausprägung des Weltmarktes nach 1945 auch die für den Aufstieg Deutschlands zum Weltmarktkonkurrenten kennzeichnenden Besonderheiten und Auswirkungen verschwunden sind. Für beide Ansätze ist der deutsche Imperialismus der Gegenwart seinen westlichen Konkurrenten zum Verwechseln ähnlich, die Beschäftigung mit dem Sonderweg obsolet geworden.

Auffällig ist jedoch, daß die Kriterien für Gleichheit oder Besonderheit nicht aus den deutschen Verhältnissen selbst, sondern, wie in fast der gesamten Sonderwegsdiskussion, aus dem äußerlichen Vergleich mit westlichen Ländern geschöpft werden. Die Herausbildung bürgerlicher Ökonomie und Staatlichkeit, wie sie sich dort vollzog, gibt implizit oder explizit den Maßstab des Vergleichs ab; sie gilt als "vernünftiges" Ideal bürgerlicher Zivilisation, welches zu realisieren Deutschland lange Zeit verfehlt habe. Der deutsche Sonderweg wird damit a priori als "Irrweg", als ein im Grunde nichtbürgerliches Phänomen eingeführt. Festgemacht wird diese "Abweichung" daran, daß in Deutschland einer prosperierenden Ökonomie eine stagnierende Entwicklung auf politischem Gebiet korrespondiert habe. Diese These von der historischen "Ungleichzeitigkeit" der deutschen Verhältnisse bietet zwar allerhand Anlaß zu langem und nutzlosem Räsonnement darüber, was die bürgerliche Klasse als herrschende hätte tun müssen, um ihrem durch nichts begründeten Ideal zu entsprechen, versperrt aber die Möglichkeit, den deutschen Sonderweg als Besonderheit des Allgemeinen, als spezifische Erscheinungsform der Wertvergesellschaftung zu beschreiben. Erst dann würde auch die Analyse der deutschen Verhältnisse gleichbedeutend mit Kapitalismuskritik.

Am deutschen Modell bürgerlicher Vergesellschaftung läßt sich nachvollziehen, wie das Bürgertum sowohl in seiner Gedankenwelt als auch bei der Wahrnehmung seiner Interessen nicht nur auf den Staat rekurriert, sondern sich selbst im Staat setzt. Die Phase der auf Zustimmung gestützten totalen Exekutive hat es selbstverständlich nicht nur in Deutschland gegeben. Hier hat diese Phase allerdings, im wesentlichen vom Bürgertum getragen, bereits vor der Staatsgründung angefangen und danach kaum mehr aufgehört. Dieses spezifische Verhältnis von Staat und Bürgertum schafft die Bedingung des Nationalsozialismus, der sich durch die Verschmelzung von Masse und Exekutive zur Volksgemeinschaft auszeichnet.

Vernunft und Zivilisation

Der Hauptgegenstand in der Literatur zur deutschen Geschichte ist ein großes schwarzes Loch. Spezifikum der deutschen Geschichte ist, so die einhellige Meinung, das Fehlen einer selbstbewußten bürgerlichen Klasse. Damit wird, gemessen am klassischen englischen Vorbild, die Abwesenheit des Liberalismus thematisiert. Diese Abwesenheit erklären zu können, wird als der Schlüssel zum Verständnis der deutschen Geschichte angesehen. An der Vorstellung von der Schwäche des Liberalismus knüpft an, was unter den Stichworten "Sonderweg" bzw. "autoritärer Nationalstaat" verhandelt wird.

Der Liberalismus wird im allgemeinen als geistiges und praktisches Daseinsmerkmal des Bürgertums verstanden. Als Ideologie liegt ihm der mit der Etablierung des Kapitalismus einhergehende Fortschrittsoptimismus zugrunde, der im Zweifelsfall bis zur nächsten Wirtschaftskrise anhält. Hat das Bürgertum die Macht, dann wird dies mit der Herrschaft größtmöglicher Vernunft und Normalität assoziiert. Sind sich über diese Prämissen, wie das heute der Fall ist, die Historiker rechter und linker Provenienz weitgehend einig, dann lautet die zentrale Frage historischer Forschung, welche "bösen Mächte", die durch die jeweilige antibürgerliche Kraft repräsentiert werden, dafür verantwortlich sind, daß das Bürgertum von der ihm zustehenden Machtausübung ausgeschlossen blieb. Der I. Weltkrieg wurde demnach durch die zurückgebliebene Gesellschaftsstruktur befördert, die eine Herrschaft der agrarischen und industriellen Aristokratie ermöglichte; der "Untergang" der Weimarer Republik wurde durch die Bekämpfung von links und rechts besiegelt; der II. Weltkrieg schließlich wurde durch die Hitler-Diktatur verschuldet. Jeweils wird die "eigentlich" zur Herrschaft berufene Elite liberaler Bürger in der Opposition gesehen. Die liberale Bourgeoisie wird als gänzlich unverbrauchte Kraft präsentiert.

Der deutsche "Irrweg" ist demnach eine Kette ausschließlich politisch bestimmter Fehlentwicklungen und -entscheidungen. Vermeintlich erkannte politische Fehler werden dann als "Lehren der Geschichte" präsentiert, wie z.B. die Niederlage der Parlaments-Liberalen gegenüber Bismarck, das Bündnis von Schornstein und Scholle, das verhältnismäßig frühe Erstarken der organisierten Arbeiterbewegung, die sich mit der NSDAP verbündende monopolistische Schwerindustrie usw.

An Stelle des liberalen Bürgertums machten sich nach dieser Lesart in Deutschland reaktionäre Bestandteile der Gesellschaft die Möglichkeiten des modernen Kapitalismus in fataler Weise zunutze. Letztlich jedoch setzten sich die Kräfte der kapitalistischen Modernisierung auch ohne das Bürgertum als herrschender Klasse durch, quasi durch die Akteure des Bösen hindurch. Die kapitalistische Vernunft befand sich damit lediglich auf Umwegen. Die Katastrophe des Sonderweges wird als Preis der Modernisierung interpretiert. Selbst bei Hitler gibt es dann objektiv Fortschrittliches zu entdecken, wie die Diskussion um den NS seit Jahren nahelegt. Zitelmann steuert dazu nur noch die Nuance bei, daß Hitler sich auch selbst als ein Modernisierer begriffen habe.

Optimismus in Bezug auf das Wirken der kapitalistischen Vernunft wird identisch mit dem Vertrauen auf die Vernunft in der Welt. Wer die Ideale von Vernunft und Zivilisation selbst radikaler Kritik unterzieht, wer darauf hinweist, daß diese hehren Güter die Bedingung des deutschen Sonderwegs einschließlich der nationalsozialistischen Barbarei darstellen, der wird eines defätistischen Vergehens an Vernunft und Zivilisation geziehen und als Fürsprecher des in Deutschland ja tatsächlich traditionell beheimateten Irrationalismus angeschwärzt. Bei soviel Sinnstiftung für die Gegenwart ist es kein Wunder, daß diese "Faschismusforschung" nie an ein Ende kommen wird. Anstatt den Faschismus als begriffslogische sowie als historisch konkret gewordene Konsequenz kapitalistischer Wertvergesellschaftung zu analysieren, wird er zur Ausnahme von der Regel "normaler" Entwicklung erklärt. Er erscheint als zeitlich begrenzte Abwesenheit eines Ideals von bürgerlicher Vernunft und Zivilisation sowie als deren Vorgeschichte zugleich. Nach 1945 ist der Sonder(=Irr)weg aufgrund der abgeschlossenen Modernisierung beendet. Auf dem unvernünftigen Weg hat sich letztlich die Vernunft des kapitalistischen Vergesellschaftungsprozesses selbst durchgesetzt.

Kritische Geschichtswissenschaft

Auf der Ebene der Verklärung bürgerlicher Herrschaft bewegt sich auch die sog. kritische Geschichtswissenschaft Fritz Fischers und Hans-Ulrich Wehlers, der das Problem der Moderne in der "Synchronisierung von sozialökonomischer und politischer Entwicklung" (1) sieht. Deutsche Geschichte bis zum NS ist danach die eines Defektes dieser Synchronisation, die als politische Aufgabe der bürgerlichen Gesellschaft verstanden wird, damit diese ihre zivilisatorische Mission erfüllt. Die Synchronisierungsthese schließt andere Erklärungen der deutschen Verhältnisse aus, die z.B. heißen könnten: Deutschland war vor dem I. Weltkrieg nach einem beispiellosen Aufstieg das ökonomisch fortgeschrittenste Land Europas; damit synchron ging auch eine auf der Höhe der Zeit sich bewegende sozialpolitische Entwicklung. Die "Pioniertaten" bei der Einführung von Sozialversicherungen in den 1880er Jahren wären dann im Dienst der Herstellung nationaler Effektivität zu sehen. In diese Richtung argumentiert auch Geoff Eley, wenn er herausstreicht, "daß im Vergleich zu England es gerade die ‚modernsten‘ und ‚progressivsten‘ Aspekte der Entwicklung des Kapitalismus im Kaiserreich waren – nämlich das höhere Konzentrationsniveau, die rasch ansteigenden Investitionen in neue Fabrikanlagen und neue Technologien und das Experimentieren mit ausgefeilteren Methoden der Arbeitsteilung –, die das so oft ausführlich und erschöpfend beschriebene von Repression gekennzeichnete Verhältnis von Unternehmern und Arbeitnehmern erst ermöglichten." (2)

Die These von der mangelhaften Synchronisierung von Ökonomie und Politik interpretiert die deutschen Verhältnisse als Verfehlung des westlichen Ideals und verfehlt damit ihrerseits die deutsche Spezifik. Eine Unordnung wird festgestellt, wo es sich um Charakteristisches handelt. Das historisch Gleichzeitige wird als Fehlentwicklung begriffen: objektiv fortgeschrittene Ökonomie vs. "leider" zurückgebliebene Politik. Exzessiv wird die abgeschmackte Kategorie der "Verspätung" bemüht: "Die deutsche Form der Industrialisierung vollzog sich, unter qualitativen Aspekten, vergleichsweise mit erheblicher Verspätung und zugleich in hektischen Schüben; dabei wurde die Phase des Frühkapitalismus (...) eine Form der Industrialisierung, auf die die Zukunftserwartungen des Liberalismus ausgerichtet gewesen waren, gleichsam übersprungen." (3)

Für Wehler besiegelte der Ausgang des Verfassungskonfliktes in Preußen Anfang der 1860er Jahre (Absegnung der von Bismarck betriebenen Militärpolitik am Parlament vorbei, mit überwältigender Mehrheit durch das Parlament) "die politische Ohnmacht des Bürgertums – bis 1918." (4) Vor dem II. Weltkrieg wurde in den Diskussionen zur Bewertung der deutschen Geschichte der liberalen Seite im Verfassungskonflikt von der deutschen Geschichtsschreibung noch ein Teilsieg bescheinigt (Bismarck sei gezwungen worden, die Unrechtmäßigkeit seines Handelns einzugestehen), nach 45 wurde dessen Ausgang als Niederlage interpretiert. Nach 45 wurde der bis dato angeblich stets unterlegene Liberalismus zur historischen Alternative, zur freiheitlichen, antikonservativen Kraft hypostasiert. Konsequent wurden daher von der Kritischen Geschichtswissenschaft Begriffe wie Zivilgesellschaft oder Modernisierung emphatisch aufgeladen. Der deutsche Sonderweg wurde bemüht, um ihn 1945 enden zu lassen. Diese Geschichtsschreibung "in pädagogischer Absicht" (5) mußte erst gegen die reaktionäre Nachkriegs-Historikerzunft der BRD durchgesetzt werden. Von konservativer Seite wurde diese Geschichtsschreibung besonders deswegen bekämpft, weil in deren Sicht (z.B. für Wehler) die deutsche Teilung quasi selbstverschuldet gewesen ist. Nach 1989 ist die Grundlage für diesen Streit aber entfallen.

Der Ruf nach der starken Macht: Preußen

Notwendige Richtigstellungen zu Wehlers "Ohnmacht des Bürgertums – bis 1918" finden sich in einem materialreichen Buch von Michael Gugel (6). Gugel zeigt, daß es eine echte Niederlage oder gar eine Resignation des Bürgertums nicht gegeben hat (vor und nach dem Verfassungskonflikt wurden die gleichen Forderungen vertreten), daß vom Bürgertum damals weder emanzipatorische Aktionen noch Parolen getragen wurden, und daß die Entwicklung in Deutschland vom Bürgertum und seinen Interessen in der ökonomischen Aufstiegsphase bei bereits entwickeltem Weltmarkt wesentlich bestimmt wurde. Der sprunghaften und heftigen Entwicklung der Industrie entsprach auch eine "geraffte" Entwicklung auf sozialem und politischem Gebiet, an der neben dem Bürgertum auch die traditionellen Eliten teilhatten.

Man könnte auch sagen, daß der bereits existierende Weltmarkt andere Anforderungen an einen Neuaufsteiger als an den Alteingesessenen stellte. Um die Gesellschaftsstrukturen an die Akkumulation anzupassen, bedurfte es keineswegs der Etablierung einer von der bürgerlichen Klasse ausgeübten Herrschaft gegen die ungebrochene Macht von Absolutismus oder Feudaladel, seitdem ohnehin klar war, daß gegen die kapitalistische Ökonomie auf Dauer keine Politik zu machen ist – besonders seitdem mit dem Zollverein (1834) die preußische Suprematie über Österreich eine starke ökonomische Komponente bekommen hatte. Eine konstitutionell orientierte bürgerliche Politik kann des Bürgertums als auch empirisch herrschender Klasse entraten.

Der Liberalismus konnte aber dadurch nicht mehr so einfach wie noch in England als die Verkörperung des Menschheitsinteresses auftreten. Er verpflichtete sich den nächstliegenden nationalen Zielen und bediente sich dabei jener Konzepte und Ideologien, wie sie im sich bildenden antinapoleonischen Deutschland, also schon lange vor dem industriellen "take off", existierten. Gugel belegt, daß das Streben des Liberalismus in Preußen nur ein Ziel kannte, dem alle anderen nachgeordnet waren (dies galt auch für Verfassungsfragen, da keine "theoretischen Fragen" die praktische nationale Politik behindern sollten): die Herstellung eines zentralen deutschen Staates durch die Führung der stärksten Macht im Deutschen Bund, also Preußen. Der starke Staat sollte die deutsche Wirtschaft im internationalen Verkehr schützen (Forderung nach einer Flotte); Vertrauen in die Staatsgewalt sollte größere Investitionen im Inland ermöglichen und der Staat sollte seine Anstrengungen entfalten, um nach innen die "Streitigkeiten der Parteien" einzudämmen. Die Bestrebungen des Bürgertums hatten schon damals nichts mit individuellen politischen Freiheiten o.ä. zu tun, sondern waren Ausdruck von Machterwägungen.

Die wesentlichen liberalen Institutionen in Preußen hatten sich diese Sicht zu eigen gemacht, als da waren der Volkswirtschaftliche Kongreß, die Deutsche Fortschrittspartei und der Nationalverein (die Nationalliberale Partei, ab 1867, unterschied sich in diesem Punkt nicht von der Fortschrittspartei, sie war in Verfassungsfragen, z.B. der Indemnitätsvorlage, lediglich kompromißbereiter). Fortschrittspartei und Nationalverein waren direkt mit dem Ziel angetreten, den Patriotismus über die politischen Lager hinweg zur politisch bestimmenden Größe zu machen. Dabei verstärkten sich auch antisemitische Tendenzen in bewaffneten patriotischen Vereinen (Schießübungen beim Turnerbund) sowie ein allgemeiner Chauvinismus: Z.B. wurde mit dem Hinweis auf unverzichtbare deutsche Interessen darauf verwiesen, daß es "Recht und Pflicht der Deutschen in den Provinzen Westpreußen und Posen" sei, "sich den Forderungen der Polen auf Einfügung dieser Landesteile in ein einheitliches polnisches Reich mit allen Mitteln zu widersetzen" (S.49/50). Alle Elemente des preußischen Liberalismus scharten sich um zwei Ziele: nationale Machtpolitik und wirtschaftliche Expansion.

Es waren die Liberalen, die die spätere Bismarcksche Politik vorformulierten. Nach der Herstellung des Deutschen Reiches wurde dies auch am Kulturkampf deutlich, den Bismarck ganz im Sinne der Liberalen lostrat, um den als hemmend für die wirtschaftliche Entwicklung angesehenen Einfluß der katholischen Kirche zurückzudrängen, die Beziehung zwischen Bürger und Staat zu festigen und die nationale Homogenisierung voranzutreiben. Bismarcks Politik der Stärkung der Eliten und der Monarchie stand, weil dies der Stärke Deutschlands diente, kein grundsätzlicher Widerstand des Bürgertums gegenüber.

Der Nationalismus im Deutschen Reich wird häufig in einen guten, während der Phase der Beseitigung der Kleinstaaten, und einen schlechten, während der späteren imperialistischen Phase, aufgespalten. Winkler spricht von der "Usurpation der nationalen Parole durch die konservativen Kräfte" (7), wodurch der Nationalismus nach 1878/79 "für die Mehrheit der Nationalliberalen (...) vollends seine emanzipatorischen Impulse" verlor. Eley sieht dagegen zwei Seiten des Nationalismus, die staatsbildende und diejenige, die sich von Bismark manipulieren ließ (8). Doch sind diese Trennungen kaum durchzuhalten, auch wenn sie jenen zupaß kommen, die immer und überall eine geheimnisvolle "Dialektik" am Werk sehen wollen. Bei Winkler dient die Unterscheidung im "Funktionswandel des Nationalismus" dazu, die von ihm geschätzten Liberalen vor ihrem eigenen Tun in Schutz zu nehmen, denn das deutsche Bürgertum war auch der soziale Träger des deutschen Imperialismus, den es gegen z.T. konservative Hemmungen erst durchsetzen mußte. Der Nationalismus selbst war, weil er ein Erfolgskonzept war, bald nicht mehr auf die liberalen Parteien und Vereine beschränkt.

Die Anlehnung der Liberalen an den preußischen Staat ist ferner keine furchtsame Reaktion, die mit dem Verweis auf die entstehende Arbeiterklasse erklärt ist, wie es gerne glauben gemacht wird. Die SPD wurde erst Ende des Jahrhunderts zur größten sozialistischen Bewegung Europas. In den 1840er Jahren emanzipierte sich die Industrialisierung erst teilweise von der direkten staatlichen Anleitung. Industriearbeiter gab es da noch kaum, eher kann von einem Landproletariat gesprochen werden. Die Anlehnung an den Staat war neben dem Wunsch nach Durchsetzung auf dem Weltmarkt eher der Angst vor jeglicher "Unordnung", sei es einer im Zuge bürgerlicher Revolution womöglich eintretenden Rechtsunsicherheit, geschuldet. Dies führte dazu, daß die Revolution von 1848 von Liberalen abgewürgt wurde, als 1849 deren Mehrheit in das Lager der Verteidiger von Stabilität und Ordnung gegen die radikalen Verfechter der "Volkssouveränität" (gemäß damaliger Anschauungen verstanden als organische und nicht als politische Einheit) wechselte.

Preußen bedankte sich dafür mit der Verfassung von 1850 sowie der Modernisierung und Vereinheitlichung des Rechts zur Förderung der Wirtschaft. (9) Diese Verfassung blieb nahezu unverändert bis 1918 in Kraft. Mit der Verfassung wurde entgegen dem Entwurf von 1848 das Dreiklassenwahlrecht eingeführt, und dies war durchaus im Sinne etlicher Liberaler. So waren z.B. die Nationalliberalen in Bremen, Lübeck und den sächsischen Städten für eine Gesetzgebung verantwortlich, die ein noch eingeschränkteres Wahlrecht einführte, um den Einfluß der SPD so gering wie möglich zu halten. (10) Zwar wurde von liberaler Seite die Erleichterung wirtschaftlicher Betätigung, außerstaatlicher Einwirkungsmöglichkeiten auf die Administration, Trennung von Staat und Kirche besonders im Unterrichtswesen, das Nebeneinander von Zivil- und Militärkabinett eingeklagt, doch wurde von der Fortschrittspartei der Aspekt administrativer Modernisierung insgesamt in den Vordergrund gestellt. Es ging nicht um liberale oder liberaldemokratische Prinzipien, sondern gemäß bürgerlichem Interesse um "Wettbewerb, Verdienst, Säkularismus, Recht und Ordnung usw." (11)

Wenn in Deutschland das Bürgertum ein Interesse an Emanzipation zeigte, dann als Emanzipation von staatlicher Schwäche und Emanzipation auf dem Weltmarkt. Das Bürgertum glaubte von vornherein nicht an die liberale Ideologie von der Freiheit durch staatliche Enthaltsamkeit. Der Staat in Deutschland wurde für die Marktintervention und die wichtigste innenpolitische Aufgabe, die soziale Integration, unterstützt. Daß eine "liberale Phase" in Deutschland nahezu ausgeblieben ist, ist schlechthin konstitutiv für die deutsche Geschichte. Es weist nicht auf ein Element der Zurückgebliebenheit hin, sondern darauf, wie straight das deutsche Bürgertum die nachholende Entwicklung angegangen hat. Vielleicht sollte man künftig statt von Sonderweg eher von Straightismus sprechen.

Ständischer Ballast?

Oft wird in der Literatur darauf verwiesen, daß der deutsche Liberalismus ständischen Ballast aus dem Vormärz mit sich herumschleppte. Doch hat die Kontinuität organizistisch-nationaler Ideen im deutschen Liberalismus nichts mit seinem ständischen Ballast zu tun. Bereits 1832 hat Paul Achatius Pfizer (12) das Zusammengehen des deutschen Liberalismus mit dem preußischen Staat bei der Herstellung der Nation gefordert (13), obwohl Preußen 1830 die deutschen Verfassungsbewegungen nach der französischen Julirevolution schroff abblitzen ließ.

Diese Kontinuität fußt auf einer Vorstellung von Staat und Recht, die nicht naturrechtlich begründeten, abstrakten, rationalistischen und absolut geltenden Ideen von der Natur des Menschen verpflichtet ist, sondern in der Idee vom "deutschen Volk" als historisch gewordener, geistig kultureller Einheit gründet (14). Dieses Gegenkonzept zu einer universalen, aufgeklärten Staatstheorie relativierte die naturrechtlich-absoluten Forderungen der bürgerlichen Staatstheorie des Westens als zeitbedingte Erscheinung (Historismus). Der irrationale Charakter der deutschen Staatsvorstellungen liegt aber darin begründet, daß naturrechtlich begründete Ideen als Ausdruck eines bestimmten, z.B. französischen, nationalen Charakters interpretiert wurden. Im Gegensatz dazu wurde zur Grundlage eines deutschen Staates die ideale Gemeinschaft und organische Einheit seiner Bürger erklärt, wobei diese organizistische Vorstellung sich entgegen ihrem Selbstverständnis aus substantialistischen Staatstheorien speist, wie sie die französischen Jakobiner formuliert hatten. Aus dem Status quo wurde in idealer Phrase eine spezifisch deutsche Staatsvorstellung kreiert, bei der Volk und König in einem Nebeneinander als "Staatssouveränität" aufgehoben wurden. Als idealer Staat gilt in liberalen Kreisen Preußens zur Zeit des Verfassungskonfliktes ein über dem Volk und über den Parteien stehender Staat, der als "Staatssouverän" die Gesellschaft zu einer Gesamtheit formen sollte (15). Im Vormärz wurde aus einem organischen Volksbegriff noch die "Volkssouveränität" abgeleitet. Nach dem Vormärz war in der liberalen Staatsvorstellung der König nicht mehr wegzudenken. Darin spiegelt sich ein praktisch affirmatives Verhältnis zur Staatsmacht wider, das nicht einfach auf ständische Tradition zurückzuführen ist.

Nach der preußischen die deutsche Suprematie

Zu Beginn des schmalen sog. "liberalen Zeitalters" (16) von 1870–1890 hatte sich in GB, Frankreich, Skandinavien und Italien der Liberalismus jeweils als Regierungspartei durchgesetzt. Seit der Wirtschaftskrise von 1873 war jedoch das Vertrauen in die selbstregulierenden Kräfte des Marktes wieder erschüttert. In Deutschland waren die Nationalliberalen ein Bündnis mit Bismarck eingegangen. Mommsen datiert den Niedergang des Liberalismus ebenfalls auf den Beginn der 1870er Jahre.

In das "liberale Zeitalter" fällt auch der Übergang zu einer Politik des offenen Imperialismus in allen großen europäischen Staaten seit ca. 1880. Die Ausbildung eines, verglichen mit der früheren Vormachtstellung GBs, multilateralen Weltmarktes setzte den einzelnen Unternehmer unter verschärften Konkurrenzdruck, auf den er mit Rationalisierungen und/oder der Forderung nach staatlichen Interventionen antwortete. In Deutschland war das Bürgertum als Hauptstütze des starken Staates ebenso wie in anderen Ländern der soziale Träger des aggressiven Imperialismus (17). Mit dem Imperialismus hatte das Bürgertum sich gegenüber Teilen des Konservatismus durchgesetzt, obwohl es wiederum nicht regierte. Die Versuche, dem Liberalismus dadurch das Überleben zu sichern, daß die sozialliberale Fraktion mit der Arbeiterbewegung ins Geschäft kommen wollte, während die Nationalliberalen sich dem Konservatismus zuordneten, waren zum Scheitern verurteilt, da sie nur einen Abklatsch des jeweiligen Originals zu formulieren vermochten.

Liberalismus und Faschismus

Auch wenn in der Literatur eingestanden wird, daß Elemente des organisierten Liberalismus in den Faschismus "verstrickt" waren (personell, institutionell, strukturell), führt dies nicht zur Infragestellung des Ansatzes, demgemäß das Wesentliche der Entwicklung in Deutschland eine Frage der Abwesenheit bürgerlicher Klassenherrschaft sei. Der Liberalismus verträgt sich aber mit dem Faschismus auf Zeit durchaus. "Der total-autoritäre Staat lenkt seinen Kampf gegen den Liberalismus auf einen Kampf der ‚Weltanschauungen‘ ab" weil er mit der Grundstruktur "weitgehend einverstanden ist". (18)

In einem auf Bremen bezogenen Aufsatz läßt sich nachvollziehen, daß die Bremer Kaufleute, auf die man sich dort gern beruft, wenn es gilt, die Standfestigkeit liberaler Gesinnung auch während des NS zu beteuern, nicht nur die Ausschaltung der Arbeiterorganisationen begrüßten. Die Ziele der Bremer Kaufmannschaft "lassen sich u.a. in der Rede, die der Vizepräses der Handelskammer, Wilhelm Biedermann, am 16. April 1933 auf einer Versammlung der bremischen Kaufleute in der Börse hielt, herausfiltern. Biedermann (...) machte deutlich, daß die bremischen Kaufleute den Verlust der Kolonien und die Niederlage im I. Weltkrieg nie verwunden hätten. Von der NS-Regierung erhofften sie außenpolitisch die Wiedergewinnung der Kolonien, die Sicherung des ‚Platzes an der Sonne‘. Daß dies keine Phantasterei eines einzelnen war, zeigen nicht nur ähnliche Äußerungen der Kammer in der Folgezeit, auch die Bestrebungen, Bremen zur Stadt des kolonialen Gedankens zu machen wie die gemeinsame Ausstellung von Partei, Wirtschaft und Senat ‚Bremen – Schlüssel zur Welt‘, die 1938 in Bremen stattfand, sind Ausdruck für imperialistische Träume." (19)

Sympathie für den starken Staat hat in Deutschland eine lange Tradition, ist aber keine deutsche Besonderheit. Absolute Mehrwertvergrößerung und Raubökonomie stoßen auf bürgerlichen Widerspruch nur dann, wenn die Geschäfte anders besser gehen. Für den Liberalismus sind die Freiheit der warenproduzierenden Gesellschaft und darwinistische Vorstellungen gleichermaßen konstitutiv. So "(...) war er (der italienische Faschismus) von einer Atmosphäre der Sympathie umgeben. (...) Dieser ‚bürgerliche‘ Philofaschismus ist eine Art von Aura gewesen, die nahezu jede faschistische Bewegung umgab: Nur die spät entstandenen Gruppen in Ländern, die dem nationalsozialistischen Deutschland benachbart waren, hatten sich gegen eine fast universale Abneigung zu entwickeln." (20) Der politisch-moralische Bezug auf Nation und Nationalismus grassierte weitgehend allgemein. Das Aggressionspotential des deutschen Imperialismus basierte auf der Einheit von Bürgern und Staat.

In Deutschland wurde als einzige Freiheit die der Staatssouveränität akzeptiert. Diese gewinnt im Zuge der aktuellen Weltmarktkonkurrenz wieder zunehmend an Bedeutung. Als Ideologie des allgemeinen Vorteils durch freien Austausch muß der Liberalismus in Konflikt geraten mit praktischen Erfordernissen, insbesondere der Weltmarktkonkurrenz. In Deutschland artikulierte er sich deshalb folgerichtig sehr früh als Nationalliberalismus. Die Homogenisierung durch völkisch-nationalen Wahn ist seit den Kriegen gegen Napoleon die Begleitmusik, die zur Stärkung der Souveränität führen soll. Die Schwäche liberaler Theorie ist die Stärke des Liberalismus als an die jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen anpassungsfähige Praxis. Als Ideologie der Praktiker hat der Liberalismus auch ein praktisches Verhältnis zum Staat: "Der liberale Staat war immer so stark, wie die politische und soziale Situation und die bürgerlichen Interessen es erforderten." (21)

Karl Nele (BAHAMAS 18/1995)

 

Anmerkungen:

1) H.-U. Wehler, Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918, 1975, S. 17

2) D. Blackburn / G. Eley, Mythen deutscher Geschichtsschreibung, 1980, S. 44

3) vgl. W. J. Mommsen, Der deutsche Liberalismus zwischen "klassenloser Bürgergesellschaft" und "organisiertem Kapitalismus", in: Geschichte und Gesellschaft 1/1978

4) H.-U. Wehler, a.a.O., S. 31

5) G. Eley, Wilhelminismus, Nationalismus, Faschismus, 1991, S. 17

6) M. Gugel, Industrieller Aufstieg und bürgerliche Herrschaft. Sozioökonomische Interessen und politische Ziele des liberalen Bürgertums in Preußen zur Zeit des Verfassungskonflikts 1857–1867, 1975

7) H. A. Winkler, Vom linken zum rechten Nationalismus, in: Geschichte und Gesellschaft 1/1978, S. 28

8) G. Eley, Bismarckian Germany, in: G. Martel, Modern Germany Reconsidered 1870-1945, London / New York 1992, S. 18

9) W. Rosenbaum, Naturrecht und positives Recht, 1972, S. 37

10) Blackburn / Eley, a.a.O. S.121

11) Blackburn / Eley, a.a.O. S.30

12) Pfizer war v. 1831–38 ein Führer d. liberalen Opposition in Württemberg, 1848 Kultusminister im württemberg. Märzministerium.

13) P. A. Pfizer, Gedanken über das Ziel und die Aufgaben des deutschen Liberalismus, in: L. Gall / R. Koch (Hg.), Der europäische Liberalismus im 19. Jhdt., Bd. 3, 1981, S. 67ff.

14) W. Rosenbaum, a.a.O. S. 30

15) M. Gugel, a.a.O. S. 84; vgl. S. 90 und S. 231

16) W. J. Mommsen, Der autoritäre Nationalstaat, 1990, S. 89ff.

17) Den "aggressiven Imperialismus" des Bürgertums, der in den 90er Jahren "voll zum Durchbruch" kam, nennt Mommsen "Konzession an den Zeitgeist" (S. 105), obwohl er vorher die eigenständigen Interessen des Bürgertums daran darstellt.

18) H. Marcuse, Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung, in: Kultur und Gesellschaft 1, Ffm 1965, S. 23

19) I. Marßolek, Bürgerlicher Alltag in Bremen, in: H. Gerstenberger / D. Schmidt (Hg.), Normalität oder Normalisierung, 1987

20) E. Nolte, Die faschistischen Bewegungen, 1984, S. 258

21) F. L. Neumann, Demokratischer und autoritärer Staat, 1967, S. 7