Saving Herbert Marcuse

Kurzes Gutachten über eine Fehlleistung


„Es fehlt auch beim Verlesen nicht an Fällen von anderer Art, in denen der Text des Gelesenen selbst die störende Tendenz erweckt, durch welche er dann meist in sein Gegenteil verwandelt wird. Man sollte etwas Unerwünschtes lesen und überzeugt sich durch die Analyse, daß ein intensiver Wunsch zur Ablehnung des Gelesenen für dessen Abänderung verantwortlich zu machen ist.“ (S. Freud)


Der Vorwurf, den Holger Schatz in seinem in der Gigi (Nr.11/2000) unter dem Titel „Ideologie und Mythos des Sexuellen“ [siehe Dokumentation 4] veröffentlichten Artikel gegen die Autoren des Aufsatzes „Infantile Inquisition“ erhebt, gehört zu denen, mit denen zwar am leichtesten zu leben ist – und der dennoch meilenweit an der Sache vorbeizielt: daß die Autoren nämlich die 60er Jahre und mit ihnen den „linken Ladenhüter“ der sexuellen Revolution wieder aufleben lassen, nachgerade sich zu Sex-Gurus aufspielen und im Namen der „Natur“ und der „Triebe an sich“ eine „verklemmte Moral“ beheben wollten. Die Position, die Schatz uns unterschiebt, nimmt sich aus wie eine Mischung aus Oswalt Kolle, FKK und Kommune 1.

Weniger bösartig zwar, aber strukturverwandt wiederholt sich hier eine Argumentationsfigur, wie sie Georg Klauda [siehe Dokumentation 3] et al. vorbringen: Unser Geschreibe diene nur der Legitimation, munter drauflosbumsen zu können, ohne sich einen Kopf machen zu müssen, oder wie Schatz Stefan Breuer zitiert, unter „Elimination hemmender Reflexio“. Während Klauda und Konsorten die deftige, unverblümte Sprache bevorzugen, ist Holger Schatz eher ein Freund der gewählten Worte. Selbst seine obligatorische Verbeugung vor der Anti-Pat-Szene liest sich so, als wären die Worte durch den Flacon zerstäubt und als feine Duftmarken gesetzt – so z.B., wenn er ganz beiläufig von der „warenförmig und (!!) patriarchal geprägten Subjektivität“ spricht oder in einer Fußnote den aufgeklärten Bedenkenträger gibt: „Anstatt die Grundsätze (Nein heißt Nein, Definitionsmacht von Gewalt liegt bei den Frauen) mit dem Stigma der hysterischen Asexualität zu belegen, wären diese als Ausdruck des Wissens und der Erfahrung um diese (Gewalt-)Verhältnisse zu stärken.“

So weit, so ärgerlich. Schatz’ Einlassung gewinnt freilich im Gegensatz zu allen anderen Texten eine besondere Note dadurch, daß er zur Rechtfertigung seiner Bedenken ausgerechnet Herbert Marcuse als Kronzeugen anruft. Im Gegensatz nämlich zu den BAHAMAS-Autoren, die, wie es heißt, eine „unkritische, verklärende Bezugnahme auf Triebe ,an sich’“ vornähmen, bestünde Marcuses große Leistung in einer „Historisierung und gesellschaftskritischen (Weiter-)Entwicklung der Freudschen Triebtheorie“. Marcuse habe damit das „Problem der gesellschaftlichen Bedingtheit empirischer Bedürfnisse“ angesprochen.

Nun verhält es sich so, daß die von Schatz angeprangerte „verkürzte Rezeption“ Marcuses „durch diverse Heilsverkünder einer ,freien Sexualität’“ dem Marcuseschen Werk nicht halb soviel Tort angetan hat wie Schatz’ erweiterte, die es auf die Streckbank legt und so lange dehnt, bis es sich geschmeidig in seine Zwecke fügt. An Schatz’ Marcuse-Interpretation stimmt buchstäblich gar nichts: sei es, daß er offensichtliche Zusammenhänge verfehlt, sei es, daß er Marcuse Positionen unterjubelt, die dieser so unmißverständlich, wie es nur irgend geht, stets heftig bekämpft hat. Schatz verzapft soviel Unsinn, wie sich auf knappem Raum kaum widerlegen läßt. Wir beschränken uns daher auf einige wichtige Punkte.

Zunächst und grundlegend: In „Triebstruktur und Gesellschaft“ wie auch in verwandten Aufsätzen ging es Marcuse mitnichten um „eine Historisierung der Freudschen Triebtheorie“, sondern, wie sich leicht nachlesen läßt, um Gesellschaftsgeschichte als Triebgeschichte und das heißt auch: gesellschaftliche Regression als einen bestimmten Aggregatzustand der psychischen Organisation zu deuten. Und was ist das Material der Psyche, woran bildet sie Strukturen? An nichts anderem als eben der – Triebstruktur! Historisch sind nicht die Triebe, wie der Dekonstruktivismus behauptet, der die bürgerlich-idealistischen Schöpfungsmythen soziologisch beerbt und dem auch Schatz das seine abzugewinnen weiß, wenn er – man faßt es kaum – davon schwadroniert, Marcuse habe „wie auch andere, zum Beispiel Foucault (!)“ die Desexualisierung als Folge einer „gesellschaftlichen Dialektik entschlüsselt“. Historisch sind vielmehr die gesellschaftlichen Agenturen, die Arbeit, die Notwendigkeit, die Organisation von Familie, die das Maß an notwendiger und „überflüssiger“ Unterdrückung vorgeben. Nichts lag Marcuse ferner als eine primitive Prägungslehre, derzufolge gesellschaftliche Leitbilder sich ins unbestimmte Material der Psyche eindrücken. Aber Schatz läßt unverdrossen fünfe gerade sein und unterschiebt Marcuse den faden und reaktionären neo-freudianischen Revisionismus als dessen eigene „gesellschaftskritische (Weiter-)Entwicklung Freuds“ – ausgerechnet Marcuse, der gegen derlei Schmonzes, damit eines Sinnes mit Adorno, vehement opponierte: „Ich glaube im Gegensatz zu den Revisionisten, daß Freuds Theorie in ihrer eigentlichen Substanz ,soziologisch ist und daß es keiner neuen kulturellen oder soziologischen Orientierung bedarf, um diese Substanz freizulegen. Freuds ,Biologismus‘ ist Gesellschaftstheorie in einer Tiefendimension, die von den neo-freudianischen Schulen konsequent verflacht worden ist. Indem sie die Betonung von Unbewußtem auf Bewußtes, von den biologischen auf die kulturellen Faktoren verschieben, durchschneiden sie die Wurzeln der Gesellschaft in der Triebschicht und nehmen statt dessen Gesellschaft auf der Ebene, auf der sie dem Individuum als konfektionierte Umgebung entgegentritt.“ (Triebstruktur und Gesellschaft, S. 11f, Hvhb. von U.K./C.N.)

Was sich im Dunkeln des Unbewußten abspielen mag, ja, daß es ein solches überhaupt gibt, scheint Schatz in seinem soziologischen Absolutismus völlig unbekannt zu sein. Dabei hätte er nur bei seinem zweiten Gewährsmann Stefan Breuer nachlesen müssen, dessen Polemik gegen die Fetischisierung des Unmittelbaren (der Bedürfnisse, der Triebe etc.) er zustimmend zitiert, ohne offenbar auch nur einen blassen Schimmer davon zu haben, daß diesem Bilderverbot über das Nichtidentische die Einsicht zugrundeliegt, daß gerade in der „biologistischen Metaphysik“ Freuds, in seinem Beharren auf der „Selbstzerrissenheit der Triebnatur“ „das materialistische Motiv der Psychoanalyse seine Grundlage und seine Bastion“ hat (Breuer, Subjektivität und Maschinisierung, S.84): „Unter den keineswegs geringen Verdiensten der Kritischen Theorie um die Freudinterpretation zählt zu den wichtigsten die Einsicht, daß der Angriff auf die biologistisch-naturalistischen Züge letztlich auf dieses (materialistische) Moment zielte.“ (ebenda, S. 88) Was den vorgeblichen Marcuse- und Breuer-Experten Schatz natürlich nicht daran hindert, seinerseits noch ein paar Schüsse abzufeuern: „Ist die empirisch (!?) sich in Phantasie und Handlung manifestierende, aggressive Seite der Sexualität identisch mit dieser ,naturhaften‘ Seite – So müßig es ist, darüber zu spekulieren, so eindeutig sind die Hinweise, daß in den Ausdrücken herrschender Sexualität auch eine sehr spezifische (!?) Form der Aggression sich Bahn bricht, die Ausdruck (!?) und Folge einer warenförmig und patriarchal geprägten (?!) Subjektivität ist.“

Entsublimierung und Triebrevolte

Schatz braucht einen entbiologisierten Marcuse, um ihn als Autorität für seine These anzuführen, wie sehr Sexualität doch der Stärkung des Bestehenden dient – und wie kritisch dagegen offenbar Sexualabwehr ist. Weil er zur Stützung dieser These in „Triebstruktur und Gesellschaft“ nicht mehr fündig wurde – manchmal versagt auch der schlechteste Wille – versucht es Schatz an dieser Stelle zur Abwechslung einmal mit dem „Eindimensionalen Menschen“ und zitiert folgende Passage: „Diese Befreiung der Sexualität (und Aggressivität) befreit die Triebe weitgehend von dem Unglück und Unbehagen, welche die repressive Gewalt der bestehenden Welt der Befriedigung erhellen.“ (Der eindimensionale Mensch, S. 96) Schatz glaubt vermutlich, Sexualabwehr als jenes Unbehagen, von dem Marcuse spricht, deuten zu können. Dabei hätte Schatz nur ein Stück weiterlesen müssen, um den Zusammenhang zu verstehen – daß er es nicht tat, ist ein wahres Glanzstück selektiver Wahrnehmung. Bei Marcuse geht es nämlich wie folgt weiter: „Die Weise, in der kontrollierte Entsublimierung die Triebrevolte gegen das bestehende Realitätsprinzip schwächen kann, läßt sich erhellen an dem Gegensatz zwischen der Darstellung der Sexualität in der klassischen und romantischen Literatur und in unserer Gegenwartsliteratur. Wählt man unter den vielen Werken, die ihrer Substanz und inneren Form nach vom erotischen Engagement bestimmt sind, solche wesentlich verschiedenen Beispiele aus wie Racines ,Phädra‘, Goethes ,Wahlverwandtschaften‘, Baudelaires ,Blumen des Bösen‘, Tolstois ,Anna Karenina‘, so erscheint Sexualität übereinstimmend in hochsublimierter, ,vermittelter‘, reflektierter Form – aber in dieser Form ist sie absolut, kompromißlos, bedingungslos. Der Herrschaftsbereich des Eros ist seit Anbeginn an der des Thanatos. Erfüllung ist Zerstörung, nicht in einem moralischen oder soziologischen, sondern in einem ontologischen Sinne. Sie ist jenseits von gut und böse, jenseits gesellschaftlicher Moral und bleibt so jenseits des herrschenden Realitätsprinzips, das von diesem Eros abgelehnt und gesprengt wird.“ (96) So ist es also gerade die sublimierte Form, die für die „unversöhnlichen Träume“ einsteht und den Geist der Revolte nährt, während die entsublimierte Lust jene ist, die „völlig harmlos“ auftritt, egal wie „unmoralisch“ auch immer. Nicht die Unversöhnlichkeit gegen die Sexualität ist das Unbehagen, sondern ihr unversöhnlicher Charakter selbst. Schatz scheint gar nicht zu wissen, wogegen er eigentlich polemisieren will: Man kann uns schlechterdings kaum vorwerfen, daß wir einerseits den virtuell zerstörerischen Aspekt des Sexuellen hervorheben und uns andererseits vorhalten, daß wir dieser Harmlosigkeit, dieser auf Antitranszendenz gerichteten Form der emotionalen Reproduktion, die vor allem sauber und gesund ist, wie Marcuse sie völlig zurecht beschreibt, das Wort geredet hätten.

Schatz hingegen, einmal in seinem Furor gegen die „neue Unbefangenheit“, die „narzißtische genitalfixierte Sexualität“ und die „sehr spezifische Form der Aggression“, in der er ein „Moment“ der herrschenden „Desexualisierung“ zu erkennen glaubt, warmgelaufen, scheint offenbar einer entgenitalisierten Kuschelsexualität das Wort zu reden – als ob nicht genau jene lauwarme Zärtlichkeit das konfektionierte Programm der Softporno-Streifen und Erotik-Shows wäre, die tatsächlich systemerhaltend sind, weil sie in ihrer Romantik aus dritter Hand den Ängstlichen die Angst vor dem Nicht-Gezeigten, das noch inmitten des Erlaubten verboten bleibt, noch tiefer einzupflanzen geeignet sind. Die permissive Gesellschaft des späten Kapitalismus produziert, anders als Schatz meint, eben nicht „Unbefangenheit“, sondern Versagung. In ihr sind die Reibungsflächen, an denen sich Widerstand entzünden könnte, zugunsten einer routinierten Freundlichkeit geglättet: „Das erste Aggressionsobjekt in der Ödipussituation, der Vater, erscheint später als ziemlich ungeeignete Zielscheibe für die Aggression. Seine Autorität als Übermittler von Besitz, Können und Erfahrung ist weitgehend reduziert, er hat weniger zu bieten und daher weniger zu verbieten ... Die Aggression, die solchergestalt abprallt, wird von neuem introjiziert ... (Dergestalt ist) sein Ich derart eingeschrumpft, daß die vielfältigen antagonistischen Vorgänge zwischen Es, Ich und Über-Ich sich nicht mehr in ihrer klassischen Form entfalten können.“ (Triebstruktur und Gesellschaft, 98f)

Marcuse ohne Freud führt, wie Holger Schatz unfreiwillig demonstriert, leider nur zu halbgebildetem Blödsinn, wobei der stubenreinere Marcuse dazu herhalten muß, um der eigenen Kulturkritik noch die Weihen der Sublimation zu verleihen – ein Wort, von dem besser die Finger ließe, wer von einer „narzißtischen genitalfixierten Sexualität“ daherredet, ohne auch nur die blasseste Ahnung davon zu haben, daß es gerade die genitale Phase ist, die dem kindlichen Primärnarzißmus den Garaus bereitet.

Deswegen wollen wir noch einmal kurz daran erinnern, was Sublimierung bei Freud und Marcuse hieß und heißt: Sublimierungsfähigkeit ist der Gegensatz von Verdrängungsneigung, sublimiertes Triebverlangen wird unter dem Einfluß des Ichs auf Objekte abgelenkt, die dem Triebwunsch ursprünglich fremd waren, die aber durch Vermittlung des Ichs dem Individuum Lust verschaffen. Verdrängung hingegen gewährt dem Triebgeschehen vordergründig keinerlei Anteil mehr an seinen primären Objekten und Zielen. Um Kraft für die Unterdrückung der Triebregung zu gewinnen, muß die Ich-Organisation die Triebkräfte gegen sich selbst mobilisieren, sich selbst wieder ins Unbewußte zurückziehen, um die „unsinnigen Verbote“ (Adorno) durchsetzen zu können und verliert sich dabei zwischen Es und Über-Ich. Bedingung für die Betätigung der sublimierten sexuellen Strebungen ist aber die Stärke des Ichs, um dessen Entwicklungsfähigkeit es gegenwärtig schlechter denn je bestellt ist. Ich-Schwäche und Verdrängungszwang aber sind eines Sinnes. Dieser notwendige Zusammenhang war Gegenstand des Artikels „Infantile Inquisition“ – nicht das, was Klauda, Pat und Anti-Pat und leider auch Holger Schatz’ Phantasie gerne gelesen hätten. Warum sie es dennoch taten, mögen sie sich selber fragen.

Uli Krug / Clemens Nachtmann (Bahamas 34/2001)