Achtung Produktwarnung – Exportartikel aus Berlin

Momentan häufen sich wieder die Beiträge zu einem szeneöffentlich als Vergewaltigung angeprangerten Vorfall bei der AAB. Dabei war das bekannte Verfahren bereits in sein letztes Stadium getreten. Eine meist kleine Gruppe nach der anderen erklärte via Interim o.ä., daß sie die Zusammenarbeit mit der AAB einschränke oder aufkündige. Dieses bereits rituali­sierte Procedere wurde ergänzt durch litaneihafte Erklärungen, die eher an Gehirnwäsche als an eine Debatte erinnern. Die Ratlosigkeit ist inzwischen angewachsen, doch der bereits in Gang gesetzte Vollzug wird weitere Opfer fordern. „Wer diesen Grundsatz [Grenz­ver­let­zung=Verge­walti­gung] hinterfragt, in Frage stellt oder gar als unsachlich bezeichnet, da keine objektiven Kriterien vorliegen würden, der stellt sich außerhalb eines Konsenses ...“. (Antifa Infoblatt Nr.50) Wer überhaupt fragt, schlimmer noch: wer argumentiert, schließt sich also selbstverschuldet aus der Wertegemeinschaft der „Zusammenhänge“ aus. Die „Szene“ soll als „Schutzraum“ verteidigt werden, doch trägt dieser „Schutzraum“ die Züge eines selbsterrichteten Gefängnisses, das aber als Vorgarten zum Paradies ausgegeben wird. Aus einem Paradies kann man bekanntlich vertrieben werden, und der permanenten Drohung damit dient die Aufteilung der Leute in „Täterschützer“, die gelegentlich, weil man es ja nicht so genau nimmt, als Propagandisten für Vergewaltigungen behandelt werden, und „Frauenbefreier“, die nicht gegen das Frauenmi­niste­rium kämpfen, sondern gegen einen „Backlash“, den es jedoch nur im Kopf der Siegelbewahrer gibt. Angesichts dieses Platzhirschge­habes der Anti-Pat-Gruppen kann eine „Debatte“ nur die Zustimmung zu deren Positionen oder die Forderung nach Isolierung und Ausschluß bedeuten. Es läuft wie bei Volksabstimmungen in autoritären Staaten: Die Bande, die am Drücker sitzt bzw. sich daran wähnt, stellt zur Abstimmung, ob irgendwer noch tragbar ist, und das Volk darf frei darüber befinden; wehe, wenn einer dagegen aufmuckt. Jeder weiß, woran er ist und entsprechend verhalten sich die Leute ja auch.

Wenn vom Berliner Infoladen Daneben zur „Diskussion“ über die BAHAMAS geladen wird, muß man sich auch angesichts der langen Vorgeschichte zunächst einmal fragen, was eigentlich der Gegenstand dieser neuesten Debatte sein könnte. Für die Leute von Daneben ist diese Frage längst beantwortet – sie fangen von hinten an, das Ergebnis steht für sie sowieso schon fest. Und so glauben sie über „Vergewaltigung“ oder überhaupt von „Gewalt“ zu reden, wo doch die BAHAMAS über Sexualität und deren Artikulation im Szene-Kontext geschrieben hat. Wenn Daneben den im BAHAMAS-Text vorhandenen Verweis darauf, daß Lust per se auch aggressive Anteile hat, also ein Verlangen darstellt, dessen Befriedigung auch mit Energie und Aktivität betrieben wird, als Zuschreibung von „naturgegeben“ oder „gewalttätig“ halluziniert, dann ist dies eben: daneben. Daneben interpretiert wie ein Kind, das tatsächlich nicht, wenn es die Erwachsenen durch’s Schlüsselloch beobachtet, zwischen Gewalt und lustvoller Betätigung unterscheiden kann. Selbst­ver­ständ­lichste Begriffsinhalte sollen szene­konsen­sual eliminiert werden, so als ließe sich über dergleichen demokratisch abstimmen. Je mehr „diskutiert“ wird, desto größer wird die Unwissenheit, die man auch noch auftrumpfend verteidigt. Der Blödsinn verdoppelt sich zum Beispiel, wenn auch der Infoladen Bremen ihn nachplappert und der BAHAMAS attestiert, sie sei „gefährlich“. Warum nicht gleich wild und gefährlich? Die Anti-Pat-Bremer wollen jetzt die antideutsche Zeitung nicht mehr verkaufen. Nur wenn darin etwas von dem BAHAMAS-Sex-Stoff enthalten ist, den sie für „widerlich“, „reaktionär“ und „gefährlich“ halten, wollen sie ein Skandalexemplar – so nachzulesen in ihrem „Offenen Brief“. Irgendwie fehlt es an der Waterkant einigen am Elementarsten – oder es scheint ein dahinterliegendes Motiv auf.

Den richtigen Touch von Gewalt bekam die Sache „Infantile Inquisition“ erst durch den Angriff auf die Diskussionsveranstaltung der BAHAMAS. Als Gewaltopfer inszenierten sich dabei ja bekanntlich die Angreifer und Angreiferinnen. Niemand wollte wissen, wie es war, aber alle wußten Bescheid: Brutale Männer schlagen Frauen/Lesben. Dazu gehörte auch, daß die Männer, die die Frauen/Lesben tatkräftig unterstützten, häufig einfach unterschlagen wurden, damit das Bild auch stimmt. Infantilität hat auch ihre Abziehbilder. Dazu paßt ebenso, daß der vielgelesene BAHAMAS-Artikel als Leugnung einer gegen Frauen gerichteten Gewalt hingestellt wird, wo doch leicht nachzulesen ist, daß nicht die gegen Frauen gerichtete Gewalt angezweifelt wird, sondern deren Erklärung als Emanation eines „Patriarchats“.

Ein Berliner Vorfall soll das Elend der Anti-Pat-Wehr verdeutlichen. Im Berliner Ex, im Mehringhof, wurde entschieden, daß ein Mann, der sich als Betrachter von pornographischen Schriften bekannt hatte, immer dann, wenn eine Frau seine Anwesenheit deshalb in der Kneipe als unerträglich empfindet und ihm dies mitteilt, die Kneipe verlassen muß (Im Infoladen Daneben gab es dafür übrigens gleich Hausverbot). Diese Form praktizierter Definitionsmacht führt dazu, daß die einzelne Frau sich fragen muß, wie sie sich denn überhaupt gegenüber einem Mann verhalten soll, der, wie es einem in der PorNo-Kampagne eingebleut werden sollte, Frauen zum Objekt macht. Da Lust nun mal notwendig eines Lustobjekts bedarf, ist damit das Reden über Lust/Sexualität insgesamt ins Visier der Schutz-Raumpfleger­Innen geraten. Sexualität kann szeneöffentlich nur Sexismus oder Kuschelrock heißen. Auf den betroffenen Mann wird eine Gewaltphantasie projiziert, deren Bannung einer Frau die Illusion von Macht und Selbstbestimmung verleiht, indem sie den stigmatisierten Auslöser der Phantasie verschwinden läßt. Der Mann, der von seiner Sexualität redet, wird zu einem Repräsentanten dessen definiert, was sonst auch gerne „strukturelle Unterdrückung“ genannt wird – also von allem Übel. Dabei wird auf die Sexualität bezogen ein ganz besonderer Umgang mit dem praktischen Allesöffner „strukturell“ gepflegt. Während der pornographisch bewanderte Ex-Besucher zur Personifikation einer „strukturellen Gewalt“ erklärt wird, hat sich bei anderen „schwierigen“ Themen, wie z.B. dem Rassismus, schon häufig eine Form moderner Nichtbefassung durchgesetzt, die besagt, daß man ja immer Teil der strukturell gewaltmäßigen Verhältnisse sei und nicht außerhalb von ihnen stehen könne. Wer angesichts dessen den Rassismus aber grundsätzlich kritisiert, wird als „arrogant“ vorgeführt.

Statt Schutz von Frauen vor den tatsächlichen Zumutungen wird in der Szene eine Jagd nach dem eigenen Schatten veranstaltet. Die Heranbildung von männlichen und weiblichen Florence Nightingales des Anti-Pat verspricht dafür einen erklecklichen moralischen Mehrwert: Die Unfähigkeit, sich mit den Anfechtungen der Sexualität auseinanderzusetzen, wird umgemünzt in einen Beweis der Grandiosität und Gesinnungsfestigkeit der eigenen Person. Eine angemessene Handhabung solcher Themen wird auch dadurch verunmöglicht, daß die Anti-Pat-Szene nicht durch einen artikulierten politischen Willen zusammengehalten wird, sondern durch identitätsstiftende Symbole und Formeln. Dazu gehört es eben, daß ganz offensiv auch über Ungereimtheiten hinweggegangen werden muß, ja daß sogar deren Thematisierung mit Strafandrohung bewehrt wird. Eigentlich dürfte dies aber keine Entschuldigung für das erbärmliche Niveau sein, auf dem die derzeitige Auseinandersetzung geführt wird. Der Infoladen Daneben, der sich mit seiner Dokumentations-Website besonders sachverständig und engagiert geriert, kann, ohne daß es ihm um die Ohren gehauen wird, mit einem Papier Furore machen, in dem BAHAMAS-Zitate angeführt sind, die die blödsinnigen Interpretationen, die Daneben ihnen angedeihen läßt, ganz offensichtlich dementieren. Der ebenfalls gerne angeführte Klauda-Text aus der Gigi Nr. 9 verbreitet nur grobe Denunziation. Der ernsthaft mit „Genosse Vergewaltiger“ überschriebene Text, der dem Publikum tatsächlich meint erklären zu müssen, daß es Vergewaltigungen gibt, könnte mit dem Vermerk „Thema verfehlt“ dem Vergessen überantwortet werden. Doch ist die Freisetzung von Projektionen bei diesen Vorgängen ein allgemeines Merkmal. Besonders widerlich sind Invektiven gegen einzelne BAHAMAS-Redakteure, wie sie z.B. von einem Büro für antimilitaristische Maßnahmen gestartet und natürlich in der Interim publiziert wurden. Über die Motive und die Persönlichkeiten von Leuten, die allen Ernstes eine Zusammenarbeit aufkündigen, die es nie gegeben hat, kann man gar nicht schlecht genug denken. Hier diktiert der Wunsch zur Anprangerung und Diffamierung so überdeutlich die Feder, daß eine Einlassung sich erübrigt. Für Angehörige einer Redaktion, die sich mit den verschiedensten Ausprägungen von Wahnsinn und den verschiedensten Grillen der Warengesellschaft und ihrer deutschen Ableger beschäftigt, ist lediglich die Exorzie­rung und ihre Methode von Interesse. Daß die Vertrei­bungs­phantasien der Szene nun in der BAHAMAS ein Objekt gefunden haben, ist zufällig, wenngleich diese Entwicklung auch ein Ressentiment bedient, das es der BAHAMAS immer schon mal wegen ihrer erklärten Rücksichtslosigkeit gegenüber unreflektierten linken Gewohnheiten zeigen wollte. Anscheinend gibt es eine kollektive Befriedigung dabei, die BAHAMAS zu dämonisieren und Sachverhalte zu stiften, die doch nur der Phantasie der Stifter entspringen. Schön ist dies auch daran zu sehen, daß die nationalkommunistische Junge Welt auf den bereits fahrenden Zug der Diffamierung aufspringt. Nach der BAHAMAS-Veranstaltung „Beruf: Palästinenser“ wehrt sie die proisraelischen Positionen der BAHAMAS und deren Kritik an einem sich auf völkischer Grundlage konstituierenden palästinensischen Kollektiv als „Rassismus“ von „Enkeln Goebbels“ ab und bekommt kurz drauf prompt Schützenhilfe von einer mit der PFLP zusammen agierenden palästinensischen Abteilung via Interim. Weil sich alles, was zur Diffamierung taugt, schlicht erfinden läßt, verwundert es auch nicht, daß letztere in der Interim gezielt Lügen verbreiten, auch wenn diese sich auf eine öffentliche, gut besuchte Veranstaltung beziehen, also nachprüfbar sind, und sich der Ruf nach „Ausschluß“ wie nebenbei mit einem Hinweis auf die Sexualitätsdebatte verbindet. Hier wie dort ist das Bedürfnis, mit aufpeitschenden Märchen zu agitieren, geradezu übermächtig.

Bezeichnenderweise wurde über den bereits vor dem inkriminierten BAHAMAS-Artikel erschienenen Text von Franz und Mandy Meiser „Lets take a Walk on the Wild Side“ nicht breit diskutiert. Die Interim nahm ihn nach wochenlangem Zieren ins Heft, nachdem bereits für die Zugänglichkeit des Textes via Internet gesorgt worden war und die Interim Muffe bekam, den Anschluß ganz zu verpassen. Der Text plädierte im Szene-Sprech zwar für eine faktische Beendigung einer mißbrauchten Definitionsmacht und bezog sich ebenfalls auf den AAB-Vorfall, doch zeigte die überraschende Stille nach dessen Erscheinen, wie ausgehöhlt und morsch die repressive Aufrechterhaltung eines Definitionsmacht­konsenses bereits geworden ist. Jetzt bieten die Anti-Pat-Putztruppen der an der AAB-Frage aufgemischten Restszene, im Tausch für weitere Gefolgschaft, ihre Hilfe bei der Verbannung ungeliebter Projekte aus Szenetreffpunkten an. Die Radikalität dieser Anti-Pat-Szene erschöpft sich mittlerweile in einem Kampf gegen verbliebene radikale Linke, der immer mehr zur Alltagsbeschäftigung wird, weil und solange sie nicht eingestehen will, wie sehr sie sich selbst in die Sackgasse manövriert hat.

Der Exportartikel aus Berlin bedarf also einer genauen Prüfung.

Redaktion BAHAMAS, 28.1.01