Frieden mit Deutschland – Krieg mit Israel

Edward W. Said und die antiimperialistische Formulierung der Auschwitz-Leugnung

Alle starren auf das Foto: Es zeigt den antiimperialistischen Literaturprofessor der Columbia University bei der politischen Praxis gegen das imperialistische Israel, genau gesagt beim Steinewerfen. Edward W. Said wollte – nachdem es einige Proteste gab – das Dargestellte dann als sportliche Betätigung verstanden wissen: „Das Foto wurde ohne mein Wissen während eines 10-minütigen Aufenthalts gemacht, als auch ich einen kleinen Stein warf, gleichsam im Wettkampf mit einigen jüngeren Männern, wer wohl am weitesten wirft, ohne ein besonderes Ziel im Visier.“ (Der Standard, 28.3.2001) Ja, gerade den friedlichen Charakter dieser neuen Kampfsportart habe er immer im Sinn gehabt: „Die Ironie dieser Geschichte besteht unter anderem darin, daß ich mittlerweile an sich acht Bücher über Palästina geschrieben habe und darin trotz meiner Befürwortung des Widerstands gegen die zionistische Besetzungspolitik für nichts anderen als die friedliche Koexistenz zwischen uns und den Juden Israels plädiere, sobald Israel aufhört, die Palästinenser militärisch zu unterdrücken. Meine Bücher wurden in mindestens 35 Sprachen übersetzt. Ich darf also annehmen, daß meine Position hinlänglich bekannt und meine Botschaft unmißverständlich klar ist.“ (Ebd.) Die entscheidende Frage aber läßt Said offen: Was ist, wenn Israel nicht aufhört, „die Palästinenser militärisch zu unterdrücken“?

Der diskrete Antisemit

Wenn Said denen, die nun gegen ihn protestieren, vorhält, sie würden seine Bücher nicht kennen, hat er offenkundig recht. Die meisten starren auf das Foto wie das Kaninchen auf die Schlange, statt bei ihm selber nachzulesen, um zu begreifen, wofür das Foto steht. Seit den frühen achtziger Jahren betreibt Said in diesen Büchern und Artikeln die Gleichsetzung der Shoah mit dem, was die Palästinenser erleiden. Ja, er spricht in diesen Texten von Auschwitz überhaupt nur, um die Vertreibung der Palästinenser von 1948 damit identisch zu machen. „Ironischerweise“, so Said 1995, gebe es für die Anliegen der Palästinenser „einen unmittelbaren Präzedenzfall, nämlich in den israelischen Forderungen gegenüber Deutschland.“ (1997, S. 220)

Als Zionisten und Imperialisten, als Einwanderer und als Besatzungsmacht haben die Juden jedenfalls nichts mit den Verfolgten des Nationalsozialismus und den Opfern des Holocaust zu tun. Dieses Ereignis geschah in einer anderen Welt, die mit Palästina nur in einer einzigen Weise verbunden ist: durch den Zionismus. Im Nachwort zu „Frieden in Nahost“ wird der israelisch-palästinensische Konflikt „seinem Wesen nach“ als einer zwischen der „palästinensisch-arabischen Ursprungsbevölkerung von Muslimen und Christen“ und „einer in die Region eindringenden, in erster Linie aus dem Westen stammenden Siedlerbewegung, die aufgrund alttestamentlicher Verheißungen und von der Imperialmacht Großbritannien gemachter Versprechungen nach Palästina kam“ (1997, S. 252). Kein Wort davon, warum sie einwanderten; kein Wort von Antisemitismus und Nationalsozialismus.

Antizionismus ist eine diskrete Form von Antisemitismus, eine, die sich selbst nicht beim Namen nennen möchte. Der Antizionismus verlangt als unabdingbare Voraussetzung, daß der Antisemitismus als etwas ihm ganz Äußerliches zu verstehen sei – nur nicht als das, was er ist: universelle Zwangsneurose der bürgerlichen Gesellschaft, total herrschende Bewußtseinsform, die niemandem äußerlich bleibt, der in dieser Gesellschaft lebt. Die wenigen, an einer Hand abzählbaren Stellen, wo Said überhaupt Antisemitismus erwähnt, verdeutlichen diese Haltung: Antisemitismus ist ein Vorurteil gegenüber Juden, zu dem sich ein aufgeklärter Antiimperialist wie zu einem beliebigen Inhalt verhalten kann. Gerade im Falle der Geschichte des palästinensischen Widerstands mit ihren vielen indirekten und direkten Bezügen zur Geschichte des nationalsozialistischen Deutschlands ist die Ausblendung derselben so offensichtlich, daß sie nur in Deutschland selber nicht auffällt.

Lange vor Finkelstein hat Said bereits behauptet, daß Israel den Holocaust instrumentalisiert: Für Weizmanns imperialistisches Machtstreben etwa sei es charakteristisch, daß er sich in seiner Politik gegenüber den Arabern „außerdem“ „auf rationale Begründungszusammenhänge“ berufen habe, „auf die Rekonstituierung eines jüdischen Staates, auf die Errettung der Juden vor europäischem Antisemitismus etc.“ (1981, S.106) Wie kann ein Staat, der geschaffen worden ist, um die Juden vorm Holocaust zu retten, den Holocaust instrumentalisieren? – diese Frage stellt sich kein Antizionist. Denn sein Beruf besteht darin, Israel diesen Sonderstatus unter den Staaten abzuerkennen, um ihm letztlich einen anderen aufzuprägen: den des sturmreifen Ghettos.

Said selbst hält sich bei den daraus zu ziehenden praktischen Konsequenzen sehr zurück. Er proklamiert als Ziel die friedliche Koexistenz und die Selbstbestimmung der Nationen. Bei näherem Hinsehen aber gesteht er dem israelischen Staat die Selbstbestimmung keineswegs zu, die er für den palästinensischen fordert. Da er den israelischen Staat nicht als Schutzmacht gegen den Antisemitismus sehen will, begreift er gerade in dieser Funktion den eigentlichen Skandal und das Verabscheuungswürdige des Zionismus – also darin, daß „Israel nicht nur ein Staat für seine Bürger (das würde natürlich die Araber einschließen), sondern der Staat ‚des gesamten jüdischen Volkes‘ sein solle, mit einem Rechtsanspruch auf Land und Leute, wie ihn in der Art kein anderes Land besitzt oder je besessen hat.“ (1981, S. 96) Israel ist also kein imperialistischer Staat wie jeder andere – und gerade darin liegt das Verbrechen, das Said zu verfolgen sucht. Denn damit ist Israel zugleich als die reinste Verkörperung des Imperialismus halluzinierbar. Das einzige also, das Israel vor allen anderen Staaten auszeichnet und kategorische Solidarität mit ihm unabdingbar macht, erklärt Said zu dem, was ausgelöscht, vernichtet werden muß.

So sehr sich Said auch bemüht, seinen Zionismusbegriff von antisemitischer Stereotypie freizuhalten, sie dringt doch überall in seiner Argumentation durch. Die Weltverschwörung taucht schemenhaft in der Charakterisierung der proisraelischen „Weltöffentlichkeit“ auf: Die „Entschlossenheit zur jüdischen Selbstfindung“ war ein „Thema, das sich für die Ohren der Weltöffentlichkeit hervorragend eignete. Vielfältige Maßnahmen wurden ergriffen, um den Juden das Gefühl einer neuen Identität zu vermitteln, um ihnen Bürgerrechte zuzusprechen“ (1981, S. 99). Aber wer ist diese Macht, die diese Identität vermittelt? Darüber spricht Said nicht explizit, und diese Undeutlichkeit gehört zum „ehrbaren Antisemitismus“ (Jean Améry) wie Wagners Mime zu Siegfried. Klar ist nur, daß in Israel eine Macht sich verkörpert, die der Volkwerdung der Araber in der Weltöffentlichkeit entgegenwirkt: „Die Stärke und der innere Zusammenhalt Israels und der Israelis als einem Volk und einer Gesellschaft blockieren und verhinderten (...) ein Verständnis der Araber und ihrer Probleme.“ (Ebd., S.100) Israel verursachte die arabische Misere, verhindert die nationale Selbstbestimmung, ist der eigentliche Grund dafür, warum das Leben in den arabischen Staaten keine Erfüllung und Selbstbestimmung bringt. Schuld an der Misere der arabischen Staaten ist nämlich deren Bestreben, die antiisralische Stimmung zu zügeln: „Über Jahre hinaus war es den Medien verboten, den Namen Israel zu erwähnen; diese Zensurmaßnahmen führten naturgemäß zu der Konsolidierung von Polizeistaaten, zu tiefgreifenden Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit und dem Mißbrauch der Menschenrechte.“ (Ebd.) Der Umkehrschluß, den Said nicht ausspricht, lautet: Wenn Israel weg ist, gibt es das alles nicht mehr; dann ist das nationale Paradies möglich, dann läßt sich gut und sozialistisch leben, ohne Staat und Kapital abzuschaffen.

Was der Zionismus, so Said, im Kern bezweckt – die „Untaten gegenüber Nicht-Juden“ – tritt „niemals sichtbar“ zu Tage (1981, S.107). Darum auch reicht der Rassismus- und Imperialismusbegriff nicht aus, um zu beschreiben, was die Juden wirklich tun, und darum also muß von Zionismus gesprochen werden. Mit merkwürdigen Ausdrücken wie der „Detailarbeit“ der Juden in der Eroberung des Landes, versucht Said diese Differenz zur Sprache zu bringen, und meint doch nichts anderes als das, was unehrbare Antisemiten mit dem Ausdruck Blutsauger bezeichnen: „Die Palästinenser haben nicht begriffen, daß der Zionismus viel mehr war als ein ungerechtes koloniales Herrschaftssystem, gegen das man bei höheren Gerichtsinstanzen vorzugehen imstande war – wenn auch ergebnislos. Sie haben nicht begriffen, daß die Herausforderung des Zionismus in seiner Konzeption der Detailarbeit bestand, der Institutionen und Organisationen, mit deren Hilfe auch heute noch das Territorium illegal betreten, besiedelt und vereinnahmt wird.“ (Ebd.) Vom „Durchsetzungswillen“ ist halb bewundernd die Rede, „der die Besiedlung und, wenn man so will, die Produktion eines jüdischen Landes zur Folge hat“ (Ebd.).

Hier handelt es sich also um ein künstliches Gebilde und nicht, wie bei anderen Nationen um ein organisches, mit dem Boden verwachsenes. Eine ungreifbare und unnennbare Macht ist „dahinter“ zu vermuten, denn in folgender Konstellation sieht Said „die außergewöhnliche Position des zionistischen Staates: Er sollte weniger ein Staat der in ihm lebenden Bürger sein, sondern vielmehr das Refugium eines Volkes, das sich überwiegend in der Diaspora befand. Neben der Tatsache, daß die nicht-jüdische Bevölkerung des Staates zu Bürgern zweiter Klasse degradiert wurde, konnte die zionistische Organsiation, und später der Staat, nachdem er lebenswichtige Territorien in seinen Besitz gebracht hatte, auf bedeutende außerstaatliche Herrschaftsmittel zurückgreifen.“ (1981, S.110) Über diese „außerstaatlichen Herrschaftsmittel“ erfährt man nichts genaues – in diesem Zusammenhang spricht er von „Wühl-Tätigkeiten einer politischen Lobby“ (Ebd.). So phantasiert Said in alter Weise das „jüdische Kapital“ oder besser: das Judentum als Kapital. „Die äußerst einflußreiche jüdische Gemeinschaft in Amerika drängt dem israelischen Willen immer noch Geld und eine reduzierte Sichtweise auf.“ (1981, S.125) Israel erscheint als Instrument dieser jüdischen Gemeinschaft – und sie umfaßt nicht bloß die amerikanischen Juden, denn Antisemitismus tendiert immer zur Totalität: „Während der letzten hundert Jahre blieb kein Jude vom Zionismus unberührt (...).“ (Ebd.) In welcher Weise jeder Jude davon berührt worden wäre – auch das läßt Said wie absichtlich im Dunkeln.

Die Araber hingegen verkörpern die organische Verwachsenheit der Nation und unterlagen gerade darin dem Judentum: denn sie „glaubten fälschlicherweise, daß es völlig ausreiche, das Land zu besitzen und zu bewohnen.“ (Ebd., S.110) So kann Said den alten Weltverschwörungswahn unter den Bedingungen der Globalisierung fortspinnen.

Identitärer Karneval der Kulturen

Diesen Imperialismus-Begriff, der die Nation nicht nur nicht in Frage stellt, vielmehr als conditio sine qua non des Widerstands und als dessen Telos betrachtet, hat Said bereits in seinen früheren Arbeiten zum „Orientalismus“ und zu „Kultur und Imperialismus“ entwickelt. Dabei stand er zunächst unter dem Einfluß der Neuen Linken. In den frühen achtziger Jahren noch bezog er sich auf „Geschichte und Klassenbewußtsein“ von Georg Lukács. Was ihn hier sofort ansprach, war der Begriff einer positiven Totalität: das „soziale Ganze“, das „durch menschliche Arbeit geschaffen wird“ (1983, S. 271). Da wundert es nicht, daß Said das ganze Buch von Lukács in Heideggersche Kategorien übersetzen kann (1)  und so den „Kapitalismus im ökonomischen Sinn“ als „die Verkörperung der Verdinglichung“ versteht (1983, S. 270). Das Proletariat aber „verkörpert“ seinerseits „das der Verdinglichung trotzende Bewußstein“ (Ebd., S. 274). Es geht zu wie in einem christlichen Mysterienspiel: eine Allegorie neben der anderen. Statt wie Lukács mit dem Marxschen Verdinglichungsbegriff die gespenstische Gegenständlichkeit der reinen Form, von Ware und Kapital also, zu begreifen, verkörpert sie Said in die historisch scheinbar konkreten und faßbaren Figuren von Kapitalismus und Proletariat. Es kann ihm also nicht schwerfallen, diese Körper einfach auszutauschen und an ihre Stelle scheinbar noch konkretere zu setzen: Israelis und Palästinenser.

Wo es Lukács um die negative Totalität geht und selbst das Proletariat nicht mehr als positive Kategorie festgehalten werden kann, sondern dessen Selbstabschaffung ins Auge gefaßt wird, da kann Said nicht mehr folgen und spricht von „Übertreibungen“. „Wenn Lukács von einem ununterbrochenen Umsturz gegebener Formen spricht und (...) sagt, das logische Ergebnis der Überwindung der Verdinglichung sei die Selbstaufhebung der revolutionären Klasse, dann hat Lukács seine Theorie weiter und höher getrieben, als das (meiner Meinung nach) zulässig ist.“ Die Theorie werde „leicht zu einer Übertreibung, zu einer theoretischen Parodie der Situation (...), der abzuhelfen sie ursprünglich formuliert worden war“ (1983, S. 281). Es geht dem Antiimperialisten um den unverdinglichten Rest, der sich immer irgendwo entpuppen muß – ob im Proletariat oder in den Palästinensern. Said kann und will die Identität nicht als Identität von Identität und Nichtidentität denken, denn die Nichtidentität möchte er sofort als das wahre, als die neue, die bessere Identität wahrnehmen. „Bei aller Brillanz (...) ist Lukács außerstande zu sehen, daß die Verdinglichung sich, selbst unter Bedingungen des Kapitalismus, nicht vollständig durchsetzen kann (...).“ (Ebd., S. 282)

Das Nichtidentische als das Unverdinglichte denkend, fällt es nicht schwer, die Identität zu retten. Dem Imperialismus setzt Said immer nur Identität entgegen, aber – und darum ist er das Liebkind der zivilgesellschaftlichen Linken in Europa, insbesondere in Deutschland (und Österreich) geworden – es ist eine multikulturell aufgefächerte Identität, eine bunte Vielfalt, aufgerufen zum Widerstand gegen eine verdinglichte Einfalt, die je nach Gelegenheit entweder im Eurozentrismus oder im Judentum verkörpert wird. Das frei nach Lukács entworfene allegorische Spiel weicht einem Faschingstreiben im Geiste von Bachtin und Deleuze: In „Kultur und Imperialismus“ spricht Said angeregt vom „karnevalesken Moment am Gewoge der Massen im Gaza-Streifen, auf dem Wenzels- oder dem Tiananmen-Platz“. (1994, S. 430)

Der Weizsäcker von Palästina

Zwangsläufig karnevalesk gerät auch die Begrifflichkeit, wenn sie Identität auf pluralistische Weise vermitteln soll; darauf verweist bereits ein ebenso prätentiöser wie nichtssagender Untertitel: „Einbildungskraft und Politik im Zeitalter der Macht“. Die Erkenntnisse, die Said zur Situation der neunziger Jahre eröffnet, sagen alles über diese Theorie: „Mit der virtuellen Erkenntnis der großen Systeme und der totalen Theorien (der Kalte Krieg, die Bretton Woods-Entente, die sowjetischen und chinesischen Planwirtschaften, der antiimperialistische Nationalismus der Dritten Welt) treten wir in eine neue Periode weitgehender Unsicherheit ein. Eben das hat Michail Gorbatschow offen demonstriert, bevor er von dem weitaus weniger unsicheren Boris Jelzin abgelöst wurde (...) Die alten erfundenen Geschichten und Herrschaftstraditionen und -bemühungen (!) weichen neueren, eher elastischen und lockeren Theorien über das, was zum gegenwärtigen Zeitpunkt so diskrepant und intensiv ist.“ (1994, S. 432) Der Hinweis auf Gorbatschows Phraseologie beseitigt den letzten Zweifel: Hier schult sich jemand bereits für das Präsidentenamt. Said will der Weizsäcker von Palästina werden – aber ein Weizsäcker in Zeiten grüner Regierungsbeteiligung: „Die beiden Fälle allgemeiner Zustimmung sind die, daß die persönliche Freiheit geschützt und daß Umwelt und Lebensraum der Erde vor weiterem Verfall bewahrt werden sollten. Demokratie und Ökologie, die beide einen lokalen Kontext und viel konkreten Streitstoff liefern, werden gegen einen kosmischen Hintergrund gestellt. Ob im Kampf von Nationalitäten oder bei den Problemen der Entwaldung und globaler Erhitzung (wie sie bei geringfügigen Aktivitäten wie Rauchen oder Benutzung von Spraydosen im Spiel sind), die Interaktionen zwischen individueller Identität und den allgemeinen Lebensverhältnissen sind schrecklich direkt (...) Vieles, was vier Jahrzehnte lang an der westlichen Moderne und ihren Nachwirkungen so aufregend war – etwa bei der Erarbeitung interpretativer Strategien der kritischen Theorie (...) – erscheint heute nahezu kurios abstrakt, verzweifelt eurozentristisch. Verläßlicher sind jetzt die Berichte von der Frontlinie, an der Kämpfe zwischen heimischen Tyrannen und idealistischen Oppositionen (...) ausgetragen werden.“ (1994, S. 434f.) Berichte aus dem Kosovo und aus Palästina. Und an diesen Fronten braucht es weniger den verzweifelten Eurozentrismus Adornos, als die fröhliche Wissenschaft von Deleuze und Guattari, denn darin wird das Nichtidentische endlich identisch als nomadisierende Verdinglichung, mit deren Hilfe jederzeit gegen einen Tyrannen losgeschlagen werden kann, um selbst einer zu werden. So fordert Said dazu auf, „den Versuch aufzugeben, andere zu überwältigen, den Versuch aufzugeben, sie ‚einzureihen‘ oder in Hierarchien zu pressen, vor allem jedoch den Versuch aufzugeben, ständig zu wiederholen, daß unsere Kultur oder unser Land die Nummer eins ist (...).“ (Ebd., S. 442) „Kultur und Imperialismus“ bietet die Ideologie einer Basisdemokratie, die von den Voraussetzungen des Zwangs, den zu bekämpfen sie vorgibt, nichts wissen will – und das mit gutem Grund, denn sie will doch nichts anderes, als den Zwang selbst so ausüben, daß niemand ihn bemerkt. Said versorgt also mit seinem Eurozentrismus- und Demokratiebegriff das kommende Personal des Staatsapparats mit Ideologie: in Deutschland, wo es mittlerweile regiert, ebenso wie in Palästina, wo es hofft, bald an der Macht zu sein. „Ich bin für den Dialog zwischen den Kulturen und die Koexistenz zwischen den Völkern“( 1997, S. 91) – sagt Said bekennend, und fügt sich damit in die Notwendigkeit, sich von der Forderung „Treibt sie ins Meer“ abzugrenzen. Aber sofort wird die Identität zur Seite gestellt: „Verpflichtet sind wir in erster Linie gegenüber unserem eigenen Volk.“ (Ebd., S. 92)

Am richtigen Ort: Deutschland

Als sich die Wiener Freud-Gesellschaft – vermutlich auf dringendes Anraten internationaler Said-Kenner – dazu entschloß, den zum Vortrag angekündigten Literaturprofessor auszuladen, setzte sich der solchermaßen Brüskierte in einem Anfall von Größenwahn – aber in der Logik seines Denkens durchaus konsequent – mit Freud gleich. Die „israelische Propaganda unterstützt von willfährigen westlichen Medien“ habe den Vorfall mit dem Steinewerfen „monströs aufzubauschen und mich als gewalttätigen Fanatiker hinzustellen“ versucht (Der Standard, 28.3.2001). Die Absage durch die Freud-Gesellschaft phantasiert Said in den Kategorien, auf die der Antisemitismus immer schon die Juden festgelegt hat: sie erfolgte als „die Gegenleistung für Spenden aus Israel und den USA. Und man hofft, daß eine Ausstellung der Freud-Gesellschaft, die in Wien und New York zu sehen war, auch in Israel gezeigt wird. Offenbar haben potenzielle Sponsoren angedeutet, daß sie die Ausstellung in Tel Aviv finanzieren, vorausgesetzt mein Vortrag findet nicht statt. (...) Die Nazis haben Freud aus Wien verjagt, und Österreich hat zugeschaut. Derselbe Mut und dieselbe Redlichkeit zeichnet auch jene aus, die heute einem Palästinenser verbieten, in Wien einen Vortrag zu halten (...)“ (Ebd.) Einmal handelt ein Verein in dem Land, in dem mittlerweile, wie Haider sich ausdrückte, die „PLO von Österreich“ herrscht, anders als man es erwartet, und auch daraus weiß der Antisemitismus noch Kapital zu schlagen.

Weltverschwörung läßt sich immer am besten aus der Opferperspektive imaginieren: Die Nation ist das große Opfer; Said aber – und darin kommt seine christliche Herkunft zum Tragen – muß dieses nationale Kollektiv weniger am eigenen mit der Nation identisch gemachten Leib (wie die moslemischen Palästinenser in den besetzten Gebieten), als an der eigenen empfindsamen Seele reproduzieren. Seine schöne Seele ist das eigentliche Opfer, in dem sich der Opferstatus der Palästinenser spiegeln kann. Und diese christliche Note, die Said einbringt in den internationalen Wahnsinn, ist auch das ideale Verbindungsstück zwischen Deutschland und Palästina. Said – das hat die überschwengliche Rezeption seiner Autobiographie in Deutschland (und Österreich) gezeigt – ist die Identifikationsfigur, die den Deutschen im Nahen Osten immer gefehlt hat. Und insofern ist die Ideologie, die er verbreitet, vermutlich gefährlicher als die der ordinären Holocaust-Leugner, von denen er sich offiziell distanziert, die er aber dennoch inhaltlich toleriert, natürlich unter dem Fähnchen der „Meinungsfreiheit“. (2) 

Die im Jahr 2000 in deutscher Sprache erschienene Autobiographie ist der naturgemäße Ort intimster Begegnung zwischen Palästina und Deutschland. Hier beschreibt ein Palästinenser christlicher Herkunft sein Leben, ganz so, als wäre er ein Deutscher: „verfolgende Unschuld“ (Karl Kraus) mit viel Innerlichkeit; in allen Situationen das Opfer – seiner Eltern, seiner Lehrer, seiner Umwelt, der USA, der Universität etc. Zuletzt aber werden alle Täter von den Israelis ersetzt, die allein dafür verantwortlich sind, daß er am falschen Ort gelebt hat und leben muß. Diese Opferpose kommt nicht nur in der offenkundigen Manie zum Ausdruck Fotos von sich selbst zu verbreiten. Saids Autobiographie ist mit acht fotographischen Aufnahmen seiner Person in allen Altersstufen auf dem Buchumschlag und mit 21 weiteren im Buchinneren illustriert: Ecce homo.

Als „großartigste“ Erfahrungen und „überwältigenste“ Erlebnisse bekennt Said den Auftritt ehemaliger Nazi-Künstler wie Wilhelm Furtwängler und die „Eröffnungstakte des Rheingold, die 1958 aus dem schwarzen Bayreuther Orchestergraben aufstiegen.“ (2000, S.160) Daß einem solchen „Erlebnis“ etwas Problematisches eignen könnte, kommt dem Autor nicht in den Sinn. Die Judenvernichtung wird in dem ganzen Buch, das die Vertreibung der Palästinenser von 1948 als alles zentrierenden Fluchtpunkt hat, mit keinem Wort erwähnt. Voller Sentimentalität berichtet Said z.B. über die Sommerferien von 1943 im libanesischen Dhur el-Shweir (Ebd., S. 227ff.), ohne daß es ihm einfiele, auch nur darauf hinzuweisen, was zur selben Zeit in Auschwitz geschah und etwa von Jerusalems palästinensischem Großmufti eifrig unterstützt wurde, der gerade in diesem Sommer eine bosnische SS-Division instruierte.

Die Juden kommen immer nur in einem einzigen Zusammenhang zur Sprache: „Es fällt mir nach wie vor schwer zu akzeptieren, dass eben jene Stadtviertel, in denen ich geboren wurde, in denen ich lebte und mich zu Hause fühlte, von polnischen, deutschen und amerikanischen Einwanderern übernommen worden sind, die die Stadt erobert haben (...)“ (2000, S. 172) Warum sie einwanderten, sagt Said nicht.

Vom „Ausmaß der Entwurzelung“, die „unsere Familie und Freunde erlebten und die ich, ein im Grunde unwissender Zeuge des Jahres 1948, kaum wahrnahm“, fühlt sich der Autor förmlich „überwältigt“ (Ebd., S.178). Welcher Sorte ideologischer Prägung dieses „Gefühl“ entsprang, spricht sich nur unfreiwillig in einer Äußerung des Kindes aus, die der Autor übermittelt: Als der Vater einmal sagte „Auch wir haben alles verloren“, fragte der kleine Edward etwas verwirrt nach, „was er denn meine, da doch sein Geschäft, das Haus, unser Lebensstil in Kairo augenscheinlich unverändert geblieben seien, sagte er nur: ‚Palästina.’“ (Ebd., S.180) Diese Lektion, offene Fragen abzuwehren und Reflexion zu beenden, hat Said schließlich gelernt. Selbst die sexuellen Zwänge der christlichen Erziehung und die ödipalen Nöte der Familienstruktur versucht er nun nachträglich mit diesem Zauberwort des „verlorenen Palästina“ aufzulösen. Daß er nicht am „falschen Ort“ lebt, sondern daß alle in einer falschen Gesellschaft leben, solange solche Zauberwörter nötig sind, kann der von seinen Projektionen Überwältigte gar nicht mehr wahrnehmen.

Die „dunkle Periode“

Es ist kein Zufall, daß Said bereits 1997 etwas von dem ahnte, was kommen sollte: nämlich daß „wir einer mehrere Jahre dauernden dunklen Periode entgegengehen, während der die Palästinenser gegen große Hindernisse werden kämpfen müssen.“ (1997, S. 259) Er ahnte die Entwicklung, weil er sie selbst vorantrieb. Mit Artikeln und Büchern seit dem Friedensabkommen von Oslo hat Said auf die Wiederaufnahme und Intensivierung der Intifada gedrängt und das, was heute unter Al Aqusa-Intifada verstanden wird, herbeibeschworen. Arafat warf er sofort nach dem Friedensabkommen vor, er habe „die Intifada einseitig abgebrochen“ (Ebd., S. 43); Attentate auf Israelis rechtfertigt er als „Akt der Schwäche und Verzweiflung“; strategisch wird vor allem aber das Bündnis mit Europa anvisiert: Die „Rolle der USA bei alldem“ könne nur darum so „außerordentlich negativ“ sein, „weil sich Europa politisch sehr passiv“ verhalte (Ebd., S. 257). Worauf all das hinauslaufen soll, das gibt eine einzige Formulierung schlagartig zu erkennen: Said bezeichnet das Friedensabkommen von Oslo als „ein palästinensisches Versailles“ (Ebd., S. 45).

Gerhard Scheit (Bahamas 35/2001)

 

Zitierte Schriften Edward W.Saids:

1981: Zionismus und palästinensische Selbstbestimmung. Stuttgart

1983: Die Welt, der Text und der Kritiker. Frankfurt am Main

1994: Kultur und Imperialismus. Einbildungskraft und Politik im Zeitalter der Macht. Frankfurt am Main

1997: Frieden in Nahost? Essays über Israel und Palästina. Heidelberg

2000: Am falschen Ort. Autobiographie. Berlin

 

Anmerkungen:

 1) In der Autobiographie nennt er dann auch Heidegger und Lukács in einem Atemzug, wenn er sich an die „bedeutendsten Ereignisse“ seines Lebens als Leser erinnert. (2000, S. 442)

 2) Said hat jetzt auch seine Unterschrift unter den Aufruf an die libanesische Regierung zurückgezogen, der gegen die Abhaltung einer international besetzten, neonazistisch orientierten Holocaust Denial-Konferenz in Beirut protestiert hatte. „Nie hätte er einen Aufruf an die Regierung des Libanon, die Konferenz abzusagen, unterschrieben, erklärt er nun. Gewiß sei er gegen die Leugnung des Holocaust. Aber er sei auch dagegen, eine Regierung aufzufordern, die Meinungsfreiheit zu beschränken. Als er telefonisch aus Paris gebeten worden sei, den Protest zu unterschreiben, sei ihm nicht klar gewesen, daß man sich damit an die libanesische Regierung wenden wollte. Es sei, so Said, daher ein ‚fürchterlicher Mißbrauch des Vertrauens gewesen, seinen Namen in diesem Zusammenhang zu benutzen‘. Die neofaschistische Organisation, die hinter der Konferenz stand, beeilte sich sehr, den Brief des Professors auf ihrer Seite im Internet zu veröffentlichen. Nun steht Edward Said in ausgesprochen schlechter Gesellschaft da, und wird wohl noch einmal erklären müssen, es so nicht gemeint zu haben.“ (Cordelia Edvardson: Katastrophe der Anderen, Süddeutsche Zeitung, 5.5.2001)