Marxisten-Intifadisten

„Tage des Zorns“ in den antiisraelischen Fraktionen der Linken

 

Hatte die Linke in der Friedensbewegung den Kosovokrieg noch vor dem Hintergrund der faschistischen Vergangenheit Deutschlands beurteilt und folglich die NATO-Intervention gegen Jugoslawien abgelehnt, so meinte der Redakteur der Marxistischen Blätter, Hermann Kopp, auf dem „Friedensforum“ in Düsseldorf, den Krieg im Nahen Osten genau von dieser Vergangenheit „trennen“ zu müssen. Man betrachte sonst die Al-Aqsa-Intifada mit einem „Brett vor dem Kopf“, glaubte der Friedensopa aus der DKP. Daher war in seinem Vortrag viel von der endlosen Geschichte des Nahostkonflikts die Rede, was der aber mit dem Antisemitismus und dem Holocaust zu tun hat, interessierte weder den Referenten noch sein friedensbewegtes Publikum. Daß der Zionismus als Reaktion auf die Welle antisemitischer Pogrome in Rußland sowie als Reaktion auf die Dreyfuß-Affäre in Frankreich entstand, wobei beide Ereignisse des Fin de siècle als Zeichen des objektiven Scheiterns der Assimilation der Juden in Europa interpretiert wurden, und daher Schutz in Form eines jüdischen Staates Israel geschaffen werden sollte, das ist den Antiisraelischen unter den Linken kaum der Erwähnung wert. „Zum Zionisten hat mich nämlich“, schrieb Theodor Herzl in sein Tagebuch, „der Prozeß Dreyfuß gemacht“. In dessen Verlauf kam es auch in Frankreich zu heftigen antisemitischen Pogromen. „Wenn aber ein ... hochzivilisiertes Volk auf solche Wege gelangen konnte“, fragte der Begründer des Zionismus in düsterer Vorahnung, „was war“ dann erst „von anderen Völkern zu erhoffen, die noch heute nicht auf der Höhe sind, auf der die Franzosen bereits vor hundert Jahren“ angelangt waren? (A. Eban: Dies ist mein Volk,Zürich1970, S. 238) Die Antwort sollten die Deutschen in den dreißiger und vierziger Jahren geben: der Holocaust.

Obgleich die anti-antisemitische Motivation des Zionismus offensichtlich ist, beschreibt ihn die linke Tageszeitung junge Welt als eine „Form des Rassismus“. Wie schon die allzeit antiimperialistische UNO-Vollversammlung festgestellt habe, sei der Zionismus eine „Ideologie imperialistischen Ursprungs“. Mindestens 9 der 11 jüdischen Einwanderungsbewegungen nach Palästina und später Israel waren antisemitischen Diskriminierungen und Verfolgungen geschuldet – der marxistische Gegenstandpunkt aber macht daraus eine „Anwerbung von Millionen von Juden im Ausland“. Die erste und zweite Alijah, also die Einwanderungen ab 1882 und ab 1904, erfolgten aufgrund der zaristischen Pogrome in Rußland. Vor, während und nach dem 2. Weltkrieg kamen ein großer Teil der Einwanderer als Verfolgte des 3. Reiches und als Überlebende des Holocaust nach Israel. Denen folgten noch einmal rund 700.000 arabische Juden: Allein in Libyen gab es, wie die „Enzyklopädie des Holocaust“ berichtet, drei Phasen antisemitischer Pogrome, wobei 1945 121 Juden ermordet wurden. Nach der zweiten Pogromwelle von 1948 wanderten 30.000 libysche Juden nach Israel aus. Der Rest folgte nach neuerlichen antisemitischen Unruhen 1967. Aber nicht genug, daß die junge Welt von all dem nichts wissen will, nein, wie der Martin Walser die „Dauerpräsentation unserer Schande“ als „Instrumentalisierung (...) zu gegenwärtigen Zwecken“ beklagt, so läßt das Blatt seine nützlichen Kronzeugen aus Israel berichten, auch dort würden „die Verbrechen der Nationalsozialisten instrumentalisiert“. Damit rechtfertige „die israelische Führung, was nicht zu rechtfertigen“ sei. Chef-Kommentator Werner Pirker kokettiert gar mit dem Relativierer des Holocaust, Norman G. Finkelstein. Der Autor der „Holocaust-Industrie“, so Pirker, erkläre eben das Beharren „auf der Einzigartigkeit jüdischen Leidens (...) aus dem ideologischen Bedürfnis des Zionismus, im Verhältnis zu anderen Völkern einzigartig agieren zu können. Daß also Israel erlaubt sein müsse, was das Völkerrecht anderen verbietet“. Schon reklamiert die dauerpräsente Verteidigerin der Palästinenser, Felicia Langer, die Erstrechte am Kampf gegen die Instrumentalisierung des Holocaust exklusiv für sich: „Was aber den Mißbrauch des Holocaust zur Rechtfertigung der israelischen Politik betrifft, so habe ich das schon zu einer Zeit gesagt, als Finkelstein noch ein Teenager war“. (Marxistische Blätter) Zustimmung zur linken Finkelsteinerei signalisiert man zum Beispiel aus der anarchistischen Ecke: „Historische deutsche Schuld“, heißt es in der Graswurzelrevolution, werde hier „auf dem Rücken der Palästinenser ausgetragen“. Auch in der Zeitschrift für konsequent linksradikale Ausgewogenheit in Sachen Israel/Palästina, Arranca, beklagt man die „Leichtigkeit, mit der ... von unbeteiligten (!) Dritten“, den Palästinensern eben, erwartet werde, „die Konsequenzen für die deutschen Verbrechen zu tragen“.

 

Rachejuden sind Völkermörder

 

Gibt man der antiisraelischen Linken den Hinweis, daß ihre Positionen, wenn sie von der Al-Aqsa-Intifada handeln, ins Antisemitische abgleiten, so fühlen sie sich bedroht: Wie der Martin Walser glaubt, er werde mit der „Moralkeule“ Auschwitz geprügelt, so meinen die junge Welt und die UZ, sie würden von ihren linken Kritikern mit einer „Antisemitismuskeule“ geschlagen. Tatsächlich aber bedient die junge Welt das antisemitische Klischee vom biblischen Rachejuden: „Auge um Auge“, „Zahn um Zahn“, „mit alttestamentarischer Härte“ ginge Israel gegen die Palästinenser vor. Und dies sei „noch eine glatte Untertreibung“. Wütend schreibt das Blatt: „Für ein Auge hundert Augen und für einen Zahn hundert Zähne“. Das Neue Deutschland meint, Zeuge eines „alttestamentarischen Gemetzels“ zu sein. Auch die Souveränität Israels über ganz Jerusalem sei „alttestamentarischer Unduldsamkeit geschuldet“ (junge Welt). Hermann Kopp, der Mann der „Marxistischen Blätter“, schreibt sich eine „einflußreiche zionistische Israel Lobby in den USA“ zusammen. Obgleich von der linken Düsseldorfer Stadtzeitung Terz auf den antisemitischen Gehalt seiner Äußerung hingewiesen, redete Kopp auf dem Podium einer Diskussionsveranstaltung des Blattes weiter von der „ganzen Bagage des jüdisch-amerikanischen Israel Establishments“ daher.

Anders jedoch als die nationale Rechte um Martin Walser halten sich die antiisraelischen Linken, wenn sie über die Al-Aqsa-Intifada schreiben, nicht lange bei der Klage über die „Moralkeule“ Auschwitz, bzw. die „Antisemitismuskeule“ auf, sie nehmen die Waffe einfach in die eigene Hand und stürmen damit auf die Israelis los: Diese verhielten sich wie eine „Herrenrasse“, heißt es da (UZ). Das Idealbild des zionistischen Juden erinnere an „Blut-und-Boden-Ideologie“ (AK). Die israelischen Siedler seien „faschistisch“. Von „rechtsradikalen“ Parteien in der Regierung geht die Rede, der Tourismusminister beispielsweise sei „ein ausgesprochener Faschist“ (junge Welt). Israel verfolge ein „völkisches Programm“ und strebe einen „völkisch reinen Staat“ an (Gegenstandpunkt). Die Palästinenser seien Opfer „abscheulicher Pogrome“, die von „klerikal-faschistischen Siedlerbanden“ verübt würden (UZ). Der jüdische Staat habe eine „regelrechte Ghettoisierung“ der palästinensischen Minderheit betrieben (Marxistische Blätter). Selbstverständlich gibt es daraufhin über „Deportationen“ zu berichten (Inprekorr). Und da bekannt ist, wo die hinführen, protestierte man auf einer Solidaritätsdemonstration im Dezember 2000 in Dortmund gegen den „Holocaust am palästinensischen Volk“. Im marxistischen Gegenstandpunkt ließt sich das als „Endregelung der Palästinenserfrage“ (Radio Lora92.4). Dementsprechend beklagen die Rote Fahne und die Kalaschnikow einen „Völkermord“ an den Palästinensern. Weil sich also Israel solcher „Kriegsverbrechen“ schuldig gemacht habe, (junge Welt) verweist die UZ schon mal auf die „Statuten und Urteile des internationalen Gerichtshofes in Nürnberg“.

 

Aufrufe zur „Volksverhetzung“

 

Bereits seit 1967 hat die propalästinensische Linke, wenn sie über Israel schrieb, aus den Opfern des Faschismus Täter gemacht, aus den Juden Faschisten. Der Apo-Kommunarde Dieter Kunzelmann meinte in seinen „Briefen aus Amman“, die Palästinenser hätten „im Nahen Osten den Kampf gegen das 3. Reich aufgenommen.“ „Die Juden“ seien „selbst Faschisten geworden“, glaubten die West-Berliner Tupamaros.1973 sprachendiverse maoistische Gruppen Berlins in einem gemeinsamen Flugblatt vom „faschistischen Aggressorstaat Israel“. Die „Liga gegen den Imperialismus“ analysierte 1978, „die Politik Israels“ sei „Faschismus und Expansion“. Und 1982, während des israelischen Libanonfeldzuges war man beim „umgekehrten Holocaust“ angelangt, bei der „Endlösung der Palästinenserfrage“ (taz). Auf diese Weise haben die antiisraelischen Linken dreißig Jahre lang genau jenes Denken popularisiert, mit dem Presse und Bundesregierung die ersten deutschen Waffengänge seit dem Ende des 2. Weltkriegs rechtfertigten, den Bosnien- und den Kosovokrieg: die Opfer des Faschismus zu Tätern machen, damit die Deutschen und ihre befreundeten Eingeborenen endlich als Antifaschisten reüssieren können. Weil Hitler-Milosevic an der Rampe von Auschwitz-Srebrenica die bosnischen Juden-Muslime hatte selektieren lassen und dann die Juden-Kosovaren im KZ Pristina ermorden ließ, deshalb gab Außenminister Joschka Fischer die Losung „Nie Wieder Auschwitz“ aus und rief zum antifaschistischen Befreiungskrieg gegen Nazi-Serbien. Die linken Trüffelschweine irrten. Antifaschisierung ist schlußendlich das Problem.

Hatten die antiisraelischen Linken auch das passende Denken für den Kosovokrieg geliefert, so lehnten immerhin diejenigen von ihnen, die nicht links unten angefangen hatten, um schließlich in der Regierungpolitik aufzugehen, den deutschen NATO-Krieg gegen Jugoslawien ab. Proisraelische und propalästinensische Linke trafen sich auf den Demos gegen den Krieg. Während der Al-Aqsa-Intifada aber sind letztere gefährlich in die Nähe der Unterstützung von Interventionsbestrebungen des eigenen Imperialismus geraten. In der Sprache der Kosovokrieger beschreibt die junge Welt die Lage der Palästinenser als „humanitäre Katastrophe“. Jetzt, „wo ein UN-Engagement gerechtfertigt wäre“, sei es „nicht durchsetzbar“, beschwert sich die linke Tageszeitung. Wieder läßt sie einen ihrer nützlichen Kronzeugen aussagen, „ohne eine energische Einmischung“ der Europäischen Union werde es in Israel „zu keinem Frieden kommen“. Es müsse „ein vitales Interesse Westeuropas sein, sich von der US-amerikanischen Politik zu emanzipieren“. Hilfe suchend wendet sich der angebliche Antiimperialist an den EU-Imperialismus, dieser müsse Israel „in die Schranken weisen“. Die USA, glaubt die linke Wochenzeitung Freitag zu wissen, seien mit ihrem Vermittlungsmonopol „ganz offensichtlich überfordert“. Deshalb müßten sich die Europäer „endlich ihrer politischen Verantwortung stellen“. Eine „Nichteinmischung“, ergänzt der außenpolitische Sprecher der PDS, Wolfgang Gehrcke, „würde die Gefahr einer Eskalation erhöhen“. Die Bundesregierung dürfe „nicht länger schweigen“ (sic!) und müsse sich „in den Konflikt einschalten“. Emsig und betriebsam aber komplett ahnungslos, was sie da eigentlich tun, arbeiten die antiisraelischen Linken daran, das neue Deutschland von einer seiner letzten Nachkriegsfesseln zu befreien. Die Deutschen sollen wieder über das Schicksal der Juden entscheiden dürfen.

Solange die Sowjetunion existierte, konnte man die vage Hoffnung, die PLO werde im Sog der weltweiten Befreiungsbewegungen eine progressive Entwicklungsrichtung einschlagen, noch irgendwie nachvollziehen. Nun aber, da der Menschheit die Hoffnung auf eine Gesellschaft jenseits des Kapitalismus vorläufig abhanden gekommen ist, will die antiisraelische Linke nicht realisieren, daß die politischen Ursprünge der PLO wieder unverdeckt hervorbrechen. Anders als manch andere Befreiungsbewegung entstand die arabische Nationalbewegung Palästinas weder aufgrund einer bürgerlich-demokratischen Initiative, noch aufgrund einer kommunistischen. Sie ging aus den alten traditionellen Herrschaftseliten, den reaktionären und religiösen Führern des Familienclansystems der Araber Palästinas hervor. Die propalästinensischen Linken wollen aber weder den Rechtsruck der PLO realisieren, noch den Aufstieg des palästinensischen Nationalislamismus wahrhaben. Blind für den Masseneinfluß der Hamas, des Jihad und der Hizbullah, kann die UZ in ihnen nur „Außenseiter“ erkennen. Man dürfe sie nicht „über den einen Kamm des Klerikal-Faschismus scheren“, meint Hermann Kopp und macht der Hamas den akzeptierenden Sozialarbeiter. Hier seien die „sozialen Verhältnisse“ zu berücksichtigen, das Ganze sei ein „kulturelles Phänomen“. Je mehr sich die propalästinensische Linke verrennt, um so wütender reagiert sie auf innerlinke Kritik. „Volksverhetzung“ sei, was die proisraelischen Redakteure der Bahamas da auf ihren Veranstaltungen betreiben. Hermann L. Gremliza, der Herausgeber von Konkret, vertrete eine „Herrenrassenmeinung“ (junge Welt). Weil eben die propalästinensische Linke meint, in Israel das 3. Reich zu erkennen, müssen ihr die linken Verteidiger der Israelis zu Faschisten geraten. Sie seien die „demagogisch versierten Enkel eines Joseph Goebbels (...) Wo war die Antifa, die doch sonst jedem Rassisten eins aufs Maul zu hauen verspricht“, fragte zornig die junge Welt. Die Antwort kam prompt. Vor der Duisburger Szene-Kneipe „Fifty Fifty“ schlug ein Mitglied der Gruppe „Rote Aktion“ einem proisraelischen Antifa-Linken die Faust ins Gesicht. Er bespuckte ihn und drohte: „Dich kriegen wir noch!“In einem Info-Laden in Berlin-Friedrichshain schlug einer aus der örtlichen Hausbesetzerszene einem jungen Mann ebenfalls mit der Faust ins Gesicht und beschimpfte ihn als „Zionistenschwein“. Er hatte im Kiez Plakate geklebt. Sie trugen den Slogan: „Lang lebe Israel!“

 

Karl Selent ( Bahamas 36/2001)