Von Benes zu Sharon

... oder von Henlein zu Arafat

Kaum etwas traf die Feinde Israels so unerwartet und heftig wie der Auftritt des tschechischen Ministerpräsidenten Milos Zeman Mitte Februar 2002 in Israel: Keine Appelle an beide Seiten, keine Friedensparolen, keine ungebetenen Ratschläge, statt dessen schlicht Solidarität aus bitterer historischer Erfahrung. Gerade war das FPÖ-Referendum zu Temelin vorüber, mit dem die sudetendeutsche Frage einmal mehr virulent wurde, trotzdem konnte Zeman den Mund nicht halten: Mit Terroristen, das habe man in Tschechien aus der Geschichte gelernt, verhandle man nicht. Um Zemans Besuch ging es sicherlich bei einer bemerkenswerten Veranstaltung, die am 17. April im Wiener Haus der Heimat stattfand. „Von Benes zu Sharon. Sudetendeutsche und Palästinenser – entrechtet und vertrieben“ lautete das Thema des Abends, zu dem die österreichischen Sudetendeutschen den Vizepräsidenten der Palästinensischen Gemeinde in Wien, Dr. Georg Nicola, eingeladen hatten. Der Vergleich der Forderung nach Rückkehrrecht für die palästinensischen Flüchtlinge mit der nach Rückkehr der deutschen Vertriebenen wurde selbst von Wohlsinnenden immer als übertrieben und falsch kritisiert. Jetzt bestätigten die Betroffenen selbst: Das antiimperialistische „Wir sind alle Palästinenser“ und das revanchistische „Wir sind alle Sudetendeutsche“ amalgamieren offensichtlich problemlos zum völkischen „Wir sind alle Entrechtete und Vertriebene“.

Wie kann man sich einen solchen Erfahrungsaustausch vorstellen? Die sudetendeutsch-palästinensischen Gemeinsam­keiten liegen auf der Hand: Penetrantes Schweigen über die Verfaßtheit des eigenen Kollektivs und dessen jüdische Opfer harmoniert mit ebenso penetrantem Menscheln, wenn vom Schicksal, von der Würde, der Identität, dem Boden und der Kultur die Rede ist; vom Blut braucht man nicht zu reden, das versteht sich von selbst. Wer je Vertriebenenfunktionäre erlebt hat, kennt deren dürftiges Repertoire: Tränenselig, betroffen und unheimlich lieb, wenn eine Kamera dabei ist oder ein verständnisvoller Zuhörer; ungehemmt agierend bis an den Rand der Hysterie, sobald auch nur der Verdacht aufkommt, die Definitionsmacht über den eigenen Status, Opfer eines Volksverbrechen zu sein, könnte angezweifelt werden. Man sitzt beieinander und tut so als hätte man sich etwas zu sagen, wobei das einzige, was man sich zu sagen hätte, das ist, was man nicht sagt.

Erfahrungsaustausch im „Haus der Heimat“

Zum Beispiel so: Zeman, dieser Geschichtsfälscher, hat in einem Interview mit der israelischen Tageszeitung Haaretz Äußerungen über die Palästinenser und deren Präsidenten von sich gegeben, wie man sie selbst in Israel nur hinter vorgehaltener Hand auszusprechen wagt. Nachdem er Arafat mit Hitler verglichen hatte, riet er den Israelis, mit den Palästinensern ebenso zu verfahren, wie die Tschechoslowakei 1945 mit den Sudetendeutschen, das heißt, sie zu vertreiben. Hitler sei der größte Terrorist der Welt gewesen, mit dem man niemals hätte verhandeln dürfen, sagte Zeman. Das gelte auch für Arafat. Empörte Zwischenrufe: „So eine Frechheit!“, Unruhe im Saal, der Versammlungsleiter bittet um Ruhe. Der Referent fährt fort: Auf den Beginn des 21. Jahrhunderts bezogen, können sich ganz andere Vergleiche aufzwingen. „Sharon ist – ein Mörder und Faschist“, brüllt es aus der einen Ecke, in der anderen wird geklatscht. Führer einer nationalen Befreiungsbewegung war Hitler jedenfalls nicht. Verstocktes Schweigen, leises Füßescharren. Ebensowenig kann den Palästinensern unterstellt werden, einen Eroberungskrieg zu führen oder gar die Weltherrschaft anzustreben. „Im Gegensatz zu gewissen Herren von der Ostküste!“ Zustimmung. Die Parallele, die Zeman zwischen Palästinensern und Sudetendeutschen zieht, ist eine groteske Verzerrung geschichtlicher Ereignisse. Schweigen, Kopfkratzen: Worauf will der Referent hinaus? In einem Interview mit dem Wiener profil hatte der tschechische Premier unlängst die Sudetendeutschen als Hitlers 5. Kolonne in den besetzten tschechischen Ländern bezeichnet. Wessen 5. Kolonne sind die Palästinenser auf ihren eigenen, von Israel besetzten Territorien? Es ist doch umgekehrt so, daß die jüdischen Siedler in den Autonomiegebieten die 5. Kolonne des israelischen Gewaltregimes über Palästina bilden. Ach so, na dann: Applaus, erleichtertes Lachen. Sollte den Palästinensern tatsächlich einmal die Stunde der Befreiung schlagen, dann ist zu wünschen, daß sie die Kollektivschuld-These verwerfen und sie mit der Unterdrückernation differenzierter und menschlicher umgehen, als das die tschechischen Behörden 1945 getan haben. „Es muß ja net gleich Gas sein!“ Ausgelassene Heiterkeit, die in langanhaltenden Beifall übergeht.

Daß sie sich einig wußten in ihrer Meinung über Sharon und Benes, über die Juden und die Tschechen und sich selbst, die unverstandenen und ungeliebten, im Elend darbenden Herrenvölker, wird im nachhinein für die Teilnehmer der Veranstaltung eine Bedeutung haben; nicht die einzelne antisemitische Bemerkung, die verklemmte revisionistische Anspielung –, nur das Gefühl, die unaussprechliche Gemeinsamkeit wird allen in Erinnerung bleiben. Auch wenn Werner Pirker die oben kursiv gesetzten Stellen nicht an jenem Abend im „Haus der Heimat“ vorgetragen, sondern schon am 20.2.2002 in der jungen Welt veröffentlicht hat, die Beiträge jener Veranstaltung folgten mit Sicherheit derselben völkischen Logik. Noch vor Jahresfrist wurde Vertretern der Kommunistischen Partei Böhmens und Mährens, wie sie sich heute nennt, in nationalbolschewistischer Tradition die Möglichkeit gegeben, sich in der jW über die Überfremdung Tschechiens durchs deutsche Kapital zu beschweren. Nun erledigt sich der Restbestand postkommunistischer Solidarität im Nachvollzug des völkischen Aufbruchs vollends: Die Solidarität mit der Intifada verlangt ihren Tribut. Weil die These von der Vertreibung der Palästinenser durch den „Siedlerkolonialismus“ der Zionisten essentiell für die Begründung ihrer Ansprüche ist, bleibt Pirker nichts anderes mehr übrig, als auch die Sudetendeutschen zu Opfern umzulügen. Er muß sogar um der Analogie willen weiter gehen als die Sudetendeutschen Landsmannschaften selber, und deren Behauptung, mit der sie vor 1938 hausieren gegangen sind, bekräftigen: sie seien Opfer eines tschechischen „Siedlerkolonialismus“ und hätten deswegen legitime Ansprüche auf tschechisches Staatsgebiet.

Pirkers völkische Kampfansage an Israel und Tschechien hatte im Februar beinahe Avantgardefunktion, denn so deutlich schreibt es noch nicht einmal die FAZ. Die gleichzeitig verkündete „Enttabuisierung“ (Karl Lamers, CDU) des deutsch-israelischen und des deutsch-tschechischen Verhältnisses verlangt zwar geradezu nach der Verbrüderung der beiden jedes historischen Kontextes entrissenen Opferkollektive, des palästinensischen und des deutschen, aber es so undiplomatisch auszusprechen, traut sich dann doch nur ein österreichischer Kommunist. Warum sich nicht nur deutsche Linke dem nicht entziehen können, verrät Pirker, wenn er der Hoffnung Ausdruck gibt, die Israelis mögen von den siegreichen Palästinensern dereinst besser behandelt werden als die Sudetendeutschen von den Tschechen: Deutlicher kann der Wunsch, die deutsche Geschichte möge an den Juden wiedergutgemacht werden, nicht formuliert werden als in der von den Mördern erfundene Rede von der jüdischen „Kollektivschuld“ an den Palästinensern.

Lehren aus der Geschichte I

Der Besuch des tschechischen Ministerpräsidenten Milos Zeman in Israel, den er in – bis auf Hillary Clinton – einmaliger Weise zur Solidarisierung mit der Selbstverteidigung des jüdischen Staates nutzte, war mehr als ein historisches Zitat. Die Tschechoslowakei unterstützte zwischen 1945 und 1948 den Unabhängigkeitskampf der Juden in Palästina, in einer Zeit also, als Edward Benes aus dem Exil zurückgekehrt war und die Vertreibung der Sudetendeutschen sowie der anderen deutschen Hilfsvölker aus dem Staatsgebiet der CSR durchsetzte: Die Waffen stammten aus deutschen Beständen, und heute noch erzählen Veteranen dieses Kampfes, die zuvor in Konzentrationslagern wie Buchenwald für die deutsche Armee Waffen zusammenbauen mußten, daß nicht wenige dieser Waffen durch ihre Sabotage unbrauchbar geworden waren. Die Kämpfer wußten nicht, ob sie sich freuen sollten, daß sie vergleichsweise erfolgreich waren, oder heulen, weil sie viele Waffen nicht gebrauchen konnten. Aber sie hatten keine Wahl, es gab kaum andere Unterstützung, schon gar keine militärische. Zeman machte, indem er die Situation Israels mit der der Tschechoslowakei vor dem Münchener Abkommen 1938 verglich (und damit Sharon zitierte), zugleich klar, daß es, ginge es nach ihm, weder in Israel noch in Tschechien eine Revision der Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs geben werde. Es ging ihm um den Schulterschluß zweier Staaten, deren Existenz von Deutsch-Europa mit der Forderung nach Rückkehrrecht der Vertriebenen zur Disposition gestellt wird.

Schon kurz nach dem 11. September sagte Zeman in einer Rede, in der er die militärische Beteiligung Tschechiens an der Seite der USA ankündigte: „Wäre Adolf Hitler 1936 nach der Besetzung des Rheinlandes gestoppt worden, der folgende Konflikt wäre kurz gewesen. Wenn das Münchener Abkommen nicht unterzeichnet worden wäre, hätte es zwar einen ernsthaften europäischen Krieg gegeben, aber die Zahl der Opfer wäre geringer gewesen als die des zweiten Weltkriegs.“ Nicht, daß er sich für Militärschläge einsetzte, sondern daß er sie als historische Konsequenz begriff und damit die Maßnahmen gegen jenes deutsche Kollektiv legitimierte, das sich fast geschlossen in der NSDAP organisiert hatte und damit die höchste Mitgliederdichte im erweiterten Reich vorweisen konnte, macht ihn für die deutsche Öffentlichkeit zur Unperson. So lernen wir in der taz: „Er liebt Alkohol und Nikotin und hasst Journalisten und Nicht-Workoholics. Intelligenzbestie oder Psychopath – die schwarz-weiße Welt des tschechischen Premierministers Milos Zeman kennt keine Abstufungen.“ Dieses Portrait erschien kurz nach Zemans Israel-Aufenthalt am 21.2.02. Taz-Lesern mußte der tschechische Dämon wohl nicht groß erklärt werden. Sie wissen schließlich, daß jemand, der Vernünftiges von sich gibt, eine Macke haben muß. Zeman wird mit dem Satz zitiert: „Ich bin sehr gerne unpopulär, das bereitet mir ein geradezu masochistisches Vergnügen.“ Merkwürdig ist es allerdings, daß Zeman ansonsten auch der taz als Populist gilt – der in Österreich als Anti-Haider gehandelt wird –, obwohl er tatsächlich in Tschechien unpopulär ist.

Dort herrscht zwar Angst vor den Deutschen, die in immer größerer Zahl ins Land ihrer Ahnen zurückkehren wollen, um an ihr zuvor von Juden und Tschechen geraubtes Eigentum heranzukommen. Aber die Angst, nicht in die EU aufgenommen zu werden, ist sehr viel größer. Deswegen gibt es eine Bereitschaft zu Zugeständnissen, an deren Gefährlichkeit Zeman mit seinen historischen Vergleichen erinnert. Weder die Sudetendeutschen noch die Ungarn wollten je einen tschechoslowakischen Staat. Schon während des Ersten Weltkrieges, als Edward Benes als Mitarbeiter des späteren Staatsgründers Thomas Masaryk Verhandlungen mit den Alliierten führte, die im Sommer 1918 die Anerkennung des im Exil arbeitenden „Nationalrat der Tschechoslowakei“ als kriegführende Partei zum Ergebnis hatten, setzten die Sudetendeutschen – und zwar alle politischen Gruppierungen – auf eine Germanisierung Böhmens und Mährens in der Integration in ein neuzuschaffendes Deutsch-Österreich. Als die Tschechoslowakische Republik am 28. Oktober 1918 ausgerufen wurde, hatte das neue Land noch keine Grenzen, und die Sudetendeutschen beriefen sich auf das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“, als sie die von ihnen bewohnten Gebiete im November 1918 für unabhängig erklärten. Die Folge war die Besetzung durch Milizen der neuen Republik und eine Absage an jede Form der Autonomie durch den Präsidenten Masaryk: „Wir – die Tschechen – haben unseren Staat geschaffen. Dadurch wird die staatsrechtliche Stellung der Deutschen bestimmt, die ursprünglich als Immigranten und Kolonisten ins Land kamen.“ Über eine Autonomie werde nicht verhandelt.

Die sudetendeutsche Intifada

Im März 1919 kommt es, nach Aufrufen der deutsch-österreichischen Sozialdemokratie und der Gewerkschaften, zu Demonstrationen gegen den neuen Staat, die von Österreich angezettelt worden waren. Folgen waren zum einen eine scharfe Verwarnung Österreichs durch die Alliierten, zum anderen war der sudetendeutsche Opfermythos geboren. Die Geschichte ging ihren deutschen Gang: Bis 1938 waren es zwar verschiedene Parteien, von den Linken bis zu den Henlein-Faschisten, die schließlich das ersehnte Ziel erreichen sollten – und das bestand nicht in der Autonomie, sondern in der Zerschlagung der Tschechoslowakei, denn allesamt begriffen sie sich in erster Linie immer als Deutsche. Die zahlreichen Versuche der Obstruktion gegen den neuen Staat erinnern deutlich an die Strategie der Palästinenser: Eingaben an den Völkerbund wechselten sich ab mit bewaffneten Überfällen und Pogromen; für die Verweigerung der staatsbürgerlichen Integration ging man freiwillig ökonomische und soziale Nachteile ein, mit denen man wiederum erhoffte, Mitleid im Ausland wegen angeblicher „Diskriminierungen“ zu erheischen; ab 1935 herrschen schließlich Zustände, die mit der Intifada vergleichbar sind. Hatten die Sudetendeutschen zunächst zum Schein Autonomie gefordert, brachte das Jahr 1937 die Wende, die Forderung nach Anschluß ans deutsche Reich wurde nun öffentlich wieder hoffähig. Man brauchte schließlich keine Rücksichten mehr zu nehmen, mit Hitler-Deutschland an der Seite war es nur eine Frage der Zeit, bis man den tschechischen Staat zerschlagen haben würde.

Die britische Regierung riet Benes, der nach dem Rücktritt Masaryks 1935 Präsident der CSR geworden war, auf Henleins Forderungen einzugehen, nachdem dieser mit 92,6 Prozent die Kommunalwahlen im Mai 1938 überwältigend für sich entschieden hatte. Doch Autonomie war nun nicht mehr genug: Hitler hatte der Wehrmacht schon zuvor mitgeteilt, es sei sein „unabänderlicher Entschluß, die Tschechoslowakei in absehbarer Zeit durch eine militärische Aktion zu zerschlagen.“ Trotzdem setzten Großbritannien und Frankreich auf Appeasement, und Benes wurde, ähnlich wie Sharon heute, in der Presse dieser Länder als der eigentliche Hardliner gehandelt, während der antitschechische und antisemitische Faschist Henlein und seine Sudetendeutsche Partei, Arafat nicht unähnlich, als Führer der Opfergruppe freundlich behandelt wurde; noch 1937 traf Winston Churchill mit Henlein zusammen. Hitler kündigte auf dem NSDAP-Parteitag im September 1938 an, daß er eine „weitere Unterdrückung der Sudetendeutschen nicht dulden“ werde, und forderte unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht, die Sudetendeutschen sollten selbst entscheiden. Die Folge waren bürgerkriegsähnliche Situationen, und in dreizehn sudetendeutschen Bezirken wurde das Standrecht inkraftgesetzt. Nur drei Tage nach Hitlers Rede forderten die Verhandlungsführer der Sudetendeutschen: „Wir wollen heim ins Reich!“

Lord Runcimen, der britische Vermittler und Javier Solana seiner Zeit, verurteilte nicht diesen Schritt, sondern das Verbot der Sudetendeutschen Partei und die Außerkraftsetzung der demokratischen Grundrechte. Benes’ Politik sei „taktlos, verständnislos, unduldsam und diskriminierend“, verkündete der Lord und empfahl die Abtretung der Gebiete ans deutsche Reich. Benes nannte den Verrat beim Namen, ließ sich aber, nachdem die CSR vollkommen isoliert war, unter der Bedingung auf die Abtretung der Gebiete ein, daß Großbritannien und Frankreich intervenieren, wenn deutsche Truppen einmarschieren sollten.

Hitler kündigte für den 1. Oktober 1938 den Einmarsch an, am 29. September wurde das Münchener Abkommen unterzeichnet, nachdem Hitler versprochen hatte, daß er keine weiteren Gebietsansprüche stellen werde. Unmittelbar danach setzte die Vertreibung der tschechischen und jüdischen Bevölkerung ein, zwischen Freudenfesten und Pogromen war, wie immer in Deutschland, kein Unterschied festzustellen. Benes war mit der Mehrheit der Mitglieder seines Kabinetts schon Anfang Oktober 1938 ins Londoner Exil gegangen. Fünf Monate später wurde die Tschechoslowakei endgültig zerschlagen, das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren geschaffen und ein Terror-Regime installiert, um den Widerstand der tschechischen Bevölkerung zu brechen. Nun sollte endlich geschehen, wovon die Sudentendeutschen schon immer geträumt hatten: Die vollständige Germanisierung, die die Nazi-Okkupanten durch die „Umvolkung der rassisch geeigneten Tschechen“, die „Aussiedlung der rassisch unverdaulichen Tschechen und der reichsfeindlichen Intelligenzschicht bzw. Sonderbehandlung dieser und aller destruktiven Elemente“ und durch die „Neubesiedlung dadurch freigewordenen Raumes mit frischem deutschen Blut“ erreichen wollten. 250.000 tschechoslowakische Staatsbürger wurden für dieses Vorhaben ermordet.

Lehren aus der Geschichte II

Daß sich bei der im Potsdamer Abkommen vereinbarten Aussiedlung der Sudetendeutschen eine Eigendynamik entwickelte, die einige Deutsche mit ihrem Leben bezahlten, ist noch heute Grund genug selbst für sogenannte Antifaschisten, die Benes-Dekrete zu verurteilen. Beim aktuellen Volksbegehren der FPÖ gegen das tschechische AKW Temelin, informiert uns beispielsweise ein Flugblatt aus Wien, gehe es Haider und Co. gar nicht um eine „seriöse Antiatompolitik“ – was für eine Überraschung! –, vielmehr habe „das Kind in Wirklichkeit einen ganz anderen Namen“: eben jene zehn die Deutschen betreffenden von knapp 150 Dekreten, die den Namen Benes’ tragen und mit denen nach dem Exil der Wiederaufbau des Staates betrieben wurde. Unter dem „Deckmantel“ Temelin bediene die FPÖ „einen bösartigen Revanchismus nicht nur der sudetendeutschen Landsmannschaften, sondern einen der Ewiggestrigen, der alten und neuen Rechts-Rechten überhaupt.“

Statt einer Denunziation der österreichischen Liebe zur Landschaft und der ihr innewohnenden Ressentiments, die sich im FPÖ-Volksbegehren spiegelt, und einer Bevölkerung, die endlich die Stunde gekommen sieht, es den Tschechen heimzuzahlen (die FPÖVP-Regierung droht damit, die Aufnahme der Tschechischen Republik in die EU zu verhindern), folgt jedoch dieses: „Die nicht vergessen können: Dass sie aus der Tschechoslowakei vertrieben worden sind, 1945. Enteignet und hinausgejagt. Nein, wir billigen das nicht; vor allem die Übergriffe nicht und das menschliche Leid.“ (Der Anfang folgt unmittelbar auf „(...) Rechts-Rechten überhaupt.“ Hervorhebung hier von mir, T.K.) Mit ganz lieben Grüßen an den Nazi-Opa, unterzeichnet: „Grünalternative Jugend Wien, Infoladen 10, Infoladen Grauzone, Infoladen Wels, Kulturverein Saegefisch, Mayday 2000, Ökologische Linke (Ökoli), Rosa Antifa Wien (RAW)“. Im Stil der Kronenzeitung – abgehackte Sätze, hohler Pathos – wird echtes Mitleid gezeigt, schließlich wendet man sich an eine Bevölkerung, die einmal mehr ihr Volk-Sein durch dieses Volksbegehren unter Beweis stellen will. Und dagegen hat man ja nichts, im Gegenteil: Dabei sein ist alles, und den Preis dafür – die Mißbilligung der Benes-Dekrete und der kollektiven Ausweisung der Sudetendeutschen aus der damaligen Tschechoslowakei – ist man gern bereit zu zahlen. Selbstverständlich geht das nicht ohne ein paar Wenns und Abers: „Aber 1945 kann man und frau nicht ohne 1938 verstehen,“ heißt es im Flugblatt nach dem Kotau vor der Volksgemeinschaft, doch da ist es schon zu spät. Die Österreicher sollten sich für die Nazi-Verbrechen „entschuldigen“ – nicht etwa zahlen und besser den Mund halten –, im Gegenzug könne es vielleicht soweit kommen, daß „Tschechien österreichische Ängste vor Atomkraft mit anderen Augen sieht.“ Sie wollen das Gleiche, nur anders. Die Sudetenfrage ist bei ihnen ebenfalls untrennbar verbunden mit ihrem kollektiven Befinden, und trotz einer Staatsgrenze fühlen sie sich durchaus berufen, ihren Senf dazu zu geben.

Ebenfalls keine Rücksichten auf Staatsgrenzen nimmt Jörg Haider. Er besuchte den Irak, um mit Saddam Hussein über Zionismus und Imperialismus zu philosophieren, und jetzt kündigte er seine Kanzler-Kandidatur in jenem Sender an, den alle Deutschen verstehen, auch wenn arabisch gesprochen wird: Al Jazeera, der sonst Bin Laden seine Sendezeit zur Verfügung stellt, schien ihm der passende Ort. Haider ist einer der beliebtesten europäischen Politiker im arabischen Raum, zudem konnte er sein Vorhaben mit weiteren Drohungen gegen Tschechien und Israel zu verbinden. Arabische wie deutsche Nazis machen ernst mit dem viel propagierten „Lernen aus der Geschichte“ und mit der Parole „Hoch die internationale Solidarität“. Dr. Nicolas Erfahrungsaustausch und Haiders Agitation verfolgen dasselbe Ziel: die Revision der Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs. Und gemeinsam haben sie eine Chance. Für antideutsche Kommunisten kann es deswegen keine Trennung geben zwischen der Solidarität mit Israel und der Verteidigung der Souveränität der Tschechischen Republik, wenn sie die Voraussetzungen menschlicher Emanzipation gewahrt wissen wollen. Daß sich die Palästinenser an den Sudetendeutschen ein Beispiel nehmen und umgekehrt, daß, wie die Autorin und ehemalige Partisanin Oriana Fallaci kürzlich schrieb, Arafat so beliebt ist wie seinerzeit Mussolini, und zwar aus den selben Gründen, läßt ihre Schlußfolgerung realistisch erscheinen: „Ich finde (diese Entwicklung in Europa) beschämend und sehe in all dem das Aufkommen eines neuen Faschismus, eines neuen Nazismus. Ein Faschismus, ein Nazismus, der sehr viel bösartiger und verstörender ist, denn er wird von denen geführt und genährt, die in heuchlerischer Weise als Gutmenschen posieren, von Fortschrittlichen, Kommunisten, Pazifisten, Katholiken oder gar Christen, die jeden als Kriegstreiber bezeichnen, der wie ich die Wahrheit herausschreit.“ (Oriana Fallaci in der Zeitschrift Panorama, 12.4.2002)

Tjark Kunstreich (Bahamas 38/2002)