Test the east

Wie die junge Welt zur Becker-Blume wurde

1. Der ewige Osten: Ein geknechtetes Volk entdeckt die Heimat

Daß auch die junge Welt vom ostdeutschen Opferwahn befallen ist und eine spezifische Form der Heimattümelei betreibt, zeigt sich vor allem daran, daß in dem Blatt noch immer der Mythos des "Ostens" als Hort der Solidarität, Bescheidenheit und Herzenswärme kursiert. Die sogenannte "Wiedervereinigung" stellt sich ausschließlich als eine Invasion westlicher Heerscharen dar, die im Osten frech als "Vollstrecker der freiheitlich-demokratischen Grundordnung" (jW 29.1.99) auftreten. Von "dumm-faulen westdeutschen Beamten" (3.2.99) ist die Rede, die "seit 1990 raubrittermäßig (insgesamt 25000) in das Beitrittsgebiet strömten" (29.1.99). Von den einstigen Massenaufmärschen bananenstaudenschwenkender ostdeutscher Hysteriker und freudentränenüberströmter Deutschlandbrüller jedoch ist in diesem Zusammenhang nicht die Rede. Vielmehr versteigt man sich zunehmend in den immer populärer werdenden Mythos einer westdeutschen Invasion zwielichtiger und parasitärer Mächte, die die arglosen Bürger der DDR in schändlicher Weise überrumpelt haben sollen. Westdeutsche "Ämter und Behörden", so erfahren wir, seien es, "die seit dem 3. Oktober 1990 als flächendeckendes Spinnennetz über uns geworfen worden sind und mit ihren Krakenarmen nach uns greifen" (4.3.99). Hochgradig gefährliche, halbanonyme und gesichtslose Institutionen des feindlichen Westens sind es also, die im Dunkeln operieren und "uns", das unterjochte Ostvolk, unablässig einwickeln und aussaugen.

Wo der virulente Wahn, als Ostdeutscher ein schlimm gepeinigtes Opfer zu sein, bereits deutliche Züge einer bleischwer im Hirn liegenden Obsession aufweist, ist der vollständige Realitätsverlust nicht weit: "Immerhin hat es in Mitteleuropa seit dem Zweiten Weltkrieg kaum Inhumaneres gegeben als die achtlose und gleichgültige Entlassung von Millionen Kindern und ihrer Familien im Osten der erweiterten Bundesrepublik in soziale Existenznot, Unsicherheit, Armut und Perspektivlosigkeit nach 1990." (jW 4.3.99)

Man wundert sich, daß internationale Menschenrechtsorganisationen und Gerichtshöfe sich dieses gigantischen Jahrhundertverbrechens noch nicht angenommen haben. Man denke sich nur: Vor den Augen der Weltöffentlichkeit wurden Millionen Ostdeutsche, nachdem man sie unter Anwendung übelster Machenschaften (Bananen, Geldscheine, Pornohefte) in die Falle des Kapitalismus gelockt hat, achtlos in die Unsicherheit entlassen. Hat man in Mitteleuropa seit dem Zweiten Weltkrieg von einem verabscheuungswürdigeren und brutaleren Unrecht gehört als dem, das Westdeutsche ungestraft an ihren ostdeutschen Brüdern und Schwestern begangen haben? Würde sich ernsthaft jemand zu der Bemerkung versteigen, es habe in Mitteleuropa seit dem Zweiten Weltkrieg jemanden gegeben, der mehr gelitten habe als die Zonis seit der sogenannten Wiedervereinigung? Gibt es ein geknechteteres Volk als die Ostler? Unvorstellbar, daß dies tatsächlich jemand behaupten könnte.

2. Klosettdeckelgroße Hände: junge Welt goes BILD

Was "Nikolaus" angeht, einen "rußlanddeutschen Aussiedler", auf dessen "gebrochenes Deutsch" nicht nur einmal süffisant hingewiesen wird, so erfahren wir in der jungen Welt nicht nur den äußerst erhellenden Umstand, daß er "klosettdeckelgroße Hände" hat, sondern auch noch etwas, das wir insgeheim bereits vermutet hatten. Daß nämlich der "massige" Russe und seine Sprößlinge sich aufgrund ihrer Neigung zur Glatze "schon von hinten als Sippe erkennen lassen" (alle Zitate jW 10.2.99).

Von Peter Murakami, der das geschrieben hat und der anscheinend in Rassenkunde immer gut aufgepaßt hat, wissen aufmerksame Leser bereits, daß er in Fragen der ostdeutschen Volksgemeinschaft eine Art Experte ist und bisweilen Schwierigkeiten hat, Fremdenhaß als solchen zu erkennen. Jetzt wissen wir auch warum.

Doch erstmal weiter im Text. Über einen jungen türkischen Mann, der bei der gerichtlichen Verlesung seiner angeblichen Untaten frecherweise "nur mit Mühe ein lautes Lachen verkneift" (12.2.99), berichtet uns Murakami aufgeregt: "Mit seinem bleistiftdünnen Oberlippenbärtchen und seinen wieselflinken Augen, denen nichts zu entgehen scheint, erinnert er ein bißchen an einen professionellen Kartenspieler in einem billigen Western."

Und Autor Murakami? Erinnert er mit seinem bleistiftdünnen Schmalspurverstand und seiner wieselflinken Schmuddelschreibe nicht an einen professionellen Schmutz- und Schmierfink in einer billigen Schmonzette? Egal. Weiter im Text: "Eigentlich sieht er schon ziemlich brutal aus, der Angeklagte Hans Joachim M." (27./28.2.99), weswegen man ihm den "Analverkehr", den er angeblich seiner Ehefrau aufgezwungen hat, ohne weiteres zutrauen würde: "Mit seinen kurzgeschnittenen Haaren und ... gebleichter Hautfarbe sieht er aus wie einer, der genau das getan hat, was die Staatsanwaltschaft behauptet." Deshalb ist, so muß man vermuten, eine gerichtliche Untersuchung im Grunde gar nicht mehr nötig, denn Rechtsexperte Murakami hat in einem beeindruckend rasanten Schnellverfahren bereits festgestellt, daß der kurzgeschorene Kerl mit dem häßlichen blassen Teint im Grunde ja schon wegen seiner formidablen Verbrechervisage ins Kittchen gehört. Aber auch Angeklagte, die sich durch ihre eigentümliche Sprechweise verraten, wie zum Beispiel die Frau, die mit einem Akzent spricht, "der sie bei jeder Äußerung als Immigrantin aus Stoiber-Land entlarvte" (4.3.99), haben keine Chance. Sie entgehen ihm nicht, dem feinen Gehör Murakamis, so sehr sie sich auch mühen. Denn schon am westdeutschen Akzent, weiß Sprachkundler Murakami, erkennt man ihn, den bajuwarischen Fremden.

3. Schönes Guben: Wie gut es den Asylanten wirklich geht

Peter Murakami, dessen aufdringlicher Boulevardstil und dessen auffallend häufige Erwähnung äußerer körperlicher Merkmale bei den von ihm beschriebenen Personen weit mehr als enervierend sind, teilt uns in der jungen Welt darüberhinaus aber auch mit, wie es bei der im Februar stattgefundenen Hetzjagd auf den Algerier Omar Ben Noui tatsächlich zuging. In einer zweiseitigen Reportage (alle Zitate aus jW 15.3.99) über die brandenburgische Provinzstadt Guben, in der die nächtliche Jagd auf Ausländer stattfand, kolportiert der Autor erneut die unwahre Behauptung, daß "bei einer Auseinandersetzung zwischen einem 18jährigen Deutschen und einem ,dunkelhäutigen Ausländer‘... der Deutsche mit einer Machete verletzt worden sein" soll. Nachdem Murakami derart fix die wahren Schuldigen ausgemacht hat, nämlich vermeintlich machetenschwingende Unruhestifter, ist es nur noch eine Frage der geschickten Formulierung, wie rasch die bedrohten und verfolgten Ausländer selbst zu den angeblichen Tätern und Auslösern der rassistischen Jagd werden. Und tatsächlich heißt es nur wenige Zeilen später, daß Mitglieder der rechten Szene "Ausschau nach dem Täter und seinen Begleitern" (15.3.99) hielten. So schnell kann’s manchmal gehen.

Im weiteren Verlauf der Reportage scheint der Verfasser alles zu versuchen, um die Kleinstadt im Nachhinein vom Vorwurf rechter Gesinnung reinzuwaschen. Ausführlich wird zu diesem Zweck "Harald K." zitiert, laut Murakami nicht nur "Sozialarbeiter im örtlichen Asylbewerberheim", sondern vor allem "ein alteingesessener Gubener", der "mit der Hälfte der Gubener irgendwie verwandt, mit der anderen bekannt ist" (15.3.99) und der vermutlich deshalb als eine Art Kronzeuge für die herzensgute Gesinnung der Gubener in die Bütt steigen muß. Nicht etwa hauptsächlich Neonazis, erfahren wir, seien in Guben aktiv, sondern vielmehr "frustrierte Rowdys", die "provozieren wollen" (15.3.99). Als hätten wir es nicht schon geahnt.

Und weil es mit der schlichten Umbenennung von Nazis in "Rowdys" und ihrer damit einhergehenden Entpolitisierung und Verharmlosung noch nicht getan ist, muß noch einmal der ideelle Gesamtgubener Harald K. herhalten, um Peter Murakamis Lieblingstheorie zu referieren, nach welcher es angeblich unsachliche, unlautere und wildgewordene Journalisten seien, die die Ostdeutschen verleumden und durch ihre Berichterstattung über den frei erfundenen ostdeutschen Rassismus diesen erst aus dem Nichts erzeugen: ",Durch den ganzen Presserummel werden schlafende Hunde geweckt‘, glaubt Harald K. ... die Asylbewerber bewegten sich ohne Furcht in der Kleinstadt. Harald K. ist fest davon überzeugt, daß die Berichterstattung über den Tod des Algeriers Neonazi-Kader anlocken und zur Bildung einer entsprechenden Szene führen werde." Aber auch was seine restliche scharfsinnige Rassismusanalyse angeht, ist die Argumentation von Harald K. gefestigt: "Daß Guben keineswegs das in den Zeitungen dargestellte Rassismuskaff ist, sehe man schon daran, daß die Asylbewerber ... in der gleichen Disco ... verkehren, in dem auch die im Zusammenhang mit der Hatz auf den Algerier festgenommenen Jugendlichen herumzuhängen pflegen."

Mit derselben Argumentation ließe sich auch ohne weiteres sagen, daß es in Deutschland keinen Rassismus gebe. Das sieht man schließlich schon daran, daß die Ausländer offenbar im selben Land verkehren, in dem auch die Deutschen herumzuhängen pflegen.

Um dem ganzen schönfärberischen Unfug schließlich die Krone aufzusetzen, geht der Autor ungeachtet der beinahe täglich in Brandenburg stattfindenden rassistischen Pöbeleien und Gewalttaten schließlich so weit, daß er den nahe Guben gelegenen Ort Sembten als multikulturelle und friedfertige Idylle vorstellt, in der es so unglaublich harmonisch zugeht, daß man seinen Wohnsitz am liebsten unverzüglich in die brandenburgische Provinz verlegen würde. Die derzeit im Sembtener Asylbewerberheim, das als "hell und sauber" beschrieben wird (und also beim besten Willen nicht zu beanstanden ist), lebenden Asylbewerber sind erstaunlicherweise "trotz der Ungewißheit über ihr weiteres Leben gut gelaunt" (15.3.99). Rechte scheinen weit und breit nichts zu melden haben in der Gegend. Deutschland sorgt bestens für seine Asylbewerber, die quietschfidel und putzmunter sich Spaß und Spiel hingeben: "Es riecht nach ... exotischem Mittagessen. Irgendwo klackern Pingpong-Bälle." Selbst der "Laubfrosch, der durch die offene Eingangstür in den Vorraum gehüpft ist und es sich auf den von der Frühlingssonne gewärmten Fliesen der Vorhalle bequem gemacht hat", mag beim Anblick eines solch ungetrübten, herzlichen Beisammenseins nicht länger abseits stehen. Über der ganzen die Herzen öffnenden Szenerie liegt eine Atmosphäre reiner Menschenliebe und gegenseitiger Toleranz: "Sembten scheint geradezu ein Paradebeispiel dafür zu sein, wie brandenburgische Dorfbewohner ohne Fremdenfeindlichkeit mit einer relativ großen Zahl Asylbewerber aus verschiedenen Kulturkreisen zusammenleben können. Gelegentlich helfen einige der Heimbewohner den Sembtenern sogar bei Gartenarbeiten oder beim Holzhacken." Tja, wer hätte bei der allseits bekannten Faulheit der Asylantenschar gedacht, daß die zu irgendwas taugt. Und vor allem: wer will schon gern seinen kostenlosen Arbeitssklaven verlieren.

4. "Sozialer Frust": Die Verharmlosung des Rassismus

Daß die Mehrheit der Deutschen im Grunde ihres Wesens eigentlich nur irgendwie arm dran ist, erklärt uns in bewährter Manier Herr Pirker, der im Volke wohlweislich nicht etwa Rassismus walten sieht, sondern bloß "latent vorhandene xenophobe Stimmungen", die aus "sozialem Frust" erwachsen und derer man am besten Herr wird, indem man sich seitens der Parteien auf das "soziale Terrain" begibt (alle Zitate jW 10.2.99). Was heißt das ins Nichtpirkersche übersetzt? Es heißt, daß der Rassist von nebenan nur deshalb phasenweise einer wird, weil er sich die neue Ledercouch nicht leisten kann und sich einbildet, sein Nachbar habe schon lange eine. Gäbe man Kleinbürgern und Proleten ein wenig mehr Wohlstand, ein paar Lohnprozente und einen warmen Händedruck, verschwände auch der Rassismus.

Daß eine solche Argumentation der Blödsinn ist, nach dem sie klingt, will man aber in der jungen Welt nicht wahrhaben; schließlich liegt einem daran, für alle Unterjochten zu kämpfen. Auch und vor allem für die, die vermeintlich unterm herrschenden falschen Bewußtsein und unter der Knute des Kapitals so bitter zu leiden haben, daß sie aus Ratlosigkeit und schierer Not – qua Naturgesetz sozusagen – sich ihrer unterschwelligen "xenophoben Stimmungen" besinnen und diese dann ausleben. Was Pirker gar nicht leiden mag, ist die Konstatierung der Tatsache, daß der Rassismus im Deutschen ist wie der Dotter im Ei. Wer das nämlich behauptet, so Pirker, hat von den sozialen Nöten des Volkes nix kapiert und stimmt nur das ewige "linke Betroffenheits-Gejammer über die Bösartigkeit des deutschen Stimmbürgers" (10.2.99) an.

Um Mitleid mit den von namenlosen "Rattenfängern" (16.2.99) verführten Rechtsradikalen bittet auch Ex-Stadtguerrillero Till Meyer: "In Guben wie in Solingen, in Hoyerswerda wie in Lübeck tritt der [Mob] nach unten, weil er keine Perspektive, keine Hoffnung hat, aus der Deklassierung herauszukommen."(16.2.99) Der in der jungen Welt fast schon allgegenwärtige Schmonzes vom gemeinen Rassisten, der in Wirklichkeit ja nur ein sozial ausgeplünderter, verwirrter, irgendwie manipulierter und letztlich verkannter Sozialrevoluzzer sei, den es für den Kommunismus zu gewinnen gelte, wird stets neu aufs wehrlose Papier gedruckt. Im Vordergrund steht zumeist nicht die rassistische Alltagskultur der Deutschen, sondern das im Blatt permanent wiederkehrende Lamento über die armen Ostler, die "wie Müll entsorgt" werden und deren "Lebensleistungen ... für nichtswürdig erklärt werden" (16.2.99).

Wie rassistische Täter zum Opferkollektiv mutieren, exerziert uns Till Meyer beispielhaft vor: Die Tatsache, daß der Westler zum Ostler so bitterböse sei, "produziert Entwurzelung und Perspektivlosigkeit – ohne Hoffnung auf bessere Zeiten. Man hat den Menschen ... die soziale Utopie genommen und stattdessen ein Vakuum hinterlassen." (16.2.99) Es könnten einem die Tränen kommen angesichts der verarmten, entwurzelten, potentiellen Klassenkämpfer, die vor lauter Utopielosigkeit die Zone ausländerfrei machen wollen.

5. Die junge Welt und der Krieg: Sorge um den deutschen Soldaten

Ihre publizistische Offensive gegen den Krieg eröffnete die junge Welt am 25. März standesgemäß mit einem pathetischen "Gedicht" des DKP-Onkels Franz Josef Degenhardt, der bereits zu anderen Gelegenheiten seine Restposten aus dem Klassenkampflager feilbieten durfte. Weil das "Gedicht" so schauerlich ist, sei an dieser Stelle der vollständige Wortlaut wiedergegeben: "Eigentlich unglaublich / daß ihnen das immer / wieder gelingt ... / Deinem Urgroßvater / haben sie erzählt: / Gegen den Erbfeind. / Für das Vaterland. / Und er hat das tatsächlich geglaubt. / Was hat er gekriegt? / Granatsplitter in Beine / und Kopp / vor Verdun. / Deinem Großvater sagten sie: / Gegen die slawischen Horden. / Für die abendländische Kultur. / Er hat das wirklich geglaubt. / Was hat er gekriegt? / Bauchschuß und / einen verrückten Kopp / vor Stalingrad. / Deinem Vater erzählen sie jetzt: / Gegen die Völkermörder. / Für die Menschenrechte. / Für den Frieden. / Unglaublich – er glaubt’s. / Was er wohl kriegt? / Und wo wird das sein – / diesmal?"

Tja, der deutsche Soldat, hier gilt er noch was. Gesund und mit einem ordentlich aufgeräumten Kopp soll er daheim wieder abgegeben werden. Was hätten wir zu betrauern, wenn nicht sein Leiden und Sterben? Was hat er nicht alles erleiden müssen, der deutsche Soldat? Schlimm, schlimm. "Granatsplitter", "Bauchschüsse" und obendrein gar noch "einen verrückten Kopp". So viel Leid ist nicht zu fassen. Was haben wir gelernt ? Soldaten sind bedauernswürdige Opfer, insbesondere dann, wenn sie Deutsche sind. Arme, manipulierte und ahnungslose Geschöpfe, die offenbar nur in den Krieg ziehen, um sich vom Feind Keile abzuholen. Mit salbungsvollen Versen, nicht vom Anflug eines Gedankens getrübt, besingt der Dichter den angeblich von den Nazis verhetzten, unwissenden Wehrmachtsopa, dem der barbarische Russe "einen verrückten Kopp" gemacht hat. Die junge Welt, so muß man leider vermuten, hält diesen Sondermüll wohl für eine ernstzunehmende Stellungnahme gegen den Krieg.

Aus denselben Gründen gegen den Krieg ist auch die deutsche Mutter Ilona Rothe, die, "weil auch ich meinen Sohn nicht verlieren will", in der jungen Welt einen Aufruf an die "lieben deutschen Mütter, deren Söhne sich jetzt im oder nahe dem Krisengebiet befinden" (27./28.3.99), richten darf. "Bodentruppen", so schreibt sie, dürften "nicht in Kampfhandlungen verwickelt werden", denn sonst bestünde ja die nicht auszudenkende Gefahr, daß der deutsche Sohn mit Bauchschuß und verrücktem Kopp heimkomme. Vielleicht sollte an dieser Stelle noch einmal festgestellt werden, daß deutsche Kriegshandwerker, auch unter Berücksichtigung ihres Status als deutsche Söhne, damit rechnen müssen, daß das, was von ihnen bei einer eventuellen Feindberührung übrigbleibt, nicht mit stolzgeschwellter Brust zurückkehrt. Zur Erinnerung: Man nennt das Krieg. Und im Krieg, liebe deutsche Soldatenmutter, da funktioniert das so. Auch der Angreifer, kriegt Schmutzränder in die Uniform, und nicht nur der Angegriffene.

Was aber ist die wirkliche Tragödie des Krieges? Das ist die wirkliche Tragödie des Krieges: "Der jungen Frau kommen die Tränen, und sie verbirgt ihr Gesicht in den Händen. Die Stimmung ... ist beklemmend. ... Keiner habe mit einem Krieg gerechnet. Keiner wisse so recht, was nach dem NATO-Lufteinsatz geschehen werde." (jW 31.3.99)

Von wem ist hier die Rede? Von einer Serbin, die um die leiblichen Überreste dessen herumsteht, was mal ihre Familie war? Nein, falsch. Merke: Wo gelitten wird, sind die Deutschen nicht weit. Die Rede ist natürlich von deutschen Ehefrauen und Müttern, die "über ihre Ängste" sprechen und vorab schonmal Tränen fließen lassen. Schließlich könnt’s ja den eben erst Geehelichten erwischen, und dann wär’s vorerst aus mit den Flitterwochen auf Lanzarote. Tja, so kann’s kommen, wenn man bislang sein Lebtag geglaubt hat, daß der Bub bei der Bundeswehr den Weltfrieden sichert, und dann merken muß, das stimmt irgendwie alles gar nicht, Deutschland sichert immer den Weltfrieden, indem es andere Länder angreift.

Unter der Überschrift "Was sagen Künstler zum Krieg?" führt die junge Welt in regelmäßigen Abständen eine alte Garde von ausgemusterten DDR-Künstlern vor. Heraus kommt dann beispielsweise folgendes: "Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn die Holzsärge mit deutschen Soldaten zurückgeflogen werden und der Krieg plötzlich hautnah wird." (Stefan Heym, jW 27./28.3.99) Oder etwa das hier: "Ich will nicht hoffen, daß die Deutschen erst zur Einsicht kommen, wenn die ersten Särge aus Jugoslawien zurückgeflogen werden müssen." (Gisela Karau, 27./28.3.99) Die "Künstler" bringen hier nur mehr oder weniger unfreiwillig zum Ausdruck, was für manch Deutschen das tatsächlich Unerträgliche und Bedrohliche an diesem Krieg ist: die allerorten grassierende Angst nämlich, daß bei einem Fortdauern des Krieges irgendwann häßlicher- und skandalöserweise Särge mit deutschem Inhalt in der Heimat eintreffen könnten. Daß der irre und faule Serbe kräftig eine vor den Latz kriegt, damit mag der Deutsche einverstanden sein. Daß aber aus dem jenseits der Grenzen veranstalteten "friedensschaffenden" Blitzkrieg im Handumdrehen ein deutsches Leichenzählen werden könnte, das tut Blut- und Bodendeutschen bezeichnenderweise am meisten weh.

Dazu paßt, daß unter die zum Krieg befragten "Künstler" kommentarlos auch der Friedenspreisträger, Ex-DKPler und Antisemit Martin Walser eingereiht wird, und zwar mit einer solch bahnbrechenden Äußerung, daß einem bezüglich der darin enthaltenen politischen Feinanalyse beinahe der Atem stillsteht. Der deutsche Großschriftsteller verkündet (27./28.3.99): "Eine Politik, die zu einem Krieg führt, muß eine falsche Politik gewesen sein." Ende der Durchsage. Man staune nun und habe tiefe Ehrfurcht vor so viel Weisheit.

Auch der PDS-Politiker Winfried Wolf ängstigt sich um das Wohlergehen des deutschen Soldaten, dem man – Krieg hin, Krieg her – einen ordentlichen "Schutz" angedeihen lassen sollte: "Wie ... ist es um den Schutz der deutschen Soldaten ... bestellt? Deren Camp, nur zehn Kilometer entfernt von der Grenze zu Jugoslawien, ist faktisch ungeschützt. Die jugoslawische Armee könnte es ... mit Artilleriefeuer belegen." (jW 10./11.4.99)

Ungeschützt und hilflos liegt er da, der deutsche Soldat, und keiner schafft Abhilfe! "Wie auf dem Präsentierteller" liegt er da rum, zitiert Wolf wutschnaubend den SPIEGEL. Und wenn der Jugoslawe schießt, ist Feierabend. Denn "gegen einen Beschuß der Bundeswehr-Kasernen in Tetovo", weiß Herr Wolf, "wäre ... jede Verteidigung so gut wie aussichtslos." Wer hilft und kümmert sich aufopferungsvoll um den still vor sich hin blutenden, bemitleidenswerten, armen Bundeswehrtropf? Mutter Teresa kann dieses mal jedenfalls nicht.

6. Tanz den Revisionismus: US-Nazis versklaven die Deutschen

Laut junge Welt hat es sowohl mit der NATO, als auch mit den Bomben eine besondere Bewandnis: "die NATO (sprich: die USA)" (jW 31.3.99) ist in Wirklichkeit nicht die NATO, sondern die USA. Und die Bomben sind keine Bomben, sondern in Wirklichkeit natürlich vor allem "Bomben auf Arbeiterhäuser" (jW 7.4.99). Klare Kriegsanalyse: fremdländischer Imperialismuskapitalismus betreibt per Bombenkrieg prophylaktische, großangelegte Klassenkampfsabotage und verhindert so den Endsieg im Volkskrieg. Soweit alles klar, Genossen. Welches Interesse aber ist dahinter zu vermuten, wenn in der Berichterstattung einer "kommunistischen" deutschen Tageszeitung das Augenmerk der Leser auf die Kriegspartei und "Supermacht" USA gelenkt wird?

Daß insbesondere die deutsche Politik in Jugoslawien über viele Jahre hinweg gezielt eine völkische Parzellierungs- und Destabilisierungspolitik verfolgte, spielt in der Antikriegsberichterstattung der jungen Welt eine untergeordnete Rolle. Stattdessen aber liest man auffällig oft von der "amerikanische(n) Dominanz über Menschen und Völker" (jW 3./4./5.4.99, Gemeinsame Erklärung der DKP und der jugoslawischen Kommunisten). Es wird ein Szenario entworfen, in dem die westeuropäischen Mächte als den USA vollständig untergeordnete "Vasallenstaaten" erscheinen. Unter anderem liest man da, die USA seien die "befehlende Macht bei den Angriffen" (29.3.99), der Krieg werde "unter amerikanischem Kommando" (17./18.4.99), "unter amerikanischem Befehl" bzw. "unter Führung der USA" (jW 30.3.99) geführt. Des weiteren sind die "faschistoid gefärbte(n)" ( 25.5.99) Vereinigten Staaten der "mit Abstand aggressivste Bomben- und Raketenwerfer" (12.4.99), die "überseeischen Befehlshaber des Krieges" (16.4.99), usw. ad libitum.

Die Deutschen hingegen hätten, dienstbar, gehorsam und von sklavischer Folgsamkeit, nur die "Direktiven des Weißen Hauses zu befolgen" (30.3.99) bzw. ihnen "widerspruchslos" zu "folgen" (1./2.4.99), befänden sich "im Schlepptau der USA" (31.3.99) als deren "Bonner Komparsen" (8.4.99) und seien demzufolge und dank Schröders "Vasallentreue" (16.4.99) irgendwie auch selbst schon Opfer dieses Krieges.

In der Tat hatte den Umstand, daß die Deutschen eigentlich selber die Opfer sind, sogar schon einer der Redner beim diesjährigen Berliner Ostermarsch erkannt: "Alle auf diesem Platz leiden mit den Überfallenen mit, auch die Deutschen sind NATO-Opfer, viele wissen es nur noch nicht." (jW 7.4.99) Und wer sich von denen, die’s staunenden Auges gelesen haben, dann noch immer nicht zum deutschen Opfer hat zurechtbiegen lassen, dem muß nochmal der bittere Ernst der Lage klargemacht werden. Deshalb darf der PDS-Landtagsabgeordnete Klaus Höpcke eine Woche später nach Mechtersheimerscher Manier dem deutschen Volk erklären, warum der Krieg gegen Jugoslawien auch ein Krieg gegen das deutsche Vaterland ist: "Was wird, wenn einer der NATO-Marschflugkörper ... in einem Kernreaktor einschlägt ...?" (jW 14.4.99) Was wird dann? Dann rappelt’s in der Kiste, denn dann steht endgültig fest, daß unsere schöne Heimat pulverisiert wird: "Der Krieg, der auf dem Balkan geführt wird, zeigt, so betrachtet, daß er sowohl antiserbisch und antialbanisch als auch antideutsch [!] und antieuropäisch ist." Ja. So packt man den Landsmann am eigen Fleisch und Blut. Wenn’s dem Deutschen an den Kragen geht, dann hört der Spaß auf.

Frech und geizig wie die USA nun einmal sind, lassen sie ihren fiesen Krieg mal wieder von den ahnungslosen Deutschen bezahlen. Sicherlich "werde Washington auch der deutschen Regierung eine saftige Rechnung präsentieren" (jW 31.3.99). Seitens der nationalbewußten jungen Welt ängstigt man sich – ähnlich wie in der Redaktion der FAZ – arg davor, daß der Weltpolizist die deutschen Staatskassen plündert. Wo kommen wir, die Deutschen, denn hin, wenn für die jugoslawischen "Verluste" ... "später womöglich Deutschland im Zuge von Reparationsleistungen aufzukommen hat" (12.4.99)?

Ich weiß es nicht. Vielleicht an den Bettelstab. Aber nicht genug damit, daß der Krieg wieder mal vom dummen Deutschen, der sich alles gefallen läßt, bezahlt werden muß. Es kommt noch schlimmer: die nationale Unabhängigkeit der Heimat steht auf dem Spiel und muß bewahrt werden, bevor es zu spät ist und "Deutschlands Souveränität und Selbstbestimmungsrecht in einem Meer von Tränen und Blut ertränkt" (9.4.99) wird. Heinrich von Grauberger konnte an dieser Stelle vor lauter Sorge um Deutschland anscheinend die Tinte nicht mehr halten. Er, H. von Grauberger (Klasse! Heißt der wirklich so ? Oder schreibt der deutschnationale Schwadroneur Harald Wessel unter Pseudonym?), wälzt sich vermutlich mit vor Angst geweitetem Blick ruhelos umher, denn Grauenvolles geschieht und wir alle müssen tatenlos zusehen: "Schröder, Fischer und Scharping" nämlich sind gerade "mit herostratischer Verblendung dabei", Deutschlands Eigenständigkeit im Meer der Körperflüssigkeiten zu ertränken.Unmut darüber, "daß Deutschland unter Schröder kaum zu den souveränen Staaten zu zählen ist" (jW 16.4.99), regt sich auch in Holger Becker. Wer sagt rasch der Jungen Freiheit bescheid?

Wer finanziert übrigens die NATO? Wer hat "das größte Interesse an der Fortexistenz" (jW 7.4.99) der NATO-Bande? "Das größte Interesse ... hat unzweifelhaft das international operierende ... mächtige Finanzkapital, das ohnehin kaum noch nationale Grenzen kennt ...", tadelt Rainer Rupp zielsicher und parteitagskompatibel. So schön kann Kapitalismusanalyse sein. So ist er nun mal, der wurzel- und heimatlose, internationalistische und zügellos Kapital zusammenraffende NATO-Finanzier: "Einmal um die ganze Welt, und die Taschen voller Geld" (Karel Gott).

Die Perfidie der von Deutschlands Rolle in diesem Krieg ablenkenden These von der alleinigen Kriegsschuld der USA wird offenbar, wenn nicht nur die USA zu den neuen Nationalsozialisten der Gegenwart umgelogen werden, sondern im gleichen Atemzug die Deutschen als eine Art geknechtetes Volk des vermeintlichen US-Nazistaats imaginiert werden. So wird zum Beispiel in einer wirren Satire im Feuilleton, in der die Oscarverleihung mit dem NATO-Krieg in Kontrast gesetzt werden soll, dem "Rambo USA" folgende "Titelmusik" zugeschrieben: "Wir werden weiter marschieren, bis alles in Serbien fällt – denn heute hört auf uns Deutschland und morgen die ganze Welt ..." (jW 30.3.99).

Daß solch unverschämter Revisionismus auch noch zackiger geht, führt uns Chefredakteur Holger Becker beispielhaft vor. Um allen unwissenden Geschichtsbanausen ein für allemal klarzumachen, daß der Deutsche im Krieg schon weit mehr zu erdulden hatte als der Jugo, erinnert er daran, daß es bezüglich der "Bombardements und Raketenschläge", auf Jugoslawien, "tatsächlich noch Steigerungsstufen" gab: z.B. die "Feuerwalzen, wie sie 1945 durch Dresden jagten" (jW 8.4.99). Insgeheim hat man’s ja schon geahnt: Die Amis waren schuld am Zweiten Weltkrieg. Und während in Dresden der antifaschistische Widerstand tobte, wurde per US-Bomben auf die Dresdener Frauenkirche hinterrücks der Holocaust an den deutschen Christen verübt. So ungefähr jedenfalls muß es gewesen sein. Zumindest laut Holger Beckers historischem Gemischtwarenladen, aus dem sich jedermann nach Belieben bedienen kann.

Thomas Blum(Bahamas 29/1999)