Der Antizionismus und Herr Vogt

Warum Israel kein normaler Staat ist

 

Akademisch versierte deutsche Linke kämpfen mit Geduld und Zähigkeit in fast schon bürokratischer Betriebsamkeit seit Jahren für das immergleiche Ziel: Die Unschädlichmachung der Leidenschaft durch die Umwidmung der kritischen Theorie in ein Weltorakel der Hoffnungslosigkeit. Der Nutzen solchen Tuns liegt auf der Hand: Kritisches Mitmachen in schwerer Zeit, und wie würde man sich damit besser ins Licht setzen als durch tiefschürfende Beiträge zu den Schicksalsfragen der deutschen Nation. Es sind die Lehren aus der Geschichte, die ihnen zu Belehrungen über die Unmöglichkeit von Glück, Subjektivität und Revolution werden. Weil sie den gewendeten Adorno und Horkheimer dazu brauchen, weil sie – wie es Konjunktur hat – den Antisemitismusdiskurs pflegen müssen, um jenen scheinbar zu folgen, in Wirklichkeit aber die Aussagen der Klassiker ins trostlose Gegenteil zu verkehren, tauchen in ihrer Theorie Antisemitismus, die Juden, Auschwitz und schließlich Israel wie die argumentativen Joker in einem Diskurs-Kartenspiel auf, mit denen sich jeder Stich machen läßt. Mal dienen sie dazu, vor Identifizierung mit Israel zu warnen, und der Mißbrauch-Joker wird gegeben, mal sticht die Opfer-Karte – sind wir nicht irgendwie alle Opfer? – dann ist es wieder ein Solidaritäts-Joker, der in Ramallah genauso sticht wie in Tel Aviv, und in der letzten Runde kommt es zum Katastrophen-Flush der zwar Shoah raunt, aber eben auch Nakba heißen kann. Als Gegner dieser Diskurswelt, die wie das Panoptikum die Frau ohne Unterleib, den Adorno ohne Revolution präsentiert, erscheinen die Vergröberer und Mißbraucher, Ideologen und Imperialisten: Antideutsche Kommunisten also. Ihnen können sie nicht verzeihen, daß der Antisemitismus kein Theorem und Auschwitz kein Mythos ist. Sie müssen sie hassen: Schließlich weigern sich Antideutsche in den lebenden Juden das tote Material für betroffene Fürsorge zu sehen und verteidigen deren Staat als staatgewordene Emanzipationsgewalt unbedingt.

Zu den Pyrrhussiegen der Antideutschen gehört spätestens seit diesem Frühjahr ein in der gesamten Linken sich verbreitendes Bekenntnis, solidarisch mit Israel sein zu wollen. So sympathisch es ist, wenn die ganz üblen antizionistischen Scharfmacher ins Visier der Kritik geraten, wenn der palästinensische Volkstumsmythos wenigstens ein bißchen entzaubert wird, so fragwürdig erweist sich in jedem Fall ein Bekenntnis für etwas, das begrifflich unscharf bleibt. Auf der einen Seite stehen jene, die dem Aufmarsch palästinensischer Blut und Boden-Helden mit der blau-weißen Fahne Israels entgegentreten. Sie tun gewiß das Richtige, und daß es das in diesem Land überhaupt gibt, ist ein absolutes Novum. Dennoch wird auch mit ihnen zu diskutieren sein, nicht über die Fahnen des einzigen Staates, den man uneingeschränkt unterstützen muß, will man noch einen Fetzen Menschlichkeit und einen Hauch von Hoffnung auf Emanzipation sich bewahren. Zum Problem könnte bei diesen neuen antideutschen Betätigungen werden, daß allzu leicht ein Wunsch nach simpler Glorifizierung der Juden und ihres Staates sich einstellen kann. Ich glaube nicht, daß es soweit ist; die Konferenz „Es geht um Israel“ am 11. Mai hat allerdings gezeigt – siehe das mißlungene Abschlußplenum –, daß es dazu kommen könnte.

Auf der anderen Seite stehen die Meister des Ressentiments, die gescheiterten Spezialisten und Geostrategen, die Differenzierer und Theoretiker, die es neuerdings auch mit der Israel-Solidarität haben. Das Schwenken der Israel-Fahne ist Anfang einer Neuorientierung, Ausdruck von Selbstkritik einer verbohrten Linken und mutige Manifestation eines Bruches mit alten Leitbildern. Gleichwohl wird die Fahne, die zweifellos das Bessere symbolisiert, nicht davor wappnen, nicht vielleicht doch einmal in ungebührlicher Weise in den Juden und ihrem Staat einfach eine neue Heimat zu entdecken nach so vielen Enttäuschungen mit der deutschen, der realsozialistischen und der befreiungsnationalistischen. Im schlimmsten Fall, also dem Fall der ausbleibenden kritischen Durchdringung der neuen Israel-Solidarität, wird eine Bewegung, kaum angefangen, kraftlos in sich zusammenfallen. Die Landesfahne des jüdischen Staates könnte so als kaum mit Inhalt gedecktes Symbol für ein diffuses Streben sinnlos werden, ihr Gebrauch möglicherweise abgeschmackt. Das aber nur im schlimmsten Fall – Schlimmeres ist von diesem worst case nicht zu befürchten. Die berechtigte Hoffnung auf einen kommunistischen Neuanfang überwiegt.

Der andere Fall aber, die Nutzbarmachung unverstandener Theorie für ein pseudokritisches Anliegen, die versuchte Besetzung einer Solidarität aus höchst unsolidarischen Motiven, das also, wofür die Phalanx der Zuckermann-Adepten hierzulande einsteht, muß schroffester Kritik verfallen, will man für bedingungslose Solidarität mit dem jüdischen Staat eintreten. Denn seit es in der Linken aus einer Konjunktur heraus fast schon unstatthaft ist, mit Israel nicht solidarisch zu sein, segelt das Ressentiment munter unter der gleichen blau-weißen Fahne wie die antideutsch geprägten Manifestationen.

Antinationale gegen Israel

Der Pyrrhussieg mit der Israel-Solidarität korrespondiert mit dem ersten Pyrrhussieg der Antideutschen, der Triumph des Antinationalismus in der Linken, Anfang der 90er Jahre, der die Kritik an Deutschland einfach zu einer Unterabteilung der allgemeinen Kritik an der Nation degradierte oder besser gesagt einem ganz anderen Unternehmen dienstbar machte. Der Antinationalismus nämlich macht alle Nationen sich gleich wie die berühmten Katzen in der Nacht und ist – die Jugoslawienkriege haben es gezeigt – im Zweifel zur Solidarität mit der besseren Alternative, also dem Kampf für die jugoslawische Sache, der zunehmend ein serbischer wurde, nicht mehr bereit. Schließlich sei jeder Nationalismus von Übel, als ob zwischen einem dezidiert antisemitischen wie dem kroatischen und einem erstaunlich philosemitischen wie dem serbischen nicht eine ganze Welt liegen würde.

Am Beispiel Israel wird das antinationale Dilemma noch deutlicher. Wenn Solidarität mit Israel von der tatsächlichen jüdischen Republik abstrahiert und den Antisemitismus zum weltweiten Verhängnis, einem unumkehrbaren Epochenbruch stilisiert und damit der Kritik am Antisemitismus ihr einziges Fundament entzieht, nämlich das Insistieren auf die Möglichkeit von Befreiung, dann ist die Tür offen für ganz ordinären Antinationalismus, der bekanntlich im Fall Israel einen besonderen, anrüchigen Namen hat: Antizionismus. Wer vom israelischen Staat nicht reden will und doch eine seltsam abstrakte Solidarität mit Israel einfordert, der tut das nicht unbedingt deswegen, weil er es stillschweigend mit der palästinensischen Sache hält. Er tut es, weil es im zuwider ist, sich mit der in der Idee der Aufklärung und in ihrer längst untergegangenen Praxis, der bürgerlichen Zivilisation, liegenden Möglichkeiten zur Befreiung nicht beschäftigen will. Vielleicht weil er ahnt, daß solche Beschäftigung zur Parteilichkeit, gar in einen Zwang zu protestieren ausarten könnte. Wer also die Hinterlassenschaft der Aufklärung nicht für ein besseres Projekt retten will, der wird in schlechter Abstraktion ableiten müssen, daß es sich bei Israel um den gleichen Nationenmüll wie überall handele, um dann noch ein recht schwaches Aber anzuhängen: Einer Besonderheit nämlich gäbe es doch, Israel sei der Staat der Opfer. Und deshalb, so könnte man fortfahren, dürfe es eine Extrawurst für sich und seine Bewohner beanspruchen. Solche scheinbar so theoriefeste Analyse gerät oft unfreiwillig zum Freibrief für einen neuen Antizionismus, denn schon in der paternalistischen Rede vom Opferstaat, die doch immer nur unsere besondere Verantwortung wegen Auschwitz herunterleiert, droht zum antisemitismuskritischen moralischen Protektorat über den Staat der Juden zu verkommen. In der Jungle World vom 22.05.2002 liest sich das so: „Israel ist zunächst einmal ein bürgerlicher Nationalstaat wie andere Staaten auch und damit ein Kollektiv.“ Hier klingelt das antinationale Bescheidwissen. Nation ist gleich Homogenisierung der Staatsbürger zu einem Wertschöpfungskollektiv, das sich in der Krise um seinen Staat zusammenschließe und sich auf einen einigenden Feind einschwören läßt, um seine reale Überflüssigkeit an solchen, die nicht dazugehören sollen, abzureagieren. Es wird also schlicht das, was die bürgerliche Nation – mit einigen oft entscheidenden Unterschieden – ausmacht, auf diejenigen übertragen, die traditionell ins Visier solcher Staatsbürgerkollektive geraten, die Juden. Kaum nämlich haben die auch einen Staat, so die Botschaft, wiederholt sich das nationale Unheil eben auch bei den Juden, die dann eben auch Täter würden. Der gleiche Jungle-World-Autor hängt seiner Rede vom normalen Staat distinktionssicher ein Aber an: „Er ist aber darüber hinaus jedoch der Staat der Opfer, nicht notwendigerweise der Opfer des Nationalsozialismus, in jedem Fall jedoch der Opfer der gescheiterten Aufklärung.“

Daß einer, der seit Jahren mit feinsinnigem Antizionismus hausieren geht, einer der Nahostexpertentum mit scholastischer Exegese der Antisemitismuskritik aus der kritischen Theorie zu einem unangenehmen Gebräu zu mischen vermag, die Gelegenheit bekam, zum Auftakt einer Diskussion über die Israel-Solidarität in der Jungle World zu brillieren, ist, wie alles, was in dieser Zeitung geschieht, gleichermaßen bloß erbärmlicher Zufall, wie einer hinter dem Rücken der Redakteur sich vollziehenden Methode zu danken. Stefan Vogt also ist der Mann, der als Frontschwein in schweren Zeiten nach vorne darf. Es gilt einerseits eine nach verschwörungstheoretischem Muster gestrickte Bedrohung seitens der BAHAMAS abzuwehren, eine Art Ausgleichssport für alle käuflichen Schreibtalente der gesamtdeutschen Linken, anderseits aber bedenkliche Entwicklungen bei Gastautoren und Abonnenten zu wehren, die nicht verstehen können, daß in der Jungle World in letzter Zeit beim Thema Nahost der deutsche Mainstream, den sie doch sonst immer teilt, verlassen wurde und Leute wie Thomas Uwer und Thomas von der Osten-Sacken, die doch gar nicht von der Insel sind, ihnen den Bahamas-Zeck in die Heimatpostille tragen. Es tritt also auf der Herr Vogt. Seines Zeichens Mitbegründer und langjähriger Autor des zum Jahreswechsel endlich eingestellten studentischen Gescheidle-Blattes Faust, über das nur soviel zu sagen ist: Es war von Anfang an antizionistisch und verabschiedete sich vor 6 Monaten genau so. Vogt, im Dunstkreis der Blätter des iz3W mit scheinbar sachlichen Analysen des Geschehens in Nahost aufwartend und daher von Anfang an mit jener israelischen Linken im Bunde, die – soweit es sie heute noch gibt – am ehesten dadurch sich auszeichnet, daß sie es mit den Palästinensern hält; Vogt einst selber BAHAMAS-Redakteur und daher schon seit dem Sommer 1996 traumatisiert, als in der Ausgabe Nr. 20 unter der Überschrift „Es geht um Israel“ erstmals in der deutschen Linken dezidiert zur Solidarität mit dem israelischen Staat wie er eben ist, aufgerufen wurde; dieser scheinbar respektable Herr Vogt – ist er doch führendes Mitglied des Berliner Bündnisses gegen Antisemitismus und Antizionismus – ist der Mann, dessen dialektischem Scharfsinn es überantwortet wurde, die Parole „Es geht um Israel“, die dem Kongreß für Israel vom 11.05.2002 den Namen gab, als „zynisch“, „unappetitlich“ und von „niederen Beweggründen geleitet“ zu disqualifizieren.

Zionismus als Emanzipationsbewegung

Zunächst einmal sei schließlich auch Israel ein ganz normaler bürgerlicher Staat – so will es das linke Bescheidwissen, also auch der Herr Vogt, seit jeher. Aber, so wendet er ein, doch immerhin ein Staat, der seine Existenz nach außerordentlichen Verbrechen an den Juden erlangt habe, weshalb er ein Schutzraum sei und vor Verfolgung schütze und aus der Verantwortung vor der Geschichte müsse man Israel gegenüber und den Juden überhaupt solidarisch sein. Nun wäre schon einmal nachzufragen, was an einem Staat normal sein soll, dessen Bevölkerung aus Angehörigen fast aller bekannten Kulturen und so gut wie aller Landstriche dieser Erde besteht. Einem Land, das weit mehr noch als Amerika sich zurecht einiges darauf zugute hält, als melting pot zu funktionieren, in dem sich manche der vielen eingewanderten Kulturen und Traditionen erhält, aber dabei den partikularen Charakter des traditional Besonderen bestimmter Minderheiten abstreift und Bestandteil der Alltagskultur der ganzen Bevölkerung wird. Man möchte auch nachfragen, was das für ein normaler bürgerlicher Staat sein soll, der von Beginn an nach den Gesetzen des Marktes und der Demokratie strukturiert war und doch es sich verbietet, die Heere von Nutzlosen und Hinausgestoßenen zu produzieren und tatsächlich eine nach Herkunft und Traditionen so verschiedenartige Bevölkerung hat, die doch zu keinem Zeitpunkt in offenen Rassismus gegeneinander gestanden wären – auch nicht gegen die in ihrer Mitte lebenden Araber, immerhin ein Fünftel der Bevölkerung. Es fragt sich schließlich, was an einem Staat normal sein soll, in dem anders als in jedem anderen bürgerlichen Staat die praktizierte Denkform der bürgerlichen Herrschaft, der Antisemitismus, schon aus rein logischer Unmöglichkeit nicht auftreten kann. In dem sich erweist, so abstrakt allgemein das antisemitische Bedürfnis genuiner Ausdruck des Bewußtseins der warenproduzierenden Welt ist, daß der Antisemitismus ohne die höchst konkreten Juden nicht auskommt und anders herum die höchst konkreten Juden keine Entsprechung für das abstrakt allgemeine Wirken des finalen Vernichtungswunsches des Staatsbürgers kennen. Vielleicht rührt daher die zwanghafte Bemühung, den Umgang der Israelis mit den Palästinensern in die Nähe des Umgangs der Nazis mit den Juden zu stellen, wie es allen Ortes geschieht. Die unheimliche Sehnsucht nach Normalität, die den Juden nicht verzeihen kann, daß sie weder mörderischen Rassismus noch irgendeine Spielart des Antisemitismus kennen oder praktizieren würden.

Bezeichnenderweise war und ist der Motor dieser Dynamik nicht in erster Linie Auschwitz und die Erinnerung daran. Israel gründete sich auf der viel allgemeineren Erfahrung des Antisemitismus und darüber hinaus auf der Kenntnis und sympathisierenden Aneignung des Sozialismus. Israel begann als ein Emanzipationsprojekt der Juden, das den Antisemitismus als Erfahrung einer mißglückten Assimilierung zum Ausgangspunkt nahm. Aber daraus wurde mehr als eine Flucht- und Schutzbewegung. Zionismus war zugleich die große Emanzipationsbewegung der Juden in Osteuropa. Er war die Rebellion gegen versteinerte Verhältnisse im eignen Schtetl, gegen eine stehengebliebene Gesellschaft und zugleich das Heilsversprechen, an ganz anderem Ort die ganze Chose aus eigener Kraft neu zu beginnen. Ohne faulige Traditionen, ohne galizische Zurückgebliebenheit, aber eben auch ohne eine bürgerliche Moderne, deren fanatische Ausprägungen von ihnen nicht nur als Juden, sondern eben als Menschen für bedrohlich gehalten wurde. Weil also nirgends das Versprechen der bürgerlichen Aufklärung als eine Bewegung, die den Menschen die Angst nehmen und sie als Herren ihres Schicksals einsetzen sollte, so ernst genommen wurde wie von den zionistischen Juden, ist nicht nur die Sache mit dem ganz normalen bürgerlichen Staat eine zur Lüge heruntergekommene falsche These, sondern auch die Rede vom Staatsgründungsmythos als von Auschwitz entlehnt falsch. Wäre es nämlich gelungen, spätestens 1938 bei der Sudetenkrise den Machtzuwachs des NS zu bremsen und allen weiteren außenpolitischen Abenteuern dieses Regimes den Riegel vorzuschieben, wäre auch die verhängnisvolle, zur Vernichtung drängende Dynamik des deutschen Antisemitismus möglicherweise vor der Entscheidung zur Vernichtung zum Stillstand gekommen. Wären dann die Juden in Palästina, die damals längst ihren Staat wollten, nicht mehr dazu berechtigt gewesen? Wäre also, wenn nicht sechs Millionen europäischer Juden von den Deutschen umgebracht worden wären, die Staatsgründung illegitim, gar verbrecherisch gewesen? Das müssen sich diejenigen, denen zum Existenzrecht des jüdischen Staates allein Auschwitz einfällt, schon fragen lassen.

Darüber hinaus falsch ist aber auch jede Behauptung, Israel könne lediglich als ein Resultat des Scheiterns der Aufklärung verstanden werden. Gewiß: Die Alternative zum Zionismus und zur Gründung Israels bestand am Anfang des letzten Jahrhunderts und wurde gerade in Osteuropa von sehr vielen Juden geteilt und herbeigesehnt: Die Emanzipation in einer neuen sozialistischen Gesellschaft, dem allgemeineren Erez Israel, der befreiten Welt. Daß es dazu nicht gekommen ist, und, schlimmer noch, zu Auschwitz, die bisher niederschmetterndste Konsequenz dieses Ausbleibens der Revolution, sich ereignete, macht weder Aufklärung zu einer final „gescheiterten“ Sache noch Israel zu einem genauso erbärmlichen Staat wie den Rest der Staaten der Welt. Besonders die Linke, aber nicht nur sie, kann nicht hinnehmen, daß das einzige, was vom sozialistischen 20. Jahrhundert – es war ja nicht nur das faschistische – geblieben ist, das einzige, was schon zu Zeiten, als es die Real-Soz-Staaten noch gab, so unerhört erfreulich sich abhob, daß also Israel, der Staat der Juden, der legitime Erbe des Versprechens auf Befreiung ist. Daß es diese winzige Insel und nicht jene reale Insel Fidel Castros ist, die zur Emanzipation seiner Bewohner weit mehr beigetragen hat als jedes andere Land, wäre hervorzuheben. Und daß der sozialistische Allerweltsverstand, statt bewundernd und angesichts des Scheiterns seines eigenen Projekts erschreckt das unvollkommene Resultat Israel zu bestaunen, dieses Israel der weltweit in Gegenaufklärung umgeschlagenen Aufklärung zuschlagen muß, also dem vergesellschafteten Elend weltweit, das ist ein Skandal, den ich am weiß Gott unwichtigen Herrn Vogt nur festmache. Folgendes Zitat etwa wird auch anderswo als weise und ausgewogen gegen schrille Identifizierungen mit den Juden, wie es die Antideutschen angeblich täten, in Anschlag gebracht. „Versteht man die Solidarität mit Israel als Solidarität mit den Opfern, so verbietet sich jede Identifikation mit Israel und dem Zionismus. Denn dies würde leugnen, dass es sich sowohl bei Israel als auch beim Zionismus um die Konsequenz aus einer welthistorischen Katastrophe handelt: dem Scheitern der Aufklärung.

Die Existenz des israelischen Staates ist eine Tragödie, dieser Staat verlangt aber gerade deshalb die Solidarität einer aufgeklärten Linken. Sie muß sich dabei jedoch im Klaren darüber sein, daß sie nicht mit einer aufstrebenden emanzipatorischen Kraft solidarisch ist, sondern mit den Opfern, die das Ausbleiben der Emanzipation gefordert hat.“

Die Existenz Israels also ist eine Tragödie, man muß sich das schon auf der Zunge zergehen lassen. Er hat nicht gesagt und auch nicht sagen wollen, daß der Gründung Israels eine Tragödie vorausging, er verlängert die Tragödie der Juden in ihre staatliche Existenz hinein. Er verweigert jedes Einbekennen des relativen Gelingens eines nationalen Unternehmens nach 1900. Er spricht Israel und seinen Bewohnern, denen der ersten Alija um die Wende zum 20. Jahrhundert bis zu den aktuellen Neuankömmlingen aus der ehemaligen Sowjetunion ihr Erlebnis, sich emanzipiert zu haben, ab. Nicht Selbsthelfer sollen sie sein, die die eigene Emanzipation und damit die ihrer Mitbürger vorantreiben und darüber hinaus der Welt ein Zeichen setzen, sondern eben Opfer.

Die Aufklärung sei gescheitert ist ein trostloser Reim auf das Lebenswerk Adornos. Wie der Zufall so will, nannte er die zentrale Arbeit, die er mit Horkheimer geschrieben hat, nicht etwa Negation oder Abschied von der Aufklärung, sondern Dialektik der Aufklärung. Damit sollte der rasende Fortschritt eines Unternehmens, das sich scheinbar der Befreiung der Menschheit verschrieben hat, in deren weitestgehender Freiheitsberaubung nachgezeichnet werden, die an den Rand der Katastrophe geführt hat und die mit Auschwitz schließlich eingetreten ist. Als Dialektik aber immer insoweit, als nie bestritten wird, daß im unaufhaltsamen Weg ins Verhängnis doch auch die Potentiale der Kritik, die zur Aufklärung über die Aufklärung beitragen könnten, gewachsen sind, als negatives Festhalten am verratenen Versprechen Aufklärung, der Versöhnung in einer Welt ohne Angst. Zur Erinnerung sei ein ganz kurzer Abschnitt aus der Vorrede der „Dialektik der Aufklärung“ zitiert: „Die Aporie, der wir uns bei unserer Arbeit gegenüber fanden, erwies sich somit als der erste Gegenstand, den wir zu untersuchen hatten: die Selbstzerstörung der Aufklärung. Wir hegen keinen Zweifel – und darin liegt unsere petitio principii –, daß die Freiheit in der Gesellschaft vom aufklärenden Denken unabtrennbar ist. Jedoch glauben wir, genauso deutlich erkannt zu haben, daß der Begriff eben dieses Denkens, nicht weniger als die konkreten historischen Formen, die Institutionen der Gesellschaft, in die es verflochten ist, schon den Keim zu jenem Rückschritt enthält, der heute überall sich ereignet.“ Am Versprechen der Aufklärung hielten Adorno und Horkheimer zeitlebens fest. Gescheitert ist das Produkt der Aufklärung, die Zivilisation, in deren Fortschreiten kritisches Denken und Herrschaftspraxis zusehends ineinander fielen. Nicht gescheitert ist Aufklärung, wo sie die Voraussetzung zur Kritik der politischen Ökonomie gelegt hat und ihr Versprechen nie gänzlich aus den Hirnen einer Minderheit hat ausgerissen werden können. Nun ausgerechnet an den Juden und ihrem Schicksal das finale Scheitern der Aufklärung festmachen zu wollen und damit den Überlebenden und Nachgebornen zu attestieren, daß sie als nur Opfer von ihren Tätern und deren Nachkommen ununterscheidbare Kriegsversehrte, Fußkranke, die aus dem Scheitern der Emanzipation hervorgegangen seien, das ist Antizionismus. Es ist diese Ideologie von der „Verstricktheit“ in den verbrecherischen und jedermann in die Verbrechen einbindenden Geschäftsgang des Spätkapitalismus, die den einen dafür herhält, daß nicht nur die deutschen, sondern auch ihre Bezwinger und ihre Opfer im Zweiten Weltkrieg Schuld auf sich geladen hätten, also Täter und Opfer gar nicht zu trennen seien. Den anderen gelingt das gleiche Kunststück bei einem Blick in den Nahen Osten und siehe, auch hier: Bombenwerfer und Opfer des Kindermörders Israels hie, Bombenopfer des palästinensischen Freiheitskrieges und Kindermörder dort. Deshalb wendet Vogt gegen diejenigen, die als Erben der Aufklärung und schon daher Ideologiekritiker sich verstehen, ganz unverblümt ein: „So verbietet sich jede Identifikation mit Israel und dem Zionismus“. Dabei ist Identifikation selbstverständlich die notwendige Folge sympathisierender Zuwendung zu einem Objekt. Der Vorwurf des Hilfsphilosophen meint etwas anderes: Die Einverleibung des Objekts, die Negierung seiner Autonomie, die Dienstbarmachung schließlich für den eigenen, deutschen Zweck: Die Juden als bloße Opfer anzuerkennen mit der Hoffnung, daß dadurch den Deutschen derselbe Status zukäme. Auf eine solche Unterstellung verfällt nur einer, der Palästina mit der Seele sucht.

Der Plötzliche Tod der Aufklärung

Wohl haben viele Antideutsche die israelische Fahne getragen, bekunden die bedingungslose Solidarität mit Israel und attestieren dem Zionismus, womöglich einziger Befreiungsnationalismus zu sein, der diesem Anspruch auch halbwegs gerecht wurde. Der Vogt meint, wenn er vor Identifikation mit Israel warnt, etwas anderes. Wie alle etwas beleseneren Antizionisten spielt er auf eine sehr seltene, aber besonders verkommene Spielart deutscher Vergangenheitsaufarbeitung an, deren Protagonisten jüdische Identität für sich entdecken und jüdischer sein wollen als die Juden. Um eine Kritik an der bevormundenden deutschen Identitätssehnsucht geht es Antizionisten natürlich nicht. Sie wollen die herzliche Hinwendung Antideutscher zu einem kleinen bedrohten Ländchen, das Zeit seiner Existenz mit einigem Recht sich als „aufstrebende emanzipatorische Kraft“ bezeichnen kann als in der Tradition des Nationalsozialismus stehend denunzieren. Die Sonderrolle Israels im regionalen wie im Weltmaßstab ist weder besonders angenehm, noch ist die enorme Anstrengung, die es bedeutet, dieser Herausforderung stets gewachsen zu sein, freiwillig: So schön ist es nicht in Israel, aber wie unendlich schlecht muß es um die Gesellschaften anderer Staaten bestellt sein, wenn ihnen nicht einmal gelingt, den kargen Rest Menschlichkeit, der in Israel selbstverständlich ist, zu realisieren? Wo schließlich wäre die Unterscheidung zwischen Herrschenden und Beherrschten schwerer als in Israel, wo ist die Armee tatsächlich ein zivilisatorischer Faktor der gesamten Gesellschaft, Garant einer bürgerlichen Gleichheit, die nicht als die negative im Schützengraben, sondern als die hoffnungsstiftende des Selbstschutzes, der Selbsterziehung, ja der demokratischen Aussprache in Erscheinung tritt? Wo hat sich von den Versprechungen der bürgerlichen Gleichheit mehr erhalten als in diesem Land, das keine Demokratie ordinären Zuschnitts sein kann, weil dort die Vernichtung von Land und Bewohnern droht und doch nicht in repressiven Kollektivismus verfallen wird; im Gegenteil: Manches von der entsagungsvollen Gründungsideologie, wie sie in den Kibbuzim bis vor kurzem noch fortlebte, wurde einfach der bürgerlichen Libertinage geopfert.

Vogt nun wieder, Seminar-Adornit niedrigster Art, schlägt die Juden der sie vertilgenden Menschheit zu, indem er, gnadenloser Antinationalist der er ist, sie in ein Kollektiv verwandelt, mit dem sich zu identifizieren genauso abscheulich sei wie mit dem palästinensischen oder gar dem deutschen. Zur Begründung dieser Zwangskollektivierung in antinationaler Absicht muß erneut das Scheitern der Aufklärung herhalten. „Anstatt der Befreiung der Menschen hat die Aufklärung den Antisemitismus hervorgebracht und nicht verhindert, dass dieser Antisemitismus mit der nationalsozialistischen Judenvernichtung die Aufklärung selbst aufgehoben hat. Seither kann Solidarität, will sie eine emanzipatorische und aufklärerische Kategorie bleiben, nicht mehr bedeuten, sich im Einklang mit der Geschichte und ihren kollektiven Trägern zu befinden. Sie kann nur noch den individuellen Opfern gelten.“ Was wird das für Israel bedeuten? Man erinnert sich: „Israel ist zunächst einmal ein bürgerlicher Nationalstaat wie andere Staaten auch und damit ein Kollektiv“ Kollektive sind seit dem Verschwinden des Telos der Geschichte, das wiederum gleichbedeutend mit dem Scheitern der Aufklärung sei, nichtsnutzige Zusammenballungen spätkapitalistischer Geldmonaden, die unterschiedslos zu jedem Unheil befähigt sind, seien sie nun Juden oder Palästinenser. Jegliche herzliche Zuwendung, die Vogt immer gleich als Identifikation zu denunzieren können meint, wäre ein Verbrechen: „Es verbietet sich jede Identifikation mit Israel und dem Zionismus.“ Es bleibt das unabsehbare Meer der Opfer und wer hätte nicht gemerkt, wohin die Reise geht, nach so viel Dialektik: ohne Umsteigen nach Palästina. „Enthält sich Solidarität mit Israel der Identifikation, dann ist sie nicht nur in der Lage, die Politik der israelischen Regierung zu kritisieren, sondern sie kann auch die palästinensischen Opfer einbeziehen.“ Wessen Opfer? Des israelischen Staatsterrorismus? Da würde Herr Vogt Verwahrung einlegen. Er meint doch nur die Opfer des Ausbleibens der Emanzipation. Juden wie Palästinenser. Doch in seiner Logik weitergedacht kann das Ausbleiben der Emanzipation, das bekanntlich zu Kollektiven wie Israel führt, nur ins barbarischen Handeln münden, das nationalen Kollektiven unterschiedslos eignet, Juden wie Palästinensern, womit dem palästinensischen Terror eben der israelische Staatsterror entgegentritt und nachts alle Katzen grau sind.

Die Nutzanwendung bei Herr Vogt geht so: Erst fordert er die Anerkennung des Existenzrechts Israels und Palästinas wie jeder dumpfe Antizionist auch, dann aber warnt er vor der Bahamas, daß es eine Freude ist: „Ein ganz entscheidender Aspekt einer linken Solidarität mit Israel ist schließlich daß jede Form der Instrumentalisierung des Konflikts bekämpft wird.“ Schreibt der gleiche, der gerade erst jüdische und palästinensische Opfer gleich gemacht hat und Israel-Solidarität zum Schuhabtreter unsolidarischer, kaltschnäuziger Zombies degradiert hat. „Wer sich in Israel ein revolutionäres Subjekt halluziniert, spricht nicht nur jeder kritischen Gesellschaftstheorie Hohn. Die unerträgliche Situation in der sich Israelis und Palästinenser befinden, wird benutzt, um absurde theoretische Konstruktionen gegen Kritik abzudichten und um lächerliche Kämpfe um die ideologische Vorherrschaft in der Linken auszutragen.“ So kann es einem gehen, der den ganzen unverdauten Adorno fürs antiisraelische und emanzipationsfeindliche Projekt in Anschlag bringt, das allein der Befreiung Palästinas dient. So unbarmherzig wird aus Solidarität mit Israel der Bannfluch gegen das Kollektiv Israel und den Zionismus gesprochen. So unhaltbar kommen jene daher, die der kritischen Theorie, jeder Evidenz ins Gesicht schlagend, abgelauscht haben wollen, daß nicht nur die Aufklärung tot sei, sondern mit ihr jede Hoffnung auf Emanzipation gestorben sei. Aus den lebenden Juden werden so fast schon tote Hunde, denen allein noch historisch hergeleitetes Mitgefühl gilt. Wer so redet, darf für sich die Ehrenmitgliedschaft bei Gus Shalom beanspruchen, den israelischen Denunzianten Israels, deren idiotische Thesen von allen linken deutschen Antisemiten nachgeplappert werden und die natürlich zuerst in Faust komplett abgedruckt wurden; jenem Blatt, das Stefan Vogt mitbegründet hat und in dem er bis zuletzt seine sämtlichen Werke, für die er an der Uni Scheine bekommen hat, feilbot.

 

Justus Wertmüller (Bahamas 39/2002)