Wir als Deutsche – ihr als Dänen

Über den antizionistischen Gipfel von Kopenhagen

 

Wenn das Volk in Deutschland und in Dänemark die Freiheit haben will, schlägt es den Juden die Fenster ein.

Meir Aron Goldschmidt, Ein Jude, 1845

 

Viele Linksradikale, darunter auch manche, die sich als „Antideutsche“ bezeichnen, spielen immer noch die Überraschten, ja Empörten, wenn darauf hingewiesen wird, daß Antisemitismus sich territorial nicht auf Deutschland beschränkt. Da wird bedenklich mit dem Kopf gewackelt und vor der Verharmlosung von Auschwitz gewarnt, als geschähe nicht jede Kritik des Antisemitismus zu dem einzigen vernünftigen Zweck, die Wiederholung einer solchen Tat – wo auch immer – zu verhindern. Namentlich die pazifistische, gutmenschelnde Linke warnt deshalb so gerne vor Auschwitz-Verharmlosungen, weil sie weiß, daß sich derzeit linker Antisemitismus im europäischen Maßstab als Protest auf der Straße durchsetzt und man ihn kleinreden oder gar leugnen muß, wenn man beim Protestieren mitmachen will: sei es auf dem Europäischen Sozialforum in Florenz, wo sich Anfang November über 60.000 Globalisierungsgegner trafen, um ihrem Hass auf den „Kindermörder“ Israel und ihrer Solidarität für palästinensische Terroristen freien Lauf zu lassen, sei es während der Proteste gegen den EU-Gipfel in Kopenhagen im Dezember, die gleichfalls zum kollektiven antizionistischen Bekenntnis gerieten. Freundlicher zu Israel, anders und besser also als ihre deutschen und italienischen Kollegen, ist die dänische Linke nämlich nicht, und wäre da nicht ein unangemessen frotzelnder Unterton, könnte man über sie einfach sagen: klein, aber gemein. Auch die dänischen Linken agieren gegen den israelischen „Staatsterrorismus“, auch sie üben sich im Boykott gegen Israel. Organisationen wie „Globale Rødder“ – Rødder heißt bezeichnenderweise Wurzeln – propagieren den Boykott von israelischen Waren, Ferienreisen und selbst Kibbuzaufenthalten und veranstalten zwecks Popularisierung ihres Anliegens medien- und öffentlichkeitswirksame „events“. So wurde im April 2002 in Kopenhagen vom Dach der israelischen Fluggesellschaft El-Al ein Transparent mit der Aufschrift „Boykottiert Israel“ entrollt. Für eine Fortsetzung dieser Aktivitäten bot sich der Protest gegen den EU-Gipfel geradezu an. Aus Unzufriedenheit mit einem Europa, das zwar die palästinensische Autonomiebehörde finanziert, aber trotzdem mit Israel wirtschaftliche Kontakte unterhält, wurde am 12. Dezember 2002 zum offiziellen Auftakt der Anti-EU-Proteste unter dem Motto „Boykottiert Israel!“ demonstriert und dabei die Aussetzung des EU-Freihandelsabkommens mit Israel gefordert. „Es gibt Reden, Musik und Fackeln, und mehr ...“ (www.boykoti­srael.dk/kommende_aktiviteter) hatten die Veranstalter versprochen. Wer im Zusammenhang mit so festlicher Ankündigung israelfeindlicher Massenaufmärsche Abfackeln und Judenpogrom assoziiert, liegt leider nicht falsch. Etliche dänische Linke, darunter auch solche, die auf der Demonstration als Ordner in Erscheinung traten, trugen T-Shirts mit der Aufschrift „Burn, Israel, burn“. Vor dem dänischen Parlament wurde von Friedensaktivisten im Oktober ein Zelt errichtet, von dem aus die Forderung an die Regierungsschefs erging, Israelis, die ihre Regierung unterstützen, mit den Deutschen, die Hitler unterstützt hatten, gleichzusetzen. Einen Monat danach waren bei den Demonstrationen zum Gedenken an den 9. November dänische Linke mit Transparenten, auf denen „Stoppt den israelischen Faschismus“ zu lesen war, angetreten.

Ein deutscher Brief

Die Ankündigung, man werde die Anti-EU-Proteste mit einer Demonstration gegen Israel eröffnen, hat einige deutsche Linke dann doch so verunsichert, daß sie den dänischen Genossen einen „Public paper to our danish comrades about the Israel-Palestinian conflict and Anti-Semitism“ genannten offenen Brief schrieben, der von der Antifaschistischen Aktion Berlin (AAB), der Autonomen Antifa Nordost (AANO), von Avanti – Projekt undogmatische Linke und der Autonomen Antifa (M) aus Göttingen unterzeichnet wurde und an die deutsche Beteiligung an den EU-Protesten einige Bedingungen knüpfte. So sprachen sich die unterzeichnenden Gruppen gegen alle Slogans aus, die das Existenzrecht des jüdischen Staates leugnen. Solange kapitalistische Verhältnisse herrschten, so die Verfasser, würden auch die Juden, als Agenten der abstrakt-unbegreiflichen Welt der Zirkulation, zum Sündenbock für alle unliebsamen kapitalistischen Erscheinungen haftbar gemacht. Vor antisemitischer Aggression biete ihnen daher vorerst allein Israel Schutz. „A Jewish state, in which Jews can find safety“, schreiben die Verfasser des offenen Briefs, „marks a necessity for us, as long as the conditions we live in have not abolished anti-Semitism worldwide.“ Auch sprachen sie sich gegen Vergleiche zwischen Israel und NS-Deutschland und zwischen den von der israelischen Armee getöteten Palästinensern und den in den deutschen KZs ermordeten Juden aus: „The reason for this is simply that the Holocaust is and must be considered to be unique in history“. Auch Boykott-Aufrufe gegen Israel werde man in Kopenhagen nicht unterstützen, erinnerten diese doch allzu sehr an das Dritte Reich: „In Germany, or coming from a German group, a boycott like this would still be strongly connected to the slogan of the National Socialists like ,Deutsche, kauft nicht bei Juden – Germans, do not buy from Jews’.“ Als wolle man es sich zu guter Letzt mit der gesamten Anti-Globalisierungs-Bewegung verderben, stellte man außerdem klar, was von der Intifada zu halten sei: „As already the name ,Al Aksa-Intifada‘ shows, this movement is made up to a large part of nationalist and isamistic groups like Hamas, the Al Aksa Brigades or Hizbollah. (…) Any reference to the Intifada nowadays, even if only meant as a reference to social struggles and resistance, is necessarily also a reference to these groups and their terrorist actions. Therefore, instead of using slogans such as ,Global Intifada‘ or ,The Intifada shows the way‘, we would prefer expressing solidarity with those forces on both sides that support our hope for peace and social justice and – in the long run – for an emancipatory revolutionary perspective in the region.“

Eine klare Ansage, über die man sich freuen könnte. Denn immerhin, so möchte man meinen, ließe sich dieser Brief als ein erster Versuch begreifen, der antiisraelischen Aggression europäischer Linker entgegenzutreten und die Debatte um Israel / Palästina endlich einmal in emanzipatorischer, gar kommunistischer Absicht zu führen. Die anfängliche Freude legt sich jedoch bei näherer Betrachtung dieser Intervention schnell. Nichts fällt an diesem Schreiben so sehr auf, wie dass hinter jedem Satz ein „Aber“ steckt und jede Kritik mit einer Rückversicherung respektive einem Angebot verbunden ist. So versteht sich für die Verfasser von selbst, dass man sich Israel gegenüber nicht etwa „unkritisch“ verhält: „It is clear that the Israeli government commits crimes against human rights.“ Ebenso „clear“ ist, dass man kein Wort über den Islam und erst recht keines über den arabischen Antisemitismus verliert. Lieber streut man sich wider alles bessere Wissen tonnenweise Asche über das christliche Haupt: „Anti-Semitism ist not (!) a problem of the modern age – its sources lie in the Christian anti-Jewish tradition throughout hundreds of years.“ Doch erst das Lamento über die deutsche Misere, die ein unbefangenes Verhältnis zu Israel erschwere, macht das Schreiben so richtig ekelhaft. Gejammert wird zunächst über die eigene Situation als deutsche Linke, die sich – umzingelt von Antideutschen, was der Däne nicht weiß – in einer höchst unangenehmen Lage befänden. „By now, it has reached a very sensitive point where every statement is easily placed in a problematical context“, heißt es über den innerhalb der deutschen Linken geführten Antisemitismus-Streit. Beklagt wird aber auch die Last, die man in Form der unseligen deutschen Geschichte mit sich herumtragen müsse. Es sei ja verständlich, wenn die dänische Linke zum Boykott israelischer Waren aufriefe, denn in Dänemark, so heißt es, habe es schließlich auch keinen NS gegeben. Für deutsche Linke seien derlei Aufrufe aber „problematisch“ – problematisch zwar nicht für alle Zeit, aber „noch“. Die Tatsache, dass im Dritten Reich der Boykott jüdischer Waren die Vorstufe zur Vernichtung jüdischer Menschen war, habe zur gedanklichen Verknüpfung zwischen Israel und den Juden, zur „tendency to equate ,Jewish‘ with ,Israeli‘ and vice versa“, geführt. Wegen dieser Verbindung, so argumentieren nun die Verfasser, sei ein deutscher Boykottaufruf gegen Israel unmöglich geworden: Sie ist „the reason why ,Boycott Israel‘, even if only intended as a form of criticism of the politics of the Israeli government, might still have similar effects to ,Don’t buy from Jews.’“ Doch selbst dieses feige Eingeständnis, daß ihre Ablehnung antiisraelischer Boykott-Aufrufe lediglich auf einem „problematischen“ historischen Kontext gründe, wird von ihnen noch überboten. Denn „even if we would consider Israel to be a ,fascist state‘ (which we don’t)“, so experimentieren sie gedanklich schon einmal weiter, „we as Germans would be very hesitant to use this expression“. Nicht also, weil es denunziatorisch oder schlicht falsch wäre, Israel als faschistischen Staat zu bezeichnen, sondern allein deshalb, weil man in Deutschland mit dem Begriff „Faschismus“ nach wie vor den NS verbinde, sei eine historisch unbelastete Verwendung dieses Begriffs für deutsche Linke nicht möglich. Man kann den Verfassern des offenen Briefes zu ihrem diskurstheoretischen Schachzug darum nur gratulieren. Wie man den israelischen Staat charakterisieren will, ob „nur“ als rassistisch, oder doch schon als faschistisch, oder alles überbietend als national-sozialistisch, bleibt so nun jedem Linken selbst überlassen. Die historisch geplagten deutschen Linken bitten sich da nur aus, den zweifelhaften Charakter des Judenstaats nicht noch beim Namen nennen zu müssen – zumindest so lange nicht, wie man in Deutschland die Last der Erinnerung „noch“ mit sich schleppt.

Ebenso deutlich – oder wenn man so will: ebenso verschwiemelt – drückt sich die Berliner Autonome Antifa Nordost (AANO) in ihrem eigenen Aufruf zum EU-Gipfel aus. (www.nordost.antifa.de) Trotzig-entschieden heißt es darin: „Für uns bleibt es dabei: coole Kids tragen kein Palituch, egal ob in Berlin oder in Kopenhagen.“ Und menschlich-versöhnlich: „Dennoch gibt es Unterschiede in der Diskussion zu diesem Thema. Es spielt eine Rolle, ob mensch aus dem Land der TäterInnen kommt oder eben aus Dänemark. Deshalb respektieren wir den dortigen Stand der Antisemitismusdebatte und hoffen auf eine konstruktive Diskussion mit der skandinavischen radikalen Linken.“ Die aus dem Aufruftext implizit sprechende Sorge, man könne ohne den gebührenden Respekt vor dem „dortigen Stand der Antisemitismusdebatte“ demnächst nicht mehr respektabler Bestandteil linker Diskurse sein, erwies sich in Kopenhagen als nur allzu begründet. Auf eine „konstruktive Debatte“ hoffte nämlich auch eine sich „Gipfelstürmer“ nennende autonome Gruppe aus Halle, die dort am 13.12. auf einer Demonstration mit dem Transparent „Basta de capitalismo y antisemitismo! Revolten statt Reformen! Against racism, sexism, antizionism and patriarchy!“ erschien. (www. indymedia.de/2002/12/37237.shtml) Von der Demoleitung dazu aufgefordert, das Transparent abzunehmen, da man, wie es hieß, die Unterstützung eines faschistischen Staates – Israel – nicht dulden werde, und überdies durch die umstehenden Demonstranten mit Prügel bedroht, rollten die Aktivisten aus Halle ihr Transparent wieder ein. Statt danach aber den fälligen Rabatz zu machen – oder aber einfach die noch verbleibende Zeit in dänischen Cafés zu verbringen – waren sie schon bei der nächsten Demo wieder dabei. Bereit zum Kompromiss, hatte man diesmal „antizionism“ mit dem Spruch „censored by Globale Rødder“ präventiv überklebt. Doch diese nach Auffassung der deutschen Linken wohl „subversive“ und „originelle“ Intervention wurde von den dänischen Linken nicht honoriert. Angeherrscht, das beanstandete Wort samt Zensur-Hinweis aus dem Transparent zu schneiden oder andernfalls ein weiteres Mal von der Demo zu fliegen, packten die „Gipfelstürmer“ ihr Transparent zum zweiten Mal ein.

Antifa heißt Konsens

Mit den theoretischen wie praktischen Unsicherheiten der deutschen Linken anscheinend bestens vertraut, machten sich die dänischen Linken einen Jux daraus, die zögerlichen deutschen Genossen öffentlich vorzuführen. Eine dänische Info-Gruppe inszenierte auf ihrer Website den entsprechenden „Diskurs“ zwischen einem Vertreter von „Avanti“ und einem jüdischen Boykott-Aktivisten, der für sie die unvermeidliche Rolle als Alibi-Jude spielt. (www. modkraft.dk/article.php?sid=1845) „Dror Feiler is Jewish“, heisst es über letzteren auf dieser Website, ein prima Vorzeigejude, denn  „when he is confronted with arguments like the ones from Christoph Kleine, his first respond is: Give them a real fight.“ Was die Sorge um den staatlichen Schutz jüdischen Lebens angehe, so zitieren die Moderatoren den Juden, da sollen die deutschen Linken mal nicht so zimperlich sein: „As long as Israel doesn’t accept the Palestinian people, I can’t justify the existence of an Israeli state, explains Dror.“ Und schon schrumpft der Avanti-Mann in sich zusammen. Beeindruckt von der geballten antizionistischen Kompetenz, die ihm ein dänischer Antizionisten-Zirkel präsentiert, fiel ihm auf die Frage „Is support for the intifada then a support for terrorism?“ nur die Sorge um das eigene Image ein. „Yes, it can look like that“, befürchtet Kleine, “if you don’t make a distinction between people organizing attacks on civilians and other people fighting for the Palestinians with other means.“ Doch mit dem Plädoyer für eine palästinensische Zivilgesellschaft, die sich mit „other means“ gegen den israelischen „Staatsterror“ wehrt, war der Moderator nicht wirklich zufrieden. „The Israeli occupation of the West Bank has completely destroyed the Palestinian society. Isn’t that the reason for the violence?“, wird Kleine darum von ihm gefragt. Und siehe da: Sofort nimmt der Avanti-Mann das Angebot an. „Of course – that’s the explanation“, stimmt er ihm freudig zu, worüber er sein eigenes Schreiben, in dem noch vom Antisemitismus als Resultat falscher Kapitalismuskritik die Rede war, sofort vergißt: „We also want the occupation to end. But just because we can explain the reasons of the suicide bombers it doesn’t mean that we can support it.“ Geeinigt in dem sicheren Wissen, dass Israel selbst schuld am palästinensischen Terror sei, bleibt auch innerhalb der deutschen Linken alles beim alten: Um die Palästinenser als revolutionäres Subjekt zu retten, muss Antisemitismus einmal mehr aus kollektiver Verzweiflung herrühren, und der Rest ist, wie immer, Methodenstreit.

Doch wozu von Gruppen wie Avanti reden, von Trotzkisten, die durch permanentes „Und was ist mit Sabra und Schatila? Und was ist mit Sabra und Schatila? Und was ist mit Sabra und Schatila? Und was ist ...“-Rufen pro-israelische Veranstaltungen zu stören versuchen und derzeit wohl vor allem darum bemüht sind, sich gegenüber ähnlich gestrickten, aber erfolgreicheren Trotzkisten-Vereinen wie etwa „Linksruck“ zu profilieren. Verwunderlicher und in der Sache wesentlich unbefriedigender ist der intellektuelle Bankrott der Antifaschistischen Aktion Berlin. Wie die Elsässer-Deutschen rezipiert auch die AAB den Antisemitismus nur als „verkürzten“ antikapitalistischen Protest, als „criticism, which only includes the financial system and not the whole economic system of capitalism“, wie es in dem von ihr mit unterzeichneten offenen Brief zu Kopenhagen heißt, ohne sich um Gehalt und Struktur des Antisemitismus noch zu kümmern. Der Antisemitismus muss in dieser Logik lediglich als ein Mangel antikapitalistischer Konsequenz erscheinen: als verstecke sich im Ressentiment ein „an sich“ emanzipatorisches Potential, das durch seine schlichte Ausdehnung auf „the whole economic system of capitalism“ vor seiner unschönen „Erscheinung“ zu retten wäre. Bedenkt man, wie oft die AAB in ihren früheren Erklärungen den Antisemitismus als eine aus der Wertabstraktion entspringende (Krisen-)Ideologie gekennzeichnet hat, die folglich weder auf Deutschland beschränkt noch mit Appellen an „eigentliche“ Interessen zu beheben ist, erscheint dieser Rückfall in klassenkämpferische Rhetorik einigermaßen unverständlich. Was man gestern noch, um theoretisch versiert und politisch radikal zu erscheinen, in großen Lettern auf seine Fahnen schrieb, ist inzwischen offenbar ad acta gelegt. Ob man mit linken Antisemiten gegen den EU-Gipfel in Kopenhagen oder in Berlin „mit allen antifaschistischen Kräften“ gegen rechte Antisemiten demonstriert, Hauptsache, man ist dabei. So unschlagbar „antideutsch“ ist die AAB geworden, dass sie gegen deutsche Antisemiten für den „Angriff“ plädiert und dänischen das Angebot eines konstruktiven Miteinanders macht.

Ihre Begründung, dass man „als Deutsche“ unmöglich für einen Boykott israelischer Waren sein könne, „solange“ man in Deutschland Israel mit den Juden assoziiere, ist den deutschen Linken in Kopenhagen jedoch auf die Füße gefallen. Es sei ihnen doch ausdrücklich um den Boykott israelischer und nicht etwa jüdischer Produkte zu tun, was also, so fragten die Dänen, sei eigentlich das Problem? Besorgt um ihre Reputation innerhalb einer „pazifistischen“, d.h. palästinensische und arabische Djihadisten unterstützenden Linken, verzichteten die nach Kopenhagen gereisten Deutschen auf die Benennung des tatsächlichen „Problems“. Denn worauf  hätte beharrt werden müssen, auf der Zurückweisung des europäisch-arabischen Bündnisses gegen Israel, wurde von ihnen erst gar nicht zum Thema gemacht. Kein Wort der Kritik über eine Medienberichterstattung, die nichts als Panzer und Bagger zeigt und Israel als „Kindermörder“ und nimmersatter Verschlinger palästinensischer Landmassen präsentiert, kein Wort über die palästinensischen Waffenfabriken, und erst recht kein Wort über die antizionistische Aggression benachbarter Staaten, in denen EU-gesponsorte Terroristen wie Saddam Hussein sich als neue Saladine aufspielen und von der baldigen „Befreiung“ Jerusalems von den Juden künden. Deutsche Linke, wie jene, die mit einigen Bedenken nach Kopenhagen reisten, begnügen sich damit, sich über antisemitische „Stereotype“ im antizionistischen Diskurs zu empören.

Solidarität mit Israel

Mit dieser Sorge um eine politisch korrekte Haltung sind sie vom europäischen Mainstream gar nicht so weit entfernt. Auch Fischer oder Prodi erklären sich mit Israel „solidarisch“, da ihnen Juden immerhin als Opfer sympathisch sind. Auch sie klagen über die vielen „sinnlosen“ Toten, wissen sie doch ebenso gut wie Al-Fatah und Hamas, daß es ihrer gar nicht erst bräuchte, würden die lebenden Juden nur nicht so verstockt darauf beharren, in einem eigenen Staat, der sich gegen antisemitische Aggression zur Wehr setzen kann, statt in einem von Arabern kontrollierten Ghetto zu leben. Über die Moral dieses neuen europäischen Antisemitismus schreibt Alan Dershowitz: „Alles, was Israel tut, wird kritisiert, egal was es ist. Seien wir ehrlich: Alle lieben tote Juden. Alle kamen sie zu Rabins Beerdigung. Oh ja, die Tränen!! Alle lieben Juden, wenn sie tot in der Eisdiele liegen. Aber wenn die Juden sich wehren, hat die Welt ein Problem damit. Es ist nicht einmal eine doppelte Moral, die hier angewendet wird, es ist eine einmalige Moral, die nur für Israel gilt.“ (Welt, 15. Juni 2002)

Vorangetrieben wird der europäische Antisemitismus von linken Lehrern, Sozialarbeitern, engagierten Journalisten, Studenten, kurz, den „Guten“, die sich in ihrem politischen Dünkel doch immer von den „dumpfen Rechten“ unterscheiden wollen und darum pathetisch auf die Notwendigkeit von Bildung, Geschichtsbewusstsein und Aufklärung verweisen. Doch in ihrer kalten Weigerung, die tödliche Bedrohung jüdischer Bürger zur Kenntnis zu nehmen, sind sich diese „Guten“ ja doch immer gleich geblieben. Ganze Jahrhunderte kann man auf der Suche nach Verständnis für die Lage der Juden durchschreiten, doch in der Hoffnung auf Solidarität wird man immer enttäuscht. Solidarisch waren nicht die Liberalen, denen allenfalls der Radau-Antisemitismus als unfein erschien. Solidarisch waren auch nicht die Kommunisten, denen die Phase der bürgerlichen Emanzipation historisch längst schon entschieden und antisemitischer Protest nur der Vorschein des geliebten Klassenkampfs war – gegen jüdische und andere „Kapitalisten“. Eben darum wurde der israelische Staat gegründet: Um sich nie mehr auf die vielen, es doch gut meinenden Menschen, die über ihre Reden von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ihre jüdischen Nachbarn vergessen, verlassen zu müssen.

Das Scheitern des jüdischen Begehrens nach Emanzipation, nach einer Form bürgerlicher Assimilation, die nicht zugleich Unterwerfung unter die herrschende Auffassung vom „Juden“ ist, hat – lange vor Auschwitz – der dänische Schriftsteller Meir Aron Goldschmidt beschrieben. In seinem 1845 erschienenen Roman „Ein Jude“ lässt er dessen Protagonisten, den aus einer orthodoxen Familie stammenden Jakob Bendixen, zum Zeugen der deutschen und dänischen Pogrome der 30er und 40er Jahre werden. Doch als schlimmer, unbegreiflicher noch als der offene Terror wird von ihm der Terror der guten Ratschläge durch die sich fortschrittlich wähnenden Kräfte beschrieben. Alles versucht Jakob Bendixen, um sich in deren Kreis zu behaupten, an allen Kämpfen seiner Zeit, ob im revolutionären Frankreich oder im aufständischen Polen, nimmt er teil. Doch es nützt ihm nichts. Verbittert und zermürbt von einem aussichtslosen Kampf gegen die immer schon Bescheid wissenden Freunde kehrt er am Ende seines Lebens zur Synagoge zurück.

Wie verwandt ist dieses Schicksal mit jenem dänischen Zeitgenossen, von dem seine antizionistischen Freunde triumphierend verkünden „Dror Feiler is Jewish“, weil sie ihn brauchen als den besseren Juden gegen seine entarteten Brüder und Schwestern in Israel. Ein Wort des Zweifels am antisemitischen Projekt und „the first respond“ seiner tollen Freunde wäre „to give him a real fight“.

 

Tina Heinz (Bahamas 40/2003)