Unsere Mauern brechen, unsere Herzen nicht

Die Deutschen eignen sich die Geschichte des Bombenkriegs an

 

Deutschland ist auch immer dort ideologisch präsent, wo ihm noch die unverhohlenste, fast naive Gegnerschaft entgegenschlägt. Während der Autor des deutschen Weihnachtsbestsellers Der Brand, Jörg Friedrich, mit seinem Buch „vor allem in Großbritannien auf vermintes Gelände“ (Spiegel 49/02) stieß, regte sich dort auf dem linksliberalen Parkett sofort Zustimmung zu dessen Thesen. Während die großen liberalen und konservativen Blätter daran Anstoß nahmen, daß Friedrich eine Opfer-Aufrechnung von Ausmaßen betreibe und insbesondere Winston Churchill als Ideologe des Vernichtungskrieges in die Nähe von Kriegsverbrechern stelle, blies das britische Friedenslager zum Angriff auf das nationale Geschichtsverständnis. Der Guardian, eine Mischung aus taz und FR, ein globalisierungskritisches Schmierenblatt, das in den frühen 90er Jahren die deutsche Journaille durch teilweise plump gefälschte Bilder und Berichte über den serbischen Genozid an Bosniern noch überholte – der Guardian also konstatierte im Zusammenhang mit der Diskussion über Der Brand: „Das letzte gesellschaftlich akzeptierte Vorurteil sind antideutsche Gefühle.“ Gleichzeitig sah auch der deutsche Botschafter in London, Thomas Mattusek, Handlungsbedarf. Am 7.12.02 gab er – natürlich dem Guardian – ein Interview und verkündete, das Deutschlandbild in Großbritannien sei so sehr vom NS bestimmt, daß in England aufhältige Deutsche mit Vorliebe als Nazis gemobbt, ja sogar tätlich angegriffen würden. Der Guardian resümierte am 10.12.: „Nicht Deutschland ist der Gefangene seiner Vergangenheit – wir sind es, die Briten.“ Aber diese selbstkritische Erkenntnis einer Minderheit vermochte nichts gegen die verstockte Haltung der Briten auszurichten: „Gleichwohl laufen die Versuche von Deutschen, sich gegen die Diskriminierung zu wehren, gewöhnlich ins Leere. Wer Nazi-Witze nicht komisch findet, hat eben – typisch deutsch – keinen Sinn für Humor. Zudem, so das Killer-Argument, hätten die Deutschen schließlich beide Weltkriege angefangen.“ (Spiegel 51/02) Gegen Killer-Argumente dieser Art richtet sich Jörg Friedrichs Buch. Ein Buch, dessen erste Auflage bereits als ausverkauft gemeldet wurde, nachdem es gerade einmal zwei Wochen im Handel erhältlich war. Eine wahre Feuilleton-Lawine rückte es in den Vordergrund des Interesses im depressiven Monat November, z.B. indem ihm die seltene Ehre widerfuhr, in der Bild-Zeitung vorabgedruckt zu werden. Ende Dezember waren schon 100.000 Exemplare verkauft.

Psychische Energie in depressiver Zeit

Wenn die Briten sich auch noch so verstockt verweigern und damit in Gefahr geraten, als Ewiggestrige in Europa abgehängt zu werden, lassen sich die Deutschen nicht verdrießen und gehen ihrerseits voran: Sie treten jedes Jahr einen weiteren mutigen Schritt heraus aus dem Gefängnis der Vergangenheit.

Bereits 1997 hatte der inzwischen verstorbene Schriftsteller W.G. Sebald die These aufgestellt, „daß es uns nicht gelungen ist, die Schrecken des Luftkriegs durch historische oder literarische Darstellungen ins öffentliche Bewußtsein zu heben.“ (NZZ, 8.12.02) Das Wirtschaftswunder hätte sich „aus einem Strom psychischer Energie“ gespeist, „dessen Quellen das von allen gehütete Geheimnis der in die Grundfesten unseres Staatswesens eingemauerten Leichen“ sei (ebd.). Der Brand scheint das Buch zur rechten Zeit zu sein, denn es reiht sich nicht nur ein in die seit 10 Jahren ansteigende Flut aggressiver Beschäftigung mit den Leiden und Beschädigungen, die dem deutschen Kollektiv während des Krieges widerfahren seien. Es gibt darüber hinaus, Sebalds Forderung einlösend, in Zeiten der Depression Auskunft darüber, wohin psychische Energie – aus unzensierter Wiederaneignung nationaler Opfergeschichte gewonnen – zu lenken sei. Man blickt immerhin auf ein seltsames Jahr zurück. Es begann mit sich überschlagenden Bekenntnissen zur Wahrung des Weltfriedens, die sich gegen den Afghanistan-Krieg richteten, in denen Massaker, Flächenbombardements, ja die Auslöschung der Zivilbevölkerung geradezu beschworen wurden. Es setzte sich fort in der nationalen Aussprache über Günther Grass’ Krebsgang und die wenige Monate später sich anschließende Fernseh-Version, Die große Flucht. Einig war man sich, daß es sich hier um ein verdrängtes Kapitel deutscher Geschichte handele, das man nicht den Rechten überlassen dürfe. Das sei nur möglich, wenn man den eigenen Schmerz, das eigene Leid endlich an sich heran lasse. Im Sommer folgte die kollektive Zelebrierung eines ostzonalen Hochwassers, das binnen weniger Tage von der „großen Flut“ zur „Jahrtausend-Flut“ angestiegen war. Auch dieses Mal wurde rhetorisch der Untergang, die Katastrophe, das Inferno gar beschworen, um dem sandsackschleppenden Heimatschutz die existentielle Würde nationaler Rettung zu verleihen. Die Ereignisse kulminierten, als die Bundesregierung, und mit ihr die Mehrheit der Bevölkerung, die Konsequenzen aus Ground Zero zog und Regierende und Regierte sich, anders als noch im Frühjahr, im offenen Widerstand gegen die Vereinigten Staaten von Amerika zusammenfanden. Zum Jahresende schließlich, an dem die psychische Energie der Deutschen durch keine Wohlstandspolster mehr im Zaum zu halten ist, wird als Vorspiel zur Enthemmung ein Kapitel Menschheitsgeschichte in deutscher Lesart vorgelegt, das Buch zum Bombenkrieg, auf das offensichtlich alle inständig gewartet haben.

Etwas absolut Neues, so verkündet uns das Feuilleton, ein verdrängtes Kapitel deutscher Geschichte werde erstmals aufgeschlagen. Nach 57 Jahren dürfe man endlich offen über den Bombenkrieg sprechen. Gerade so, als hätte nicht bereits in den 60er Jahren David Irvings Dauerseller Der Untergang Dresdens vorgelegen, als hätte nicht schon in den 50er Jahren Gerd Gaisers Jagdfliegerroman Die sterbende Jagd in Großauflagen vom heroischen Kampf gegen eine britische Bomber-Übermacht gekündet, und als hätte nicht Walter Kempowski mit seinem Echolot seit über einem Jahrzehnt jedes Verstehen, Entscheiden, Beurteilen, Reflektieren außer Kraft gesetzt, weil umstandslos nebeneinander der Frontsoldat, die ausgebombte Mutter, der Ostarbeiter und der Blockwart, nur noch nach dem Gesichtspunkt der Gleichzeitigkeit, deutsche Alltagsgeschichte erzählen dürfen. Im deutschen Kollektivgedächtnis, das derartige Bücher gar nicht zu kennen brauchte, gab es seit 1945 eigentlich nur ein übergeordnetes Thema, wenn es um den zweiten Weltkrieg ging. Der Historiker Götz Aly, Jahrgang 1947, bringt es auf den Punkt: „Ich habe, lange bevor ich überhaupt den Namen Auschwitz kannte, gelernt, dass in Dresden 200.000 Menschen unter alliierten Bomben umgekommen seien und die ganze Stadt zerstört wurde. Ich habe bestimmt bis zu meinem zwölften Lebensjahr nie etwas anderes gehört über den zweiten Weltkrieg als das.“ (NZZ,7.12.02) Jörg Friedrich reicht deutsche oral history über Dresden bei weitem nicht aus, er will ein gutes Stück weiter vorstoßen im Kampf gegen ein über die Deutschen verhängtes Tabu: „Gucken Sie in irgendein Schulbuch, ob diese Millenniumhandlung, diese Jahrtausendliquidierung der 160 Städte da auch nur mit einem Halbsatz auftaucht. Da steht drin, dass Dresden überflüssigerweise bombardiert wurde. War ja schon so spät, im Februar 45. Wäre es zwei Jahre vorher gewesen, könnte man ja darüber reden. Die Dresden-Debatte versperrt den ganzen Blick auf den Bombenkrieg.“ (Titel Thesen Temperamente, 17.11.02)

Heulen wie ein Schloßhund

Was wäre eigentlich noch zu sagen zum Bombenkrieg gegen Deutschland? Es gibt eine relativ gesicherte Opferzahl 400.000 bis 500.000 Tote. Jede Stadt hat in ihrer Lokalgeschichte der Zerstörung und ihres Ausmaßes gedacht und Straßenzug für Straßenzug, Haus für Haus die Kriegszerstörungen dokumentiert. Was fehlte noch? Das Gefühl, die Teilnahme, die kollektive Erinnerung, das Recht gar, trauern zu dürfen über das Unglück der Eltern und Großeltern, die alles verloren haben, damals. Und wirklich, auf dem menschelnden Sektor, der immer schon allein der Aufrechnung vorbehalten war, hat es Verbote gegeben, in der BRD wie in der DDR. Die zerbombten Städte wurden eher als ein Menetekel für Verblendung und Maßlosigkeit ins offizielle Gespräch gebracht, als Mahnung zu Wiederaufbau und demokratischer Gesinnung, denn für eine Selbstinszenierung als Opfergemeinschaft, von der auch die deutsche Zivilverwaltung immer schon wußte, daß Klage und Racheschwur nicht auseinanderzuhalten wären. So endete etwa die DEFA-Verfilmung des Untertans von Heinrich Mann aus dem Jahr 1951 mit dem mahnenden Bild einer zerbombten Stadt und darin geschäftig herumwuselnden Trümmerfrauen. Die gleiche Funktion hatte die Einblendung zertrümmerter deutscher Innenstädte in Fernsehdokumentationen der BRD aus den 70er und 80er Jahren, die sich nicht mit dem Bombenkrieg, sondern mit den deutschen Verbrechen befaßten und sich erfreulich didaktisch darum mühten, Ursache und Wirkung ins Verhältnis zu setzen. Solche Verarbeitung überlagerte die alltagsgeschichtlichen Bemühungen eines Kempowskis, konnte aber nie darüber hinwegtäuschen, daß gegen die offizielle Erklärungsversion ganz andere Bedürfnisse zäh weiter lebten: sich als Opfer fühlen zu dürfen, wie ein Schloßhund zu heulen, sein ganzes Elend als deutsches Elend der feindlichen Welt und den gefühlskalten Pädagogen ins Gesicht zu schleudern. Diesem Bedürfnis war in der DDR bereits staatsoffiziell, in der BRD später durch eine staatliche Vorfeldorganisation durchaus Rechnung getragen worden. Die DDR hatte sich stets die Dresden-Türe offen gehalten, und so standen die Trümmer der Frauenkirche, die man ja leicht hätte wegräumen können, ganz wie seit 1991 die neue Wache in Berlin, als Mahnmal gegen Krieg und Gewaltherrschaft, also in Wirklichkeit als Erinnerung an den „alliierten Bombenterror“, wie es staatsoffiziell hieß, und wie man es von Goebbels’ Propagandamaschine übernommen hatte. Im Westen hat die Friedensbewegung der frühen 80er Jahre den Bann gebrochen, als sie zum gemeinsamen Erleben ungeheurer Schauer angesichts von Tod und Vernichtung einlud und für jede deutsche Großstadt eine Art Videoinstallation herstellte, die die Wirkung einer Bombe von der Größe der Hiroshima-Bombe veranschaulichte.

Wenn die Sprache birst

Der Brand, laut Spiegel ein „brilliant geschriebenes, packendes Buch“ (49/2), zeugt Martin Walser in Focus 50/02 zufolge von „hoher Erzählkompetenz (...). Durch diese Sprache ist das gegenseitige Vernichtungswüten für unsere Teilnahme zugänglich.“ Die FAZ (30.11.02) schließlich konstatiert: „Indem die Sprache birst, wird sie anschaulich (...) Jeder seiner Sätze hat eine Tendenz zum Schrei. Fast sechzig Jahre nach Kriegsende geht es nicht mehr darum, Schuld festzustellen. Es geht um die Feststellung des Schmerzes.“

Ein Buch, das sich wie ein Gegenentwurf zu Goldhagens „Hitlers willige Vollstrecker“ liest, das ein deutsches Volksbuch sein will, das man „Bomber Commands hilflose Opfer“ nennen könnte, verlangt nach adäquater Sprache. Die Sprache, die birst, die Sprache des Schmerzes wanzt sich ran, expressionistisch aufgeplustert, existentiell verallgemeinernd, in abgehacktem Lapidar-Sound Betroffenheit auslösend, dieser Sound, der zur maßlosen Übertreibung paßt und jede Lüge pseudopoetisch verpackt. Dieses inbrünstige Gelärme will mehr als die Kriegsschuld scheinbar gleichmäßig auf Deutsche und West-Alliierte verteilen: Deutscher Schmerz steht über allem und ruft nach Konsequenz. Die etwa 40.000 Gefallenen der Juliangriffe 1943 sind neben denen Dresdens, Tokios, Hiroshimas und Nagasakis Chiffren des Äußersten, was Waffengewalt der Kreatur zufügt. Nicht wegen der Ströme vergossenen Blutes, sondern der Art wegen, in der Lebewesen von der Welt getilgt wurden mit einem tödlichen Hauch. (J. Friedrich: Der Brand, S. 193 – auch die folgenden kursiv gesetzten Zitate stammen aus dem Buch) Man könnte einwenden, daß doch allein in der Stadt Leningrad während der deutschen Blockade, die eine Hungerblockade war, mehr als eine Million Menschen zugrunde gegangen sind, oder daß der tödliche Hauch doch von Zyklon B verbreitet wurde – aber die Einebnung genau solcher Unterschiede bis hin zur Leugnung ist Ziel und Vorsatz. Wer Bombenkrieg über Deutschland sagt, meint Heimat und das Bekenntnis zur Heimat in existentieller Bedrohung, diese innigste Verbindung, die Landschaft und Genre eingehen können, ist Friedrichs Botschaft. ,Weit schweiften unsere Augen über die grünwellige Bucht, die bläulichen Hügel Usedoms und Wollins, über die zahlreichen Schiffe, die mit uns auf der Reede lagen.‘ Unter Dreck, Strohsack an Strohsack, warteten alte ostpreußische Bauern, Kriegsversehrte und ,eine Frau, offenbar leicht geistesgestört, die immerfort drei oder vier Töne in leiser Unentwegtheit vor sich hin sang‘. Rechts und links dampften kleinere Flüchtlingsschiffe auf Swinemünde zu, halb Ostpreußen lag auf dem Wasser. Was schwamm, hatte Leute geladen. (S. 171f.) Heimatliebe in Deutschland kann sich nicht beschränken auf die behagliche Betrachtung von Landschaften. Es liegt keine Behaglichkeit in ihr, spätestens seit 1933, und wo es den einen ein Graus ist, daß noch der grünste Hügel darüber hinweglügt, wie endgültig die Idylle zerschlagen ist, treibt es den Mehrheitsdeutschen angesichts der geschichtsträchtigen Bindung von Landschaft und Vernichtung wohlige Schauer über den Rücken. Deutscher Heimat-Expressionismus bedient sich daher konsequent des Volksempfängers: Nach Süden zu, gegenüber der französischen Grenze, verdickte sich der Wall und flocht die nahen Dörfer ein in seine Wehr. (S. 136)

Friedrich hat durch sein ganzes Buch säuberlich die Spuren gelegt, die eine wahrhaft furchterregende Wiederaneignung deutscher Wehr- und Leidensgeschichte im Namen der Aufrechnung ergeben. Was immer die Deutschen mit ihren Opfern angerichtet haben, Bomber Commands Taten stellen alles in den Schatten: Bewegliche Kunst, Archivalien und Bücher begeben sich auf die Flucht, zuerst hinter entlegene feste Mauern, zuletzt in tiefes Felsengestein. Anders wäre fast alle Kultur zerstört. Die Bibliotheken haben im Stein das meiste gerettet vor der im übrigen größten Bücherverbrennung in geschichtlicher Zeit. (S. 515) Und wie den Büchern geschah es einer ganzen Zivilisation: Deutschland wurde von Bomber Command und zwei US-Flotten verwüstet wie noch keine Zivilisation davor. (S. 120) Wo eine Zivilisation ausgerottet wird, ist der Auschwitz-Vergleich statthaft und unvermeidlich: Die Leichenbergung entspricht der Tötungsprozedur. Der Ausgerottete erhält kein eigenes Grab, erhält keinen eigenen Tod, weil ihm kein Lebensrecht gehörte. Es wurde ihm ausgezogen wie eine Jacke. (S. 432)

Wenn diese größte Lüge schamlos ausgesprochen werden kann, ohne daß sie einem der zahlreichen Rezensenten auch nur aufgefallen wäre, gehen die kleinen revisionistischen Lügen jederzeit durch: Tiefe Bewegung löste in Bielefeld das Bombardement aus, welches die Anstalt für geistesgestörte Kinder in Bethel traf. Der Einschlag in den Schlafsaal tötete zwölf kranke Kinder. Pastor von Bodelschwingh, der Anstaltleiter, kämpfte um eben die Zeit für das Leben seiner Schützlinge, das als lebensunwert von den NS-Gesundheitsbehörden ausgemerzt werden sollte. Bodelschwingh drängte die Euthanasie in seinem Asyl zurück, nicht aber Bomber Command. Dessen Bomben schlugen ein zweites Mal ein und töteten Pfleger und Kinder. (S. 210) Keine Rede davon, was in den 80er Jahren noch zum Skandal, und zwar zum heilsamen Skandal führte: Daß genau dieser Pastor Bodelschwingh, – gegen tiefsten Selbstzweifel ankämpfend, wie es sich für einen deutschen Pastor gehört – dafür gesorgt hat, daß das ihm abgeforderte Kontingent behinderter Menschen selektiert und zur Vernichtung übergeben wurde. Kein Wort darüber, daß ihm nur deshalb noch geistig behinderte Kinder blieben, weil die Euthanasie-Aktionen ausgesetzt wurden, und zwar nicht auf den Druck eines preußisch protestantischen Pastors hin, sondern ganz vorwiegend wegen des Protests katholischer Geistlicher und ebenfalls vorwiegend katholischer süddeutscher Bauern und Kleinbürger hin. Pastor Bodelschwingh, Prototyp des moralisch leidenden Mitmachers, verkehrt sich in einen deutschen Widerstandkämpfer gegen die Fortsetzung der Euthanasie durch britische Bombergeschwader. Wie sehr es Friedrich mit dem Nazi-Regime hält, wird schon dadurch deutlich, daß er sich nicht entblödet festzustellen: Die NSDAP organisierte eine pompöse Beisetzung und geißelte den „Kindermord von Bethel“. (ebd.)

Die da Vollzugshelfer bei der Ausrottung der deutschen Zivilisation waren, die britischen Bomberpiloten, erscheinen als privilegierte Kindermörder, denen auch dann Kombattantenschutz gegolten habe, wenn sie aus einem brennenden Flugzeug über Deutschland abgesprungen waren. Der Soldat bleibt Rechtsperson, auch wenn er getötet werden kann. Dies darf nur so lange geschehen, wie er selber tötet. Legt er die Waffe nieder, genießt er Pardon. Das hat sich im deutsch-russischen Krieg oft anders verhalten, aber letztlich endete auch dieser Krieg in Gefangenenlagern. Die Heilbronner Kinder konnten die Waffen nicht niederlegen, weil sie keine in der Hand hielten, erhielten darum auch kein Pardon – und wie hätte man sie auch gefangen nehmen sollen? (...) Die Rechte der Bomberpiloten regelte die Genfer Konvention, sprang er mit dem Fallschirm ab, war er gefangenzunehmen. (S. 432) So tiefes Verständnis für über 200 Lynchmorde an gefangenen Bomberbesatzungen – die Friedrich an anderer Stelle keineswegs verschweigt – hat es bislang nur im Volksmund gegeben, sie öffentlich auszusprechen, war zwei Generationen von Deutschen weitgehend verwehrt. Man erinnert sich zwar der Empörung über die Hinrichtungen einiger deutscher Lynchmörder 1945–47, schriftlich festgehalten durfte diese aber nicht werden. Die Empörung wurde bis jetzt aus dem öffentlichen in das private Gespräch verbannt.

Die Verbindung zum Mittelalter

Das Geschrei über die Toten sekundiert Friedrich mit der beschwörenden Anrufung zerstörter Altbausubstanz und architektonischer Kostbarkeiten. In einer Mischung aus Werbebroschüre des lokalen Fremdenverkehrsamts und bewegter Klage über Zerstörung und Verschwinden von Kulturwerken feiert Friedrich die Städte als Organismen aus Material und Geschichte. Land heißt absichtsvoll lapidar ein Abschnitt, der sich in Wirklichkeit mit der Aufzählung deutscher Städte und ihrer Bombardierungsgeschichte befaßt. Das Motto zu LandDie Verbindung zum Mittelalter ist nun auch abgebrochen (S. 177)  stammt von Ernst Jünger. Friedrich hat es sehr gezielt ausgewählt, denn er fährt fort: In den Städten siedeln die Lebendigen wie die Vorangegangenen, die ihre Gehäuse hinterlassen haben, ihre Dome, Altäre, Schriften, Papiere. Sie bebildern und beschriften die Orte als Orte eines Geschehens. Vergangenheit überliefert ihre Schauplätze, darauf stehen die Gegenwärtigen und sehen sich in einer Reihe. Geschichte ist Stein, Papier und Erzählung, mithin überwiegend brennbar. Brände, Zerstörung, Raub und Massaker sind die Kreuzwege der Stadtgeschichten. Alle Städte waren zumindest einmal zerstört worden, aber nicht mit einem Mal alle. (S. 177) Die Verbindung zur Vergangenheit reicht bei Friedrich zumeist weit zurück ins Mittelalter. Die unendliche Aufzählung zerstörter Kirchen, Altäre, Glocken, Handschriften verweist allzu deutlich auf einen Geschichtsmythos, der unmittelbar auf die deutsche Romantik rekurriert. Ausgeblendet bleibt das wenige, was in deutschen Städten auf einen anderen Weg verwiesen hätte, der nicht zum Brand geführt hätte, aber auch nicht zur liebevollen Konservierung des Mittelalters. Das wären vor allem Hinweise auf selbstbewußte Bürger freier Städte, in denen nicht immer der Dom oder die Staufer-Zwingburg alles in den Schatten stellt, sondern die etwa durch ein prächtiges Rathaus dominiert werden, wie etwa in Augsburg oder Lübeck, freie Reichstadt die eine, Hansestadt die andere. Das Aufkommen merkantiler Interessen, bürgerlicher Prachtentfaltung, demokratischer Umgangsformen gegen die Dominanz von Kirche und Kaiser interessiert nicht, wo die Gegenwärtigen in einer Reihe stehen sollen mit den Vorangegangenen, wo also eine Einheit aus Geschichte, Landschaft und Volk gesucht wird. Das Auftreten handfester Eigeninteressen und die Auflösung des Reichs im Gefolge der napoleonischen Erneuerung führten bekanntlich nicht zu bürgerlichem Selbstbewußtsein und bürgerlicher Revolution, sondern mündeten in eine hocheffektive Form von Modernisierung und Industrialisierung, die unter staatlicher Regie von einem aufs Private und Ökonomische zurechtgestutzten Bürgertum durchgeführt wurde. Ökonomischer Aufstieg und nationale Einheit Deutschlands waren überwölbt von einem romantisch erneuerten Reichsgedanken, mit dem sich die Nation ein Zusammengehörigkeitsgefühl dekretierte, dem jede politische Erneuerung Indiz für Fremdbestimmung und Verfall war. Nirgends stand Eskapade und Eigennutz so sehr unter Verdacht wie in Deutschland, war öffentliches Wirken als dauerndes Arrangement der Partikularinteressen gerade wegen des undramatischen und unblutigen Prozederes des Interessenausgleichs so suspekt. Entsprechend erging es den Städten, die an der Peripherie zwar modernisiert, im Zentrum nach Möglichkeit aber soviel geheimnisumwittertes Mittelalter behalten sollten wie irgend möglich. Stand bereits die Vollendung des Kölner Doms Mitte des 19. Jahrhunderts im Zeichen eines Nationalgefühls, das den Anschluß ans Mittelalter um so enger schmieden wollte, je offensichtlicher ökonomische und gesellschaftliche Dynamik nach etwas ganz anderem verlangten, so überladen und verzopft präsentierten sich seither Zweckbauten mit ihren historisierenden Fassaden als unendliche Fortsetzung vormoderner Architektur, die von alter Zunftherrlichkeit mitten in der Periode der großen Industrien kündete oder dem Arbeiterschließfach etwas feudalen Barock ankleben wollte. Diese Zivilisation, die sich Städte baute, die sie als Bürger nicht selbstbewußt bewohnen wollte und konnte, die nicht aus Freude an der Schönheit Altes konservierte, sondern aus Angst vor Veränderung, die am Alten vielmehr Mystik, Weihrauch und autoritäre Führung schätzte, hielt alles bereit, was ihr schlimmes Ende irgendwann einmal besiegeln würde.

Mission impossible

Die Überhöhung der Stadt als organischen Geschichtsbehälter, Museumsdorf und Bollwerk gegen das, wofür sie historisch steht, für die bürgerliche Emanzipation, korrespondierte stets aufs Engste mit alteingesessener Aggression gegen die anderen, weiter entwickelteren politischen Zivilisationen. Diese anderen, das waren und sind diejenigen, die man als Sieger, Besatzer und gescheiterte Umerzieher erdulden mußte, jene, die sich heute noch mit den Deutschen ihre Nazi-Scherze erlauben und im deutschen Fußball einen Wiedergänger der Wehrmacht erkennen wollen. Es sind die, denen man übel nimmt, daß sie einen dauernd daran erinnern, daß Deutschland zwei Weltkriege angezettelt hat, und die nicht nur stolz darauf sind, die Deutschen besiegt zu haben, sondern sich erfrechen, die nationale Überlegenheit ihres politischen Vergesellschaftungsmodells zu betonen.

Für Jörg Friedrich ist einfach jeder Bombenkrieg gegen eine Zivilbevölkerung ein Verbrechen, das man ächten müsse. Natürlich unterschlägt er nicht, wer mit dieser Art der Kriegsführung begonnen hatte. Ihm ist es allerdings darum zu tun, die Engländer und auch die Amerikaner dafür anzuklagen, daß sie ab Erringung der Lufthoheit über Deutschland, 1943, den Bombenkrieg gegen die Deutschen Städte nicht etwa ausgesetzt, sondern dauernd weiter intensiviert und die Zahl der Opfer und die Höhe der Schäden enorm gesteigert hatten. Friedrich hat recht, wenn er darauf hinweist, daß die Angriffe zumeist direkt den Stadtzentren galten und eine genaue Unterscheidung zwischen Wohngebiet und Industrieanlage vielfach gar nicht beabsichtigt war. Die Engländer haben allen Ernstes versucht, die Voraussetzungen für eine möglichst baldige Landung auf dem Kontinent durch eine völlige Demoralisierung des Gegners zu erreichen, ein Vorsatz, der dem deutschen in der sogenannten Luftschlacht um England ähnelt. Und doch stellt Friedrich jede Wahrheit auf den Kopf, wenn er die Bevölkerungen Deutschlands und Englands unterschiedslos als Durchhaltegemeinschaften bezeichnet. In Großbritannien entwickelte sich nicht zuletzt angesichts der Niederlagen in Frankreich, der Demütigung von Dünkirchen und der gescheiterten Norwegen-Expedition 1940 eine Frontmoral, die durch den Luftkrieg nicht zu knacken war. Für Friedrich und seine Fans ein klarer Fall: Die Zivilgesellschaft weiß, daß sie das Ziel ist und sich dem gegnerischen Willen beugen soll. Mit den britischen Städten steht sie im Wettbewerb der Leidensfähigkeit. Bombenkrieg prüft den nationalen Zusammenhalt. (S. 465) Den zentralen Unterschied, dessentwegen das Konzept moral bombing überhaupt erfunden wurde, läßt Friedrich verblassen. Die Engländer haben erfahren müssen, daß ihre Politik des Appeasements, die ja nicht nur vom konservativen Premier Chamberlain betrieben, sondern von der oppositionellen Labour Party mitgetragen wurde in jeder Hinsicht gescheitert war. Nicht nur wog der moralische Makel schwer, die Tschechoslowakei einfach ausgeliefert zu haben, es wurde durch  den epochalen persönlichen Beitrag Winston Churchills im Frühjahr1940 endlich Konsens, was in einer Klassengesellschaft nur unter existentieller Bedrohung erkannt werden kann: Daß es etwas zu verteidigen gibt, für Proleten und Nutznießer des Systems gleichermaßen, daß jeder Streit über den Zugang zu gesellschaftlichem Reichtum auszusetzen sei – für die Zeit danach. Erst Churchills Großbritannien konnte der Welt mitteilen, was sich Roosevelt mangels öffentlicher Zustimmung noch lange nicht auszusprechen traute, was in der Sowjetunion im Gefolge des Hitler-Stalin-Paktes ausgesetzt war und in Frankreich zur Niederlage geführt hatte: daß gegen die faschistische Barbarei der damals schon äußerst beschädigte Rest bürgerlicher Zivilisation in Anschlag zu bringen sei, daß es sich tatsächlich lohnte, für seinen Erhalt zu kämpfen. Wenn die englische Gesellschaft angesichts der deutschen Bombenanschläge zusammengerückt ist und trotzigen Durchhaltewillen bekundete, dann eben nicht, wie Friedrich und andere Deutsche es nahelegen, weil sie wegen des täglichen Bombenterrors gar nicht anders konnte; der Widerstand der britischen Zivilbevölkerung verdankte sich der Mobilisierung einer gesellschaftlichen Moral, die man schlicht und einfach antifaschistisch zu nennen hat. In Deutschland dagegen hätten eigentlich ganz andere Reaktionen auf die Bombardierungen erfolgen müssen, hätte es dort ein ganz ordinäres Bedürfnis nach Zivilgesellschaft gegeben. Wäre es wirklich so gewesen, wie linke und rechte Ideologen behaupten, daß die Deutschen in ihrer Mehrheit wie gelähmt im Zeichen des Naziterrors, den sie nicht wünschten, erstarrt wären, dann hätten die Bomben gegen die Durchhaltemoral ganz anders einschlagen müssen, als die deutschen Bomben in London. Dann wären die Industriearbeiter aus den Städten geflohen, dann wäre es möglicherweise zu chaotische Fluchtbewegungen im ganzen Land gekommen. Das schwebte den Engländern vor, in Millionen abgeworfenen Flugblättern haben sie die deutsche Zivilbevölkerung darauf hingewiesen, daß alle Industriestädte Kriegsschauplatz seien, und die Zivilbevölkerung gut daran täte, sie zu verlassen. Daraus wurde nichts, das Nazi-Regime hatte kaum Probleme mit Absentismus. Statt dessen wurde, Friedrich beschreibt es mit Bewunderung, ein kollektives Luftschutzsystem organisiert, das nicht nur die Zahl der Toten relativ niedrig hielt, sondern auch ermöglichte, unter unvorstellbaren Bedingungen unter der Erde zu vegetieren, um tagsüber unverdrossen für den Endsieg weiter zu arbeiten. Die Partei zeigt in dem Solidarwerk Flagge; es wurde die „zweite Machtergreifung“ genannt. Die Macht über die Nöte kittet Volk und Regime erst recht aneinander. (S. 437) Einer Bunkergesellschaft, deren Moral noch 1944 aus der Losung „Unsere Mauern brechen, unsere Herzen nicht“ (Tagesspiegel, 22.12.02) bestand, konnte Bomber Harris nicht beikommen, das moral bombing ist an der German moral gescheitert. Aber hätte er nachlassen sollen, als er es wissen mußte, Anfang 1944 etwa? England wollte die Invasion vorbereiten und den eigenen Jungs und den verbündeten Amerikanern bei Landung und Eroberung Deutschlands keine allzu hohen Verluste zumuten. England wußte zudem ab 1943 immer Genaueres über die unfaßbaren Greuel, die die Deutschen angerichtet hatten. Auch wenn man sich bis Ende 1944 der Tatsache des Holocaust weitgehend verschloß, aus der Sowjetunion erfuhr man nach Stalingrad, in welchem Zustand zurückerobertes Gebiet sich befand. Mitleidlosigkeit gegenüber einer „Zivilbevölkerung“, aus deren Mitte heraus ja nicht nur die Barbaren gekommen waren, die auf dem Rückzug möglichst alles vernichteten, sondern aus der eben auch all die Energie zum Weitermorden und der Staat, der es organisierte, hervorging, war mit kriegsentscheidend. Da nutzen die Kinder von Bethel nichts, die genauso unschuldig sind wie alle anderen Kinder auch, da vermag das erschütternde Einzelschicksal nichts auszurichten, außer den Boden für Kitsch, Lüge und Betroffenheit für die falsche Sache zu bereiten und Erkenntnisse wie dieses etwa: Die Ortseinwohner kämpften um ihr Überleben. Aber bekämpften niemanden, waren dazu weder willens noch gerüstet, und es existierte bis dahin auch kein Kriegsbrauch, der sie einer Waffengewalt aussetzte. (S. 63)

Das Buch zur rechten Zeit

Was den Friedrich zu seinem Buch und die Deutschen zur großen nationalen Aussprache treibt, ist nur allzu verwandt mit jener Moral, der nicht einmal mit Bomben beizukommen war. Jetzt, wo sie wieder dürfen, fühlen sie sich wieder eins mit ihrer Geschichte, ihren Städten, ihren Opfern, ihrem Weg eben. Mit Jörg Friedrich bezwecken die Deutschen, den letzten Rest feindlicher Lufthoheit über deutsche Selbstvergewisserung zurückzudrängen, den aggressiven Schlag zu landen gegen ein Geschichtsverständnis, das heute noch in manchen Ländern und in Millionen Köpfen von der deutschen Tat bestimmt ist, und es zugunsten der Gegenerzählung vom deutschen Leid zu neutralisieren. Der Aufstand gegen Gesittung und Zivilisation bestimmt nicht nur Jörg Friedrichs Geschichtsbild, es ist auch die praktische Handlungsanweisung endlich mit einer Aneignung zu beginnen: Die taktische Aneignung der Geschichte ist eine leere Klage, auch wenn sie schon Goethe führte. Der Aneigner ist Subjekt und darum subjektiv. Es gibt auch eine nichtangeeignete Geschichte, wie die des großen Brandes. Auch das ist ein subjektives Nicht-wollen. Den Unwillen zweier Generationen erklärt die Zeit. Es war nicht die Zeit dafür. Doch die Zeit, das, was wechselt, wechselt auch die Aneignung der vergangenen Zeit. (S. 218) Das ist kein Deutsch, und der Autor ahnt mehr als daß er wüßte, was sein Gestammel will: die Aneignung der deutschen Leidensgeschichte für neue unerhörte Taten. Wo Friedrich den Auftrag nur verschwommen formuliert, wissen Leser und Feuilleton mühelos anzuknüpfen.

Der ewig Zu-Kurz-Gekommene, Walter Kempowski, dem zunächst Günther Grass mit dem Krebsgang die Schau gestohlen hat und jetzt, kaum ein Jahr später, Jörg Friedrich, meint: „Aber dringt das wirklich in die Tiefe? Gehen die Menschen, die dieses Buch oder andere Bücher gelesen haben, danach zu dem alten Flüchtling im Nachbarhaus, der Haus und Hof im Osten verloren hat? Zu der Kriegerwitwe, die ihren Mann verloren hat und ihre beiden Söhne? Gehen die Menschen, die keine Erinnerungen an den Bombenkrieg mehr haben, ins Altersheim und fragen nach?“ (Welt, 12.12.02) Genau das ist es nicht: Mitgefühl miteinander hatten die Deutschen noch nie, ein kollektives Gefühl gegen die anderen aber sehr wohl. Kempowski geht im gleichen Interview daher schon einmal den entscheidenden Schritt weiter: „Die Leser nehmen es zur Kenntnis, wundern sich über das barbarische Tun, ganze Städte auszuradieren, erinnern sich vielleicht an eigene Erlebnisse. Aber irgendwelche politischen oder gesellschaftlichen Folgen wird das Buch nicht haben.“ Da ist sie, schon drohend aufgebaut, die ewige Klage über Vergeblichkeit in der Aneignung der eigenen Geschichte wegen unterbleibender Folgen.

Indes, der öffentliche Auftritt Jörg Friedrichs im überfüllten Veranstaltungssaal der Berliner Urania beweist es, Deutsche Geschichtsaneignung auf der Höhe der Zeit ist wieder möglich: „Ein Trauma. Das Wort fällt oft an diesem Abend. Zum Beispiel von dem 1926 in Hamburg geborenen Zuhörer, der eigens für den Vortrag und die Diskussion angereist ist. Er hatte die Bombardierung Heilbronns erlebt und bei der Bergung der Leichen mitgearbeitet – eine Erfahrung, die ihn bis heute nicht losläßt. ‚Der Afghanistan-Krieg hat mir klargemacht, daß sich wiederholt, was ich vor mehr als 50 Jahren erlebt hatte.‘ Durch Afghanistan hatte er überhaupt erst gemerkt, ‚daß ich auf einem Trauma sitze’“. (Tagesspiegel, 27.11.2002) Die Welt (23.11.02) hat zur Vorsicht eine ausgewiesene Linke, 68erin und Feministin, Cora Stephan, beauftragt, Volkes Stimme auf essayistisches Niveau zu heben. Unmittelbar am traumatisierten Hamburger anknüpfend geht sie in die Vollen: „Ist Deutschland mit der Beschreibung der anderen Seite der Medaille exkulpiert? Wer käme darauf. Aber hat sich die Welt nun mit einem historischen Flankenschutz für Gerhard Schröders ‚deutschen Weg‘ auseinander zu setzen, mit Geschichtsrelativierung, ja Revanchismus; ist hier eine weitere Spielart des deutschen Antiamerikanismus zu verzeichnen? Debattenbeiträge dieser Art sind vorhersehbar. Und es stimmt: Das Buch erscheint zur rechten Zeit. Im von Hitler-Deutschland angezettelten Zweiten Weltkrieg haben fast alle ihre Unschuld verloren. Die unbestreitbare Schuld der Deutschen hat es ihren Nachbarn lange Zeit ermöglicht, über die eigne Verstrickung hinwegzusehen. Jetzt aber bricht die eigene Lebenslüge auf. Die Debatte über eigene Völker- und Menschenrechtsverletzungen, auf der junge Historiker in Polen oder Tschechien insistieren, zeigt das. Die Gründe dafür liegen gewiß nicht in einem die Deutschen entlastenden Relativismus. Sie liegen in der Notwendigkeit, Europa ein gemeinsames Fundament zu geben.“ Gegen wen sich dieses deutsche Europa richten wird, vermeldet die FAZ am 17.11.02 unter der von Friedrichs Sprache inspirierten Überschrift „Aschenreste“: „Denn es vereint sich das lange als notwendig erachtete Schweigen über den Schrecken und die Schuldfrage des Bombenkriegs mit einem neuen, aus der Skepsis gegenüber Amerika erwachsenden Selbstbewußtsein in Deutschland. Daß Präsident Bush zu den größten Bewunderern Churchills zählt, paßt da perfekt ins Bild. Daß es zudem Walt Disneys Zeichentrickfilm Victory Through Air Power gewesen sein soll, mit dem der britische Premier den zaudernden Roosevelt 1943 auf der Konferenz von Quebec für seine Bombenkriegsstrategie gewann, läßt Churchills Bild und Amerikas Klischee zu einer dämonischen Fratze verschmelzen.“ Was die Zeitung für Deutschland fertig bringt, gelingt der Zeitung für Ägypten allemal. Der Schriftleiter der ägyptischen Tageszeitung Al Ahram und Übersetzer der Rommel-Memoiren ins Arabische, Anis Masour, schrieb über Friedrichs Brand: „Der Historiker entschuldigt die Greueltaten Hitlers nicht. Er will lediglich zeigen, dass Churchill schlimmer war als Hitler, ohne dass man ihn dafür gehängt hätte. Dieses Buch aber liefert die Begründung für eine Verurteilung ihn zu hängen, zu verbrennen, so wie sie es mit den Deutschen gemacht haben.“ (Undatiertes Zitat aus Welt, 19.12.02) Nun steht ja alles dafür, daß der Churchill-Fan Bush mit Walt Disney im Handgepäck nicht nur im Irak ein den Menschen freundlicheres Regime herbeizwingen wird und dadurch nicht zuletzt auch den Anis Masours der djihadistischen Welt eine etwas leisere Gangart abnötigen könnte. Dieser Krieg, der wahrscheinlich ohne die von interessierter Seite vorhergesagten Flächenbombardements gegen die Zivilbevölkerung ausgehen wird, von der Bush recht gut weiß, daß sie keine deutsche Wehrwolfsgemeinschaft ist, dürfte auch geeignet sein, dem Traum vom deutschen Europa für absehbare Zeit einen Riegel vorzuschieben. Sollten die Deutschen sich das aber keine Lehre sein lassen und schon weil das Wohlstandspolster schmilzt genauso wie jeder dahergelaufene Islamist weiter zündeln und schließlich aus Trotz über das Scheitern ihres Weges in Europa und anderswo sich wieder zusammenschließen zur Durchhaltegemeinschaft der Opfer von Ausrottung, sollten sie also tatsächlich ihre dämonische Fratze wieder praktisch zeigen wollen, dann kann man nur auf der schon vor 12 Jahren geprägten Forderung, „Bomber Harris, do it again!“, beharren und hoffen, daß der nächste englische Premier kein Abonnent des Guardian ist.

 

Justus Wertmüller (Bahamas 40/2003)