Pull up to the bumper, baby

Wie Antideutsche den CSD penetrierten

 

Die Anklageschrift ist so voluminös wie lachhaft: Die Angeklagten „versuchen derzeit linke Strukturen zu dominieren, zu spalten und fundamentalistische Positionen durchzusetzen.“ (1) – „Mit dem Pauschalvorwurf ‚wer nicht für uns ist, ist antisemitisch‘ versucht diese Strömung Kriegspositionen zu legitimieren“, und als reiche das noch nicht: „Der neuste Renner ist die Funktionalisierung der ‚Homofrage‘.“ Besonders fies auch, dass Leute, die „nicht um die Hintergründe dieses Konflikts wussten (...), schnell missverstehen“ könnten, „dass es speziell einen Vorbehalt gegen die israelische Fahne gäbe.“ Ups, wer käme denn auf die Idee, zumal wenn die Fahne zuvor vom Lautsprecherwagen als „Drecksflagge“ bezeichnet und dazu aufgefordert wurde, sie ihrem Träger zu entreißen?

Der Anlass dieser und anderer, vorzugsweise im Internet kursierenden Anklageschriften ist die Teilnahme eines Israel-solidarischen Blocks am „transgenialen CSD 2003“, der linken Version des weltweit begangenen und an die Stonewall-Krawalle in New York 1969 erinnernden Feiertags der sexuellen Minderheiten, am 28. Juni 03 von Berlin-Neukölln nach Kreuzberg. Die auf der antideutschen kommunistischen Konferenz gegründete Initiative queer.for.israel hatte dazu aufgerufen, sowohl an diesem wie auch an dem als „Kommerz-CSD“ verschrienen Schöneberger teilzunehmen und Spenden für die „Israelische Gesellschaft zum Schutze der Privatsphäre“, hebräisch: Agudah, zu sammeln, die ein Rettungsprojekt für verfolgte palästinensische Schwule betreibt.(2) Dieses zunächst also gar nicht originär antideutsche Unterfangen entzündete sich an einer Meldung über die vatikan-katholische Herkunft der „Pace“-Fahne: Demnach war es ein katholischer Priester und Missionar, der im Rahmen seiner Tätigkeit in der Anti-Globalisierungsbewegung die Idee hatte, die Regenbogenfahne, die bisher für sexuelle Emanzipation stand, nunmehr für das Gegenteil zu verwenden, für die antiglobale Internationale der Moralunternehmer und Gerechtigkeitsapostel. Die Folgen konnten in ganz Europa besichtigt werden, Millionen dieser Fahnen hingen aus allen möglichen Fenstern.

Die „Pace“-Fahne avancierte zusammen mit der palästinensischen zum Wahrzeichen der Antikriegsbewegung weltweit. Grund genug darauf hinzuweisen, dass Schwule in den Palästinensischen Autonomiegebieten verfolgt werden und dass Israel das einzige Land der Region ist, das Angehörigen sexueller Minderheiten volle Bürgerrechte garantiert. Diese einfache Wahrheit wurde von den unpolitischen Teilnehmern des Schöneberger CSD durchaus verstanden, von den Kreuzbergern aber zum Großteil nicht. Dennoch war eine Flurbereinigung notwendig geworden, weil eine relevante Minderheit sich spontan dem Block anschloss.

Der linke Mob in Aktion

Die hysterischen Aufrufe zur Gewaltanwendung vom Lautsprecherwagen wurden nicht zu hundert Prozent befolgt. Zeigten einige spontane Zustimmung und demonstrierten tatkräftige Unterstützung, solidarisierten sich andere, obschon sie inhaltlich mit dem queer.for.israel-Block wenig anzufangen wussten, eben aufgrund der Gewaltandrohungen. In den darauf folgenden Wochen legitimierten die Veranstalter des „transgenialen CSD“ ihre Gewalt- und Ausgrenzungsaufrufe in einer Weise, wie es sich bis dato nicht einmal jener antiimperialistisch-palästinensische Mob getraut hatte, der im April vergangenen Jahres eine Veranstaltung der BAHAMAS-Redaktion gewaltsam sprengte. Das mag zum einen daran liegen, dass in der Linken insgesamt die Gewaltandrohungen gegen Antideutsche Konjunktur haben – gemäß der stalinistischen Logik der Säuberungen, dass man totschlagen sollte, was man nicht versteht und deswegen als bedrohlich empfindet –, zum anderen legt die Kreuzberger Szene ganz besonderen Wert auf Homogenität und Widerspruchsfreiheit und neigt zu Dekompensierungen, wenn Einzelne oder Gruppen Dissens anmelden.

Dementsprechend stellten sich die Ereignisse für die Teilnehmer des queer.for. israel-Blocks dar: „Am Hermannplatz angekommen nahm man uns die letzten Zweifel, ob es sich hier um eine emanzipatorische Veranstaltung handelt. Einer von uns wurde gefragt, ob er ein Nazi sei, wegen der kurzen Haare und der Israel-Fahne. Eine der Veranstalterinnen (...) erklärte uns, mit unseren Fahnen könnten wir nicht an der Demo teilnehmen, man sei hier gegen alle Fahnen. Von der Bühne aus forderte sie dann die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Demo auf, uns die Teilnahme zu verweigern. Wie, ließ sie offen. Doch der linke Mob hatte verstanden. Einer versuchte, eine unserer Fahnen mit seiner Zigarette anzuzünden, andere versuchten, uns die Fahnen zu entreißen. Mehrmals wurde die israelische Fahne seitens Antonio Caputos (Drag King, „CSD-Hoheit“ 2003, Anm. d.A.) von der Bühne aus als ‚Drecksflagge‘ beschimpft. Einer der Teilnehmer, der sich ‚gegen jeden Krieg‘ aussprach, faselte von der Blutspur, die die Rote Armee 1945 durch Westeuropa gezogen habe. Auf die Rückfrage, wer denn Auschwitz befreit habe, hieß es, da hätte es wohl für die Russen nichts mehr zu quälen gegeben (...) Uns wurde vorgeworfen, wir würden nicht über die Verfolgung von israelischen Schwulen reden. Auf die Nachfrage, woher er denn von dieser angeblichen Verfolgung wisse, hieß es, es sei doch bekannt, dass im israelischen Parlament 60 % Rechtsradikale sitzen. Bekannt ist das sicher – in der Nationalzeitung, in der jungen Welt und nun offensichtlich auch in ‚transgenialen‘ Homo-Kreisen. Wir möchten nicht wissen, welche antisemitischen Märchen von diesen ‚Alternativen‘ noch geglaubt werden. Exquisit auch die Anfrage an Teilnehmer unserer Initiative, wie lange man sich denn schon mit Geschlechterverhältnissen beschäftige. Auf die Antwort ‚Seit 25 Jahren‘ gab es ungläubiges Staunen und die Rückfrage, ob man denn überhaupt schwul sei. Wie das dann allerdings beweisbar sei, dem wurde dann doch nicht nachgegangen. Auch die Beschwerde, bei unserer Initiative seien bekannte Heteros beteiligt gewesen, zielte ein wenig ins Leere – so ist doch in jedem CSD-Aufruf davon die Rede, das jeweilige Event richte sich an ‚Lesben, Schwule und ihre FreundInnen‘. Wir wurden als ‚Faschisten‘ und ‚Rassisten‘ beschimpft. Immer wieder wurden wir körperlich angegriffen, so dass wir schließlich nur unter Polizeischutz am Schluss der Demo mitlaufen konnten.“(3) 

Transgenial gegen Arschficker

Eine Woche nach dem CSD veröffentlichte eine Group for love, respect, resist die eingangs zitierte Anklageschrift unter der bemüht schlüpfrigen, das Niveau jedes Provinzstammtischs unterschreitenden Über­schrift „Ultradeutsche KriegsbefürworterInnen penetrieren Kreuzberger CSD von Hinten“, auf indymedia, wo diese Art von Nazi-Humor viele Anhänger hat – ohne dass den Autoren auffiel, wie degoutant diese Formulierung anlässlich einer Auslassung zum schwulen Feiertag wirken muss. In einer Wahrnehmungswelt jedoch, in der schon dem Wort Penetration der Geruch sexueller Gewalt anhaftet, trifft der Analverkehr, den man sich offenbar nur als erzwungenen vorstellen kann, das Gemeinte ebenso wie jede andere Form der sexuellen Praktik, die die säuberlich getrennten Bereiche von Lust und Schmerz amalgamiert. Lange ist die Zeit vorbei, als Grace Jones mit der eindeutigen Anspielung „Pull up to the bumper“ (etwa: Komm ran an meine Stoßstange) einen Disco-Hit landen konnte, der den Analverkehr geradezu feiert. Die aus der Überschrift sprechende Homophobie ist alles andere als ein Zufall und die dementsprechende Obszönität der Selbstrechtfertigung genauso wenig: Das Tragen der israelischen Fahne, so die Autoren, solle deren Träger gegen Kritik immunisieren – angesichts der verbalen und physischen Bedrohungen und Übergriffe auf dem transgenialen CSD eine schlicht groteske Behauptung. Die Beteiligung von Mitgliedern verschiedener antideutscher Gruppen unterschiedlicher sexueller Orientierung, die ihre „Solidarität mit den verfolgten Schwestern in Palästina“ und gegen „den islamischen Tugendterror“ – so die Schilder – demonstrierten, musste zur feindlichen Übernahme umgelogen werden, um unter den Teppich zu kehren, dass das antideutsche Virus nun auch diese, sich bislang immun wähnende Szene erreicht hat.

Keineswegs entdecken die Antideutschen eine „Homofrage“, wie die Autoren mutmaßen: Lesben und Schwule entdecken die Antideutschen und lesbische und schwule Antideutsche halten die Zeit für reif, als solche politisch zu intervenieren. Dafür gibt es Gründe, deren einer Ausdruck jene schwulenfeindliche, ja sexualfeindliche Über­schrift des Pamphlets selbst ist: Ein Kulturrelativismus, der die Verfolgung der so genannten Perversen nicht einmal leugnet, sondern rechtfertigt; ein Rassismus, der Schwulen und Lesben außerhalb der Metropolen ihr Recht auf sexuelle Identität absprechen will; die Solidarität mit völkischen Mordbanden im Namen des Antiimperialismus – und nicht zuletzt die dazu nötige Verleugnung der eigenen Existenzbedingungen.

„Im Nachhinein besehen war es falsch, nur die Runternahme der Fahnen zu fordern sondern es hätte eindeutig klar gestellt werden müssen, wer sich für den Krieg positioniert und Auschwitz dazu instrumentalisiert ist nicht willkommen. Wir müssen einfach nicht zu jedem Arsch der Welt tolerant sein, und schon gar nicht am CSD.“ Zu Weihnachten reden wir nicht über Politik, hieß es früher am heimischen Gabentisch, nur der „Arsch“ (sic) passt nicht in die heile Welt, wo alle gegen Krieg und andere böse Dinge sind. Und weil man selbst zu Auschwitz nichts zu sagen hat, wirft man anderen Instrumentalisierung vor. Aber dennoch erzählt die hate speech davon, wie groß die Notwendigkeit gewesen sein muss, die Verhältnisse dem Publikum zu erklären, das ansonsten auf die Idee kommen könnte, dass das Naheliegende auch die Wahrheit ist: dass es sich bei den Veranstaltern um ordinäre Anti­zionisten handelt. Deshalb muss noch an ein paar wichtige Grundsätze erinnert werden: „Politik ist ein schmutziges Geschäft. Ohne Seele, ohne Herz und Respekt ...“ – An dieser Stelle klinken wir uns aus, bevor der Lidstrich verrutscht. Justus, ein Taschentuch bitte!

Ein bisschen länger brauchte die Pressegruppe des „transgenialen CSD“, um sich zu entäußern (4). Man musste erst recherchieren, was schon längst überall nachzulesen war, nämlich dass sich queer.for.israel auf der antideutschen kommunistischen Konferenz zusammengetan hat. Es sei den „so genannten ‚Anti-Deutschen’“ darum gegangen, „den Kreuzberger CSD für ihre Positionen zu vereinnahmen oder eine Konfrontation herauszufordern. Diese Strategie verfolgen sie seit einiger Zeit auf diversen linken Veranstaltungen mit dem Ziel ‚die Linke an der Kriegsfrage zu spalten‘ und ihre Position der ‚Verteidigung einer westlichen Zivilisation auch mittels Kriege‘ vehement an die Öffentlichkeit zu bringen.“ Sie machen sich nicht einmal die Mühe, Zitate zu fälschen, sie erfinden sie einfach, und schon ist man, wenn schon nicht Opfer einer Verschwörung, so doch wenigstens einer Strategie, die es gar nicht gibt. Antideutsche sind schon merkwürdige Leute, „zumeist nicht-jüdische Deutsche, die die israelische Flagge funktionalisieren: Mit diesem stark aufgeladenem Symbol sollen ihre eigenen Positionen möglichst widerspruchsarm durchgesetzt werden.“ Warum dieses Symbol in diesem Land so „stark aufgeladen“ ist, dazu kein Wort. Aber die Walsersche Moralkeule schwingt mit und meint die Juden, nicht die Antideutschen, wenn man sich als „nicht-jüdischer Deutscher“, der sich alles vorstellen kann außer Analverkehr und Solidarität mit Juden, durch ein blau-weißes Stück Stoff mit Davidstern eingeschüchtert fühlt und deswegen an eingebildeter Widerspruchsarmut leidet, der landestypischen Form der Hypochondrie.

Kreuzberg homogen

„Die Anwesenheit dieser Gruppe traf uns völlig unerwartet.“ Mit diesem Satz werden nicht etwa die Übergriffe entschuldigt, was an sich schon bezeichnend gewesen wäre, sondern bedauert, dass man nicht noch entschlossener vorgegangen sei, denn schließlich „akzeptieren (wir) Türkenhatz genauso wenig wie Schwulenklatschen. Das Schild ‚Stopp den islamischen Tugendterror‘ ist ein Affront gegen große Teile der Kreuzberger Bevölkerung; es ist als Provokation gemeint und kann nur als solche verstanden werden.“ Selbstverständlich, gerade in Kreuzberg. Abgesehen davon, dass Provokationen der heterosexuellen Normalität früher einmal zur Tradition des CSD gehörten, was ist daran falsch? Zumal in einem Stadtteil, in dem Homophobie und Antisemitismus zum gemeinsamen Dritten der dort lebenden Ethnien geworden sind und in dem atheistische oder liberale Moslems massiven Angriffen ausgesetzt sind.(5) Genauso haben es einige arabische Männer verstanden, die den Träger des Schildes zuerst fragten, ob man denn wirklich gegen die „palästinensischen Banden und Terroristen“ sei, um ihm dann beinahe um den Hals zu fallen.

Abschließend fragt die Pressegruppe augenzwinkernd sich selbst und ihr Publikum, dessen Einverständnis voraussetzend, „wie wir in Zukunft mit einer Gruppierung umgehen können und wollen, die die Ziele der Demonstration und den Ausdruck des politischen Bewusstseins der DemonstrantInnen torpediert?“ Dass ausgerechnet solche Leute dann davon schwafeln, wie ausgrenzend Nationalfahnen sind, um den Status quo im Kiez aufrecht zu erhalten, zeigt von welcher Sorte der Frieden ist, den sie meinen: Bei einer palästinensischen Fahne hätten sie niemals einen solchen Skandal inszeniert, im Gegenteil, womöglich verzichteten sie aus Rücksicht auf die Homophobie „großer Teile der Kreuzberger Bevölkerung“ bewusst darauf, ihre unverbrüchliche Solidarität mit dem palästinensischen Volk nicht nur verbal, sondern auch visuell unter Beweis zu stellen. In der Tat steht die Frage andersrum: Was haben israelische und Regebogenfahnen auf einem völkischen Aufmarsch zu suchen? Die Intervention war nicht als Provokation gemeint, sie sollte auf der Selbstverständlichkeit bestehen, dass man sich überall mit Davidstern bewegen können sollte, und die Vereinnahmung des Regenbogens für antiemanzipatorische Zwecke öffentlicher Kritik unterziehen.

Nicht irgendwelche Kreuzberger Jugendliche, deren stärkstes Pejorativ neben „Jude“ „Schwuler“ ist, haben nun fast dafür gesorgt, dass der Kiez sauber bleibt, sondern die Transgenialen – und wie anders soll man das nennen als „Identifikation mit dem Aggressor“, in der Hoffnung man möge in Ruhe gelassen werden? Denn in der Oranienstraße begab sich noch dieses: „Die Situation spitzte sich immer weiter zu. Aus der Demo heraus kamen weiter Beschimpfungen: ‚Nehmt die Fahnen runter!‘ (...) Ein Demoteilnehmer ‚warnte‘ uns außerdem, es würden sich ‚Leute von der Hamas‘ in Kreuzberg sammeln, und drohte, die würden uns dann verprügeln. Mittlerweile begleiteten am Rand auch ca. 10 bis 15 migrantische Jugendliche (...) unsere Fahne, die von einem Israeli getragen wurde. Sie stellten uns auf der Hälfte zwischen Adalbertstraße und Heinrichplatz, als die begleitenden Polizisten abgezogen waren. Sie forderten uns auf, die Israel-Fahne einzupacken. Einer erklärte, er sei drei Mal von den ‚israelischen Schweinen‘ angeschossen worden. Er rief ‚Scheißjuden‘ und versuchte den israelischen Teilnehmer des CSD anzugreifen. Eine Gruppe von Leuten stellten sich zwischen die Jugendlichen und den Israeli mit der Fahne. Die Gruppe löste sich auf, der junge Mann versuchte auf der anderen Seite erneut in unsere Gruppe zu kommen (...) Daraufhin haben wir die Einsatzleitung kontaktiert, die sich zunächst mäßig interessiert zeigte, einzuschreiten und uns bzw. dem Wagen Schutz zu gewähren. Erst als erklärt wurde, ein Israeli sei beschimpft worden, fanden sich die Beamten bereit, uns zu begleiten (...) Bei der Abschlusskundgebung erklärte der Hauptredner gerade: ‚Wir wollen hier keine anderen Fahnen als Regenbogenfahnen sehen!‘ Er höhnte, dass das ja auch die anderen mit ihren Fahnen (gemeint waren wir) eingesehen hätten: ‚Pech gehabt.‘ Dann erklärte er, wir hätten uns ja an der Vorbereitung beteiligen und unser Interesse dort vorbringen können. Im späteren Verlauf verlas ein Redner noch einen Beitrag der israelisch-amerikanischen Gruppe ‚Black Laundry‘(6), der die ‚Besatzungsmacht‘ geißelte und zur Solidarität mit den Palästinensern aufrief. Nach diesem Redebeitrag ist Pünktchen (eine Berliner Lokalgröße, Anm. d.A.), die mit uns vom Hermannplatz losgegangen ist, mit einem unserer Schilder (‚Solidarität mit den verfolgten Schwestern in Palästina‘) auf die Bühne gekommen. Sie äußerte mit dem Verweis darauf, dass sie sich im Klaren darüber wäre, hier keinen Konsens zu finden, eine pro-israelische Haltung und widmete das folgende Lied Israel. Während des Liedes ist dann in ihre Richtung eine Flasche auf die Bühne geworfen worden, die jedoch nicht traf. Das veranlasste die Veranstalter nur zu einem sehr lahmen Hinweis, dass solches doch besser unterbleiben solle.“ (7)

Dabei ist die Ruhe schon lange eine trügerische. Auf der abendlichen Party am Heinrichplatz gab es, wie in den vergangenen Jahren schon und vollkommen unabhängig vom Auftreten von queer.for.israel, wenigstens verbale Übergriffe auf Schwule und Lesben seitens jener, zu deren Schutz vor den bösen Antideutschen man sich berufen fühlt. Schon seit Jahren werden Vorfälle unter den Teppich gekehrt, bei denen am Davidstern als jüdisch erkenntliche Schwule und Lesben beschimpft wurden. Niemand, der einen jüdischen Besucher aus dem Ausland hat, wird es unterlassen, ihn zu bitten, den Davidstern in Kreuzberg nicht zu tragen – und zwar nicht erst seit vorgestern.

Lebensstil vs. Kultur

Zur großen Freude der Gruppe für Liebe, Respekt und Widerstehen: „Irritiert haben dürfte sie (die Antideutschen, Anm. d.A.) sicherlich auch, dass sie erstmals offensiv damit konfrontiert wurden, dass sie nicht mehr willkommen sind. Diese Zeit selbstverständlich auf linke Demos gehen zu können sind damit vorbei.“ An jenem Nachmittag hieß es schlicht: „Juden raus“, aber das lässt sich offensichtlich doch verdruckster formulieren. Zumindest gab es auf indymedia viel Lob für die Verfasser dieses Aufrufs zur Hatz auf die Unbotmäßigen. Wie anders dagegen die Reaktion auf dem Schöneberger Umzug. Nicht alle waren einverstanden, aber es wurde diskutiert. Die Mehrheit jedoch verstand das Anliegen sofort, eben weil sie keine Linken waren, die ihr Einzelinteresse vor dem allgemeinen rechtfertigen müssen, sondern ganz unpolitisch ein bisschen Egoismus gelernt haben. Auffällig ebenfalls, dass der Schöneberger CSD sehr viel internationaler und bunter war, als der dies für sich reklamierende Kreuzberger, der in seiner erschreckenden Uniformität die Sehnsucht der Veranstalter nach homogenisierter Gemeinschaft mustergültig zum Ausdruck brachte.

Schon die Gleichsetzung des CSD mit „linken Strukturen“ – wo doch gerade diese sich historisch und aktuell so überhaupt nicht um die Emanzipation der Homosexuellen verdient gemacht haben – verdeutlicht, wer hier was „instrumentalisiert“ und „penetriert“ hat: Ein kleines Grüppchen von Leuten, an denen die Auseinandersetzung um den diesjährigen linksradikalen 1. Mai – für dessen eine Demo wenigstens ein Israel-solidarischer Block angekündigt war – ebenso spurlos vorbei gerauscht ist wie jede selbstkritische Reflexion seit, sagen wir, 1975, hat die Organisation des linken CSD gekapert. Sie erhofften sich von den unpolitischen Queer people, dass sie jede linke Mode mitmachen, solange es für eine gute Party reicht. Gerade sie, nicht die Schöne­berger, rechnen mit dem opportunistischen Potential von Minderheiten, die sich einer wachsenden, aber dennoch kaum fassbaren Bedrohung gegenübersehen. Der queer. for. israel-Block hat diesen entpolitisierten Konsens gesprengt, nun fürchten die Transgenialen um ihre Pfründe. Denn einige werden sich noch erinnern, wie Anfang der Neunzigerjahre der alternative CSD aus der Gegnerschaft zum wiedervereinigten Deutschland entstand, aus der Notwendigkeit, sich gegen einen antisemitischen Mob zu wenden, mit dem man sich nun gemein macht, weil er nicht mehr in erster Linie aus deutschen Volksgenossen besteht. Der Judenhass der anderen ist irgendwie exotischer und radikaler – und nicht mit Auschwitz belastet.

Ende der Neunziger ging man nach Kreuzberg, weil man nicht mit den anderen durchs Brandenburger Tor marschieren wollte – und heute fordert man, ganz menschenrechtsimperialistisch, neben der „Erhöhung der Entwicklungshilfe“: „Gegen Sextourismus und gegen den Export westlicher Lebensstile in andere kulturelle Kontexte!“ Schon die Sprache verrät die Intention: Ein Lebensstil ist wähl- und wechselbar, die Grundbedingung von – wie immer gesellschaftlich eingeschränkter – Individualität; der kulturelle Kontext hingegen ein unhintergehbarer biografischer Kerker, aus dem es kein Entrinnen gibt. Gemeint sind eben nicht nur autochthone Völker und Kulturen anderer Kontinente, gemeint ist vor allem der eigene, deutsche Kontext. Und daher die Aufregung: Auf dem Kreuzberger CSD prallten westlicher Lebensstil und deutscher Kontext unvermittelt aufeinander. Selbst queer.for.israel hatte nicht damit gerechnet, dass eine Demonstration sexueller Minderheiten ein Aufmarsch zur Verteidigung des antizivilisatorischen Ressentiments ist.

Die Umkehrung, die der Berliner CSD 2003 markiert – dass mit einem Mal der Kreuzberger CSD für das steht, was in seinem Anfang am offiziellen kritisiert werden sollte, während im offiziellen, trotz Klaus Wowereit und alledem, jene Spur von Kosmopolitismus zu finden war, die im heutigen Deutschland einen Dissens formuliert –, ist mehr als ein weiterer Beweis für die linke Regression: In ihr vermittelt sich, wie wenig die Kreuzberger Transgenialen noch einen Begriff von Befreiung haben und wie sehr ihr Antiimperialismus zugleich der Konsens der Berliner Republik ist. Ihr Trans-Nationalismus verheißt nicht Glück, sondern Unglück für alle, nicht Freiheit, sondern Unfreiheit. In anderen Worten: Sie demonstrieren, vorsichtig formuliert, für ihre eigene Abschaffung. Die feiernden Besucher des Schöneberger CSD hingegen demonstrieren gar nicht, sie präsentieren sich selbst und nichts anderes – ebenso wie die Besucher entsprechender Veranstaltungen in Tel Aviv, Kapstadt, San Francisco und sonst wo. Indem sie das tun, vermitteln sie mehr vom Anspruch aufs eigene, höchst private Glück, das es vor den Zumutungen der moralischen Vergemeinschaftung zu verteidigen gilt, als jede Phrase des attac entliehenen transgenialen Forderungskatalogs es je könnte und vor allem: wollte.

Tjark Kunstreich / Christian Wagner (Bahamas 42/2003)

 

Anmerkungen:

1) Dieses und folgende Zitate sind in Originalorthografie wiedergegebe. (www.zdk.ber lin.de)

2) Der Aufruf, die gesamte Debatte und mehr sind zu finden auf: www.queerforisrael.tk.

3) queer.for.israel, And I’m not sorry, www.queerforisrael.tk

4) Mit der Debatte auf: www.etuxx.com.

5) Vgl. Zentrum für demokratische Kultur (Hg.): Demokratiegefährdende Phänomene in Kreuzberg und Möglichkeiten der Intervention – ein Problemaufriss. Berlin, Februar 2003

6) Diese Gruppe ist explizit antizionistisch und relativiert die Verfolgung von sexuellen Minderheiten in den Palästinensischen Autonomiegebieten. Grund genug für die Group for love, respect, resist sich „positiv und praktisch“ auf sie zu beziehen.

 7) And I'm not sorry, a.a.O.