Wir Freunde des amerikanischen Krieges

Warum man Israel nicht kritisieren darf und auf die Liebe kein Verlaß ist

 

Nun ist es also geschehen, die Antideutschen haben gefunden, was sie heimlich immer schon suchten, ein Vaterland. In den frühen 90er Jahren verdächtigte man sie, verkappte Deutsche zu sein, in deren verrückter, zum Haß gesteigerter Kritik längst eine geheimnisvolle Identität mit deren Objekt angelegt sei. Später warf man ihnen vor, Verrat an der einigenden Ideologie des Antinationalismus zu üben, die sie angeblich selber hervorgebracht hätten, und jetzt hat man sie als Jubeldeutsche für den US-amerikanischen Imperialismus ertappt. Diesem Teufelspakt mit der Macht würden sie sich nicht mehr entziehen können, ab jetzt seien sie darauf festgelegt, jedes weitere Agieren der USA irgendwie gutzuheißen, unken die einen. Ein verrücktes Modell des Histomat, das der Welt erst eine bürgerliche Revolution verordnen wolle, bevor an den Kommunismus überhaupt zu denken sei, habe Antideutsche zu einem Politizismus verleitet, der die theoretische Kritik zugunsten scheinbar gebrauchstüchtiger Analysen des Tagesgeschehens verrate, weshalb sie sich schon gar nicht mehr jenseits des unterschiedslos barbarischen Geschehens stellen könnten, wissen andere. Grund genug, über alles Trennende hinweg sich darin einig zu sein, daß nicht nur „Verehrern des deutschen Friedens“, sondern auf alle Fälle auch den „Liebhabern des amerikanischen Kriegs auf das zuletzt aufgerissene Maul zu hauen“ sei. Solch griffige Prosa, die gemeinhin irgendein vereinsamter Wursthaarträger mit Vorlieben für den Genderdiskurs im Open Posting von Indymedia unterbringt, erschien nicht etwa in einer entsprechenden Sudelecke, sondern ganz prominent in der Kolumne des konkret-Herausgebers Hermann L. Gremliza. Wer so redet, muß den Liebhabern des amerikanischen Krieges, die bekanntlich mit Vorliebe israelische Fahnen auf Demonstrationen und Kundgebungen mitbringen, in ihrer ureigenen Disziplin, der bedingungslosen Solidarität mit dem jüdischen Staat Paroli bieten. Solidarität mit Israel, die bedingungslos ist, weiß mit Hermann Gremliza inzwischen schon ganz Deutschland, ist totalitär und von Propaganda für Israel nicht mehr zu unterscheiden. Diejenigen, die im April in der Frankfurter Au Freunden Israels wegen der Parole „Save Israel“ auf das zuletzt aufgerissene Maul geschlagen haben, wissen nun aus der Feder von Deutschlands berühmtesten linken Kolumnisten, daß sie Recht getan haben.

Propaganda für Israel?

Andere, die immer nur sagen wollten, was gegen Israel spricht, es sich in den letzten Jahren aber kaum zu sagen trauen durften und darüber die Sprache verloren, dürfen nun wieder frohgemut stammeln, schließlich ist auch der Wortmächtige inzwischen auf ihrem Niveau angekommen. „Viel besseres kann der Kommunist mit dem angefangenen Jahrhundert nicht anfangen, als die Hauptfeinde dieser ‚Bewegung‘ vor ihr in Schutz zu nehmen: Israel und die USA, und doch gegen beide zu sagen, was nicht für sie spricht. ‚Bedingungslose Solidarität‘ mit den USA ist Sache des Bundeskanzlers, Israel-Propaganda die des Springer-Redakteurs. Wer die USA gegen die Deutschen und ihr Europa nur verteidigen kann, wenn er jede Nennung der Interessen und der in diesen begangenen Verbrechen der US-Politik leugnet, taugt als Verteidiger so wenig wie als Kritiker.“ Zur Schande gesellt sich der Spott. Wer blanke Ressentiments verbreitet, muß bitter erfahren, daß dem konsensheischenden Ersatz für Kritik sich die Sprache verweigert und er dazu verurteilt ist, irgendwelche Amerikaner in Interessen Verbrechen begehen zu lassen. Früher wäre das nicht von Gremliza formuliert, sondern von ihm zu Zwecken der Erledigung im Express zitiert worden, aber das Unheil mit der Sprache nimmt seinen Lauf, wenn die Wahrheit zum Objekt fortschreitenden Mißbrauchs wird. Da ist zum Beispiel die doppelte Unwahrheit, Ungenannten zu unterstellen, sie stünden in bedingungsloser Solidarität zu den USA wie der Bundeskanzler. Daß bedingungslose Solidarität allein gegenüber Israel eingefordert wird, und zwar von Leuten, die einen antifaschistischen Krieg der USA befürwortet haben, und daß Gerhard Schröder zwar von bedingungsloser Solidarität mit den USA nach dem 11.09.2001 gesprochen hat, aber alles tut, um dem Versprechen keine Taten, sondern Untaten folgen zu lassen, wird um einer flotten Formulierung und um einer „glasäugigen und hinkenden“ Wahrheit willen einfach geleugnet.

Hau den Axel Springer

Propaganda für Israel sei schließlich die Sache der Springer-Presse, vermeldet Gremliza im gleichen Atemzug, und nicht die von Kommunisten. Einer, der soeben Leute, die immer Palitücher tragen und sich nur allzu gerne Kommunisten nennen, mit einer zwischen Buchdeckel gepreßten Talkrunde bezaubert hat, in der er sich selbst vom Stargast, dem antizionistischen Scharfmacher Zuckermann, zwar noch mühsam distanziert, aber allein durch das Unternehmen selber schon einer mehrheitlich antisemitischen deutschen Linken handfesten Israel-Haß zur Identitätsstärkung vorlegte, wird die Folgen seiner propagandistischen Untat zu tragen haben: Er hat in einer scheinbar mit Israel halbwegs solidarischen Linken, die es nicht aus freien Stücken ist oder besser war, sondern allein der mächtigen Drohungen wegen, die häufig von ihm selber stammten, andernfalls öffentlich vorgeführt zu werden, die Tür hübsch weit aufgemacht fürs Ressentiment. Inzwischen wird in Marburg und anderswo tief durchgeatmet und alle, die aus Sorge um den eigenen Ruf bislang verbiestert geschwiegen haben, tragen ihre Bedenken wieder vor, fast wie in jenen schönen Jahren vor dem ersten Irakkrieg. Propaganda, das was die Welt laut Gremliza veranstalte, wenn sie zu Israel schreibe, betreibt er selber, wenn er den Zuckermann-Diskurs zu den noch nicht offen antizionistische Linken bringt. Propaganda, ein Begriff, der mit Polemik und Agitation munter durcheinander geworfen wird, ist den Klassikern zufolge das: „Propaganda macht aus der Sprache ein Instrument, einen Hebel, eine Maschine. Propaganda fixiert die Verfassung der Menschen, wie sie unterm gesellschaftlichen Unrecht geworden sind, indem sie sie in Bewegung bringt. Sie rechnet damit, daß man mit ihnen rechnen kann (...). Noch die Wahrheit wird ihr bloßes Mittel zum Zweck, Anhänger zu gewinnen, sie fälscht sie schön, indem sie sie in den Mund nimmt. Deshalb kennt wahre Resistenz keine Propaganda. Propaganda ist menschenfeindlich. Sie setzt voraus, daß der Grundsatz, Politik solle gemeinsamer Einsicht entspringen, bloß eine facon de parler sei.“ (1) Es ist bekannt, daß die Linke nicht die Welt liest, sondern viel lieber die Frankfurter Rundschau, die ihrerseits wiederum wegen ihrer ausgewogenen Israelberichterstattung von Nazi-Netzwerken zur Lektüre empfohlen wird. Es könnte aber bekannt sein, daß die Welt von allen Tageszeitungen in diesem Land die einzige ist, die um eine sorgfältige Berichterstattung über Israel und den Nahen Osten bemüht ist; die weiß, welchen Ressentiments es auch bei den eigenen Lesern zu wehren gilt und die sich der Sache der Aufklärung verpflichtet sieht, wenn sie mit einer Zähigkeit und Geduld, die angesichts des doch vergeblichen Unternehmens nur Bewunderung auslösen muß, die wahren Verhältnisse vor Ort gegen jenen zur Wahrheit schön gefälschten Haß ausbreitet. Ich weiß, daß Hermann Gremliza kein Propagandist im Sinne der Definition Adornos sein will, aber unfreiwillig genau dann eben doch einer wird, wenn er Politik macht, die scheinbar das antisemitische Übel angreift, aber zugleich den israelhassenden Antisemiten ihr Diskursplätzchen zuweist, anstatt sie ohne Rücksicht auf Leserrückgang vor sich herzutreiben. Zur Propaganda wird die Sache dort, wo er die sogenannte Israel-Kritik, für die in scheinbar gesitteteren Kreisen seit Jahren schon der Zuckermann steht, nicht als Mittel der Antisemiten zum Zweck, Anhänger zu gewinnen, denunziert, sondern seinerseits am Gespräch unter Politikern partizipieren will, die wissen, daß man auf Zuspruch rechnen kann, wenn der jüdische Staat deutschen Linken zum Diskursfraß vorgeworfen wird. Die Auslieferung Israels an den gesunden Menschenverstand bedient den niedrigsten Affekt, der unter deutschen Linken anzutreffen ist, den von Generation zu Generation weitergereichten pathologischen Haß auf einen erfolgreicheren Konkurrenten auf dem Feld der Propaganda: Die Springerpresse. Und noch der richtige Verweis, deren Produkte betrieben Propaganda, verkehrt sich zur abstoßenden Lüge, wenn dieser Vorwurf auf die Berichterstattung zu Israel gemünzt ist. Die Springer-Presse, die seinerzeit einen Mann zum Mordanschlag auf Rudi Dutschke aufgehetzt hat, hat mit Dutschke verrückterweise indirekt einen getroffen, der im Zeichen des Sozialismus die nationale Aussprache betrieben hat wie kein anderer und der nicht zufällig am Ende seiner Tage mit dem Öko-Nazi und Antisemiten Baldur Springmann in einem Boot saß. Wer verkennen will, daß die Springerpresse auch in ihren übelsten Jahren – und das waren die um ’68 – die APO nicht nur mit faschistoider, antikommunistischer Hetze bedachte, sondern gegen die gleiche APO auch die Verteidigung Israels gegen seine vorwiegend linken Kritiker hochhielt, verkennt auch, daß dieselbe Springerpresse weniger konsensfähig war und ist als der Rudi Dutschke es am Ende seines Lebens war und mehr noch posthum geworden ist. Wer eben dies verkennt, der tut das absichtsvoll in Abwehr der Wahrheit und um der Bewahrung eines Ressentiments willen, das an Axel Springer schon seit 1967 immer auch den Freund Israels haßte. Heute, wo sich die Welt in nichts außer in der Außenpolitik und hier insbesondere der Israelsolidarität vom Mainstream unterscheidet, ihr genau da „Propaganda“ vorzuwerfen, wie alle es tun, wenn jemand sich für Israel ausspricht – genau das ist eben: Propaganda.

Was spricht gegen Israel?

Niemand hat sich bis heute – von antideutschen Kommunisten einmal abgesehen – der Mühe unterzogen, das Märlein vom ganz normalen bürgerlichen Staat Israel zu denunzieren. So hätten es die gerne, die dem ganz normalen Israel halbwegs normale Verhältnisse im kämpfenden Palästina entgegenstellen wollen. So hätten es die Wertabspalter gerne, die einfach nicht verstehen können, warum Israel kein faschistischer Staat ist und auch keiner werden kann. Diejenigen, die aus zumeist unredlichen Gründen dauernd besorgt nachfragen, warum denn beim Bürger Israels nicht genau jenes Krisenpotential angelegt sei, das andernorts den autoritären, gemeinschaftlichen Schulterschluß mit dem Staat gegen die Juden als Option stets parat hätte, sind weder zu einer Staatskritik fähig, die kommunistisch genannt zu werden verdiente, noch haben sie es je mit der Universalgeschichte ernst gemeint, als deren Bestandteil notwendig und geschichtsmächtig die Ideologie auftritt. Nie haben sie auch nur versucht, bürgerlicher Gesellschaft auf den materialen Grund zu gehen. Sie haben solange abstrahiert, bis die Luft dünn genug geworden ist, daß jede staatliche Veranstaltung der nächsten gleich geworden ist. Jede Gesellschaftsform, in der Arbeit, Warentausch, Staatsgewalt etc. vorherrschen, trägt so wie von selbst den Geist, der ein neues Auschwitz ausbrüten könnte in sich. Zu seltsamen Höhen gerät dies gerade dort, wo barbarische Gesellschaftsformationen nur deshalb als „Zivilisation“ mit allen anderen, bürgerlichen Gesellschaften gleich gesetzt werden, weil sie nach kapitalistischen Verwertungskriterien funktionierten. Ein solcher Anschlag ereignete sich zum Beispiel jüngst in Leipzig, als einer sich nicht entblödete, Saddam-Irak und die Vereinigten Staaten von Amerika auf eine Stufe zu stellen, weil in beiden Staaten das Tauschverhältnis durchgesetzt und staatlich abgesichert werde. Im Falle Israels wäre am einfachsten einzusehen, daß dort, wo die an Eigentum, Bildung, regionaler Herkunft, ja Hautfarbe und mitgebrachter Kultur einander Unterschiedlichsten sich aus einem identischen Wunsch aufeinander beziehen und miteinander leben, daß dort aus der Erfahrung der antisemitischen Zuschreibung und ihren materialen Folgen, der Gedanke an eine Vernichtungskonkurrenz der Vielen gegen die Wenigen nicht aufkommen kann: Daß dort soziale Kämpfe und alle möglichen Vorbehalte und Streitigkeiten zum Alltag gehören wie kaum irgendwo auf der Welt, daß dort nicht zufällig Politik immerhin häufig aus gemeinsamer Einsicht formuliert und betrieben wird und bürgerliche Staatlichkeit ohne die Drohung mit dem Entzug der Lebenschancen auskommt. Die gemeinsame Einsicht kann des nationalen Aufbaumythos weitgehend entraten und hält es aus, daß dem Pathos der Pragmatismus entgegenstellt wird; schließlich weiß man genug vom Nationalismus, um ihm zu mißtrauen. Solche Solidarität macht bei aller wenig paradiesischen Alltäglichkeit den israelischen Konsens aus. So könnte Zivilisation aussehen auf einem Außenposten – nicht als Ersatz für das kommunistische Ziel, nicht als Projektionsfläche für schlechte Identifikation, wohl aber als Hinweis darauf, was gesellschaftliche Voraussetzung für die Überwindung des Tauschprinzips ist, und auch als dauernder Hinweis darauf, daß es gerade denen gelang, die mit bürgerlicher Herrschaft die schlechtesten Erfahrungen gemacht haben.

Gremliza erkennt zwar an, daß Israel und die USA als die Lieblingsfeinde der No-Global-Bewegung vor dieser in Schutz zu nehmen seien, um dann aber hinzuzufügen: Es sei erforderlich, „gegen beide zu sagen, was nicht für sie spricht.“ Ich wüßte nicht, was gegen Israel sprechen sollte, ganz und gar nicht. Noch nicht einmal das Tun des Herrn Zuckermann spricht gegen Israel, weil er als Staatsfeind und objektiver Verbündeter europäischer Antisemiten in Jerusalem unangefochten lehren und publizieren kann. Ich weiß aber sehr wohl, daß Kritik an den USA, ausgesprochen von einem, der den Afghanistan- und den Irakkrieg mit Worten und Argumentationsfiguren abgemeiert hat, die sich von den Anklagen des pazifistischen deutschen Alltagsverstands nicht mehr unterscheiden, nur dazu geeignet sein kann, andere dazu anzustiften, denen mit der blau-weißen Fahne auf das zuletzt aufgerissene Maul zu hauen.

Liebe ohne Glasauge und Hinkebein

Eigentlich sehnt sich Hermann Gremliza nach geordneten Verhältnissen und führt einen genauso endlosen wie aussichtslosen Krieg gegen eine verkehrte Welt, die ihn immer von hinten zu bedrohen scheint, ohne daß er je von ihr lassen könnte. Da sind „sachsen analtinische“ PDS-Politikerinnen und das „Modell Analita“, das in der Bild inseriert, um sich von den Freiern „den Arsch aufreißen“ zu lassen, da ist Matthias Küntzel, der es sich von der „Speerspitze der Regression“ rektal besorgen läßt (2), und schließlich ein BAHAMAS-Redakteur, den er mit Daniel Kübelböck vergleicht, über den man eigentlich nur weiß, daß er seine Sache beim Superstar-Wettbewerb recht gut gemacht hat, obwohl oder weil er bisexuell ist, also nicht nur käuflich ist, sondern möglicherweise auch dem Rektalverkehr nicht abhold. Der da bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit zwanghaft in verklemmter Analerotik macht oder nachweist, warum deutsche Aristokraten in Notwehr Springer-Redakteurinnen „Fotzen“ nennen dürfen, tut es nicht etwa um der Schweinigelei willen. Gremliza, der sich weiterhin auf Karl Kraus, den großen Diskreten, beruft, der jede wirkliche oder vermeintliche Perversion dem öffentlichen Zugriff entziehen und der Sprache Kalauer aus öffentlichen Toiletten ersparen wollte, ist inzwischen auf die gar nicht so kleine Frage der Liebe zu sprechen gekommen und erweist sich als Moralphilosoph von deutschen Ausmaßen. Wahre Liebe steht für eine Sache, auf die jedenfalls Verlaß sein muß, und die niemals zur Ware Liebe verkommen darf. Wo Liebe mit Verlaß exzessiv ausgelebt wird, verfallen die Beteiligten fast schon automatisch nach einiger Zeit auf die Perversion, die im Analvekehr ja recht konsensual gefaßt wird, und läßt sie, schlimmer noch, auch auf Käuflichkeit, ergo Prostitution verfallen, auf die verbotenen Lüste also, die ein verläßlicher Aufklärer mit Scherzlein bedenkt. Über die Liebe also prägte Gremliza dieses Bonmot: „Auf eine Liebe, die vor Glasauge, Hinkebein und Zahnersatz der Braut die Augen schließt, war noch nie Verlaß.“ (06/03) Weil langanhaltende Treue nur funktioniert, wenn das Pfund Fleisch, das man da erworben hat, auch bei nüchterner Betrachtung halten muß, was es dem Verliebten versprach, der bekanntlich das Hinkebein und das Glasauge des Objekts seiner Begierde im Überschwang leicht übersieht und schon von daher zu richtiger Treue, die offenbar erst nach der Verliebtheit anbricht, nicht mehr recht befähigt ist, spricht Gremliza über die Liebe aus, was er über den Kommunismus insgeheim denkt. Er will sie nicht, die künstlichen Paradiese, den Luxus und die Lust. Sinnlichkeit erfährt er am nachhaltigen Material und fällt hinter den Kapitalismus auf der Höhe seiner eigenen Epoche zurück. Von dem sollte bekannt sein, was der Klassiker über ihn schrieb: „Die Bereicherungssucht als solche (ist) ohne Geld unmöglich; alle andere Akkumulation und Akkumulationssucht erscheint naturwüchsig, borniert, durch die Bedürfnisse einerseits, die bornierte Natur der Produkte anderseits bedingt“ (MEW 42, S. 96) (3)

Der gleiche Marx hat diesem Zitat eine Überlegung vorangestellt, die alles blamiert, was die Gremlizas dieser Welt über die Zuhälter-Anzeigen in der Bild-Zeitung dauernd verbreiten und was nicht zufällig einiges aussagt über das, was Old Europe über die USA denkt: „Die Austauschbarkeit aller Produkte, Tätigkeiten, Verhältnisse gegen ein Drittes, sachliches, was wieder gegen alles ohne Unterschied ausgetauscht werden kann – also die Entwicklung der Tauschwerte (und der Geldverhältnisse) ist identisch mit der allgemeinen Venalität, Korruption.“ Hier würde der amerikafeindliche Kommunist gerne die Lektüre einstellen, sich zurücklehnen und ausrufen: Da haben wir’s doch und sogar direkt vom Klassiker und der nächste Artikel über die kosovarische Provinz, wo der Mädchenhandel der einzige blühende Geschäftszweig sei, womit schon alles über den Kapitalismus gesagt wäre, ist schon so gut wie im Kasten. Indes, Karl Marx war noch nicht fertig. Es geht weiter: „Die generelle Prostitution erscheint als eine notwendige Phase der Entwicklung des gesellschaftlichen Charakters der persönlichen Anlagen, Vermögen, Fähigkeiten, Tätigkeiten. Mehr höflich ausgedrückt: Das allgemeine Nützlichkeits und Brauchbarkeitsverhältnis.“ (ebenda) Dieses allgemeine Nützlichkeits- und Brauchbarkeitsverhältnis produziert allgemeine, nicht bornierte Bedürfnisse und kommt bei der Brautschau entsprechend über islamistische Kriterien hinaus, wie das der körperlichen Eignung für  Schwerstarbeit oder die Fähigkeit zur Produktion von mindestens acht Kindern, von denen das eine oder andere vorab schon für Zwecke des Djihad bestimmt ist. Freigesetzt mit dem Einzelnen wird auch die Liebe und zwar durch die Herrschaft des abstrakten Prinzips, durch die schrankenlose Durchsetzung des Tauschverhältnisses. Liebe ohne Unterpfande der Verläßlichkeit, die dann auch noch an körperlichen Attributen festgemacht wird, ohne eine Bestimmung, wie sich die beiden Freigesetzten aufeinander beziehen und miteinander zu Vergnügen kommen. Liebe, entlassen aus dem bornierten Gefängnis eines kleinbäuerlichen Blut-und-Boden-Verhältnisses, das aus der Frau eine Mischung aus Arbeits- und Gebärmaschine macht und aus dem Mann den Herrn und Beschicker, ist Resultat jener Revolution, die sachliche an Stelle von persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen gestellt hat, die es zu vollenden und nicht rückgängig zu machen gilt. „Und sicher ist dieser sachliche Zusammenhang ihrer Zusammenhangslosigkeit vorzuziehen oder einem auf Bluturenge, Natur und Herrschafts- und Knechtschaftsverhältnisse gegründeten nur lokalen Zusammenhang.“ (ebenda, S. 95) Wer nun wieder meint, das habe sich inzwischen doch überall durchgesetzt und eine Zivilisation sei sich so gleich wie die andere, schließlich vermittle sich ja auch der Islamist oder der Deutsche durch den Tausch, der hat nicht weitergelesen: „Wenn gesellschaftliche Verhältnisse betrachtet werden, die ein unentwickeltes System des Austauschs, der Tauschwerte und des Geldes erzeugen oder denen ein unentwickelter Grad derselben entspricht, so ist es von vornherein klar, daß die Individuen, obgleich ihre Verhältnisse persönlicher erscheinen, nur als Individuen in einer Bestimmtheit in Beziehung zueinander treten, als Feudalherr und Vasall, Grundherr und Leibeigener etc. oder als Kastenglieder etc. oder als Standesangehörige etc.“ (ebenda, S. 96) Marx muß bereits geahnt haben, was im 20. und 21. Jahrhundert auch praktisch möglich wurde, daß die Aufhebung des Kapitalverhältnisses auf seiner eigenen Basis möglich sei, daß den allseitigen abstrakten Abhängigkeitsverhältnissen, die in der Tauschbeziehung zu sich kommen, durch die Wiedereinführung einer nun nicht mehr objektiven, sondern ideologisch vorbereiteten und praktisch durch die Politik durchgesetzten modernen Blutsurenge der Garaus gemacht werden könnte: Eben durch die Installierung eines gesellschaftlichen Tauschverhältnisses, das aus der Zeit seiner noch nicht vollendeten Durchsetzung zu entstammen und unentwickelt erscheint, obwohl es voll entwickelt Produktion und Handel regelt. Das antikapitalistische global village also.

Es wird in dem Maße wie an die Israel-Solidarität Bedingungen geknüpft werden und wahlweise der Zuckerman oder der Zimmermann nach vorne geschoben werden, immer über allerlei Opfer des Imperialismus und den schrankenlosen Frieden verhandelt. Als wäre nicht das Gegenmodell zur Zivilisation direkt vor der Haustür Israels in all seiner Scheußlichkeit täglich zu bewundern, als würde nicht gerade in der Welt und nicht in der Frankfurter Rundschau immer wieder auf die wahrlich unmenschlichen Verhältnisse in dieser Gesellschaft hingewiesen, wird das, was Gegenzivilisation in dieser Zeit ausmacht, aus dem Brennspiegel der Kritik gerückt. Es gehöre sich einfach nicht, die Zurichtung und Selbstzurichtung der Subjekte kapitaler Vergesellschaftung im Zeichen des Antikapitalismus kompromißlos zu kritisieren. Es gehört sich nicht, über ermordete Frauen und Schwule, Kritiker und Prostituierte zu verhandeln, wenn vom Islam die Rede ist. Es verbiete sich, diese wohl häßlichste Hervorbringung des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts zu kritisieren, und zwar beginnend in den Straßen Neuköllns – gar nicht erst in Ramallah. Wer es trotzdem tut, erscheint in den Augen deutscher Antikapitalisten als der eigentliche Faschist und wird als „Wertmullah“ dem deutsch-islamischen Bündnis als gemeinsames Feindbild präsentiert. (4) Es sei nicht legitim, über die arabische Ausgeburt des Nationalsozialismus zu reden, der vom wirklichen Nationalsozialismus fast alles geerbt hat. Es wird nicht geredet über jene, die weder das Hinkebein noch das Glasauge einer Frau öffentlich wirklich wahrnehmen können, aber durch die äußerst pragmatische Fleischbeschau seitens der heiratsvermittelnden Matronen vorab ausreichend und nicht durch Liebe verstellt informiert sind, ob das Stück Fleisch auch für etwas Verläßlicheres als die Liebe geeignet ist. Was dort, wo solche Praktiken Teil des geltenden Rechts sind, mit Daniel Küblböck und dem Modell Analita geschieht, dürfte bekannt sein. Diese Kritik an einer Gesellschaftsformation, in der die schrankenlose Sinnlichkeit, die über Hinkebein, Glasauge, Gebärfreudigkeit und von der Natur ausersehene Sexualorgane sich hinwegsetzt, mit Stumpf und Stil ausgerottet wird, steht unter Verbot, weil sie ausplaudert, wie weit der Wunsch nach Verläßlichkeit bei Metropolenbewohnern und ihrer linken Avantgarde schon vorgedrungen ist.

Es will keine Empathie für die ihres Glücks vorab und in alle Ewigkeit Beraubten aufkommen und entsprechend gebricht es am Haß auf die brutalen Verwalter dieser niederschmetternden Gleichheit, seien sie Revolutionswächter in Teheran oder vierzigjährige Frauen, die die Wiederholung des Unglücks, das ihnen selber angetan wurde, an ihren Töchtern exekutieren helfen. Solche Selbstverständlichkeit gilt nicht in einer Welt, in der das amerikanische Interesse als Mutter aller Sünden bekämpft wird, und man im Islamisten beziehungsweise Panarabisten längst seinen Verbündeten gefunden hat. Den dieser Geißel Unterworfenen um des schieren Überlebens und der kleinen Hoffnung auf ein besseres Leben ohne Saddam und Scharia willen die US-Army als Befreierin zu wünschen, wäre kein Grund für eigentlich doch überflüssigen Austausch von Argumenten gewesen, wenn Linksradikale sich einen Traum vom besseren Leben bewahrt hätten. Wenn sie einsehen würden, daß das Unheil des Trikonts, das islamisch daherkommt, zwar ein kapitalistisches aber nicht das kapitalistische ist und schon gar nicht von den USA ausgeht; wenn sie einsähen, daß vor ihrer Haustür auf Kirchen- oder Gewerkschaftstagen sich die al-Quaida- oder Attac-Veranstaltung „weltweiter Djihad“ ganz pazifistisch reproduziert, wenn sie also vom Kommunismus eine Ahnung hätten als des sinnlichen und schon von daher antideutschen Unternehmens, das er ist, dann würden sie den ganzen unmenschlichen Menschheitsbeglückern, die sich heutzutage Kommunist nennen, eine Abfuhr schon ihrer barbarischen Gleichsetzung der islamischen Welt ausgerechnet mit der israelischen oder amerikanischen Zivilisation wegen erteilen. Sie tun es nicht, sie reden von „Interessen“, die nicht auf „Sauerkraut“ aus sind, sondern auf Öl, und sind sich einig, daß nichts getan werden kann, solange der große Satan regiert. „Sei mißtrauisch gegen den, der behauptet, daß man entweder nur dem großen ganzen oder überhaupt nicht helfen könne. Es ist die Lebenslüge derer, die in der Wirklichkeit nicht helfen wollen und die sich vor der Verpflichtung im einzelnen bestimmten Fall auf die große Theorie herausreden. Sie rationalisieren ihre Unmenschlichkeit.“ (5) 

„Die universal entwickelten Individuen, deren gesellschaftliche Verhältnisse als ihre eigenen, gemeinschaftlichen Beziehungen auch ihrer eigenen gemeinschaftlichen Kontrolle unterworfen sind, sind kein Produkt der Natur, sondern der Geschichte. Der Grad und die Universalität der Entwicklung der Vermögen, worin diese Universalität möglich wird, setzt eben die Produktion auf der Basis der Tauschwerte voraus, die mit der Allgemeinheit der Entfremdung des Individuums von sich und von andren, aber auch die Allgemeinheit und Allseitigkeit seiner Beziehungen und Fähigkeiten erst produziert“, schrieb Marx in den Grundrissen. Was an den USA zu kritisieren wäre, ist das Ausbleiben jedes Anzeichens dafür, daß dereinst über diese Produktion von Allgemeinheit und Allseitigkeit der Beziehungen und Fähigkeiten des Subjekts, der entscheidende Schritt hinausgetan wird. Hervorzuheben wäre gegen alle Feinde der Freiheit, daß die Allgemeinheit der Entfremdung auf der Basis des Tauschprinzips die Mehrheit der Amerikaner bis heute hat resistent bleiben lassen gegen europäische und islamische Zumutungen. Die Sehnsucht nach gesellschaftlichen Verhältnissen, die denen in einem unentwickelten System des Austauschs entsprechen, in dem statt sachlichen Verhältnissen natürliche und moralische herrschen, ist ihnen unbekannt. Die ganze Polemik gegen die sachlichen, abstrakten Verhältnisse der Geldbeziehung gibt es auch in Amerika, sie bleibt aber marginal. Das ist bitter wenig und nicht tröstlich für jeden, der den Menschen als Herren seiner eigenen Geschicke eingesetzt sehen will. Regression und Naturverfallenheit, etatistische Sehnsüchte nach Gleichheit als staatliche Überwölbung des Tauschverhältnisses, einem Kapitalismus ohne Individuum, der Konkurrenz ohne die Kritik, der Warenproduktion ohne Luxus und der Liebe, auf die Verlaß ist, das sieht der american way of life nicht vor. Deshalb sind die Amerikaner natürlich trotzdem borniert und wenig phantasievoll bei der Einrichtung ihrer Welt. Allerdings: Zum Mitglied im globalen Völkerbund der antisemitischen Internationale sind sie komplett ungeeignet.

Alles weitere: Den Pirker als Antisemiten, der er ist, zu bezeichnen, aber ihn vor Gremlizas bösartigem Gerücht, er sei Alkoholiker (6), in Schutz zu nehmen; Kritik zu betreiben, die sich durch Klugheit, Schärfe, sprachliche Überlegtheit und Überlegenheit vom linken oder bürgerlichen Rest unterscheidet, ohne je aufzuhören, mit den wenigen Mitteln die man hat – und zu denen Maulschellen niemals gehören werden –, sich in die fiesen Verhandlungen und Handlungen, die im Namen eines pazifistischen Deutschlands begangen werden, einzumischen, in der Hoffnung, immer wieder einen oder eine aus diesem Solidarverband herauszulösen und dabei nie zu vergessen, daß der Kommunismus die Aufhebung der kapitalistischen Welt auf ihrem höchsten Niveau sein muß, hängt allein von uns ab.

Justus Wertmüller (Bahamas 42/2003)

 

Anmerkungen:

1) Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung, in Horkheimer, Gesammelte Schriften, Band 5, 1987, S. 287

2) „Die Regression hat eine Speerspitze. Wem steckt sie die wo rein? Ein Vorschlag: Ihrem Erfinder, Matthias Küntzel, halbhoch hinten.“ (konkret, 05/03)

3) Karl Marx, Grundrisse in MEW, Band 42, S. 95

4) Diese Figur haben im Frühjahr 2003 einige mit ihrem Meister in Hader liegende Kurz-Adepten aus Leipzig den Blättern des iz3W geklaut und ins Netz gestellt. Im Mai 2003 druckte konkret ihre Thesen nach.

5) Horkheimer, Dämmerung, in: Schriften 2, Frankfurt am Main 1987, S. 3411987

6) vgl. konkret-6/03