Die verblühte Hure Westen

Alain de Benoist, ein alteuropäischer Antirassist

 

„Die Frage, ob ich von rechts bin oder nicht, ist mir persönlich völlig gleichgültig. Die Anschauungen, die dieses Buch verficht, sind zur Zeit rechts; sie sind aber nicht zwangsläufig von rechts. Ich kann mir sogar sehr wohl Situationen vorstellen, in denen sie von links sein könnten. Nicht die Anschauungen hätten sich dann verändert, sondern die politische Landschaft.“                                                Alain de Benoist, 1977

 

Welche Genugtuung muß das vergangene Jahr für das ideologische Oberhaupt der Nouvelle Droite, Alain de Benoist, gewesen sein: Selbst der regierungsamtliche Gaullismus übernahm seine Phraseologie, die antiamerikanische Feindbestimmung besaß er ja seit jeher. In Deutschland, dem Land der geistigen Wurzeln der Neu-Rechten, darf Benoist sich erst recht als einer fühlen, der die Ideale der „Linken“ stets besser verteidigt hat als diese selbst: Er war immer der bessere, sprich noch hemmungslosere Antiimperialist, weil er sich nicht wie die Linken mit alten Kamellen wie Universalismus oder gar einem emphatischen Begriff von Menschheit herumärgern mußte. Lange bevor die „Achse des Friedens“ bestand, hatte er ihr Programm entworfen und sich bereits vor 13 Jahren von dem bißchen Giftgas Husseins nicht beirren lassen. So verhöhnte er schon am Vorabend des ersten Irakkrieges in der taz die – tatsächlich kaum vorhandene – Skrupelhaftigkeit des „linken“ Antiimperialismus: „Es ist schon ein wundersamer Anblick, wie die alten Feinde des Imperialismus zu begeisterten Unterstützern der USA konvertieren, wie die Dritte-Welt-Enttäuschten die von Ihnen verratenen Ideale verhöhnen und sich zur Verteidigung einer Stadt mit dem doch sehr arabischen Namen ‚Kuwait City‘ rüsten, wie die vom Maoismus zum Dienstwagen aufgestiegenen Ex-Linken oberlehrerhaft die Notwendigkeit des den Ölmilliarden dienlichen bürgerlichen Krieges erklären.“(1) Heute hat er derlei nicht mehr zu bemäkeln, egal ob die zuständigen Ex-Maoisten nun zum Dienstwagen oder nur zum Status des Politclowns gelangt sind.

Lange Zeit erfreute sich das Hauptkonzept Benoists, der „Ethnopluralismus“, nur in gewissen Kreisen der extremen Rechten expliziter Beliebtheit. Da man nicht erkennen wollte, wie sehr der „Ethnopluralismus“ konzeptionell das „linke“ Denken bis tief in die eigenen Reihen hinein dominierte, wurde er deshalb zwar nicht zu Unrecht in der Antifa als Nazi oder Rassist gehandelt. Mittlerweile aber ist Benoists Denken  regierungsamtlich geworden, und das nicht nur, weil er schon vor Jahrzehnten den Ton vorgab, der heute Erklärungen der Regierungsparteien und Feuilleton gleichermaßen beherrscht. Im April diesen Jahres bediente sich beispielsweise Steffi Lemke, Bundesgeschäftsführerin der Grünen, ganz offen aus dessen Zitatenkästlein. Die Parteimitglieder wurden zur Urabstimmung über den Fortbestand der Trennung von Amt und Mandat mit einem Sprüchlein des Meisters ermuntert: „Das höchste Maß an Demokratie bedeutet weder die ‚größte Freiheit‘ noch die ‚größte Gleichheit‘, sondern das höchste Maß an Beteiligung.“(2)

Auch den französischen Bestsellerautoren des Jahres wie Emmanuel Todd und Geistesverwandten, die nichts mehr als den „Untergang des amerikanischen Imperiums“ und ähnliches herbeisehnen, hat Benoist den Stoff vorgekäut. Bereits 1982 veröffentlichte er eine Schrift mit dem Titel: „Die entscheidenden Jahre – Zur Erkennung des Hauptfeindes“. Dieses kleine Bändchen ist eine Abrechnung – im klassischen Stil der „Konservativen Revolution“ gehalten – mit dem So­w­jetmarxismus und dem Liberalismus zugleich, als dessen Hort die USA ausgemacht werden. Beide verwirft er als universelle „Gleichheitsideologie“. Der Sowjetunion hält er jedoch zugute, daß sie, obwohl selber Besatzungsmacht in Osteuropa, die kulturelle Identität der okkupierten Länder unangetastet lasse, während die USA nicht nur die Länder besetzt halte, sondern diese auch kulturell zersetze: „Manche können sich nicht mit dem Gedanken abfinden, eines Tages die Mütze der Roten Armee tragen zu müssen. Wahrlich keine angenehme Zukunftaussicht! Wir aber dulden nicht den Gedanken, einmal bei Brooklyn unsere restlichen Tage mit hamburgers verleben zu müssen“.(3) „Hauptfeind USA“ – oder wie es auf aktuellen Aufklebern der Jungen Nationaldemokraten heißt: „Weltfeind Amerika“ – damit nahm Benoist bereits 1982 das vorweg, was sich spätestens nach dem Kollaps der Sowjetunion als deutscher, ja deutsch-französischer Konsens wieder offen herausstellte – von links bis rechts, von konservativ bis sozialdemokratisch, von katholisch bis freikirchlich, von liberal bis grün. Vielleicht in Vorahnung des künftigen halbamtlichen Status’ des Blattes öffnete denn auch die taz vom 13.12.1990 ihre Spalten für folgende Prosa Benoists, die sich als stilbildend erweisen sollte: „Der Westen, diese verblühte Hure, die nur dem Geld nachläuft und seit Jahrhunderten nicht davon lassen kann, anderen Völkern ihre Identität zu nehmen, hat sehr wohl verstanden, daß die Wiederkehr der arabisch-islamischen Identität heute die größte Bedrohung für seine monopolistische Hegemonie darstellt. Daher macht der Westen alles, um sie zugrunde zu richten und sie zu dämonisieren“. Anstelle der „neuen amerikazentrierten Weltordnung“, der „Homogenisierung des Planeten“, bedürfe es der „Geburt eines ,Pluriversums‘ großer, selbstbezogener Weltregionen und freier Völker“. Bis dahin wird „der Westen alle Kriege gewinnen, außer dem letzten. Und wenn es eines Tages einen dritten Weltkrieg geben muß, werden ihn die USA und der europäische Kontinent gegeneinander austragen.“ Damit hatte er das Programm auf den Punkt gebracht, an dessen Umsetzung man in Berlin und Paris seit geraumer Zeit mit großem Fleiß arbeitet.

„Aufstand der Kulturen“

Daß Benoist die Weltordnungspläne des Nationalsozialismus in der politisch korrekten Floskelsprache des gängigen Antirassismus darstellen kann, verdankt sich nicht einer diabolischen Raffinesse seines Schreibens, sondern muß als Resultat einer fatalen „Niederlage des Denkens“, wie ein wegweisender Essay (4) Alain Finkielkrauts betitelt ist, aufgefaßt werden. Der Hauptgrund für diese „Niederlage“, der zugleich einen späten Sieg des Herderschen „Volksgeist“ über Voltaires „Allgemeine Vernunft“ darstellt, ist die Ersetzung des biologisch-rassistischen Ethnozentrismus durch den kulturalistisch-kollektivistischen Ethnopluralismus. Damit zementiert der Postkolonialismus, auch und gerade der des europäischen Denkens, einen Irrationalismus, der den des Kolonialismus und seiner Ideologie bei weitem noch übertrifft – und der obendrein gegen jede Kritik der „Linken“ abgedichtet bleibt, solange sich diese ihren Fanon & Foucault nicht aus dem Kopf zu schlagen vermögen. Daß sie es offenbar nicht kann – und sei es um den Preis der Unterstützung von „Mein Kampf“ lesenden Massenmördern – macht die Stärke Benoists aus.

So wie er gestrickt ist, wird jedenfalls ein begriffsloser Antifaschismus, der rassistische Skandale sucht, nichts Anstößiges finden im von Benoist verfaßten Manifest der Nouvelle Droite, das unter dem bezeichnenden Titel „Aufstand der Kulturen“ 1999 veröffentlicht wurde – obwohl oder schlimmer: gerade weil es zutiefst antiliberal, anti-universalistisch und damit von Grund auf anti-kommunistisch daherkommt, gerade weil alles Stehende und Ständische gegen die bedrohende Macht kapitaler Vergesellschaftung aufgeboten, gefeiert und als Gegenrezept angepriesen wird.

Das Manifest ist durch und durch in der Sprache der zeitgenössischen Geistes- und Sozialwissenschaften verfaßt und setzt so zunächst bei der „Krise der Moderne“ an, welche vor allem in der „Krise des modernen Denkens“ bestünde: Alle modernen Wahrheiten und politischen oder religiösen Ideen seien immer schon einem „Egalitarismus“ verpflichtet gewesen. Darüber hinaus habe sich das moderne politische Leben selbst auf theologischen Vorstellungen gegründet. In all den unterschiedlichen Schulen des modernen Denkens sei es immer nur darum gegangen, die konkreten Menschen zu einer Summe von mehr oder weniger rationalen Individuen zu verklären, die versuchen würden, ihre Einheit in der Geschichte zu verwirklichen. Demgegenüber verkündet Benoist – darin ganz postmodern, wie es sich für einen französischen Meisterdenker gehört, der seine eigene Schule für „nouvelle“ hält – daß das Zeitalter der großen Erzählungen, ganz egal ob Liberalismus, Sozialismus, Kommunismus, Faschismus oder Nationalsozialismus, vorüber sei. Allen „totalitären“ Ideologien erteilt er vielmehr eine konsequente Absage, denn sie alle wollen die „Weltvielfalt“, also das, was er „Pluriversum“ nennt, zerstören. Doch die politische Idee, die das Unterschiedliche einzuebnen drohe, erhalte ihre Durchsetzungsmacht wiederum allein durch den von der Logik des Kapitals geprägten Markt, der die Menschen zu entwurzeln drohe.(5) 

Dieser Antikapitalismus unterscheidet sich freilich von der offen nazistischen, antisemitischen Agitation eines Horst Mahler. Es ist nicht vom „Mammonismus“ die Rede und auch nicht von der „jüdischen Weltverschwörung“. Statt dessen weiß Benoist so gut wie Jörg Hufschmid, daß der Markt kein vollkommenes Modell ist. Und er weiß so gut wie Elmar Altvater, daß das Ökonomische in allen vormodernen Zeiten immer in die anderen Ordnungen menschlichen Zusammenlebens eingebettet gewesen sei. Auch die Entwicklung vom Markt über die Marktwirtschaft bis hin zur Marktgesellschaft sei Ausdruck einer spezifischen, westlichen Kultur. Daß aber dieser Weg nicht Maßstab für Wachstum und Entwicklung in allen Regionen dieser Welt sein könne und dürfe, das weiß er so gut wie Ernst-Ulrich von Weizsäcker und all diejenigen, die sich vor der Massenmotorisierung Chinas fürchten. Konsequenterweise erklärt er deshalb auch, daß die Wirtschaft eingebettet werden müsse in eine nicht-westliche Kultur, um nachhaltig und als organisches Modell funktionieren zu können.(6) All dies teilt er mit zahllosen Ökologieexperten und alternativen Wirtschaftswissenschaftlern – und Moeller van den Bruck, der in seinem Klassiker „Das Dritte Reich“ von 1923 die Wirtschaft als „Überbau“ bezeichnet hatte, der von der Kultur und dem Staatswesen erst „belebt“ werden müsse. Wie sollte sich ein globalisierungskrititischer Linker aber daran stoßen? Vielmehr fände er doch wohl Gefallen an Benoists harscher Kritik westlicher Dominanz und Arroganz sowie seiner vehementen Ablehnung eines jedweden Ethnozentrismus.

So wie der Weltmarkt ideengeschichtlich nicht von der Menschheit als „seiner selbst bewußten Gattungswesens“ abzutrennen ist, impliziert dieser Kulturalismus umgekehrt, daß der Begriff „Menschheit“ nur als biologische Kategorie verwendet werden kann. In „sozialhistorischer Hinsicht“ gebe es jedoch keinen allgemeinen Menschen und es könne ihn auch gar nicht geben, weil die gemeinsame Zugehörigkeit zur Menschheit nur in jeweils konkreten und unterschiedlichen Kontexten erscheinen könne. Der Versuch, eine einheitliche Kultur zu schaffen, zerstöre die Vielfalt der Kulturen und damit die Kulturen überhaupt und sei der Inbegriff eines jeden Totalitarismus.(7)

Was aber könnte nun totalitärer sein als das „Vielfältige“ und „Einzigartige“ zur Eigenschaft des Kollektivs bzw. der vielen Kollektive zu erklären statt als Eigenschaft des Individuums gegen das bornierte Kollektiv? Was dabei in pastoralem Ton – und darin unterscheidet sich der gängige Anti-Rassismus in nichts vom neurechten „Ethnopluralismus“ – als Bedingung der „Anerkennung des Anderen“ gesetzt wird, ist vielmehr der Absolutsheitsanspruch des tradierten Vorurteils, das sich weigert an der Welt – und das sind nun mal die „Anderen“ – sich zu messen oder gemessen zu werden.

Mit dem Bilderbuch-Rassismus hat Benoist also auf den ersten Blick nichts am Hut. Er spricht sich ebenso gegen Apartheid aus wie gegen die Zerstörung von authentischen Kulturen durch den Westen; genau deswegen würde er sicherlich auch das zur Zeit laufende Programm der südafrikanischen Regierung begrüßen, „fremde“, also aus Europa stammende, Fauna auszurotten, und damit die Umwelt zu „afrikanisieren“. Benoist ist egal, ob schwarz oder weiß, nur borniert muß das Kollektiv sein; damit bietet er das Musterbeispiel dessen, was Finkielkraut als bloße Ersetzung des „wertenden Rassismus“ durch den „ausschließenden“ kritisiert hatte.

Auch das Problem der Migration sieht er zusammen mit zahlreichen deutschen Theologen, Ethnologen, Entwicklungsländersoziologen und anderen antirassistischen Volkstheoretikern darin, daß der Westen sein System Kulturkreisen aufzwinge, die mit ihren Kulturen ihre eigenen, spezifischen Probleme viel besser lösen könnten. Wie so viele Kirchentagsbesucher weiß auch Benoist, daß erst die Entfesselung der westlichen Ökonomie die autoch­thonen Gemeinschaften im Süden und Osten mit ihren, auf ihre eigene Art und Weise funktionierenden Sozialsystemen zerstört habe.

 In der Perspektive der Nouvelle Droite ist Gesellschaft also keineswegs identisch mit Gemeinschaft oder einer bestimmten Kultur. Aus diesem Grunde bekennt sich die Nouvelle Droite strikt zu Subsidiaritätsprinzip und Föderalismus, aber eben auch zu klar abgegrenzter Segmentierung der Gesellschaft, die wie ein Organismus im Gleichgewicht bleiben müsse. Sie gleicht einem „Körper“, der aus verschiedenen Gemeinschaften bestehe, eine „Gemeinschaft der Gemeinschaften“ bildet.(8)

Ganz grundsätzlich sei es deshalb das erste Ziel politischen Handelns, im Inneren jenes Organismus Frieden und Harmonie walten zu lassen und nach außen die Gesellschaft vor Gefahren – wie „kulturfremden“ Interventionen – zu schützen. Die einzige Form, die gemäß dieser Perspektive in der Lage ist, dies zu gewährleisten, ist für die Nouvelle Droite die Demokratie, die aber keinesfalls 1789 erfunden worden sei. Sie bezeichne weder den Parteienstaat noch die Prozeßordnung des liberalen Rechtsstaates, sondern „das politische System, in dem das Volk der Souverän ist.“(9)Insofern setze sie immer ein Volk voraus, „das in der Sphäre des öffentlichen Lebens zu handeln im Stande ist“.(10) Die Tathandlung des Kollektivs und nicht der Schutz des Einzelnen gegen genau diese bestimmt diese Demokratie – damit wird das dunkle Geheimnis des Rechtsstaats ausgesprochen und alle aus dem insgeheimen Wissen darum aufgerichteten Barrieren des liberalen Rechtsstaats insbesondere angelsächsischer Prägung hinweggefegt. Benoist besitzt obendrein die Chuzpe, diese Ermächtigungsphantasie ausgerechnet damit zu begründen, daß die Regelgebundenheit des liberalen Rechtsstaats totalitäre Überwachung begünstige.(11)

Seine konkreten Visionen für ein demokratisches Europa schließlich laufen auf ein föderalistisches Europa hinaus, in dem die Völker und Regionen samt ihrer jeweiligen Kulturen den gebührenden Platz haben sollen. Das Feld des Politischen aber beschränkt sich auch dort nicht auf den Staat, sondern definiert sich „als voller Raum, als ununterbrochenes Gefüge von Gruppen, Familien, Verbänden, lokalen, regionalen, nationalen oder supranationalen Gebietskörperschaften. Politisches Handeln besteht nicht nur darin, diese organische Kontinuität zu leugnen, sondern sich auf sie zu stützen.“(12)

Verbissener Kampf gegen das Imperium USA

Als Gerhard Schröder vor einigen Monaten der Wochenzeitung Zeit ein Interview gab und darin über seine Kollegen Aznar und Blair herzog, wird er Benoist voll und ganz aus der Seele gesprochen haben: „Man muss wissen, was es bedeutet, wenn sich Kollegen im totalen Gegensatz zur Volksmeinung verhalten müssen – oder wollen, oder beides. Das darf kein Dauerzustand werden, weil sonst eine Kluft in den demokratischen Gesellschaften zwischen dem Willen des Volkes und dem Handeln der Regierung auftaucht, die irgendwann einmal nicht mehr zu schließen ist“.(13) Der Kurzschluß zwischen kollektivem Vorurteil und politischer Tathandlung, das Korrespondieren der kompletten affektiven Enthemmung der Insassen mit dem Widerwillen gegen die „unechten“ politischen Instanzen des liberalen Staates, die den unmittelbaren Volkszorn behindern, eint den pragmatischen Kanzler mit dem französischen Philosophen: Beider Hauptgegner ist das bürgerliche Amerika, das den Völkern, nicht zuletzt den Gemeinschaften des „multi-ethnischen“ Europas, im Wege steht – als Anti-Nation, die nicht auf „Kultur“, sondern auf abstraktem Recht gegründet ist.

Wie sehr die Nouvelle Droite und ihr Vordenker Benoist sich mittlerweile als Extremisten der alteuropäischen Mitte betrachten dürfen, offenbart sich in aller Deutlichkeit am jüngsten, in deutscher Sprache erschienenen Werk des Meisters in der Edition Junge Freiheit mit dem Titel „Die Schlacht um den Irak. Die wahren Motive der USA bei ihrem Kampf um Vorherrschaft“. In dieser Schrift, die sich liest wie ein Sammelsurium Rot-Grüner Programmatik, Weisheiten der Hamburger Pipeline-Experten Trampert/Ebermann und Analysen des neuen Stars am Geostrategen-Himmel, Jürgen Elsässer, präsentiert sich Benoist ganz im globalisierungskritischen Zeitgeist; was einst in der bereits oben erwähnten Schrift „Die entscheidenden Jahre – Zur Bestimmung des Hauptfeindes“ noch sehr verworren klang und mit offenen Anleihen an faschistische Denker wie z.B. Evola arbeitete, ist in der aktuellen Schrift gänzlich geglättet. Obwohl alle Ressentiments des Jahres 1982 sich durchziehen, gar verschärfen, so beispielsweise die Propagierung eines kommenden Endkampfes zwischen Europa und den USA, so wenig dürften seine Tiraden heute noch anecken, so sehr sind sie europäisches Gemeingut geworden.

„Wir dürfen nicht in absoluten Begriffen von Gut und Böse denken. Aber wir dürfen und müssen erkennen, daß Amerika derzeit der übelste ‚Schurkenstaat‘ der Welt und damit unser Hauptfeind ist. Der Hauptfeind ist nicht unbedingt derjenige, den man am meisten haßt oder mit dem man am wenigsten gemeinsam hat. Der Hauptfeind ist lediglich der mächtigste Feind, dessen Machenschaften die schlimmsten Folgen haben, dessen Einfluß am stärksten und am dauerhaftesten ist, dessen Produkte am meisten die Medien durchdringen, der über die meisten Überwachungsgeräte verfügt, der am ehesten Druck auf die Finanzmärkte ausübt, dessen militärische Präsenz die Welt am stärksten zu spüren bekommt, von dem die meisten multinationalen Konzerne abhängig sind“.(14) Und an anderer Stelle schreibt Benoist, dabei genüßlich den einstigen Althusser-Schüler Alain Badiou zitierend: „Heute gibt es nicht die geringste politische Freiheit, die geringste geistige Unabhängigkeit ohne einen ständigen und verbissenen Kampf gegen das Imperium der USA“.(15)

Europa ist der globale Gegenentwurf zum amerikanischen Imperium: „Dazu muß Europa wieder selbstbewußt werden. Es muß sich auf die Bildung einer Achse Paris-Berlin-Moskau konzentrieren. Es muß ein neues Zivilisationsprojekt entwerfen. Denn wenn Europa kein Zivilisationsprojekt ist, dann ist es gar nichts.“(16) Die Achse Paris-Berlin-Moskau hat auch Jürgen Elsässer vor geraumer Zeit in der jungen Welt als Gegenmacht zur USA und als zu unterstützende Strategie-Option für die Linke entdeckt. (17) Auch hier hat Benoist also längst die Richtung vorgegeben. Zum politischen Koordinatensystem des gegenwärtigen (Alt-)Europas schreibt er treffend: „Die Begriffe ‚rechts‘ und ‚links‘ selber verlieren ihre Bedeutung, weil ein neues Zeitalter angebrochen ist. Die Themen und Ideen wandern auf dem politischen Schachbrett hin und her; dabei führen sie unerwartete Zusammenschlüsse herbei und lassen neue Synthesen erwarten.“(18) Das Gerede von einer Querfront, oder wie Benoist es nennt, von der „Querverbindung“, die es aufzubauen gälte, ist längst überholt. Diese hat sich bereits konstituiert. Wer  wie die Frankfurter Gruppe sinistra! krampfhaft versucht, personelle Überschneidungen und Begegnungen zu entlarven, der hat nicht begriffen, daß es sich hier keineswegs um eine Strömung handelt, sondern um den links-pazifistischen Mainstream schlechthin: die Europäisierung der deutschen Ideologie, in ihrem Wesen allein negativ bestimmt durch die Feindschaft gegen die Anti-Nationen USA und Israel.

Der Einwand, daß die Edition Junge Freiheit wohl doch ein randständiges Phänomen sei wie auch Benoist, der geht fehl. Nicht nur, weil „links“ und „rechts“ in dieser europäischen Ideologie nicht mehr zu trennen sind, sondern, weil sie gar nicht mehr recht getrennt werden wollen: Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, dem die – im Kampf gegen den Monopolkapitalismus und für die Volksfront erprobte – frühere Juso-Aktivistin aus dem wilden SPD-Bezirk Hessen-Süd namens Heidemarie Wieczoreck-Zeul vorsteht, empfiehlt auf seinen Internetseiten als lesenswerte Lektüre zu den Anschlägen vom 11.09.2001 das Buch mit dem Titel „Tragödie des Westens“ (19), das Texte und Interviews enthält, unter anderem von oder mit Arundhati Roy – ja richtig, die, die Staudammbauten mit dem Holocaust gleichsetzte –, Peter Scholl-Latour – ja richtig, der, der in einem zweiteiligen Fernsehspezial über den Baath-Irak dessen „religiöse Toleranz“ lobte –, Franz Alt – ja richtig, der, der die Juden immer noch des Gottesmordes zeiht – und, er darf selbstverständlich nicht fehlen, Alain de Benoist. Die mit dieser rot-grünen und mit ministeriellen Weihen versehene Lektüre-Empfehlung zum Ausdruck kommende Querfront ist dennoch in aller erster Linie eine ideologische.

Stefan Braun / Joachim Wurst (Bahamas 43/2003)

 

Für Anregungen und wertvolle Hinweise danken wir Uli Krug.

 

Anmerkungen:

 1) Benoist 1990. Alle Quellenbelege ohne Angabe von Autor oder Titel beziehen sich auf die am Ende aufgeführten Arbeiten Benoists.

 2) Vgl.  „Polit-Fauxpas: Rechter Kronzeuge für Grüne Theorie” in: Spiegel 19/2003

 3) 1982, S. 88

 4) Alain Finkielkraut, Die Niederlage des Denkens, Reinbek bei Hamburg 1989

 5) 1999, S. 13ff.

 6) Ebd., S. 29f.

 7) Ebd., S. 22f.

 8) Ebd., S. 24f.

 9) Ebd., S. 27

 10) Ebd., S. 28

 11) Ebd., S. 29

 12) Ebd.

 13) „Gemeinsame Europäische Außenpolitik im Rahmen der Nato: Interview mit Bundeskanzler Gerhard Schröder” in: Zeit, 27.03.2003

 14) 2003, S. 67

 15) Ebd., S. 69

 16) Ebd., S. 63

 17) Vgl.: Jürgen Elsässer, „Paris-Berlin-Moskau”, junge Welt, 25.04.2003

 18) 2001, S. 22

 19) Peter Scholl-Latour u. a., Die Tragödie des Westens,  Berlin 2001

 

Benutzte Literatur:

de Benoist, Alain, Die entscheidenden Jahre – Zur Erkennung des Hauptfeindes, Tübingen 1982

Ders., „Der Westen, so wie er ist”, in: tageszeitung vom 13.12.1990

Ders., Aufstand der Kulturen. Europäisches Manifest für das 21.Jahrhundert, Berlin 1999

Ders., Schöne vernetzte Welt. Eine Antwort auf die Globalisierung, Tübingen 2001

Ders., Die Schlacht um den Irak. Die wahren Motive der USA bei ihrem Kampf um die Vorherrschaft, Berlin 2003