Verständnis, Toleranz und Respekt

Antirassisten und Islamisten gemeinsam gegen rechte Verbindungen

 

Einer ist tot, mit fünf Kugeln im Leib, durchgeschnittener Kehle, das Todesurteil mit einem Messer in den Körper gerammt. Der Mörder ist festgesetzt und unzweifelhaft ermittelt als einer von Allahs Mannen. Muß man da dem Opfer am Zeug flicken? Einer von der Antifa hatte es offenbar nötig: „Und doch sind Verbindungen (!) nach rechts überall (!!) greifbar. Die somalische (!!!) Drehbuchautorin ist Abgeordnete der rechtsliberalen Partei VVD, Liberale wie de Winter sympathisieren mit Pim Fortuyn, und einige Anhänger von Pim Fortuyn sind eben Nazis. Gleich nach dem Mord an van Gogh gingen Glatzen auf die Straße. ‚Ausländer sind Parasiten‘ skandierten sie.“ Er will sagen, daß Ayaan Hirsi Ali, die keinen Namen und schon gar keine holländische Staatsbürgerschaft haben darf, sondern im gleichen Artikel als „ehemalige Muslimin aus Somalia“ bezeichnet wird, deshalb, weil sie der konservativeren der beiden niederländischen liberalen Parteien angehört, die man zur Unterscheidung als rechtsliberal etikettiert, eben „rechts“ ist und folglich schon so ihre Verbindungen haben muß. Er will auch sagen, daß wenn ein nur Liberaler wie der Schriftsteller Leon de Winter sich weigert, das Schlachtopfer des vegan-antirassistischen Djihads, Pim Fortuyn, einen Nazi zu nennen, es so gut wie erwiesen sei, daß er zusammen mit der rechtsliberalen Somalierin dafür verantwortlich ist, daß nach Theo van Goghs Ermordung auch Glatzen auf die Straße gegangen sind, was gleichermaßen gegen Hirsi Ali, de Winter und das Schlachtopfer des nunmehr originalen Djihads spräche.

Antirassistische Wachsamkeit gegen rechts

Die Fähigkeit, solche Recherche-Fatwas zu erstellen, verweist auf intellektuelle und charakterliche Eigenschaften, die in der Sowjetunion der 30er Jahre einen Antifa-Referenten des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten (NKWD) ausgemacht haben müssen. Diese Genossen hatten mit ihren von unbestechlicher Logik geprägten Dossiers Volksschädlinge und Diversanten zu Tausenden enttarnt, ihre „Verbindungen nach rechts“ offengelegt und sie an die Genickschußkommandos ausgeliefert. Heute sind es nicht mehr Jagoda, Jeschow oder Berija, für die man antifaschistischen Dienst tut, heute trägt man sein Scherflein im Kampf gegen Rechts als Redakteur eines regierungsnahen Wochenblattes bei, das im Sommer 2002 Aufkleber in Form und Farbe des Stoppschildes mit der Aufschrift „Stoib“ verteilen ließ. Heute heißt der Denunziant Ivo Bozic, sein Dossier erschien in der Jungle World vom 20.11.2004 und sein Vollstreckungskommando ist zunächst nur der Kreuzberger Mob aus linken Deutschen, arabischen Arabern und sich selbst ethnisierenden Kanaken, die am 10.7.2004 Antisemitismuskritikern den Hitlergruß zeigten und „Juden raus!“ grölten, worüber in der Jungle World natürlich nichts zu lesen war.

Wie der Berichterstatter des NKWD als echter Internationalist unliebsame Phänomene bei den Bruderparteien, sei es in Shanghai oder in Madrid, Prag oder Mexico-Stadt jederzeit auf den gleichen faschistisch-trotzkistischen Seuchenherd zurückzuführen wußte, entdeckt heute Genosse Bozic eine Spur, die vom Schauplatz des Amsterdamer Ritualmordes direkt nach Berlin führt. Mancher erinnert sich noch an eine Aufregung in Berlin im Spätsommer dieses Jahres, als die NPD zu einer Demonstration gegen islamische Zentren aufgerufen hatte, die auch durch Kreuzberg führen sollte, aber verboten wurde. „Das Problem“, setzt Bozic seinen Text fort und kommt rasant in die Zielkurve „besteht auch in Deutschland: Als Antideutsche in Kreuzberg gegen Antisemitismus in der arabischen und linken Community demonstrierten, fühlten sich Nazis ermutigt, dem nachzueifern (!) und eine Demo gegen den Bau eines islamischen Zentrums in Kreuzberg anzumelden.“ Der Haßprediger aus schierem guten Willen, der allen Ernstes unterstellt, die Nazis hätten in Kreuzberg gegen Antisemitismus demonstrieren wollen, dieser freiwillige Helfer einer linken Gemeinschaft, deren rassistisch unterdrückte Verbündete sich gerade anschicken, ihre befreiten Zonen im multikulturellen Kiez durch Sakralbauten zu markieren, nimmt in sein antifaschistisches abendliches Fürbittgebet stets den Udo Voigt mit auf, den und seinesgleichen er zum politischen Überleben braucht. Ohne die Kameraden von der NPD würde sonst womöglich noch dem letzten linken Studenten bewußt werden, daß die Bozics zusammen mit dem antiimperialistischen Mob dieser Erde, den sie als Multitude zu schätzen gelernt haben, einen Dschungelkampf gegen die westliche Zivilisation führen: „Es ist bisher kaum gelungen, eine dezidierte und schonungslose Kritik an fundamental-islamischen Werten und Praktiken zu formulieren, ohne in rassistisches Fahrwasser zu gelangen und sich falsche Freunde zu machen, seien es Nazis oder (!) Schönredner der westlichen Zivilisation.“

Her mit den Quotenmigranten

In Zeiten, in denen der bayerische Innenminister Beckstein sehr viel emphatischer über von Zwangsverheiratung bedrohte türkische Mädchen redet als die Verwalter der linken Gemeinschaft und in denen die größten Verteidiger des multikulturellen Unternehmens öffentlich erklären, es so nie gemeint zu haben, ist Handlungsbedarf angezeigt für ein linksradikales Spektrum, das stolz darauf ist, statt einer eigenen Position immer irgendwelche identitären Betroffenen zu präsentieren. Sie wissen, daß es fatal wäre, mit dem Dorfmullah vom Kottbusser Tor und den Freunden des irakischen oder palästinensischen „Widerstands“ allein dazustehen, und wollen doch um alles in der Welt vermeiden, sich auf die Seite der Zivilisation, die nun einmal westlich ist, zu stellen. Höchste Zeit für korrekten migrantischen Beistand gegen „rechte“ Gefahren. „Aber wenn die Linke es nicht schafft, möglichst gemeinsam mit Migranten, einen klaren Standpunkt gegen die autoritäre Formierung innerhalb islamistischer (!) Gesellschaften einzunehmen und stattdessen diese Kritik den Rechten überlässt, dann könnten es am Ende ausgerechnet die Rechten sein, die als Verfechter von Liberalität und Meinungsfreiheit gelten. Und das wäre verheerend.“ Bozic hat den „Rechten“ zunächst einmal die Hoheit über die Sprache überlassen. Während man die autoritäre Formierung islamischer Gesellschaften zutreffend als islamistisch bezeichnet, ist es ein Ding der Unmöglichkeit, islamistische Gesellschaften autoritär zu formieren, sie sind es bereits im höchsten Stadium. Doch wie die Sprache, so ist auch die Forderung, „möglichst gemeinsam mit Migranten“ seinen Standpunkt zu formulieren, Ausdruck kaum zu überbietender Verlogenheit. Nicht nur, daß man so die Verantwortung für sein eigenes Tun an irgendwelche Leute delegiert, die kraft Biographie wissen müßten, was zu tun sei. Die Behauptung, der Angriff auf faschistische Strukturen müsse ausgerechnet von jenen ausgehen, die von ihnen am unmittelbarsten bedroht sind, ist sogar ausgesprochen zynisch. Der Djihadist säubert bekanntlich die „eigene“ Community, indem er zunächst alle Migranten aus mehrheitlich islamischen Ländern als Muslime abstempelt und sich vor diesem Hintergrund den frommen Zugriff auf alle anmaßt, die möglicherweise vom reinen Glauben abfallen. Aber so hat es der Bozic ja gar nicht gemeint. Migranten, die sich Antirassisten vom Schlage eines Jungle-World-Redakteurs als Bündnispartner ausgeguckt haben, laufen nicht Gefahr, ins Fadenkreuz des Djihad zu geraten. Die definieren sich nämlich selbst als gestandene „Muslims“ und würden niemals die identitäre Hölle in der nächsten Nachbarschaft kritisieren, schon gar nicht „dezidiert und schonungslos“. Und das nicht etwa, weil sie dumm oder feige wären. Die migrantischen Partner antirassistischer Linker handeln aus Überzeugung: Liberalität und Meinungsfreiheit sind ihnen nur als Ausdruck kulturalistischer Bandenmentalität willkommen, westliche Zivilisation dagegen verachten sie genauso wie die islamischen Theokraten und ihr Hilfsmuezzin Bozic.

DJane Ipek und der starke Feridun

Da ist zum Beispiel Ipek Ipekcoglu, 32, Sozialpädagogin und laut taz eine der populärsten DJanes in Berlin, die vor allem im legendären Autonomenstadel SO 36 Platten auflegt: „Ich glaube an Allah, auch wenn ich kein Kopftuch trage und den Ramadan nicht einhalte. Der Islam verbietet nicht die freie Meinung. (...) Menschen, die als Ziegenficker bezeichnet werden, fühlen sich natürlich angegriffen. Soll ich jetzt die Europäer kollektiv als Kinderficker bezeichnen, nur weil es in Europa nachweislich eine Kinderpornoindustrie gibt? Natürlich durfte Theo van Gogh den Islam kritisieren, aber er hätte es mit Respekt tun müssen. Und jetzt geht aufgrund einer Einzeltat erneut die antiislamische Hetze los.“ Wo Ipek Respekt einfordert, ist ein ganz cooler Zeitgenosse, Feridun Zaimoglu, 39, Autor von Bestsellern in „kanak sprak“, nicht weit: „Die Ermordung van Goghs ist ein barbarischer Akt und durch nichts zu entschuldigen. Punkt.“ Man kennt diese Punkte, denen immer die Rechtfertigung der schlimmsten Verbrechen nachfolgt, aus den Verlautbarungen islamistischer und linker Organisationen seit dem 11.09.2001 bis zum Erbrechen. Zaimoglu fährt also fort: „Erst nach diesem Punkt kann man jedoch fragen: Stand van Gogh alleine da? Nein, denn es ist en vogue geworden, auf Muslime einzuschlagen. Man denke nur an Oriana Fallaci, die Muslime als Ratten und Geschmeiß bezeichnet. Ich bin gläubiger Muslim und finde, dass längst eine Grenze überschritten wurde, und zwar die des guten Geschmacks.“ (taz, 12.11.04) Wie gut, das Oriana Fallaci in den USA ihren Wohnsitz hat. In ihrer Heimat Italien hätten all die netten Feriduns und Ipeks ihr längst und buchstäblich den Mörder an den Hals geschrieben, um nach kaum vollbrachter Tat über die „Verbindungen nach rechts“ des jüngsten Opfers eines Einzeltäters zu räsonieren.

Diese beiden ausgewiesenen Koryphäen migrantischer Identität und Speerspitzen dezidiert antirassistischen Selbstbewußtseins sind keineswegs die einzigen, die wie ordinäre Islamfaschisten daherreden. Aussagen wie die zitierten, gibt es gerade von sogenannten kritischen, theoretisch versierten Migranten seit Anfang November zuhauf. Die Vertreter dieser Spezies, die ihren Standort in der deutschen Mehrheitsgesellschaft haben und ihren Sprechort der Moschee entlehnen, sind die Mediatoren auf dem interkulturellen Sofa, wo sie zwischen waschechten Theokraten und den Sachwaltern der multikulturellen Gesellschaft vermitteln. Dort stehen sie mit ihrem Gerede von Differenz und migrantischen Identitäten für bedingungslosen Respekt vor der angestammten Migrantenkultur ein. Den Islamisten, die noch mühsam lernen, ihr totalitäres Projekt in zivilgesellschaftlichem Jargon anzupreisen, kommt die postmoderne Schützenhilfe nur gelegen, und auch die Referenten für Integration und kulturelle Pluralität können zufrieden sein: Wieder ein gutes Argument, bloß nichts gegen die Zumutungen aus den islamisierten Zonen zu unternehmen. Natürlich sind Zaimoglu und DJane Ipek keine gläubigen Moslems und halten sich von entsprechenden Vereinen oder den Moscheen fern, natürlich finden beide die Zurichtung von Frauen und Mädchen im Zeichen des Islam weniger cool und niemals würden sie die Liquidierung von Homosexuellen rechtfertigen. Aber sie haben sich nun einmal darauf festgelegt, sich nach Quote zu verkaufen. Sie wissen nur zu genau, welche Eigenschaften die Mehrheitsgesellschaft sich von ihren Migranten erwartet, jenen sprachlosen Massen, als deren Sprecher die paternalistischen Rebellen von beispielsweise kanak attak sich aufwerfen: Ein bißchen blöd, ein bißchen gewalttätig, aber vor allem Opfer des Rassismus – und letztlich nicht verantwortlich für ihr Tun.

Auf die Frage „Wenn muslimische Eltern ihre Töchter vom Sport befreien lassen, muss man sich da einmischen?“, antwortete der Manager Ali Bastumer (28) so: „Wenn das Kind damit ausgegrenzt wird, sollte man auf jeden Fall das Gespräch mit den Eltern suchen. Es geht dabei um Aufklärungsarbeit, oft wissen die gar nicht, was sie machen.“ Gelaal Zaher (26), Erzieher und Sozialarbeiter, setzt nach: „Es sollte jedoch ein Türke oder Araber sein, der mit den Eltern spricht. Ein Vorstoß von deutscher Seite könnte als Anmaßung missverstanden werden.“ So sind sie, die kritischen Migranten, die der taz behilflich waren, einen „kleinen Knigge für ein besseres Zusammenleben mit muslimischen Mitbürgern“ zu erstellen, der am 20.11.04 unter der Überschrift „So klappt’s mit dem Muslim“ erschienen ist. Mit Leuten, die sich aus purer Wichtigtuerei selbst als Muslime etikettieren, sind die dringend notwendigen Gesetzesinitiativen, die zum Beispiel den Sportunterricht für alle Kinder verbindlich machen, genauso wenig zu haben, wie Unterstützung für eine deutsche Lehrerin, die sich anmaßt, einer islamischen Mutter in Sachen Sportunterricht für die Tochter ins Gewissen zu reden. Die Lehrerin wird sich freilich aus eigenem Interesse zurückhalten, will sie doch vermeiden, daß ihr der Quotenmigrant qua migrantischer Identität den AntiRa-Marsch bläst. Als lauerte irgendwo die deutsche Ayaan Hirsi Ali, die ihnen ihre Pfründe streitig machen könnte, fordern sie Verständnis und Toleranz, ja Respekt für eine Kultur, die sie selbst scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Ihre Allüre ist immer die gleiche: Sie lassen sich liebend gern als Spezialisten über die migrantische Realität ausfragen, um sich im gleichen Atemzug darüber zu beschweren, daß sie auf ihre migrantische Identität festgelegt würden. Dieses ihnen von der „rassistischen“ Gesellschaft angeblich aufgezwungene Dilemma ist ihnen Argument und Ermächtigung, sich mit dem Islamismus zu identifizieren und für ihn Respekt einzufordern, als hieße der Prophet plötzlich Feridun und seine Kindfrau nicht Aisha sondern Ipek.

Islam Attack

Was passiert, wenn deutsche Linke zusammen mit identitären Berufsmigranten gegen den Rassismus kämpfen, läßt sich in Berlin-Kreuzberg an der Skalitzer, Ecke Wiener Straße bewundern. Hier stand ein Supermarkt der Firma Bolle, bis er in der Nacht vom 1. zum 2. Mai 1987 zunächst geplündert und dann abgebrannt wurde. Bis dahin wurde der von seinen späteren Zerstörern als Konsumtempel beargwöhnte Supermarkt von Migranten aus der Türkei und deutschen Kinderfickern, um mit DJane Ipek zu sprechen, gleichermaßen frequentiert. Seit dem November 2004 wird auf diesem letzten Kreuzberger Trümmergrundstück ein Gebetstempel für die Ziegenficker des Propheten gebaut, um mit Theo van Gogh zu sprechen, oder präziser mit Elias Canetti: für die islamische Gebetsmeute. Daß sich die Konsumfeinde von 1987 wenigstens noch die eine oder andere Flasche Bier angeeignet haben, bevor sie den Bolle-Markt abfackelten, ehrt sie, das dringende Bedürfnis jedoch zu zerstören, statt an den täglichen Einkauf im nichtrevolutionären Alltag zu denken, macht sie kompatibel mit den Islamisten unter ihren türkischen Nachbarn, die immer schon von einer Versöhnung von Konsum und Moral träumten. Ähnlich wie deutsche Linke, die einen starken Zug zu Einfachheit und direkter Aktion haben, also wahlweise die Volxküche oder die Tauschbörse zum Ideal erklären und nur widerwillig zu Karstadt einkaufen gehen, wissen auch Islamisten, daß revolutionäres Einkaufen dem Seelenheil nur dienlich sein kann. Im islamischen Zentrum auf dem Bollegelände wird deshalb neben der Moschee und Gruppenräumen, in denen Müttern von garantiert türkischen oder arabischen Muslimas erklärt wird, wie sie ihre Töchter vom Sportunterricht abmelden können, auch ein Supermarkt entstehen. Der steht nicht nur dafür ein, daß die dort feilgebotenen Waren nach den Regeln des Islam hergestellt oder verarbeitet werden, sondern garantiert darüber hinaus, daß im Rechnungsbetrag eine kleine Revolutionssteuer inbegriffen ist, für islamische Wohlfahrt in Kreuzberg und anderswo.

Feridun Zaimoglu und DJane Ipek werden dort genausowenig einkaufen wie Ivo Bozic. In ihrer Sehnsucht nach einem zivilisationsfreien Leben in antiliberalen Bandenkollektiven haben sie und ihre Vorgänger, die 1987 Bolle abfackelten, jedoch jedem Widerstand gegen das islamische Zentrum, das dort heute entsteht, von vorneherein abgeschworen. Letzter Held des Traums von einem besseren Kreuzberg bleibt jener Café-Betreiber türkischer Herkunft und Anlieger der im Bau befindlichen Moschee, der 2003 gegenüber dem Tagesspiegel anmerkte, er sei nicht nach Deutschland ausgewandert, um an jeder Ecke eine Moschee vorzufinden wie in der Türkei. Wer unbedingt Moscheen brauche, hätte doch in der Türkei bleiben können. Aber jene Migranten aus der Türkei, die sich immer noch der Zumutung verweigern, qua Herkunft „Muslim“ sein zu müssen, haben keine Stimme. Sie, die deutsch und türkisch sprechen und sicherlich nicht „kanak sprak“, die für sich einfordern, ganz normal sein zu dürfen und nicht den migrantischen Hanswurst für die wahlweise multikulturelle oder offen ausländerfeindliche Gemeinschaft spielen zu müssen, stehen unter verschärfter Beobachtung: Könnte ja sein, daß sie es mit den Schönrednern der westlichen Zivilisation halten, könnte ja sein, daß sie gerade das, was unter Deutschen als materialistische Fassade verunglimpft wird, überzeugt leben, indem sie etwa nach Waren verlangen, in deren Preisen keine Revolutionssteuer enthalten ist.

Haßprediger raus?

Diese nicht muslimischen Menschen türkischen Hintergrundes haben es zusätzlich schwer mit ihren zivilisatorischen Vorlieben, weil ihnen immer auch der gesellschaftliche Mainstream in den Rücken fällt. Zum Beispiel dann, wenn Haßprediger entdeckt werden und ein Ausländerproblem sich drohend auftut, von dessen Lösung durch Abschiebung zwei Drittel aller Deutschen fest überzeugt sind. Doch noch nicht einmal während solcher deutschen Selbstgespräche sind die antirassistischen Linken für Ausländer, die sich zu recht bedroht fühlen, eine Unterstützung.

Wenn ein Ausländer von einer offensichtlich rechtswidrigen, rein politisch motivierten Abschiebung bedroht ist, die ihm im sogenannten Heimatland mit Sicherheit Repressalien einbringen wird, muß man dann nicht mit geeigneten politischen Aktionen wenigstens versuchen, möglichst viel Öffentlichkeit gegen diesen staatlichen Willkürakt zu mobilisieren? Die auf solchen Protest spezialisierten antirassistischen Initiativen haben sich im Oktober, als der Staat den Kalifen von Köln kidnappte, nicht zu Wort gemeldet, auch dann nicht, als nach vollbrachter Tat 91 Prozent der Landsleute zusammen mit dem Innenminister und der Kölner Ausländerbehörde frohlockten. Metin Kaplan war dann wohl doch zu häßlich. Einer, den sogar die Islamisten nicht mögen, weil sein Gottesreich sein Zentrum in der Türkei haben sollte und nicht in der arabischen Welt, dessen eigene Bewegung schon so gut wie zerfallen ist, den man als Abbild und Blitzableiter für eine fundamentalistische Bedrohung, die er nicht repräsentiert, zu hassen gelernt hat von rechts bis links, wie kann der als Opfer rassistischer Maßnahmen überhaupt nur in Betracht kommen? Wie kann man die Rückführung ausgerechnet dieses Scheusals von Istanbul nach Köln fordern? Kaplan, hinter dem kein Zaimoglu steckt, der ihn zum verhinderten migrantischen Revolutionär gegen den Rassismus stilisiert, ist für Linke einfach nicht solidaritätsfähig, deswegen hat er sich alles Weitere selber zuzuschreiben. Natürlich, so hätte die einfach kritische Antwort lauten müssen, ist einer wie Kaplan nicht solidaritätsfähig, er ist natürlich nicht „unser“ Kumpel, und „wir“ Linken hätten gut daran getan, ihn anzumachen, als er in Köln-Chorweiler noch obenauf war. Aber er ist Mitglied dieser Gesellschaft, einer der hier zum Straftäter und faschistischen Agitator wurde, den man hier hätte bekämpfen müssen, was Polizei und Justiz und nicht die Antirassisten schließlich auch getan haben. Auch ein ganz und gar häßlicher Ausländer, so hätte die Antwort lauten müssen, der nichts als grüne Grütze im Kopf hat, ist als Bewohner dieses Landes nicht etwa wertzuschätzen, sondern zu behandeln wie irgendein deutscher Nazi auch. Das wäre die antirassistische Forderung. Der nächste Haßprediger, der Imam von der Mevlana-Moschee in Kreuzberg ist und die armen deutschen Volksgenossen als unrein beschimpft hat, steht schon in der Warteschleife. Auch er ist ein äußerst übler Bursche, den man politisch und falls erforderlich mit den Mitteln der Justiz bekämpfen muß, aber wohlgemerkt: hier! Das gilt übrigens auch für den wenig sympathischen Zeitgenossen, der gerade seine Freiheitsstrafe wegen Vergewaltigung absitzt und der deshalb, weil er Türke ist, nach Strafverbüßung abgeschoben werden wird.

Gleiches Recht für alle Nazis

Was Kaplan und der Prediger der Mevlana-Moschee nicht erfahren – Rechtsschutz, Gleichbehandlung vor dem Gesetz –, darf angesichts zunehmender Ausländerdebatten nicht dazu führen, die Verkünder der einzigen und wahren Religion unter antirassistischen Bestandsschutz zu stellen. Ihnen gebührt gerade von denen, die das deutsche Programm Abschiebung als Lösung des „Ausländerproblems“ energisch zurückweisen, genauso wenig „Respekt“ wie ihrer Religion. Wenn man unter Gleichheit vor dem Gesetz auch jenen Rest von Respekt vor dem Einzelnen faßt, der als Erbe der Aufklärung sogar in deutschen Gesetzen festgeschrieben ist, dann müssen gerade bekennende Moslems als Feinde der individuellen Freiheit kritisiert werden – solange bis auch diese Religion Privatsache geworden ist. Es nicht zu tun hieße, Zaimoglu und Ipekcoglu zu folgen, also solange wegzuschauen und unhaltbare Verhältnisse schönzureden, bis eine muslimische Kultur tatsächlich völlig außerhalb des allgemeinen Gesetzes steht und nur noch ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt.

So weit von der Sharia als Alternative zum bürgerlichen Gesetz sind deutsche und migrantische Linke gar nicht entfernt. Auch sie sehnen eine nach kulturellen Gruppenmerkmalen vorzunehmende Konkretisierung der abstrakt allgemeinen Gesetze herbei, auch sie maßen sich – vorläufig nur virtuell – eine Notstandsgerechtigkeit an, die in Wirklichkeit nur den Bedürfnissen der eigenen linken Bande nach Selbstjustiz Rechnung trägt. Mit der Folge, daß die lautesten Kämpfer gegen Rassismus entweder ihre Augen vor Verbrechen gegen die persönliche Freiheit im Namen eines kulturalistischen Zwangskollektivs verschließen, solange die Täter ihnen irgendwie solidaritätsfähig vorkommen, oder – wenn man mit seiner Geduld am Ende ist – klammheimlich der Abschiebung „unbrauchbarer“ Ausländer zustimmen. So war es im Fall des Haßpredigers Kaplan, so ist es häufig bei ausländischen Vergewaltigern und irgendwann könnte die Mehrheit der unheimlichen Lieblinge aus dem Kreis der frommen Moslems gemeint sein.

Den dummen Ruf „Nazis raus“ hat deshalb nie einer ernst genommen, weil die Gemeinten nun mal eingeborene Deutsche sind. Was wäre aber die Konsequenz, wenn der deutschen Linken auch islamische Faschisten mit gar nicht deutschem Hintergrund endlich auf die Nerven fallen würden? Verteidigt die Linke, bei aller gebotenen und unerbittlichen Kritik an deren Denken und Tun, auch dann noch ihr Bleiberecht, oder schreit sie „Mullahs raus“?

Die Gleichstellung der Ausländer ist erst dann erreicht, wenn sie keinen Sondergesetzen unterworfen sind und zugleich die Gesellschaft und gerade ihre antirassistische Avantgarde es als selbstverständlich billigt, daß den grünen moslemischen Nazi bei vergleichbarem Tun das gleiche rechtliche Schicksal ereilt wie seine braunen Kameraden. Über Brandenburger Nazis hat man gelernt, daß Arbeitslosigkeit kein Rechtfertigungsgrund für Menschenjagden ist. Über Kreuzberger Islamisten sollte man wissen, daß weder Armut, Kultur, Religion noch migrantische Identität die massenhafte Unterdrückung von Familienangehörigen, die Verhöhnung von Nachbarinnen oder das Geldsammeln für den frommen Judenmord rechtfertigt.

Um abschließend Ivo Bozics Problem zu lösen: Sollten deutsche Nazis irgendwann wirklich gegen die Moschee an der Skalitzer Straße demonstrieren, hätte die antifaschistische Gegendemonstration sich zu richten gegen Ausländerhasser aus Passion und gegen religiöse Einrichtungen, in denen Ratschläge gegeben werden, wie man die Mädchen vom Sportunterricht „befreien“ lassen kann. Wem diese Minimalplattform zu eng ist, der mag sich in die mit Sicherheit zeitgleich stattfindende viel größere Manifestation für Toleranz und gegen Gewalt einreihen: Hinter dem Abgeordnetem Ströbele und dem Vorsitzenden Nadeem Elyas vom Zentralrat der Muslime, hinter des Propheten garantiert vermummten schwarzen Frauenblock, zwischen den Messerstechern von der „Antizionistischen Aktion“ alias RIM/RK und den revolutionären Genossen vom Gegenstandpunkt. Der Platz ganz hinten ist leider schon an die Hizbullah vergeben. Viel Vergnügen auch!

 

Justus Wertmüller (Bahamas 46/2005)