Duell um die Zukunft

Ein Revolutionsstück mit Splattereffekten

 

Was in den USA nach dem Hurrikan Katrina sich ereignen würde, wußte man in Deutschland, das von den Unbilden der Natur regelmäßig verschont bleibt, und wo man gerade deshalb wegen einiger über die Ufer getretener Flüsse und Bäche eine „Jahrtausendflut“ mit dazugehörigem Staatsnotstand ausgerufen hat, lange bevor über dem Atlantik ein Wirbelsturm aufgezogen war. Ein Land, das auch im Katastrophenfall den Föderalismus ernst nimmt und erst dann die Nationalgarde auf den Weg schickte, als die für den Schutz zuständigen, aber unfähigen und korrupten Verantwortlichen, der demokratische Bürgermeister von New Orleans und die demokratische Gouverneurin von Louisiana, sich endlich an den ungeliebten republikanischen Präsidenten wandten – ein Land mit so wenig Liebe zum Ausnahmezustand mußte einfach untergehen. Daß sie ihren Präsidenten nicht wenigstens jetzt endlich abgeschossen haben, wie der baden-württembergische Innenminister empfohlen hatte, sagt eigentlich schon alles über die Amerikaner.

Als der Spiegel am 05.09. mit einem Bild der überschwemmten Stadt und dem Titel „Der Untergang von New Orleans“ aufmachte, ergänzte die Redaktion das mit einer schwarz-rot-goldenen Unterzeile, auf der zwischen den Konterfeis von Schröder und Merkel geschrieben stand: „Duell um die Zukunft. Er oder Sie“. Die Antwort als unverblümte Wahlkampfhilfe war in dieser Aufmachung schon mitgeliefert: Natürlich „Er“, der aus Hochwasser und Heimatliebe einen Volkssturm zu organisieren wußte, der dann unaufhaltsam und wiederholbar wird, wenn er sich gegen den letzten Unilateralisten wendet, der, weil von „skrupellosen Finanzmagnaten beherrscht“ nicht nur fremde Länder wegen Öl überfällt, sondern eben auch die eigene Bevölkerung kalt lächelnd absaufen läßt, besonders dann, wenn sie schwarz ist.

Zombies auf dem richtigen Weg

Doch auch im Angela Merkel freundlicheren Lager haben die USA das Duell um die Zukunft schon verloren. Den gemeinsamen Feind, der vor Jahrzehnten nicht nur den Axel-Springer-Verlag an die Seite der USA geführt hatte, gibt es seit der Zeit nicht mehr, als man zumindest im Kulturteil sich ermuntert fühlen durfte, daran zu zweifeln, daß die USA, die wir zu kennen vermeinten, je existiert hätten, also präzise seit 1990. Wenn schon der Kulturredakteur Sascha Westphal von der Berliner Morgenpost, die man doch wie alle Springer-Zeitungen als bedingungslos proamerikanisch zu verachten gelernt hat, vielsagend unkt: „Die USA, wie wir sie kennen, gibt es schon lange nicht mehr“, dann scheint es nicht nur hierzulande kaum noch jemanden zu geben, der den USA Potentiale der Selbsterneuerung zusprechen würde. Wie Westphal die USA einst kannte, kann man nur vermuten. Es wird der Sound der Bigbands der in Berlin stationierten US-Truppen gewesen sein, die auf dem jährlichen deutsch-amerikanischen Volksfest in Dahlem dem kleinen Sascha so imponiert hatten. Der reifere Sascha brauchte nur noch das sichere Wissen, daß der beste Sound, der spannendste Film, das rasanteste Karussell unbedingt von dorther stammten, um das bei Springer arbeitsvertraglich festgelegte Bekenntnis zum atlantischen Bündnis unter Führung der USA zu ergänzen und war solchermaßen befähigt, sein kulturelles Unbehagen mit dem Idol so lange unter Kontrolle zu halten, bis die Zeit reif war für das Bündnis mit den „Lieben Zombies“, wie er am 01.09.05 eine Filmbesprechung betitelte:

„Die USA, wie wir sie kennen, gibt es schon lange nicht mehr – zumindest in der Parallelwelt, die George A. Romero in den vier Teilen seiner ,Living Dead‘-Saga erschaffen hat. Seit ,Night of the Living Dead‘ 1968 haben die Zombies Amerika nach und nach in ein ,Land of the Dead‘ verwandelt. Romero war zwar nicht der erste, der die Schraube der Gewalt anzog, hat aber Splatter-Effekte als legitime rhetorische Mittel des Kinos etabliert. Und das als konservativ geltende Horrorkino politisch auf den Kopf gestellt.

Nach Pittsburgh wagt sich keiner mehr außer einer Gruppe bewaffneter Söldner. Sie erledigen die Drecksarbeit für den Finanzmagnaten Kaufman (Dennis Hopper), Kopf einer korrupten Elite. 20 Jahre nachdem Romero seine Zombie-Chronik mit ,Day of the Dead‘ an einen Endpunkt geführt hat, markiert ,Land of the Dead‘ einen radikalen Neubeginn. Ging früher mit den apokalyptischen Zuständen immer auch die Hoffnung auf einen Neubeginn durch die Menschen einher, scheint Romero diese verloren zu haben.

In ,Land of the Dead‘ zeigt er ein System, das erschreckende Parallelen zum gegenwärtigen Amerika aufweist, in dem Kaufman von der Krawatte bis zur skrupellosen Politik an George W. Bush erinnert. Vor diesem Hintergrund inszeniert Romero ein Revolutionsstück, dessen Dynamik atemberaubend ist. Am Ende sind es nicht mehr die Menschen, denen er einen Anfang zutraut, sondern die Zombies, die zumindest auf dem richtigen Weg sind.“

Diente das Bild der massenhaft auftretenden, sich schwerfällig und wie blind getrieben voranbewegenden Zombies, die nicht wie Menschen handeln und doch deren Gestalt haben, die unentwegt weiterstolpern und doch eigentlich tot sein müßten, dem Regisseur in den ersten drei „Living Dead“-Filmen auch als Metapher für das entfremdete Dasein der Menschen als Marktsubjekte, so hat nun offenbar auch Romero den Verfallsprozeß linker Kritik mit der stillschweigenden Umdeutung seiner Figuren nachvollzogen: Die Zombies stehen nicht mehr in kritischer Absicht wie früher für die Menschen, die fast ausnahmslos unter dem stummen Zwang der Verhältnisse sich unmenschlich verhalten müssten, sondern vielmehr affirmativ für all jene, deren „Angriff auf Amerika“ (Philip Roth) man einige Sympathie entgegenbringt.

Das Revolutionsstück gegen skrupellose Kaufmans, aufgeführt von einem Vertreter des linken Hollywoods und goutiert von deutschen Kulturredakteuren wurde aktuell nicht in New Orleans gegeben, auch wenn dort skrupelloser Umgang mit Katastrophenschutz kurzzeitig zu apokalyptischen Zuständen geführt hat. Dort stand nach Tagen der Verspätung wenn schon kein Neubeginn, so doch Wiederaufbau und zwar „durch die Menschen“ in Aussicht. Daß George A. Romero dennoch recht hat, wenn er die Zombies auf dem erfolgversprechenden Weg sieht, den immer mehr Leute auch für den richtigen halten, gerade weil er sich gegen „die Menschen“ richtet, war tags nach Sascha Westphals Filmbesprechung in der taz, die immer schon Verständnis dafür aufgebracht hat, daß Untote irgendwelchen Kaufmans in den Twin Towers oder in Tel Aviv an den Kragen gehen, unter der Überschrift, „Die eigentliche Katastrophe“ nachzulesen: „Selbst Freude und Mitleid schlagen zur selben Zeit in meiner Brust. So freue ich mich beispielsweise momentan darüber, dass die jüngste Sturmkatastrophe nicht wieder irgendein armes Land, sondern die reichste Nation der Erde getroffen hat. Ja, ich sehe darin sogar eine Art ausgleichende Gerechtigkeit für das, was die Bewohner dieses Landes durch ihren Krieg im Irak anderen Bewohnern angetan haben. Es würde mich allerdings noch mehr freuen, wenn ich wüsste, dass nur Häuser von Bush-Wählern und Armeeangehörigen zerstört worden wären. Alle anderen tun mir aufrichtig leid.“ (Phillip Mausshardt, taz, 2.09.05)

Die eigentliche Katastrophe in Deutschland ist wie immer nicht der Springerkonzern, – er ist immerhin der letzte Meinungsmacher, der sich ins wiedervereinigte Splatterland Germany einbringt und wenigstens noch offen läßt, ob die ausgebreiteten paranoiden Vernichtungswünsche die Meinung des Redakteurs oder die des linken Hollywoods wiedergeben. Der Sleeper von der taz, der da scheinbar nur von zerstörten Häusern redet, die er einem großen Teil der amerikanischen Bevölkerung wünscht, obwohl er wußte, daß man Anfang September davon ausging, daß in ihnen möglicherweise Tausende toter Hausbesitzer ihrer Bergung harrten, bemüht die große Flut als antiimperialistisches Gottesgericht gegen eine Bevölkerungsmehrheit, deren Kollektivschuld an Verbrechen gegen die Menschlichkeit spätestens seit der Wiederwahl George W. Bushs evident ist. Der da zugleich vorlügt, aufs Konto des amerikanisch angeführten Krieges seien zigtausende zerstörte irakische Häuser gegangen wie auf das von Katrina im Süden der USA, und nahelegt, daß die mehr als 10.000 ermordeten Iraker nach dem Ende der Kampfhandlungen wiederum den USA ins Schuldbuch eingetragen werden müßten, als ob nicht Iraker täglich Iraker massakrierten, steht im Bunde mit den Zombies, die er ganz im Geiste Romeros auf dem besseren Weg weiß und deren Live-Splatter-Shows er noch überboten sehen will, wenn er dem Erzteufel biblische Plagen an den Hals wünscht. Die Freude über die ausgleichende Gerechtigkeit, die die USA da getroffen hätten, ist der unverkennbare Aufruf an jene, die immer schon jede Naturkatastrophe als göttliche Legitimation ihres eigenen höchst irdischen Weltkrieges gegen die Zivilisation interpretieren, ihr Revolutionsstück bitteschön unvermindert fortzusetzen, dabei aber darauf zu achten, daß in der Berliner Kochstraße nur das Springerhochhaus zerstört werde und nicht der dreihundert Meter weiter westlich liegende Stammsitz der täglichen radikalen Zeitung.

Freiheit und Democracy

Die USA, die wir kennen, gibt es ja tatsächlich schon lange nicht mehr. Gerade dann, wenn sich eine amerikanische Regierung anschickt, wenigstens Konsequenzen aus den Jahrzehnten des kalten Krieges zu ziehen, in dem wirklich fast jeder Neuanfang in Vietnam und anderswo verunmöglicht wurde, fast jedes Versprechen von Freiheit sich im Bündnis mit Staatsverbrechern als Lüge erwies und der Eindruck sich aufdrängte, die freie Welt unter Führung der USA produzierte in schöner Regelmäßigkeit lediglich Zombie-Politiker in Zombiestaaten und schnürten jede Hoffnung ab, daß die Geschichte einmal wieder von Menschen gemacht werden könnte; gerade dann, wenn plötzlich unter neuen Vorzeichen wirklich ein regime change versucht wird, dessen Profiteure nicht nazistische oder theokratische Unmenschen, sondern die Mehrheit der Iraker hätten werden sollen, scheinen 90% der Menschheit erst recht davon überzeugt zu sein, daß nicht die USA, sondern die Untoten, die seit 1990 völlig blockfrei und ungehemmt ihren Mordsgeschäften nachgehen, das Geschick der Menschheit zu einem besseren Ende führen könnten.

Die USA, die wir bis 1990 zu kennen meinten, wegen ihres unerhörten Verrats an den eigenen Werten zu kritisieren und anzuklagen wäre das Richtige gewesen, hätte man es je ernst mit ihrem Credo gemeint. Da man aber, Brechts Hinweis in seinem Gedicht „Der anachronistische Zug“ (1947) folgend, deren dauernd propagierte Werte teilweise in volksfremdem Englisch als „Freiheit und democracy“ mit denen des Nationalsozialismus auf eine Stufe zu stellen gelernt hatte, beschimpfte man längst nicht mehr den Verrat an der Freiheit, sondern das Versprechen von Freiheit und eben Demokratie überhaupt. Ganz in der Tradition Brechts, der im „anachronistischen Zug“ den zeitlos infantilen Reim, „Allons, enfants, god save the king / Und den Dollar, kling, kling, kling“ untergebracht hatte, der seither jeder pazifistischen oder globalisierungskritischen Demonstration als Leittransparent vorangetragen werden könnte.

Wie gleichgültig der Mehrheit der westlichen Intelligenz die demokratisch verbürgten Freiheiten sind, die sie selbst nie missen wollten, zeigte sich nicht nur, wenn irgendwo weit weg wieder eine ganz dem Fortschritt verpflichtete Volksdiktatur errichtet wurde, sondern mehr noch dann, wenn es ganz demokratisch, freiheitlich und kapitalistisch mit einem Land bergauf ging. Immer dann nämlich, wenn ausnahmsweise etwas gelang und Verbündete der USA von fiesen Militärdiktaturen in immerhin erträgliche Demokratien sich wandelten, Süd-Korea und Taiwan mögen hier als Beispiele dienen, verstummten all jene nicht nur europäischen Kritiker, die immer schon wußten, daß über den Westen längst das letzte Wort gesprochen worden sei. Sie verstummten so verstockt, daß heute kein Aufhebens mehr davon gemacht wird, daß China zusammen mit Rußland im August 2005 ein Manöver gegen den Terrorismus abhielt, das zum großen Teil der Inszenierung der längst angekündigten Eroberung Taiwans durch Festlandchina gewidmet war. Die achselzuckende Hinnahme dieser offenen Drohung mit einem regime change, der die relativ freien Taiwanesen einem totalitären Regime ausliefern würde, das Weltmarktoffensive und Friedhofsgesellschaft, etatistisch abgesicherten Turbokapitalismus und militärische Expansion für Großchina ganz unverhohlen als sein Programm erklärt, ist Bestandteil des Bündnisses mit den lieben Zombies und deren etwas anderem aber durchaus erfolgversprechendem war on terrorism.

Verrat an der Freiheit

Man hätte der Welt nach 1945 etwas Besseres gewünscht als Marshallplan, bürgerliche Republik und die unsichtbare Hand des Marktes. Es gab viele gute Gründe, sich wenigstens zu wünschen, daß nach der unerhörten Katastrophe, die da von Deutschland über die Welt gebracht wurde, und die doch auch die Katastrophe von Volksdemokratie und bürgerlicher Republik, freiem Markt und sozialistischer Planalternative überhaupt war, es einen Neubeginn geben möge, der nicht nur die Wiederholung des Nationalsozialismus ausschließen würde, sondern darüber hinaus von Menschen und nicht von den Fetischisten des Marktes oder des Staates eingerichtete Gesellschaften hervorbringen würde, die dereinst nicht formal sondern wirklich zur Weltgesellschaft sich assoziieren könnten. Den USA als dem ökonomisch potentesten Sieger zu unterstellen, es sei ihr Werk gewesen, daß Frieden und Sozialismus in der Welt nicht Einzug gehalten hätten, ist dagegen eine schlimme Geschichtsfälschung, die sich desto leichter ausspricht, je ferner die Alternative zu Freiheit und democracy liegt. Der Sozialismus, wie er 1945 im Angebot stand, war keine Alternative zur Barbarei, sondern Teil von ihr. Mehr als der Sowjetunion und mit ihr all den gleichgeschalteten kommunistischen Parteien zu attestieren, daß sie im Vergleich zu Nazi-Deutschland ein kleineres Übel darstellten, war bei ruhiger Prüfung, die insbesondere die westeuropäische Intelligenz nicht vornehmen wollte, zugunsten des Parteikommunismus nicht vorzubringen. Dieser Kommunismus, und es war der einzige, der geschichtsmächtig die Hoffnung auf eine andere Vergesellschaftungsstufe hätte umsetzen können, war nicht nur bürokratisch erstarrt, wie man nach 1956 zu sagen pflegte, er war ein Denkmal des Verrats an der Sache und zugleich Ausdruck massenhaften Mordes. Des Verrats an jeder den einzelnen Menschen freundlichen Idee, wie sie zuletzt noch bei Lenin und Trotzki vereinzelt den parteiamtlichen Kommandoton durchbrach und des nie endenden Mordens von Verrätern am Aufbau, der Parteilinie, der Wachsamkeit, der sozialistischen Moral und wie die Vorwürfe seit spätestens 1928 sonst noch hießen. Dieser sowjetische Kommunismus hatte 1945 gleichgeschaltete Funktionäre nach Europa entsandt, an denen das Blut ihrer in Moskau ermordeten Genossen klebte, die sie selber angeschwärzt hatten, und deren erste Handlungen darin bestanden, ihre im antifaschistischen Widerstand in der Heimat verbliebenen Genossen an die stalinistische Kandare zu nehmen. Lediglich der zum Mythos aufgeblasene heldenhafte Widerstand des Sowjetvolkes gegen die nationalsozialistische Bestie vermochte zu bemänteln, daß das in seinem Namen verkündete Angebot einer besseren gesellschaftlichen Alternative zur bürgerlichen kapitalistischen Republik ein hochgradig unsittliches und entsprechend auch nur mit Gewalt zu realisierendes war.

Es bleibt der berechtigte Einwand, daß die meisten Bemühungen in der dritten Welt oder in Lateinamerika um etwas mehr Freiheit und Demokratie im sozialistischen oder sozialdemokratischen Gewand einem so rigorosen Kommunismusverdacht, gekoppelt mit entsprechenden militärischen Drohungen und im Zweifel bewaffneten Interventionen durch die USA, verfielen, daß den Betroffenen häufig außer der Kapitulation nur das Bündnis mit der Sowjetunion blieb. Ein Einwand, der allerdings dann unredlich wird, wenn die zumeist sehr häßlichen Entwicklungen in den Ländern, in denen die jeweilige Befreiungsbewegung siegreich war und Regime etablierte, die ihren Bürgern zumeist nicht weniger Tod, Entbehrung und Entrechtung zumuteten als dem Westen treue Militärdiktaturen, einfach unberücksichtigt bleiben, oder schlicht den USA als angeblich wirklichem Verursacher allen Leids zugeschustert werden.

Es gibt keinen Grund, unkritisch auf „Freiheit und Democracy“ von Gnaden der USA zu setzen, erst recht aber keine Rechtfertigung dafür, den als humanistisch und pazifistisch geadelten Standpunkt der Blockfreiheit, wie er von der westlichen Intelligenz hochmoralisch aber verlogen bis heute aufrechterhalten wird, der Kritik ganz oder weitgehend zu entziehen. Dem Stalinismus, den man als fortschrittlicher Intellektueller angeblich immer kritisiert hatte, entlehnten die westlichen Freunde der Völker und ihres Kampfes um Befreiung ein dem Gesetz des geschichtlichen Fortschritts entsprungenes Recht auf massenhaften Terror gegen die Konterrevolution, der jeder zugeschrieben wurde und wird, dessen Tun oder Meinen mit dem unerbittlichen Gang der Geschichte nicht deckungsgleich war. Die Massenmorde des befreiten Algerien an Kollaborateuren aller Art fanden so zum Beispiel ihre historische Legitimation. Doch noch den Stalinismus wußte die westliche Intelligenz, die nach 1990 den gesamteuropäischen, ja weltweiten gesunden Menschenverstand zu repräsentieren scheint, zu überbieten, als sie ganz den Gesetzen der Befreiung durch Zombies und gegen die Menschen folgend, dessen Zweifel am Agrarkommunismus irgendwelcher autochthonen Kulturen oder gar Religionen nicht mehr gelten ließ. Spätestens mit der Begeisterung für den algerischen Unabhängigkeitskrieg und seine Ideologen wie Franz Fanon vollzog sich die Hinwendung des intellektuellen Europas zu jenem größeren Block, der nach 1956 als antikoloniale Volksbefreiungsbewegung noch den seither teilweise pazifizierten Spätstalinismus an Skrupellosigkeit überbietet. Dem US-amerikanischen Glaubensbekenntnis, wonach Freiheit und Demokratie im Zeichen der Marktvergesellschaftung sich unvermeidbar als das Ende der Geschichte durchsetzen würden, stand ein schlimmerer Geschichtsmythos entgegen, dem zufolge Befreiung als Volksbefreiung weder an die spärlichen inhaltlichen Schranken, die Freiheit und Demokratie immerhin noch bedeuten, zu binden sei, noch an die sowjetische Vorstellung der nachholenden Entwicklung von agrarischen zu industriellen, von klangebunden-autochthonen zu westlich verstädterten Gesellschaften. Der kapitale Verrat der USA an ihrem eigenen Vorsatz, als sie 1980ff Mudschahedin gegen die sowjetischen Truppen und ihre afghanischen Verbündeten mit Geld, Waffen und Logistik ausrüsteten und damit die Verhältnisse, die später zum Taliban-Regime führten, vorzubereiten halfen, war möglicherweise der einzige Fall, als man in Europa mit ihrer Außenpolitik einmal rundum zufrieden war. Vielleicht gerade deshalb, weil die Sowjetunion Standards von Zivilisation in Afghanistan zu setzen versuchte und etwa die Schulpflicht auch für Mädchen kurzfristig durchsetzte. In jenen Jahren des Verfalls war die blockfreie Welt, die allmählich die Mehrheit in UN und Weltöffentlichkeit stellte, der stillen Komplizenschaft mit der Sowjetunion überdrüssig geworden. Immer drohender zeichnete sich ein Splattermovie ab, dessen Protagonisten endgültig mit westlichem Imperialismus abrechnen wollten und die Sowjetunion gar nicht ganz zu unrecht dem westlichen Lager zuschrieben. Ausgerechnet durch die Aufrüstung jener Zombies, die seither Schrittmacher für immer mehr nicht nur islamische Kulturen sind, denen der Endkampf gegen den Westen letzter Parteiauftrag ist, den Realsozialismus entscheidend geschwächt und ihm zu seinem baldigen Ende verholfen zu haben, lastete den USA jene neuen Aufgaben auf, die so verrückt zu sein scheinen, daß man mit Recht sagen kann: Die USA, die wir gekannt haben, gibt es schon lange nicht mehr.

Der Anbruch des chinesischen Zeitalters

Freiheit und Demokratie als das Maß, das an den angelegt wird, der beides verspricht, sind endgültig passé. In der hetzerischen Wendung „Freiheit und democracy“ blitzt noch unfreiwillig auf, was Freiheit in nichtkommunistischen Zeiten allein sein kann: Das Versprechen einer über den Markt regulierten Ökonomie, der eine demokratisch legitimierte Staatlichkeit jene Grenzen setzt, die dem einzelnen Produzenten nicht nur seine Vermittlung über den Markt ermöglicht, sondern darüber hinaus auch seinen höchst privaten Rückzug von allen Zumutungen öffentlicher oder gar kollektiver Art. Die Demokratie, die alternativ dazu verkündet wird, hat die Freiheit des privaten Produzenten, für sich allein zu sein, längst kassiert. Sie ist das formal völlig korrekte Akklamationsmodell plebiszitärer Massen, die längst auf Endziele apokalyptischen Ausmaßes geeicht sind und mit Sicherheit immer das wählen werden, was ihnen ein schäbiges, abhängiges und kurzes, aber irgendwie ruhmreiches Leben im Kampf für kulturelle Werte bescheren wird, der geeignet ist, die Welt in Scherben fallen zu lassen. Die Freiheit, die jene Demokratie beschert, ist der schlichte Ausdruck unmittelbarer Hochgestimmtheit völlig entrechteter und verblendeter Massen, denen man systematisch jede Chance ausgetrieben hat, sich auf ein anderes als das kulturalistisch zugerichtete Zwangskollektiv, nämlich auf sich selbst und damit auch auf die Menschen zu beziehen. Solche Erziehung zur Freiheit findet in den Medresen Pakistans, wo der dritte Weltkrieg unter dem Vorzeichen des Djihad gelehrt wird, genauso statt wie in den staatlichen Bildungseinrichtungen Chinas, in denen das Wirtschaftswunder der Arbeits­ameisen als Anbeginn eines chinesischen Zeitalters propagiert wird, das sich vom Überfall auf Taiwan bis zum Atombündnis mit dem Iran einem stolzeren Ziel verschrieben hat als die führende Rolle auf dem Weltmarkt es ist.

Wenn die fiktiven Zombies des Filmemachers Romero oder die realen wie der taz-Schreiber Mausshardt ganz selbstverständlich das Werk der lebendigen, ihre eigenen Geschicke in die Hand nehmenden Menschen übernehmen sollen, dann nur deshalb, weil Freiheit und Demokratie nunmehr grenzenlos, nämlich in grenzenloser Negativität verstanden werden. Definierte die rechtspositivistisch gestimmte liberale Schule Freiheit als die Abwesenheit von insbesondere staatlichen Zwängen, so unterstellte sie zugleich eine positive Freiheit des Individuums bei der Bestimmung seiner Geschicke, also einen unausgesprochenen, weil wenigstens teilweise gesellschaftlich und ökonomisch verbürgten Wertekanon. Diese Schranke, die die rule of law einst formal und deshalb so wirkungsvoll setzte, wird heute schlicht für obsolet erklärt. Ein Markt ohne freie Marktsubjekte ist liberaler Theorie und bis zu einem gewissen Grad auch Praxis ebenso fremd wie ein Staat ohne private Bürger.

In Zeiten, in denen der antikoloniale Traum der westlichen und trikontinentalen Intelligenz sich zu erfüllen scheint, die Dritte Welt endlich aus dem Nord-Süd-Gefälle ausbricht und sich im Zeichen einer Süd-Süd-Schiene ganz selbstbewußt selber ausbeutet, wie die innerafrikanischen, aber auch die chinesisch-vorderasiatischen und die chinesisch-afrikanischen Handelsbeziehungen bestätigen, kommt keine Melancholie über die schwächer werdenden Bindungen an den Norden auf, obwohl die neuen Abhängigkeiten ökonomisch und gesellschaftlich fast alles in den Schatten stellen, was westliche „Multis“ und andere „skrupellose Finanzmagnaten“ den Ländern der Dritten Welt nach 1945 angetan haben. Die Schranke nämlich, die westliche Dominanz in staatlicher wie ökonomischer Hinsicht sich unfreiwillig selber setzte, bestand darin, daß die investierenden Konzerne und die intervenierenden Regierungen der USA, Großbritanniens und in schwächerem Ausmaß auch Frankreichs sich stets an den Standards zu Hause messen lassen mußten, und es fast schon automatisch zum Skandal und zur Widersetzlichkeit führte, wenn Gewerkschaften verboten und Regierungen gekauft wurden oder paramilitärische Organisationen im Staatsauftrag mordeten. Wo Regierungen sich von Konzernen abhängig machen, in deren Heimatland Gewerkschaften als eine Kampfeinheit zur rücksichtslosen Ausbeutung und politischen Unterdrückung von Arbeitern verstanden werden wie in China, oder sich private Stiftungen ins Land holen, die unter Sozialstaat eine Suppenküche mit angeschlossener Indoktrinationsanstalt zur Verbreitung des weltweiten Terrors begreifen, kann sich Empörung gegen solche südlichen Unmenschlichkeiten nicht mehr am Widerspruch entzünden, der sich zwischen ökonomischer oder karitativer Praxis und dem zugrunde liegenden Versprechen von Freiheit oder der Verpflichtung, ohne Ansehen der Person, ihres Glaubens und politischen Denkens menschliches Elend lindern zu wollen, auftut. Schließlich verspricht China auch zu Hause nichts als staatlich garantierte Ausbeutung und chinesischen Nationalchauvinismus, und in islamischen Ländern wird die Wange zum Bruderkuß und eine Handvoll Reis nur jenen angeboten, die sich dem mörderischen Missionsprogramm gläubig unterwerfen.

Bagdad-Berlin: Der Durchmarsch der Untoten

Die Entscheidungen nach 1990, beginnend mit dem ersten Irakkrieg, wiesen in eine neue, so von den USA unbekannte Richtung, und man hätte als USA-Kritiker allmählich Grund gehabt, sich einzugestehen, daß dieses Land die einmal über es gefällten Vorurteile nicht mehr bestätigt. War das Ergebnis von 1991 immerhin, der Allmacht eines der blutigsten Regime des Orients die Spitze abzubrechen und wenigstens einem Teil der irakischen Bevölkerung, den Kurden jenseits des 36. Breitengrades per Flugverbotszone die Befreiung vom Baath-Nazismus zu gewähren, sind die Aktivitäten nach dem 11.09.2001 erst recht nicht mehr von der Abstrafung oder Auswechselung irgendwelcher Regierungsmarionetten getragen, sondern allen Ernstes mit dem Willen vom Zaun gebrochen worden, einen wirklichen regime change durchzusetzen. Man sollte das nicht als Menschheitsbeglückung, wohl aber als im beiderseitigen Interesse, dem afghanischen respektive irakischen und dem amerikanischen bzw. überhaupt westlichen verstehen. Um Öl ging und geht es dabei nur insoweit, als dieser natürliche Reichtum nicht nur als Ware auf dem Weltmarkt gehandelt wird, sondern immer offener als Instrument zur Durchsetzung totaler Herrschaft und zur Verbreitung globalen Terrors dient. Hätten jene, die dauernd no blood for oil skandierten, ihren Slogan ernst genommen, sie hätten sich für den amerikanisch-britischen Feldzug gegen das Baath-Regime einsetzen müssen. Schließlich war es ja Saddam, der dauernd Petrodollars an palästinensische Selbstmörderfamilien schickte oder in entsprechende Terrororganisationen investierte und nicht zuletzt das eigene Land in eine Raffinerie verwandelte, die, statt aus Rohöl Benzin zu gewinnen, mit dem Naturstoff die Devisen erwirtschaftete, die nur dazu dienten, Ströme des menschlichen Natursafts in offenen und unerklärten Kriegen freizusetzen. No blood for oil hätte zu bedeuten: Oil for freedom and democracy und nicht für den Aufbau eines durch die Ölrente finanzierten nationalchauvinistischen Staatsmolochs, der an seine Untertanen kärgliche Überlebensrationen ausgibt und im Gegenzug bedingungslosen Gehorsam einfordert. Öl könnte im Irak, aber auch im Iran und in den meisten anderen Erdöldespotien das geeignete Mittel sein, die dortigen Bevölkerungen und mit ihnen die Welt von den regierenden Zombies zu befreien, wenn es als die materielle Basis für die Etablierung freier Gesellschaften von Menschen eingesetzt werden würde, deren Mitglieder dann, statt als zu Akklamationszombies verkommenen Gefolgschaften zu vegetieren, ihre privaten Geschicke in die eigenen Hände nehmen könnten. Ohne auf irgendeinen islamischen oder von der UN gesponserten relief angewiesen zu sein, und ohne sich von dem Gebrüll nationalsozialistischer respektive theokratischer Untoter irremachen zu lassen, die ihre Herrschaft vorwiegend dem zur Vernichtungswaffe umfunktionierten Öl verdankten.

Es scheint aber der Süden als das erfolgsversprechendere Modell die Schlacht um die Zukunft des Irak zu gewinnen. Nicht weil er an Waffen oder Ideen den USA überlegen wäre, sondern weil seine zur Überwindung von Freiheit und democracy drängenden Meinungsführer und Machthaber ihre Dependancen im linken Hollywood genauso haben wie in der täglichen radikalen Zeitung und weil beider Multilateralismus zusammengenommen eine axis of weasels ergibt, die in der UN und der EU und allmählich wohl auch im Hause Springer die Meinungsführerschaft für sich beanspruchen darf. So wie es möglich war, eine Politikerin immerhin berechenbaren Zuschnitts in einem irrsinnigen Bundeswahlkampf als „das Merkel“ zugunsten eines veritablen Zombies öffentlich als Untote zu diskreditieren, die den Deutschen das Leben zur Hölle machen würde, käme sie an die Macht, so war es schon vier Jahre davor gelungen, in globalem Maßstab einen amerikanischen Präsidenten genau dann, als er wenigstens weitgehend von Menschlichkeit und Rationalität geleitet handelte, weltweit so sehr als skrupellosen Finanzmagnaten zu desavouieren, daß als erfolgreichere Alternative nur noch der Anschluß an den weltweiten Durchmarsch jener Zombies blieb, von denen man weiß, daß sie und nicht die Menschen „zumindest auf dem richtigen Weg sind.“ Daß der Weg der Menschen, der im Irak derzeit von den verbündeten Armeen begangen wird, zunehmend auch von den Befürwortern des Krieges für aussichtslos gehalten wird, hat seinen Grund nicht im arabischen oder islamischen Wesen und auch nicht in der scheinbaren Unbesiegbarkeit der Terrorbanden. Stünden zusätzlich zu den Truppen der Koalition der Willigen weitere 300.000 Soldaten, Techniker und Fachleute aus Europa im Irak, und stünde den Islamisten weltweit anstelle des interessierten Mißverständnisses europäischen Appeasements und kulturrelativistischer Doktrin eine geschlossene antifaschistische Front entgegen, wäre binnen kurzer Zeit Schluß mit sunnitischem Terror und schiitischem Klerikalfaschismus im Irak, hätte der Iran längst sein Atomprogramm aufgegeben und Syrien seine Grenzen zum Irak fest geschlossen. Weil es nicht dazu kommen soll, werden die USA im Irak zwar nicht untergehen wie Ende August New Orleans. Das Duell um die Zukunft scheint allerdings vorläufig zugunsten jener ausgegangen zu sein, die erfolgreich aus George W. Bush einen Kretin und aus Angela Merkel ein Neutrum gemacht haben. Es sind jene Blockfreien, die zugleich den größten Block bilden, denen die Zukunft Taiwans genauso wurst ist wie die der irakischen Bevölkerung und die nicht zufällig, soweit sie Deutsche sind, die Eskapaden eines wahnsinnigen Lügners und autoritären Etatisten als Ausdruck mutigen Kampfes um mehr Menschlichkeit gegen soziale Kälte bewundern, statt einen wegen irreparabler Programmierungsfehler unberechenbar gewordenen Staatsroboter schleunigst abzuschalten.

Einen radikalen Neubeginn, allerdings einen gänzlich anderen als den tatsächlich drohenden, der den Westphals und Mausshardts der deutschen Zombiepresse Verheißung ist, wünschte man auch den USA. Jedenfalls im Hinblick auf einen Heimatschutz, der in der Lage wäre, auf eine unabwendbare aber immerhin angekündigte Naturkatastrophe so zu reagieren, daß weder im Fußballstadion gehungert und gedurstet wird, noch Tage nach dem Sturm Leute in den Dachböden ihrer Häuser ertrinken, noch spontan gegründete Rackets die Abwesenheit der Staatsmacht dazu nutzen, anderen Dagebliebenen Tage des Terrors zu bescheren. Ein Neubeginn auch, der einmal nicht von Kriegsgewinnlern aller Couleur, von denen die einen Rassismus, die anderen Kyoto und die dritten Irak schreien, in einen Vorwahlkampf verwandelt wird, in dem die Opfer von Katrina und katastrophalen Kathastrophenmanagements nicht als die glücklicherweise zum größten Teil lebendigen Toten durchgereicht werden, mit denen sich Stimmung machen läßt.

Justus Wertmüller (Bahamas 48/2005)