Hofierte Amoral

Die Bomben von London oder was die Linke am Islamismus findet

 

I.

Vom antiimperialistischen Befreiungskampf ist der Lack ab. Seine Helden sind häßlich; häßlicher noch als die Flugzeugentführer und Olympia-Schlächter der Brandt-Ära geht von ihnen einfach nichts Heroisches, nichts Endkampf-Edles mehr aus, von den saudisch-syrischen Kehlendurchschneidern im Irak ebenso wenig wie von den suicide-bombers aus dem sunnitischen Teil Birminghams.

Der Unwillen wächst, diesen Terrorismus überhaupt noch zur Kenntnis zu nehmen; je schneller man zur Tagesordnung übergehen kann, desto besser. Selbst der erste Anschlag auf die Londoner U-Bahn am 7.7.2005 hielt sich gerade mal zwei Tage lang auf den ersten Seiten und schon da klangen die offiziell abgegebenen Erklärungen ebenso matt und abgedroschen wie die ihnen folgenden Leitartikel. Der sehnlich herbeigewünschte moslemische Widerstandskämpfer gegen Besatzung, Rassismus und Krieg ist so deutlich als mordender Psychopath kenntlich, daß sich jede fadenscheinige Rationalisierung und Vermenschlichung seiner „wirklichen“ Absichten verbietet. Weder ist der Mörder Theo van Goghs willens, sich als fehlgeleitetes Opfer des Rassismus zu inszenieren und beharrt stolz darauf, aus freien Stücken gehandelt zu haben, noch sind die in Europa lebenden Propagandisten des Djihad bereit, die religiösen Motive ihrer Mordbanden nach Sozialarbeiterart zu relativieren und soziale Unterprivilegiertheit als carte blanche noch für die größten Abscheulichkeiten ins Feld zu führen.

Je unverblümter der politische Islam seine Absichten und Beweggründe darlegt, desto verdruckster klingen die sozialromantisch-antiimperialistischen Erklärungsmuster, die zu Zeiten von 9/11 noch überall im Brustton der Überzeugung ausposaunt wurden. Die wohlmeinenden Weltverbesserer, die nie über die Untaten der vermeintlich Unterdrückten sprechen möchten, sondern nur unschuldige Opfer der vermeintlichen Unterdrücker und heroische Widerständler gebrauchen können, haben es aber auch schwer: Wie soll man gleichzeitig mehr Entwicklungshilfe fordern und erklären, was einen Islamisten dazu bewegt, 32 Kinder in die Luft zu sprengen, die soeben dabei waren, sich von GIs mit Nahrung und Schokolade versorgen zu lassen (so geschehen am 14.7.05 in Bagdad)?

Zurückhaltung, ja ostentative Ratlosigkeit gepaart mit sichtlichem Desinteresse am Thema ist aber auch schon das Äußerste, was vom Post-68er juste milieu zu erwarten steht. Diese Ratlosigkeit ist Haltung im schlechtesten Sinne des Wortes, denn sie will überhaupt keinen Rat haben, sie will nicht zur Kenntnis nehmen, was doch mittlerweile bestens dokumentiert ist: den Krieg, den der Islam der westlichen Lebensweise, sofern sie aufgeklärt, freizügig und individualistisch ist, erklärt hat. Was sie noch weniger zur Kenntnis nehmen möchte, ist, daß diese Kriegserklärung durchaus in tiefster Übereinstimmung mit Geschichte wie Dogmatik des Islam steht. Woran Vertreter dieser Geisteshaltung der ostentativen Ratlosigkeit schon gar nicht mehr denken mögen, ist, daß die Attraktivität des Islam für einen gewissen Typus von Nicht-Moslem gerade in dieser Kriegserklärung besteht. Attraktiv wirkt der expansionistische, allein auf Krieg und Herrschaft abstellende Islam, weil er – wie der Nazismus auch – das Unbewußte zur politischen Maxime erhebt. Attraktiv wird er also darin, den enttäuschten Größenwahn seiner Anhänger zu systematisieren, oder anders gesagt: Rückständigkeit, die gewiß nicht aufs Ökonomische verkürzt werden darf, als Wesensmerkmal wahren Herrenmenschentums auszugeben. Ähnlich wie in Deutschland der Kultus des Natürlichen und Kraftvollen der notwendige Begleiter des Nationalsozialismus war, der das Unzivilisierte zur besonderen Qualität erhob, verhält es sich auch beim grünen Nazismus, dem Islam. Auch er erhebt zur religiösen Tugend, was sonst unter Psychopathologie fiele: das Scheitern an zivilisatorischen Anforderungen, das Scheitern an einer individualisierten Triebkontrolle durch Sublimation statt durch Repression, das Scheitern am Verzicht auf unmittelbare Herrschaft über andere. Genau dieses Scheitern wird zum Anspruch auf Weltherrschaft umgemünzt; einer Weltherrschaft des wahlweise wahren Glaubens oder im Falle des NS der richtigen Rasse (wie im Sudan zu beobachten, geht das eine fließend ins andere über). Daß diese Weltherrschaft nur als ein Programm der Weltvernichtung ins Werk gesetzt werden kann, ist offenkundig.

Der Islam also ist wie der Nationalsozialismus die ideologische Systematisierung seelisch begründeter Zivilisations- und in letzter Instanz Lebensablehnung. Er tradiert diesen Seelenzustand durch seine Erziehungsregeln und Familienstrukturen, wird aber auch für Nicht-Moslems attraktiv, sofern sie ähnlich „gestrickt“ sind. (1) Die Geschichte der Black Muslims und damit auch die des HipHop würde vor dem Hintergrund des Widerspruchs zwischen überkommenem Männlichkeitsideal, ergo Selbstbild und weiblicher Emanzipation verdeutlichen, warum Horkheimer schon Anfang der 60er Jahre angesichts einer weltweiten Konversionswelle darauf hingewiesen hatte, daß „der Islam dem kollektivem Fanatismus und der brutalen Positivität unter allen Religionen am weitesten entgegenkommt.“ (Horkheimer: Die Aktualität Schopenhauers, in: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, Frankfurt 1985, 267)

Ostentative Ratlosigkeit

Weil diese Zusammenhänge heute so offen zu Tage liegen, weil die Islamisten genausowenig wie einst die Nationalsozialisten einen Hehl aus ihren Absichten machen und keinerlei Gelegenheit bieten, ihre Aussagen irgend metaphorisch zu deuten – genau deswegen dürfen die medialen Chefinterpreten plötzlich die Welt nicht mehr verstehen. Allein, das allzu Offenkundige paßt ihnen nicht – oder ist es vielleicht noch schlimmer? Sympathisieren sie klammheimlich weiterhin mit den suicide bombers, auch nachdem ihnen klar geworden sein müßte, daß auch sie selber ab und an einen Bahnhof betreten oder mit dem Bus fahren?

Das Lob für England, nach den Anschlägen nicht in Panik verfallen zu sein, war kaum verhüllt die Aufforderung zur Untätigkeit, in die England hoffentlich nicht verfallen wird. Wenn überhaupt eine konkrete politische Empfehlung ausgesprochen wurde, dann die, daß doch den Tätern und ihrem Umfeld auf jeden Fall schon prophylaktisch der Opferstatus zugesprochen werden müsse, da doch schon der Versuch, die Beziehungen zwischen den Tätern und ihrer Ideologie nachzuzeichen, irgendwie unter „Rassismus“ falle.

Diese Verschiebung ist nicht neu, neu war die Demütigkeit des Kommentars. Bis in den pastoral-beschwörenden Ton hinein herrschte eine Schicksals-Ergebenheit wie sie normalerweise angesichts unabänderlicher und unaufhaltsamer Ereignisse wie Vulkanausbrüche und Erdbeben an den Tag gelegt wird. Man thematisiert den islamischen Terror wie eine gesellschaftliche Naturkatastrophe: Man bedauert ihn, man munkelt allerhöchstens dunkel über mögliche Ursachen und betont die sehr existentiellen Lehren, die daraus zu ziehen seien. Analogien zur Tsunami-Inszenierung letzte Weihnachten drängen sich auf: Die Naturkatastrophe wurde als eine Art Appell zu verschärftem Klima-Ökologismus gedeutet, obwohl das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Ganz ähnlich raunte es nach den Anschlägen von London hintergründig, daß Kriege und Konflikte aller Art eben ganz schrecklich seien und Gewalt prinzipiell furchtbar. Der mit Namen kaum benannte Irak-Krieg wurde in dieselbe Relation zu den Anschlägen gestellt wie das Ozonloch zur pazifischen Flutwelle. Ansonsten aber behauptet man die prinzipielle Sinnlosigkeit menschlichen Strebens derlei Naturereignissen abzuhelfen. Der tapfere Stoizismus der Briten wurde zu einer Art Duldungsstarre gegenüber dem islamischen Terrorismus umgedeutet, diese Duldungsstarre schließlich zur neuen Lebensphilosophie Europas hochstilisiert und gern auch mal dem – in dieser Sicht – selbstverständlich ins Leere laufenden, kriegerischen Aktionismus US-amerikanischer Prägung gegenübergestellt.

 

 

II.

    Aber ist diese Konstellation nicht eigentlich völlig ver-rückt? Hat man sich nicht schon viel zu sehr daran gewöhnt, daß ausgerechnet diejenigen die eifrigsten Steigbügelhalter des Islamismus sind, die ihm nach ihrem eigenem Habitus und Selbstverständnis am wenigsten abgewinnen können dürften? Ist es nicht gerade jene Generation, die in Deutschland mit Rot-Grün in höchste Ämter vorgestoßen ist, die sich eine Menge auf ihren federführenden Beitrag zur Zivilisierung der Bundesrepublik einbildet; einen Beitrag, den sie durchaus darin erblickt, soviel für die Frauenrechte getan, sexuelle Diskriminierung überhaupt zurückgedrängt, den traditionellen Machismus gestürzt zu haben? Wie kann es angehen, daß jene, die sich mit diesen Errungenschaften so plustern, als ob sie allein auf ihrem Mist gewachsen seien, heute alles in ihren Kräften Stehende tun, daß der autoritärsten Bewegung seit 1945, der reaktionärsten Ideologie des gesamten letzten Jahrhunderts, der niederträchtigsten Homophobie und Misogynie – mit einem Wort: dem politischen Islam – möglichst keine Hindernisse in den Weg gelegt werden? Wie kann es angehen, daß Deutschland in Punkto Empfäglichkeit für den korangrünen Nazismus jegliche Sonderrolle eingebüßt zu haben scheint, daß ehemalige Bürger- und Frauenrechtler, vormalige Klassenkämpfer und gewesene Freak Brothers überall in Europa kaum ein dringenderes Anliegen verspüren, als jenen die Kritiker vom Hals zu halten, die noch die elementarsten Bürger- und Frauenrechte abschaffen, Sklaverei und Todesstrafe für Abweichler praktizieren wollen, den Islamisten also?

In Deutschland ist die bestürzende und nur auf den ersten Blick verblüffende Affinität der in die Jahre gekommenen Protestbewegung zur Nazi-Ideologie ein durchaus bekanntes und schon des öfteren zu Recht skandalisiertes Phänomen. Gerhard Scheit (2) interpretiert „den Antiimperialismus“, der spätestens in den frühen 70er Jahren zur „linken Leitkultur“ geworden war, „ als eigentliche Vergangenheitsbewältigung“. Damit ist nicht der bewußte Coup einer Vergangenheitspolitik gemeint, sondern unter psychoanalytischen Vorzeichen der Inbegriff von konformistischer Revolte gegen die „Macht“, veranstaltet in der Hoffnung auf die Billigung der Mächtigen. Nur so erklärt sich, wie es gelingen konnte, die Eltern nicht wegen deren fortwesenden Antisemitismus aufs Korn zu nehmen, sondern wegen der offiziell erwünschten und vordergründig inszenierten Freundschaft mit Israel. Indem man manisch die Elterngeneration samt ihrer Massen von Alt-Nazis der „Reaktion“ an sich zuschlug, das „Kapital“ an sich mit „Israel“ gleichsetzte und sich selbst mit den „Arabern“ identifizierte, konnte man einerseits „antifaschistische“ Differenz zu den Eltern halten, andererseits aber mit ihnen dadurch ins Reine kommen, daß man ihre Vorurteile eins zu eins übernahm. Daß die deutsche Linke es auf diese Weise fertigbrachte, sich als antifaschistischer Antisemit aufzuführen, endete wegen der sturen Zwanghaftigkeit dieses Unterfangens im Zusammenstoß mit der doch eigentlich ersehnten Volksgemeinschaft. Nur dieser Zusammenstoß garantierte, daß man eben Antisemit – wie eigentlich die Mehrheit – und Antifaschist – wie eigentlich die Minderheit – zugleich sein konnte. Die absurdeste Form nahm dieser Kampf als Selbstzweck bei der RAF an: Hätte Ulrike Meinhof in Bezug auf „angloamerikanische Kriegsverbrechen“, die Kriegsschuld des „Kapitals“ und das „zionistische Gebilde“ sich doch bestens mit genau denen verstanden, die geifernd und schäumend Todesstrafe und Lager für sie forderten. Fast tragisch mutet dieser Zusammenstoß zwischen jungen Nazis, die eigentlich keine sein wollten, und alten Nazis an, die keine mehr sein durften. Die Jungen verwickelten sich vor diesem Hintergrund hoffnungslos in den Widerspruch zwischen terroristischer Organisation und strafendem Staat, die in der antisemitischen Synthese des „SS-Staates“ (Kogon) noch eins gewesen waren.

Mit dem Aussterben der Elterngeneration und der nach 1989 ständig gelockerten Westbindung wurde diese Konstellation obsolet. Spätestens mit dem Ende der Ära Kohl, die über das Verfallsdatum der alten BRD hinaus noch deren Aura verbreitet hatte, merkten dies auch die allerletzten. Seither kann man die beschriebene Ambivalenz von Staat und Linker nur noch in Form einer ideologisch-publizistischen Verdopplung beobachten: Wenn nämlich das, was ohnehin mainstream und Regierungsdoktrin war, sich in SZ und taz dupliziert und absurderweise der mainstream zugleich als sein vermeintliches Gegenteil, als „kritisches Bewußtsein“ firmiert.

Die Palästinenser repräsentieren also die von außen kommende scheinbare Plausibilität des postnazistischen deutschen Projektionstheaters und der heutige Islamismus ist den 68ern dementsprechend die fremdartige Wiedergeburt der eigenen „Kampfjahre der Bewegung“, um den hier einzig angemessenen Nazi-Begriff zu verwenden. Würde es der Alt-Linke sich erlauben, den Islamismus in seiner ganzen barbarischen Schlichtheit zu begreifen, müßte er sich selbst begreifen, seinen eigenen Antiliberalismus, seinen eigenen Antiamerikanismus. Die Abwehr, die dagegen aufgeboten wird, gibt die politisch-mediale Rückendeckung für den Islamfaschismus ab.

Diese Erklärung für das doch an sich befremdliche Faible der 68er-Linken und ihrer Nachfolger für den Islamismus gibt allerdings – das wäre der berechtigte Einwand – allein ein deutsches Muster wieder. Es ist allenfalls mit Abstrichen übertragbar auf Länder, in denen die Neue Linke auch in ähnlicher konformistisch-revoltierender Form auf eine wenigstens entfernt verwandte Vorgeschichte reagierte. Manche Parallele zur deutschen Entwicklung mit der RAF als ihrem Kulminationspunkt tut sich auch wirklich sowohl im postfaschistischen Italien auf – Stichwort: brigate rosse als militant antizionistischer Terrororganisation – als auch im Post-Kollaborations-Frankreich – Stichwort: gauche proletarienne oder action directe.

England’s different

Aber gilt das alles auch für das Land der jünsten Anschläge, England? Ein Land, das über eine keineswegs weniger antizionistische Linke verfügt als die vorgenannten Länder und dazu über „progressive“ Revolver-Medien wie den Guardian, dessen Verhältnis zum antiwestlichen Terror nicht anders denn als publizistischer Nachvollzug beschrieben werden kann. Ein Land aber auch, in dem diese Linke ganz offensichtlich sehr viel weniger Einfluß aufs Massenbewußtsein hat, weil sie es in weit geringerem Maße zu repräsentieren vermag. In diesem Sinne war London nach dem Anschlag auch das glatte Gegenteil von Madrid. Eine Abwahl der Regierung wegen des britischen Engagements im Irak wäre laut Umfragen undenkbar gewesen. Im Gegenteil: Wäre in England unmittelbar nach den Anschlägen gewählt worden, wäre Blairs Mehrheit wesentlich deutlicher ausgefallen als in der kurz zurückliegenden Wahl; auch die prinzipielle Unterstützung der britischen Bevölkerung für das Irak-Engagement schnellte nach den Anschlägen schlagartig nach oben – nahe an die 50%-Marke.

Die rabiat antizionistische britische Linke repräsentiert in erster Linie sich selbst und eine eingrenzbare Klientel; ihr gelingt keine – wie eben beschrieben – pseudokritische Verdopplung der Regierungspolitik bzw. des gesellschaftlichen Selbstverständnisses. Zwar hat das, was aus der Neuen Linken der 60er Jahre in England erwuchs und was hier der Einfachheit halber „die Linke“ genannt wird, bei Labour durchaus Einfluß. Die Partei und damit auch der Premier müssen darauf Rücksichten nehmen – und Blair tut dies auch mit allerlei Gesten und Floskeln den Palästinensern wie auch den Klimaschützern gegenüber. Daß aber Identität zwischen Außenpolitik und linker Projektion bestünde wie in Deutschland, Frankreich und Spanien; und wie in Italien von nicht wenigen ersehnt, davon allerdings kann nicht die Rede sein. (3)

In England wollte auch nie eine Strömung der Neuen Linken den „Faschismus des Systems“ herbeischiessen; eine Strategie (nicht nur) der RAF, die kaum mehr verklausuliert dieses dem „System“ unterstellte Wesen als das eigene Ziel verriet.

Wo hätten die Radikalen in England auch den Faschismus aufstöbern wollen? Schließlich hatte der – im Vergleich zu Deutschland stets kärglichere – Wohlfahrtsstaat der Nachkriegszeit doch im Massenbewußtsein einen gänzlich anderen Charakter als in Deutschland: Statt als Belohnung und Frucht des Nationalsozialismus angesehen zu werden, statt als Repräsentant des volksstaatlichen Willens und damit als sittliches Gegenteil des Marktes zu fungieren, war der britische welfare state Belohnung und Frucht der antifaschistischen Anstrengung, die im Kompromiß zwischen Arbeiterklasse und alten Eliten erbracht worden war. Er hatte also den Charakter eines politischen Kompromisses, der obendrein an den militärischen Kampf gegen den Faschismus gemahnte, und war eben nicht als „seinsgemäßes“ Gegenteil des liberalen „Geschachers“ konzipiert und ersehnt. Die Krise des welfare state war denn auch keine Krise des gesellschaftlichen Selbstverständnisses, sondern wurde von den jeweiligen Interessengruppen mit klarer Benennung der jeweiligen Interessenlage erbittert ausgefochten, wobei keine das Menschheitsinteresse an sich zu vertreten vorgab (einmal abgesehen vom linksradikalen Appendix des Gewerkschaftsapparates in Universitäten und Kulturindustrie). In ihrer Mehrheit versuchten die Gewerkschaften – mit saftiger Klassenkampf-Folklore, versteht sich – die Interessen der Stammbelegschaften bis zur faktischen Auslöschung der sie beschäftigenden Industriezweige zu vertreten (die eigenständige britische Automassenproduktion endete deshalb in den 70er Jahren);die Thatcher-Regierung hingegen schlug sich auf Seiten der Verbraucher, die sie gegen die kartellierte Produktionssphäre ausspielte – mit heroischem Liberalismus und protestantischer Ethik, versteht sich. Weil also der englische Sozialstaat als eine politische Konstellation angesehen wurde und nicht als transzendentes Heilsversprechen, wurde sein Niedergang auch keineswegs als „Endkrise“ oder Weltuntergang betrachtet.

In Deutschland dagegen gab in den späten 60er Jahren unter dem Eindruck der beginnenden Krise gerade in den heftigen generationsübergreifenden Scheingegensätzen der Nationalsozialismus den unmöglichen, aber umso sehnlicher gewünschten Bezugspunkt des politischen Handelns ab. In England stellte sich auch die Generationenfrage ganz anders: Hier ist der Antifaschismus, der gewonnene Krieg gegen Hitler-Deutschland ein liberal-konservatives Erbstück, das stets zur Begründung des status quo dient. Die Pop-Revolte der 60er gegen Enge, Spießigkeit des Nachkriegsbritanniens, gegen überkommene Sitten, Rollenverteilungen und Vorurteile, griff selbstverständlich nicht zurück auf politische Leitbilder des Kontinents zurück, sondern blieb allgemein wesentlich „unpolitischer“ als in Kontinental-Europa.

Aber auch der britische Pop entwickelte sein Erbstück, aus dem die Linke heute noch Profit zu schlagen sucht: Gegen die väterlichen Ermahnungen richtete sich in den 60ern eine besonders zynische und desinteressierte Haltung zum Krieg im Besonderen wie Allgemeinen: Für all diese Langeweile – so die beständig wiederholte Frage – soll es sich zu kämpfen lohnen? Krieg wird im britischen Pop dementsprechend als prinzipiell sinnlos hingestellt, eine Veranstaltung, von der man nicht weiß, warum man hingehen soll, und aus der man garantiert bekloppt zurückkommt; ob sie der Bekämpfung und Verhinderung eines noch viel größeren Übels dient, wird völlig ausgeblendet. John Lennons Auftritt in How I Won The War und die entsprechenden Passagen in The Whos epochemachender Rock-Oper Tommy sind Paten dieser Haltung. Diese Haltung prinzipiellen Desinteresses hat der Punk noch einmal zuspitzt und ihr doch zugleich auch die Spitze abgebrochen: Das dandyhafte Desinteresse der Glamour-Rockstars war eines, das letztlich jedes Engagement ausschloß, auch die offene Parteinahme für die Gegenspieler Britanniens. Die Punks der zweiten Generation hingegen entdeckten zwar ihre Liebe zum Kontinent, dafür war damals aber harte Rockmusik als Protest-Soundtrack für die große Mehrheit der Pop-Konsumenten schon uninteressant geworden.

Das Desinteresse wuchs übrigens keineswegs ohne Grund: Die tatsächlich unmittelbar fürs Individuum wünschenswerten und ersehnten Ziele der Pop-Revolte waren Mitte der 70er Jahre weitgehend erreicht. Man kann das mit der Lockerung der sexuellen Konventionen belegen, mit der Auflösung formalistischer Zwänge im alltäglichen Umgang, oder dem Ende der allgemeinen Zustimmung zur Bevormundung von Jugendlichen und Frauen. Swinging London war für alle erreich- und lebbar geworden, so daß die jeunesse doreé des Kulturbetriebs schon mit Geparden am Halsband durch Westminster stolzieren mußte, um sich noch distinguieren zu können.

Pseudoaktivität und Objektvermeidung

Es bleibt die Frage: Wenn die englische Öffentlichkeit sich von der kontinentalen, insbesondere deutschen unterscheidet bis tief in die Posen der Pop-Musik hinein – warum ist dann die ehemals Neue Linke dort genauso pro-islamistisch wie überall in Westeuropa? Allgemeiner: Wieso versumpft auch sie spätestens seit ca. 1975ff. in Antiimperialismus und Esoterik, den sogenannten postmateriellen Werten, wie sie später von der Parteiensoziologie zur Etikettierung dieses diffusen Milieus zwischen halbherzigem Protest, elendsromantischen Fernreisen und ungesalzener Lebensreform erfunden wurden?

Tatsächlich hatte die Revolte des Pop europaweit ihr Ziel erreicht. Die Linke aber, die heute vorgibt, daß diese Ziele eigentlich ihr Anliegen gewesen seien, machte unverdrossen weiter wie zuvor. Nur: All das, wofür sich schon vorher Anzeichen gezeigt hatten – sowohl im Vietnam-Protest als auch in der Renaissance des Stalinismus –, trat mit zunehmender Abkoppelung vom gesamtgesellschaftlichen Emanzipationsprozess (über dessen eigene Zwieschlächtigkeit wiederum gesondert zu reden wäre) in Reinform hervor.

Die Revolte hatte schlicht keinen außer ihr selbst liegenden Gegenstand mehr, was die linken Protagonisten aber nicht bemerkten, weil dieser Gegenstand zuvor schon nur in verquerer Form präsent gewesen war: Wahlweise als „Arbeiterklasse“ (die interessierte sich von den Arbeitern in wenigen norditalienischen Fabriken abgesehen nach wie vor nicht für die Studenten, die in den Betrieben Klassenkampf machen wollten), als „internationales Proletariat“ (das sich tatsächlich rasch als völkische Chimäre erweisen sollte), oder schließlich als „Randgruppen“ (die man bald im staatlichen Auftrag betreuen sollte).

Die Revolte wurde damit nicht nur „objektlos“. Schlimmer war, daß ihre Repräsentanten, weit davon entfernt das als Makel überhaupt nur zu spüren, diesen Zustand zu genießen begannen – und zwar so wie jede seelische Regression genossen wird. Verfolgt die Protesthaltung nämlich keinen objektivierbaren Zweck mehr, zitiert sie extrem allgemeine Gegenstände herbei wie die unterdrückten Völker oder die unterdrückte Natur, dann erweist sich recht schnell, daß diese so unbestimmbaren Bezugsgrößen des Handelns schlichte Projektionsflächen für das unreflektierte Seelenleben der im Adornoschen Sinne Pseudoaktiven abgeben. „Pseudo-Aktivität, Praxis, die sich um so wichtiger nimmt und um so emsiger gegen Theorie und Erkenntnis abdichtet, je mehr sie den Kontakt mit dem Objekt und den Sinn für Proportionen verliert, ist Produkt der objektiven gesellschaftlichen Bedingungen (...). In Pseudo-Aktivität bis hinauf zur Scheinrevolution findet die objektive Tendenz der Gesellschaft mit subjektiver Rückbildung fugenlos sich zusammen. Parodistisch bringt abermals die Weltgeschichte diejenigen hervor, deren sie bedarf.“ (4)

Die Neue Linke zeigt sich nach dem Wegfall sozusagen automatisch mitgelieferter Kriterien für Protest und Fortschritt, die es gab ohne daß man sie theoretisch verstehen mußte, als im schlechtesten Sinne innengesteuert und insofern auch kritikunfähig. Fatalerweise wähnte sie sich aber gleichzeitig als Monopolist sogenannten „kritischen Bewußtseins“. Diese Haltung, die die Spannung zwischen Innenwelt, also der eigenen Trieb-und Wunschdynamik und Außenwelt, also dem äußerem Wunschobjekt und –widerstand, einfach durch willkürliche Neudefinition dieser Außenwelt behebt, ja einebnet, kann man nur als regressive im psychoanalytischen Sinne bezeichnen. Sie verfällt in einen Zustand der „Objektvermeidung“. Damit beschreibt Freud einen Zustand der Rückkehr „zum absolut selbstgenügsamen Narzißmus“, der Vermeidung der unlustspendenden „Wahrnehmung einer veränderlichen Außenwelt“, mit der die „Objektfindung“ begann. (Freud, Fischer-Studienausgabe, Bd.IX, Massenpsychologie und Ich-Analyse, S.121). Wenn die „Objektbesetzungen aufgegeben und ein primitiver objektloser Zustand von Narzißmus wiederhergestellt“ (ebda., Bd.III, Das Unbewußte, S.155) wird, dann erfolgt auch die Besetzung der nach wie vor nicht völlig in ihrer Existenz zu leugnenden Außenwelt – sofern nur eine leichte Psychotisierung vorliegt – rein nach innerem Vorbild: Seelische Grunddispositionen, sehr ursprüngliche Triebregungen und –ängste suchen dann nach geeigneten Objektattrappen im Weltbild der Selbstbezüglichen. Die Deutung beispielsweise der Phantasie vom „großen Satan“ oder vom „Weltfeind“ USA bzw. Finanzkapital bzw. Judentum als nach außen gerichtete Selbst-Strafpahantasie, als autoritärer Impuls gegen die Autorität drängt sich zwingend auf (5). Es scheint überhaupt schwierig zu sein, seelisch den scheinbaren Wonnen der Objektvermeidung, dem großen Gefühl der Identität von Seele und Welt zu widerstehen. Die nur aus eigener Unlust begründete Ablehnung der bürgerlichen Konventionen – ob nun im Namen der Natur oder der Völker ist dabei gleich – ist alles andere als per se fortschrittlich, vielmehr kehrt in solcher Ablehnung das von diesen Konventionen Verdrängte zurück: Gerade die Ideologeme von Ökologismus und Antiimperialismus strotzen in nahezu klinischer Reinheit vor Überwältigungswünschen, Strafphantasien, dem Wunsch nach kritikloser Anerkennung und dem nach regressiven Sich-Gehen-Lassen.

Und in diesem regressiven Gehalt des eigenen, selbst so empfundenen Non-Konformismus, der in Wahrheit furchtbarer Infantilismus ist, wittert man im Islamisten einen Gleichartigen, nur im fremdartigen, kulturellen Gewand. Er haßt das, was man selber – nur eben im Namen des Anti-Autoritären – auch nicht leiden kann: Die Instanzen des bürgerlichen Lebens, die Dinge, auf die man Rücksicht nehmen muß, die Verhältnisse, die einen zur Anpassung zwingen. Die sich selbst als Bewußtsein mißverstehende Regression verschiebt dies dann ins Politische: Was der unsublimierten Trieberfüllung sich in den Weg stellt, ist der US-Präsident, was sich der Zerstörungsorgie in den Weg stellt, ist Israel – wie gut man doch meint, den islamistischen Psychopathen verstehen zu können, auch dann noch, wenn er seine Schwester „ehren“mordet oder seine Reisetasche mit Sprengstoff füllt.

Etwas allgemeiner formuliert: Eine objektlos gewordene Revolte paktiert deshalb fast zwangsläufig mit dem jeweils zeitgenössischen Nazismus weil Rebellion als Selbstzweck dazu tendiert, von einem Aufstand in der Kultur in einen Aufstand gegen die Kultur umzuschlagen. Solche Revoltierenden prangern nicht mehr die zu repressive Form der Triebbemeisterung an, ihr zu wenig sublimes Wesen (wie in der fortschrittlichen Phase der Rebellion), sondern lehnen die Triebbemeisterung als solche ab. Die nach diesem Befreiungsschlag hofierte Amoral tritt am ehesten in den sadistischen Strafphantasien gegen die vermeintlich Amoralischen auf. Lebensgeschichtlich Archaisches, Unbearbeitetes bestimmt dann Denken und Handeln; in den Worten der Kritischen Theorie: Repressive Entsublimierung befördert pathisches Projizieren.

Uli Krug (Bahamas 48/2005)

 

 

Anmerkungen:

 1) Wenn erdachter Anspruch und erlebte Wirklichkeit auseinanderklaffen – und solcherart enttäuschter Größenwahn ist nicht eben selten in der Welt –, dann bietet der Islam die dazugehörige Schein-Lösung: aggressive Selbsterhöhung. Das ist höchst attraktiv für alle, die von pathologischer Weltfeindschaft getrieben werden, die sich ständig belogen und betrogen fühlen, die es unerträglich finden, daß sie nicht wie Könige behandelt werden, die glauben, daß sie für ihre bloße Existenz irgendwelche Privilegien verdient hätten. Das klingt nahezu banal und ist es auch: Denn, das Böse so banal, wie ein nordenglischer Reggae-Macho plötzlich den Islam für sich entdeckt; so banal, wie dieser Mann es der Welt schließlich als Selbstmordattentäter heimzahlt, das sie seinem Größenwahn nie entsprach.

 2) In seinem aktuellen Buch Suicide Attac, ça-ira-Verlag, Freiburg 2004, im Abschnitt Demokratisierung der Voklsgemeinschaft, S.411ff.

 3) Ein Großteil der rhetorischen Spannungen zwischen dem offiziellen England und dem offiziellen Israel gehen auf die Zeit zurück, als England Kolonialmacht im Mandatsgebiet „Palästina“ war: Die jüdischen Siedler bekämpften sie, weil das Empire sich aus machtpolitischen Erwägungen heraus mit den Arabern gutstellen wollte – eine verheerende Konstellation, vor allem für Juden aus Europa, die ins Mandatsgebiet fliehen wollten.

 4) Adorno, Gesammelte Schriften, Bd.10.2, Dialektische Epilegomena, S. 771 bzw. 772. Geschrieben unter dem unmittelbaren Schock der ersten öffentlichen antisemitischen Ausfälle des SDS.

5) Adorno sah sich von einigen Zügen des Protestmilieus 1968/69 zu seiner maßlosen Enttäuschung an bittere Einsichten der Psychoanalyse erinnert: „ Askese gegen die Psychologie ist aber auch objektiv nicht durchzuhalten. Seitdem die Marktökonomie zerrüttet ist und von einem Provisorium bis zum nächsten zusammengeflickt wird, reichen ihre Gesetze allein zur Erklärung nicht aus. Anders als durch die Psychologie hindurch, in der die objektiven Zwänge stets aufs neue sich verinnerlichen, wäre weder zu verstehen, daß die Menschen einen Zustand unverändert destruktiver Irrationalität passiv sich gefallen lassen, noch daß sie sich in Bewegungen einreihen, deren Widerspruch zu ihren Interessen keineswegs schwer zu durchschauen wäre. Dem verwandt ist die Funktion der psychologischen Determinanten bei den Studenten. Im Verhältnis zur realen Macht, die sich kaum gekitzelt fühlt, ist der Aktionismus irrational (...)Wohl ist die Errichtung der Scheinrealität schließlich von den objektiven Sperren erzwungen; vermittelt wird sie psychologisch, die Sistierung des Denkens bedingt durch die Triebdynamik (...)Die am heftigsten protestieren, gleichen den autoritätsgebundenen Charakteren in der Abwehr von Introspektion; wo sie sich mit sich beschäftigen, geschieht es kritiklos, richtet sich ungebrochen, aggressiv nach außen (...)Aktionismus ist regressiv. Im Bann jener Positivität, die längst zur Armatur der Ichschwäche rechnet, weigert er sich, die eigene Ohnmacht zu reflektieren.“ (Adorno, Gesammelte Schriften, Bd.10.2, Dialektische Epilegomena, S.773f. bzw. 776)