Who killed Bambi?

Der Nonkonformist als Liebling der Deutschen

Handbücher und Schulungshefte der PR-Industrie warten oftmals mit erstaunlich scharfsinnigen Erkenntnissen über den Zustand der Welt und ihrer Bewohner auf. Sie berichten – wenn auch zumeist unfreiwillig – über die Zurichtungen, Neurosen und Psychosen der Menschen, benennen deren kollektive Projektionsflächen und vermitteln ein durchaus präzises Wissen über die jeweiligen Spleens und Reiz-Reaktions-Schemata der menschlichen Elementarteilchen. Eines der von der PR-Industrie am meisten geschätzten Reaktionsmuster wird in der Branche als Bambi-Effekt bezeichnet. Soll heißen: Bestimmte Produkte verkaufen sich einfach besser, werden sie mit Hilfe des Bambi-Tickets – Tierschutz, Bildern von Rehkitzen, Welpen, Kätzchen, Hunden usw. – beworben. Zu einer erfolgreichen Boygroup gehört z.B. das Abziehbild des ach so Sensiblen, der kein Fleisch ißt und sich für die Rettung von Walen einsetzt. Einkaufsketten wie Karstadt, C&A oder Otto verzichten inzwischen aus Imagegründen auf den Verkauf von Pelzen, und Prominente wie etwa Bela B. von den Ärzten, Kim Basinger oder Pamela Anderson ziehen sich sogar für die veganfaschistische Tierschutzorganisation Petaaus. Das, was als Bambi-Effekt bezeichnet wird, hat sich in zwischen so weit durchgesetzt, daß die jeweiligen Stars zu dergleichen Engagement nicht einmal mehr von ihrem Management gezwungen werden müssen. Sie dürften vielmehr aus tiefer innerer Überzeugung heraus handeln.

Im Sommer dieses Jahres war das, was dem Bambi-Effekt zugrunde liegt, die Liebe zum Tier, in einer seiner gruseligsten Ausprägungen zu beobachten. Ein italienischer Braunbär, der schnell auf den Namen Bruno getauft wurde, hatte sich in die bayrisch-österreichische Grenzregion verirrt, plünderte hier Kaninchenställe, riß dort mehr als dreißig Schafe und erschreckte gelegentlich Wanderer und Radfahrer. Zeitungen und Nachrichtensendungen berichteten über fast zwei Monate hinweg nahezu täglich über den „Problembären“, Kinder beteten und zeichneten für ihn, eine Homepage, die ein kostenloses Bruno-Computerspiel anbot, wurde zu einer der beliebtesten deutschen Internetseiten, und clevere Geschäftsleute verkauften T-Shirts, die das animierte Gesicht des Tieres zeigten. Die Hysterie steigerte sich schließlich zum offenen Wahnsinn, als der Bär, der inzwischen zum Sicherheitsrisiko geworden war, Ende Juni erlegt wurde. Im Münchner Merkur erschien eine riesige Todesanzeige und im Internet wurde ein Kondolenzbuch eingerichtet, dessen Server aufgrund der Überlastung – nach Angaben des Betreibers gab es zeitweise mehr als zehntausend Anfragen pro Sekunde – kurzfristig abgeschaltet werden mußte. Ganze Schulklassen hielten Schweige- und Gedenkminuten ab; und die regionale Tourismusbranche beklagte sich darüber, daß tausende Feriengäste aus Empörung über den Abschuß von ihrem geplanten Urlaub in der Region Abstand genommen hätten.(1) Hinter dieser Betroffenheit wollten staatliche und halbstaatliche Stellen nicht zurückstehen: Die österreichische Post kündigte an, eine Bruno-Gedächtnisbriefmarke drucken zu wollen, die SPD-Fraktion im bayrischen Landtag forderte den für den Abschuß verantwortlichen bayrischen Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) geschlossen zum Rücktritt auf, und die Umweltpolitische Sprecherin der Linkspartei im Bundestag entblödete sich nicht, vorzuschlagen, die Flaggen in Bayern zumindest für ein paar Stunden auf Halbmast zu setzen. Der Irrsinn machte nicht einmal vor der regierenden CSU halt: Umweltminister Schnappauf bezeichnete den Entschluß, den Bären zum Abschuß freizugeben, als eine der schwersten Entscheidungen seines Lebens; und die sonst wenig feinfühligen bayrischen Behörden erklärten: „Um die Würde des Tieres zu wahren, werden wir keine Fotos veröffentlichen.“

Angesichts der Tatsache, daß sich die Begeisterung für das Tier nicht auf einige Tierrechtler und die Betreiber veganer Volxküchen beschränkte, sondern die Deutschen angesichts des Bären parteiübergreifend infantil wurden und zum ideellen Gesamtwildhüter mutierten; vor dem Hintergrund, daß die Tier- und Naturbegeisterung hierzulande noch nie dazu geführt hat, daß die Menschen ihre städtischen Quartiere in großer Zahl gegen eine Laubhütte in den bayrischen Wäldern eingetauscht haben, lohnt es sich zu fragen: Welche Wünsche und Sehnsüchte verbergen sich hinter der Begeisterung für Feld, Wald und Wiese? Was faszinierte das deutsche Publikum, das die Aktivitäten des Bären trotz Fußballweltmeisterschaft und Grillwetter Abend für Abend in den Nachrichten verfolgte, so an der Wanderung des Tieres?

Das Maß aller Dinge

Adorno und Horkheimer verwiesen in der „Dialektik der Aufklärung“ darauf, daß die Verwandlung von Menschen in Tiere früheren Kulturen als Strafe erschien. „In einen Tierleib gebannt zu sein, galt als Verdammnis.“(2) Auch der Glaube an Seelenwanderung „erkennt die Tiergestalt als Strafe und Qual“. „Die stumme Wildheit im Blick des Tieres zeugt von demselben Grauen, das die Menschen in solcher Verwandlung fürchteten.“(3) Menschliche Vernunft lehnte sich zunächst gegen diese „begriffslose Welt des Tieres“, seine Beschränkung „aufs vital Vorgezeichnete“ und das „fehlende Bewußtsein von Glück“ auf; Protagoras erklärte den Menschen vor 2.500 Jahren zum „Maß aller Dinge“. In der Epoche der Aufklärung wurde schließ­lich gefordert, daß dieses Diktum für alle Menschen zu gelten habe; mit der Aufklärung wurde auf breiter Ebene angemahnt, daß kein Mensch mehr wie ein Tier oder ein Gegenstand behandelt zu werden habe. Alle Menschen sollten unabhängig von Herkunft, Stand und Nationalität als Gleiche gelten. Im Zuge der Französischen Revolution wurde dementsprechend die Leibeigenschaft abgeschafft; die Sklaverei in den französischen Kolonien wurde – wenn auch nur für eine kurze Zeit – verboten. Mit der Aufklärung und der Revolution wurden jedoch nicht nur die letzten Bindungen an die „naturwüchsigen Gemeinheiten“ (Marx), an Blut, Boden, Scholle, Sippe und Stamm, gelöst. Die Entzauberung der Welt, die im Zentrum des Programms der Aufklärung stand, ging vielmehr mit ihrer erneuten Verzauberung einher. Die gesellschaftlichen Verhältnisse wurden zu dinghaft erstarrten Naturverhältnissen, zur zweiten Natur. In diesem Prozeß der Emanzipation von der ersten Natur teilte der Mensch das Schicksal der  übrigen Welt: „Die Gesellschaft setzt die drohende Natur fort als den dauernden, organisierten Zwang, der, in den Individuen als konsequente Selbsterhaltung sich reproduzierend, auf die Natur zurückschlägt als gesellschaftliche Herrschaft über Natur.“(4) Je deutlicher sich das gesellschaftliche Zwangsverhältnis dem archaischen Kampf aller gegen alle anglich, umso stärker sehnten sich die Menschen nach dem Original zurück. Anstatt das unerreichte Ideal der bürgerlichen Gesellschaft: die Einlösung des Glücksversprechens, wie von Marx erhofft, endlich einzufordern, verdammten sie entweder ausgerechnet das am status quo, was dem Ideal schon nahe kam: Individualität, Künstlichkeit, den Luxus des Bürgertums oder den Weltmarkt, in dem die Idee einer staatenlosen Weltgesellschaft bereits angelegt war. Oder sie träumten sich in die schlechte Realität von vorgestern – Horde, Sippe, Stamm, Blut und Boden – zurück. Spätestens seit Rousseau kokettiert die bürgerliche Gesellschaft immer mal wieder damit, die zivilisatorischen Errungenschaften gegen einen Zustand einzutauschen, dessen Überwindung sie sich bei anderer Gelegenheit stolz auf ihre Fahnen schreibt. Analog zur Spaltung des Menschen in Natur- und Gesellschaftswesen geht die Furcht vor blinder Naturverfallenheit mit der Sehnsucht nach dieser einher. In dem Maß, in dem die Gesellschaft ihre Fähigkeit verliert, ihre ideologische Existenzbedingung, das heißt: den Glauben, daß jeder mit genügend Fleiß und Geschick zu seines Glückes Schmied werden kann, zu reproduzieren, scheint sich diese Ambivalenz allerdings zu Gunsten der Sehnsucht nach vorzivilisatorischen Zuständen aufzulösen.

Die Sehnsucht nach Enthemmung

In dem Prozeß der Unterwerfung des Menschen unter die zweite Natur veränderte sich auch das Bild des Tieres in der menschlichen Mythologie. In Deutschland entdeckte man neben dem „Herz für Kinder“ bereits im 19. Jahrhundert sein „Herz für Tiere“ – der deutsche Schicksalskomponist Richard Wagner war nicht nur Vorreiter der völkischen Bewegung, sondern zugleich ein Pionier in Sachen Tierschutz –; der Volksmund ernannte das liebe Vieh mit dem bekannten Sprichwort zum „besseren Menschen“; und die „Sau rauslassen“ wurde zu einem Synonym für ausgelassenes Feiern. Das Tier verwandelte sich damit von der Zielscheibe für Verachtung und Ablehnung in eine Projektionsfläche für menschliche Wünsche und Hoffnungen. Bruno, so war exemplarisch in einem der zahlreichen Nachrufe auf den erschossenen „Problembären“ zu lesen, „war einer von uns“.(5) Er war „nicht das Böse und nicht das Gute, er war nur ein Schatten von uns, von dem, was wir wollen, was wir suchen, was wir fürchten“. Diese Wünsche und Vorstellungen ließen Rückschlüsse auf das Verhältnis der trauernden Tierfreunde zu ihrer persönlichen wie gesellschaftlichen Umgebung zu. Großes Kombinationsvermögen war dabei freilich nicht nötig. In den zahllosen Kondolenzen, Zeitungsartikeln und Leserbriefen wurde vielmehr ganz offen im Namen der im Tier verkörperten Natur, der unverdorbenen Landschaft und des einfachen und gerechten Lebens gegen die verderbte, dekadente westliche Zivilisation und ihre Bewohner agitiert. Die Tierfreunde empörten sich über die „Boulevardgesellschaft“, „zügellose Gier“, „Politikfilz“ und „Politikinzest“; sie sprachen über den „Moloch Zivilisation“ und eine vermeintliche „Plastikwelt“, aus welcher der Bär vertrieben worden wäre, und erklärten schließlich: Die Menschen „sind (…) degeneriert und egoistisch geworden“. Während sie ihre Abneigung gegen die westliche Zivilisation mit eindringlichen Worten Ausdruck verliehen, lasen sich ihre Zukunftsvisionen merkwürdig fade und lieblos formuliert. Wenn sie nicht ganz auf eine Antwort auf die Frage nach ihrem ersehnten Idealzustand jenseits der westlichen Zivilisation verzichteten, gaben sie in der Regel die immer gleiche Floskel wieder: Sie sprachen vom „Einklang, den wir mit unserer Natur und der Natur unserer Kinder einbehalten sollten“, erklärten, daß „wir“ wieder lernen müßten „im Einklang mit der Natur zu leben“, und forderten schließlich: „Die Menschen müssen sich wieder als Teil der Umwelt begreifen, der im Einklang mit ihr lebt.“ [alle Hervorhebungen von mir; J.G.]

Diese emotionslos-stereotype Wiedergabe der immergleichen Formel läßt vermuten: Der Grund für die Erregung, in die der Bär Bruno die Landsleute versetzte, ist weniger in ihrer Liebe zur äußeren Natur und zum harten Leben zu suchen. Aus den lieblos-faden Beschreibungen des „naturgemäßen Lebens“ sowie der Tatsache, daß die Naturfreunde lieber durch digitale Kondolenzbücher als durch die Karpaten streifen, spricht, daß ihnen die Dumpfheit, Enge und Langeweile des einfachen Lebens auf dem Land durchaus bewußt sind. Die Begeisterung für den Bären, seine Art- und Gattungsgenossen dürfte vielmehr auf etwas anderem basieren, nämlich: der Sehnsucht, die eigene innere Natur „unverstellt“ und „ungekünstelt“ zur Geltung kommen zu lassen. Genauso wie die Eintönigkeit der bürgerlichen Ehe dem zukünftigen Gatten lange Zeit dadurch schmackhaft gemacht werden sollte, daß er beim Junggesellenabend noch einmal richtig über die Stränge schlagen durfte, scheint die Naturfreunde an der heilen Bambi-Bergwelt weniger diese selbst zu faszinieren als der psychische Gewinn, der auf dem Weg dorthin eingefahren werden kann. Wolfgang Pohrt faßte dies vor einigen Jahren mit den folgenden Worten zusammen: Die trostlose Botschaft, die den Leuten verspricht, was keiner haben will – „ein tugendhaftes, arbeitsreiches Leben in inniger Verbundenheit mit seinesgleichen, die man zu gut kennt, um sie leiden zu können“ –, werde stets durch die Aussicht versüßt, „vor Ausbruch der sittenstrengen, entbehrungsreichen Zeit noch einmal kräftig Fastnacht feiern und sich (…) austoben zu dürfen“.(6) Und tatsächlich: Weitaus größeres Interesse als der Beschreibung des naturgemäßen Lebens brachten die vorgeblichen Freunde des Bären Bruno dessen vermeintlichem Akt des Aufbegehrens gegen die Zivilisation entgegen. Das Tier wurde immer wieder als „Rebell“ gefeiert, es sei ein „Revoluzzer“ und „Nonkonformist“ und habe „im Namen der Natur opponiert“. „Für uns“, so erklärten Tierfreunde im Juni an den Bären gerichtet, „bist du der wahre Rebell!“ Der Bär habe getan, „was er tun mußte“, er sei „nur seiner Natur gerecht geworden“ und dem „Grund seines ‚Seins’“ bzw. den „Gesetzen der Natur“ gefolgt. Er sei, wie ein anderer Tierfreund anerkennend schrieb, „wild“ gewesen und habe „Instinkt“ gehabt. Aber, so beschwerte er sich gleich darauf: „In Deutschland ist man nicht wild, in Deutschland hört man nicht auf seinen Instinkt.“ Hier durfte der Bär nicht sein „was er war“; er sei erschossen worden, weil er sich „nicht rational und nicht genau so, wie es im Tierbuch steht“, verhalten habe.

Aus diesen Worten, mit denen all das am Tier verherrlicht wird, was noch in der Zeit der Aufklärung für seine Geringschätzung sorgte – seine Begriffs- und Reflexionslosigkeit, die Reduktion aufs Vitale und die Reaktion „aus dem Bauch heraus“ –, spricht nicht nur die Sehnsucht nach Enthemmung (7); aus den entschuldigenden Verweisen auf die „Natur des Tieres“ spricht zugleich die Angst des Autoritären, für diese Sehnsüchte bestraft zu werden. Sie alle verdeutlichen damit einmal mehr, daß die Regeln und Konventionen der Zivilisation hierzulande nicht als Mittel der Humanisierung, sondern als Fessel und Joch begriffen werden.

Die Sehnsucht nach Verfolgung

Wenn in den Nachrufen und Leserbriefen zum „Fall Bruno“ schließlich immer wieder behauptet wurde, daß der Bär „friedlich“ gewesen sei, zeigt sich erneut, was im Land der staatgewordenen Friedensbewegung alles unter Frieden verstanden wird. So war das Tier nicht nur, wie von Umweltschützern regelmäßig erklärt wurde, harmlos „durch die Wälder spaziert“, hatte „mit den Vögeln getanzt“ und sich „manchmal auch einen kleinen Snack beim Bauern des Vertrauens“ gegönnt. Experten hatten vielmehr immer wieder darauf hingewiesen, daß der „Bär der Herzen“, wie Bruno von Tierfreunden in Anlehnung an Lady Di genannt wurde, verhaltensauffällig sei. Bruno, so erklärte die österreichische Sprecherin der Umweltschutzorganisation WWF gegenüber dem Heute Journal, „war nach unserer Einschätzung bereits ein Risiko-Bär“ „Man könnte ihn beinahe verhaltensgestört nennen.“ (8) Das habe auch die Art und Weise gezeigt, wie er Tiere riß. Die Bild-Zeitung, in der sich die Sehnsucht nach Enthemmung nahezu idealtypisch mit dem Strafbedürfnis gegen diejenigen verband, die sich diese Sehnsucht ohne Erlaubnis erfüllen, sprach dementsprechend davon, daß der Bär die mehr als dreißig Schafe nicht aus Hunger, sondern „aus Mordlust“ getötet habe.

Tierfreunde brachten allerdings auch für dieses Verhalten des Bären großes Verständnis auf. „Okay“, so wurde Anfang August exemplarisch in einem digitalen Kondolenzbuch erklärt, „du hast ein paar Schafe mehr gerissen als normal, aber ist das denn soo schlimm?“ Mit solchen einfühlsamen Äußerungen wurde unfreiwillig auf den wahren Inhalt des Bedürfnisses nach Enthemmung verwiesen. Für die entsprechenden Naturfreunde dürfte das Gleiche gelten wie für diejenigen, die vor dem Dorffest mit animistischer Metaphorik verkünden, dort so richtig die „Sau rauslassen“ zu wollen: Ebenso wie diese Redewendung nicht zufällig an „jemanden zur Sau machen“ erinnert und eine Feier auf dem flachen Land noch immer erst dann als gelungen gilt, wenn jemand gedemütigt und anschließend durchs Dorf getrieben wurde, wollen die Freunde des Bären Bruno nicht nur harmlos und ungezwungen durch die Wälder streifen. Aus der Begeisterung für den verhaltensgestörten Bären, der Schafe, Kaninchen und Hühner angeblich um des Tötens Willen riß, den Lobliedern auf Instinkt, Trieb und Natur sowie der Geringschätzung der Regeln und Konventionen, die den Hobbesschen Urzustand des Krieges aller gegen alle beendeten, spricht vielmehr das eigene Verlangen nach Verfolgung. Die Voraussetzung der Tier-, Natur- und Kinderfrommheit der Faschisten, so erklären Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“, ist der „Wille zur Verfolgung“; mit der Barmherzigkeit gegen Tiere werde regelmäßig der Haß auf Menschen, die Unfähigkeit zu menschlicher Objektbesetzung, verkleidet. „Das lässige Streicheln über Kinderhaar und Tierfell heißt: die Hand hier kann vernichten. Sie tätschelt zärtlich das eine Opfer, bevor sie das andere niederschlägt.“(9) Während der Tierfreund Göring Vivisektionen mit den Worten verbot, es könne nicht weiter geduldet werden, „daß ein Tier einer leblosen Sache gleichgestellt wird“  (10), hatte man in den Lagern bekanntlich bereits damit begonnen, die einschlägigen Experimente mit Menschen durchzuführen. Die Liebe zum Tier entspringt also, wie Wolfgang Pohrt 1990 erklärte, weniger „dem Erbarmen mit der geschundenen Kreatur“.(11) Sie ist dem Tierfreund vielmehr „einer von allerlei Vorwänden dafür, die geschundene Kreatur zu quälen, besonders dann, wenn sie auch noch menschliche Züge trägt“. Dieser Zusammenhang zwischen Tierliebe und Menschenhaß war im Nachgang des „Falls Bruno“ noch einmal deutlich zu beobachten: Im bayrischen Umweltministerium trafen kurz nach der Nachricht vom Tod des Bären zahlreiche Morddrohungen ein. Ein Mitarbeiter des bayrischen Jagdverbandes berichtete, daß der Stapel der dort eingegangenen Protest- und Drohschreiben bereits am folgenden Tag auf mehr als zwanzig Zentimeter angewachsen war, und die Betreiber des größten digitalen Kondolenzbuches sahen sich genötigt, ihre Besucher dazu aufzufordern, „keine Morddrohungen und ähnliches“ zu äußern. Allein: Diese Aufforderung nutzte nicht viel. Ein nicht unerheblicher Teil der mehr als 4.000 Kondolenzbeiträge enthielt Verfolgungs- und Vernichtungsphantasien. „Bayerns Umweltminister Schnappauf und die drei verdammten Mörder“, so forderten Tierfreunde, „sollte man ebenso abschlachten wie Bruno“. Die Jäger sollten „hingerichtet“, „abgeknallt“ oder ebenso wie der Bär „ausgestopft“ werden, die Verantwortlichen für den Tod des Bären „nicht mehr in Ruhe leben können“ und „selbst mal erfahren, was es bedeutet, (…) immer nur gehetzt zu werden“. „Ich kann nur sagen“, so pflichtete ein Naturliebhaber diesen Äußerungen bei, „daß mir Bruno unwahrscheinlich leid tut und daß ich sehr stark hoffe, daß eines Tages die Menschen, die für den Tod des Bären verantwortlich sind (…) elendig sterben werden!“ Eine Tierfreundin wollte schließlich sogar „Listen“ erstellen, die neben dem Namen des bayrischen Umweltministers auch die Namen seiner „Komplizen“ enthalten sollten. Doch damit nicht genug: So beschränkten sich die Verfolgungs- und Vernichtungsphantasien nicht nur auf diejenigen, die im Fall des Bären tätig geworden waren: den bayrischen Umweltminister, die finnischen Experten, die bei ihrem Auftrag, den Bären lebend zu fangen, versagt hatten, und die Jäger, die das Tier schließlich zur Strecke gebracht hatten. Innerhalb kürzester Zeit warteten die Tierfreunde vielmehr mit weiteren Vorschlägen auf, wer noch alles an Stelle des Tieres hätte getötet werden sollen. Während der Bär, der nur „mal zu Besuch kommt“, „ermordet“ worden sei, so beschwerte sich ein Naturliebhaber, bekämen Vergewaltiger und Kindermörder „auf Staatskosten“ lediglich „eine Tätschel-Tätschel-Therapie“. Kinderschänder, so empörte sich ein anderer, „laufen frei rum und sind gefährlicher als ein Bär“. Und ein dritter Naturfreund erklärte schließlich, nicht ohne seiner Aussage mit den obligatorischen drei Ausrufezeichen Nachdruck zu verleihen: „Ich dachte eigentlich, in Deutschland gäbe es keine Todesstrafe! Aber das gilt wahrscheinlich nur für Mörder, Vergewaltiger u.ä.!!!“

Dieses Aggressionspotential beunruhigte selbst die bayrischen Behörden. Anders als die Drohungen, die nach der Erhöhung der Mehrwertsteuer und des Benzinpreises regelmäßig in den einschlägigen Leserbriefspalten und Internetforen ausgesprochen werden, nahmen sie die Lynchaufrufe diesmal durchaus Ernst und versuchten, zumindest die Jäger, die den Bären erlegt hatten, vor dem Volkszorn zu schützen. Ihre Namen wurden aus Sicherheitsgründen geheim gehalten.

„Problembär Israel“

Nur wenige Wochen nachdem der Bär erschossen worden war, formulierte Stefan Frank in der Septemberausgabe der Konkret einen durchaus scharfsinnigen Gedanken. Die deutschen Medien, so Frank in einer Nebenbemerkung, hätten über die israelische Bevölkerung in der Form geschrieben, in der sie kurz zuvor über den Problembären Bruno berichtet hätten: „Israel – was das Land so aggressiv macht“(12). Frank irrte zwar im Detail: Während die Israelis in den deutschen Medien in der Regel als bösartige Aggressoren dargestellt wurden, war der Bär zumeist mit Sympathien gezeichnet worden. Richtig war allerdings der Verweis auf die Konnotationen, die Naturmetaphorik, Animismus und Umweltschutzkampagnen hierzulande stets haben. Die Tierliebe des aryan vegetarian Richard Wagner ging, wie Leon Poliakov in seiner „Geschichte des Antisemitismus“ berichtet, nicht zufällig mit dem Haß auf Juden einher (13). Der Vegetarismus erlebte seinen ersten Boom im Kontext der völkischen Bewegung der Jahrhundertwende, und der erste Akt der nationalsozialistischen Tierschutzgesetzgebung war nicht von ungefähr das gegen Juden gerichtete Verbot des Schächtens. Keine Zeit, so stellte die Vorgängerorganisation des heutigen Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) 1933 erfreut fest, war „für unsere Arbeit so günstig, wie die jetzige unter dem Hakenkreuzbanner der nationalen Regierung“.(14) Friedemann Schmoll beschrieb diesen Zusammenhang auf einer Tagung über Nationalsozialismus und Naturschutz mit folgenden Worten: „Antisemitismus und Naturschutz verbindet die Suche nach Ursprünglichem und Unverfälschtem (…). Und beide teilen eine Reihe konstitutiver Muster und Grundwerte ihrer Vorstellungswelt. Die Verklärung ländlicher Daseinsformen ging einher mit tiefer Ablehnung urbaner Kulturen und eines entfesselten Kapitalismus. Das Pochen auf Gemüt und Intuition verband sich mit borniertem Anti-Intellektualismus. Die Appelle an Innerlichkeit und Idealismus schlossen Kritik an der Oberflächlichkeit und Seelenlosigkeit moderner Lebensformen ein. (…) All dies, was da Unbehagen evozierte und dieses Ursprüngliche bedrohte, ließ sich mühelos auf das Schreckbild des alles Moderne verkörpernden Juden reduzieren. ‚Der Jude hat keine Heimat, er ist der ewige Nomade‘ hieß es 1939 in der Zeitschrift des ‚Verein Naturschutzpark‘.“(15) Die Verweise auf die eigene Naturverbundenheit, Urtümlichkeit und Authentizität sind mit anderen Worten die Kampfansage an diejenigen, die als künstlich und wurzellos gelten. Und so wurde das Bedürfnis nach Enthemmung, das sich hinter der Begeisterung für Tier und Natur verbirgt, traditionell im Pogrom ausgelebt: Die „Sau“, die nach der Kirmes durchs Dorf getrieben wurde, war gemeinhin der Jude. Die Freunde des Bären Bruno gingen dabei zwar nicht so weit wie die Vorreiter der deutschen Tierschutzbewegung um Rich­ard Wagner, der grüne Flügel der NSDAP um Hitler, Himmler, Hess und Darré oder eine Münchener Tierfreundin, die vor einigen Jahren Aufkleber und Plakate produzierte, auf denen zu lesen war: „Schächten immer noch! Juden, hört auf, Tiere für euren Ritualwahn bestialisch zu Tode zu quälen.“(16) Dennoch war das antisemitische Bild des Juden in der Naturfreunde Schriften, Berichten und Nachrufen stets als Desiderat präsent. Sie sprachen von geheimen „Drahtziehern“, die für den Tod des Bären verantwortlich seien, den „wahren Wilderern, Steuerhinterzie­hern und Mautprellern“, die „hinter den Kulissen“ die „Strippen ziehen“ würden, und den „tatsächlichen Auftraggebern“, die „ganz woanders“ säßen. Auch die Redakteure der Bild-Zeitung präsentierten den Abschuß des Bären nach dem Muster von Verschwörungstheorie und Ritualmord. Sie sprachen von geheimnisvollen Jägern, ominösen Obduktionen, einer „geheimen Kühlkammer (7 Grad Celsius)“, in der die Innereien des Bären gelagert würden, erklärten, daß das Herz des Tieres „heimlich verbrannt“ worden sei, und raunten schließlich: „Der Tod des Bären Bruno wird immer rätselhafter.“

„I killed Bambi!“

Anders als die ironische Rede vom Bambi-Effekt suggeriert, verbirgt sich hinter der kollektiven Begeisterung für Rehkitz, Tierschutz, Bär und Biber damit oftmals weitaus mehr als harmlose Spleenigkeit oder Mitleid mit geschundenen Kreaturen. Wer sich im Namen von Urtümlichkeit, Authentizität und „reiner Natur“ für Tier und Umwelt einsetzt, fragt stets danach, welche finsteren und wurzellosen Gestalten für die „Entfremdung“ von Heimat und Natur, für Verstädterung, das Aussterben von Tierarten, die „Vergiftung“ von Meeren, Flüssen usw. verantwortlich seien; er stellt damit eine Frage, die die großartig künstlichen Sex Pistols 1978 als Titel für eines ihrer amüsantesten Lieder wählten: „Who killed Bambi?“ Während sich das Punkrock-Urgestein GG Allin vor einigen Jahren in einem Interview stolz zu dieser Tat bekannte – „I killed Bambi and I’ll fuck Flipper!“ – dürfte im Gemütshaushalt derjenigen, die sich im Sommer über Wochen hinweg an den Taten des Bären Bruno berauschten, eine andere Antwort auf diese Frage bereit stehen.

Jan-Georg Gerber (Bahamas 51-2006/07)

 

Ich danke Peter Siemionek für wertvolle Hinweise. Wichtige Anregungen verdanke ich außerdem der Arbeit mit Michael Bauer an einem Vortrag über Veganismus.

 

Anmerkungen:

 1) Diese und die folgenden Informationen stammen, so weit nicht anders ausgewiesen,

 aus der Bild-Zeitung vom 27. und 28. Juni 2006 sowie dem meistbesuchten digitalen Kondolenzbuch für den erschossenen Bären unter http://blog.brunoderbaer.de.

 2) Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung [1944], Frankfurt am Main 1988, S. 264.

 3) Ebd.

 4) Ebd., S. 205.

 5) Soweit nicht anders ausgewiesen stammen alle Zitate von Tier- und Naturfreunden, die in diesem Text verwendet werden, aus dem digitalen Kondolenzbuch unter http://blog.bruno­derbaer.de. Ähnliche Aussagen finden sich allerdings auch in allen anderen Kondolenzblogs (www.bruno-gedenkseite.de, www.brunoisttot.de usw.). Orthographie und Grammatik der Zitate wurden aus Gründen der Leserlichkeit korrigiert.

 6) Wolfgang Pohrt: Die Wiederkehr des Gleichen, in: ders.: Stammesbewußtsein, Kulturnation, Berlin 1984, S. 39.

 7) Nebenbei: Da diese Phantasie von einer Welt, in der sie ihren Trieben nach Lust und Laune folgen können, Ausdruck des Wunsches nach der Wiederherstellung des frühkindlichen Zustands des gefühlten Einsseins mit der Welt ist, werden die Menschen im Umgang mit Tieren zwangsläufig infantil. Inhaber akademischer Titel wünschten dem erschossenen Bären regelmäßig alles Gute im „Bärenhimmel“, andere Naturliebhaber wünschten einen „schönen Platz auf der Regenbogenbrücke der Tiere“, wo es „immer den leckersten Honig und die tollsten Bärinnen gibt“, die „Sonne immer scheint“ und „kein Lebewesen dem anderen Leid zufügt“. „Gute Reise, kleiner Mann“, so erklärte schließlich eine Tierfreundin, „denn da, wo du nun bist, darfst du ungescholten durch die Wälder ziehen, und keiner wird dich jemals wieder daran hindern! Irgendwann werden wir uns wieder sehen, so long, du süße Samtnase.“

 8) www.heute.de/ZDFheute/inhalt/13/0,3672, 3949037,00.html

 9) Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. 269 f.

 10) Zit. nach Henryk M. Broder: Arier und Vegetarier, in: ders.: Schöne Bescherung, Augsburg 1994, S. 50.

 11) Wolfgang Pohrt: Der Weg zur inneren Einheit, Hamburg 1991, S. 249.

 12) Stefan Frank: War Games, in: Konkret 9/2006. Frank zitiert hier den Stern.

 13) Leon Poliakov: Geschichte des Antisemitismus. Bd. 6, Worms 1987, S. 257.

 14) Zit. nach www.dradio.de/dlr/sendungen/politischesbuch/223962.

 15) Friedemann Schmoll: Die Verteidigung organischer Ordnungen. Naturschutz und Antisemitismus zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, in: Joachim Radkau, Frank Uekötter (Hrsg.): Naturschutz und Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 2003, S. 175.

 16) Vgl. Archiv für Sozialpolitik: „Jeder ist uns der Nächste“, in: Konkret 10/1993.