Politik und Intrigantentum

Eine „Großdemonstration“ gegen Atombomben in Berlin und die Israel-Solidarität

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung endete ein leidlich bemühter Artikel über „die Antideutschen“, die angeblich „in keine Schublade“ passten, unter schwerer Versündigung an der Grammatik dann doch mit einer Schubladenweisheit: „Ihr Erfolgsrezept ist dabei so einfach wie zuverlässig: Brandmarkte die Linke früher ihre Gegner als ‚Faschisten‘, so nutzen die Anti-Deutschen den Totschlagbegriff des ‚Antisemiten‘. Das zieht in Deutschland fast immer.“ (FAS, 25.2.07) Auch wenn der Autor wohl nicht nahelegen wollte, dass Antideutsche sich vom Antisemiten Totschlagbegriffe ausborgen und eigentlich vom „Totschlagbegriff ‚Antisemitismus’“ sprechen wollte – schon weil der Antisemit kein Begriff ist, sondern eine Person –, diese Schlusskurve hätte auch in Indymedia oder der Jungen Freiheit routinierter nicht genommen werden können. Wenn der FAS-Schreiber auch nur geahnt hätte, wie nahe er mit seinem Neuaufguss eines uralten Ressentiments einer brandaktuellen Wahrheit gekommen ist, hätte er, wenn schon nicht die Antideutschen, dann doch die Israelsolidarität mit nur einem Treffer dem allgemeinen Hohngelächter preisgeben und versenken können.

Ein kalkulierter Reinfall

Denn seit dem 22. Januar 2007 erweist sich, dass die Welt der Israelsolidarität keinen Deut größer ist als jenes Wehrdorf avancierten Deutschtums, dessen Bewohner einer Streitkultur anhängen, die Wiglaf Droste schon Ende der 80er stimmig so gekennzeichnet hatte: „Kreuzberger Faustkeilregel: Wer zuerst Faschist sagt, hat gewonnen.“ Wie wenig einem Antifa bis heute an der Bestimmung des zu wehrenden Übels gelegen ist und wieviel wichtiger ihm die Rettung des Gemeinschaftsgefühls vor den Anfechtungen der Wahrheit ist, wissen die Leser der Bahamas und eigenen, wenig glaubwürdigen Angaben zufolge auch viele andere, die sich heute scheinbar geläutert in der konkreten Israelsolidarität tummeln, der die Bahamas in schweren Zeiten nicht Mentor und großer Bruder beim Vertuschen eines skandalösen Unterfangens namens Großdemonstration sein wollte. Was die Antifa kann, schafft eine unterm Vereinswimpel Israelsolidarität sich scharende Interessengemeinschaft allemal und nahm es achselzuckend hin, dass vier Gestalten, denen mit einigen Wochen Verspätung sich noch eine fünfte beigesellte, die Bahamas als antisemitisch brandmarkten. Wie wurst ihnen allen – die von einigen ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, zu dem haltlosen Geschrei blamierter Möchtegern-Politiker geschwiegen haben – das scheinbar gemeinsame Ziel ist, den Antisemitismus zu kritisieren, zeigt das (fast) unwidersprochene Urteil eines israelsolidarischen Tribunals, das in einer Liste getagt hat, die so klandestin ist, dass sich mehr als 500 Leute von ihr mit Zeitungsartikeln und gesinnungstüchtiger Verleumdung versorgen lassen. Dieses Forum, dessen Administratoren ab dem 28.1. Einsprüche gegen das Votum der phantastischen vier deutschen Männer nichtjüdischer Herkunft verworfen, sprich: wegzensiert haben, hört auf den Namen Israelsolidarität und wird ab jetzt aus dem Dämmer der anonymen Israelvolxküche ans Licht einer Öffentlichkeit gezogen, in der es jedenfalls keine Zensoren gibt. In diesem deutschen Indymedia-Israel war binnen weniger Tage über die Bahamas u.a. zu lesen: „Juden lügen, heucheln und suchen immer nur den eigenen Vorteil, das ist die Quintessenz dieser Vorwürfe aus den Bahamas.“ „Wer gegen das ‚organisierte Judentum‘ agitiert und Juden ein ‚Gemeinschaftsbedürfnis‘ unterstellt, wenn sie gemeinsam gegen Judenhass auf die Straße gehen, leistet dem Antisemitismus Vorschub“ (Clemens Heni, am 22.1. in israel-solidaritaet@ yahoogroups.com.). „Dabei ist das Gerede vom ‚organisierten Judentum‘ längst zum Code rechts- wie linksradikaler Antisemiten geworden; deutsche Neonazis benutzen ihn genauso wie etwa Norman Finkelstein und Israel Shamir. Dahinter steht im antisemitischen Milieu die Behauptung einer organisierten Bedrohung, die in der Stürmer- Parole‚ Judentum ist organisiertes Verbrechen‘ kulminiert.“ (Lizas Welt und Hector Calvelli am 23.1. in israel-solidaritaet@yahoogroups.com).

Die Tabubrecher, die da unter dem hämischen Nicken einer gar nicht so kleinen Gemeinde gesagt haben, was man bis jetzt über die Bahamas sich nicht zu sagen trauen durfte, wissen selber am besten, dass sie nicht als Kritiker, sondern als Bauchredner für andere agiert haben. Es ist dieses „Ätsch“ und „Hä, hä, hä“, dieses „Ja, ja, das kommt von sowas“, der Faustkeil einer in ihrem Bestand sich bedroht wähnenden Gesinnungsgemeinschaft, den man nur zuerst, aber selbstverständlich in Notwehr handzuhaben braucht, um zu gewinnen. Die Folgen solcher Kumpanei mit Heinis und Henis – die im Stillen ja doch wissen, dass Lizas Welt oder das Kritiknetz des Professor Gess, wo sie publizieren dürfen, etwas mindestens so Obskures anhaftet, wie den eigenen Websites, und mit Verbitterung auf jenes Blatt schauen, an dem sie nicht vorbei kommen und das ihnen das demokratische Mitspracherecht über die Beurteilung von Großdemonstrationen nicht einräumt – haben jetzt die Abnicker und Schweiger zu tragen, die genau wissen, dass die Administratoren von Israelsolidarität zensieren, die Großdemonstration vom 28.1. ein kalkulierter Reinfall war und die Vorturner ihrer Bewegung schon am Ende waren, als sie der Bahamas den Stinkefinger zeigten. Sie wissen im Grunde auch, dass der Faustkeil, einmal ausgepackt, nicht mehr in der Tasche bleiben, der Antisemitismusverdacht inflationär werden wird und das angeschlagene Unternehmen damit alle Reputation einbüßt. Es wird ihnen aus der selbstgegrabenen Grube keiner heraushelfen, Liza Calvelli et.al. nicht, weil der Hass der Blamierten nicht trägt und deren eigene „inhaltliche“ Beiträge schon gar nicht, die Entwicklung in der Politik auch nicht, weil irgendwelche Bündnisprofis auch die nächste Demonstration versauen werden, und das organisierte Judentum schon gar nicht, weil man sich dort bestimmt nicht ein zweites Mal erpressen lassen will.

Der Verdacht, dass die Bahamas mit dem Unternehmen Israelsolidarität etwas zu tun haben könnte, ist nicht ganz unbegründet. Dass aber die Bahamas genausowenig wie sie konkrete Juden mit Eigenschaften ausstattet und ihnen deswegen ein Einsehen und Handeln abzwingen will, wenn sie den Antisemitismus in allen seinen Erscheinungsformen kritisiert, auch den konkreten Israelfreund nicht meint und an die Hand nimmt, wenn sie Solidarität mit Israel einfordert, das werden Leute, die auf israel-solidaritaet@yahoogroups. com abonniert sind, nie verstehen. Der fürchterliche Vereinsname „I like Israel“ wird durch das Bescheidwissen darüber, das sein Vorsitzender Leo Sucharewicz Jude ist, eine wichtigtuerische Mitteilung, die im Verlauf des Januar mehrfach lanciert wurde, nicht besser. Noch nicht einmal gemerkt zu haben, dass Sucharewicz mit diesem jovial sich rankumpelnden Logo ein autoritäres Gemeinschaftsgefühl unter Israelfreunden stiften wollte, das zwar um Gottes Willen keine Kritik, dafür aber ausreichend positive Energien freisetzen solle, um in die Mitte der deutschen Gesellschaft hineinzuwirken, ist die Schande all jener Freunde Israels, seien sie nun nichtjüdische oder jüdische Deutsche, deren informelle Sprecher angesichts eines selbstverschuldeten Debakels, das sie weniger sich selber als den Juden in Deutschland bereitet haben, jetzt „Haltet den Dieb“ schreien und in der Bahamas das Kameradenschwein erkennen.

Sie haben gedacht, die Bahamas mache auch nur Politik, wie sie selber. Sie waren überzeugt, die Redaktion stünde im Wettbewerb mit ihnen um die vordersten Plätze in einer konkreten Solidaritätsbewegung, die sehr zu Recht am Ende auf das Kürzel „I like Israel“ geschrumpft ist und trotz der vollständigen Verflachung um nichts breiter geworden ist. Sie hatten die Redakteure dieser Zeitschrift allen Ernstes im Verdacht, sie hingen ihrer Vorstellung von Politik, nämlich dem Intrigantentum an, teilten ihren Kritik-Ersatz, nämlich das skrupellose Heranwanzen an eine gesellschaftliche Mitte, die die Süddeutsche Zeitung liest, und seien wie sie auch mit nichts anderem beschäftigt, als der Erledigung des Inhalts durch die leere Form, sprich der Organisierung einer konkreten Israelsolidarität. Sie haben diese Gewissheit aus der in diesem Blatt mehrfach vorgetragen Sentenz, dass Israelsolidarität praktisch zu sein habe, abgeleitet und sind sich schon deshalb sicher, dass die Bahamas rein opportunistisch, rattenhaft, ein sinkendes Schiff – auf das kein Redakteur je einen Fuß gesetzt hat – verlassen habe, bevor eine Großdemon­stration sehr klein im Regen stehen würde. Dass die Bahamas geschwiegen hat, bis es nicht mehr ging, legten sie ihr zunächst als taktisch kluge Zurückhaltung aus, zu viele antideutsche Aufrufer könnten schließlich die gesellschaftliche Mitte verschrecken und damit das zarte Organisationspflänzchen vor der Zeit frostigen Winden aussetzen. Sie konnten es sich nicht vorstellen, dass die Redaktion, seit ihr irgendwann im November 06 über das sagenhafte Kritiknetz des Dr.-Clemens-Heni-Freundes, Professor Dr. Heinz Gess, das gruselige Wort Großdemonstration zugeflogen ist, alle damit verbundenen weiteren Ansagen, stammten sie nun aus dem Dresdener Bibelgarten der Deutsch–Israelischen Gesellschaft (DIG) oder der Münchner Schaltstelle für optimierte Propaganda „I like Israel“, konsequent aus dem Mailordner geworfen hat.

Tupperware-Parties und Israelsolidarität

Die Bahamas ist optimistisch. Sie glaubte und glaubt, dass es nicht jedesmal, wenn närrische Leute ein Glanzstück unfreiwilligen Humors darbieten wollen, eines klärenden Wortes aus Berlin bedarf. Aber der Organisationszug Israelsolidarität hatte keine Bremsen, weil sie von seinen fabelhaften Konstrukteuren gar nicht gewollt waren. Solidarität, so wissen sie mit der Arbeiterbewegung unheilvollen Angedenkens, ist eine Falle, wer einmal hineingetappt ist, soll nie wieder herauskommen, sondern mit optimistischem Gesicht und verzagtem Herzen solange „Hurra“, und „Erfolg“ und „Es geht auf­wärts“ plärren, bis die Bewegung von ihren Strategen entweder wirklich nach ganz vorne gebracht oder ganz solidarisch an die Wand gefahren worden ist. Ganz vorne und an der Wand bedeutet ungefähr das selbe: Im einen Fall ein Erfolg, der, weil auf der Lüge aufgebaut, längst nicht mehr repräsentiert, worum es einst gegangen sein mag, im anderen Fall heroischer Untergang und auch dann das Fortleben der vorausgesetzten Lüge, die mit geeigneteren Mitteln doch noch zum Erfolg gebracht werden müsse. Während die Politkader Fakten schafften und den Solidaritätszug aufs abschüssige Gleis brachten, rieb sich die Gefolgschaft verwundert die Augen und konnte sich des flauen Gefühls nicht erwehren, dass es nun zu spät sei und man gute Miene zum abgekarteten Spiel machen müsse. Schaden könne es ja nicht, auch wenn der Aufruf missglückt sei – so machten sich die meisten Zugucker und Mitläufer, die zwischen gutem Willen und schlechter Ausführung reinlich unterscheiden zu können glauben, gegenseitig Mut –, einen öffentlichen Einwand zu formulieren traute sich keiner. Weil es nicht um eine „antifaschistische“ Großdemonstration ging, sondern um eine für Israel, weil nicht etwa mehrheitlich nicht-jüdische Deutsche im Verein mit einigen jüdischen Mitstreitern sich selber an der Nase herumführten, sondern eine Hand voll Möchtegern-Strippenzieher, unter denen Leo Sucharewicz und Sacha Stawski (Honestly Concerned) die einzigen Juden waren, nebst vielen nichtjüdischen Gruppen und Einzelpersonen auch repräsentative Teile des organisierten Judentums mit einer Mogelpackung in die Blamage zu führen sich anschickten, hat die Redaktion Anfang Januar einen Blick in den Bibelgarten der konkreten Israel-Solidarität getan und festgestellt, dass alles noch viel schlimmer war als befürchtet. Am 11. Januar schließlich erschien, was aus Verantwortung nicht für irgendwelche Leute, sondern gegenüber der Wahrheit geschrieben werden musste: Kein Boykott, keine Demobilisierung, sondern ein unverwüstlich optimistischer Aufruf zur Rettung eines in praktischer Absicht vor vielen Jahren von diesem Blatt formulierten Imperativs: Es geht um Israel!

Die Bahamas, die schon deswegen zwischen organisiertem Judentum und einzelnem Juden unterscheidet, weil sie in jenem eine Bedingung des Überlebens und in diesem den Wunsch nach höchstpersönlicher Selbstverwirklichung erkennt, würde weder die eine noch die andere Form jüdischen Lebens mit schlechten Noten versehen. Judentum und individueller Jude werden sich aneinander abarbeiten müssen, ohne voneinander lassen zu können. Der einzelne Funktionär kann ein Idiot sein, die konkrete Organisation mag ihren Zweck, Schutz zu bieten, mehr oder weniger gut erfüllen: Solange die Welt antisemitisch ist, braucht man die bestmögliche Organisationsform und damit auch Funktionäre, die ihren Job nicht in der gleichen Schule gelernt haben, von der Leo Sucharewicz sein gnadenlos blödes Organigramm (siehe: Rückumschlag dieses Heftes) bezogen hat, dem von der Arbeitsagentur finanzierten Powerpoint-Seminar der Industrie- und Handelskammer. Der einzelne Organisationsferne wird dann nicht zuletzt sich selber zum Problem, wenn er die immer auch schlechten Erscheinungsformen des organisierten Judentums als dessen ureigene Hervorbringung denunziert und seine Emanzipationsanstrengungen dem Diktat einer öffentlichen Meinung unterstellt, die man mit dem Schlachtruf „Los von Israel!“ zusammenfassen kann. Wenn Juden, die sich organisieren müssen und sich dennoch weigern, eine verbindliche Vorstellung vom Jüdischsein zu dekretieren, Schützenhilfe von nichtjüdischen Deutschen bekommen, die es nicht aushalten können, so frei zu sein, eben keine eigene Identität zu haben, sondern sich dauernd die von ihnen gerade erfundene Identität anderer ausleihen müssen, steht irgendwann auch die jüdische Welt Kopf. Es hat noch keinem gut getan, von Mitmenschen umgeben zu sein, die ihn nicht für ihresgleichen, sondern etwas Besseres halten, und das nicht etwa wegen irgendwelcher unverwechselbarer Leistungen, die ihn wirklich aus der Mitte herausheben würden, sondern allein wegen seiner Geburt. Was den Überlebenden des Holocaust zur lebenslänglichen Last wurde, dauernd von geläuterten Deutschen der Nach-Täter-Generationen in Beschlag genommen zu werden, trifft inzwischen auch die Nachgeborenen. Die Mehrheit weiß sich zu schützen, sie brechen die Kontakte zu scheinbar antideutschen Bekennern, die einen jüdischen Zeugen an ihrer Seite brauchen, einfach ab. Eine Minderheit, der es an solcher Stärke gebricht, lässt sich auf das fragwürdige Bündnis ein und wird irgendwann den Zynismus des Unterfangens aus den Augen verlieren und in Größenwahn verfallen, der, wenn es schlimm kommt, zu Hervorbringungen wie „I like Israel“ führt. Leo Sucharewicz war nie ein heller Kopf. Er hätte auch ohne die devote Anhängerschaft nichtjüdischer Kofferträger das Organigramm seines Vereins entworfen, das so fatal an das Konzept von Tupperware-Parties erinnert und mög­licher­weise auch die Eröffnungsrede einer Großdemonstration am 28.1. in Berlin, in der er zwei Ländern die Führerschaft gegen Ahmadinedschads Bomben-Pläne zuwies: Deutschland und Israel, genauso gehalten. Endgültig blöd geworden aber ist er wohl angesichts der völligen Abwesenheit jeden Widerspruchs und einer Politikberatung, die ihn in seinem wohl von Anfang an intendierten „zionistischen“ Feldzug gegen das etablierte organisierte Judentum in Deutschland noch bestärkt hat. Was solche beratenden Möchtegern-Zionisten nichtjüdisch-deutscher Provenienz, seien es bessere Sparkassenbeamte oder die Lektoren schmuddeliger Verlage, in denen sie für schlechtes Geld antisemitische Bücher publikationsreif machen, zusammen mit einem Münchner Marketingamateur zuwege gebracht haben, ist leider mehr als eine peinliche Farce, denn das Stück wurde vor Tausenden von Leuten gegeben (darunter 800 Demonstranten), von denen anscheinend niemand außer der Bahamas und dem Zentralrat der Juden den billigen Plot zu durchschauen in der Lage gewesen ist. Es konnte landen, weil die Matadore und offensichtlich auch viele Mitläufer der konkreten Israelsolidarität nicht begreifen wollen, dass die Solidarität mit Israel notwendiger Bestandteil der Kritik an den deutschen und europäischen Verhältnissen ist, aber kein Selbstzweck. Dass für Israel zu sein nur aus­nahmsweise in der Konfrontation mit seinen Feinden als aggressives „Bekenntnis“ Sinn ergibt, als Surrogat für Kritik, oder schlimmer, die ins Positive gewendete Botschaft antideutscher Kritik dagegen nur abgeschmacktes Bekennertum ergibt, das mit dem sehr konkreten Israel immer weniger zu tun hat, mit privater Sinnstiftung dafür umso mehr; das hoffte die Redaktion, müsste doch nicht noch ausdrücklich gesagt werden.

Zur antisemitischen Kampforganisation wurde die Bahamas dann erklärt, als das Komplott aufgeflogen war – eine Woche nach dem Erscheinen des Nichtaufrufs der Redaktion. Der Zentralrat der Juden hatte abgewinkt und die Deutsch-Israelische Gesellschaft ihren Demonstrationsaufruf zurückgezogen (mobilisierte aber regional weiterhin nach Berlin). Der Sturm auf das organisierte Judentum war gescheitert und die nichtjüdische Mitte der Gesellschaft, als die man die DIG wähnte, hatte sich doch noch dem Zugriff von Entristen entzogen. Die DIG lief Gefahr, ihre Respektabilität dort zu verlieren, wo man Israel aus Verantwortung vor der deutschen Vergangenheit „kritisiert“. Auch die aus der Mitgliedschaft stammende Denunziation, antideutsche Unterwanderer in den eigenen Reihen seien auf dem Vormarsch, dürfte für Johannes Gersters plötzlichen Rückzug mit ausschlaggebend gewesen sein. Es behaupte keiner der unterlegenen Entristen, die DIG wäre sich nicht treu geblieben, fragen lassen müssen sie sich, die es doch ernst meinen mit ihrer Israelsolidarität, was um Himmels willen sie in diesem verkommenen Verein verloren haben.

Betrogen um den Erfolg

Der Zentralrat hatte als Dachverband des jüdischen Vereinswesens die Notbremse gezogen, als evident wurde, dass die Großdemonstration sehr klein und insbesondere ganz weitgehend von jüdischen Organisationen und Individuen getragen werden würde und eben nicht – wie anfangs nahegelegt – von nichtjüdischen Deutschen, schon gar nicht solchen aus der gesellschaftlichen Mitte: Es galt einem Himmelfahrtskommando nicht nur für das organisierte Judentum, sondern auch für die Juden in Deutschland in ihrer überwiegenden Mehrheit zuvorzukommen. Die Bahamas, die noch nie mit dem oder gegen das organisierte Judentum Politik gemacht hat, die sich nie angemaßt hat, jüdische Organisationen pauschal des Verrats an Israel zu zeihen und auch nicht den besseren Zentralrat aus der Taufe heben will, stand keineswegs allein vor der ungeheuren Anmaßung jüdischer und nichtjüdischer Desperados, die im Angesicht ihres Scheiterns immerhin offenbarten, was ihr innigster Wunsch war: Einen Aufstand der Basis gegen die Funktionäre des organisierten Judentums herbeizuführen zu dem Zweck, die Juden in Deutschland in die Konfrontation mit der deutschen Öffentlichkeit und Politik zu führen. Alles, was seit 2001 Konsens gewesen zu sein schien, war im Januar 2007 über den Haufen geworfen worden. Konsens war es doch, dass der Kampf gegen den Antisemitismus in seiner gefährlichsten Variante, der sogenannten Israelkritik, vor allem Sache von nichtjüdischen Deutschen und Europäern zu sein hätte und nicht die der Juden und ihrer Organisationen. Konsens war doch auch die Begründung: Die Zurückdrängung der „Israelkritik“ gelingt nur als Konfrontation innerhalb der nicht-jüdischen deutschen Gesellschaft. Sie möglichst zu spalten, in ihr wenigstens den Zweifel zu streuen, ihren Agitatoren Auflagen zu machen war das strategische Ziel. Zusammenarbeit mit jüdischen Organisationen, so war man sich einst einig, sei eine nützliche Sache, aber keine dem strategischen Ziel übergeordnete. Aus dem ganz einfachen Grund zunächst, weil die Juden in ihrer Mehrheit von der Israelsolidarität nicht überzeugt zu werden brauchen. Aber auch aus dem Wissen, dass Juden in diesem Land, seit man ihnen nicht mehr öffentlich eine jüdische Weltverschwörung nachsagen darf, als Agenten eines anderen Staates gelten, ausgerüstet mit einer zweiten Staatsbürgerschaft, als unsichere Kantonisten also. Das organisierte Judentum hat bisher keinen Zweifel an seiner solidarischen Haltung zum jüdischen Staat aufkommen lassen und das auch immer wieder öffentlich betont. Eine Polemik gegen die deutschen Verhältnisse, deren Sprecher sich seit einigen Jahrzehnten antizionistisch über den jüdischen Staat hermachen und so schon wieder, diesmal aber respektabel, Verschwörungen des Weltjudentums unterstellen, konnte niemals die Sache verantwortlicher Funktionäre des organisierten Judentums sein. Deswegen hat der Zentralrat seine politischen Einwände stets als Appell an die besonnene Mehrheit der Deutschen gekleidet, die es zwar nicht gibt, aber nach dem Willen der Regierenden geben soll, und alles unterlassen, was die Unterschiede zwischen der Haltung von Juden in Deutschland und nichtjüdischen Deutschen allzu deutlich hervorkehren würde. Antideutsche Kritik, die nie eine jüdische Kritik an Deutschland war, auch nicht die angemaßte originär jüdische Stimme gegen die angeblich so feigen und unaufrichtigen jüdischen Organisationen, die kein billiger Ideologieersatz für Stellvertreterpolitiker ist, hat nichts gemein mit dem Gerödel, Gerüchtekochen und Faustkeilschlagen von Bewegungspolitikern und anderen Schäfchenzählern auf Demonstrationen, die im Zweifel eben jüdische Schäfchen, die sie durch Betrug auf ihre Seite gezogen haben, auf der Habenseite buchen und als Gegner gar nicht die Bahamas meinen, die ihnen draufgekommen ist, und auch nicht die nichtjüdische gesellschaftliche Mitte, sondern das organisierte Judentum, das ihnen nicht auf den Leim gehen wollte.

Israelsolidarität und antideutsche Kritik sind auch weiterhin nicht voneinander zu trennen. Die sich da so lautstark von der „linken“ antideutschen Schmuddelecke emanzipiert haben, können ihre Herkunft nicht verleugnen, weil jedes klare Wort für Israel und seine Interessen sich automatisch gegen Deutschland und die Deutschen kehrt. Ihre einzige Chance, sich von der Vergangenheit zu befreien, ist das unklare Wort, die breite Plattform, der Weg in die Mitte. Das kann zwar nicht gelingen, weil der erfahrene Deutsche noch im schwammigsten Aufruf den antideutschen Gehalt erkennt, auch dann, wenn er längst nicht mehr gemeint ist – aber wo ein Wille ist, ist auch eine Wand. Alles weitere ist bekannt: Man wollte raus aus den dunklen Hinterzimmern und fand sich im Regen wieder, inmitten einer um den Erfolg bei den Massen betrogenen Schar und wird so lange um sich beißen, bis man als Fähnlein der von allen Betrogenen im eigenen Wohnzimmer, das hoffentlich hell ist, sich wiederfindet und sich seiner Enttäuschung hingibt.

Eine konkrete Israelsolidarität, wie sie sich in den letzten Jahren, beginnend mit einem an Peinlichkeit kaum zu überbietenden halböffentlichen Kongress im Frühjahr 2005 in Frankfurt herausgebildet hat, gibt es nicht mehr. Eine neue und bessere wird nicht entstehen, weil ihre Begründer aufhören müssten, Politik als Intrigantentum misszuverstehen und sich wenigstens einer Einsicht der FAS anzuschließen hätten, die am 25.2. als visueller Eindruck von dem, was Antideutschen wichtig ist, vor einem Porträt Karl Marx’ die israelische und die amerikanische Flagge sich kreuzen ließ. Wo aber Karl Marx als „Linker“ in die Abstellkammer verbracht und mit Karl Popper die Lücke gefüllt wurde, ist auch mit den beiden Fahnen nicht mehr viel los. Längst vergessen ist, dass die Linke von Antideutschen deswegen so rücksichtslos kritisiert wird, weil sie das, wofür sie einzustehen vorgab und was sie unendlich über jede gesellschaftliche Mitte hätte hinausheben müssen, so gründlich verraten hat, dass sie nicht mehr zu retten ist. Das war nicht als Ermunterung für Ätsch- und Hä-hä-Sager gemeint, die auf ihre gar nicht so alten Tage plötzlich zu der Erkenntnis gekommen sind, die Springer-Leser vor 50 Jahren schon hatten, dass die USA vielleicht ja doch ein ganz passables Land sein könnten. Der gewendete, also weiterhin zur Kritik nicht befähigte ehemalige Linke, der verdammt ist, lebenslang Ideologe zu bleiben, erkennt heute in der mit dem Namen Karl Marx verbundenen Kritik an den unheimlichen Verhältnissen, in denen er selber lebt, den Verrat an den USA und, ja doch, an Israel. Sie war ihnen dann doch zu schwer gewesen, die Kritik an der politischen Ökonomie und damit auch die an der Ideologie, die es erst ermöglicht hat, gegen Deutschland und für Israel zu sein, und die allein es möglich gemacht hat, in einigen Grundzügen der Außenpolitik und einigen Aspekten der gesellschaftlichen Organisation in den USA etwas Erfreulicheres zu erkennen als der sozialdemokratische europäische Etatismus es ist – aber auch nicht mehr. Man war so frei, die Wurzeln zu kappen, und damit auch den Überschuss, der Kritik innewohnt, zu entsorgen. Vom Kosmopolitismus, vom Weltbürgertum drang man zu einer „jüdischen“ Sicht auf die Dinge vor, die alle Anstrengungen, eine bessere Welt einzurichten, ein für alle Mal diskreditiert, in der Juden nicht mehr organisiert zu sein hätten und endlich so frei wären, zu entscheiden, ob sie das Attribut Jude sich zulegen wollten oder nicht.

Hectors Gloria

Zur Bekräftigung solch partikularistischer Weltsicht, die kein Jude teilen würde, verstieg sich schon knapp zwei Wochen nach einem Debakel, das er maßgeblich mit zu verantworten hatte, Hector Calvelli, der immer wieder vergeblich in Erinnerung ruft, dass in ihm ein Autor von Rang stecke. Ihm ist die mutige Einsicht zu verdanken, dass Franz Schubert wohl doch kein Wegbereiter von Auschwitz gewesen sei, seine Messen aber, weil katholisch und damit der höheren Ehre des Christengottes verpflichtet, beim offiziellen Auschwitz-Gedenken der Bundesregierung eine Zumutung für jüdische Gäste seien und ihre Aufführung an diesem Gedenktag letzte Bekräftigung für den ewig schlechten Willen der Deutschen. Mit Calvelli, der gelernt hat, dass wirklich gute Musik einen konkreten Politauftrag zu verfolgen habe, sind sich viele darin einig, dass solche Musik ernst und schwer zu sein habe und dass das Ernsteste und dabei pädagogisch Wertvollste gerade recht für deutsches Auschwitz-Gedenken sei. Was könnte das sein? Erraten: Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“.

Abgesehen davon, dass all die Calvellis von Indymedia-Israel so tun, als ob Schönbergs „Überlebender“ absichtsvoll vergessen werde und nicht seit Jahrzehnten bei einschlägigen offiziellen Gedenkveranstaltungen mit Hartnäckigkeit dargeboten wird: Sie tun Schönberg mit ihrer unaufrichtigen Verbeugung noch nicht einmal einen guten Dienst, weil gerade der „Überlebende“ immer wie­der in den Hörspielcharakter verfällt und von der Musik – auf die allein es ankommen sollte – für die Mehrheit der Hörer, die sich dafür eh nicht interessiert, nur der düstere Hintergrundsound für einen Überlebensbericht bleibt. Aber der jüdische Komponist musste gegen den katholischen aufgefahren werden, für Schönberg, der sich stets als Teil und Weiterentwickler der abendländischen Musiktradition begriffen hat, also als Kosmopolit ein Alptraum, der ihm wenigstens erspart geblieben ist. An einem stets zweideutigen Staatsakt wie dem Auschwitz-Gedenken 2007 dürfte das Gloria aus Schuberts später Messe noch das Tröstlichste gewesen sein, und zwar gerade deshalb, weil sich große Musik ihrer Nutzanwendung entzieht, sei es nun durch Nutzanwender von Staats oder von Israelsolidaritäts wegen. Schubert, der gerade noch an seiner katholischen Mitverantwortung für Auschwitz wg. Messenschreibens knapp vorbeigeschrammt ist, hat übrigens auch andere geistliche Musik geschrieben. So 1828 im Auftrag des Kantors des neuen israelischen Tempels zu Wien, Sulzer, einen „92. Psalm für Bariton-Solo, Quartett und Chor“ in hebräischer Sprache (Deutschverzeichnis 953). Wie gut, dass Calvelli das nicht gewusst hat, er hätte aus dem Weltbürger Schubert, der kein Pfaffe war, einen verhinderten Rabbi gemacht und von der Bundesregierung kompromisslos die Aufführung dieses 92. Psalms eingefordert.

Redaktion Bahamas (Bahamas 52/2007)