Ideologiekritisch und sonst nichts

Drei notwendige Vorankündigungen zur Konferenz

Im Vergleich zu den Vorgänger-Konferenzen von 2003 und vom November 2005 in der Jerusalem-Gemeinde, die, seit Gott dort ausgezogen ist, ganz in der Hand von gewerkschaftsnahen Ideologen ist, die nicht einmal gegen gutes Geld der Bahamas die Räumlichkeiten überlassen wollten, sind einige gut abgehangene Attribute aus Überschrift und Ankündigung verschwunden: kommunistisch, israelsolidarisch und antideutsch. Stattdessen heißt es heute nur noch: ideologiekritisch. Dazu einige Anmerkungen: Wahrscheinlich sind alle Klassifizierungen, die man mit sich selber vornimmt, oder häufiger noch von anderen mit einem vorgenommen werden, fragwürdig und etikettenhaft.

Die Sache mit dem Kommunismus ist am einfachsten zu erklären. Wer sich Kommunist nennt, lebt in schlechter Nachbarschaft und stößt seit Ende des Kalten Krieges noch nicht einmal mehr auf gut eingeübten Antikommunismus. Mehr als eine fade Pose kommt im besten Fall nicht heraus. Im schlechten – und das ist der Regelfall – wird – und sei es in postmoderner Ironisierung – mit einem „Dank Euch, ihr Sowjetsoldaten“, der stalinistische Schrecken verharmlost und der Beitrag der USA und Großbritanniens an der Befreiung der Welt von den Nationalsozialisten klein geredet. Dass manche Referate, die heute gehalten werden, in engem Bezug zum Werk von Karl Marx stehen, sei schon einmal verraten; dass möglicherweise – wie von den Veranstaltern intendiert – die ganze Konferenz der Kritik der politischen Ökonomie gewidmet ist, wird uns nicht dazu hinreißen, mit Demagogen in Konkurrenz um eine blutbefleckte Fahne und eine ihres einst freundlichen Sinnes vielleicht für immer beraubte Vokabel zu treten.

Als israelsolidarisch geht heute neben sympathischen Zeitgenossen auch jeder durch, der aktiv verhindert, dass der Hass auf die Juden in Europa beim Namen genannt wird und alles hintertreibt, was Israel eine kleine Entlastung sein könnte. Will man in einem Solidarverband mittun, in dem Leute sich mausig machen, die der CDU vorwerfen, dass sie in eine Bundestagsresolution gegen den Antisemitismus auch die Verurteilung des Antizionismus mit aufgenommen wissen wollte? Das hat der AK Schalom getan, der ausgerechnet in der Linkspartei sein offensichtlich geachtetes Dasein fristet, und in dem Gestalten aus jenen einst so betont auf hochtheoretische Distinktion erpichten Leipziger Opportunistengrüppchen eifrig Dienst tun. Will man mit Leuten zusammen genannt werden, die vor einem guten Monat alles dafür getan haben, dass eine von zwei tapferen Jusos initiierte Bündnisdemonstration gegen den zunehmend migrantisch-islamischen Antisemitismus und Israelhass nicht durch Neukölln zieht, zu der die Bahamas natürlich sofort aufgerufen hat? Kann man sich wohl fühlen unter Leuten, die kein Problem damit haben, mit der sogenannten Arabistin und Islamwissenschaftlerin Claudia Dantschke zusammenzuarbeiten, jener israelsolidarischen Claudia Dantschke, die nichts unversucht ließ, um das Neuköllner Demonstrationsprojekt platzen zu lassen, die vor gewaltbereiten antideutschen Gruppen um die Bahamas gewarnt hatte, deren Auftreten die Situation in den teilislamisierten Kiezen zum Siedepunkt bringen würde? Nein, solidarisch mit den Israelsolidarischen in ihrer Mehrheit wollen wir nicht sein, schon deshalb, weil es uns weiterhin um Israel geht und nicht um Posten und Pfründen in einem Politikbetrieb, der angetreten ist, jede Klärung der Fronten zu verunmöglichen. Mit Leuten, die uns eine Praxisfrage aufdrängen möchten, uns also wegen des Bündniserhalts zum Lügen auffordern, haben wir nichts gemein.

Womit ich bei Deutschland bin. Leute, die in dem Fußball-Weltmeisterschaftszirkus 2006 eine faschistische Gefahr erkannt, oder aus den blöden Sprüchen der Popgruppe Mia einen völkischen Aufbruch herausgelesen haben, nennen sich antideutsch. Leute, die, wie eine Gruppe namens kittkritik, sich, scheinbar an Clemens Nachtmann orientiert, mit postnazistischer Kultur auseinandersetzen und stolz darauf sind, einen „intergenerativen“ Ansatz zu vertreten, mithin jedem Kritiker ein schlechtes Zeugnis ausstellen, der nicht zuerst von seinem braunen Großvater oder Urgroßvater erzählt, und so ausweist, wie befangen sein Denken notwendig sein müsse, gelten auch als antideutsch. Wozu rechnet man denn eigentlich jene, die dauernd zur Feindfahrt gegen die „Scheißdeutschen“ aufrufen und „Mehlsäcke klatschen“ gehen? Seit es möglich ist, auf ein Demonstrations-Plakat sowohl „Nie wieder Deutschland“, als auch „Nie wieder Israel“ zu schreiben, sollte bekannt sein, wohin die antideutsche Reise geht. Zum Beispiel zu einer sich antideutsch und hedonistisch nennenden Zeitschrift mit dem programmatischen Namen: Hate. Antideutsch war nie mehr als eine Zuschreibung, die wir gern aufgegriffen haben, weil sie in den 90er Jahren noch ein, wenn auch diffuses Spektrum einigermaßen gekennzeichnet hat. In dem Maße, wie erst die bekennenden Kommunisten unter ihnen, dann die Feinde Amerikas, schließlich die Islamversteher und zum Schluss jene, die eine praktische Israelsolidarität zusammen mit der „Mitte der Gesellschaft“ einfordern, sich von uns emanzipiert haben – oder war es nicht doch eher anders herum? – bleibt von antideutsch eigentlich nur noch der Hass, der schon lange nicht mehr die deutsche Ideologie meint, die längst eine europäische geworden ist, sondern den Westen. Das schließt auch jene mit ein, die gar nicht proamerikanisch oder liberal genug sein können, aber zwischen dem, was die amerikanische Gesellschaft in Rudimenten noch verspricht und jenen durchaus orientalischen Zügen, die auch dort um sich greifen, nicht mehr unterscheiden wollen.

Da wir eine hohe Meinung von der Sprache haben, da wir den Zusammenhang von falschem Denken und missbrauchter Sprache kennen, da wir die jeden Wahrheitsanspruch unterlaufenden Hervorbringungen in „sozusagen deutscher Sprache“ (Karl Kraus) nicht als notwendig falsches, sondern wider besseres Wissen-Können falsches Denken angreifen, ist, was wir tun, und nicht erst seit der letzten Konferenz, Ideologiekritik. Ich glaube übrigens nicht, dass wir uns von dieser Selbstetiketierung so schnell werden verabschieden müssen. Denn weder steht zu erwarten, dass plötzlich überall ideologiekritische Gruppen und Zeitschriften entstehen – was schon deshalb schön wäre, weil wir unseren Konferenzen dann kein Etikett mehr verpassen müssten – noch ist es dem Begriff nach möglich, falsche Ideologiekritik zu üben. Bis sich aber – auch bei Leuten, die uns gut sind – ausreichend herumgesprochen hat, dass die Hervorbringungen eines Dr. Clemens Heni oder der Redakteure der Zeitschrift Phase 2 lediglich Reihungen von Wörtern sind, die als deutsche Sprache nicht durchgehen und mithin nichts anderes als Ideologie sein können, wird man in dem aus Feigheit, Karrieresucht und Sprachunvermögen zusammengesetzten falschen Denken den Verrat am Kommunismus, die an Bedingungen geknüpfte „Solidarität“ mit Israel und eine „antideutsche“ Identität entschieden kritisieren müssen.

Justus Wertmüller (Bahamas 57/2009)