Die wahren Mörder von Marwa E.

Der Dresdner „Kopftuchmord“ und seine islamophoben Drahtzieher

 

Ein Kerl, der sich breitärschig auf eine Schaukel setzt und eine Frau, die ihn darum bittet, den Platz für ihr Kind frei zu machen, beschimpft und bedroht, verdient eine so empfindliche Geldstrafe, dass er in Zukunft, wenn schon nicht aus Einsicht, so doch aus Angst vor weiteren finanziellen Verlusten oder gar dem seiner Freiheit dergleichen Übergriffe unterlässt. Bei Alex W. aus Dresden hat eine entsprechende Verurteilung so wenig genutzt, dass er bei einer Folgeverhandlung, die mit höherem Strafmaß geendet hätte als die erste, im Gerichtssaal die erneut gegen ihn aussagende Frau erstach.

Während einiges dafür sprach, vor dem Mord die Klägerin öffentlich lediglich als Marwa E. zu bezeichnen, um sie vor Nachstellungen zu schützen und ihr Persönlichkeitsrecht zu achten, hielt es die Mehrheit der Medien auch nach der Bluttat für angezeigt, Marwa El-Sherbini weiterhin als Marwa E. zu anonymisieren wie ihren Mörder Alex W. auch. Der hatte Marwa El-Sherbini auf dem Spielplatz als Schlampe, Islamistin und Terroristin beschimpft und hinzugefügt, dass Ausländer in Deutschland nichts zu suchen hätten. Diese Worte, bekräftigt durch den Mord, machten Marwa El-Sherbinis Schicksal so kostbar in einer ideologischen Inszenierung, dass zu viele Hinweise auf eine ganz bestimmte Person und einen besonderen, unvorhersehbaren Gewaltakt dem Ansinnen geschadet hätten. Denn Marwa E., das war eine von denen mit dem Kopftuch, eine austauschbare unter hunderttausenden bekennender „Muslimas“, eine von immer mehr prospektiven Opfern eines brandgefährlichen Propagandadelikts namens Islamophobie, das immer noch nicht mit der gebotenen Härte verfolgt werde.

Eine Fatwa für Schalke

Es ging im Dresdener Kopftuch-Mord keineswegs um eine ägyptische Pharmazeutin mit einer Vorliebe für hässliche Kleidung und noch nicht einmal um einen russlanddeutschen Mörder mit Vorlieben für eine ostzonale Regionalpartei. Der Mord an El-Sherbini, die angeblich stellvertretend für viele namenlose E.s hat sterben müssen, war lediglich willkommener Anlass, die große Aussprache über das Zusammenleben der Kulturen oder den spezifischen Blickwinkel von Minderheiten auf die Mehrheitsgesellschaft nunmehr allein unter Berücksichtigung der schutzwürdigen Interessen des Propheten und seiner Anhänger zu führen. Solche, vorab auf den Schutz eines höchsten Gutes, das jedenfalls höher als das Leben einzelner Menschen rangiert, festgelegten Aussprachen nennt man in einem anderen Kulturkreis Fatwa. Sie dienen entweder der Verurteilung und gegebenenfalls auch Exekution von Abweichlern oder der Vorab-Ermächtigung von Mördern, die, Alex W. durchaus verwandt, als Racheengel des eigenen Durchgefallenseins ihr Ressentiment, im Einklang mit dem Volksempfinden ihrer Ethnie, mörderisch ausagieren. Manchmal erfolgt auch der Freispruch vom Vorwurf der Blasphemie.

Ein solcher erfolgte am 6. August 2009 in Gelsenkirchen auf der Homepage des Fußballvereins Schalke 04. Die dort veröffentlichte Fatwa urteilte darüber, ob die dritte Strophe der Vereinshymne den Tatbestand der Verunglimpfung des Propheten Mohammed erfülle: „Prüfung: (Die Strophe) beinhaltet keine irgendwie beleidigende Substanz und ist daher auch nicht als Hetze zu verstehen. Im Gegenteil: Eingangs wird sogar die Gesandtschaft des Propheten Muhammad bestätigt. […] Da weder das ursprüngliche Gedicht bzw. Volkslied und dessen Verfasser Ludwig Karl von Wildungen (1797), noch der spätere Verfasser Hans J. König (gest. 1992) islamkritische Absichten in diesem Zusammenhang hatten, kann auch nicht von einer ,Verunglimpfung des Propheten‘ gesprochen werden. […] Vielmehr wurde der Prophet Muhammad ursprünglich aufgrund seiner Zuneigung für die Farbe Grün im Volkslied erwähnt. Erst 1935 wird die Farbe Grün in Blau-Weiß umgeändert und 1963 wird ein Zusammenhang zwischen dem Propheten und der Farbkonstellation Blau-Weiß hergestellt, mithin die Vereinsfarben des Fußballvereins Schalke 04. Die Melodie bzw. der Reim und der inhaltliche Aufbau des Vereinslieds gehen demnach auf die des viel älteren Volkslieds ,Grün ist Wald und Flur‘ zurück. Das Volkslied geht wiederum seinerseits auf ein Gedicht von Ludwig Karl von Wildungen aus dem Jahr 1797 zurück.“ Dieses Gedicht trägt den Titel „Lob der grünen Farbe“ und es heißt darin: „Mahomed ist mein Patron! / Aechte Schönheit kannt’ er schon; / Er, dem aus der Farbenschaar / Nur die grüne heilig war. / Leben soll er, Herr Prophet, / Der auf Farben sich versteht! ...“ Dieser für Kritiker der deutschen und islamischen Ideologie durchaus lehrreiche Exkurs über populäres Liedgut hätte gleichwohl zu anderen Schlüssen führen können. Was wäre gewesen, wenn Professor Dr. Bülent Ucar, geschäftsführender Leiter des „Zentrums für Interkulturelle Islamstudien“ in Osnabrück und verantwortlich für diese Fatwa, seinem Auftraggeber, dem Verein Schalke 04, attestiert hätte, dass aus der Unterstellung, der Prophet verstünde nichts vom Fußball, eine „irgendwie beleidigende Substanz“ und „islamkritische Absichten“ herauszulesen wären? Wäre die Vereinshymne, in der es heißt: „Mohammed war ein Prophet / Der vom Fußballspielen nichts versteht / Doch aus all der schönen Farbenpracht / Hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht“ dann noch tragbar? Schließlich hatte Mohammed gerade für blau und weiß gar keine Vorlieben. Die Schalke-Verantwortlichen hätten sich dann entweder den Rat des Fußballkollegen und Trainers von Fenerbahce Istanbul, Christoph Daum, zu eigen machen müssen, der schon vor der Fatwa erklärt hatte: „Wenn sich in den Gesprächen herausstellen sollte, dass sich Muslime verletzt, verunglimpft und angegriffen fühlen, sollte es für Schalke kein Problem sein, bestimmte Textpassagen gegebenenfalls zu ändern“ (FAZ, 6.8.09), oder sie hätten alles so belassen wie es war und sich damit den Vorwurf der Islamophobie eingehandelt.

Die Perspektive von Minderheiten einnehmen

Zwar ist nicht bekannt, dass Schalke-Fans Jagd auf Türken machten, mit denen sie schließlich seit Jahrzehnten gemeinsam im Fanblock sitzen, was aber wäre wenn? „,Die Zeile mag bedeutungslos sein‘, sagt Jochen Hippler der Taz ,doch was wäre, wenn es in Gelsenkirchen gleichzeitig Übergriffe auf muslimische Mitbürger geben würde und die türkische Presse beide Vorgänge in Verbindung bringt?’“ (8.7.09) Hippler, der bereits 1993 im Verlag Konkret-Literatur ein Buch mit dem Titel „Feindbild Islam“ herausgegeben hatte, weiter: „Zuletzt habe der Fall Marwa gezeigt, wie verletzlich die Beziehungen zwischen der Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft seien.“ (ebenda) Andreas Fanizadeh, der es mittlerweile zum Leiter des Kulturressorts der Taz gebracht hat, forderte anlässlich des Mordes in Dresden gesellschaftliche Solidarität ein: „Tatsache ist, dass die Nation sich aus vielerlei Herkünften zusammensetzt und gegen menschenverachtende Ideologien und Praktiken gemeinsam handeln muss.“ Müsste man da nicht für alle „Herkünfte“ verbindliche, objektive Kriterien zur Bestimmung menschenverachtender Ideologien und Praktiken festlegen, damit keiner seine Untaten mit seiner Herkunft rechtfertigen kann? Fanizadeh: „Dazu gehört, dass viel mehr Menschen als bisher sich trauen, im alltäglichen Agieren die Perspektive von Minderheiten einzunehmen.“ (17.7.09) Die Perspektive der türkischen Minderheit, die Fanizadehs Kollegen Hippler so wichtig ist, dürfte bekannt sein, soweit sie als Hetzmasse mobilisiert wird und sich offensichtlich im Austausch gegen ein Gruppenbild in der Hürriyet auch gerne mobilisieren lässt: Wenn Tayiip Erdogan als eingeschworener Islamist oder irgendwelche Ergenekom-Kader als ausgewiesene Kemalisten rufen, dann tritt sie an, die Minderheit und erklärt ein Großfeuer zum Scheiterhaufen für alle Türken in Deutschland, einen mit Papas Auto tödlich verunglückten 15jährigen betrunkenen Neuköllner Türken zum Mordopfer der ihn verfolgenden Polizei oder eine überdimensionierte Moschee zum Gral des Türkentums in Köln.

Es gibt einen vielbeschworenen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass man die Perspektiven von gar nicht so kleinen Minderheiten, die ethnisch der Mehrheitsgesellschaft zugerechnet werden, und zu denen zum Beispiel in Dresden Alex W. sich rechnet, nicht nur unter keinen Umständen einnehmen darf, sondern ihnen lange bevor ihre Ideologie zur Praxis geworden ist, aktiv entgegenzutreten habe. Für Nazis jedenfalls gilt dieser Konsens und das auch zu recht. Einer Frau, die nicht so richtig deutsch aussieht und doch in Sachsen lebt, zur Seite zu springen, wenn Alex W. und seine Kumpane über sie herziehen, ist eines. Die Perspektive Marwa El-Sherbinis bezüglich der Sitten und Gebräuche der Mehrheitsgesellschaft einzunehmen, hieße darüber hinaus, einen Dresdener Verein mit dem bezeichnenden Namen Islamisches Kultur- und Erziehungszentrum e.V. in dem sie mitgearbeitet hatte, hochleben zu lassen, inklusive seiner Ideologie und seiner Praktiken gegen Frauen und Mädchen. Über Alex W., der, bevor er zum Mörder wurde, El-Sherbini strafwürdig unter anderem eine Schlampe genannt hatte, ist man sich einig. Aber könnte es nicht sein, dass eine Minderheit, der El-Sherbini kraft streng moslemischer Tracht und entsprechendem Engagement sich zurechnet, zwar nicht unbedingt strafwürdig – weil sie nicht Mandy S. im besonderen meint, sondern alle Frauen, die zum Beispiel schulterfreie T-Shirts tragen – einen sehr pauschalen Begriff von Schlampen hat und dass sie dort, wo sie stärker vertreten sind als in Dresden, das auf ihre Weise schon einmal äußern? Könnte es sein, dass die Perspektive mancher Minderheiten nicht dazu animiert, sich in sie hineinzuversetzen, sondern im Gegenteil sie entschieden zurückzuweisen?

Eine Kreuzberger Aktivistin namens Nicola Liebert beichtete jüngst – teilweise über sich selbst betroffen – der Taz: „Es hat eine Weile […] gebraucht, bis ich meinen eigenen so gar nicht politically correcten Emotionen auf die Spur kam. Ich bin zornig, weil das Verhüllen von Körper und Kopf eine Aussage darstellt, die ich persönlich nehme. Die Aussage lautet: ,Seht her, das ist meine Religion, und darauf bin ich stolz!‘ Sie lautet auch: ,Seht her, ich bin züchtig und keusch, ich bin keine Schlampe, ich bin keine Nutte!‘ Und solch eine Aussage beinhaltet stets auch ihr Gegenteil: Wer sich nicht so kleidet, ist im Umkehrschluss wohl nicht züchtig und nicht keusch. Also alles voller Schlampen und Nutten in diesem Sündenbabel Berlin, mich eingeschlossen. […] Es ist ein gesellschaftliches Klima, das mich so wütend macht, in dem Leute […] es zu ihrer Angelegenheit machen, ob Frauen züchtig genug sind. In dem Frauen, ganz wie in den 50er Jahren, für die Wahrung von Sitte und Anstand in der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden. Dass auch die Frauen selbst teilweise noch zu diesem Klima beitragen, indem sie ihre sexuelle Moral zur Schau stellen und so für den öffentlichen Diskurs freigeben, macht die Sache nicht besser. […] Offenbar muss […] der Kampf um die Freiheit und Selbstbestimmung der Frauen, auch in Sachen sexueller Moral, wieder von neuem geführt werden. Aber damit das klar ist: Es ist ein feministischer, kein religiöser Kampf oder gar antimuslimischer Kampf.“ (20.8.09)

Sie mag ihren Kampf nennen wie sie will, solange ihre Analyse der genannten empörenden Minderheiten-Perspektiven auf die Mehrheitsgesellschaft zutrifft, darf sie sich nicht wundern, wenn ihr die Mannen und keuschen Frauen Erdogans nicht nur unterstellen, sie denke nur an das eine, sondern sie darüber hinaus der Intoleranz und Respektlosigkeit zeihen. Alles weitere erledigt dann der Kulturchef des Blattes, in dem sie ihre Betroffenheit kund tat.

Motiv: Muslimhass

Alex W. dürfte eine substanzielle Unterscheidung zwischen bekennenden Moslems und anderen Ausländern weder zustande bringen noch daran ein Interesse haben. Davon zeugt selbst die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft, in der es heißt, ihn motiviere ein „ausgeprägter Hass auf Nichteuropäer und Moslems“ (Taz 26.8.09). Denn auch dort könnte man wissen, dass „Moslems“ in der Kombination mit „Nichteuropäer“ maximal die Spezifizierung letzteren Begriffes sein kann und keine exklusive eigenständige Kategorie des Hasses. Axel W., der andernorts seine liebe Not gehabt haben dürfte, als Spätaussiedler aus Russland seine Zugehörigkeit zum Deutschtum glaubhaft zu machen, scheint jeden zu hassen, der mangels des „richtigen“ Passes oder entsprechender Vorfahren noch weniger vom Dresdener Standortkollektiv wertgeschätzt wird als er.

Doch über das Motiv des Mordes an Marwa E. herrscht in Deutschland weitestgehend Einigkeit: „Axel W. hasst Muslime“, so formulierte es die ehemalige Berliner Ausländerbeauftrage Barbara John und unterschreiben würden diesen Satz wohl alle. Obwohl John genau weiß, dass Axel W. dem eigenen Bekunden nach ein „fanatischer Ausländerhasser“ ist, wie es die Staatsanwaltschaft unmittelbar nach dem Mord, das heißt vor der offensichtlichen Islamophobie-Nachschulung durch einschlägige Experten noch wusste, also in einer Frau mit Kopftuch vor allem eine Ausländerin und keine „Muslima“ sieht, soll er aus Muslimhass zum Mörder geworden sein. Axel W., der erst 2003 nach Dresden gekommen ist, begreift sich dem eigenen Bekunden nach als Deutscher und deshalb als Sympathisant der NPD. Dass die braunen Kameraden zwar jederzeit eine Ägypterin als Schlampe, die hier nichts zu suchen habe, anmachen würden, aber zugleich Moslems ausdrücklich nicht hassen, hat er genauso wenig begriffen wie all die Antifa- und, schlimmer noch, Islamophobieexperten. Die Nazis verstehen den Islam nicht nur im Kampf gegen die „ZOG“ – die „Zionist Occupated Government“ – als ihren wichtigsten Bündnispartner und Waffenbruder, sie finden darüber hinaus alles, was ihnen lieb und teuer ist, im Islam und verehren ihn deswegen. Deshalb haben nachfolgende Zeilen, die man auf Indymedia über den Auftritt eines Aktivisten des nationalen Widerstandes Palästina vor den Kameraden des Nationalen Widerstandes (NW) Dortmund lesen kann, bei allem Ernst etwas durchaus Belustigendes, wenn man sich das Erstaunen vorstellt, das die Indymedia-Fans bei ihrer Lektüre überkommen muss: „Laut einem veröffentlichten Bericht auf der Homepage des NW Dortmund referierte ein palästinensischer Aktivist im Rahmen des kommenden Antikriegstages. […] Es wird im Bericht auch erwähnt, dass er die nationalen Einstellungen des NW Dortmund gegen Moscheenbau und gegen die Idee einer multikulturellen Gesellschaft verstehe. Immerhin würden ja auch in Palästina fünf Millionen Ausländer leben, über die sich keiner freut“. Wer jetzt, wie jetzt?, muss sich der Berichterstatter selber gefragt haben und erklärt es seinen Lesern in einer Klammer: „(Es sind die Israelis gemeint).“ (de.indymedia.org/2009/07/256534.sht ml).

Es lässt sich weder historisch noch aktuell bestreiten, dass es gerade nicht die deutschesten der Deutschen sind, die den Islam hassen, geschweige denn ihn kritisieren würden. Auf das Jahrhunderte alte deutsch-grüne Freundschaftsband, von dem auch die o.g. Schalke-Hymne kündet und zu dessen Stabilität nicht zuletzt die Antirassisten ihren Beitrag leisten, hat anlässlich des Mordes an Marwa El-Sherbini ein Deutscher im Geiste, ein bekennender Araber also, der erfolgreiche ägyptische Autor Alaa al-Aswani zur Freude eines jeden braunen, grünen und bunten Kameraden hingewiesen: Über seinen Lieblingsautor Oswald Spengler stellt er fest: „Wir Araber finden bei ihm Ideen wieder, […] dass Kulturen wie Organismen wachsen, Kindheit, Jugend und Alter haben.“ (Spiegel online 20.7.09)

Distanzierte Verhaltensabsichten

In der Heitmeyer-Studie „Deutsche Zustände“, die auf alljährlicher empirischer Forschung aufbauend „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ untersucht, findet sich eine inzwischen weit über Antira- und Wolfgang Benz-Kreise hinaus anerkannte Definition von Islamophobie: „Unter dem Begriff Islamophobie haben wir […] generell ablehnende Einstellungen gegenüber Muslimen, pauschale Abwertungen der islamischen Kultur und distanzierende Verhaltensabsichten gegenüber Muslimen zusammengefasst.“ Das heißt: Um sich nicht dem Vorwurf der Islamophobie auszusetzen, wäre jeder Versuch zu unterlassen, das Phänomen Islam mitsamt seinen Anhängern in religions-, kultur- oder ideologiekritischer Absicht auch nur anzusehen. Denn das ist ohne eine „distanzierende Verhaltensabsicht“ gar nicht möglich. „Unser Konzept der Islamophobie beruht auf negativen Einstellungen und Verhaltensintentionen gegenüber einer Gruppe, zu der man selbst nicht gehört.“ (Deutsche Zustände Folge 4, Frankfurt am Main 2006 S. 137f.) Man ersetze nur einmal zur Probe Islamophobie durch Antifaschismus und man bekommt einen Eindruck von der intellektuellen Kapazität eines bundesweit hoch geachteten Instituts.

Es beginnt alles schon mit einer angeblich genau definierten Gruppe, den Moslems. Nach der Definition von Heitmeyer, Hippler und Fanizadeh sind das offenkundig alle in Deutschland lebenden Menschen, die aus Staaten oder Territorien stammen, in denen der Islam die Mehrheitsreligion ist, also allen voran „die“ Türken und „die“ Palästinenser. Das funktioniert schon deshalb nicht, weil so unter die aus der Türkei stammenden „Muslime“ plötzlich auch die Aleviten (immerhin 30 Prozent) gezählt werden müssten, die weder am Ramadan fasten noch die Gebetszeiten einhalten, keine Geschlechterapartheid praktizieren und schon deshalb den Kopftuchzwang ablehnen. Der fromme sunnitische Moslem hält sie für Abtrünnige und der türkische Staat haut ihnen unverdrossen den Stempel: Religionszugehörigkeit islamisch in den Pass wie den bekennenden Atheisten türkischer Staatsangehörigkeit auch. Die Annahme einer muslimischen Herkunft (Fanizadeh) ist keineswegs aus Oberflächlichkeit zum bestimmenden Merkmal einer Minderheit erklärt worden, deren Perspektiven wir zur unseren machen sollen. Es wird definiert, was die entsprechenden Pressuregroups sich wünschen. Das sind konkret fast alle türkischen Vereine, ob laizistisch oder islamisch, alle arabischen Vereine und nicht zu vergessen die hinter ihnen stehenden Staaten und Organisationen, von denen eine Al-Quaida heißt. Der deutsche Staat und seine Sozialwissenschaftler und Soziologen unterstützen aktiv Entwicklungen, die nicht dem friedlichen Zusammenleben im Land nützen, denn es wird zunehmend unfriedlicher, sondern ordnen sich Sachzwängen unter, die hinzunehmen zur internationalen Konfliktvermeidung für nötig erachtet wird.

Zur Konfliktvermeidung mit diversen Minderheiten gehört auch ein etwas eigener Blick auf den deutschen Osten, in dem keineswegs zufällig der „Islamhasser“ Alex W. Marwa El-Sherbini ermordet hat. Die Bielefelder glauben beweisen zu können, dass die Islamophobie zugenommen hat: „Waren 2003 noch 30,4 Prozent der Befragten voll und ganz der Ansicht, dass der Islam eine bewundernswerte Kultur hervorgebracht hat, so sind es 2005 nur noch 17,2 Prozent.“ Nachdem man anscheinend unzufrieden festgestellt hat, dass wenigstens die relative Mehrheit der Deutschen, die überhaupt keine Vorbehalte gegenüber dem Islam hatte, im Schwinden begriffen ist, kommt man zu diesem Schluss: „Insgesamt sind den Ergebnissen zufolge islamophobe Einstellungen, entdifferenzierende Meinungen und distanzierende Verhaltensabsichten in der Bevölkerung weit verbreitet.“ (ebenda S.141 u. 145)

Haltungen in ostzonalen Scheiß-Orten

In der aktuellen Heitmeyer-Studie Folge 7 findet sich merkwürdigerweise folgender Satz: „Die Islamophobie entwickelt sich in beiden Landesteilen sehr unterschiedlich. Während sie im Osten zunimmt, geht sie im Westen zurück.“ (Frankfurt am Main 2009 S.38) Erklärt ist damit nicht, warum ausgerechnet im Osten, wo es noch nicht einmal genügend Leute gibt, die man zu moslemischen Mitbürgern sich zurechtlügen kann, die Islamophobie zunehmen soll. Dr. Wolfgang Donsbach, Leiter des Institutes für Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden, hat dazu einige Selbstverständlichkeiten veröffentlicht: „Im Fall Marwa geht es nicht um einen verrückten Einzeltäter, sondern um eine weitverbreitete Haltung. Ein offener Brief: An der Trauerfeier für die ermordete Marwa E. […] nahmen laut Agenturberichten 1.500 Menschen teil. Das ist eine wohlwollende Schätzung. Wahrscheinlich waren es keine 1.000, unter ihnen viele ausländische Mitbürger und Vertreter von Organisationen. Die Oberbürgermeisterin hielt es nicht für nötig, wegen dieses Anlasses ihren Urlaub zu unterbrechen. Auch der erste Mann im Freistaat ließ sich durch zwei Minister vertreten. […].

Ich habe im Winter-Semester 2008/2009 mit meinem Seminar eine Umfrage unter ausländischen Studierenden der TU Dresden durchgeführt. Jeder Dritte sagte, er habe ‚schon negative Erlebnisse gehabt, bei denen er zum Beispiel wegen seiner Nationalität beschimpft worden ist oder Schlimmeres‘. Bei Studenten aus dem Nahen und Mittleren Osten sind es sogar 50 Prozent. Die Ereignisse, von denen die Studenten berichten, reichen von allgemeinen Beschimpfungen (51 Prozent) bis zur Androhung von Gewalt (13 Prozent) und tatsächlicher Gewaltausübung (6 Prozent).

[…] Dresden – Stadtverwaltung wie Bürger – hat noch nicht begriffen, was das Thema für die Stadt bedeutet, welchen Schaden es anrichtet, welche Ursachen es hat. Wir haben einen deutlich erkennbaren Sockel an bekennend ausländerfeindlichen Bürgern, eine Mehrheit, der das Thema gleichgültig ist – wie die Trauerfeier wieder gezeigt hat – und ein paar Aufrechte, die etwas ändern wollen. Das ist zu wenig.

Im März befragten wir in einer Repräsentativumfrage unter mehr als 500 Dresdnern, welche Nachbarn einem unangenehm wären. Jeder Vierte nennt Türken, 18 Prozent Osteuropäer und 10 Prozent Afrikaner. Ein Drittel der Dresdner hat Sympathien für die Idee, Ausländer wieder nach Hause zu schicken, wenn Arbeitsplätze knapp werden. Ein Viertel fühlt sich angesichts ,der vielen Ausländer‘ (nebenbei: Dresden hat von allen deutschen Großstädten die wenigsten Ausländer) ,wie ein Fremder im eigenen Land‘. Das ist NPD-Gedankengut bei einem maßgeblichen Teil der Bevölkerung. Dabei muss man bedenken, dass solche Antworten im Interview sogar eher noch positiv verzerrt sind. […] Die Einsicht in das Problem, dass es nicht nur um verrückte Einzeltäter, sondern um weitverbreitete Haltungen geht, wäre der erste Schritt zur Lösung.“ (Sächsische Zeitung, 14.7.09)

Es ist wahrscheinlich, dass Wolfgang Donsbach in seiner Repräsentativumfrage unter den Dresdenern vor Jahren noch von jedem Vierten „Asylanten“ oder „Zigeuner“ als besonders ungute Zeitgenossen benannt worden wäre und nicht wie heute „Türken“. Nur ist das gerade kein Beleg für eine Islamophobie, sondern im Gegenteil dafür, dass die Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit gerade in der sich ändernden oder besser: stärker betonten Objektwahl Kontinuität beweist – nicht zufällig nämlich erwähnt keiner der befragten Dresdener überhaupt „Muslime“. In Wirklichkeit nimmt nicht eine sogenannte Islamophobie zu, sondern das, was den Mörder von Marwa El-Sherbini antrieb und was Wolfgang Donsbach beklagt: die Fremden- und Ausländerfeindlichkeit. Donsbach hat wahrscheinlich in mancher stillen Minute Dresden als einen Scheiß-Ort verflucht, doch die vielen Alex Ws. deshalb als „strukturelles soziales Problem“ aus der Schusslinie zu nehmen und ihnen die Spielplätze zu überlassen, würde ihm nicht in den Sinn kommen – er ist ja auch nicht von der Antifa. Arian Wendel dagegen, den die Junge Welt anlässlich eines seitenlangen Interviews mit ihm als „in der linksautonomen Antifabewegung in Berlin aktiv“ vorgestellt hat, sieht keinen Handlungsbedarf gegen Nazis in der Zone: „Mal im Ernst: was wäre denn gewonnen, wenn das ,Naziproblem‘ in den neuen Bundesländern gelöst wird? Stellen sie sich mal Eisenhüttenstadt ohne gewalttätige Nazis vor. Ist doch immer noch ein Scheiß-Ort zum Leben, oder? Wir haben dort ein strukturelles soziales Problem, das viel mit der bürgerlichen kapitalistischen Gesellschaft und den Auswirkungen der ,Wende‘ zu tun hat, aber verhältnismäßig wenig mit Faschismus“ (1.8.09).

Das heimliche Zentralorgan der Zone, die Super Illu, knüpft an solchen Einsichten drohend an und fragt nach, ob nicht ganz Deutschland aus Scheiss-Orten wie Dresden bestünde: „Viele Dresdner […] sind durch Ihren offenen Brief womöglich verletzt. Wäre die Reaktion auf die Tat in anderen Städten denn anders verlaufen, beispielsweise in Hamburg?“ Darauf Donsbach: „Ich glaube, in Hamburg oder Frankfurt hätten sich mehr Menschen gefunden, die sagen, wir grenzen uns von diesem Täter und seinem rechten Gedankengut ab. In Dresden waren bei der Trauerfeier nur wenige Dresdener vor Ort, bei jedem Spiel von Dynamo Dresden sind mehr Leute im Stadion.“ (16.7.09)

Kritik und Hetze

Doch wer vermag zu sagen, wie viele Islamversteher sich unter die Trauergemeinde für eine z.B. Hamburger Marwa E. gemischt hätten, Leute, die die Botschaften der Hippler, Fanizadeh und Heitmeyer ins Publikum gerufen hätten, statt die Ausländerfeinde zu attackieren? Islamkritik hält inzwischen sogar der Israelfreund und Welt-Korrespondent Alan Posener für ein Verbrechen. „Wer die Islamophobie fördert oder deren Existenz leugnet, arbeitet den ,heiligen Kriegern‘ in die Hände und schadet Israel und den Juden in aller Welt“, verkündete er am 16.7.09 auf Seite eins der Jüdischen Allgemeinen unter Verweis auf den Mordfall El-Sherbini.

Es gibt keine Islamophobie, schon gar nicht als Pendant zum Antisemitismus. Allerdings ist keine Kritik davor gefeit, für im höchsten Maße unkritische Zwecke ausgebeutet zu werden. Immer mehr Ausländerfeinde bauen in ihre Brandrufe zumeist empirische Passagen aus Büchern und Artikeln von Islamkritikern ein, sei es in Heinersdorf bei Berlin, in Köln oder im Internet-Forum Politically Incorrect. Kritik vernichtet ihrem Wesen nach ihren Gegenstand, nicht die Kritisierten, die sie schließlich überzeugen will. Wer den Hass auf Ausländer, der wirklich häufig Elemente des klinischen Bildes der Phobie aufweist, mit der Kritik an den „Perspektiven“ von auch ausländischen Minderheiten in einen Topf wirft, argumentiert nicht nur unredlich, er sitzt zugleich jener Anerkennung von Minderheiten (oder Mehrheiten) auf, die, egal ob sie schon zur Hetzmasse geworden sind oder „nur“ ihren eigenen Sitten und Gebräuchen gemäß leben wollen, als Kollektiv die einzige Wahrheit über sich selbst auszusagen befugt seien. Die Wahrheit einer Aussage, so war man sich doch einmal einig, bemisst sich genauso wenig an religiös, kulturell oder ethnisch definierter Zusammengehörigkeit wie an den Mehrheitsverhältnissen. Würde man dem auch von Posener vertretenen Relativismus anhängen, dann müsste man endlich einmal so richtig Israel kritisieren dürfen. Israelische Polizei maßt sich nämlich im Kernland an, gegen Religion, Tradition und Mehrheitsmeinung der palästinensischen Bevölkerung mancher Dörfer und Kleinstädte Mädchen- und Frauenmörder aus verlorener islamischer Ehre dingfest zu machen, und israelische Gerichte urteilen sie nach sehr unislamischen Kriterien ab, die nicht jüdisch, sondern universalistisch sind.

Sören Pünjer, Justus Wertmüller (Bahamas 58 / 2009)