Religionskritik und Ressentiment

Die Austreibung der Transzendenz wider alle Vernunft

 

Der Gedanke, der den Wunsch, seinen Vater, tötet, wird von der Rache der Dummheit ereilt. (Adorno GS 4, 139)

 

Als der Papst jüngst zum Staatsbesuch in Großbritannien weilte, wurde dieses unvermeidlich kitschige Massenspektakel von einem merkwürdigen Geraune der deutschen Zeitungen begleitet. Ein besonders schwieriger Besuch sei dies, meldete man zwar unisono, unterließ es aber, diese besondere Schwierigkeit der Leserschaft darzulegen. Es war, als hätten alle auf einen großen Skandal gewartet, doch am Ende triumphierte das Bild vom durch die jubelnden Massen fahrenden Papamobil und auch die offiziellen Stellen betonten, der Papstbesuch sei insgesamt ein voller Erfolg gewesen. Ein Attentat blieb ebenso aus wie sonstige gefürchtete – und von einigen sicherlich klammheimlich gewünschten – Skandale.

Enemy of the Children

Gewiss, rund 15.000 Papstgegner, weit mehr, als von den Veranstaltern vermutet, waren es dann doch, über die man auch hierzulande berichten konnte; 15.000 Papstgegner, die sich, wie bei Bündnisveranstaltungen üblich, aus den unterschiedlichsten Gründen der zentralen Antipapstdemonstration angeschlossen hatten: Das anwesende Spektrum reichte von notorischen Kleinbürgern, die die hohen Steuerausgaben solch staatsoffizieller Veranstaltungen beklagten, über Kondomaktivisten (1) bis hin zu organisierten Atheisten und selbstverständlich sich radikal gerierenden Linken. Auf der Homepage der Kampagne „Protest the Pope“ wird man mit einem Photo der Demonstration empfangen, auf dem als größtes Transparent eines in die Augen sticht, das ein Skelett in einer brennenden Soutane zeigt; auf der Mitra ein umgedrehtes Kreuz, in seiner Rechten einen Bischofsstab mit großem, goldenen Hakenkreuz, in seiner Linken drei Schnüre, an die Kinder gefesselt sind. Der Papst als Antichrist, Nazi, Kinderschänder (www.protest-the-pope.org.uk): So jemandem wollten die Papstgegner die „Ehre“ eines Staatsbesuches verwehren. Liest man die FAQ der genannten Homepage, wird nämlich deutlich, dass der zentrale Punkt, an welchem sich der Protest der Papstgegner erhebt, der „state visit“ ist. Neben dem Staatsfetischismus der Papstgegner kommt hierin die Hoffnung zum Ausdruck, mit der eigenen Kampagne ebenso erfolgreich zu sein wie die britischen Antizionisten, als sie androhten Tsipi Livni wegen des Gazakrieges bei der Einreise nach Großbritannien verhaften zu lassen und sie so von ihren Besuchsplänen abbrachten. Die als Wortführer der sog. „neuen Atheisten“ bekannten Autoren, Richard Dawkins und Christopher Hitchens, wollten auch Ratzinger von der britischen Polizei in Gewahrsam nehmen und wegen Crimes against humanity vor ein Gericht bringen lassen. Anders als Livni war der Papst jedoch von der Queen geladen, somit auf Staatsbesuch, d.h. unter dem Schutze der Immunität in Großbritannien. Das „Protest the Pope“ Bündnis erklärte den Vatikan zwar in seinen FAQ zum „artificial State“, und der britische Kronanwalt Geoffrey Robertsen, der den Papst für Hitchens und Dawkins vor den Kadi bringen sollte, stellte diesen Umstand in seiner „Anklageschrift“ im Guardian ebenfalls ins Zentrum der Argumentation. (2) Was für eine Tat aber hat der Papst begangen, die ihn auf eine Ebene mit den in Nürnberg verurteilten Nazis und dem chilenischen Diktator Pinochet stellt? Hat er wissentlich den Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche gedeckt? Auf dem Höhepunkt der Missbrauchshysterie im Frühjahr 2010 fand die New York Times endlich ein Dokument der Art, nach dem viele große Zeitungen lange und verzweifelt gesucht hatten: ein Dokument, welches vermeintlich einen Zusammenhang zwischen dem amtierenden Papst und den „Missbrauchsskandalen“ herstellt (09.04.2010). Anfang der 1980er Jahre setzte Ratzinger seine Unterschrift unter ein Schreiben, das die Entlassung eines Geistlichen aus Kalifornien, dem Kindesmissbrauch vorgeworfen wurde, verzögert haben soll. Für eine Entscheidung darüber, ob der Beklagte Stephan Kiesle weiter das Priesteramt ausführen dürfe, erbat er sich mehr Zeit und wies darauf hin, dass „the good of the Universal Church“ berücksichtigt werden müsse. Dieses Schreiben ist für Robertsen, Dawkins und Co. der Beweis dafür, dass Ratzinger sich am „systematischen sexuellen Missbrauch von Kindern“ mitschuldig gemacht habe, was eine Verurteilung wegen Crimes against humanity ermögliche. Das offenkundige Bedürfnis der Genannten, einen Vorwurf gegen den Papst und die katholische Kirche herbei zu konstruieren, treibt die Antipapisten bis ins absurd-komische, was umso deutlicher wird, bedenkt man, dass Dawkins in seinem Bestseller Der Gotteswahn nicht umhin kommt, angesichts der Hysterie zu fragen, ob die katholische Kirche, „insbesondere in Irland und den Vereinigten Staaten, im Zusammenhang mit diesem Thema [dem Missbrauch von Kindern, Anm. L.E.] auf ungerechte Weise dämonisiert wurde“ (Dawkins 2008: 439). Diese scheinbare „Verteidigung“ der Kirche ist freilich nur eine taktische: Der durch sexuellen Missbrauch „verursachte langfristige psychische Schaden sei nachweislich geringer, als der, den eine katholische Erziehung anrichte“, meint Dawkins unmittelbar danach (ebd.: 440). Diente die Distanzierung davon, das falsche Verhalten einzelner katholischer Kleriker in den Mittelpunkt der Kritik zu stellen, hier noch dazu, die katholische Erziehung insgesamt als weitaus schlimmer zu brandmarken, nutzte Dawkins auf der Antipapstdemonstration die von den „Missbrauchsskandalen“ geschürte Hysterie, um das Bündnis einzuschwören: „He [der Papst] is an enemy of children, whose bodies he has allowed to be raped and whose minds he has encouraged to be infected with guilt“ (Dawkins 2010).

Der „Pope Nazi“

Während einige der demonstrierenden Atheisten in Großbritannien sich direkt als Papst mit Hitlerschnurrbart verkleideten und Richard Dawkins gelegentlich unumwunden vom „Pope Nazi“ spricht, setzt Alan Posener in bekannter deutscher Manier auf die Schilderungen von Zeitzeugen: Die Aussage, die irischen Heime, in denen es ebenfalls zu Fällen von Kindesvergewaltigungen gekommen war, seien „katholische Konzentrationslager“ gewesen, tätigte er nicht selbst, sondern zitierte sie unkommentiert von einem der Betroffenen (Posener 2009: 144; zu Posener vgl. auch Krug 2010). Posener, der ansonsten nicht müde wird, Fakten, Fakten, Faktenthuberei zu betreiben, ist klug genug, so etwas nicht selbst zu schreiben, würde ihn doch allein ein Vergleich der Überlebendenzahlen lächerlich machen. Weiterhin druckte die Zeitschrift Konkret im März 2009 Ratzinger mit Führergruß auf ihr Titelblatt, ganz so, als existierte der Nationalsozialismus gerade dort fort, wo er gemeinsam mit Dänemark unter deutscher Besatzung am wenigsten Anhänger fand: im Vatikan. Als Hitler im Mai 1938 Rom besuchte, verließ Pius XI. demonstrativ die Stadt und setzte gegen Mussolini durch, dass der Vatikan der einzige hakenkreuzfreie Stadtteil Roms blieb. (3) Und der Konflikt zwischen dem Vatikan und den Nazis drehte sich nicht einfach um die Frage, ob das Kreuz mit oder ohne Haken darzustellen sei, war also keineswegs nur ein Streit um Symbole. Als zu Beginn der 1930er Jahre der Nationalsozialismus in Deutschland zunehmend zu einer bedeutenden Bewegung wurde, sagte der damals amtierende Papst, Pius XI., in seiner Weihnachtsbotschaft des Jahres 1930: „Wenn es im Christentum die Vorstellung von einem Geheimnis des Blutes gibt, dann ist es nicht das einer Rasse im Gegensatz zu anderen Rassen, sondern das von der Einheit aller Menschen im Erbe der Sünde, die von unserem Vater herstammt“(Lapide 1967: 52; Herv. L.E.). Und 1932 betonte wiederum Pius XI. in der Enzyklika „Caritate Christi Compulsi“: Wenn sich der Nationalismus „in die Beziehungen zwischen dem einen und dem anderen Volke einnistet, dann gibt es keine Ausschreitung mehr, die nicht gerechtfertigt erscheint“. Um erstaunlich deutlich hinzuzufügen: „Es ist somit unerläßlich, daß wir, ohne zu ermüden, eine Schutzmauer für das Haus Israel (Ezechiel 13,5) aufrichten, daß wir alle unsere Kräfte zu einer einzigen festgefügten Front gegen die ruchlosen Scharen vereinen, die nicht minder die Feinde Gottes als der Menschheit sind“ (ebd.: 54).

Dass mit der Machtübernahme der Nazis in Deutschland, sowie dem kurz darauf folgenden Konkordat zwischen Reichsaußenminister Papen und dem Heiligen Stuhl insbesondere den deutschen Katholiken vorzuwerfen ist, keineswegs alle ihre Kräfte zu einer festgefügten Front gegen den Antisemitismus aufgewendet zu haben, ist bekannt. Den berühmten Text Trotzkis über den Nationalsozialismus ausgenommen, wird man allerdings lange nach ähnlich deutlichen Aufrufen zum Schutz der Juden – etwa von Seiten sozialdemokratischer und kommunistischer Parteien – suchen dürfen. Dasselbe gilt für die Vertreter aller westlichen Staaten dieser Zeit. Tatsächlich war der Papst, der in seiner Funktion ja auch Staatsoberhaupt des Vatikans ist, der einzige statesman, der bereits vor 1933 deutlich vor dem Antisemitismus der Nazis warnte.

So wenig Anstoß der Vatikan am Antikommunismus der Nazis genommen hat, so sehr musste er um seines eigenen Überlebens willen, das heißt um christlich bleiben zu können, den Rassismus verurteilen. So schreibt der Papst im Juli 1938 im Osservatore Romano als Antwort auf ein antisemitisches Manifest faschistischer Wissenschaftler: „Die menschliche Würde besteht in dem Umstand, daß wir eine einzige große Familie sind, die menschliche Gattung, die menschliche Rasse – das ist die Antwort der Kirche; das ist in unsern Augen der wahre Rassismus“ (Lapide 1967: 71). An allen diesen Zitaten – und es ließen sich weitere anführen – wird die Opposition des Vatikans zum Nationalsozialismus in einem entscheidenden Punkte deutlich: Es ist die christliche Idee der Menschheit mit der des Rassenantisemitismus nicht kompatibel. (4) Der jüdische Theologe, Historiker und ehemalige Mitarbeiter des israelischen Außenministeriums Pinchas Lapide hat versucht nachzuweisen, dass in Osteuropa und Italien unter deutscher Besatzung rund 800.000 Juden ihr Überleben unmittelbar den Interventionen von Pius XII. verdanken. Und dass es sich bei diesen keineswegs „nur“ um zum Katholizismus konvertierte Juden handelte, geht beispielsweise aus den beeindruckenden Berichten überlebender Juden hervor, die in einem Kloster in Rom versteckt worden waren, in dessen Keller sie während der deutschen Besatzung eine Synagoge einrichteten und jüdische Gottesdienste abhielten (vgl. Lapide 1967: 96 f.). Die Zahlen die Lapide angibt, werden zwar von einigen Historikern angezweifelt, nicht bestreitbar ist jedoch, dass es sich um eine – verglichen etwa mit den meisten sog. Hilfsorganisationen, z.B. dem „Roten Kreuz“ aber auch vielen Staaten – relativ hohe Zahl von Juden handelt, die im Schutz der katholischen Kirche überleben konnten. Man kann der katholischen Kirche vieles vorwerfen, nicht zuletzt, dass der über Jahrhunderte gepflegte christliche Antijudaismus seinen Beitrag zur Entstehung des modernen Antisemitismus geleistet hat; und dennoch lag in der christlichen Idee der Menschheit eine gewisse Resistenzkraft, die den Katholizismus zur Gegnerschaft zur Rassenlehre verpflichtet. (5)

Der „Judengott und sein Stellvertreter in Rom“

Die Nazis wussten, dass ein dauerhafter Sieg des Nationalsozialismus nur möglich war, gelänge es, das Christentum in ein „germanisches Christentum“ zu transformieren. Rosenbergs Mythos des 20. Jahrhundert ist ein ebenso antisemitisches wie antikatholisches Traktat – mit dem wesentlichen Unterschied natürlich, dass man den „jüdischen Geist“ durch physischen Mord vernichten wollte, während dies den Katholiken nicht qua Katholikentum drohte. Der Umwandlung der katholischen Kirche in eine deutsche Volkskirche widmet Rosenberg im dritten Teil seines Buches über das „kommende Reich“ ein ganzes Kapitel. Die wahnhafte und willkürliche Art und Weise, mit der sich Rosenberg gegen die Dogmen verhält, widerlegt jeden, der behauptet, den Nazis ging es auch nur im entferntesten um einen Wahrheitsanspruch: Das Alte Testament sollte aus dem Kanon ebenso entfernt werden und durch nordische und germanische Heldensagen ersetzt werden, wie die Kreuzigungsgeschichte, an deren Stelle ein germanischer Heros mit Speer gesetzt werden sollte. (6) Der Wahrheitsanspruch der katholischen Kirche sollte jeder Transzendenz entkleidet und dem Volkstum unterstellt werden: „[E]ine deutsche religiöse Bewegung, die sich ZU [sic] einer Volkskirche entwickeln möchte, wird erklären müssen, daß das Ideal der Nächstenliebe der Idee der Nationalehre unbedingt zu unterstellen ist; daß keine Tat von einer deutschen Kirche gutgeheißen werden darf, welche nicht in erster Linie der Sicherung des Volkstums dient. Damit ist der unlösliche Widerstreit zu einer Anschauung nochmals bloßgelegt, die offen erklärt, die kirchlichen Bindungen ständen höher als die Bindungen der Nation“ (Rosenberg 1934: 340).

Damit ist im Übrigen benannt, warum das vielzitierte „Wir sind Papst“ kein Ausweis einer Renaissance des Katholizismus ist: Für den Papst, der weit davon entfernt ist, ein Staats- oder Nationenkritiker zu sein, ist es als Papst eine Selbstverständlichkeit, die una ecclesia vor irgendwelches Volkstumsgebrabbel zu stellen. „Wir sind Papst“ verrät daher so manches über den Geisteszustand derer, die diesen Satz stolz aussprechen, und das nicht trotzdem, sondern weil er z.B. gegen „Wir sind Dalai Lama“ oder „Fußballweltmeister“ austauschbar ist. Nichts verrät dieser Satz hingegen über die katholische Kirche selbst oder den Papst, der qua Beruf ein Weltbürger ist, obendrein die in Deutschland am meisten gehasste Sprache, Latein, spricht und auch noch als „Intellektueller“ gilt.

Das Verhältnis von katholischer Kirche und Nazis allein anhand ideologischer Differenzen zu charakterisieren, griffe allerdings zu kurz. Das Verhältnis des Vatikans zur weltlichen Herrschaft war nie nur ein religiöses, sondern stets auch ein taktisches. Pius XI. etwa rechtfertigte vor einer Versammlung von Bischöfen das Konkordat von 1933 folgendermaßen: „Wenn es darum geht, einige Seelen zu retten und noch größeren Schaden abzuwenden, haben wir den Mut, sogar mit dem Teufel zu verhandeln“ (zit. n. Lapide 1967: 56). Kaum gelogen ist die Analogie mit dem Teufel; falsch jedoch die Behauptung, diese „Verhandlung“ wäre ein Ausdruck besonderen „Mutes“ gewesen. Es waren gewiss taktische, vielleicht auch antikommunistische Überlegungen, vor allem aber die Sorge um den Erhalt der katholischen Kirche in Deutschland, bzw. Furcht vor Verfolgungen von Katholiken, die die „Verhandlungen mit dem Teufel“ vorbereiteten. Und diese war keineswegs unbegründet: Während der Konkordatsverhandlungen wurden innerhalb von drei Wochen über 90 Priester verhaftet, 16 katholische Jugendvereine und mehrere Klöster durchsucht und neun katholische Zeitschriften geschlossen. Das Konkordat beinhaltete von Seiten der Kirche im Wesentlichen die Zusicherung, die neue Regierung in Deutschland nicht zu verurteilen, im Gegenzug wurde ihr von den Nationalsozialisten die freie Ausübung der Religion und die Nichtverfolgung von Klerikern zugesichert. In einem Brief berichtet ein damaliger britischer Gesandter in Rom von einem Gespräch über das kurz zuvor abgeschlossene Reichskonkordat mit Pacelli: „Kardinal Pacelli bedauerte […] das Handeln der deutschen Regierung auf innenpolitischem Gebiet, ihre Verfolgung der Juden [...]. Diese Reflexion über das Unrecht in Deutschland führte den Kardinal dazu, apologetisch zu erklären, weshalb er ein Konkordat mit solchen Leuten unterzeichnet habe [...]. Wenn die deutsche Regierung das Konkordat verletze – und das werde sie bestimmt tun –, habe der Vatikan wenigstens einen Vertrag, auf den er seinen Protest stützen könne“ (zit. n. ebd.: 58). Ein Vertrag freilich, von dem die Nazis, weil sie von Souveränität mehr wussten, als sonst irgendwer, sich sicher sein konnten, dass es keine Instanz gab, vor der die Kirche die Einhaltung des Konkordats hätte einklagen können – weshalb sie sich denn auch zu keiner Zeit an die Vereinbarung hielten.

Wer die katholische Kirche kritisieren möchte, wäre gezwungen, zwei Bereiche zu scheiden, die in der Kritik üblicherweise ungetrennt verhandelt werden: Vorzuwerfen wäre ihr, aus taktischen Gründen die Schutzmauer, die sie angekündigt hat, nicht in jeder ihr möglichen Weise aufgerichtet zu haben. Ein Vorwurf, zu dem vor allem die meisten Linken schweigen sollten: Wer etwa meint, sich der deutschen Arbeitsfront zum Trotz dem Proletariat an den Hals werfen zu müssen, denkt und handelt nicht minder taktisch und geschichtsvergessen als die katholische Kirche, wenn sie schismatische Bestrebungen zu unterlaufen sucht, indem sie einige jener unsäglichen Piusbrüder wieder aufnimmt. Und wer glaubt, in der Partei, die jüngst zur Freude Erdogans und der Hamas einen offenen Angriff auf die Souveränität Israels unternahm, der Linkspartei also, ließe sich ein Arbeitskreis BAK Shalom initiieren, der zwar nicht Israel, dafür der eigenen Karriere möglicherweise umso mehr dienlich sein wird, der sollte auch zur Dialogbereitschaft des Vatikans mit den Mullahs schweigen.

In der Schizophrenie des Katholizismus, die darin liegt, immer wieder die eigenen, schon längst anachronistisch gewordenen Dogmen auf Teufel komm’ raus hochzuhalten und sich gleichzeitig noch den – auch von katholischer Seite aus gesehen – gefährlichsten Gegnern opportunistisch mal anzudienen, mal indifferent gegenüber zu verhalten, in dieser Schizophrenie liegt gleichzeitig der Grund, warum der Katholizismus die Jahrhunderte überdauert hat.

Zwischen 1933 und 1939 sandte der Heilige Stuhl mindestens 55 gut dokumentierte Protestnoten nach Berlin. Die erste, in der gegen die antisemitischen Boykotte protestiert wurde, bereits am 1. April 1933. Im März 1937 wurde die erste jemals in deutscher Sprache verfasste Enzyklika Mit brennender Sorge mit der nachdrücklichen Aufforderung, sie in allen katholischen Kirchen zu verlesen, in einer Nacht und Nebel-Aktion nach Deutschland gebracht. Jeder Katholik, der sie verstehen wollte, musste sie als eindeutige Replik auf den grassierenden Antisemitismus begreifen: „Wer die Rasse, oder das Volk, oder den Staat oder die Staatsform zur höchsten Norm aller Werte macht und sie mit Götzenkult vergöttert, der verkehrt und fälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge“. Die Nazis erfassten die Botschaft der Enzyklika jedenfalls genau und antworteten am nächsten Tag im Völkischen Beobachter mit einem Gegenangriff auf den „Judengott und seinen Stellvertreter in Rom“ (zit. n. Lapide 1967: 66 f.).

Idee der Menschheit

So weiß wie die päpstliche Soutane ist die Weste der Katholiken zwar wohl nicht gewesen. Wer sich jedoch gegen eine Gleichsetzung des stalinistischen Gulags mit der Vernichtung der Juden wendet, sollte sich ebenso dagegen wenden, den Papst zum Hitler oder die Kirche zur deutschen Volksgemeinschaft zu verklären. Was linke Kirchen- und atheistische Religionsgegner eint, ist ihr taktisches Verhältnis zur Wahrheit, steht ihr Urteil doch von vornherein fest. Dieses Verhältnis zeitigt merkwürdige Stilblüten, etwa dann, wenn die „neuen Atheisten“ den Papst wegen Crimes against humantiy verhaften lassen wollen, ohne sich der metaphysischen Grundlagen einer solchen Anklage auch nur entfernt bewusst zu sein. Die Anklage der Crimes against humanity meint nicht, wie schon Hannah Arendt angesichts der üblichen Übersetzung der Anklage in Nürnberg festgestellt hatte, den Mangel an „Menschlichkeit“, sondern ein Verbrechen gegen die Menschheit (vgl. Arendt 2006: 399). Dass der Begriff der Menschheit keinen empirisch gegenwärtigen Gegenstand bezeichnet, ist evident. Fasst man ihn jedoch als Abstraktion, also als Summe aller existierenden Menschen, so lässt sich daraus keine Evidenz gegen den Ausschluss von Menschen aus ihr begründen, wenn dieser Ausschluss praktisch, das heißt durch Ermordung, geschieht. Die Frage, welchen Status der Begriff der Menschheit hat, ist also nicht nur eine theoretische Frage, sondern dem Kritiker alleine schon deswegen aufgenötigt, weil er zur Disposition gestellt wird. Die Menschheit kann sinnvollerweise nicht anders, denn als Idee gedacht werden – doch durch die aristotelische Kritik ist der ewige Ideenhimmel Platons ein für allemal widerlegt. Es gibt keine, an sich seiende, ontologische Idee der Menschheit.

Die katholische Kirche verfügt über den – philosophisch betrachtet – ungeheuren Vorteil, den Begriff der Menschheit an die Erbsünde und an Gott zu binden. Sie verfügt über ein nicht weiter begründungsbedürftiges Allgemeines, nämlich Gott, der dem Begriff der Menschheit unbezweifelbare Geltung verleiht. Darin liegt eine Resistenzkraft, die – wie sehr im Einzelfall auch durch das Taktieren der Kirche eingeschränkt– praktisch jedenfalls durchaus zur Rettung von Juden geführt hat.

Es war Immanuel Kant, der versucht hat, die Idee der Menschheit nicht als platonische oder in Gott gegründete, sondern im besten Sinne als künstliche und trotzdem allgemeingültige Vernunftidee zu begründen. (7) Darin ist Kant nicht nur der „Alleszermalmer“, von dem Mendelssohn spricht, sondern er bewahrt zugleich ein genuin theologisches Moment. Adorno, der erst in den 1960er Jahren explizit auf Kant zurückgreift und ihn gegen Hegel wendet, wird nicht müde, dieses Moment der Rettung in der kantischen Vernunftkritik zu betonen – und dürfte in dieser auch ein stückweit die Absicht seiner Negativen Dialektik wiedererkannt haben. Kant jedenfalls wusste, dass die Vernunft nur zu retten ist, wenn sie ein kritisch geläutertes Programm zur Rettung der Metaphysik unternimmt – und das heißt eben auch, in säkularisierter Form etwas vom theologischen Erbe der Metaphysik bewahrt: dass die Wirklichkeit nicht in empirischer Immanenz aufgelöst werden darf, wenn Vernunft und Freiheit noch denkbar sein sollen. Es ist ein merkwürdiger Umstand, dass Kant, der die Vernunft als überzeitliche denken wollte, nicht reflektierte, wie sehr sein Rettungsversuch der Vernunft selbst historisch bedingt war. Seine Behauptung, das Vernunftvermögen sei überzeitlich und unveränderbar, enthält schon die vom Zweifel genährte Beschwörung, dies möge so sein. Weil die Idee der Menschheit nach Kant eben gerade keine an sich seiende, sondern eine künstliche ist, ist sie nicht als ein übergeordnetes Allgemeines zu denken, demgegenüber die Individuen nur subsumierbares Besonderes darstellen und auf die es darum nicht ankommt, sondern als eine Idee, die ich in jedem Anderen erkennen kann. (8) Der kategorische Imperativ von Marx zielt darauf, diese Vernunftidee wirklich werden zu lassen, seine Religionskritik auf die weltliche Einlösung der für das Jenseits vorgesehenen Versöhnung. Was also den Kritiker der Vernunft und den Kritiker unvernünftiger Verhältnisse von den Anhängern der christlichen Idee der Menschheit unterscheidet, ist gerade nicht die Ablehnung von Transzendenz überhaupt, sondern, dass statt Gott die Vernunft zum Geltungsgrund der Idee der Menschheit werden soll. Wenn aber die Vernunft selbst als historisches Resultat, nicht als an sich seiendes Vermögen, begriffen wird, wird es unmöglich, noch wie Kant den Begriff der Vernunft als ein von der Geschichte unabhängiges Allgemeines zu denken. Der transzendente Vernunftgebrauch, (9) die Fähigkeit Ideen als allgemeingültige zu denken, ist abhängig davon, ob die empirischen Individuen in der Lage sind, diese zu denken. Wenn es niemanden gibt, der die Idee der Menschheit zu denken vermag, dann gibt es auch keine transzendente Vernunftidee der Menschheit. Die Gefahr, vor der Kant die Vernunft durch ihre Selbstkritik bewahren wollte, kann von einer dialektischen Kritik der Vernunft nicht mehr als äußerlich behandelt werden, wie es Kant noch möglich schien.

Vernunft und Glauben

Dieser Umstand hat wiederum Rückwirkungen auf den Begriff der Vernunft selbst, und das insbesondere dann, wenn er abstrakt dem Glauben entgegengestellt wird. Wo der Begriff der Vernunft selbst unbestimmt bleibt, heißt es wenig, sich umstandslos auf die Seite der Vernunft zu schlagen. Wo der transzendente Vernunftgebrauch, der ohne Metaphysik nicht zu haben ist, selbst als irrational verfemt wird, wird der kritische Gedanke unmöglich und die unvernünftigen Verhältnisse versteinern sich zur blanken, unhinterfragbaren Faktizität. Was sich nicht als empirischer Gegenstand behandeln, sondern nur denken lässt, verfällt dem Verdikt des Irrationalen. Auf eine solche, wortwörtliche Verdinglichung des Denkens zielt die Religionskritik der „neuen Atheisten“ – und darin beerben sie alle ihren Lehrer, Bertrand Russell. Was Dawkins und Hitchens gegen die Religion vorbringen, findet sich der Sache nach bereits in einem kleinen Sammelband Warum ich kein Christ bin von Russell, der Essays und Vorträge aus den 1920er und 1930er Jahren versammelt. So darf Russell denn auch ohne weiteres als früher Vertreter des heute grassierenden Unfugs in den Neurowissenschaften gelten: „Unsere sogenannten ,Gedanken‘ scheinen von der Anordnung von Bahnen im Gehirn abzuhängen, so wie Reisen an Straßen und Züge gebunden sind“ (Russell 1968: 58). Dawkins hat für solcherlei Verdinglichung von Gedanken ein eigenes Wort erfunden: „Meme“. Sie sollen in Analogie zu den Genen den „Stoff“ (sic!) abgeben, aus dem Gedanken, Informationen oder, in Dawkins Worten, „Einheiten der kulturellen Vererbung“ sind (Dawkins 2008: 267 f.). Für die Memetiker gibt es eine „Welt voller Gehirne (oder anderer Behältnisse oder Schaltkreise, beispielsweise Computer oder Funkfrequenzbänder), in denen Meme darum kämpfen, diese ,Lebensräume‘ zu besiedeln“ (ebd.: 275). Einen Theologen, der so naiv von dem Gegenstand seiner Wissenschaft schreibt, würde man zu Recht auslachen; auf Dawkins jedoch bezieht man sich als Verteidiger der Vernunft – schon allein, weil er von Ausbildung Naturwissenschaftler ist. Dabei ist die Existenz solch quasi-dinghafter Entitäten, wie es die Meme sein sollen, ebensowenig beweis- oder widerlegbar, wie die Existenz Gottes. Während die Theologie auf der Selbstverantwortung von Menschen beharrt, handeln bei Dawkins nur noch die Meme. „Nach dieser Vorstellung wurden beispielsweise der Katholizismus und der Islam nicht unbedingt von einzelnen Menschen gestaltet, sondern sie entwickelten sich getrennt voneinander als unterschiedliche Ansammlungen von Memen, die in Gegenwart anderer Mitglieder des gleichen Memplexes gut gedeihen“ (ebd.: 281) (10). Und diese Meme stehen in „Konkurrenzbeziehungen zu anderen Memen“ (ebd.: 269) (11).

Unterschlagen wird hierbei die Unübersetzbarkeit der Bedeutung eines Gedankens in eine empirisch-materielle Erscheinungsform, sei es in irgendwelche Blitze im Gehirn, sei es in Meme. Diese Unterschlagung ist dem Bedürfnis geschuldet, das, offenbar beunruhigende, Intelligible zu verdinglichen. Der Nachweis, dass Ideen etwas Gegenständliches seien, wird ihnen sicher nicht gelingen: So genau sie auch suchen, ein Mem kann gar nicht empirisch nachweisbar sein. Der Trick besteht daher darin, so zu tun als ob – und schon glauben alle, im Unterschied zum Gott der Theologen sprächen die Memetiker von einem real existierenden Gegenstand. (12) Und das ist nicht nur vor-, sondern geradezu antikritisch. Dawkins ersetzt nicht nur Gott durch die Evolution, sondern schafft im gleichen Atemzug das Reflexionsvermögen der Menschen durch ein Kunstwort ab, das ausdrücken soll, dass die einzig wahren Subjekte dinghaft sind. Marx’ Erkenntnis: „Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt“ (MEW 23: 86), ist bei Dawkins & Co. getilgt. So ist es nur konsequent, dass man von diesen Atheisten niemals ein Wort zur Kritik des Kapitalismus zu hören bekommt. Michel Onfray, die französische Variante des „neuen Atheismus“, hat gut erkannt, dass der transzendente Vernunftgebrauch die Voraussetzung zur Kritik der Wirklichkeit ist, d.h. in seinen Worten dazu da ist, „jede konkrete, reale und immanente Heimstatt verunglimpfen zu können“ (Onfray 2006: 140). Nicht etwa aus der schlechten Einrichtung der Welt, sondern aus der Idee, dass es zu dieser etwas anderes, jenseitiges geben könnte, „erwächst die Unzufriedenheit der Menschen. [...] Wer dagegen weiß, daß die Realität ausschließlich aus Materie besteht und nur auf ihre irdischen, sichtbaren Phänomene zurückzuführen ist, entgeht der geistigen Orientierungslosigkeit und fühlt sich nicht abgeschnitten von dieser einzigen, wirklich existierenden Welt. [...] Die Hoffnung auf ein Jenseits und die Sehnsucht nach dem Himmelreich führen im Hier und jetzt unweigerlich zur Verzweiflung“ (ebd.: 140 f.). An der Einrichtung des „Hier und Jetzt“ beklagt er lediglich, dass sie noch nicht „laizistisch“ genug sei – aus welchen Atomen Laizismus auch immer bestehen mag. In seiner positiven Bestimmung des Stoffs, aus dem Gedanken sein sollen, ist – so obskur seine Memtheorie auch immer ist – Dawkins der konsequenteste der „neuen Atheisten“. Konsequent leitet er denn auch den Tausch aus der Evolution her: „Der Jäger braucht einen Speer und der Schmied hätte gern Fleisch. Die Asymmetrie wird zum Ausgangspunkt für ein Geschäft. Die Biene braucht Nektar, und die Blüte muss bestäubt werden. Blüten können nicht fliegen, also bezahlen sie die Bienen in Nektarwährung, damit diese ihre Flügel zur Verfügung stellen. [...] Vampirfledermäuse lernen, bei welchen Individuen in ihrer sozialen Gruppe sie sich darauf verlassen können, dass Schulden (in Form von hochgewürgtem Blut) zurückgezahlt werden und welche Individuen Betrüger sind. Die natürliche Selektion begünstigt Gene, die das Individuum in Beziehungen mit ungleich verteilten Bedürfnissen und Gelegenheiten dazu veranlassen, etwas zu geben, wenn es dazu in der Lage ist, und sonst um etwas zu bitten. Außerdem begünstigt sie auch die Neigung, sich an Verpflichtungen zu erinnern, Groll zu hegen, Tauschbeziehungen zu überwachen und Betrüger zu bestrafen, die zwar nehmen, aber nicht geben, wenn sie an der Reihe sind“ (Dawkins 2008: 300 f.). Ein Glück für die Vampirfledermäuse, dass sie Dawkins nicht lesen können und nicht ahnen, dass er sie auf Identität, Tausch und Bestrafung verpflichten möchte.

Wer, wie Dawkins der Sinnlosigkeit der Immanenz der schlechten Welt, in der wir leben, höhere Weihen verleiht, wird konsequenzlogisch zum Anwalt des Todes. „Tot zu sein ist nichts anderes, als wäre man gar nicht geboren – ich werde mich dann im gleichen Zustand befinden wie zur Zeit Williams des Eroberers, der Dinosaurier oder der Trilobiten. Und das ist nichts, wovor man Angst haben müsste“ (ebd.: 494). Solche Affirmation des Todes steht an Geistlosigkeit noch unter dem Niveau primitivsten Totenkults: „Daß der Körper stirbt, ist nicht schwer vorzustellen; man sieht ihn ja zerfallen. Der Tod des Geistes ist jedoch dem Geist unbegreiflich. So wenig er seine eigene Entstehung herleiten kann [...] so wenig kann er sein eigenes Nichtsein begrifflich fassen. Geist kann sich nur als seiend denken – aller Vergänglichkeit des Körpers zum Trotz. Davon zeugt jeder Totenkult. Wie primitiv und fragwürdig er auch sei: stets ehrt oder beschwört er eine geistartige Substanz als das Unvergängliche im Vergänglichen. [....] Es ist Geist, der den menschlichen Lebensprozess über den bloßen Stoffwechsel hinaushebt und sich dagegen sträubt, daß Vegetieren und Verenden schon alles gewesen sein soll“ (Türcke 1992: 82). Dass man mit einem ewigen Jenseits nicht mehr rechnen kann, verleitet Dawkins dazu, noch die letzten Reste dieser Sehnsucht unter der Affirmation des Vegetierens und Verendens zu ersticken. Zur Sterbehilfe sagt er, „(w)enn ich sterbe, soll mir das Leben unter Vollnarkose herausgenommen werden, als wäre es ein erkrankter Blinddarm“ (Dawkins 2008: 495). Laut einer Studie, die er zitiert, befürworten denn auch konsequenterweise 99 Prozent der amerikanischen „Atheisten“ den ärztlich unterstützten Selbstmord und 75 Prozent wünschen ihn sich für sich selbst (ebd.). Wenn man jede Transzendenz des Denkens streicht, dann wird die Idee der Menschheit undenkbar und die einzelnen Menschen zu bloßem Material. Leben, das nicht mehr verwertbar ist, kann ruhig herausoperiert werden – in dieser Logik offenbart sich die Evolution, als deren Priester Dawkins auftritt, als die Evolution des Kapitals. (13) Nur so ist der Furor gegen das Überflüssige erklärbar, mit dem keineswegs nur Dawkins den Anachronismus der Religionen geißelt. Juden- und Christentum aber sind nicht einfach nur zurückgeblieben, sondern auch unerledigt: in ihrem Anspruch auf Versöhnung. Dieser Anspruch ist ohne Idee von Transzendenz auch in säkularisierter Form nicht aufrechtzuerhalten. Wo diese Sehnsucht im Namen von Vernunft dem Denken ausgetrieben werden soll, werden die Bedingungen der Möglichkeit von Kritik gleich mit ausgetrieben – wovon sämtliche Äußerungen von Dawkins zur Gesellschaft ein beredtes Zeugnis abgeben. Darum ist die Maxime der neuen Atheisten „mit allem reinen Tisch zu machen, was nicht vor Vernunft und Wissenschaft Stand zu halten vermag“ eben nicht, wie Lars Quadfasel meint, „grundsympathisch“ (Quadfasel 2009: 5). Die neuen Atheisten setzen eben nicht nur, wie er es in einem doch bezeichnend brutalen Bild beschrieben hat, „der Gottheit Ockhams Messer an die Kehle“ (ebd.), sondern sie setzen dasselbe Messer gleichzeitig an den transzendenten Vernunftgebrauch und das Reflexionsvermögen. Es sei ein „Verdienst von Hitchens und Dawkins, in Zeiten der prozessierenden Gegenaufklärung atheistische Bestseller zu landen“ und als solcher „kaum zu überschätzen“ (ebd.). Auf den Gedanken, dass die Affirmation der Immanenz bei Dawkins und Co. vielleicht eher Teil der derzeitigen Gegenaufklärung sein könnte, die weniger von den klassischen Religionen, als vom Fetischismus funktionalistischen Denkens ausgeht, kommt er nicht, weil in linker Tradition über Religion nur schreiben darf, wer sich vorher zur Gegenseite bekennt. (14) Dazu gehört, die religiösen Pappkameraden größer zu machen, als sie tatsächlich sind. Als Nachweis dafür, dass die Gegenaufklärung von den institutionalisierten Kirchen ausgeht, muss der „Skandal“ herhalten, „dass der Staat von alters her den Kirchen nicht nur den Religionsunterricht und den Löwenanteil der sozialen Dienstleistungen überlässt, sondern zu allem Überfluss auch noch die Vereinsbeiträge eintreibt“ (Quadfasel 2008/09: 4 f.), als handele es sich hierbei um eine Verkirchlichung des Staates und nicht um die Integration der Kirchen in den Staat.

Neu an dem, was Onfray und Dawkins betreiben, ist lediglich die gesellschaftliche Situation, in der sie glauben, dass „man jetzt Atheist sein muß“, wie es die deutsche Übersetzung von Onfrays Buch im Untertitel fordert (vgl. Onfray 2006). Zumindest in Europa war die institutionalisierte Religion seit 2000 Jahren nie wirkungsärmer und schimärenhafter als heute – und nicht einmal die aktuelle Krise des Kapitals hat die Kirchenaustritte reduziert. Längst befriedigt der gigantische Markt für Seelenhygiene die spirituellen Bedürfnisse weit billiger – und zwar sowohl ökonomisch, als auch intellektuell –, als es die institutionellen Kirchen leisten können, die zumindest grundsätzlich noch den Anspruch haben, dass es auch in Glaubensfragen wahr und falsch gibt. (15) Das Bedürfnis nach Gemeinschaft lässt sich zudem im vollen „easy-credit-Stadion“, wo, wie der Titel schon sagt, der Glaube leicht zu haben ist, besser befriedigen, als in den oftmals leeren und schlecht geheizten Kirchen. Während Onfray eine verdünnte Mischung aus Lenin und Nietzsche gegen die Religion ins Feld führt, stehen Dawkins und Hitchens in der Tradition Bertrand Russells, der es jedoch im Unterschied zu Dawkins unterlässt, eine positive Theorie zu basteln. (16) Ihre Grundbehauptung besteht stets darin, das Intelligible auf dingliche Gegenstände zu reduzieren: „Gedanken und körperliche [...] Bewegungen folgen den gleichen Gesetzen, die auch Bewegungen der Sterne und Atome beschreiben“ (Russell 1968: 57). Sie alle glauben, so der Metaphysik ein Schnippchen geschlagen, sie überflüssig gemacht zu haben. Und dieser Begriff von Rationalität ist nicht das Nebenprodukt ihrer Religionskritik, sondern ihr Zentrum. Ein solcher Begriff von Rationalität ist weitgehend durchgesetzt; sein zentrales Dogma lautet: Es gibt keine Alternative, weder im Dies- noch im Jenseits. Durch die Zerstörung der Idee der Menschheit und allem, was sie sein könnte, sollen die Menschen endgültig zu „winzigen Parasiten dieses unbedeutenden Planeten“ (ebd.: 63) werden.

Jubel gegen die Seufzer

Was nicht in der Immanenz der Funktionalität aufgeht, ist überflüssiger metaphysischer Rest, der mit großem Tätärätä auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen werden soll, damit der alltägliche Wahnsinn vom Jubelgeschrei des Hedonismus, wie es Onfray einfordert, oder vom Fortschrittsgetöse der Naturwissenschaft, wie bei Dawkins, übertönt wird. Nicht die Parteinahme für die bedrängte Kreatur ist es, die die heutigen Religionskritiker antreibt, sondern sie wollen ihr den Seufzer, als den Marx einmal die Religion bestimmte, austreiben.

Es ist die Notbremse, von der Benjamin spricht, die zu ziehen nicht zuletzt darin bestünde, die Idee der Menschheit durch die Umsetzung des kategorischen Imperativs von Marx endlich zu verwirklichen, die von den derzeit so beliebten Religionskritikern aus dem fahrenden Zug geworfen werden soll. Wo doch sowieso alles gut wird, wie sie uns zu versichern nicht müde werden, wozu brauchen wir da noch eine Notbremse. Ins Religiöse übersetzt, wäre Benjamins Notbremse das Wunder – und nichts hätten wir nötiger als einen Gott, der uns aus dem Jammertal durch ein solches Wunder befreit. Darum ist, solange die Menschen den Zustand der Unfreiheit wählen, die Behauptung der Atheisten, wir bräuchten keinen Gott, falsch und eben darum ist nichts mehr unangebracht als der Hohn über den Anachronismus der Religion. Weil die Menschheit sich jedoch nicht auf Gottes Hilfe verlassen kann, muss sie selbst dieses Wunder vollbringen. Ohne jedoch die Hoffnung am Leben zu erhalten, auf diese Weise die Theologie materialistisch zu beerben, lässt sich der Vernunft nicht die Treue halten.

Leo Elser (Bahamas 61/2011

 

 

Literatur:

Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, in: Gesammelte Schriften Bd. 4, hrsg. v. Rolf Tiedemann, Frankfurt am Main 1951 (=GS 4).

Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 2006.

Dawkins, Richard: Der Gotteswahn, Berlin 2008

Dawkins, Richard: [Rede auf der „Protest the Pope“ Demonstration in London am 18.09.2010] www.protest-the-pope.org.uk/2010/09/richard-dawkins-at-the-protest-the-pope-rally

Kant, Immanuel: Grundlegung der Metaphysik der Sitten, in: Theorie-Werkausgabe VII, hrsg. v. Wilhelm Weischedel, Frankfurt am Main 1968 (=KW)

Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft (Bd. 1), in: Theorie-Werkausgabe III, hrsg. v. Wilhelm Weischedel, Frankfurt am Main 1968 (=KW).

Krug, Uli: Billiges Benedikt Bahsing, in: Bahamas Nr. 59/2010

Lapide, Pinchas: Rom und die Juden, Freiburg 1967

Marx, Karl: Das Kapital. Erster Band, Berlin 1973 (=MEW 23)

Onfray, Michel: Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muss, München 2006

Posener, Alan: Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft. Berlin 2009

Rosenberg, Alfred: Der Mythos des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit, München 1934

Russell, Bertrand: Warum ich kein Christ bin. Von der Unfreiheit der Christenmenschen, München 1968

Quadfasel, Lars: Gottes Spektakel. Zur Metakritik von Religion und Religionskritik (1.Teil), in: Extrablatt 4/2008/09.

Quadfasel, Lars: Gottes Spektakel. Zur Metakritik von Religion und Religionskritik (2.Teil), in: Extrablatt 5/2009

Türcke, Christoph: Kassensturz. Zur Lage der Theologie, Frankfurt am Main 1992

 

 

Anmerkungen:

1) Gemeint sind diejenigen, die der Haltung des Papstes zu Kondomen und außerehlichem Geschlechtsverkehr das gesamte Elend der sog. „Dritten Welt“ anlasten. Es ist nicht das Thema dieses Artikels, aber in Zeiten, in denen der Gesundheitsminister Brasiliens, eines der größten katholischen Länder der Welt, seine Bevölkerung zum Sex gegen Bluthochdruck – „natürlich immer mit Kondom“ – auffordert, wäre die Bedeutung der kirchlichen Haltung in dieser Frage erst einmal zu ermitteln (www.tagesspiegel.de/weltspiegel/brasiliens-gesundheitsminister-empfiehlt-sex-gegen-bluthochdruck/1809548.html ).

2) „Bush lawyer John B Bellinger III certified that Pope Benedict the XVI was immune from suit ,as the head of a foreign state‘. [...] His opinion on papal immunity is even more questionable [als seine Verteidigung Bushs]. It hinges on the assumption that the Vatican, or its metaphysical emanation, the Holy See, is a state“ (Guardian, 02.04.2010).

3) „Ehe Pius XI. den Vatikan verließ, befahl er die Schließung der Vatikanmuseen und verbot jegliche Schmückung kirchlicher Einrichtungen – von denen es in Rom weit über tausend gab – mit der nationalsozialistischen Fahne“ (Lapide 1967: 70).

4) Die Liebe des Nächsten, die auch die Feindesliebe einschließt, mag sich aus dieser Idee ergeben – sie ist aber beim andauernden Zustand der Konkurrenz und erst recht unter existentieller Bedrohung von Menschen weder einhaltbar, noch wird sie im Zweifelsfall einen Antisemiten vom Mord abhalten.

5) Dabei ist gewiss die Gewichtung, die die Idee der Menschheit erfährt, nicht von vorneherein ausgemacht. Indem Pius XI. sie immer wieder ins Zentrum seiner Kritik an den Nazis stellte, hat er nicht nur – verglichen auch mit vielen seiner nichtkatholischen Zeitgenossen – bemerkenswert vernünftig argumentiert, sondern auch gezeigt, dass er vom Nazifaschismus ungleich mehr verstanden hat, als die Dimitroff-Nachbeter bis heute.

6) Der Wahn der Umgestaltung geht bis in die Gestaltung der Kirchen und Liederbücher: „Aus den Schiffen und von den Altären der Deutschen Volkskirche werden die Gipsgirlanden, die Blechstrahlen und alle jene Überflutung unseres Lebens durch den Plunder des Jesuitenstils und das spätere bastardische Rokoko verschwinden. Des deutschen Baukünstlers werden hier Aufgaben harren, nach denen sich schon Tausende sehnen, die es müde sind, Kaufhäuser und Bankpaläste zu bauen. Am leichtesten läßt sich unsere Musik verwenden. In Bach und Gluck und Mozart und Händel und Beethoven hat sich trotz kirchlicher Verse der heroische Charakter durchgesetzt. Aber auch hier wird eine heute aufgabenlose zerflatternde Musik ein ungeheures Arbeitsgebiet vorfinden, zugleich werden die kirchlichen Liederbücher von Jehova-Liedern gesäubert werden“ (Rosenberg 1934: 346).

7) Die sich als besonders radikal wähnende Titulierung aller möglichen Begriffe als „Konstrukte“ zielt genau auf diese kantische Überlegung, dass die Vernunft das Vermögen habe, Vernunftideen originär hervorzubringen, die somit künstlich sind, und gleichzeitig Allgemeingültigkeit beanspruchen können.

8) Auch, wenn einschränkend zugegeben werden muss, dass der Bürger Kant nicht vom Individuum, sondern von der Person spricht, ausgedrückt in der dritten Formulierung des kategorischen Imperativs der Grundlegung der Metaphysik der Sitten: „Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest“ (KW VII, BA 66 f.).

9) Es sei hier auf die häufige terminologische Verwechslung der Begriffe Transzendenz und transzendental verwiesen: Der transzendente Vernunftgebrauch meint nach Kant die Fähigkeit der Vernunft, aus Sponaneität Ideen hervorzubringen, Transzendentalphilosophie dagegen die Reflektion auf das Erkenntnis- und Vernunftvermögen selbst (vgl. etwa KW III, B 352 f.).

10) Dawkins weiß gewiss ganz „materialistisch“ zwischen den Religionen zu unterscheiden: „Zwei verschiedene Religionen kann man als verschiedene Memplexe betrachten. Vielleicht entspricht der Islam einem Fleisch fressenden und der Buddhismus einem Pflanzen fressenden Genkomplex“ (ebd.).

11) Für die „Gesellschaft“ der Meme gilt dasselbe, was er anhand der Gene erläutert: „Da jedes Gen so selektiert wird, dass es in Gegenwart der anderen [...] erfolgreich ist, ergeben sich Gruppen zusammenwirkender Gene. Wir haben es hier eher mit einem freien Markt als mit einer Planwirtschaft zu tun. Es gibt einen Metzger und einen Bäcker, aber vielleicht existiert eine Marktlücke für einen Hersteller von Kerzenleuchtern. Diese Lücke wird durch die unsichtbare Hand der natürlichen Selektion geschlossen“ (ebd.: 277; herv. i.O.).

12) Dawkins ist in dieser Hinsicht geradezu belustigend funktionalistisch: „Ich behaupte nicht, Meme seien zwangsläufig eine direkte Entsprechung zu Genen, aber je ähnlicher sie den Genen sind, desto besser funktioniert die Memtheorie“ (Dawkins 2008: 268).

13) Und wundern braucht man sich wirklich nicht darüber, dass bei der ersten „Global Atheist Convention“ 2010 in Melbourne neben Richard Dawkins Peter Singer als einer der Hauptredner auftrat.

14) Die Aporie, zunächst ein Bekenntnis zur „grundsympathischen Maxime“ dieser Atheisten abzulegen, um dann seitenweise theologische Probleme zu erörtern, was für sie gerade wegen ihrer Maxime ausnahmslos unter den Irrationalismus gerechnet würde, wird bei Quadfasel nicht ausgetragen.

15) Fraglich jedenfalls, ob von Religion noch ernsthaft gesprochen werden kann, wo man sich gestern noch auf der Esoterik-Messe die Hand hat lesen lassen und heute, ohne in Widerspruch zu geraten, zur Weihnachtsmesse geht. Der Versuch der Theologie, der Vernunft insofern die Treue zu halten, als dass Widersprüchlichkeiten im Glauben zumindest bis an gewisse Grenzen ausgetragen werden, kollidiert jedoch mit der Warenförmigkeit der spirituellen Bedürfnisse, die sich um logische Widersprüche nicht zu scheren braucht, solange der gewünschte Effekt eintritt. An den Debatten um Uta Ranke-Heinemann und Hans Küng jedoch zeigt sich, wie sehr auch innerhalb der katholischen Theologie Auseinandersetzungen um die Anpassung an die Bedürfnisse der Konsumenten unvermeidlich sind.

16) Anstatt dann wenigstens in der Kraft der Polemik an Nietzsche anzuknüpfen – oder zumindest die Peinlichkeiten schlechter Polemik zu vermeiden – halten sie es in dieser Hinsicht mit den Dilettanten Lenin und Russell. Das Unangenehmste der Lektüre dieser Atheisten ist die stets mehrere hundert Seiten lange Anhäufung von billiger Polemik, die mit einem verbalradikalem Gestus des Originären den gesunden Menschenverstand predigt. Dabei ähnelt der Ton ihrer Empörung und das Selbstbild als verfolgte Minderheit auf merkwürdige Weise den von ihnen gewiss nicht geliebten Vetretern des Islam.