Kostbare Empörung

Stéphane Hessels später Aufstieg zur Erbauungsikone

 

Ende Mai dieses Jahres unterhielten sich in Berlin „zwei Rebellen“ für die Zeit über „unsere Gegenwart“: „Richard David Precht: Offenbar ist unsere Gegenwart eine Zeit des Übergangs. Wir erleben eine Legitimationskrise der politischen Parteien in allen westlichen Demokratien. Und wir stecken in einer globalen Legitimationskrise der Finanzwirtschaft. Es wird Zeit für einen neuen Gesellschaftsvertrag. Der alte ist aufgezehrt. Ist die demokratische Bürgergesellschaft offen dafür, ihn zu erneuern?

Stéphane Hessel: Mein liebster französischer Soziologe und Philosoph Edgar Morin sagt: Wir stehen auf einer Schwelle. Das empfinde ich auch so. Wir brauchen einen neuen Aufbruch, und wahrscheinlich steht vor einem neuen Aufbruch, ebenso in der Philosophie wie in der Politik, das Gefühl der Bürger: So geht es nicht weiter. Um über die Schwelle zu gelangen, brauchen wir neue grundlegende Werte.

Precht: Welche sind es, die aufgebraucht sind?

Hessel: Die Werte des Geldes, der Verschwendung und die Werte der Produktion – na ja, gegen die sind wir. Aber wofür sind wir denn? Was sind unsere Grundwerte?

Precht: Es wird auch in Zukunft im Kern um die immergleichen Werte gehen – Sicherheit, Freiheit, Gerechtigkeit, Anerkennung, Sinn.“ (1)

Hier die frohgemute Verkündigung des kommenden Neuen, da die Selbstversicherung, dass auch die Zukunft das vertraute Immergleiche nicht ernsthaft bedrohen wird: Die beiden Rollen, die von Richard David Precht und Stéphane Hessel zwei Zeitungsseiten lang gespielt werden, scheinen nicht ernsthaft miteinander im Streit zu liegen. Precht ist der Autor eines Bestsellers: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Auch Hessel ist Bestsellerautor: Sein 15-seitiges Büchlein Empört Euch! wurde in Frankreich in den ersten beiden Monaten nach seinem Erscheinen im Dezember 2010 rund eine halbe Million mal verkauft. Precht ist laut Wikipedia „ein Verfechter einer neuen Bürgergesellschaft. Philosophisch steht er dem US-amerikanischen Kommunitarismus nahe, der Idee, die Gesellschaft durch höheren bürgerlichen Gemeinsinn zu demokratisieren. Die Verpflichtung von Wirtschaft und Politik auf stetiges Wirtschaftswachstum sieht er als schädlich an und als bedrohlich für Wohlstand und Wohlbefinden.“ (2) Dass er im Plauderdialog mit Hessel die Stimme der Vernunft spielt, der den emphatischen Propheten ans Realitätsprinzip gemahnt, ist lediglich ein dramaturgischer Kniff, um Hessel als „Poeten“ ins bühnengerechte Scheinwerferlicht zu rücken. Inhaltlich gehen der Aufruf zur Rebellion und die Versicherung, dass alles beim Alten bleiben wird, beim einen wie beim anderen rest- und reibungslos ineinander auf. Sie passen gut zusammen: beide sind konformistische Rebellen, was bedeutet: routinierte Anpasser.

Hessels Büchlein wird vom Ullstein-Verlag so beworben: „Stéphane Hessels Streitschrift bewegt die Welt. Mit eindringlichen Worten ruft er zum friedlichen Widerstand gegen die Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft auf. Gegen die Diktatur des Finanzkapitalismus, gegen die Unterdrückung von Minderheiten, gegen die Umweltzerstörung auf unserem Planeten.“ Doch verschweigt der Klappentext das Herzstück des Pamphlets – die Anklage Israels. Die vornehme Zurückhaltung entspricht durchaus Hessels öffentlichem Auftreten: Über Israel spricht er keineswegs nach Art eines obsessiven Eiferers bei jeder sich bietenden Gelegenheit, sondern nur dann, wenn es ihm opportun erscheint. Andernfalls bestreitet er gern auch Abende mit dem Rezitieren von Gedichten von Hoffmannsthal. Und so lässt Hessel den Leser seines Pamphlets nach neun Seiten entspannten Parlierens über die in Vergessenheit geratenen Werte der Résistance und die Tugend des Empörtseins unter der Überschrift Meine Empörung in der Palästina-Frage ganz nonchalant und beiläufig wissen: „Derzeit bin ich am meisten über die Verhältnisse in Palästina empört, im Gaza-Streifen, im Westjordanland.“ Das erinnert ebenso an die notwendig faden Selbstauskünfte in Poesiealben von Schülern in den Achtzigerjahren wie an die heute allgegenwärtigen Selbstbeschreibungen auf Facebook: I don’t like Israel, ich bin über die Verhältnisse in Palästina empört, soundsovielen Menschen gefällt das.

Der Anti-Israel-Papa

All das ist dumm und böse, doch außergewöhnlich ist es nicht – Hessel eckt nicht an; seine Phrasen sind geschliffener Mainstream. Erklärungsbedürftig ist deshalb sein außergewöhnlicher Erfolg, seit er als 93-jähriger mit seinem Pamphlet ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit getreten ist: Warum wird es von aller Welt so begeistert aufgenommen, dass Hessel vor allem in Frankreich seither unermüdlich durch die Talkshows gereicht wird, sich vor Event-Einladungen kaum mehr retten kann? Wenn seine antiisraelische Haltung in sich nicht von dem abweicht, was ohnehin allerorten zu hören ist, und er selbst als Person vor seinem neuerwachten Engagement gegen Israel nur wenigen bekannt war, dann kann der Grund für seine aktuelle Popularität nicht allein in dem einen oder anderen zu finden sein, sondern muss in dieser Verbindung liegen: Dass gerade ein Stéphane Hessel sich gegen Israel engagiert: das scheint irgendwie der Knüller zu sein.

Stéphane Hessels Anspruch auf Ruhm begründet sich zum einen aus seiner Herkunft. Sein Vater, der Schriftsteller Franz Hessel, war ein Freund Walter Benjamins; das Dreiecksverhältnis seiner Eltern mit dem Liebhaber der Mutter, Henri-Pierre Roché, wurde von diesem später in einem Roman verewigt, aus dem François Truffaut seinen Film Jules und Jim machte. Roché wiederum war mit Marcel Duchamp befreundet – kurz, Hessel war das Kind von echten Bohémiens, die sich in der Berliner und Pariser Szene der Zwischenkriegszeit bewegten. Ihn umgibt eine Aura von Weltläufigkeit und Nonkonformismus, die sich zugleich mit einem deutlichen Elitebewusstsein paart: Eine Kombination, aus der sich gewissermaßen mathematisch die Figur ergibt, die Hessel so fleißig spielt – die des „freundlichen, großen alten Herren“, dem im Leben nichts wichtiger ist als die „Poesie“. Vielleicht ist es daher kein Zufall, dass er zwar gerne mit einem unermüdlich behaupteten poetischen Naturell kokettiert, sich später jedoch für eine Laufbahn als Staatsbeamter und Diplomat entschied – wie ein Kind von Hippie-Eltern, das sich aus chaotischen Familienverhältnissen in die Sicherheit einer klar geregelten Existenz rettet, und dennoch ein Leben lang die narzisstische Wunde mit sich trägt, es dem Künstlertum der bewunderten Eltern nicht gleichtun zu können.

Die Lektüre seiner 1997 erschienenen Autobiografie Tanz mit dem Jahrhundert erweckt den Eindruck, als hätte sich Hessel schon sein ganzes Leben lang auf seine Rolle als weiser alter Mann vorbereitet, der im Herzen jung geblieben ist und ein komplizenhaft-intimes Verhältnis zur „Jugend“ pflegt. Er ist ein „freundlicher, großer alter Herr“, aber dank seiner nonkonformistischen Herkunft hat er nichts von einem autoritären Patriarchen. Er ist ein Vater, wie ihn sich alle wünschen: Vater unser, gegen den man nicht rebellieren muss, sondern den man knuddeln kann, und der genau das tut, was wir von ihm wollen. Ja, er scheint geradezu darauf zu warten, dass man ihm zuruft: Komm mit, du gehörst zu uns. Wenn wir ihn dafür liebhaben, zieht er mit uns durch die Straßen und ruft „Israel – Mörder!“. Doch warum will man gerade ihn als Anti-Israel-Papa haben? Das unspießige, bohemistische Flair spielt eine wichtige Rolle, doch wäre Hessels Attraktivität nicht zu begreifen ohne seine zweite biografische Auszeichnung: die Beteiligung an der französischen Résistance, seine Gefangenschaft im KZ Buchenwald und seine Tätigkeit nach dem Krieg als Diplomat der Vereinten Nationen. 1941 stößt Hessel in London zum gaullistischen Widerstand. 1944 wird er während einer Mission in Paris von der Gestapo gefasst und wenig später nach Buchenwald verschleppt. Dort entkommt er seiner Hinrichtung durch die Hilfe von Eugen Kogon, der es ihm ermöglicht, seine Identität mit der eines am Typhus gestorbenen Häftlings zu vertauschen. Nach weiteren Stationen in den Außenlagern Rottleberode und Dora-Mittelbau gelingt ihm Anfang April 1945 die Flucht aus einem Zug, der das Lager evakuieren sollte. 1946 tritt er einen Sekretärsposten bei den Vereinten Nationen an und ist in dieser Funktion bei den Sitzungen zur Verabschiedung der Erklärung der Menschenrechte 1948 zugegen. Hartnäckig hält sich das auch von Hessel selbst immer wieder kolportierte Gerücht, er selbst habe an der Formulierung der Erklärung mitgewirkt. Er selbst hat jedoch zugegeben, dass das nicht stimmt.

Engagement im Strom der Geschichte

Stéphane Hessel hat sich selbst eine strahlende Legende geschaffen, die Legende eines Lebens im Dienst der Menschenrechte und des „Widerstands“ gegen die „Macht des Geldes“ und den „Liberalismus“, in die er seine Zeit in der Résistance eingeflochten hat. Der widerspenstige Teil seines Lebens, der sich dabei nicht völlig glattbügeln lässt, ist seine Zeit im Konzentrationslager. In seinem Erbauungsbüchlein erwähnt er sie konsequenterweise denn auch gar nicht. Seine Empörung gilt nicht den Konzentrationslagern, und erst recht nicht der Shoah, die er, wenn es irgend geht, in seinen autobiografischen Selbstauskünften restlos ausblendet. Empört ist Stéphane Hessel darüber, dass seine Erfahrung in Buchenwald sich seinem zwanghaft affirmativen Denken nicht fügen will. In seinen unaufhörlichen, pastoralen Beschwörungen des Positiven – man muss ihn offenbar nur vor eine Kamera setzen, und er sagt bereitwillig ungerührt und mit dem immergleichen, jenseitigen Lächeln seine immergleichen, monotonen Formeln auf – wirkt er wie ein Maniker, der den Absturz in die Depression aufhalten will. Obgleich er sich immer wieder mit den klangvollen Namen kritischer Philosophie schmückt – immer wieder erwähnt er Benjamin, Sartre, Merleau-Ponty – ist es doch bei allem emphatischen Bekenntnis zu Frankreich eher ein sehr deutsches Erbe, auf das er sich verlässt, wenn es darum geht, sich gegen Erfahrung abzudichten. Denn sein ungekränkter Narzissmus, pardon, „mein natürlicher Optimismus, der mich alles Wünschenswerte auch für möglich halten lässt, führte mich mehr zu Hegel. Die Philosophie Hegels gibt der langen Menschheitsgeschichte einen Sinn: die Freiheit des Menschen schreitet stufenweise voran. Geschichte ist eine Abfolge von Erschütterungen – und damit Herausforderungen. Die Geschichte der Gesellschaften schreitet voran, bis am Ende der Mensch seine vollständige Freiheit erlangt hat und damit der demokratische Staat in seiner idealen Form entstanden ist.“ (3) Hessel hält die Negativität nicht aus; überall, wo sie durchscheint, muss sie überdeckt werden – oder in einer giftigen Umarmung neutralisiert: Beim Aufblättern von Empört Euch! bleibt einem erstmal die Spucke weg, denn als Frontispiz prangt da doch tatsächlich eine Reproduktion des Angelus Novus von Paul Klee, samt eines Verweises auf Benjamins Interpretation des Bildes, die Hessel in seinem Text völlig unvermittelt referiert, ohne dass dies in einem anderen als einem rein antithetischen Bezug zum Rest seines Textes stünde. Hessels Text verhält sich zu Benjamins Melancholie wie zu einem feindlichen Objekt, das durch Einschluss unschädlich gemacht werden muss, wenn es schon sonst von keinem Nutzen sein kann.

Hessel erzählt Precht: „In meiner Generation war es schön, dass das Schlimme klar war. Es war klar, wogegen wir kämpften. Heute müssen wir gegen vieles zugleich kämpfen. Aber wir wissen nicht recht, wie.“ (4) Die Nazizeit: eine Glückserfahrung. Sie war etwas Schönes, ein schönes Geschenk, für das Hessel dankbar ist – die Résistance hat ihn zum Mann gemacht. „Ich wünsche allen, jedem Einzelnen von euch einen Grund zur Empörung. Das ist kostbar. Wenn man sich über etwas empört, wie mich der Naziwahn empört hat, wird man aktiv, stark und engagiert. Man verbindet sich mit dem Strom der Geschichte, und der große Strom der Geschichte nimmt seinen Lauf dank dem Engagement der Vielen – zu mehr Gerechtigkeit und Freiheit, wenn auch nicht zur schrankenlosen Freiheit des Fuchses im Hühnerstall.“ (5) ­In jedem von Hessels Sätzen ist sein penetrantes Bekenntnis zur Emphase, zur Begeisterung, zur Poesie immer fest in ein konformistisches Korsett geschnallt, mit dem er uns bedeutet, dass all die mitreißende Euphorie auf die Bestrafung des Fuchses hinauswill. Hessels Empörung gilt nicht dem Strom der Geschichte, sondern denen, die in ihm nicht aufgehen wollen.

Schöne, alte Nazizeit

Heute können wir konstatieren: Die durchlässige deutsche Besatzungspolitik gestattete noch am Ende des Krieges eine offene Kulturpolitik. Man durfte in Paris Stücke von Jean-Paul Sartre aufführen oder Juliette Gréco hören. Wenn ich einen kühnen Vergleich als Betroffener wagen darf, so behaupte ich: Die deutsche Besatzung war, wenn man sie vergleicht zum Beispiel mit der heutigen Besetzung von Palästina durch die Israelis, eine relativ harmlose, von Ausnahmen abgesehen wie den Verhaftungen, Internierungen und Erschießungen, auch vom Raub der Kunstschätze. Das war alles schrecklich. Aber es handelte sich um eine Besatzungspolitik, die positiv wirken wollte und deshalb uns Widerstandskämpfern die Arbeit so schwermachte.“ (6) Es ist offensichtlich, dass Hessel mit den Verhaftungen, Internierungen und Erschießungen von der Situation der in der Résistance Engagierten spricht, nicht von der Deportation und Vernichtung der Juden. Schließlich gab es noch die Grausamkeit des Kunstraubs. Das Zitat stammt aus einem auf Gesprächen basierenden Artikel Hessels, den die FAZ im Januar unter dem Titel Wie ich Buchenwald und andere Lager überlebte veröffentlichte. Hier spricht Hessel noch einmal über das Thema, über das er ansonsten wohl nicht mehr so gern spricht, und der Ton ist auch schlagartig ein anderer. Schroff steht die plötzlich positive Bewertung der deutschen Besatzung der sonst in den flammenden Appellen so entschlossenen Gegnerschaft zum „Naziwahn“ gegenüber. Verschwunden ist auch die stramme Zuversicht des Widerstandskämpfers. Dass das „positive Wirken“ der Besatzungsmacht auf dem Antisemitismus gründete, mit dem sie die Brücke zur Bevölkerung schlagen konnte, will Hessel nicht explizit machen – dass er stattdessen an gerade dieser Stelle den Vergleich mit Israel anstellt, weist darauf hin, dass seine Fixierung auf den jüdischen Staat aus einem Schuldgefühl herrührt.

In seiner Autobiografie schreibt Hessel über die Zeit zu Beginn der Besatzung Frankreichs, bevor er über Algerien und Portugal nach England flieht: „Es gibt auch in dieser über lange Zeit verdrängten Phase meines Lebens weiße Flecken, die ich mir schlecht erklären kann: Was wußte man von den Juden und den Verfolgungen, denen sie ausgesetzt waren? Was war aus dem Rest meiner Familie, den in Deutschland lebenden Vettern und Onkeln, geworden? Was wurde aus der École normale, meinen Kommilitonen, meinen Lehrern? Diese eigenartige Gedächtnislücke, diese Ungewissheit hinsichtlich meiner Identität sollten bis zu meiner Ankunft in Lissabon, Mitte März 1941, andauern.“ (7) Hessel kommt auch später nie mehr auf die aus den Augen Verlorenen zu sprechen. „Ich bewahre in einem hermetisch geschlossenen Winkel meines Gedächtnisses auch die Erinnerung an die Ankunft eines Transports aus Auschwitz evakuierter Juden in Dora. Später habe ich erfahren, daß die kleine Simone Veil darunter war. Alles unterschied diese Menschen von uns, die wir, weiß Gott, zerlumpt und elend aussahen. Das aber waren durch ihren Verfall erblindete Phantome, die den Raum durchschritten, ohne eine Spur zu hinterlassen. Gespenster.“ (8) Bevor, und sei es nur im Nachhinein, das kleinste bisschen Empathie aufkommen kann, ist es Hessel vor allem darum zu tun, sich zu distanzieren, und auf dem unaufhebbaren Unterschied zu beharren. Damit nimmt er jedoch nicht nur von „diesen Menschen“ Abstand, sondern auch von seinem eigenen Vater, der zumindest der Herkunft nach Jude war; die Familie des Vaters war um die Jahrhundertwende zum Protestantismus übergetreten. Franz Hessel stirbt 1941 in Südfrankreich, danach ist in Hessels Autobiografie nie wieder von Jüdischsein die Rede, obwohl seine Frau Vitia Jüdin war.

Nach Buchenwald kam Hessel als „Politischer“, und profitierte als solcher von der Solidarität der „roten“ Kapos, die ihm das Überleben ermöglichte. Diese Rettungsaktionen waren oft nur möglich, indem jemand anderes anstelle des zu Rettenden in den Tod geschickt wurde. In dem FAZ-Artikel wird deutlich, wie sehr die Buchenwald-Zeit in seinem Leben einen schroffen Gegensatz darstellt zu seiner auf der Leugnung der Judenverfolgung beruhenden hellen Welt, in der das Engagement in der Résistance ein romantisches männliches Abenteuer war. „Ein Lager, ein KZ ist eine Schule, man kann schon sagen, es ist eine wüste Schule. Man lernt zu überleben, und um zu überleben, akzeptiert man, dass das System auf Brutalität beruht. Und das ist das Schreckliche für mich an den Lagern. Und ich denke, so ist es bis heute in allen Lagern unserer Zeit. Denn es gibt ja überall in der Welt – und leider immer mehr – andere Lager. Ein Lager bedeutet eben, die Würde der Menschen darf man nicht berücksichtigen. Anders geht es einfach nicht, sonst kann man nicht weitermachen. Man muss schon den anderen als ein Objekt und nicht als eine Persönlichkeit erleben. Daher ist jeder Kapo, jeder ‚Prominente‘, wer immer es auch ist, ob Lagerältester, Blockältester oder Stubendienst, in Gefahr, unmenschlich zu werden.“ (9) Sein unbedingter Anpassungswille, der die notwendige äußere Anpassung an eine unmenschliche Situation nie bereit ist zu trennen von der inneren Haltung, die der Einzelne dazu haben kann, führt ihn zu genau dem entgegengesetzten Schluss als dem, den der als Jude in Auschwitz gefangene Primo Levi für sich zog – Levi unterstreicht immer wieder, dass die wichtigste Vorraussetzung für sein Weiterleben im Lager sein Entschluss war, sich selbst und seine Mithäftlinge als Menschen und nicht als Dinge zu sehen. Levi hielt am Gegenteil fest: Es muss anders gehen, sonst kann man nicht weitermachen. Hessel kritisiert in dem Text an Primo Levi und Jorge Semprun, dass diese die Kapos zu negativ darstellten. Doch diese Zurückweisung des Negativen führt ihn sofort dazu, die Realität ganz banaler Manipulation in ein Zeichen von Menschlichkeit umzudeuten: „Aus dem Osten erreichte uns eine Häftlingsgruppe. Unter ihnen befanden sich eine ganze Menge von Leichen. Wir würden ein Stück Wurst bekommen, wenn wir diese Leichen aus dem Wagen herauszögen, entkleideten und auf einen Scheiterhaufen brächten. Das war ein ganz besonders schlimmes Erlebnis. Aber das Angebot der Kapos resultierte aus einer eigenartigen Form von Gutmütigkeit: Wer hier nicht verhungern will und ein Stück Wurst oder Brot mehr bekommen will, der muss das eben tun. Und das habe ich mitgemacht.“ (10) So haarsträubend und gemein es sein mag, was Hessel in diesem Text zum Besten gibt – es ist die einzige Selbstauskunft von ihm, in der so etwas wie ein Bruch zum Vorschein kommt. Doch es ist ein Bruch, den Hessel nicht reflektieren will; er kann ihn nur ausspeien und wieder hinunterschlucken.

Kostbare Empörung

Stéphane Hessel hat mit seinem Anti-Israel-Pamphlet im Handumdrehen einen Star-Status erreicht, der ihn unangreifbar zu machen scheint, so schreibt Andreas Fanizadeh am 29. Januar in der Taz: „Man wäre schön dumm, dieser Tage etwas gegen Stéphane Hessel zu sagen. Also erwarten Sie das bitte hier auch nicht von mir.“ Stéphane Hessel verkörpert die europäische Unschuld: Gegen den kann man doch nichts haben! Zu dieser Attraktivität, die er auf den müden, passiv-aggressiven Europäer ausübt, der in ihm seine eigene passive Aggression wiedererkennt, gehört auch, dass er ein taktisches Verhältnis zu seiner jüdischen Identität pflegt – er holt sie immer nur dann hervor, wie Alain Finkielkraut angemerkt hat, wenn es darum geht, Israel anzugreifen und sich selbst des Antisemitismus für unverdächtig zu erklären. Er ist ein „unjüdischer Jude“, der sich während der Shoah durch glückliche Umstände dafür entscheiden konnte, die Shoah zu ignorieren. Darin fühlen sich ihm die nichtjüdischen Europäer wohl irgendwie verwandt, und zugleich können sie ihn besser als alle anderen jüdischen Kronzeugen gegen Israel als Schutzschild ihres Vernichtungswunsches gegen die Juden benutzen – man wäre schön dumm, sich diese Gelegenheit entgehen zu lassen. Als Anfang des Jahres eine an der Pariser Eliteuniversität École normale supérieure geplante Veranstaltung mit Hessel und anderen Israelhassern zur Unterstützung einer Israel-Boykott-Kampagne, die Hessel übrigens mit den Einnahmen aus seinem Pamphlet unterstützt, verhindert wurde, schäumte die FAZ am 17. Januar unter der Überschrift „Verbot in Paris“: „Auf ministerielle Anordnung und auf Antrag des französischen Zentralrats der Juden ist eine Pariser Veranstaltung mit Stéphane Hessel, von dessen Pamphlet Empört euch! mittlerweile mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden, abgesagt worden. Eine Bankrotterklärung der Menschenrechtspolitik.“ Und Bernhard Schmid assistierte auf Trend-online: „Das harsche Auftreten der eher rechtsgerichteten Teile der jüdischen Einrichtungen gegen Stéphane Hessel rief, aufgrund der Persönlichkeit und der weithin als integer geltenden Beweggründe des Mannes, in breiten Kreisen Unverständnis oder Unmut hervor.“ (11)

Der infantile 93-jährige mit den integren Beweggründen – der, wie die Journalistin Élisabeth Lévy angemerkt hat, bei seinen öffentlichen Auftritten regelmäßig als „der mit seinen 93 Jahren Jüngste von uns allen“ apostrophiert wird – ist als überzeugter Linker die neue Integrationsfigur einer antisemitischen Linken, die immer schon wusste, dass moralischer Antikapitalismus und die „Empörung in der Palästina-Frage untrennbar zu sein haben.

Joel Naber (Bahamas 62/2011)

 

 

 

Anmerkungen:

 1) Wir brauchen einen neuen Aufbruch!, in: Die Zeit, 1.6.2011

 2) http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_David_Precht

 3) Stéphane Hessel: Empört Euch! Berlin 2010, 12

 4) Wir brauchen einen neuen Aufbruch! a.a.o.

 5) Hessel: Empört Euch! a.a.o., 10

 6) www.faz.net/artikel/C30703/wie-ich-buchenwald-und-andere-lager-ueberlebte-30382175.html

 7) Stéphane Hessel: Tanz mit dem Jahrhundert, Zürich–Hamburg 1998, 73

 8) Tanz mit dem Jahrhundert, 115

 9) Siehe Endnote 6.

 10) Siehe Endnote 6.

 11) www.trend.infopartisan.net/trd0211/t670211.html