Doch ein Ehrenmann

Joachim Gauck und das Elend positivistischer Antisemitismuskritik

 

Der Geburtsfehler der Antideutschen besteht darin, dass sie Deutschland seine Vergangenheit austreiben wollten und ein Bekenntnis zum Antifaschismus einforderten. Dieses aus der linken Vergangenheit mitgeschleppte Ansinnen führte von Anfang an zu einer elitären Selbststilisierung als über die Gesellschaft wachender Richter, der Kopfnoten für gutes und schlechtes Benehmen verteilt. Ihre Selbstgewissheit, das Funktionieren der Gesellschaft verstanden zu haben, besonders die Mechanismen des Antisemitismus, prädestinierte die Antideutschen dazu, als ideologische Dienstleister für die Nation aufzutreten, die den öffentlichen Diskurs zugunsten eines zivilisierten, seinerzeit vor allem französischen Denkens verschieben wollten. Diese Art der Volkspädagogik hatten die plattesten Vertreter der antideutschen Bewegung schon immer mit Jürgen Habermas gemein, weshalb sich keineswegs zufällig das Diskursgerede bei einem nicht unwesentlichen Teil der Antinationalen und Antideutschen von Anfang an größter Beliebtheit erfreute. So begründete ein Mitglied der Vorbereitungsgruppe der antideutschen Demonstration gegen die 8. Mai-Feierlichkeiten 1995 seinen Einsatz folgendermaßen: „Es geht darum, dass der Relativierung der Einmaligkeit der NS-Verbrechen entgegen gewirkt wird. Einfach nur gegen die Nation zu sein, reicht als Ansatz dafür nicht aus, um gegen diese Planung der Feierlichkeiten straight argumentativ vorgehen zu können“ (1). Man muss einräumen, dass das politische Bewusstsein in der BRD damals noch anders funktionierte. Die Deutschen hatten noch nicht verstanden, dass sie mit der Hervorhebung der eigenen Verbrechen viel besser fahren würden als mit deren Leugnung oder Relativierung. Sie hatten den politischen Mehrwert von Auschwitz noch nicht verstanden, der darin besteht, ständig darauf hinzuweisen, was die Deutschen alles könnten, wenn sie denn nur wollten, und es gerade deshalb nicht wieder tun würden. Die aggressive Mischung aus kaum verhohlenen Drohungen, sichtbarem Stolz und falscher Demut ist ein klarer Standortfaktor, der den europäischen Führungsanspruch Deutschlands in Europa ideologisch untermauert.

Man konnte diese Nutzanwendung in den 1990er Jahren vielleicht nur ahnen, aber in der Retrospektive ist unübersehbar, dass die Antideutschen den Deutschen das Argument der Singularität einhämmern wollten, um sie zu zivilisieren. Sie haben dadurch, entgegen ihrer Selbstwahrnehmung als Kraft der Negation, als Modernisierer der deutschen Nation gewirkt. Selbstverständlich hatte das auch seine angenehmen Seiten: So muss man sich heute nur noch in Ausnahmefällen anhören, dass unsere Großväter keine Verbrecher gewesen seien, weil sie nur dem Vaterland dienen wollten. Aber abgesehen davon, dass die meisten dieser Großväter mittlerweile unter der Erde sind, darf man eben auch nicht übersehen, dass die Deutschen heute nur deshalb so frech auftreten können, weil sie ihre Wehrmachtsfraktion auch im Diskurs zum Schweigen gebracht haben. Man muss sich nur Talkrunden aus der Zeit der Goldhagen-Debatte ansehen und wird sofort feststellen, dass so wie damals heute keiner mehr reden würde. Und daran haben die Antideutschen, bei aller gesellschaftlichen Marginalisierung, durchaus ihren Anteil. Damit jene ideologische Tendenz sich voll entfalten konnte, die heute Regierungspolitik ist, mussten sich die Antideutschen nicht einmal groß ändern. Es reichte vollkommen aus, dass die Gesellschaft, innerhalb der sie agierten, sich ihnen sukzessive annäherte. Heute weiß jeder, der etwas werden will, dass man den Holocaust nicht verharmlosen dürfe, weil er das monströseste Verbrechen sei, das Menschen je begangen hätten. Und man weiß auch, dass daraus für die Deutschen eine besondere Verantwortung erwüchse zu verhindern, dass sich Ähnliches wiederhole. Wer meint, einem Deutschen diese beiden Lehren beibringen zu müssen, weiß entweder nicht, mit wem er es zu tun hat, oder er weiß es doch, und dann ist es um so schlimmer: Denn wer sich der antifaschistischen Staatsideologie der Berliner Republik einschließlich ihrer antizionistischen Implikationen bewusst ist und dennoch an sie appelliert, der macht sich zum Mittäter in einem Kollektiv, das sich nach wie vor von einer jüdischen Weltverschwörung bedroht sieht, gegen die es dereinst loszuschlagen gelte. Es ist ein Teufelskreis: Einerseits will man gegen dieses Kollektiv vorgehen, andererseits sind die Mittel, zu denen man als ständig skandalisierender Ideologe greift, einzig dazu geeignet, Deutschland noch besser zu machen und ihm jenes gute Gewissen zu verschaffen, das sich dann in den Tiraden eines Günter Grass, Heribert Prantl oder Sigmar Gabriel niederschlägt.

Der Job der Antideutschen

Diese verflixte Situation sollte immerhin dazu führen, zukünftig wenigstens jene selbstgerechten Skandalisierungen zu unterlassen, mit denen sich der Warner lediglich als Berater in nationalen Fragen andient, ohne zur Denunziation der deutschen Zustände auch nur im Geringsten beigetragen zu haben. Jeder weiß doch, dass Grass’ Gedicht gerade kein Skandal war, sondern ein ziemlich alltäglicher Ausdruck des zunehmenden Irrewerdens der Gesellschaft, und zwar nicht nur der deutschen. Sicherlich müssen solche populären Hervorbringungen denunziert werden, schon um nicht selbst den Verstand zu verlieren. Aber es kommt entscheidend darauf an, ob man das moralische Versagen der einschlägigen Person hervorhebt und sie zum Abschuss freigibt oder ob man eine Kritik der Gesellschaft formuliert, die auf das falsche Ganze zielt und damit vor allem auf die Mehrheit, die dieses Ganze nicht nur praktisch, sondern auch ideologisch trägt (2). Ersteres verschafft dem Antisemitenjäger zwar ein gutes Gefühl, ist aber formal von einer Kampagne gegen Kinderschänder kaum zu unterscheiden. Kampagnen gegen Antisemiten sind zum Leidwesen der Autonomen meist weniger blutig, weil die Sympathie der Bevölkerung für Judenhasser weit größer ist als für einen Sexualstraftäter, aber auch sie führen im Erfolgsfall dazu, dass der Geschasste aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wird (3). Zwar wäre es erfreulich, wenn Günter Grass oder Martin Walser nicht mehr in die Kamera sprechen dürften, aber in Zeiten einer distinguierten „Israelkritik“ kommt es viel mehr auf die Frage an, warum man ihnen das Mikrofon immer wieder unter die Nase hält. Sie befriedigen nicht nur ein Bedürfnis der Zuschauer, man braucht sie auch, genauso wie man eines anti-antisemitischen Seismographen bedarf, um auszuloten, wann jemand die antisemitischen Projektionen der Mehrheit allzu offen ausspricht. Beide, das antisemitische Schmuddelkind (respektive Schmuddeldichter) und der aufmerksame Antisemitismuskritiker, sind Voraussetzungen dafür, dass die sich vornehm artikulierende Judenfeindschaft heute so hegemonial ist. Der liberale Judenfeind braucht den Nazi, von dessen rabiatem Rassenhass er sich abgrenzen kann, um sich als Angehöriger der ehrenwerten Gesellschaft ausweisen zu können. Und genau dafür sind die Antideutschen da: Sie lesen alles und hören peinlich genau zu, um aufzuschreien, wenn jemand die Grenze zum ihrer Ansicht nach nicht mehr Tolerierbaren überschreitet. Wolfgang Pohrt wusste das schon 2004 als er schrieb: „Dass ein Deutscher einfach mal etwas nicht tut, ist unmöglich. Entweder er tut es, oder er ist tätig, indem er es verhindert, ausschließt etc. Und das ist der Job, den die Antideutschen übernommen haben“ (4).

Kein Loblied auf die Gerechtigkeit

Man kann diesen Mechanismus exemplarisch an einer Kampagne studieren, die ehemalige Antideutsche gegen Joachim Gauck starteten. Doch der Reihe nach: Anfang März 2012 war die so genannte Wulff-Affäre auf ihrem Höhepunkt. Man muss nicht wissen, worum es bei dieser Affäre genau ging, wichtig an ihr ist nur, dass plötzlich dringend ein neuer Bundespräsident her musste, dem nicht der Ruf vorauseilte, auf seinen persönlichen Vorteil bedacht zu handeln. Um die „Ehre des Amtes“ wieder herzustellen, das aus Sicht der Journaille durch Wulff schwer beschädigt worden war, einigten sich – wenig überraschend – alle Parteien im Bundestag mit Ausnahme der Linkspartei auf den lutherischen Pastor, DDR-Bürgerrechtler, Neues Forum-Spitzenkandidaten und ehemaligen Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck, als Kandidaten. Er sei, so der einhellige Tenor in der Presse, „unbequem“ und sage „seine Meinung“ – kurz: Er sei „Der Leviten-Leser“, wie der Spiegel (12/2012) seine Gauck-Titelgeschichte überschrieb. Mut zur „Meinung“, vermeintlicher Nonkonformismus, Distanz zum administrativen Alltag – das sind die Ingredienzen, aus denen ein beim Volk beliebter Präsident sein so genanntes Charisma bezieht. Und wenn ihm dann auch noch von Sigmar Gabriel bescheinigt wird, ein echter Mann des Volkes zu sein, könnte das Zeugnis für die benötigten Soft Skills eigentlich gar nicht besser ausfallen: „Gauck kann helfen, die wachsende Kluft zwischen der Bevölkerung und den etablierten demokratischen Institutionen wieder zu schließen. Viele Menschen fühlen sich ohnmächtig gegenüber der Politik. Sie haben den Eindruck: Geld regiert die Welt – und nicht die gewählten Abgeordneten. Oder sie glauben: Die Politik interessiert sich gar nicht mehr für uns. Wenn wir nicht aufpassen, schlägt das um in Verachtung der Demokratie selbst. Gauck kann dieser Entwicklung entgegenwirken. Er wird Brücken bauen zwischen den Institutionen der Politik und den Bürgern“ (Welt am Sonntag, 26.2.2012).

Doch die Freude hielt nicht lange an. Noch bevor die Linkspartei sich zuungunsten anderer Kandidaten auf die ziemlich patriotische Antifaschistin Beate Klarsfeld geeinigt hatte, machten einige Äußerungen Gaucks die Runde, die so gar nicht zum Ideal des Volkstribuns passen wollten. Über die Proteste gegen den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof sagte er beispielsweise, es handele sich dabei um eine Protestkultur, „die aufflammt, wenn es um den eigenen Vorgarten geht“. Und die Occupy-Bewegung befand er gar für „unsäglich albern“. Fast schon amerikanisch war auch seine Ablehnung der Verstaatlichung von Banken. Laut Zeit fragte er, „ob es nicht zweifelhaft sei, zu glauben, dass unsere Einlagen sicherer wären, wenn die Politiker in der Finanzwirtschaft das Sagen hätten“ (5). Und die Süddeutsche kramte noch ein Interview aus dem Jahr 2010 hervor, in dem Gauck konstatiert hatte: „Welche Regierung auch immer regiert, es wird an sie die Forderung herangetragen werden: Vater Staat, sei väterlich! Wenn man das zu oft fordert, läuft man Gefahr, in den Status des Kindes herabzusinken. Da wirkt unsere alte landesherrliche Tradition nach. Es wird bei uns immer noch der Traum von der Obrigkeit geträumt, die es gut mit uns meint und in deren Obhut wir uns gefahrlos begeben können“ (Die Welt, 7.6.2010). So etwas darf jemand, der deutscher Bundespräsident und damit Repräsentant eben jenes Volksstaates werden will, zu dem die Bürger unbedingtes Vertrauen haben sollen und wollen, einfach nicht sagen, ohne gegen seine Rolle als „moralisches Gewissen“ zu verstoßen. Der darf für den Staat alles fordern, jeden kollektiven „Ruck“ herausplärren, aber auf gar keinen Fall dessen soziale Bestimmung als Bollwerk gegen den zersetzenden Marktegoismus in Frage stellen und sei es auch nur in flapsigen Randbemerkungen. Das ist das Elend mit den DDR-Bürgerrechtlern: National gesinnt und gut protestantisch sind sie zweifelsohne, aber eben sozialpolitisch unzuverlässig, stur an ihrer Feindschaft gegen Honeckers „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ festhaltend, auch dann noch, wenn der ideologische Wind sich schon längst wieder gedreht hat und deutsche Meinung sich nicht mehr an Einheitsstaaten stört, sondern an jenem einem Prozent Agenten des Finanzkapitals, vor denen ja schließlich auch die DDR ihre Bürger schützen wollte, wie das soziale Gewissen des deutschen Feuilletons, Eckhard Fuhr, befand: „Soziale Rechte [...] wären in künftigen präsidialen Reden zu berücksichtigen, wenn das ganze Deutschland gemeint sein soll“, mahnte er Präsident Gauck, „zu dessen innerstem Identitätskern es gehört, der DDR jegliche politische und historische Legitimation abzusprechen“ (Die Welt, 20.3.2012).

Jürgen Trittin kommentierte Gaucks soziale Kälte etwas hilflos: „Joachim Gauck ist nicht deswegen unser Kandidat, weil wir erwarten würden, dass er uns nach dem Mund redet. Sondern weil er jemand ist, der zwar seine Positionen klar vertritt, der aber auch bereit ist, sie einem demokratischen Diskurs zu stellen und sie entweder mit Argumenten zu verteidigen oder zu ändern“ (FR, 11.3.2012). Aber auch Trittin wusste, dass derlei Äußerungen eines deutschen Bundespräsidenten unwürdig und daher auch nicht von der basisdemokratischen Meinungsfreiheit gedeckt sind. So rasch die Öffentlichkeit zunächst in Begeisterung geraten war, so schnell wich diese nun der Skepsis bis hin zu Ablehnung und Verachtung. Insbesondere Gaucks Freiheits-Emphase mochte deutschen Ideologen nicht recht schmecken. Friedrich Schorlemmer merkte an: „Es ist wunderbar, dass er das Loblied auf die Freiheit singt. Aber er müsste auch das Loblied auf die Gerechtigkeit singen, damit sich alle die Freiheit leisten können“ (FR, 11.3.2012). Und die SZ warf ihm ganz philosophisch einen „politisch unreflektierten Freiheitsbegriff“ vor, der „existentialistisch angelegt ist und vor den gewaltigen politischen Gestaltungsproblemen vollkommen hilflos dasteht. […] Damit zielt er auf eine rein subjektive Tugend- und Haltungsfreiheit, nicht auf die objektiv verfasste Freiheit, die den Individuen überhaupt erst angemessene ökonomische und politische Entfaltungsoptionen einräumt. [...] Er ist ein Freiheitsapostel, kein Freiheitsgestalter.“ (SZ, 26.2.2012). Mit anderen Worten: Gauck appelliert an die Eigenverantwortung des Individuums, nicht an den Staat als den Gestalter objektiv verfasster Unfreiheit. Dass Gauck jede Liebäugelei mit der DDR ablehnt, wozu er sehr zu Recht auch den Primat der Gerechtigkeit zählt, wurde ihm sogar von CDU-Politikern angekreidet. Der brandenburgische CDU-Fraktionschef Peter-Michael Diestel, der auch der letzte DDR-Innenminister war, sagte in der ARD-Sendung Anne Will, er verbinde mit Gauck „das Spaltende, das Zersetzende“, und bewies damit wieder einmal, wie man werden kann, wenn man als Ossi sozialisiert wurde.

Wer die soziale Gerechtigkeit gering achtet, ist irgendwie fast ein Faschist. So in etwa ging die Kalkulation natürlich auch der Linkspartei, die feinstes Gespür für die ideologischen Befindlichkeiten der Berliner Republik bewies, als sie dem Antikommunisten Gauck die Antifaschistin Klarsfeld entgegenstellte. Aber wie so oft sind es am Ende die Lunatics, die politisch Irren, die so lange bohren und drehen, bis sie schließlich den Missliebigen irgendwie mit den Nazis in Verbindung bringen können; wenn es passt, wird diese Denunziation nach dem Schneeball-Prinzip dann sogar medienmächtig – so auch im Fall Gauck, der damit ein Musterbeispiel für das Elend antideutscher „Erfolge“ darstellt. Anfang März trat lautstark der antideutsche Aufpasser Clemens Heni auf den Plan, der in der Vergangenheit bereits Wolfgang Pohrt, Götz Aly, die Bahamas und den Papst als Antisemiten oder sogar Holocaust-Leugner geoutet hatte. Er hatte herausgefunden, dass Gauck 2006 in einem Interview gesagt hatte: „Unübersehbar gibt es eine Tendenz der Entweltlichung des Holocaust. Das geschieht dann, wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird, die letztlich dem Verstehen und der Analyse entzogen ist. Offensichtlich suchen bestimmte Milieus postreligiöser Gesellschaften nach der Dimension der Absolutheit, nach dem Element des Erschauerns vor dem Unsagbaren. Da dem Nichtreligiösen das Summum Bonum – Gott – fehlt, tritt an dessen Stelle das absolute Böse, das den Betrachter erschauern lässt. Das ist paradoxerweise ein psychischer Gewinn, der zudem noch einen weiteren Vorteil hat: Wer das Koordinatensystem religiöser Sinngebung verloren hat und unter einer gewissen Orientierungslosigkeit der Moderne litt, der gewann mit der Orientierung auf den Holocaust so etwas wie einen negativen Tiefpunkt, auf dem – so die unbewusste Hoffnung – so etwas wie ein Koordinatensystem errichtet werden konnte. Das aber wirkt ,tröstlich‘ angesichts einer verstörend ungeordneten Moderne. Würde der Holocaust aber in einer unheiligen Sakralität auf eine quasi-religiöse Ebene entschwinden, wäre er vom Betrachter nur noch zu verdammen und zu verfluchen, nicht aber zu analysieren, zu erkennen und zu beschreiben.“ (6) Bei Heni setzte als anständigem deutschen Antifaschisten sofort der Skandal-Reflex ein, als er das Wort „Einzigartigkeit“ vernahm. Da wollte doch, dachte er bei sich, jemand bestreiten, dass die Deutschen das größte, monströseste und in allen Belangen einzigartige Verbrechen der Menschheitsgeschichte zu verantworten haben. Henis Stolz war verletzt und er kommentierte dementsprechend harsch: „Diese Passage aus einer Rede von Gauck vor der Bosch-Stiftung von 2006 ist antisemitisch, weil sie die Erinnerung an Auschwitz verhöhnt und abwehrt“ (7). Ein bemerkenswertes Argument, das nicht nur völlig blind gegenüber der staatstragenden Funktion einer bestimmten Form des Erinnerns ist, sondern mit dem Zitierten rein gar nichts zu tun hat. Wie jeder nachvollziehen kann, der des Lesens mächtig ist, „verhöhnte“ Gauck das Erinnern an den Holocaust nicht, sondern mahnte ganz im Gegenteil an, ihn „zu analysieren, zu erkennen und zu beschreiben“. Er kritisierte eine pseudo-religiöse Verklärung des Holocaust als eines mythischen Ereignisses, das anonymen Kräften des Bösen entstamme und sich jeder Analyse entziehe. Darüber hinaus bemerkte er treffend, dass der negative Bezug auf Auschwitz eine sinnstiftende Funktion hat, die einen „psychischen Gewinn“ bedeutet, der weder den Überlebenden nützt noch etwas damit zu tun hat, für die Zukunft zu verhindern, dass Ähnliches sich wiederholen kann. Heni übersah, dass Gauck keineswegs die Einzigartigkeit des Holocaust infrage gestellt hatte, sondern eine ganz bestimmte Form von Singularität. Dass die Vernichtung der europäischen Juden einzigartig in dem Sinne war, dass eine hochindustrialisierte und aufgeklärte Nation sich zur klassenübergreifenden Volksgemeinschaft konstituierte, indem sie eine „Gegenrasse“ halluzinierte, ausplünderte, verfolgte und schließlich vollständig und global zu vernichten versuchte – unabhängig vom Verhalten jedes einzelnen Juden –, hat Gauck nie bestritten. Auch die motivierende Kraft einer spezifischen Form von Antisemitismus, die in einer Jahrhunderte alten Tradition steht, ist im Falle des Holocaust tatsächlich als singulär anzusehen. Um jedoch diese Besonderheiten erkennen zu können, ist der Vergleich mit anderen, selbstredend auch singulären Verbrechen durchaus vonnöten. Die massenhafte Ermordung der Armenier durch die Jungtürken etwa diente Adolf Hitler als Vorbild; die Niedermetzelung der Herero durch deutsche Kolonialtruppen im Gefolge der Aufstandsbekämpfung folgte ebenfalls einem Imperativ genozidaler Vernichtungslogik; und den Blutorgien in Ruanda und Kambodscha lag durchaus ein ähnliches Prinzip wie das der „Gegenrasse“ zugrunde. Daraus ergibt sich keine Relativierung der Einzigartigkeit des Holocaust, aber es zeigt, dass die Grenzen der Vergleichbarkeit durchaus fließend sind. Die Vernichtung der europäischen Juden war eine von Menschen begangene Tat, deren Motive, Handlungen und Beziehungen man untersuchen und begreifen muss, um einer nur floskelhaften und inhaltslosen Behauptung von „Singularität“ zu entgehen. Und genau darum ging es Gauck.

Schweinejournalismus gegen Gauck

Doch so hanebüchen Henis Kritik auch gewesen sein mag, sie war nicht dumm genug, dass sie nicht eifrig im Internet herumgereicht und von einem anderen Antideutschen, nämlich Denis Yücel, in der Taz positiv aufgegriffen werden konnte, der Gauck unter expliziter Bezugnahme auf Heni ebenfalls eine „Verharmlosung des Holocaust“ vorwarf und sich dabei einer besonders perfiden Argumentation bediente: „Dabei ist die Rede von der ‚Ersatzreligion Auschwitz‘ weder sonderlich deutsch noch sonderlich klerikal. Immer aber ist sie, ob im Munde eines Neuen Rechten, Linken oder sonst wem, Ausdruck eines Antisemitismus der nicht trotz, sondern wegen Auschwitz argumentiert. Oft in Form des an Juden oder Israelis gerichteten Vorwurfs, aus Auschwitz Profit zu schlagen; bei Gauck als unterstellter ‚psychischer Gewinn’“ (Taz, 22.2.2012). Dass Jürgen Trittin ausnahmsweise einmal Recht hatte, als er in der ZDF-Talkshow von Maybrit Illner der Taz auf Yücels Artikel hin „Schweinejournalismus“ vorwarf, ergibt sich schon daraus, dass Gauck gar nicht von einer „Ersatzreligion Auschwitz“ gesprochen hatte, obwohl Yücel suggerierte, es handele sich um ein authentisches Zitat. Auch dass Gauck den „psychischen Gewinn“ weder Israelis noch Juden zuschrieb, war Yücel egal, Hauptsache, das Gerücht war in der Welt.

Und das war es. Alan Posener sekundierte Yücel, indem er noch eine weitere Textstelle aus dem Gauck-Interview zitierte. Da heißt es etwas kryptisch: Es ist eine verstörende Wahrheit, dass das, was Demokratie, Rechtsstaat, Grundrechte und Gewaltenteilung fördert, gleichzeitig auch eine Steigerung der Rolle der Rationalität mit sich bringt, wobei Rationalität in diesem Zusammenhang die Rationalität derer ist, die ihre antihumanen Ziele definieren und sie perfekt und zweckorientiert zu erreichen wissen. Und wenn der Zweckrationalität der jeweiligen Macht keine moralischen Gegenkräfte entgegenstehen [...], ist eine Gefahr im Verzug, die zu Katastrophen wie dem Holocaust führen kann.“ Problematisch an dieser Aussage ist sicherlich, dass Gauck nicht benennt, was genau denn Demokratie und Rechtsstaat fördere und zugleich eine Rationalität vorantreibt, die bis zum Holocaust führen könne. Diese Unklarheit lädt nicht nur zu Spekulationen ein, sondern erzwingt sie geradezu. Die Antwort, es sei der prozessierende Wert einschließlich seiner fetischistischen Bewusstseinsformen, der all dies vermag, wäre die richtige, aber sicher nicht die Gaucks. Unbestreitbar aber richtete er sich mit seiner Einlassung gegen eine bestimmte Form der Rationalität, die eine Begleiterscheinung der Demokratie sei. Diese Rationalität sei von den Nazis für inhumane Ziele in Dienst genommen worden, und weil der Gesellschaft moralische Resistenzkräfte gefehlt hätten, hätte sie sich durchsetzen können – bis hin zum Holocaust. Das mag eine etwas schlichte Sichtweise sein, aber Poseners denunziatorischen Kommentar rechtfertigt sie trotzdem nicht. Posener schrieb: Was der Antisemitismus, was der geradezu hysterische Hass auf Juden, der zum Mord an Alten, Frauen, Kindern führte, mit Rationalität zu tun hat, bleibt Gaucks Geheimnis. [...] Die Verwechslung der Zweckrationalität etwa des industriellen Massenmords mit dem Rationalismus der Aufklärung ist eine ebenso perfide wie verbreitete rhetorische Figur […] moderner Christen“ (8). Ganz dreist verdrehte Posener hier Gaucks Aussage. Der hatte nämlich überhaupt nichts verwechselt, sondern sehr präzise angegeben, welche Form von Rationalität er meinte, nämlich eine rein zweckorientierte – also eben jene Rationalitätsform, die Dan Diner in seinem bekannten Zivilisationsbruch-Aufsatz zum Gegenprinzip der Shoah stilisiert hatte, um sich vom geschichtswissenschaftlichen Funktionalismus abzugrenzen (9). Dass Posener sich genau wie Yücel auf Dan Diners These stützte, um den Begriff der Rationalität zu retten, ist bemerkenswert. Noch aufschlussreicher ist allerdings, dass beide hinter Dan Diner zurückfielen, als sie den guten vom schlechten Rationalismus abspalteten. Um jeden Preis soll offenkundig der Zusammenhang von blinder Herrschaft und Antisemitismus, wie ihn Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung dargestellt haben, zum Verschwinden gebracht werden. Dabei war doch gerade dies Adornos Kritik der postnazistischen Demokratie – nicht die hohlen Phrasen von „Verantwortung“, „Schuld“ und „Zivilisationsbruch“, die einzig dazu geeignet sind, die Gegenwart gesundzubeten. Poseners „Rationalismus der Aufklärung“ hat eben, das weiß jeder, der auch nur einmal in die Dialektik der Aufklärung geschaut hat, keine Zivilisation konstituiert, mit der die Nazis dann gebrochen hätten, sondern er trug von Anfang an den Verrat an der Vernunft in sich, indem er die Herrschaft rationalisierte, die das Überleben der Menschheit – vom individuellen Glück ganz zu schweigen – niemals als Zweck, sondern immer nur als Mittel betrachtete und es damit im Krisenfall entbehrlich machte. Gerhard Scheit bringt diesen Gedanken in seinem aktuellen Buch auf den Punkt, wenn er über Max Weber schreibt, dieser reduziere „Rationalität auf die Relation von Mitteln und Zwecken“, aber nehme „die Zwecke selbst von dieser Bestimmung“ aus: „Dass sie selber irrational sein könnten, läßt sich mit diesem Begriff von Vernunft gar nicht fassen, sondern nur mit einem, der [...] die Selbsterhaltung des Einzelnen als Allgemeines formuliert und eben darin den positiven Zweck setzt, dem das automatische Subjekt des Kapitals spottet, weil es in allem nur negative Allgemeinheit ist und Selbsterhaltung des Einzelnen im besten Fall als Mittel setzt“ (10).

Moderne Zweckrationalität

Solche Erkenntnis muss abwehren, wer die bestehende Gesellschaftsordnung trotz aller gegenteiligen Erfahrungen für vernünftig hält. Es handelt sich bei dieser Abwehr nicht um eine Lappalie, um eine „Meinung“, über die man so oder anders urteilen könnte, denn sie führt direkt ins Ressentiment. Ausgerechnet der sonst so kluge Richard Herzinger stellte im Fall Gauck unter Beweis, wie schnell die positivistische Antisemitismuskritik, die sich auch nach Auschwitz ganz unbefangen auf die instrumentelle Vernunft glaubt berufen zu können, in Ideologie umschlägt, wenn sie ihre eigenen Voraussetzungen nicht mitreflektiert. Obwohl Herzinger Gauck eigentlich gegen Heni und Yücel hatte verteidigen wollen, musste er, abgesehen von ein paar Bekenntnissen zum Antitotalitarismus, ihnen letztlich doch in ihrer Kritik an Gaucks Skepsis gegenüber einer bloß formalen Rationalität zustimmen: „Und Gaucks Versuch, die Vernichtungsmaschinerie des Nationalsozialismus (wie auch des Kommunismus) einmal mehr der entfesselten modernen ‚Zweckrationalität‘ in die Schuhe zu schieben, wiederholt die notorischen zivilisationskritischen Reflexe, die gerade in Deutschland regelmäßig jede intellektuelle Durchdringung des Wesens des Totalitarismus und jede präzise Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der spezifischen Vernichtungsprinzipien von Nationalsozialismus und Kommunismus in einer sentimental-schwammigen Pauschalklage über die vermeintlich ach so furchterregende Moderne untergehen lassen. Dabei brauchte sich Gauck, um zu seiner Warnung vor der schlimmen, entfesselten ‚Zweckrationalität‘ als dem Motor totalitärer Verbrechen zu gelangen, jedoch gar nicht bei irgendwelchen rechtskonservativen Quellen zu bedienen. Exakt diese irreführende Argumentationsfigur findet sich etwa auch in Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Dialektik der Aufklärung, die ‚aufgeklärten‘ Linken bis heute als eine Art Kultbuch gilt. Als anrüchig gilt sie in diesem Kontext aber niemandem“ (11). Dass jener Zweckrationalismus kein positiver Inhalt, sondern eine Denkform ist, die der auf innerer wie äußerer Herrschaft basierenden Zivilisation entsprungen ist, ignorierte Herzinger ebenso wie die Tatsache, dass die „Aufklärung über die Aufklärung“ (Adorno) keineswegs Zivilisationsfeindschaft ist, sondern ganz im Gegenteil dem humanen Potential der Zivilisation die Treue hält. Wer die Nazis nicht zu Wesen aus einer fremden Galaxie erklären will, der wird nicht darum herumkommen, ihr Denken und Wirken auf die Zivilisation, deren Sprösslinge sie zweifelsohne sind, zu beziehen. Die Zivilisationsfeindschaft der Nazis, die sich im Antisemitismus konzentrierte, setzte ja bereits das Scheitern der Zivilisierung voraus, weil die herrschende Gesellschaft einzig auf Opfer und Unterdrückung statt auf Entfaltung und Versöhnung hinausläuft.

Bei Herzinger, Posener, Yücel und Heni ist von Zweifeln am „Rationalismus der Aufklärung“ jedoch nichts zu spüren. Dass die Deutschen, während sie Millionen Menschen töteten, Kant, Goethe und Schiller lasen, Beethoven hörten, und in den Führungsetagen geradezu antichristlich eingestellt waren (12), kommt bei Posener nicht vor (ebenso wenig übrigens der Antisemitismus der Aufklärer). Er kennt nur die Frontlinie Aufklärung versus Gegenaufklärung, ganz so, als gebe es keinen historisch-logischen Nexus, der das eine mit dem anderen aufs Engste verbindet. Dabei müsste Posener doch stutzig werden, wenn er ausgerechnet den Hass auf die Schwächsten in der Gesellschaft – die Juden einschließlich der Alten, Frauen und Kinder – als Indiz dafür nimmt, der Holocaust habe mit Rationalität nichts zu tun. „Die Wut entlädt sich auf den“, schreiben Adorno und Horkheimer, „der auffällt ohne Schutz.“ Das nackte, bestialische Eigeninteresse wird dem Bürger in der warenproduzierenden Gesellschaft zur zweiten Natur. Er hält sich an denen schadlos, von deren Reaktion er keinen Nachteil fürchten muss und wartet auf Sanktionierung durchs Kollektiv. Dass der Nutzen, den sich der Einzelne von seinem Handeln verspricht, selbst nicht vernünftig sein muss, ja, dass er im Gegenteil von seiner ganzen Anlage her sogar vollkommen wahnsinnig sein kann, ist dabei unbestritten. Doch die Zweck-Mittel-Relation war bei den Nazis keineswegs vollkommen ausgeschaltet. Die Juden wurden nicht ermordet, um sich ihren Besitz anzueignen (obwohl das natürlich geschah), sondern weil damit ein Lustgewinn verbunden war, den Saul Friedländer treffend als „Erlösungsantisemitismus“ charakterisiert hat. Die These vom nüchternen, bürokratischen Akt einer „negativen Fabrik Auschwitz“ (Moishe Postone) ist hingegen, zumindest in ihrer Ausschließlichkeit, empirisch unhaltbar. Noch der angebliche Schreibtischtäter Eichmann hatte eine so starke affektive Bindung zu seinen Opfern, dass er Jiddisch lernte. Insofern ist nicht einmal unbedingt der Hass für den „Erlösungsantisemitismus“ kennzeichnend gewesen. Die Juden waren für die Nazis gerade keine bösen Individuen, die man bei besserem Verhalten auch lieben könnte, sondern physische Erscheinungsformen einer metaphysischen gnostischen Macht, eines diabolischen Gegenprinzips. Die Ermordung der Juden war aus dieser buchstäblich wahnsinnigen Perspektive eine Notwendigkeit, deren Vollzug Satisfaktion brachte – Irrationalismus in der Form der Rationalität. Erlösung im Angesicht der Apokalypse – das ist ein Zweck, wenngleich auch einer, der einer pseudoreligiösen Sphäre angehört. Um diesen Zweck zu erreichen, was im Wahn der Nazis bedeutete, restlos alle Juden auf der Welt umzubringen, bedienten sie sich nicht nur taktischer und strategischer Schachzüge, sondern ordneten dem primären Ziel alles andere unter, letztlich sogar den Fortbestand ihrer Herrschaft.

Mythische Singularität

So wenig sich Yücel und Posener mit dem auseinandergesetzt hatten, was Gauck wirklich gesagt hatte, so sehr nutzten sie den herbei geschriebenen Skandal als Anlass, den zukünftigen Bundespräsidenten mit Dreck zu bewerfen. Man wollte mit aller Kraft daran mitarbeiten, dessen Amtsübernahme doch noch zu vereiteln oder ihm zumindest von vornherein das Amt so schwer wie möglich zu machen. Dabei kam es zu einem merkwürdigen überparteilichen Bündnis, wie es in Deutschland immer dann zustande kommt, wenn es finster wird. Der liberale Antikommunist Posener befand sich auf einmal Seit’ an Seit’ mit der Linkspartei, die Gauck selbstredend vor allem wegen dessen Stasi-Verfolgung hasst. Als Vermittler zwischen beiden agierte Micha Brumlik, der Yücels und Poseners Vorwurf der Holocaust-Relativierung in der Taz vom 24. Februar 2012 mit Gaucks Antitotalitarismus in Verbindung brachte. Da Gauck vor 15 Jahren im Schwarzbuch des Kommunismus über die DDR geschrieben hatte, dass diese ebenso totalitär gewesen sei wie der Nationalsozialismus, lag der Vorwurf nahe. Und tatsächlich ist ja auch ein Totalitarismusbegriff, in dem alle Katzen grau sind, denkbar ungeeignet, irgendetwas Spezifisches über die sei’s nationalsozialistische, sei’s preußisch-sozialistische Herrschaftsform zu erfahren. Doch eigenartig war es schon, dass Brumlik just zu einem Zeitpunkt den alten Text herauskramte, als bekennende und heimliche Stalinisten von der Linkspartei die Einzigartigkeit des Nationalsozialismus betonten, um bloß nicht über ihre Verstrickung in das DDR-Regime sprechen zu müssen.

Denn Gauck hatte ja, anders als seine Gegner behaupteten, den Holocaust in seiner Rede vor der Bosch-Stiftung gar nicht relativiert. Ganz im Gegenteil: Er hatte darauf hingewiesen, dass der Holocaust nicht mythisiert werden darf, weil er sonst dem Begreifen (das nicht mit einem Verstehen gleichzusetzen ist) entzogen wird. Genau das aber rührt an das Betriebsgeheimnis der Bundesrepublik: Die Rechtfertigung allen Tuns aus einer „Lehre aus Auschwitz“, wobei der Ort, an dem Millionen Juden ermordet wurden, zusehends zu einer bloßen Chiffre für „das Böse“ wird. Genau das ist jene Pseudo-Religiosität, die Gauck sehr zu Recht kritisiert hatte. Die nüchterne – d.h. empirisch gesättigte und ideologiekritische – Auseinandersetzung mit dem Holocaust, die immer wieder auf die Bedingungen und Motive des eigenen Fragens und Handelns reflektiert, ist die Voraussetzung dafür, ideologische Kurzschlüsse ebenso kritisieren zu können wie die tatsächliche Gefahr einer Neuauflage des Holocausts – etwa mittels iranischer Atomwaffen – erkennen zu können. Doch davon ist hierzulande nicht viel zu spüren. Es gibt in Deutschland nicht einmal ein breites Wissen darüber, was die eigenen Großväter taten. Stattdessen gibt es ein Mahnmal, um das „andere Nationen uns beneiden“, wie es der Historiker Eberhard Jäckel so treffend wie affirmativ formulierte. Es ist wohl auch kein Zufall, wenn eben jener Jäckel den Holocaust so einzigartig findet, dass er wegen Auschwitz den Genozid an den Armeniern durch das jungtürkische Regime und Hunderttausende mitmordende Türken und Kurden in den Jahren 1915 ff. so klein redete, also relativierte, wie sonst nur die türkische Regierung: „Die Morde an den Armeniern im Ersten Weltkrieg im Osmanischen Reich waren eher von Morden begleitete Evakuierungen, und sie vollzogen sich im eigenen Lande“ (13).

Um auf Joachim Gauck zurückzukommen: So einen hatte man nicht gewollt, und es blieb zwischenzeitlich fraglich, ob er die fünf Jahre Amtszeit wirklich überstehen würde. Doch dass er das Potential zu einem echt deutschen, also „ehrenhaften“ und „würdevollen“ Bundespräsidenten hat, ist leider wahr. Bereits 2010 zeigte er der Ostsee-Zeitung, was er kann: „Bundespräsidenten-Kandidat Joachim Gauck hat die besondere Beziehung zwischen Deutschland und Israel bekräftigt. Deutschland werde sich nie aus der Solidarität mit Israel entfernen, sagte der von SPD und Grünen ins Rennen geschickte Bewerber am Samstag in Rostock bei einem Stipendiatentreffen des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Sicher gebe es viele berechtigte Gründe für Kritik an Israel – etwa bei der Siedlungspolitik. Aber: ‚Unsere historische Schuld ist so groß, dass wir wahrscheinlich das letzte europäische Land sein werden, das sich von Israel trennt – so wird es sein.’“ (Ostsee-Zeitung, 12.6.2010; Hervorh. P.L.) Die unverhohlene Drohung, die Gauck hier ausstieß, verweist darauf, dass er, wiewohl sein Nörgeln am sozialen Volksstaat die deutsche Öffentlichkeit verstörte und verärgerte, doch im Zweifel weiß, wen man als oberster Repräsentant der Deutschen wirklich zu kritisieren hat: Wenn schon nicht die Banker, dann wenigstens Israel. Und so beeilte sich Gauck auch, als er erstmals in seiner Funktion als Bundespräsident nach Israel reiste, den Israelis, vor allem aber der deutschen Bevölkerung klar zu machen, dass Deutschland Israel in einem möglichen Krieg mit dem Iran ganz sicher alleine lassen würde und wiederholte seine Drohung: „Deutschland sollte das allerletzte Land sein, das Israel seine Freundschaft und Solidarität aufkündigt“ (Zit. n. Die Zeit, 29.5.2012). Verknüpft war diese Ansage mit einer Kritik der israelischen Siedlungspolitik, einem Bekenntnis zum „berechtigten Anliegen“ der Palästinenser und einem für alle Anwesenden bewegenden Besuch in der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem. Man hätte das wissen können. Yücel und Co. wollen es nicht wissen, zu sehr waren sie damit beschäftigt, Gauck etwas nachzuweisen, was nicht nachzuweisen war, weil sie selbst Teil des großen deutschen Selbstgesprächs sind, das sich immer um kollektive Verantwortung und Schuld dreht, aber niemals auf Erkenntnis und Kritik aus ist.

Philipp Lenhard (Bahamas 63/21012)

 

 

Anmerkungen:

 1) Abgedruckt in: Cee Ieh. Conne Island Newsflyer, Nr. 8 (1995). Online auf: www.conne-island.de/nf/8/13.html.

 2) Damit wiederum – aber in vermittelter Weise – steht letztlich der Einzelne, der sich dieser Mehrheit bereitwillig anschließt, in der Kritik und soll zur Einsicht in die objektive Unvernünftigkeit seines Tuns gedrängt werden. Allerdings ist es eine zentrale Einsicht der Kritischen Theorie, dass dieses Unterfangen um so eher scheitern muss, je pathischer die Projektionen des kritisierten Subjekts sind.

 3) Der Fall Martin Walser zeigt allerdings, dass der Ausschluss des Antisemiten dann doch nur ein vorübergehender ist. Erst distanziert man sich beflissen, um dann, wie Frank Schirrmacher am Grabe Joachim Fests, doch wieder Frieden zu schließen. Vgl. dazu Carl Wiemer: Das Gesetz der Sippe. Über den Zusammenhang von Kulturindustrie, Talentlosigkeit und Antisemitismus am Beispiel der Familie Walser, in: Jungle World, Nr. 34 (2010). Im Fall Grass ist es ganz ähnlich gelaufen – nur im Zeitraffer.

 4) Wolfgang Pohrt: FAQ, in: Ders.: FAQ, Berlin 2004, S. 22.

 5) www.zeitverlag.de/pressemitteilungen/joachim-gauck-antikapitalismusdebatte-ist-unsaglich-albern/

 6) Zit. n. http://clemensheni.net/2012/02/20/ein-politisch-kultureller-super-gauck-antisemitismus-halt-einzug-ins-schloss-bellevue/

 7) Ebenda.

 8) http://starke-meinungen.de/blog/2012/02/28/der-pfarrer-als-prasident-joachim-gauck-und-der-holocaust/

 9) Vgl. Dan Diner: Zwischen Aporie und Apologie. Über Grenzen der Historisierbarkeit des Nationalsozialismus, in: Ders. (Hg.): Ist der Nationalsozialismus Geschichte? Zu Historisierung und Historikerstreit, Frankfurt/M 1988, S. 62–73. Zur Kritik vgl. Uli Krug: Ewiges Rätsel Auschwitz. Über die Unfähigkeit, den säkularen Zivilisationsschwund auf den Begriff zu bringen, in: Bahamas, Nr. 25 (1998).

 10) Gerhard Scheit: Quälbarer Leib. Kritik der Gesellschaft nach Adorno, Freiburg i. B. 2011, S. 39.

 11) http://freie.welt.de/2012/02/29/beate-klarsfeld-und-die-antifaschistishe-anti-gauck-strategie-der-linkspartei/

 12) Es sei dazu gesagt, dass Posener Religion – insbesondere das Christentum – generell für antiaufklärerisch hält.

 13) Eberhard Jäckel: Über die Einzigartigkeit des Mordes an den Europäischen Juden, in: Mitteilungen aus dem Bundesarchiv, Heft 1/2005, S. 10.