Liebe repräsentiert die Gemeinschaft nicht

Warum Antifa und Zivilgesellschaft sich wegen einer Ruderin um das Ansehen des Vaterlandes sorgten

 

Das Gerücht, Nadja Drygalla sympathisiere mit Neonazis, wurde maßgeblich von der Bild gestreut: „Unter ihren Team-Kolleginnen waren ihre rechtsextremen Ansichten offenbar bekannt.“ (1) Zum Beleg wusste Bild zwar keine Teamkollegin anzuführen, dafür aber eine Politikerin, die es vielleicht schon deshalb wissen muss, weil sie nicht unbedingt zu den Lieblingen der Springerpresse gehört: „[Es] meldete sich auch die Linken-Abgeordnete Petra Pau zu Wort.“ Nicht gegenüber der Bild, sondern „gegenüber der Taz sagte sie: ,Frau Drygalla wird ein strammer Hang ins Nazi-Milieu nachgesagt. Das ist nicht neu und das war nicht unbekannt´“ (2). Der Taz-Artikel mit dem Titel „Rechte Schlagseite“, auf den sich Bild berief, wurde vom Sport-Chef des Blattes Andreas Rüttenauer, der zuletzt durch seine Spaß-Kandidatur für den DFB-Vorsitz unangenehm aufgefallen ist, und Andreas Speit verfasst, über den man auf Wikipedia erfährt, dass er „zahlreichen renommierten deutschen Medien als Rechtsextremismus-Experte gilt, als solcher zitiert und interviewt wird und Referent bei den Landeszentralen für politische Bildung, beim Deutschen Gewerkschaftsbund, bei der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Medienakademie von ARD/ZDF ist.“ Ein ganzer zivilgesellschaftlicher Kerl also, der es bis in den Plenarsaal des Sächsischen Landtages geschafft hat, um dort vor den Fraktionen sein Expertenwissen über die deutsche Neonazi-Szene auszubreiten. Solchen Qualitätsjournalisten war es offensichtlich ein Bedürfnis, die Lüge der Genossin Pau nicht infrage zu stellen, sondern genüsslich zu zitieren. Es blieb Rüttenauer vorbehalten, rund anderthalb Monate später wutschnaubend zu konstatieren, dass Drygalla immer noch eine öffentlich geförderte Spitzensportlerin „zur internationalen Repräsentation ihres Vaterlandes“ sei. Seine Erklärung für diesen Skandal war ganz auf der Höhe der Zeit: „Vielleicht ist ja Drygalla längst für Verfassungsschutzbehörden tätig. Das würde zumindest erklären, warum sich Politiker und Behörden so sehr um das Wohl und den Schutz der Ruderin bemühen“ (Taz, 20.10.12). Die Vorliebe für derartige Verschwörungstheorien ist nach dem Auffliegen des NSU und dem einschlägigen Versagen des Verfassungsschutzes beileibe kein Alleinstellungsmerkmal eines Taz-Sportchefs.

Richter Gnadenlos für die gute Sache

Die Bild-Zeitung hat sich für ihre üble Denunziation natürlich nicht entschuldigt. Immerhin war noch während der Olympischen Spiele in London auf Seite drei der Ausgabe vom 06.08. zu lesen: Der Nazi-Skandal im deutschen Team. Am Freitag hatte Achter-Ruderin Nadja Drygalla (23) das olympische Dorf verlassen, nachdem ihre Liebe zum (bisher) NPD-Kandidaten Michael Fischer (24) bekannt geworden war. Gestern traf sie sich in ihrem Rostocker Ruderclub mit einem Reporter der Deutschen Presseagentur (dpa). Bild druckt das Interview im Wortlaut ab.“ Unter anderem heißt es darin:

„Frage: Inwiefern haben Sie das Thema zu Beginn Ihrer Beziehung mit ihm (Michael Fischer) besprochen?

Drygalla: Das Ganze kam schleichend. Als wir damals vor viereinhalb, fünf Jahren zusammenkamen, war das noch kein Thema. Es fand seinen Höhepunkt, als er in die Partei eingetreten ist und für die NPD kandidiert hat. Ich muss ganz klar sagen, dass unsere Beziehung davon sehr stark belastet wurde und ich in vielen Diskussionen klar gesagt habe, dass ich diese Meinung nicht teile und da nicht hinter stehe. Als es seinen Höhepunkt fand, haben wir keine fröhliche Beziehung mehr geführt, sie hat unter der starken Belastung gelitten. Es gab auch den Gedanken an Trennung. Ich bin froh, dass ich vor den Olympischen Spielen noch einmal klar gesagt habe, dass es so nicht weiter laufen kann.

Frage: Waren Sie selbst auf (rechtsextremen) Demonstrationen?

Drygalla: Nein, überhaupt gar nicht. Ich habe keine Verbindung in seinen Freundeskreis und diese Szene gehabt und lehne das absolut ab. Bei mir kann man suchen, wie man möchte: Man wird bei mir nichts in diese Richtung finden. […] Ich hoffe, dass manche Sachen in den Medien richtig gestellt werden. Ich habe viele Bilder gesehen, unter denen mein Name stand und vermeintliche Fakten gelesen, die einfach falsch sind. Ich kann das Interesse an dem Thema nachvollziehen, aber die Diskussion läuft seit drei Tagen ohne Kommentare von mir. Dafür ist mit vielen falschen Sachen und Überschriften rumgeworfen worden. Wenn einfach nur die falschen Dinge richtig gestellt würden, wäre ich schon zufrieden.“

Bis zur Drucklegung dieser Bahamas-Ausgabe gab es keinen Beleg dafür, dass Nadja Drygalla im Interview die Unwahrheit gesagt hat. Der Rechtsgrundsatz im Zweifel für den Angeklagten fand auf sie dennoch keine Anwendung. Vor allem Gestalten, die Ihre Existenz im professionalisierten Anti-Neonazi-Business sichern, sogenannte Rechtsextremismusexperten wie Andreas Speit oder Vertreter der Amadeu Antonio Stiftung, legen Wert darauf, dass der Unterschied zwischen dem von ihnen gestreuten Verdacht und der Evidenz verwischt wird. Sie sind sich sicher, dass wer von ihnen verdächtigt wird, es sich selbst zuzuschreiben hat. Anders als bei der Verdachtsbehörde Verfassungsschutz sind Akteneinsicht und der Einspruch auf dem Rechtsweg gegen ihre Verdächtigungen ausgeschlossen. Wer wie Rüttenauer von der Taz dem VS munter unterstellt, er fördere den Rechtsextremismus, darf als Richter Gnadenlos für die gute Sache einfach alles. Deshalb ist natürlich niemand auf den Gedanken verfallen, wegen der die Prinzipien des Rechtsstaates verhöhnenden Einlassungen ihrer Chefin der Amadeu Antonio Stiftung die öffentlichen Mittel zu entziehen. Anetta Kahane hat per Videobotschaft gegen Drygalla verkündet: „Zu sagen ‚Ich distanziere mich‘ heißt noch gar nichts. Wovon distanziert sie sich, von ihrem Freund, von der NPD? Da ist mehr gefragt, da muss sie schon klar sagen, was sie für problematisch hält und was nicht.“ (3) Solche Funktionärsschranzen sind nicht nur unbeeindruckt von der Tatsache, dass ihr Hassobjekt gar keine „Nazibraut“ (Taz) ist, noch nicht einmal die ihr im Verlauf eines beispiellosen Haberfeldtreibens abgepresste persönliche Distanzierung von der Gesinnung ihres Freundes genügte. Von ihrer Kontaktschuld kann Nadja Drygalla erst freigesprochen werden, wenn sie sich von ihrem Geliebten trennt wie von einem eitrigen Geschwür, das scheint auch Nikolaus Schneider, amtierender Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche nahezulegen: „Wenn ein Gottloser von seiner Gottlosigkeit umkehrt, so soll’s ihm nicht schaden, dass er gottlos gewesen ist“, las Schneider bei Hesekiel und bezog den Bibelvers auf Nadja Drygalla. Allerdings betonte der Theologe, „dass die Bibel da einen echten Sinneswandel verlangt“. Die Umkehr, wie sie bei der Ruderin möglich und auch zu verlangen sei, müsse „tatsächlich errungen und ernst gemeint sein“, mahnte Schneider und fügte hinzu, dass „ich es ein bisschen schade fand, dass sich Frau Drygalla erst so spät geäußert hat“. (4) Mit „so spät“ war wohl gemeint, dass Nadja Drygalla sich nicht aus freien Stücken der Meute, die sie abgeschossen hat, präsentiert hat als noch Zeit dazu war, um demütig nachzufragen, ob und unter welchen Bedingungen sie weiter mit Michael Fischer zusammen sein dürfe.

Fehlinformationen und Verschwörungstheorien

Auch die Welt, die bald anderen Sinnes geworden ist und den Antifa-Spuk von Präses Schneider und anderen am 9.8. in einem Kommentar verdienstvoll kritisiert hatte, versuchte am 5.8., noch vor dem Drygalla-Interview, die Antifa-Experten mit deren ureigenen Mitteln zu toppen: „Der Welt am Sonntag liegen Unterlagen vor, wonach die Ruderin durchaus Sympathien für die Gesinnung des Freundes hegt“, teilte man mit vor Stolz geschwellter Brust den Lesern mit. „Auf einem Foto, das Mitglieder der Nationalen Sozialisten Rostock bei einer Demonstration im August 2009 in Malchow zeigt, soll auch Drygalla abgebildet sein, heißt es.“ (5) Das verpixelte Bild zeigte eine wie Drygalla strohblonde Frau, die mit einer Handvoll jugendlicher Neonazis offensichtlich gegen „Kinderschänder“ demonstrierte. Das Foto schaffte es dann bis in die ARD-Tagesschau. Dumm nur, dass Drygalla nicht darauf war.

Diese Falschmeldung hat bei denen, die den „Nazi-Skandal“ (Bild) erst losgetreten hatten einen solchen Konkurrenz-Neid geweckt, dass sie ausnahmsweise die Wahrheit sagten. Noch einen Tag vor der Publikation des Drygalla-Interviews posaunte der Antifa-Blog Kombinat Fortschritt siegesgewiss und voller Stolz in die digitale Welt hinaus: „Unser Bericht über die Neonaziverstrickungen der Nadja Drygalla hat ein breites Medienecho ausgelöst.“ (6) Nach der Veröffentlichung des Fotos erschien das: „Mehrere Journalisten fragten am Samstag bei uns an, ob wir etwas von einer Teilnahme Drygallas an einer Kundgebung im Jahre 2009 im Malchow wüssten. Wir waren zunächst überrascht, denn wenn uns solche Informationen vorgelegen hätten, wären sie natürlich schon längst publiziert gewesen. […] Die Welt hatte […] behauptet, über entsprechendes Material zu verfügen, welches die Ruderin auf einer Kundgebung zeigen würde. Das Foto war uns natürlich bereits bekannt. Und umso überraschter waren wir, dass es Nadja Drygalla zeigen sollte.“ (7) Ein Anlass zur Selbstkritik oder gar Umkehr war das den Bloggern nicht. Von der Wochenzeitung Jungle World ganz solidarisch danach befragt, wer sie denn seien, antworteten die Macher des Blogs Kombinat Fortschritt: „Wir sind Leute aus Mecklenburg-Vorpommern, die sich zu einem Kollektiv zusammengeschlossen haben und schwerpunktmäßig Medienarbeit aus der und für die linkradikale Szene im Bundesland betreiben“ (Nr.32/12) – und, so lässt sich ergänzen, Leute, die offensichtlich mit der Namensgebung signalisieren wollen, dass sie, natürlich ironisch gebrochen, einen durchhaus positiven Bezug zur ehemaligen DDR und der damit verbundenen ostzonalen Denkweise haben.

Verdrängung der eigenen Überflüssigkeit

Der Rechtsextremismus ist nicht mehr nur das alte linke Feindbild, das man braucht, um Staat und Großkonzernen zu unterstellen, sei seien insgeheim präventiv damit beschäftigt, der von linksradikalen Kombinaten ausgehenden kommunistischen Umsturzgefahr mit der Installierung des zweiten Nationalsozialismus zu begegnen. Die Gefahr von rechts ist zum public Enemy der gesamten deutschen Medienöffentlichkeit und der Politik geworden. Die Blogger vom Kombinat Fortschritt haben die von ihnen geleistete „Medienarbeit aus der und für die linkradikale Szene“ längst als Beleg für ausgewiesene Medienkompetenz in ihre Lebensläufe aufgenommen, was ihrer Nachgefragtheit auf dem Arbeitsmarkt steigern wird. Was Zivilgesellschaft vom Linksradikalismus oder der Zusammenschluss zum „Kollektiv“ von nachgefragter Teamarbeit unterscheidet und was daran radikal sein soll, können die Blogger aus Meck-Pomm schon deshalb gar nicht richtig definieren, weil man heutzutage mit den linksradikalen Traditionals der 70er und 80er Jahre wie Antirassismus, Antifaschismus, Antisexismus oder Antikapitalismus überall offene Türen einrennt.

Die linksradikale Szene ist in diversen Projekten der Zivilgesellschaft aufgegangen, auch dort, wo sie ehrenamtlich und noch nicht staatlich finanziert tätig ist. Eines der Projekte, bei denen man für seine Gesinnung Geld verdienen kann, das vom Zeit-Verleger Holtzbrinck und Zeit-Chefredakteur Di Lorenzo initiierte und seit 2009 unter dem Dach der Amadeu Antonio Stiftung angesiedelte „Netz gegen Nazis – Mit Rat und Tat gegen Rechtsextremismus“ wird unter anderem vom Deutschen Fußball-Bund, dem Deutschen Olympischen Sportbund, dem Deutschen Feuerwehrverband und der Deutschen Fußball-Liga unterstützt. Zwar hat das „Netz gegen Nazis“ im Sommer 2012 nicht zur Beteiligung am Deutschlandflaggenklau aufgerufen, alle Argumente gegen den „EM-Patriotismus“ waren aber abrufbar: „Von einem nur positiven Patriotismus kann keine Rede sein“, lautete das Experten-Urteil der Redaktion Ende Juni. (8) Wie positiver Patriotismus auszusehen hat, wurde dann im nationalen Bannfluch gegen Nadja Drygalla so unerträglich denunziatorisch vorgetragen wie es sonst nur die linksradikale Gesinnungspolizei aus den Antifa-Kombinaten der Republik vermag: „Wer als Sportler*in zu den Olympischen Spielen fährt, der misst sich nicht nur in seiner Sportart, sondern repräsentiert auch sein Land, die Ideen die es vertritt und die olympischen Ideale. Kein Wunder, dass es Anti-Rechts-Aktivist*innen noch einmal wichtig war darauf hinzuweisen, dass hier jemand Deutschland repräsentiert, der sich zumindest in einem Umfeld bewegt, das demokratiefeindlich, rassistisch und gewalttätig ist, was den olympischen Werten diametral entgegen steht“ (9). Man könnte als gestandener Anti-Rechts-Aktivist wenigstens so viel über die Geschichte der Olympischen Spiele wissen, dass 1936 Nazideutschland den olympischen Werten anscheinend nicht diametral entgegenstanden hat und zum Beispiel die Nationalmannschaft des republikanischen Frankreich mit der Hand zum deutschen Gruß erhoben an der Führertribüne vorbeidefilierte. Auch könnte man, bevor man den Schutz der Ehre der deutschen Nation gegen eine Ruderin verteidigt, die zu einem demokratiefeindlichen, rassistischen und gewalttätigen Umfeld zwar nachweislich nicht gehört, aber sich „zumindest darin bewegt“, einmal darüber nachgrübeln, ob sich die Arierutopie der flinken, zähen und harten Jugend wirklich so ohne Weiteres von den globalen Idealen eines immer schon fragwürdigen Spitzensportes trennen lässt. Zumindest dachte man bislang, es gebe einen Konsens auch unter Anti-Rechts-Aktivisten, wonach jeder Mensch, egal wo er sich bewegt oder wie er lebt, als Einzel- und nicht kollektivverantwortliches Wesen beurteilt werden müsse. Liest man in demselben Text mit dem Titel „Erst zu viel akzeptieren, dann zu hektisch handeln: Die Affäre um Ruderin Drygalla“ weiter, dann findet man schnell die Antwort, warum im Kampf ums große Ganze auf lästige Einzelschicksale keine Rücksicht genommen werden kann: „Es geht hier nicht um die einzelne Ruderin, sondern um den gesellschaftlichen Umgang mit Rassismus und Rechtsextremismus.“ (ebenda). Und weiter geht es wie in einem Aussteiger-Leitfaden für „antideutsche Linksextremisten“: „Wie viele Menschen billigen rassistischen Islamhasser*innen eine scheinbare Ferne zum Rechtsextremismus zu, nur weil sie aus taktischen Gründen Israelfreundlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben haben? Das geht bis zum Verfassungsschutz, der aufgrund des hier (scheinbar) fehlenden Antisemitismus jahrelang demokratiefeindlichste Gruppierungen und Internetforen nicht beobachtet hat.“ (ebenda) Was hat das alles nur mit Nadja Drygalla zu tun, um die es angeblich gar nicht geht? Hat sie zu allem Elend auch noch eine Israelfahne im Spind?

Gerettet werden soll ein positiver Patriotismus, der so sehr in Gefahr zu sein scheint, dass man sich als neuer Verfassungsschutz dem staatlichen, der mit dem negativen Patriotismus eines Michael Fischer und seinem Umfeld, das hier Drygalla heißt, im Bunde stehen soll, als zivilgesellschaftliche Aufsichtsbehörde an die Spitze stellen will. Nadja Drygalla wird als die Beate Zschäpe eines geheimnisvollen, überall wirksamen NSU, der jederzeit und überall sein schreckliches Haupt erheben kann, vorgeführt. Das Umfeld, in dem sie sich angeblich nur bewegt, ist überall, mithin die Bedrohung für unser aller positiven Patriotismus umso größer, je weniger Taten und Täter man vorweisen kann. Denn mit dem Rechtsextremismus, auch in seiner islamfeindlichen Variante, ist es nicht so weit her. Sogenannte rechtspopulistische Gruppierungen wie Pro-Köln sind überall kläglich gescheitert, die NPD kommt außer in bestimmten Regionen Ostdeutschlands nicht vom Fleck, die Demonstrationen von Kameradschaften und ähnlichen Bünden werden kleiner. Die zivilgesellschaftlichen Protestkundgebungen gegen jeden Nazi-Aufmarsch übertreffen an Köpfen die der angetretenen Nazis um ein Vielfaches und mit den real existierenden Neonazis lässt sich im Westen überhaupt kein Antifastaat machen und selbst im Osten spricht alles für nachlassende Nachgefragtheit.

Über den NSU lässt sich nur sagen, dass er als typisch ostzonales Wendeprodukt nicht Ausdruck des gesellschaftlichen Aufstiegs des Neonazismus, sondern eher von dessen Niedergang ist. Es gab und gibt keine Unterstützerszene für den NSU, die ihren Namen verdienen würde – nahezu die gesamte deutsche Bevölkerung lehnt die NSU-Taten wie die Motive ab. Von „institutionellem Rassismus, Ignoranz und systematischer Verharmlosung“ (Rolf Gössner) durch den Verfassungsschutz kann maximal im Fall des Thüringer Landesamtes die Rede sein, ansonsten war „Schlampigkeit“ (Elmar Schmähling, Ex-MAD-Chef) und „professionelle Dummheit“ (Hans-Georg Engelke, Sonderermittler des Bundesinnenministeriums im Fall vernichteter Verfassungsschutz-Akten mit mutmaßlich brisantem NSU-Inhalt) der Grund für die niederschmetternd schlechte Ermittlungs- und Koordinationsarbeit. NSU-Mescaleros, die sich öffentlich klammheimlich über die Morde freuen, gibt es genauso wenig wie einen derin devlet, einen tiefen Staat, der sich als Geburtshelfer des NSU betätigt hätte – schon gar nicht á la Türkei. Gegen den tiefen Staat spricht schon, dass man Nadja Drygalla selbst in Mecklenburg-Vorpommern wegen ihrer Beziehung zu einem Nazi die Polizeikarriere verwehrt hat. All das macht Leute wie stellvertretend Marion Kraske, die als „Politologin und Publizistin im Auftrag der Amadeu Antonio Stiftung“ tätig ist, nicht irre. Sie zeichnet für eine von der Stiftung herausgegebene Broschüre verantwortlich, die den Titel trägt: „Das Kartell der Verhamloser – wie deutsche Behörden systematisch rechtsextremen Alltagsterror bagatellisieren“. Dieses Heft ist vom Bundesfamilienministerium finanziert worden (10), erschien im Spätsommer 2012 und fand flächendeckend Lob bei öffentlich-rechtlichen wie privaten Radio- und TV-Stationen sowie in unzähligen Print- und online-Medien. (11) Darin wird die Existenz des tiefen Staates wie folgt behauptet: „Opfer rechter Gewalt, Beratungsstellen und Opfervereine kämpfen bundesweit gegen eine Mauer aus Ignoranz und Verharmlosung an. Polizei und Strafverfolgungsbehörden negieren nur allzu oft die politischen Motive von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. In vielen Städten existiert eine Kultur des Wegschauens: Die Opfer werden in ihrer Notsituation allein gelassen, die Täter hingegen erfahren Solidarisierung und können dadurch immer mehr gesellschaftlichen Raum besetzen. Wer das Nazi-Problem offen anspricht, trifft dagegen auf Abwehr, wird gar als ‚Nestbeschmutzer‘ diffamiert.“ Diese haltlosen Unterstellungen, die noch nicht einmal für den größten Teil Ostdeutschlands einen Rest an Wahrheit beanspruchen können, werden mit acht Beispielen illustriert, von denen nur zwei aus dem Westen stammen und eines ausgerechnet eine Straftat zum Gegenstand hat, die mutmaßlich von Migranten begangen wurde. (12) Man bastelt sich seine Existenzgrundlage zurecht, indem man eine diffuse Bedrohung von rechts gerade da suggeriert, wo es ein solches Problem am wenigsten gibt. Timo Reinfrank, der Stiftungskoordinator der Amadeu-Stiftung, räumt zum Beispiel im Vorwort zur Broschüre „einen Unterschied zwischen West und Ostdeutschland“ nur ein, um wenig später zu konstatieren: „Die rechte Szene in Westdeutschland wird von der Öffentlichkeit immer noch massiv unterschätzt.“

Kontaktschuld

An Nadja Drygalla ist eigentlich alles, was man wissen kann und nicht unterstellen muss typisch ostzonal. Sie hielt die Liebesbeziehung zu einem Neonazi-Kader nicht für ein Hindernis für eine Karriere bei der deutschen Polizei und überhaupt passt die Beziehung einer Leistungssportlerin mit Berufswunsch Polizeibeamtin zu einem Neonazi mit Abitur, der ebenfalls geförderter Leistungsruderer und Student der Good Governance an der Uni Rostock war, nicht so recht ins Bild westdeutscher Nazikarrieren. So ostzonal, dass sie als Rostockerin, die einen solchen Freund hat, natürlich zusammen mit dem Zonenmob unter Nazisymbolen gegen „Kinderschänder“ marschiert, wie manche es per Bildfälschung sich zurechtlegten, ist sie dann aber doch nicht.

Doch wen kümmert das. Christian Bangel, einer der Gründer des Netzes gegen Nazis, wo er regelmäßig schreibt, und derzeit amtierender Chef vom Dienst bei Zeit online, knöpfte sich diejenigen vor, die nach der Blamage im Fall Drygalla nicht zur Tagesordnung im Kampf gegen rechts übergehen wollten, als wäre nichts geschehen. Am 13. August stellte er auf Zeit online die Mehrheitsfrage: „Sind wir uns noch einig, dass man Neonazis isolieren sollte?“ (13). Er rechtfertigt Präventivschläge mit einem Rekurs auf die 90er Jahre als die Ostzone ein wirklich heißes Neonaziproblem hatte: „Wenn nämlich Neonazis wieder nur dann auszugrenzen sind, sobald ihnen strafbares Verhalten nachgewiesen werden kann, oder schlimmer: Wenn ihre Ansichten in dieser Demokratie zunächst einmal zu tolerieren sind; dann wäre die Auseinandersetzung mit ihnen auf die neunziger Jahre zurückgeworfen. Deswegen agieren Initiativen gegen Rechtsextremismus auch anhand von Verdachtsmomenten“. Dass Nadja Drygalla eben keine rechtsextremen Ansichten geäußert hat und trotzdem öffentlich nicht etwa verdächtigt, sondern vorverurteilt wurde, interessiert Bangel nicht. Würde man jeden Heimatschützer, gerade auch diejenigen, die darauf achten, dass keine Nazikader auf ihrer Demonstration gegen die Ansiedlung von als Kindermördern verunglimpften Haftentlassenen mitlaufen, politisch genauso „isolieren“ wie Michael Fischer, dann wäre nichts dagegen einzuwenden. Alle Bewohner des sachsen-anhaltinischen Ortes Elend auszugrenzen, wäre dagegen nicht nur eine Untat gegen die dort nachweisbaren Einzelfälle, die sich schützend vor die beiden Männer gestellt haben, sondern auch eine Verunglimpfung jener, die egal aus welchen Gründen, sich öffentlich nicht äußern wollen. Aber im Kampf gegen rechts kommt die Kameradschaft der Kinderschützer natürlich gar nicht vor.

Mit Christian Bangel weiß die Republik: „Es geht längst nicht mehr um Nadja Drygalla selbst. Was man von der Ruderin verlangen konnte, hat sie getan: sie hat sich öffentlich vom Rechtsextremismus distanziert. Damit sollten wir es bewenden lassen. Wie man mit einem lebt, der Antisemitismus und Rassismus propagiert, ist Privatsache“. Dass jemand öffentlich als Naziflittchen und bekennende Rechtsradikale durch die Gassen getrieben wurde, darum geht es nicht mehr, sie hat ihr Fett weg und darf wieder privat sein. Wer die Bilder von Nadja Drygalla aus den Tagen nach ihrer Entfernung aus dem Olympiakader gesehen hat, kann leicht erahnen, was dieser Frau mit einer auf „Verdachtsmomenten“ gründenden Pädagogik ganz privat angetan worden ist.

Liebe als Volksschädling

Niemand außer den beiden weiß, was Nadja Drygalla und Michael Fischer verbindet. Nach der Causa Drygalla aber weiß man einiges mehr über das Denken von Leuten, deren Leitmotiv in Sachen Sexus und Geist vor Jahren ein Anti-Rechts-Aktivist an eine Friedrichshainer Hauswand gesprüht hat: „Sexualität ist eine Sache des Kopfes“. Nie wurde der genauso sexualitäts- wie geistfeindliche Gehalt der Gender- und Queertheorien besser auf den Punkt gebracht. Dass diese Theorien zum Standard-Rüstzeug aller Anti-Rechts-Aktivisten gehören und unter allen Zivilgesellschaftlern die Vorstellung weit verbreitet sein dürfte, dass Trieb und Lust in die Form politischer Korrektheit gepresst werden müssen, darf man getrost unterstellen. Entsprechend ratlos und angewidert, zwischen geheucheltem Mitleid und blankem Hass schwankend, zog die Redaktion vom Netz gegen Nazis ihr Resümee über eine Liebe, die es einfach nicht geben darf: „Das einzige, auf das sie (Drygalla) offenbar nicht bereit ist zu verzichten in ihrem Leben, ist der rechtsextreme Freund. In der Mediendebatte dieser Tage ist viel zu lesen davon, dass das wahre Liebe sei. Es könnte natürlich auch ein Festhalten an der rechtsextremen Ideologie sein. Oder eine Art von psychischer Abhängigkeit. Vielleicht sogar Angst. Man weiß es nicht“ (a.a.O.). Dass „wahre Liebe“, was immer das letztlich auch sein mag, nicht ohne „psychische Abhängigkeit“ denkbar ist und die Hingabe an den Partner oft nicht ganz frei von der „Angst“ ist, ihn und vielleicht ja auch sich selbst verlieren zu können, scheint völlig unbekannt zu sein. Man hat schließlich den poppig aufgemachten, von der Bundeszentrale für politische Bildung als „Anti-Beziehungsratgeber“ empfohlenen Bestseller Liebe wird oft überbewertet der „Ikone des Neofeminismus“ (Tip) Christiane Rösinger längst gelesen. Spätestens seither weiß man nicht nur alles über die zu bekämpfende „Romantische Zweierbeziehung (RZB)“, die „paarnormative Gesellschaft“ und die bösartige „heterosexuelle Zwangsmatrix“, sondern auch über jene, die perfiderweise die Liebe über alles stellten: „Die Wissenschaftler der Frankfurter Schule, die an die Theorien von Marx, Hegel und Freud anknüpften, entwarfen eine Kapitalismuskritik, in der die Liebe einen Ehrenplatz einnahm“ (Frankfurt 2012, S. 81, Hervorh. S.P.), schreibt Rösinger verächtlich und macht sich damit zum Lautsprecher einer immer weiter fortschreitenden nicht nur liebesfeindlichen Welt der kollektiven Gesinnung, der die Privatheit vollends ausgeliefert werden soll. Wer Rösinger zustimmt, liebt nichts außer der verhärteten Gesellschaft, die sich in den Anklagen gegen Konsensfeinde stets erneuert. „Auf die Liebe zu Steinmauern und vergitterten Fenstern verfällt jener, der nichts Anderes zum Lieben mehr sieht und hat“ (Adorno: Minima Moralia, Berufungsinstanz). Diese Liebe zur Unterwerfung unter das Kollektiv kann die Erinnerung daran, dass etwas anderes möglich sei, nicht ertragen. Jemandem treu zu bleiben, den die Gesellschaft als nicht liebenswert bewertet hat, gilt als Ausdruck tief sitzender Asozialität. Die Liebe muss eliminiert werden, damit die Gesellschaft ihre Ruhe hat, auf keinen Widerspruch stößt und alle sich in der Gemeinschaft der Demokraten so gleich sind, dass nur noch ihr die Treue gehalten werden kann. „Der Befehl zur Treue der Gesellschaft, den die Gesellschaft erteilt, ist Mittel zur Unfreiheit, aber nur durch Treue vollbringt Freiheit Insubordination gegen den Befehl der Gesellschaft“ (Minima Moralia, Constanze).

Im Fall Drygallas heißt das: Sofortige Trennung von Fischer und öffentliche Abbitte oder gesellschaftliche Isolierung. Der Kampf gegen Rechts in einer immer liebloseren Gesellschaft meint das erzwungene Bekenntnis zur „richtigen“ kollektiven Gesinnung und wird so lange bestehen bleiben, bis an die Stelle des Rechtsextremismus und seines Umfelds ein anderes Objekt kollektiver Verfolgungslust tritt. „Ohne Liebe, die letzten Endes dem Erotischen sich verdankte, gebiert Gemeinschaft das kollektive Bekenntnis, das zum Fanatismus tendiert“ (Horkheimer: Notizen, GS Bd. 6, Frankfurt 1991, S. 419). Als wollten sie Horkheimers Ahnung bestätigen, gaben die Mitglieder des linksradikalen Medien-Kollektivs Kombinat Fortschritt öffentlich zu Protokoll: „Wir wurden in den vergangenen Tagen von konservativen Medien häufig gefragt, ob wir das Schicksal von Nadja Drygalla nicht bedauern, ob wir Fehler gemacht haben. Wir haben kein Mitleid mit Nadja Drygalla“ (Freitag, 17.08.12). (14)

Sören Pünjer (Bahamas 65-2012/13)

 

 

 

Anmerkungen:

1) www.bild.de/news/standards/olympia-2012/walter-m-straten-25485480.bild.html, 03.08.12

2) www.bild.de/sport/olympia-2012-london/olympia-team-deutschland/nazi-verdacht-gegen-deutsche-ruderin-25473270.bild.html, 04.08.2012

3) www.stern.de/sport/olympia/olympia-2012/drygalla-freund-michael-fischer-experten-zweifeln-an-ausstieg-aus-der-rechten-szene-1873427.html

4) www.welt.de/politik/deutschland/article10 8514191/Praeses-Schneider-fordert-Reue-von-Nadja-Drygalla.html, 07.08.12.

5) www.welt.de/sport/olympia/article108480866/Ruderin-Drygalla-selbst-in-rechte-Szene-verstrickt.html, 05.08.12

6) http://kombinat-fortschritt.com/2012/08/05/der-vergessene-skandal-%E2%80%93-anmerkungen-uber-eine-schiefe-debatte/

7) http://kombinat-fortschritt.com/2012/08/05/zu-den-einlassungen-nadja-drygalla/

8) www.netz-gegen-nazis.de/artikel/em-patriotismus-gef%C3%A4hrliche-liebe-zu-deutschland-7782, 22.06.12

9) www.netz-gegen-nazis.de/artikel/aff%C3%A4re -um-ruderin-drygalla-7879, 09.08.12; gegenderte bzw. transgenderte Schreibweise im Original

10) www.welt.de/politik/deutschland/article108618392/Wo-der-Westen-mit-dem-Osten-gleichgezogen-hat.html

11) Genannt seien repräsentativ: dpa, Die Welt, Deutschlandfunk, ARD-Tagesschau, Jüdische Allgemeine, Bayerischer Rundfunk sowie Taz, Neues Deutschland und Jungle World sowieso.

12) In dem Bericht der Frankfurter Rundschau vom 14. März 2012 über den Vorfall, auf den sich in der Broschüre bezogen wird und der als Beleg für ein gesamtdeutsches Nazi-Problem angeführt wird, heißt es: „Die Studenten Anna S., Jonathan K. und Emanuel K. waren in besagter Nacht auf dem Heimweg, als sie sahen, wie am Bahnhof ein ‚dunkelhäutiger Mann‘ vor zwei anderen davonrannte und in ,panischer Angst´ schrie. Einer der Verfolger habe ihn mit ,Du Neger!´ beschimpft, erinnert sich Anna S.. Vor dem Bahnhof sahen sie dann Polizisten bei dem anderen Opfer stehen: dem blutenden 23-Jährigen. Was sich danach abspielte, hat die Studenten empört. So habe es 20 Minuten gedauert, bis die Polizisten mit dem Verletzten zum SKYClub gingen, um mögliche Täter identifizieren zu können, wie der es verlangte. ,Hätten wir uns nicht eingeschaltet, wären sie gar nicht hingegangen‘, ist Emanuel K. überzeugt. Laut Jonathan K. sagte ein Polizist zum Opfer: ‚Das Wichtigste für dich ist ja, dass du noch SMS tippen kannst.‘ Ein anderer Beamter hat Anna S. zufolge die Beschimpfung ‚Du Neger‘ abgetan mit der Bemerkung, ‚das sei in solchen Kreisen Alltagssprache, und wenn die Täter Türken seien, wisse er nicht, was daran rassistisch sein soll‘. Emanuel K. bekam von den Polizisten gesagt, der 23-Jährige habe ‚sicher auch was gemacht, die Täter hätten ihn sicher nicht einfach so verfolgt‘. Ein ‚klar diskriminierendes Moment‘ sieht Anna S. in diesem Polizeiverhalten und spricht von ‚alltäglichen, unsichtbaren Rassismen, die man nicht tolerieren darf. Ich wäre als deutsches Opfer doch ganz anders behandelt worden.‘ Polizeisprecher Füllhard sagt dazu nichts. Er empfiehlt den Studenten, Beschwerde beim Polizeipräsidenten einzulegen.“

13) www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen /2012-08/drygalla-gesinnungsschnueffler-­komme ntar

14) Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die konservative FAZ schon am Tag nach der Abreise Drygallas aus London – also noch vor ihrem Interview – zu der einzig richtigen Einsicht gelangte, sich also nicht von Taz-Experten und linken Politikern hatte dumm machen lassen: „Falls Drygalla auch tut, was sie sagt – bislang ist nichts Gegenteiliges bekannt –, dann darf sie nicht für das abscheuliche Verhalten von Menschen in ihrem Umfeld verantwortlich gemacht werden. Alles andere ist ihre Privatsache“ (04.08.12).