Der letzte Marxist

Gedanken zum Tod von Robert Kurz

Mit Robert Kurz ist im vergangenen Sommer der vielleicht letzte marxistische Theoretiker gestorben, der seinen Lesern und Schülern zumindest einen Abglanz von Vertrauen in den historischen Materialismus zurückgeben konnte. Das war es auch bereits, was Robert Kurz vor etwa 30 Jahren einer kleinen Gruppe jüngerer Mitstreiter, aus der im Verlauf der 1980er langsam die Krisis entstehen sollte, vermittelte: Ein Abend voll „fundamentaler Wertkritik“, auch wenn sie damals noch nicht so hieß, half gegen das beklemmende Gefühl, dass der von den Jüngeren erst frisch entdeckte Marxismus von einer sich entziehenden Realität gleich wieder außer Kurs gesetzt würde.

Während also an der „Oberfläche“ Esoterik, völkisches Erwachen und schlichter Konsumismus die Welt der 1980er regierte, gab Kurz vermeintlich den Blick frei in eine wirklichere Wirklichkeit, die unterhalb der tatsächlichen wirkte – und in der noch die Gesetze galten, auf die auch der alte Marxismus vertraut hatte. Die Erneuerung, die Kurz hier versprach, war die, dass es keines bestimmbaren sozialen Agenten mehr bedurfte, ja eigentlich nie bedurft hatte, um aus Kritik Praxis und damit Kommunismus werden zu lassen. Statt auf die Arbeiterklasse setzte er nur noch auf die Einsichtsfähigkeit der Gesellschaft, etwas, das Vermittlung bei entsprechender Anstrengung und durch die Hilfe der Krise schon zuwege bringen könnte. Dieses vermeintliche Wissen um die wirklichere Wirklichkeit erzeugte die beruhigende Wirkung, die man einer Krisentheorie, wie sie Robert Kurz intendierte, eigentlich auf den ersten Blick gar nicht zutrauen würde. So bediente auch sein späteres publizistisches Erfolgsrezept in den 1990er Jahren ein Schema, das man vom Kino kennt. Je größer die Schwierigkeiten, desto näher das Happy End. Je mehr die wertschöpfende Potenz lebendiger Arbeit abnähme, desto unabweisbarer wirke ein Sachzwang zum Kommunismus.

Krise ohne Vernunft

Was seine Schriften zeitweise bis in die Spiegel-Bestsellerlisten katapultierte, war schließlich ein zweifacher Kaufanreiz, der wenig oder nichts mit der generellen Einsichtsfähigkeit des Adressaten zu tun hatte, auf die Kurz so sehr zählte. Einerseits beherrschte die Mehrzahl der Leser eine regelrechte Krisengeilheit, die daraus stets noch die Legitimation für autoritäre Maßnahmen (und seien es zunächst nur die des öffentlichen Öko-Dirigismus) ableiten wollte und will. Andererseits zog dieselbe Faszination, die die „fundamentale Wertkritik“ einst auf jenen kleinen Zirkel im Nürnberg der 1980er Jahre ausübte, nun, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, eine viel größere Zahl orientierungslos Gewordener an. Sie gab das erhebende Gefühl, gerade das Ende der Vorgeschichte mitzuerleben – und das wider alle Evidenz.

Tatsächlich jedoch ist es nicht das Ende der Vorgeschichte, das Robert Kurz mit einiger Verspätung entdeckte, sondern das Ende der Geschichte, zumindest im Sinne des historischen Materialismus. Denn die befreiende Potenz des Kapitalismus ist längst schon ausgeschöpft und besteht nur noch ­– rein negativ ­­– gegenüber dem organisierten Antikapitalismus, der aus der Not des Subjekts die Tugend des Kollektivs macht. Der Übergang, auf den Kurz zielte, hat als Untergang schon stattgefunden: Die Produktivkräfte hatten längst ihre bürgerliche Hülle abgeschüttelt, Oligopole und schließlich der autoritäre Staat haben die Naturwüchsigkeit der kapitalen Krise in den latent-permanenten Notstand überführt; der Kapitalismus hat sein Ende überlebt.

Was Kurz sich und der Menschheit redlich wünschte, ist also längst eingetreten, ohne dass es auch nur von Ferne der befreiten Menschheit ähneln würde. Ohne wirklich zweifeln zu können am Konstrukt der Todes-Reife des Kapitals, am „sterbenden Kapitalfetisch“ und seiner „inneren logischen Schranke“, und mit unappetitlichen Zugeständnissen an das Abspaltungstheorem der Lebenspartnerin Scholz („Kapitalfetisch opfert primär ‚Weiberfleisch‘ auf seinem besudelten Altar“) scheint auf den letzten Seiten, die von Kurz veröffentlicht wurden, durch, dass der Opfergang der Menschheit ein sinnloser und durch keinerlei Logik begrenzbarer werden könnte. Krise also in Permanenz und ohne inhärente Transzendenz: „Nun lässt das ‚Geld ohne Wert‘ auf dieser entwerteten, entsubstantialisierten Basis quasi-archaische Verhältnisse zurückkehren, die aber keinem begrenzten Ritual unterliegen, sondern in einer ziellosen Schlächterei und Entzivilisierung enden.“ (1)

Was der Autor daraus gefolgert hätte, muss offen bleiben. Vieles aus seiner Produktion der letzten Jahre legt nahe, dass ein verbitterter und von der Geschichte enttäuschter Kurz wohl immer wieder feministischer Vernunftkritik entgegengekommen wäre. Und doch zeigt die Verzweiflung an dem, was Marx als „general intellect“ bezeichnet hatte, die den Ton seines letzten Buches Geld ohne Wert bestimmt, in eine andere Richtung. Allein der Titel scheint fast einzugestehen, dass das gesellschaftlich-politische Verhältnis – Kapital – seinen eigenen logisch-historischen Entstehungsgrund – Wert – nicht nur zu überleben, sondern dessen naturwüchsige Krisenhaftigkeit in willentliche Kriminalität zu übersetzen vermag. Nicht weit wäre es von da zu der Einsicht, die die ISF in ihrer Krisis-Kritik trocken konstatierte: „Kommunismus der Sachen – Faschismus der Menschen“. (2) Und nicht die befreite Menschheit wäre dann das zwar vorläufige, aber doch schon allzu lange geltende Resultat des Endes der Klassen, sondern das Universum der Banden. Vorgeschichte geht weiter auf Basis höchster technischer Vergesellschaftung und der Zeitpunkt, den die Nürnberger Krisentheorie als Kairos des Kommunismus in immer naher Zukunft entdeckt zu haben glaubte, liegt als Bankrott der Revolution längst hinter uns: die negative Aufhebung des Kapitals auf seiner eigenen Grundlage, was zugleich das Ende seines historischen Gebrauchswerts bedeutet. „Der Augenblick, an dem die Kritik der Theorie hing, lässt nicht theoretisch sich prolongieren“, hält Adorno gleich zu Beginn seiner Negativen Dialektik fest.

Vernunft und Orthodoxie

Doch gerade das antiquierte Vertrauen, das Kurz in die Einsichtsfähigkeit der Menschen und damit in die verändernde Kraft des theoretischen Erkennens setzte, ist zugleich auch höchst ehrbar und ein Indiz von Unbestechlichkeit und Unbeugsamkeit, ja: Halsstarrigkeit. Es war nicht so, dass er Nationalsozialismus und Antisemitismus deshalb als eines unter vielen anderen Schlachtfesten in der Geschichte des Kapitalismus verbuchte, weil es ihn kalt gelassen hätte. Vielleicht rührte sein Widerwille gegen „Antideutsche“ auch daher, dass er spürte, dass sie den Finger in die Wunde seiner Erlösungshoffnung legten. Dennoch: Seine krisentheoretische Reprise des historischen Materialismus hat Kurz definitiv nicht in Szene gesetzt – wie es die linke Ideologie ansonsten tut ­­–, um den deutschen Makel am Antikapitalismus zu vertuschen. Nein, er konnte und wollte es einfach nicht wahrhaben, dass Geschichte wieder in Vorgeschichte münden soll – ohne materielle Notwendigkeit und wider die prinzipielle Vernunftfähigkeit der Menschheit. Robert Kurz konnte und wollte nicht begreifen, dass die anderen nicht begreifen konnten und wollten. Trotz seiner Rede vom „Casino-Kapitalismus“, das sachlich das Börsengeschehen durchaus zutreffend beschreibt, aber sprachlich ein autoritäres Ressentiment bedient, war politischer Irrationalismus seine Sache nicht. Im Gegenteil, dass er Antisemitismus und auch nur die Koketterie mit ihm absolut unter der Würde eines vernunftbegabten Wesens fand, dass er explodierte, wenn sich die Kritik an Zinsblasen doch wieder nur als Propagandavehikel völkischer Wiederholungstäter entpuppte, das war so ehrlich wie nur irgend etwas. Und diese Haltung erschöpfte sich nicht in einer geharnischten Kritik am Antiglobalisierungs-Vordenker Silvio Gesell (3), sondern stellte sich überaus klar gegen die Todfeinde Israels, was ihm insbesondere in den letzten Jahren jede Menge Ärger mit der eigenen Gefolgschaft einbrachte. Sätze wie diesen: „Gegen den ideologischen Mainstream muss festgestellt werden, dass die Vernichtung von Hamas und Hisbollah eine elementare Bedingung nicht nur für einen prekären kapitalistischen Frieden in Palästina ist, sondern auch für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse. Wenn die Chancen dafür schlecht stehen, stehen sie gut für den Zerfall der Weltgesellschaft in die Barbarisierung“, sagte Kurz häufig bei Vorträgen. Schließlich hielt er sie in einem Aufsatz mit dem Titel Der Krieg gegen die Juden fest (Folha de São Paulo, 11.01.2009; später auch in Exit nachgedruckt), den zu lesen sich lohnt, will man sich davon überzeugen, dass nicht jeder, der subjektiv an marxistischer Orthodoxie festzuhalten versucht, objektiv zum antisemitischen Frondeur werden muss.

Dass Kurz dem frühen, idealistischen Zionismus durchaus wohlwollend gegenüber stand, ist dabei mehr als nur eine Randnotiz. Hier kommt man vielmehr dem oft übersehenen Ausgangspunkt von Kurz’ Denken nahe: der Utopie einer praktisch und theoretisch gleichermaßen versierten Gelehrtenrepublik à la Tschernyschewskis 1863 im zaristischen Gefängnis verfassten Roman Was tun. Dieses Werk, in dessen Zentrum der Intellektuelle Rachmetow steht, beeinflusste Kurz’ Denken sehr. Rachmetow – in dem sich Kurz durchaus selbst wieder erkannte, lebte er doch viele Jahre von Aushilfsarbeiten und nur zum geringen Teil vom Schriftstellern – schuftet im Roman als Fährenknecht. Sein Leben widmet er dem Studium der Literatur und revolutionären Aktivitäten im In- und Ausland. Dass dabei beispielsweise amouröse Genüsse zu kurz kommen, macht Rachmetow zum Urbild des Berufsrevolutionärs und zugleich zu der Elle, an der Kurz sich und seine Umgebung maß. Klar wie nie mehr später bekundet das Kurz’ Urwerk, das am Beginn seiner, wenn man so will, Karriere stand (4): Im Februar 1984 veröffentlichte er in der Nürnberger Stadtzeitung Plärrer einen Text mit dem Titel Oh, diese Jugend. Bitter, aber nicht ohne humoristische Begabung, attackierte er darin den geistigen Niedergang der linken Szene, deren Mitglieder, so Kurz – anders noch als in den 1970ern – nicht mehr in der Lage wären, sich auf längere Texte zu konzentrieren oder auch nur den vollen Mülleimer rechtzeitig in den Hof zu tragen. Die aus diesem Text entstandene und im Juli 1984 veröffentlichte Broschüre Spaltpilze & Provokationen – Eine Abrechnung mit der linken und alternativen Szene war zugleich auch der Startpunkt des Krisis-Projekts und der Zusammenarbeit mit Ernst Lohoff.

Opfer des Rackets

Dass manche aus dem Krisis-Umfeld später selbstverliebt mit dem Begriff „Nürnberger Schule“ kokettierten und sich ganz bewusst gegen den Pessimismus der „Frankfurter Schule“ wandten, verstärkt  auch angesichts der Umstände von Robert Kurz’ Tod einen bitteren Beigeschmack. Dass er mit Horkheimer das Schicksal teilt, ausgerechnet dem Racket der Ärzte zum Opfer gefallen zu sein, gibt im Tod jenem Recht, der sich keine Illusionen darüber machte, wie es aussieht, wenn so genannte soziale Zusammenhänge die anonymen Klassen der ehemals bürgerlichen Gesellschaft ersetzen und beerben zugleich. Darauf hat Robert Kurz nicht gerne – und wenn doch, dann viel zu schwammig-allgemein – reflektiert, dafür aber viel honoriger gelebt, als die, die aus ihrem Adorno-Studium geradewegs schließen, dass es am klügsten wäre, sich auch einem – dem akademischen – Racket anzuschließen. Das hat er nicht getan, auch wenn seine letzte Tätigkeit als prominenter Ökonomiespezialist fürs Neue Deutschland beileibe kein Ruhmesblatt ist. Man kann getrost annehmen, dass er sich keine Illusionen über den Geisteszustand seiner Mitschreiber machte. Aber so, wie ich Robert Kurz kannte, hoffte er unerschütterlich, dass auch die ihren Verstand irgendwann einmal nicht mehr für die sture Legitimation eines völkischen Sozialismus aufwenden würden, für den Kurz schon immer die Metapher der Kaserne gebraucht hatte.

Uli Krug (Bahamas 66/2013)

 

 

Anmerkungen:

 1) Robert Kurz: Geld ohne Wert, Berlin 2012, 412 f.

 2) ISF: Der Theoretiker ist der Wert, Freiburg 2000, 17

 3) Robert Kurz: Zur Politischen Ökonomie des Antisemitismus – Die Verkleinbürgerung der Postmoderne und die Wiederkehr der Geldutopie von Silvio Gesell, in: Krisis - Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft Bd. 16–17/1995, 177–218

 4) Die Begriffe „Urwerk“ und „Karriere“ beziehen sich darauf, dass Kurz öffentlich erst ab dieser Zeit wahrgenommen wurde. Dass er in den 1970ern innerhalb der ML-Gruppe KABD publizierte und schließlich wegen allzu moderner Ansichten dort in Ungnade fiel, spielt keine nachweisliche Rolle fürs spätere Werk.