Nichts Neues aus der Anstalt

Gustl Mollath als Held einer deutschen Antipsychiatrie-Bewegung

 

Die Spannung des klassischen Kriminalromans, wie er um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden ist, ergibt sich aus dem auf allen Personen lastenden Verdacht. Jeder kommt als Mörder oder Mordgeselle in Betracht, die gesellschaftlichen Unterschiede verschwinden, weil alle ein Tatmotiv haben könnten. Ob man es mit einem über alle peinlichen Fragen erhabenen Lord oder einem betrügerischen und letztlich mordenden Bankrotteur zu tun hat, vermag zunächst niemand zu sagen. In dieser Welt, in der keiner mehr vor dem anderen sicher zu sein scheint, bleibt als Selbstvergewisserung lediglich die im Ermittler verkörperte und vom mit ermittelnden Leser geteilte analytische Vernunft, die unbeirrbar Fakten sammelt, Aussagen unbestechlich prüft und so dem Verbrechen auf den rationalen Grund kommt.

Vom Kriminalroman zum Psychothriller

An die Stelle des verloren gegangenen Vertrauens in die mit der jeweiligen gesellschaftlichen Stellung der Personen verbundene Moral tritt die Zuversicht in die Durchschaubarkeit noch der perfidesten Camouflagen und ihre Überantwortung an das abstrakte System von Strafjustiz und, ihr vorgeschaltet, der Strafprozessordnung, die für die Neutralität und Fairness der Ermittlungen einsteht. Der zunächst britische Leser von Kriminalromanen vermochte sein eigentlich schizoides Schwanken zwischen der Faszination für das vielleicht doch ungesühnt bleibende große Verbrechen und seiner Zuversicht in dessen schon durch das Genre vorab gesicherte Aufklärung zugunsten der zweiten Alternative zu entscheiden. Das war allein durch sein Vertrauen in eine Ordnung möglich, die – obwohl schon 1914 objektiv zusammengebrochen – als Common Sense auch die Katastrophe des Weltkriegs und die Ängste der krisenhaften Nachkriegsgeschichte überlebt hatte. In seinem bedeutendsten Roman Coming Up for Air (Auftauchen, um Luft zu holen) aus dem Jahr 1939 reflektierte George Orwell den Epochenbruch, den der Juli 1914 bedeutete. „Jesus! Worin liegt der Nutzen, wenn gesagt wird, man solle nicht sentimental werden, angesichts der Zeit vor dem Krieg. Ich bin sentimental, wenn ich daran denke. Das sind Sie auch, wenn sie sich nur erinnern. Es ist schon wahr, dass man im Rückblick auf egal welchen Zeitabschnitt dazu neigt, sich nur an die angenehmen Seiten zu erinnern. Das gilt sogar für den Krieg. Aber es ist auch wahr, dass die Leute damals etwas hatten, das wir heute nicht haben. Was? Es war einfach so, dass sie nicht an die Zukunft als etwas dachten, vor dem sie sich zu Tode erschrecken müssten. Es ist nicht so, dass das Leben damals leichter war als heute. Tatsächlich war es härter. […] Was war es dann, das die Leute in diesen Tagen hatten? Ein Gefühl der Sicherheit sogar dann, wenn sie gar nicht sicher waren. Genauer gesagt war es ein Gefühl der Kontinuität. Sie alle wussten, dass sie sterben würden, und ich nehme an, dass einige von ihnen wussten, dass sie in den Bankrott gehen würden, aber was sie nicht wussten war, dass die allgemeine Ordnung sich ändern könnte. Was immer ihnen widerfahren würde, die Verhältnisse würden weitergehen wie sie sie gekannt hatten. […] Aber genau in einem beständigen Zeitabschnitt, einem Zeitabschnitt in dem die Zivilisation auf ihren vier Füßen steht wie ein Elefant, haben Dinge wie ein zukünftiges Leben keine Bedeutung. Es ist recht leicht zu sterben, wenn die Dinge, die dir wichtig sind, überleben werden. Du hattest dein Leben, du wirst müde, es ist Zeit unter die Erde zu gehen – so sahen es die Leute. Persönlich war es aus mit ihnen, aber ihre Art zu leben würde weitergehen. Was für sie gut und schlecht war würde gut und schlecht bleiben. Sie fühlten den Boden, auf dem sie standen nicht unter ihren Füßen entgleiten.“ (Coming Up for Air, London, 1979, 106 ff.)

In den angelsächsischen Ländern überdauerte der von Orwell genauso melancholisch wie sarkastisch geschilderte Common Sense, festen Boden unter den Füßen zu haben, noch den zweiten Weltkrieg einigermaßen unbeschadet, und das nicht etwa durch ein selbst verordnetes trotziges: „Weiter so!“, das die pseudo-britischen Kriminalromane der Amerikanerin Martha Grimes so öde macht. Die vorwiegend durch den Film repräsentierte Kulturindustrie nahm vielmehr ab Mitte der 40er Jahre die pathologischen Ausprägungen des seiner Selbstsicherheit beraubten Einzelnen auf und schuf ein eigenes Genre, den Psychothriller. Darin wird das gegenseitige Misstrauen der Akteure des klassischen Kriminalromans zu einem Szenario der undurchdringlich erscheinenden Angst erweitert, in dem die handlungsleitenden Interessen sich nicht mehr auf Habgier oder Eifersucht zurückführen lassen. Der rationale Impuls, dem auch der Verbrecher folgt, weicht Surrogaten von Interessen: Die Hoheit des selbstbewussten Einzelnen über sein Tun ist dahin. Hinter dem gutmütigen Biedermann verbirgt sich nicht mehr nur der mögliche Raubmörder, er könnte längst der gleiche sein, der fast reflexartig einen ihm völlig Unbekannten im Nahverkehrszug hinterrücks mit einem Hammer erschlägt. Und doch ist noch der Psychothriller von der Vernunft geleitet, denn er wartet mit der Aufklärung über Personen auf, denen der Boden unter den Füßen entglitten ist. Dazu hat er eine ganz neue Wissenschaft auf seiner Seite. Nicht etwa im deutschsprachigen Raum, wo sie entstanden ist, brachte es die Psychoanalyse zu unerhörter Popularität, sondern vorwiegend in den USA und Großbritannien, wohin Freud und die Mehrheit seiner Schüler ausgewandert bzw. geflohen waren und ihre Arbeit fortsetzten. Wie immer fragwürdig die amerikanische Psychoanalyse in ihrem Pragmatismus auch ist, wie abenteuerlich und letztlich verlogen ihr Credo, den verwirrten Einzelnen wieder fit machen zu können für eine Realität, der alles fehlt, was Orwells stillgestellte und vermeintlich sichere Welt bis 1914 bereithielt, ihr Verdienst bleibt es doch, dass sie die Zuversicht in ein seiner selbst gewisses Individuum aufrecht erhält und damit auch in eine Welt, die sich vernünftig einrichten ließe.

Doch auch der Psychothriller ist in die Krise geraten. Der Alptraum, der im Wahnsinn einer oder mehrerer Personen gründet, die ihr Umfeld in eine ihm oder ihnen unbegreifliche und panikartig ängstigende Welt hineinziehen, ist inzwischen in Filmen und Büchern, die sich als Psychothriller tarnen, der Manifestation des Wahns als Realität gewichen. Nicht mehr der Einzelne versucht seinen Wahn auf eine Welt zu projizieren, die sich letztlich in aller Unvollkommenheit doch gegen ihn als Realität behauptet; der Wahnsinnige erscheint als Realist und die Welt als Verschwörung. So werden die Sorgen um die unheimliche Doppelbödigkeit der eigenen Persönlichkeit und ihres Verhältnisses zu den sie umgebenden Objekten genauso beiseite geschoben, wie die Zweifel am eigenen Vermögen, die Realität als die sich notwendig beständig verändernde Summe gesellschaftlicher Bedingungen zu begreifen. Der Psychokrimi neuen Typs verinnerlicht die Panik und gewärtigt sie zugleich in der Außenwelt, die nunmehr wirklich so erscheint, wie sie dem paranoiden Helden sich darstellt. Der Konsument folgt scheinbar arglos den Aktionen von Partisanen, die sich als Menschheitsbefreier gerieren, indem sie der ganzen Welt, die sich ihnen als System von kriminellen Banden und mit ihnen verbündeten Repräsentanten der Staatsmacht darstellt, den Endkampf ansagen.

Das Ende eines Ferrari-Traums

Die Geschichte des Gustl Mollath, die in den Medien hartnäckig als Krimi bezeichnet wird, hat, was ihren Spannungsgehalt angeht, zwar nicht das Zeug zu einem Psychothriller des neuen Typs. Doch darauf kam es in Deutschland genauso wenig an wie auf den mäßig beeindruckenden Helden. In den USA hätte das skandalverliebte Publikum abgewinkt oder nach der Prüfung der anderen Version, der Geschichte Petra Mollaths, verlangt. Dass in Deutschland innerhalb von drei Jahren aus einer Initiative von obskuren Internet-Plattformen eine von den Qualitätszeitungen und als seriös geltenden Magazinen des öffentlich-rechtlichen Fernesehens angeführte virtuelle Massenbewegung gegen die da oben wurde, hat seinen Grund darin, dass die Öffentlichkeit im Verein mit dem sich selbststilisierten Opfer mit ihrer Kampagne gegen das „System“ weniger eine Verfilzung von Bankenmacht und Staat als vielmehr die Psychiatrie als Wissenschaft und Institution ins Visier genommen hatten. Und nichts anderes bezweckt im Grunde der Psychothriller neuen Typs. Der Unterschied zwischen den angelsächsischen Ländern und Deutschland liegt nicht in einem durchaus geistesverwandten Publikum, sondern darin, dass es im einen Fall Unterhaltung sucht und im anderen in einer die gesellschaftliche Paranoia bedienenden Hollywood-Produktion längst die Wahrheit über das amerikanische Imperium erkennt, das angetreten ist, uns in ewiger Unfreiheit zu halten und letztlich um den Verstand zu bringen.

In der Inszenierung des Falls Mollath ging es von Beginn an darum, kategorisch auszuschließen, was sich aufdrängte: dass der Held psychisch erkrankt ist. Von Anfang an wäre zu erkennen gewesen, dass Mollaths scheinbar so einsamer Kampf gegen Institutionen und Verschwörungen privater und globaler Art, doch nur das Umsichschlagen eines gekränkten Ehemanns und gescheiterten Kleinunternehmers war. Ein kleinlicher, wehleidiger und selbstgerechter Mann legte seiner Frau permanent in den Mund, was er selber mit ihr vorhatte: Nicht Petra Mollath hat alles daran gesetzt, ihn „fertig zu machen“, es war genau anders herum. Den Mindeststandards bürgerlichen Verhaltens, die ein gewisses Maß von Fair-Play gerade auch dann vorsehen, wenn die Lebensgefährtin sich trennen will und es um die eigene persönliche wie finanzielle Zukunft schlecht bestellt ist, konnte und wollte Gustl Mollath nicht gerecht werden. Es ist jenes Rudiment von Ritterlichkeit, wonach man sich ins Unvermeidliche zu schicken hat und weder nach innen noch nach außen Krawall schlägt oder mit falschen Verdächtigungen hausieren geht, das Mollath und seine Gemeinde empört und scheinrational zurückweisen. Dabei hätte man an Hand des reichlich ausgebreiteten Materials leicht erkennen können, dass Mollath kein ums Gemeinwohl besorgter Bürger ist, der persönliche Rücksichtnahme und Diskretion zurückstellte, weil höhere Rechtsgüter in Gefahr waren. Wer mehr als fünf Jahre lang von den möglicherweise nicht gesetzeskonformen Geschäften seiner Frau weiß und davon profitiert, aber den Mund hält, um im Augenblick der nicht mehr aufzuhaltenden Trennung zuzuschlagen, muss sich vielmehr nachsagen lassen, dass er in erpresserischer Weise versucht hat, seine Frau zu zwingen, die Ehe fortzusetzen.

In einer zwar nicht mafiös verbandelten, aber sehr wohl hässlichen Kumpanei von vorwiegend wohlhabenden Nachbarn, Freunderln, Vereinskameraden – unter ihnen Honoratioren, Unternehmer und eben auch Versicherungsmenschen – haben die zunächst nicht sehr vermögenden Mollaths die 80er Jahre bis zur Trennung im Jahr 2002 zugebracht. Einer von diesen Freunden, Edward Braun, seines Zeichens Zahnarzt aus Bad Pyrmont, hat 2011 in einer seither überall auszugsweise zitierten eidesstattlichen Erklärung einiges ausgeplaudert über den Charakter einer Clique, die ihr Unwesen durchaus auch in einem Roman von Eckart Henscheid treiben könnte: „Den ersten Kontakt mit dem Ehepaar Mollath hatte ich im Sommer 1985 und zwar bei einem ‚Incontro Ferrari‘ in Bozen, organisiert vom deutschen Ferrari-Importeur-‚Auto Expo‘. Es trafen sich dort über 100 Ferrari-Fahrzeuge, die sich unter der Führung von Romano Artioli auf dem Weg zur Rennstrecke Mugello machten. Unterbrochen wurde die Anreise kurz vor Modena. Mindestens 10 Ferraris prallten in eine Massenkarambolage. Der Stern berichtete sogar darüber unter dem Titel Ende einer Klassenfahrt.“ Die Begeisterung über so viel Schrott und wahrscheinlich auch Blut hat den Zahnarzt bis heute nicht losgelassen: „Dieser Vorfall war der Beginn einer langjährigen freundschaftlichen Verbindung, die unter rätselhaften Umständen ab 2004 einschlief.“ Bis dahin muss das Leben wie eine Kette schöner Klassenfahrten verlaufen sein: „Unsere gemeinsamen Interessen drehten sich um italienische Prachtautomobile der Marken Alfa Romeo und Ferrari, aber darüber hinaus waren auch kulturelle Events in Südtirol, Reggio Emilia oder in der Toskana angesagt. Im Mittelpunkt stand natürlich die Rennstrecke. So auch 1987 in Hockenheim, unter Leitung des Ferrari Händlers Peter Rosenmaier aus Markgröningen. Gustl und ich wurden mit Siegerpokalen geehrt, Petra hat aus dem Pokal Sekt geschlürft. Durch diese gemeinsamen Veranstaltungen entwickelte sich eine Vertrautheit, die in den folgenden Jahren wuchs.“

Alles hätte immer so weiter gehen können: Er unterhält eine Werkstatt, in der er für aus Pokalen Sekt schlürfendes Gelichter alte Luxus-Sportautos aufmöbelt, und sie macht nunmehr auf höherem Niveau weiter in Versicherungen. Nichts sprach Mitte der 90er Jahre dafür, dass Petra Mollath später als Geistheilerin (www.petra-maske.de) ihr Auskommen suchen und ihr Gustl in einen veritablen Geisterseher sich wandeln würde. Doch Gustl konnte nicht Schritt halten. Während Petra Mollath es verstand, die Kontakte zu vermögenden Leuten zu nutzen, erhebliche Summen von Kunden der Hypovereinsbank an deren Tochterunternehmen in der Schweiz transferieren half und dabei zusätzliche, vom Arbeitgeber nicht vorgesehene Provisionen einstrich, wurde Gustl zum Kostgänger seiner Frau. Im Jahr 2002, als Petra Mollath sich von ihm trennte, war er ökonomisch und persönlich gescheitert: Seine Werkstatt musste bereits im Jahr 2000 geschlossen werden, eigenes Einkommen hatte er längst nicht mehr und sein ererbtes Haus hatte er derart mit Hypotheken belastet, dass die Zwangsversteigerung nur noch eine Frage der Zeit war.

Mollath begann seit der Trennung damit, seine Frau bei ihrem Arbeitgeber, bei der Justiz und sogar bei hochrangigen Politikern systematisch zu denunzieren. Bei der Hypovereinsbank hatte er schließlich Erfolg: Eine interne Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass Frau Mollath entgegen der Richtlinien des Hauses tätig war und auch gegen Steuergesetze verstoßen habe. Ihr wurde fristlos gekündigt – sie erzielte beim Arbeitsgericht aber schließlich auf dem Vergleichswege die Rücknahme der Kündigung und eine Abfindung, was nicht dafür spricht, dass der Prüfbericht der Bank gegen Petra Mollath und andere so einfach als die reine Wahrheit gehandelt werden kann, wie es seit bald zwei Jahren geschieht.

Der Zahnarzt aus Bad Pyrmont, dem Frau Mollath im Jahr 2002 gesagt haben soll, sie werde Gustl etwas anhängen und sie wisse auch schon wie, hatte auch anderes aus der Zeit unmittelbar vor der Trennung zu berichten: „Gustl erklärte mir, dass er sich große Sorgen mache. Petra sei in Geldtransfers verwickelt, die nicht legal seien. Er habe alles dokumentiert (Name, Geldbetrag, Kontonummer), da Petra vieles im häuslichen Büro abwickle und er sich Zugang zu den Vorgängen verschaffen konnte. Sicherheitshalber habe er alle Daten außerhalb seines Hauses 100% sicher vor Zugriffen geschützt.“ Den Ferrari-Spezi haben diese, vorsichtig gesagt, problematischen Methoden der Beweissicherung gegen die eigene Ehefrau keineswegs alarmiert – soweit reicht die Freundschaft nicht. Braun zog sich auf die herzlose und deshalb wohl gesellschaftlich am meisten akzeptierte Art aus der Affäre: „Ich gab zu bedenken, dass ich dazu nichts sagen könne und keine Ahnung habe.“ 

Vielleicht hat Braun aber das Meiste nur abgeschrieben, denn als Mollath-Unterstützer kannte er alles, was seit Jahren durchs Netz geht, also auch den Denunziationsbrief an den Vorstandsvorsitzenden der Hypovereinsbank vom 12.8.2002. Darin führt Mollath – ganz Biedermann – aus: „Seit Jahren [!] belasten mich diese Geschäfte seelisch und dadurch auch körperlich. Mir ist es seit Jahren nicht möglich, meine Frau zu einem ‚Ausstieg‘ bzw. zu einem durchwegs legalen Handeln in diesen und anderen Dingen zu bewegen. Da meine umfangreichen Versuche erfolglos sind, muss ich Sie um Hilfe und Rat bitten.“

Genau ein Jahr zuvor, am 12.8.2001, so behauptet Frau Mollath, sei sie von ihrem Mann erheblich misshandelt worden. Zwei Tage darauf ließ sie sich von ihrer Ärztin untersuchen, 10 Monate später stellte deren Sohn als Vertretungsarzt auf Grundlage der Notizen in der Patientenakte ein Attest aus, in dem er die schweren Misshandlungen bestätigte. Daraus wurde die Strafsache Mollath. Sie zeigte ihn an, es erging ein Strafbefehl über 1.000 €, dem er widersprach, es kam zur öffentlichen Verhandlung, bei der ihm zusätzlich noch eine ganze Serie von Reifenstechereien an den Autos von Leuten zu Last gelegt wurde, die fast durchgängig persönlich oder von Amts wegen für Mollath nachteilige Aktivitäten entfaltet hatten. 2006 erging das Urteil des Landgerichts Nürnberg, das Mollath als Urheber der genannten Straftaten benannte, aber wegen Schuldunfähigkeit freisprach. Mit gleichem Urteil erfolgte die Einweisung in die Forensik mit der Begründung, dass der Schuldunfähige in Freiheit mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere schwere Straftaten begehen würde.

Der Mann, der zuviel wusste

Für Gustl Mollath war die Sache schon lange vor seiner Einweisung klar. Seine Nürnberger Welt stellte sich ihm als ein einziger, nunmehr feindseliger Ferrari-Club dar, in dem jeder mit jedem verabredet hat, ihn ans Messer zu liefern. Seine Frau, die ihn fertig machen will, ihre Anwälte, von denen einer im gleichen Sportverein organisiert ist wie ihr neuer Lebensgefährte, der – für Mollath bezeichnenderweise – auch aus der Versicherungsbranche kommt, ein Staatsanwalt, der auch im Sportverein ist, ein medizinischer Gutachter, der in der unmittelbaren Nachbarschaft lebte (und sich deshalb wegen Befangenheit weigerte, ein Gutachten zu erstellen) und so weiter. Von Anfang an war in Mollaths Unterstützerkreis die Frage, ob, und wenn ja wie heftig, Mollath seine Frau misshandelt hat, kein Nachdenken wert. Man ist davon überzeugt, dass das Attest falsch ist und Petra Mollath ihre angeblich weitreichenden Beziehungen zum Nachteil ihres Mannes aus Verdunkelungsgründen hatte spielen lassen. Weder die öffentliche Erklärung vom 20.12.11, in der Mollath einräumte, er habe sich „gegen die Angriffe meiner Frau gewehrt, das heißt, ich habe mich vor den Angriffen meiner Frau geschützt!“, machte die Gemeinde stutzig, noch der Umstand, dass Frau Mollath im Jahr 2002 dreißig Kilo weniger wog als ihr Mann. Die Reifenstechereien derentwegen Mollath ebenfalls verurteilt wurde, und die er rundweg bestreitet, werden in der Öffentlichkeit schlicht als unbewiesen dargestellt. Dass zwischen Sylvester 2004 und dem erstem Februar 2005 mindestens acht Attacken auf insgesamt mehr als 50 Autos von „Mollath-Gegnern“ (ein Freund von Petra Mollath ist PKW-Händler) zu verzeichnen waren, die in einigen Fällen schlimme Folgen hätten haben können, weil die Luft erst während der Fahrt entwich, und das möglicherweise sogar so intendiert war, hat die allmählich nach Tausenden zu zählenden Detektive in der „Affäre Mollath“ genauso wenig beeindruckt wie der Umstand, dass nur in zwei Fällen die Geschädigten wahrscheinlich keine „Mollath-Gegner“ waren und ein Polizeibeamter an Hand von Fotos den fliehenden Täter wieder zu erkennen können glaubte.

Mit dem gekränkten Ehemann, der vor erpresserischen Methoden nicht zurückschreckt, hat die Öffentlichkeit umgeschult: Im Moment der Krise, so glaubt man zu wissen, wurde der Gestrauchelte hellsichtig, streifte alles Persönliche von sich ab und handelte von nun ab in Menschheitsabsicht. Mollath trat als, wenn auch randständiger, Aktivist der Friedensbewegung gegen den zweiten Irakkrieg genauso in Erscheinung wie als Antifaschist, der einen rankumpelnden Brief an den Oberbürgermeister von Nürnberg schrieb, und natürlich als Aufdecker eines Bankenskandals von gigantischen Ausmaßen. Er schrieb seit 1999 Briefe und Pamphlete an den Papst, Kofi Annan und Theodor Heuss und ab 2002 an die Justiz und die Hypovereinsbank, in denen er sich ganz den jeweiligen Sonderwegskulturen folgend als deutscher Pazifist und antikapitalistischer Bedenkenträger präsentierte. Diese Aktivitäten, die Mollath schon in der Zeit der Ehekrise aufnahm, sind geprägt von einem wunderlichen Sendungsbewusstsein und einer auffälligen Diskrepanz in Rang und Bedeutung zwischen Absender und Empfänger. Das hat seine Unterstützer nicht abgehalten, diese eher Zweifel an der geistigen Verfassung ihres Urhebers weckenden Dokumente als Beleg für die erhebliche moralische Reife ihres Helden überall herumzureichen. Auf seine auf Youtube abrufbare in der Nürnberger Lorenzkirche in öligem Ton gehaltene Stegreifrede an Schulkinder, die wegen des bevorstehenden Irakkrieges statt in die Schule auf eine Friedensdemonstration gegen die USA und ihre Verbündeten gegangen sind und deshalb einen Verweis bekommen haben, verweist zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung in ihrer Chronologie zum Fall Mollath vom 6.8.2013 ausdrücklich.

Bei allen Recherchen von Netz, Presse und Fernsehen blieb eine große Unbekannte immer außen vor, die alles ins Rollen gebracht hatte und deren Aussagen für die Psychiatrisierung Mollaths von Bedeutung waren: Petra Maske, geschiedene Mollath. Über sie reicht zu wissen, was man noch nicht einmal justizfest beweisen kann: Sie habe Gelder verschoben, woraus folgt, dass sie den Gustl ans Messer geliefert hat. Punkt.

Petra Mollath‘s Vorwürfe gegen Gustl, wie sie in der Nürnberger Zeitung vom 12.6.2013 ausführlich dargestellt wurden, sind schwerwiegend: Sie fühlte sich schon vor der Trennung systematisch überwacht und peinigenden Fragen über jeden ihrer Schritte außerhalb des Hauses ausgesetzt. Sie berichtete von Drohungen gegen ihre Person und solchen mit Selbstmord. Gelegentlich, aber zunehmend häufiger sei sie misshandelt worden. Sie sah sich schon vor der Schließung der Werkstatt ihres Mannes als berufstätige Frau einem ungeselligen, misstrauischen, in sich verkrochenen Stubenhocker ausgesetzt, der ihr unheimlich wurde. Sie ärgerte sich über seine Undankbarkeit, denn schließlich hielt sie ihn aus. Sie sah ihr ganzes Umfeld einbezogen in den Grimm des Mannes und wollte nur noch raus. Sie hat zwei Jahre vor Gustls Psychiatrisierung Nürnberg in Richtung Berlin verlassen, um der Welt der Drohung, die er um sie aufbaute, zu entkommen. Soweit die Geschichte Petras, die niemand als die andere Seite von Gustl Mollaths Version zur Kenntnis nehmen wollte, als immerhin mögliche Variante. Am Erstaunlichsten ist, dass zum Beispiel von der notorisch die Frauenrechte einklagenden Süddeutschen Zeitung die immerhin wahrscheinliche Gewalt gegen eine Frau durch ihren Ehemann offenbar als Nebenwiderspruch kassiert wurde. Hatte die letztlich unterlegene frühere Freundin und Anklägerin des Wettermoderators Kachelmann noch einen Teil der Öffentlichkeit auf ihrer Seite, steht Petra Mollath fast ohne Fürsprecher da.

Um die Tatvorwürfe gegen ihn ging es weder Mollath noch seinen Unterstützern, sondern einzig um eine Verschwörung, in deren Mittelpunkt er als einsamer Held und Opfer sich bis heute sieht. Die Transaktionen seiner Frau wurden ihm zu einem Skandal epochalen Ausmaßes, der, sollte er nicht aufgedeckt werden, die BRD an den Rand der Diktatur führen würde. Damit belästigte er Gerichte, die darüber urteilen mussten, ob er sich wegen Gewaltverbrechen und Sachbeschädigung strafbar gemacht hat. Die mehrfachen Hinweise von Richtern, Anwälten und Psychologen, dass seine dauernden Verweise auf die Geschäfte seiner Frau nichts mit der verhandelten Sache zu tun hätten, sind ihm Beweis dafür, dass die Justiz mit der Hypovereinsbank, Frau Mollath, ihrem neuen Lebensgefährten und und und unter einer Decke steckten.

Dergleichen Zeug, so sollte man meinen, wird nur in Internet-Foren willig aufgegriffen und dort noch über Mollaths Intentionen hinausgehend zum ganz großen Verschwörungsszenario ausgeweitet. Aber die Sache Mollath blieb nicht in den Händen dieser einsamen Kämpfer, die schon lange den Boden unter den Füßen verloren haben und am Liebsten gegen viertel nach drei am Morgen unter seltsamen Pseudonymen ihren Ängsten und ihrem wilden Hass Ausdruck verleihen. Beginnend mit dem Herbst 2011, als der angeblich absichtsvoll versteckte interne Bericht der Hypovereinsbank über Petra Mollaths mutmaßliche Dienstverfehlungen im Netz auftauchte, tagt das informelle Tribunal zur Rettung Gustl Mollaths vor dem Schweinesystem BRD ganz unangefochten besonders in der linksliberalen Öffentlichkeit. Im Frühsommer 2013 kündigte Amazon ein Buch mit dem bezeichnenden Titel Die Affäre Mollath – der Mann, der zuviel wusste so an, wie sonst nur die Internetblogger ihre pseudokriminalistischen Erkenntnisse: „Olaf Przybilla und Uwe Ritzer, Journalisten der Süddeutschen Zeitung, kannten lange Gerüchte über den Fall Mollath. Als sie bei ihren Recherchen auf ein internes Dokument der Hypovereinsbank stießen, begannen sie einen der größten Justiz-, Psychiatrie-, Banken- und Politskandale der Bundesrepublik aufzudecken: Gustl Mollath beschuldigt seine Frau und andere Banker, illegaler Geldgeschäfte. Niemand schenkt ihm Gehör. Stattdessen wird er in die Psychiatrie eingewiesen, wo er seit sieben Jahren sitzt. Mollath wird von Psychiatern weggesperrt, die ihn nie untersucht haben. Das interne Dokument der Hypovereinsbank beweist, dass Mollaths Anschuldigungen zutreffen. Man verheimlicht die Akte und lässt ihn in der Anstalt schmoren. Und wer den Fall kennt, glaubt nicht an ein zufälliges Versagen von Justiz und Psychiatrie. Dieses Buch erzählt die ganze Affäre Mollath und prangert das skandalöse Versagen des Rechtsstaats an.“

Statt zu versuchen, die gegen ihn erhobenen Tatvorwürfe zu kontern und seine Unschuld zu beweisen, fixierte Mollath sich auf ein Schlüsselerlebnis, das erkennbar in keinem kausalen Zusammenhang mit den ihm zur Last gelegten Taten steht. Mollath glaubte sich zum Spezialisten im Anlagebereich geschult zu haben und war sich sicher, über hochbrisantes Material zu verfügen. In Wirklichkeit hat er zunächst nur bei der Hypovereinsbank Aufsehen erregt, die ihm intern attestierte, er verfüge über Insider-Wissen und dass sich alle „nachprüfbaren Behauptungen“ als „zutreffend herausgestellt“ hätten. Mehr Sorge bereitete der Bank, dass Mollath, der in seinem Denunziationsschreiben „vom größten und wahnsinnigsten Steuerhinterziehungsskandal“ gesprochen hatte, ihr mit seinem Wissen gefährlich werden könnte. Die Bank, die anhand der Bewegungen auf Frau Mollaths Konto sehen konnte, dass in den späten 90er Jahren mindesten 80.000 € an ihren Mann geflossen waren, konstatierte: „Dies birgt die Gefahr in sich, dass er versucht, sein Wissen zu ‚verkaufen’“.

Staatsanwälte gegen Gerechtigkeitsfanatiker

Für die Hypovereinsbank sollte es im Nachhinein schlimmer kommen: Mollath wollte nichts verkaufen, er wollte Gerechtigkeit – und mit ihm die Mehrheit der Bundesbürger. Die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Nürnberg, die im Frühjahr 2004 beschlossen hatte, kein Ermittlungsverfahren auf eine Anzeige Mollaths wegen illegaler Geldgeschäfte seiner Frau und zahlreicher anderer Personen hin zu eröffnen, hielt nicht viel von Mollaths Insiderwissen, was ihr am 21.11.2012 den Vorwurf der Süddeutschen Zeitung eintrug, sie stecke mit der Bank unter einer Decke (dieser Artikel war übrigens mit Das Schweigen der Banker überschrieben). Damals, auf dem ersten Höhepunkt einer öffentlichen Treibjagd auf Justiz, Psychiatrie und vermeintlichen CSU-Filz, brauchte die von der bayerischen Justizministerin bedrängte Staatsanwaltschaft Nürnberg nur fünf Tage, um einer Zeitung, in der der Ex-Staatsanwalt Prantl den Rechtsstaat zu schützen vorgibt, eine Blamage zu bereiten. In einer Pressemitteilung vom 26.11.2012 erteilte die Generalstaatsanwaltschaft Nürnberg als Vertreterin der dritten Gewalt den Hetzern von der vierten eine Lektion über Rechtsstaatlichkeit, von der allerdings niemand Kenntnis nehmen wollte: „Die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens erfordert nach dem Gesetz das Vorliegen von ‚zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkten‘ für eine Straftat. Das verlangt vom Staatsanwalt eine wertende Beurteilung. Es wird daran festgehalten, dass die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth aufgrund der Anzeige des Herrn Mollath vom Dezember 2003 von der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens zu Recht abgesehen hat.“ Anders als die Süddeutsche Zeitung hat die Nürnberger Staatsanwaltschaft innerhalb eines eng vorgegebenen Rahmens die Mollath-Anzeige „wertend“ so beurteilt: „Herr Mollath hat in seiner Anzeige von ‚Schwarzgeldverschiebungen‘ gesprochen, dabei Namen von Mitarbeitern von Banken genannt und schließlich auf eine ‚Zeugen- und Täterliste‘ (mit Namen und Anschriften) verwiesen. Das war deshalb nicht ‚zureichend‘, weil Geldtransfers von Deutschland in die Schweiz nicht automatisch strafbar sind und Tatsachen dafür, dass es sich um ‚Schwarzgeld‘ (Geld, dessen Erträge den deutschen Steuerbehörden nicht offenbart wurde) handelt, nicht dargelegt wurden. Die bloße Behauptung illegaler Geldgeschäfte genügt nicht. Daran ändert sich auch nichts, wenn zusätzlich Namen von Bankmitarbeitern, ‚Zeugen‘ und ‚Tätern‘ genannt werden. Gleiches gilt für Behauptungen wie etwa, es hätte Reisen (‚Kurierfahrten‘) von Bankmitarbeitern in die Schweiz gegeben, sowie seine (damalige) Frau habe ein ‚Schwarzgeldvermögen‘ von einem namentlich genannten Kunden (Konto ‚Monster‘) geerbt. Auch insofern bleibt offen, warum es sich um Schwarzgeld gehandelt haben soll. Geld deutscher Staatsbürger auf Schweizer Bankkonten steht schließlich nicht unter einem Generalverdacht in dem Sinne, dass dieser Umstand ausreicht, strafrechtliche Ermittlungen einzuleiten.“

Die Nürnberger Staatsanwälte hatten aber noch einen weiteren triftigen Grund, einen Anfangsverdacht gegen die Hypovereinsbank und die genannten Privatpersonen nicht weiterzuverfolgen. Staatsanwaltschaften sind bekanntlich Abwurfstellen für schrillste Verdächtigungen von miteinander im Dauerkrieg liegenden Nachbarn oder als Anzeige ausgegebene Hilferufe von einsamen und kranken Menschen. Sie müssen bei ihrer Prüfung, ob eine Anzeige zureichende tatsächliche Anhaltspunkte für ein Ermittlungsverfahren beinhaltet, auch den Charakter des Schriftstücks berücksichtigen. Die Nürnberger Staatsanwaltschaft gab der Süddeutschen Zeitung so Bescheid: „Bei der Bewertung des sogenannten Anfangsverdachts durfte im Übrigen die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth die gesamte Art und Weise der Darstellung des Anzeigeerstatters sowie eines zuvor dem Strafgericht übergebenen Schreibens vom 24.09.2003 ‚mit vielen weiteren Beweisen‘ nicht außer Acht lassen. So beginnt das genannte Schrei­ben, das als Verteidigungsschrift dienen sollte, mit einem vierseitigen Kapitel Was mich prägte. Hier beschäftigt sich Herr Mollath mit Ereignissen der Zeitgeschichte – von Martin Luther King über Kennedy, Vietnam, Biafra bis zur Mondlandung und Idi Amin – sowie mit beruflichen und familiären Aspekten. Dabei weist er darauf hin, dass er vom Jahr 1999 an ‚über 600 Bundestagsabgeordnete‘ sowie im Jahr 2000 an den Papst geschrieben habe. In Großbuchstaben führt er aus: ‚DIE GELDGEILHEIT WAR AUF DEM HÖHEPUNKT. NUR RENDITE KOSTE ES WAS ES WOLLE.‘ Die angeblich ‚vielen Beweise‘ bestanden in Zeitungsartikeln, Schreiben an verschiedene Personen, darunter an Kofi Annan und – als ‚Offener Brief‘ – an ‚Altbundespräsident Theodor Heuss von seinen Bürgern PAPA Heuss genannt‘. Nur neun Blatt hatten erkennbar mit Bankgeschäften zu tun, waren für sich jedoch nicht aussagekräftig und wurden auch nicht näher erläutert.“

Weder die Süddeutsche Zeitung noch die vielen Unterstützer, die sonst jedes Papier aus der Feder Mollaths ins Netz stellten, hielten es für nötig, die 106seitige Anzeige, die mit dem Kapitel „was mich prägte“ anhebt, zu zitieren. Fast zwei Jahre später, in einer Chronologie zum Fall Mollath der Online-Ausgabe der SZ (Stand 6.8.2013), gibt man sich scheinbar sogar etwas kleinlaut: „Am 25. September 2003 übergibt Mollath dem Amtsgericht Nürnberg einen Schnellhefter. Der Inhalt: Ein wirr wirkendes [!] Bündel Papier mit der Überschrift Was mich prägte auf der ersten Seite. Es liest sich stellenweise [!] bizarr, viele Seiten haben mit dem Kern dessen, was Mollath eigentlich sagen will, wenig zu tun: eine Zeitleiste von seiner Geburt über den Krebstod des Vaters, das Massaker von My Lai, die Ermordung Martin Luther Kings, die Mondlandung, den Putsch von Idi Amin, die Demonstration von 200 Sioux-Indianern bis zum Ende seiner Ehe.“ Aber man hatte natürlich trotzdem recht, denn: „Er nennt auch [!] Fakten [!] zu den angeblich illegalen Geldgeschäften seiner Ehefrau. Später legt er mit mehreren Anzeigen nach, die zwischen zwei und sechs Seiten lang und weit weniger ausufernd sind als seine Verteidigungsschrift in eigener Sache. Mollath beschränkt sich in diesen Strafanzeigen auf Personen und Daten. Auch diese Anzeigen lösen aber keine Ermittlungen aus. Der Wahrheitsgehalt der enthaltenen Vorwürfe wird offenbar nicht überprüft. Die Staatsanwaltschaft entscheidet schnell: Kein Anfangsverdacht, also auch keine Ermittlungen.“ Da Mollath nicht locker ließ und am 9.12.2003 bei der Generalstaatsanwaltschaft Berlin mit einer Anzeige vorstellig wurde, die von seinen Fans auch noch herumgereicht wird, ist es möglich davon eine Kostprobe zu geben: „Steuerhinterziehung, Steuerbetrug, Geldwäsche, Anstiftung und Beihilfe dazu, Insidergeschäfte, Schwarzarbeit in hunderten, ja sogar tausenden Fällen – kriminelle Vereinigung, Körperverletzung, Verdunkelung, Verschleppung, Falschanzeige, Nötigung“ ist das sechsseitige Papier überschrieben, in dem es von Namen und Vorwürfen wimmelt und das mit den Worten endet: „Es handelt sich hier um den größten und dreistesten Schwarzgeldverschiebungsskandal der bisher bekannt ist!“ Und diese Sätze durften wie in allen Mollath-Schriften seit 2003 nicht fehlen: „Jetzt wird versucht mich mit allen Mitteln mundtot zu machen. Mindestens ein Mitarbeiter der HVB, Martin Maske [der spätere Ehemann von Petra Mollath, J.W.] betreibt mit Petra Mollath und seinem Freund, dem Rechtsanwalt Dr. Woertge, mich durch das Amtsgericht Nürnberg für unzurechenbar erklären zu lassen.“ Solche, gelinde gesagt, Verzerrungen änderten nichts daran, dass im eigens eingerichteten Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags zum Fall Mollath die SPD-Abgeordnete Inge Aures stellvertretend für ein parteienübergreifendes Bündnis kritisierte: „Es kann nicht sein, dass Herr Mollath weggesperrt wurde wegen paranoider Wahnvorstellungen über Schwarzgeldgeschäfte, aber dann bestätigen sich seine Vorwürfe weitgehend.“ (Nürnberger Nachrichten, 5.6.2013)

Ein Whistleblower  als Ich-AG

Der Paranoide ist genausowenig originell wie der Gesunde, der er einst war. In seiner Wahrnehmung kommt nur verzerrt zurück, was er einst, als er noch mit seinem Umfeld im Reinen war, zusammen mit diesem als gut gepflegtes Vorurteil geteilt hat. Der noch nicht verhaltensauffällige Mollath hatte wohl kaum ein Problem damit, dass an der Steuer vorbei Geschäfte abgewickelt werden, jedenfalls solange er Nutznießer davon war. Er war schließlich Selbständiger in einem Bereich, in dem ein großer Teil des Umsatzes üblicherweise unversteuert bleibt. Aber wie sein Umfeld, also die Bürger der Bundesrepublik Deutschlands in ihrer Mehrheit, war er ein Bescheidwisser. Er pflegt die Allerweltsvorurteile, wonach die Reichen und Mächtigen zusammenhielten und der kleine Mann immer das Nachsehen hätte. Er wähnt sich einem System ausgeliefert, das ihn mal mit Steuerbescheiden belästigt und ein anderes Mal den Weltfrieden aufs Spiel setzt. Zu den Reichen gesellt sich in diesen ewigen Unterstellungen die Politik, die Justiz und die Verwaltung, die mit einem machen könnten, was sie wollten. Im Hintergrund aber lauert die „Geldgeilheit“, die wiederum artfremd von außen eingeschleppt wird, von einem System, das erst die Indianer und dann die Vietnamesen ermordete, um schließlich uns in den Untergang zu ziehen.

Der Schritt in die verhaltensauffällige Paranoia war die individuelle Abweichung des aus den Fugen gegangenen Mollaths vom Mehrheitsressentiment. Während die Mehrheit es damit bewenden lässt, andere für sich den Detektiv gegen Amerika spielen zu lassen und mit gespielter Empörung die Snowdens, Assenges usw. zu ihren Helden zu machen, stehen viele Paranoide unter dem Zwang, eine Wikileaks-Ich-AG aufzumachen und auch ohne Zugriff auf amerikanische Geheimdienstdokumente den Whistleblower zu geben.

Zum klassischen Krankheitsbild des Paranoiden gehört ein gewaltiges Rationalisierungspotential, das die aus den Fugen geratene Persönlichkeit nach innen und außen schützen soll. Der Kranke ist immer weniger fähig, die eigene Krankheit, die er sehr wohl als Leiden erkennt, zu reflektieren. Er ist nicht gestört, er fühlt sich vielmehr gestört von sehr konkreten Verursachern, denen er hinterher recherchiert. Auf sie weist er seine sich ihm zunehmend verweigernde Umgebung ständig hin. Vielen wird die Justiz, die ihnen zuhört, weil sie jede Anzeige, Eingabe etc. bearbeiten muss, zum letzten Ansprechpartner. Sie ist ihnen einerseits erbittert befehdeter Hauptfeind, weil sie die Ermittlungen nicht aufnehmen will, aber andererseits als ständig umworbener Hort einer über dem Recht stehenden Gerechtigkeit weiterhin wichtig. Die Flut der Eingaben, Anzeigen, Klagen durch alle Instanzen bis hinauf zum Europäischen Gerichtshof, die sich an einem vermeintlich zu unrecht entzogenen Personenbeförderungsschein genauso festmachen können wie an der womöglich sogar richtigen Erkenntnis, dass der Nachbar mit Drogen handelt, dienen allein dazu, die vorhandene und peinigende Ahnung nieder zu halten, man könnte wahnsinnig geworden sein. Der Beamte, der den Personenbeförderungsschein verweigert hat, oder der mit Drogen handelnde Nachbar und seine Besucher treten stellvertretend für die um sich greifende Krankheit auf. Nicht die Krankheit hat sich ihren Weg gebahnt, es sind Außenstehende, die einen fertig machen wollen. In seinen juristischen Bemühungen wird der Kranke scheinbar rational, er eignet sich den Fachjargon an und vermag, so scheint es, stringent zu argumentieren. Damit bringt er zumeist die noch verbliebenen Freunde und sich sorgenden Verwandten zur Verzweiflung, die vor die Entscheidung gestellt werden, sich diese Rationalisierungen zu eigen zu machen oder als Büttel des Systems ausgeschlossen zu werden. Die sich zwingend einstellende Vereinsamung erhöht das Misstrauen gegen die Welt und zugleich das eigene Sendungsbewusstsein. Der Paranoide sieht sich irgendwann als Opfer einer uneinsichtigen Behörde, die sich ihm zum System ausweitet, und er findet im zähen Widerstand seinen Auftrag. Anders als die Justiz, die er hasst, weil sie sich ihm nicht fügt, die er aber nicht fürchtet, wird ihm die Psychiatrie als institutioneller Einspruch gegen sein Denken überhaupt zur Bedrohung. Während die Justiz Geschichten über Steuerbetrug im Zusammenhang mit einem Verfahren wegen schwerer Körperverletzung und Sachbeschädigung verwirft und darin am allerwenigsten einen Rechtfertigungstatbestand erkennen will, rückt die irgendwann von Dritten bemühte Psychiatrie dem Kranken gefährlich nahe: als dauernder Einspruch, als Instanz, die den Offenbarungseid über sein ganzes Leben verlangt, aber auch als der Ort, an dem ein Leben enden kann, in der Form der geschlossenen Anstalt.

Ein psychisch Kranker, der weder sich selbst noch andere schädigend in Erscheinung getreten ist, bleibt von der Psychia­trie unbehelligt. In ihren Blickpunkt gerät er erstmalig dann, wenn er es nicht mehr vermag, sein Leben selber zu organisieren und als verhaltensauffällig gilt. In einer solchen Situation kann die Psychiatrie dem Kranken jedoch lediglich Hilfe anbieten, die er jederzeit ablehnen kann. Der Zugriff, also die zwangsweise Unterbringung in einer Einrichtung, ist erst möglich, wenn anders sein Leben unmittelbar gefährdet wäre, wenn er zum Beispiel nackt und schreiend durch die nächtlichen Straßen rennt, oder andere attackiert hat, und die Gefahr der Wiederholung besteht.

Im Fall Mollath, so wurde stets bemängelt, hätten Sachverständigengutachten von Psychologen vorgelegen, die Mollath gar nicht begutachtet hätten. Das ist teilweise richtig, weil sich Mollath, der vor seiner endgültigen Unterbringung schon zweimal kurzzeitig zur Untersuchung seines Geisteszustandes in die Psychiatrie eingewiesen worden war, stets dagegen sperrte. Zu Gesprächen mit Psychologen kam es aber doch und vor allem: Die Gutachter konnten auf eine beeindruckende Gerichtsakte voller Mollath-Schriften zurückgreifen. Das Gutachten des Bayreuther Forensikers Klaus Leipziger, dem das Landgericht Nürnberg in seinem Urteil vom 8.8.2006 bei der Verneinung der Schuldfähigkeit gefolgt ist, kam z.B. zu diesem Ergebnis: Aus den Akten „ergebe sich, dass der Angeklagte in mehreren Bereichen ein paranoides Gedankensystem entwickelt habe. Hier sei einerseits der Bereich der ‚Schwarzgeldverschiebung‘ zu nennen, in dem der Angeklagte unkorrigierbar der Überzeugung sei, dass eine ganze Reihe von Personen aus dem Geschäftsfeld seiner früheren Ehefrau, diese selbst und zunehmend noch beliebige weitere Personen, die sich gegen ihn stellten, z.B. auch Dr. Wörthmüller, der Leiter der Forensik am Europakanal, in der der Angeklagte zunächst zur Begutachtung untergebracht war, in dieses komplexe System der Schwarzgeldverschiebung verwic­kelt wären. Eindrucksvoll könne am Beispiel des Dr. Wörthmüller ausgeführt werden, dass der Angeklagte weitere Personen, die sich mit ihm befassen müssten, in dieses Wahnsystem einbeziehe, wobei in geradezu klassischer Weise der Angeklagte eine für ihn logische Erklärung biete, dass Dr. Wörthmüller ihm angeboten habe, ein Gefälligkeitsgutachten zu schreiben, wenn der Angeklagte die Verwicklung Dr. Wörthmüllers in den Schwarzgeldskandal nicht offenbare. Auch entwickle der Angeklagte paranoiden Größenwahn, der sich beispielsweise aus seinem Schreiben vom 23.9.2004 an den Präsidenten des Amtsgerichts Nürnberg ergäbe. Hier werte der Angeklagte die Forderung des damaligen Bundeskanzlers nach einem Mentalitätswechsel in Deutschland als persönlichen Erfolg für seine Bemühungen, um das Wohl seines Geburts- und Lebenslandes. Denn ‚Schwarzgeldverschieber und Steuerhinterzieher verschärften die Schere zwischen Arm und Reich und die Entwicklung zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen.’“

Seelenlose Medizin

Von der unbegründeten Angst, wegen einer falsch, am Ende gar böswillig attestierten Krankheit zwangspsychiatrisiert zu werden, sind die scheinbaren Mollath-Fans ganz offensichtlich umgetrieben. Psychiatrie und Justiz sind ins Fadenkreuz einer Inszenierung geraten, deren Regisseur niemals Gustl Mollath heißen kann, denn von seinen wirren Geschichten hat man nur übernommen, was man brauchen konnte. Zu keinem Zeitpunkt war Empathie mit dem verrannten Kranken erkennbar, man brauchte Mollath nur als den kranken Ankläger und bestimmt nicht als den Mann, der professionelle Hilfe annimmt. Gustl, halt durch! war die Devise und niemals: Gustl, nimm Hilfe an, du brauchst sie! In Deutschland, in dem die Mehrheit immer noch in Lebensanstellungen ihr Auskommen findet, die Gefahr des sozialen Absturzes im Vergleich mit fast allen Ländern der Erde gering ist, man obstinat in der angestammten Region verbleibt und gerade die Gefahr eines Bürgerkriegs arm gegen reich undenkbar ist, haben die Bürger nach 68 Jahren Frieden bei wachsendem Wohlstand und erheblicher innerer Sicherheit mehr den je den Eindruck, der Boden, auf dem sie stehen, entgleite ihnen. Einen Common Sense gibt es nicht, weil jede Unsicherheit als Aggression gegen die als geschlossenes und feindseliges System vorgestellte Gesellschaft weitergegeben wird. Für die Aufrechterhaltung dieser Projektion der eigenen Anstalt, dieses Zwangssystems, in dem man hinter selbst aufgerichteten hohen Mauern gegen die unerwünschte Einmischung von draußen abgeschirmt vegetiert, braucht man gegen die Anstalt namens Gesellschaft Kronzeugen, denen alle Liebe gilt, solange sie als Opfer taugen, und alle Gleichgültigkeit, wenn das „System“ sich dann doch nicht so verhält, wie man es von ihm immer schon wusste. Mollath hatte deshalb nach seiner Entlassung im August 2013 schon ausgespielt. Man weiß, dass von ihm als freiem Mann für die Bedienung des eigenen Wahns nicht mehr zu erwarten ist als von den guten Freunden im Internet, die man besser nicht persönlich kennt: Ein obstinater Nörgler mehr, der seinen Tick pflegt wie man selber auch. Als wenige Wochen vor seiner Entlassung, am 12.6.2013, in der Nürnberger Zeitung einer der ganz seltenen Artikel erschien, der Petra Mollath zu Wort kommen ließ, endete ein langer Online-Leserbrief an die NZ vom gleichen Tag stellvertretend für eine nationale Aussprache so: „Mir bleibt nur noch zu sagen, dass ich H. Mollath viel Glück wünsche und ich hoffe, dass es uns erspart bleiben wird, über einen plötzlichen Tod imm BKH Bayreuth, vmtl. durch Erhängen, zu berichten. Vielleicht wird das Verfahren auf Druck der Öffentlichkeit hin durch das LG Regensburg wiedereröffnet und H. Mollath kommmt tatsächlich noch frei. Ich glaube jedoch nicht mehr daran, denn er hat den einzigen Fehler begangen, den man nicht tun darf...er hat das System an sich in Frage gestellt. Gruß Ein aufmerksamer Beobachter.“ Bezeichnenderweise erfolgt der hier ausgedrückte Todeswunsch „vmtl. Durch Erhängen“ in Analogie zu den bis heute gerne als extralegale Hinrichtungen deklarierten Selbstmorden von RAF-Gefangenen, besonders Ulrike Meinhofs. Die so hartnäckig bestrittenen RAF-Selbstmorde machen den Mythos um eine Bande perfekt, die mit ihren Morden an „Bonzen“, Polizisten, Chauffeuren und einem Angehörigen der US-Army „bürgerkriegsähnliche Zustände“ als Fanal für den Endkampf arm gegen reich verstanden wissen wollte und nicht etwa die Veteranen dieser Gruppe, die in Freiheit lebend zur Identifikation einfach nicht taugen.

Irgendwo in der Nähe des vom „System“ vorgetäuschten Selbstmordes durch Erhängen muss die Medikamentierung von Patienten mit Psychopharmaka liegen. Mollath, der stolz darauf ist, Psychopharmaka stets abgelehnt zu haben, gibt damit immerhin zu, dass diese ihm nicht etwa unter Gewalt verabreicht werden sollten. Dass die Verweigerung von Medikamenten und psychologischer Behandlung in seinem Fall ganz wesentlich zum langen Aufenthalt in der Forensik beigetragen hat, weil die Gefährdung Dritter in Freiheit deshalb nicht ausgeschlossen werden könne, wurde in der Kampagne für seine Freilassung sorgsam ausgespart. Man hält es mit Mollath, der nach seiner Entlassung „schildert wie ein junger ‚Mitgefangener‘ unter schweren Medikamenten gehalten wurde, die zu heftigen Nebenwirkungen führen. ‚Erhöhter Speichelfluss, verzerrtes Gesicht. Die eigenen Mütter, die zu Besuch kommen, erkennen ihre Kinder nicht mehr‘, sie würden ihre Angehörigen für total wahnsinnig halten, dabei sei es die Wirkung der Medikamente. ‚Da werden Menschen folterähnlichen Bedingungen ausgesetzt‘, behauptet Mollath“ (Welt, 14.8.13). Jeder weiß aus dem eigenen Umfeld, dass Menschen, bei denen zum Beispiel eine psychotische Erkrankung ausgebrochen ist, meist nur mit Hilfe von Medikamenten in die Lage versetzt werden können, ihre psychische Erkrankung im Gespräch mit Psychologen und Freunden allmählich zu realisieren. Oft ist es so, dass sie sehr lange, manchmal sogar ein Leben lang, auf Medikamente angewiesen sind, wenn sie ihr früheres Leben einigermaßen wieder aufnehmen wollen. Die nur zu verständliche Rebellion gegen die Krankheit mittels Selbstversuch durch unabgesprochenes Absetzen der Medikamente führt fast immer zu schweren Rückfällen. In einem Land, in dem nicht etwa die Unterschichten, sondern der die Süddeutsche Zeitung lesende akademische Mittelstand seine Kinder gefährlichen Gesundheitsrisiken aussetzt, weil man zu wissen glaubt, dass das Übel in den Schutzimpfungen und nicht in den manchmal eben tödlich verlaufenden Kinderkrankheiten liegt, ist man so sehr Idealist, dass man rundweg bestreitet, dass der Mensch als das denkende Tier, das er ist, aus Knochen, Muskeln und Nerven besteht, die sich seinem Willen nicht immer unterwerfen. Die durch einen mentalen Defekt, der häufig im Gehirn lokalisiert werden kann, ausgelöste „Befreiung“ des Willens aus der Kontrolle durch das Ich, kann, wenn keine Abhilfe geschaffen wird, oder diese gar nicht möglich ist, dazu führen, dass erhöhter Speichelfluss, verzerrte Gesichter und unartikulierte Laute Mütter ihre eigenen Kinder nicht mehr erkennen lassen. Völlig unbeeindruckt davon, dass Psychopharmaka seit Jahrzehnten in dauernd verbesserter Form sehr viele Menschen von diesem jammervollen Vegetieren bewahren, hält eine mittelständische Irrenoffensive, die nichts Anrüchiges daran findet, dass sich viele bei Leuten wie Petra Maske, geschiedene Mollath, mit Wünschelruten von bösen Geistern heilen lassen, daran fest, dass das Unheil in der Medizin liege, hinter der diesmal nicht die Hypovereinsbank und einige Nürnberger Steuerlochsucher stecken, sondern Pharmaindustrie und Ärzteschaft als Vertreter des gleichen seelenlosen „Systems“.

Die Angst vor dem Kuckucksnest

Am Ende haben es sogar die Brandstifter angesichts des ungebändigten Hasses auf die Psychiatrie, den sie selber erst aus der Schmuddelecke in die Mitte der Gesellschaft verlegt hatten, mit der Angst zu tun bekommen. Am 4.12.2012 schreibt die Süddeutsche Zeitung, offensichtlich um Deeskalation bemüht: „Dennoch muss ein unbescholtener Bürger nicht befürchten, dass er plötzlich hinter den Gittern der Maßregelklinik landet. Und schon gar nicht sollte er sich vor einem Aufenthalt in der psychiatrischen Station eines Allgemeinkrankenhauses fürchten.“ Dass es so auch wieder nicht gemeint war, beweist das offensichtlich auch auf Mollath gemünzte Wort „unbescholten“ und mehr noch der Titel des Artikels: Psychiatrie, Angst vorm Kuckucksnest, unter dem ein Bild aus dem bekannten Kultfilm zu sehen ist. Dieser Märchenfilm aus dem Jahr 1975 mit guter Besetzung und unterhaltsamer Handlung operiert mit der Erinnerung an längst vergangene böse Zeiten, in denen die Elektroschock-Behandlung und die Zwangsmedikation mit starken Sedativa noch zum Handwerkszeug gehörte und vielleicht wirklich sogenannte unangepasste Menschen einem höheren Risiko der Zwangspsychiatrisierung ausgesetzt waren. In Deutschland blieb als Erinnerung an Einer flog über das Kuckucksnest – von den Psychiatriereformen unbeeindruckt – die immerwährende Angst vor der Anstalt und als Antwort auf sie der in die ihm gebührenden Jagdgründe, also die vom weißen Mann noch nicht unterworfene Natur davoneilende Indianerhäuptling Bromden. Womit die Süddeutsche Zeitung an Mollaths Sendschreiben Was mich prägte anknüpfte, in dem eben keineswegs zufällig auch die Demonstration von 200 Sioux-Indianern erwähnt wurde.

Hätte man wirklich ermittelt, also neben der Justiz auch unabhängige Fachleute und eine interessierte Öffentlichkeit, dann hätte sich mangels im Dunkeln liegender Spuren jede Verknüpfung des Falls Mollath mit den Sujets von Kriminalroman oder Psychothriller verboten. Stattdessen hätte man über Grenzen und Fragwürdigkeiten der psychiatrischen Zwangsunterbringung diskutieren können, besonders deren Dauer und Kontrolle und die Einspruchmöglichkeiten der Insassen. Auch der Umstand, dass die Verweigerung von psychologischer Behandlung und Medikamenten sehr leicht dazu führen kann, dass der Betroffene für immer eingesperrt bleibt, wäre eine nähere Untersuchung wert gewesen. Man hätte auch nachfragen können, ob die Gutachter, die den Gerichten die Gründe für die Einweisung liefern, diese Macht so wenig kontrolliert ausüben sollten, wie sie es vielfach wohl tun. Aber die Lust am Ermitteln, was doch hieße, die eigene vorgefasste Meinung über einen Sachverhalt einer Prüfung zu unterziehen und damit ein Ergebnis zuzulassen, das die eigene Ausgangsthese als unhaltbar verwirft, so etwas lehnt der Durchschnittsdeutsche als unzulässigen Eingriff in sein Recht auf freie Meinung ab. Deutsche, die im privaten Kreis Diskussionen keineswegs als anregend empfinden, sondern als Anschlag auf die Gemütlichkeit, als das Eindringen einer sie verunsichernden und deshalb als feindselig empfundenen Sphäre, treten immer dann als Dissidenten auf, wenn hinter ihnen die Volksgenossen stehen, und wähnen sich als Ermittler, wenn sie systematisch und plebiszitär zur Verdunkelung wahrer Sachverhalte beitragen.

Im Übrigen sind sich die Deutschen mit Mollath, der sich ständig darüber beklagte, dass er mit Sexualmördern, Perversen und Drogenkranken eingesperrt war, natürlich darin einig, dass man gar nicht genug Menschen „wegsperren muss und zwar für immer“ (G. Schröder). Diese Personengruppen gelten den einen, die sie in den Zuchthäusern verfaulen lassen möchten, gar nicht als psychisch erkrankt, oder aber in schlimmer deutscher Tradition als degeneriert, womit ein Anspruch auf Behandlung und die Aussicht auf ein späteres Leben in Freiheit ebenfalls verwirkt wäre. Das ist keine gute Ausgangslage für den Erhalt und Ausbau von zum Beispiel offenen Einrichtungen, in denen chronisch psychisch kranke Straftäter unter der Auflage, ihren Medikamentencocktail regelmäßig zu sich zu nehmen, in Wohngruppen leben, statt im Maßregelvollzug.

Justus Wertmüller (Bahamas 67/2013)