Editorial 18

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"Ausnahmsweise wollen auch wir unseren Standort entwickeln", hieß es im Editorial der Bahamas 16, die den Standort Deutschland zum Schwerpunkt hatte. Was im Herbst 94 nur als frotzelnde Ankündigung dreier Theorie-Artikel gedacht war, sollte sich ein halbes Jahr später als bitterer Ernst erweisen: Nach einer mühsam zustandegebrachten Nr.17 war die Luft draußen. Die alte Redaktion sah sich nicht mehr im Stande, die Zeitung weiter aufrecht zu erhalten; der längst zum Phantom verkommene ursprüngliche Herausgeberkreis, das KB-Spaltprodukt Gruppe K, wurde sang- und klanglos aufgelöst. Ein Kreis, der einmal mit dem Ziel angetreten war, "zur Neuformierung einer nichtreformistischen, radikalen, antikapitalistischen, kommunistischen Linken beizutragen", hat seine theoretischen Grundlagen nur derart "ausnahmsweise" weiterentwickelt, daß er nicht einmal mehr in der Lage war, sich selbst neu zu formieren.

Die alte Redaktion (in der Mitglieder der neuen von Anfang an vertreten waren) ist an zwei Punkten gescheitert.

1. Wir haben es seit zwei Jahren nicht mehr verstanden, die Bedingungen und Möglichkeiten unserer kritischen Intervention so auszubauen und inhaltlich zu schärfen, daß deren Ergebnisse einer zwischen Berlin und Hamburg ständig tagenden Theorie treibenden Gruppe Zusammenhang und Profil verleihen konnte. Dies hatte zur Folge, daß die Bahamas-Autoren zuletzt ohne verbindlichen Diskutierzirkel ihre Texte geschrieben haben. Als verbindlich konnte so nur noch das Bewährte gelten, also jene gemeinsam erarbeiteten Einsichten, die vorwiegend noch aus den Zeiten der Nie-Wieder-Deutschland-Bewegung 1990/91 stammen. Über diesen Konsens hinausweisende Texte stammten vorwiegend von Gastautoren oder wurden nach funktionalen Gesichtspunkten wie dem des Proporzes oder der Themenabdeckung weitgehend undiskutiert ins Blatt genommen. Die tatsächlich aufgetretenen Differenzen zwischen der Hamburger und der Berliner Redaktionsgruppe konnten wir mit diesem Verfahren nie wirklich ausloten.

2. Wir haben zu lange einen organisatorischen Anspruch aus KB-Zeiten mit uns herumgetragen, demzufolge man als linksradikaler Zusammenhang sich ins radikal-linke Politikgeschäft einzumischen habe. Jüngstes Beispiel für den selbstauferlegten Zwang zur praktischen Umsetzung dieses Anspruchs war die Kampagne für das antinationale und antideutsche Aktionswochenende am 6./7. Mai 95 in Berlin. Sie wurde ungeachtet aller inhaltlichen Differenzen von fast allen damals noch aktiven Gruppe-K- und Bahamas-Mitgliedern mitgetragen und war ein letztes regressives Aufscheinen dieses falschen Traums von der politischen Praxis. Linksradikale politische Praxis konnte für einen Kritikerzirkel, der die Gruppe K von Anfang an hätte sein müssen, nur heißen, mit Texten und Diskussionsbeiträgen sich an die Köpfe jener Linken zu wenden, die auch nach 1989 nicht bereit waren, ihren Frieden mit den Verhältnissen zu machen. Der Traum vom Aufbau einer antideutschen Strömung als Keimzelle einer nun aber wirklich linksradikalen Bewegung war allein dem linken Traditionalismus geschuldet. Denn mit einer Einsicht in das totale Scheitern der westdeutschen Linken nach ihrem kurzen APO-Sommer hatte diese verspätete Hoffnung nun wirklich nichts mehr gemein.

Die Gruppe K war realitätstüchtig genug, ihren organisatorischen Anspruch nie wirklich ernst zu nehmen und ist deshalb notwendig zur reinen Zeitungsorganisation geworden. In den Köpfen vieler Mitglieder (besonders derer, die nicht oder nur peripher an der Zeitung mitgearbeitet hatten) blieb der Wunsch nach gemeinsamer politischer Praxis im traditionellen Sinne jedoch virulent. Diese Unentschiedenheit in der "Praxis"-Frage hat entscheidend zum Zusammenbruch der Gruppe K und der Selbstblockade der alten Bahamas-Redaktion beigetragen.

Die zuletzt desolate Situation in der Redaktion hat sich zum Glück nur zum kleinen Teil in den 10 Ausgaben der Bahamas, die seit Dezember 1992 erschienen sind, niedergeschlagen. Die alte Bahamas war im Spektrum der antinationalen Linksradikalen gewiß das vernünftigste regelmäßig erscheinende Blatt, was eine gute Voraussetzung zum Weitermachen darstellt.

Die neue Redaktion ist die alte Berliner Teilredaktion, erweitert um solche Mitglieder der Berliner Jour-Fixe-Initiative, die sich bislang am Bahamas-Geschäft nicht beteiligt haben. Die Redaktion ist autonom und nur sich selbst verantwortlich. Ein kraft monatlich entrichtetem Mitgliedsbeitrag erlangtes Recht auf Mitsprache gibt es nicht mehr. Wir werden das Erscheinen der Bahamas alle drei bis vier Monate vorläufig aus eigener Kraft bewerkstelligen können. Um die Bahamas ständig zu verbessern und selbst nicht in redaktioneller Arbeit zu ersaufen, sind wir jedoch auf weitere Mitarbeiter angewiesen. Wir geben dabei die Hoffnung nicht auf, daß jene vier Hamburger Redakteure, die jahrelang die Hauptarbeit geleistet haben, das Schreiben (für die Bahamas) auch künftig nicht lassen können. Darin bestärkt uns ihre Stellungnahme, die wir unter dem Titel "Kein: Weiter so ..." auf Seite 60f. veröffentlichen.

Die neue Bahamas knüpft grundsätzlich an der Konzeption der alten an, bemüht sich aber, das Schwergewicht auf die theoretische Debatte zu verlagern.

In Zeiten, in denen jeder Linke, selbst jeder Linksliberale, sich etwas darauf zugute hält, antinational zu sein, und jeden Nationalismus gleichmäßig geißelt, um ja nicht von den konkreten deutschen Verhältnissen reden zu müssen, ist eine linksradikale antideutsche Position unverzichtbar. Antideutsch ist für uns weder identitätsstiftendes Glaubensbekenntnis noch irgendein politischer Standpunkt, sondern Bestandteil theoretischer Kritik, die über die isolierte Gegnerschaft zu Deutschland hinausgreift. Wer die antideutsche Haltung konsequent zu Ende denkt, wird um eine Kritik sogenannter linker Essentials, des Glaubens an durch strategisches Geschick politisierbare "Widersprüche", der in dieser Vorstellung implizierten Subjektillusion etc. nicht herumkommen.

Die Gefahren einer zu kurz gefaßten Deutschland-Kritik liegen also in der Vernachlässigung einer allgemeinen kritischen Theorie der bürgerlichen Gesellschaft, an deren Stelle ein rein historisierender Ansatz zu treten droht, der umstandslos das Fortwirken der Vergangenheit in der Gegenwart unterstellt, ohne sich über die Qualität und die Art der Vermittlung der unterstellten historischen Kontinuitäten ausreichend Gedanken zu machen.

Antideutsch darf nicht gegen antinational gestellt werden, auch wenn sogenannte Antinationale von MG bis autonom uns geradezu dahin drängen. Antideutsch kann nur aus einer grundsätzlichen Kritik der Nation gewonnen werden und die ist keineswegs nur eine deutsche Angelegenheit. Die Nation ist als Organisationsform der wertvergesellschafteten Welt zu kritisieren, mit dem Ziel der Aufhebung aller in ihr angelegten Erscheinungsformen, zu denen immer auch der völkische Nationalismus gehört – da rettet uns kein ius soli und keine Hannah Arendt. Erst von diesem Fundament aus können die Besonderheiten in der historischen Durchsetzung der Nation hin zum Volksstaat analysiert werden. Wenn der Nachweis gelingt, daß das deutsche Modell Volksstaat ein so außergewöhnliches Ausmaß an Einverständnis zwischen Bürger und Staat erreicht hat, daß Auschwitz nicht als Betriebsunfall der Moderne abgetan werden kann und der nach Auschwitz führende Identitätswahn 1945 nicht sein Ende gefunden hat, hat die Rede von den "deutschen Besonderheiten" ihre Berechtigung.

Dem theoretischen Nachweis der neuerdings auch von Linken wieder heftig bezweifelten deutschen Besonderheiten kapitalistischer Vergesellschaftung ist der Schwerpunkt dieser Ausgabe gewidmet.

Zu den hartnäckigsten Verfechtern einer vom üblichen Standard der imperialistischen Staatenwelt nicht abweichenden "Normalität" deutscher Zustände gehören die um die Zeitschrift "Gegenstandpunkt" sich gruppierenden Zirkel der früheren "Marxistischen Gruppe" (MG). Sie tun sich schwer damit, daß antideutsch orientierte Gruppen inzwischen nicht minder staats- und demokratiekritisch sind wie sie selber und sich trotzdem nur einen sehr kleinen Teil ihrer "tauglichen Argumente" "einleuchten" lassen wollen.

Das fast widerspruchsfreie Einverständnis zwischen den Deutschen und ihrem Staat ist für Ex-MGler nichts Besonderes, Antisemitismus lediglich ein staatliches Projekt zur Irreführung der Bürger, und die Ermordeten von Auschwitz werden umstandslos den alltäglichen Opfern des Weltmarkts zugerechnet. Der Glaube des Staatsbürgers daran, "daß der Staat sein Lebensmittel" sei, ist in ihrer Lesart lediglich eine bedauerliche Fehlkalkulation, die durch beharrliche Aufklärung "über die Kosten der Freiheit" überwindbar sei. In den Artikeln "Wie geht Einleuchten?" (S. 20) und "Übliche imperialistische Rangelei?" (S. 17) wird der MG-eigenen famosen Mischung aus marxologischen Abstraktionsleistungen und kindlichem Glauben an den gesunden Menschenverstand auf den Grund gegangen.

Wenn Linke mal wieder mit einem Massenprojekt Schiffbruch erlitten haben, kommt regelmäßig die hohe Stunde der Theorie. Dann wird rasch eine möglichst modisch-gescheit klingende Begründung zurechtgehämmert, die nur dazu dient, den abgesoffenen Kahn wieder flott zu kriegen und weiter zu wursteln wie bisher. Die frühere Grünen-Fundamentalistin Manon Tuckfeld und die Berliner triple-oppression-Autonomen von der "Broschürengruppe" sind unabhängig voneinander auf den ehemaligen KPF-Ideologen Louis Althusser als theoretischen Stichwortgeber gestoßen. Was es mit dessen Einsichten rund um die "ideologischen Staatsapparate" für eine Bewandtnis hat, untersucht der Text "Die wundersame Renaissance des Louis Althusser" (S. 53)

Wenn Politzusammenhänge aufgelöst werden, bleiben immer jene verbittert zurück, denen die Gruppe ideologische Heimat und Familienersatz zugleich war. Als letzte Reminiszenz an K-Gruppen-eigene Befindlichkeiten darf deshalb die überfällige Abrechnung mit der rechtsabweichlerischen, liquidatorischen Strömung der Berliner Doppelzüngler nicht fehlen. Dies wird mit der Erklärung "Statt Blumen" (S. 62) dokumentiert. In bester K-Gruppen-Tradition, nach der Quantität immer eine Voraussetzung für deren "Umschlagen" in Qualität darstellt, finden sich unter den Unterzeichnern auch Personen (Gaston Kirsche u.a.), deren Anliegen bislang nicht in der inhaltlichen Mitarbeit an der Bahamas bestand.