Editorial 19

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Was in den späten 70ern mit André Gorz’ "Abschied vom Proletariat" begann – durch den Abschied vom Klassenkampf neue Welten linker Politik zu erobern – endete mit völliger Perspektivlosigkeit. Die "Menschheit", der "Mensch an sich" und ähnliche idealistische Annahmen aus der heroischen Frühphase der bürgerlichen Gesellschaft kehrten nach dem Abschied vom Materialismus auch in linken Diskussionen wieder. Die Exhumierung der längst in den Gräbern des geschichtlichen Prozesses verwesenden bürgerlichen Projektion, die den Menschen "an sich", nunmehr im Zeichen ökologischer und nationalpazifistischer Verantwortung, zum Zentrum ihrer politischen Bemühungen machte, hat sich zurecht bis auf die Knochen blamiert.

Statt die "Wege ins Paradies" (Gorz) prophetisch in Gedanken vorwegzunehmen, waren die sozialdemokratisch-alternativen Modelle jenseits von Proletariat und fordistischer Lohnarbeit nur der theoretisch verbrämte Vorschein der gegenwärtigen Weltmarktkrise, in deren Folge der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat durch die autoritäre Ausgrenzung der für die Verwertung des Kapitals Überflüssigen ersetzt wird. Der "Bürgerkrieg in Frankreich", wie die letzten sozialen Kämpfe in Europa angesichts fehlender anderer gefeiert wurden, steht unter diesen Vorzeichen genauso wie das Ende des Fortschritts in Brasilien. Die "neosozialen" Konzepte, die in Brasilien die Verwertungsbedingungen optimieren sollen, kündigen an, was auch in den kapitalistischen Metropolen denen bevorsteht, die auf der Verliererseite des Modernisierungsprozesses stehen (Zur Streikwelle in Frankreich siehe S. 7, zu Brasilien S.17).

Beide Seiten der alten maoistischen Parole "Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker, vereinigt euch!", mit der dem damals schon kränkelnden Metropolenklassenkampf noch ein wenig revolutionäre Würze verliehen wurde, können die in sie gesteckten geschichtsoptimistischen Heilserwartungen nicht mehr einlösen.

So sehen auch die Subjekte, auf die die letzten Hoffnungen gesetzt werden, recht seltsam aus. Auf der einen Seite das hedonistisch-subversive Individuum, um das sich die Debatten in den Zeitschriften Spex, Beute und 17°C drehen (dazu: "Haupttendenz Hedonismus", S. 36). Auf der anderen Seite das vermeintliche Gegenteil: der einfache und gerechte Islamismus, auf den sich grüne Realos und ihr bewaffneter Arm (AIZ) beziehen (siehe die Artikel "Der Islamismus frißt seine Kinder" sowie "Fundamentalismus, Volksfrömmigkeit, Diskursfalle" ab S. 26). Gegen die grün-antiimperialistische Einheitsfront "Gerechtigkeit für Serbien" zu fordern ist deshalb berechtigt. Peter Handke, der als einer der wenigen gegen die einmütige antiserbische Hetze öffentlich Stellung bezog, bekam deshalb prompt den Haß der bundesdeutschen Ehrenmuezzins zu spüren ("Gefährlich in allen Lebenslagen", S.13).

Auch der vermeintliche Abschied vom Subjekt, den die deutsche Althusser-Rezeption postuliert, ist nur ein kleiner Umweg zur alten Bewegungspolitik, die ohne den Mythos des revolutionären Subjekts nicht auskommen kann. Das meinen Nachtmann/Krug in ihrer Entgegnung auf den Beitrag von Tuckfeld, der zur politischen Praxis der gesellschaftliche Widerspruch auch ohne Subjekt genügt (S. 42 bzw. S. 46). Nur die rückhaltlose Kritik einer "Praxis", deren Verfallsdatum längst überschritten ist, hält der Möglichkeit von wirklicher Veränderung die Treue.

Die katholische Kirche verbriefte ihrem Klientel Anfang des 16. Jahrhunderts als Dankeschön für Geldspenden den Ablaß ihrer Sünden und damit den Himmel. Lohnarbeit ist zwar keine Sünde, führt aber häufig zu theoretischer und politischer Abstinenz und, soweit man linksradikal geblieben ist, notwendig zu schlechtem Gewissen, dafür aber zu erträglichem Einkommen. Aus dieser moralischen Klemme hilft die Alimentierung linksradikaler Kritikerzirkel, wenigstens teilweise. Die "Bahamas" ist nach wie vor ein Zuschußprojekt. Diejenigen, die die "Bahamas" früher durch ihre Mitgliederbeiträge an die Gruppe K finanziert hatten, möchten wir dringend auffordern, die Zeitschrift direkt durch monatliche Zuwendungen zu fördern. Das gilt natürlich auch für die unorganisierten Leser. Richtet Daueraufträge ein bei der Berliner Volksbank, Konto-Nr. 120 052 70, BLZ 100 900 00.