Editorial 20

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Das Schwerpunktthema dieser Ausgabe, Antisemitismus, hatten wir nicht geplant, es wurde uns von den aktuellen deutschen Verhältnissen aufgedrängt. In erschreckendem Einverständnis hat sich die deutsche Öffentlichkeit, von der "jungen Welt" bis zur FAZ an der "Judenfrage" abgearbeitet. Die Ereignisse in und um Israel nahm sie zum Anlaß, ganz im Zeichen der Friedenssehnsucht den "zionistischen" jüdischen Staat als den Fremdkörper und damit Friedensstörer im Nahen Osten anzuprangern. Parallel dazu war das Erscheinen von Goldhagens Buch "Hitler’s willing executioners" Anlaß, eine ideologische Abwehrschlacht zu inszenieren. Aus dem Bedürfnis, auf die Ereignisse zu reagieren, ergab sich eine fast selbstläufige Gestaltung des Schwerpunkts. Das hatte auch zur Folge, daß wichtige Aspekte des Themas nicht oder nur ungenügend behandelt werden. Die Kritik des Antisemitismus als integraler Bestandteil jeder National-Ideologie wird uns auch weiterhin beschäftigen.

Deutsche Politik will Normalisierung: im Verhältnis zu allen anderen Staaten und im Umgang mit der eigenen Geschichte. In den letzten 6 Jahren wurden die gesetzten Ziele fast durchgängig erreicht. Rücksichtnahmen auf alliierte Siegermächte sind nicht mehr nötig. Eine sehr eigenständige Außenpolitik ist auf den Weg gebracht und ein Geschichtsverständnis etabliert, nach dem es zwei Diktaturen nicht gelungen sei, die Mehrheit der ganz normalen Deutschen in ihre gleich schmutzigen Verbrechen zu involvieren.

Nur noch ein Staat nimmt sich heraus, unter dauerndem Verweis auf die Geschichte, sich in deutsche Belange einzumischen: Israel. Bis 1989 hatte man Wiedergutmachungszahlungen zu leisten, unangenehme Rituale des Schuldeingeständnisses zu veranstalten und selbst die traditionell proarabische Außenpolitik teilweise auf Eis zu legen. Damit ist nun Schluß. Unverhohlen positioniert sich Deutschland auf Seiten des arabischen Lagers und macht die palästinensische Sache zur eigenen. Die Palästinenser gelten in der deutschen Öffentlichkeit seit kurzem als unterdrücktes und entrechtetes Volk, gleich den bosnischen Moslems oder den Deutschen selbst. Israelische Politiker, die Rentenzahlungen an Überlebende des Holocaust fordern, vor Antisemitismus in Deutschland warnen und wegen Auschwitz außenpolitisches Wohlverhalten fordern, möchte man nicht mehr dulden. Der Wahlsieg der israelischen Rechten gibt Gelegenheit, "Sonderwünsche" endgültig zurückzuweisen und nun selbst die Rolle des Mahners zu übernehmen. Israel müsse aufhören, "aus dem schlechten Gewissen der Deutschen Geld zu prägen", meint etwa die FAZ. Stattdessen solle es besser Friedenswillen demonstrieren.

Die deutsche Linke kennt seit 1967 ein palästinensisches "Volk", dem die Errichtung eines eigenen Volksstaates zugestanden wird. Für Israelis, die wahlweise als "Siedler", "Kolonisten" oder "Zionisten" bezeichnet werden, gilt das nicht. Offenbar kann den Juden wegen erheblicher Zweifel am genuinen Blut- und Bodenzusammenhang ein Rechtsanspruch auf einen Staat nicht zuerkannt werden. Mehr als ein "zionistisches Gebilde" kommt da nicht heraus.

Wegen der überall lauernden "Antisemitismus-Entlarver", die nicht einmal ein harmloses "Boykottiert Israel!" durchgehen lassen wollten und der Tatsache, daß es den Staat Israel seit 50 Jahren nun einmal gibt, suchte sich das antiisraelische Ressentiment der Linken neue Wege. Jetzt geht es auch ihnen nur noch um Frieden und Gerechtigkeit für die Region. Energischer noch als die offizielle Politik sieht die antizionistische Linke Israel als Verursacher allen Elends in der Bringschuld. Jeder ermordete Jude wird mit der mangelnden Friedensbereitschaft seines Staates und in letzter Konsequenz mit dessen unrechtmäßiger Existenz erklärt; jedes israelische Vorgehen gegen Hisbollah oder Hamas dagegen als ein Anschlag auf den Friedensprozeß verteufelt. Siehe die Artikel, "Es geht um Israel", S. 20, "Vom linken Antizionismus zum deutschen Antiimperialismus", S. 24, und "Die Wiederkehr des ‘ewigen Juden’", S. 29.

Die deutsche Linke ist über die antideutsche Parole "Keine Träne für Dresden!" nie hinweggekommen. Sorgfältig untersuchte sie, wer in den Dresdner Bombennächten ums Leben gekommen war und fand Menschen schuldunfähigen Alters, einige kommunistische Widerstandskämpfer und sogar russische Zwangsarbeiter unter den Opfern. Von einem Täterkollektiv, so der Befund, könne also nicht undifferenziert geredet werden. Das war im Frühjahr 1995, als sich die antideutsche Linke mit ihrer 8. Mai-Kampagne für viele Bewegungs-Linke zur Bedrohung auswuchs. Bedroht schien der Glaube an einen guten, weil irgendwie widerständigen Kern der Deutschen.

Ein Jahr später widerfährt eine ähnliche Anfechtung der ganzen Nation. Ein amerikanischer Autor, dazu Jude, unterstellt nicht nur den Dresdnern, "Hitler’s willing executioners" gewesen zu sein, sondern dem ganzen deutschen Volk. Noch im Frühjahr 1945, als der Nazi-Staat in Trümmern lag und damit der organisierende Rahmen für die Fortsetzung des Mordens weggefallen war, hätte das deutsche Nationalkollektiv freiwillig das Vernichtungswerk fortgesetzt, bis buchstäblich zum 8. Mai.

Wo Linke noch des Hinweises auf die Existenz von Antifaschisten bedurften, verweisen andere Freunde des deutschen Volkes unter Berufung auf ihren jüdischen Kronzeugen Viktor Klemperer auf ganz normale Deutsche, die selbst dann, als dieser schon den gelben Stern tragen mußte, ihn artig mit "Guten Tag, Herr Professor" gegrüßt hätten. Von einem Täterkollektiv kann also keine Rede sein. Stattdessen geht der Vorwurf an Goldhagen zurück. Er teile den "Irrwahn einer kollektiven Verurteilung in seinem Verdikt über die Deutschen." Wahnhaft ist jedoch nicht die Verurteilung der deutschen Verbrechen, sondern die zwanghafte Abwehr eines nicht erhobenen Vorwurfs, "die Kollektivschuld-These". Dazu Horst Pankow auf S. 40.

"The foundational concept for German popular political thought, The Volk, was conceptionally linked to and partly dependent upon, a definition of Jews as the Volk’s antithesis." Dieser Einsicht Goldhagens stimmen Stefan Vogt und Andreas Benl in "No Germans no Holocaust" auf S. 42 zu, kritisieren aber Goldhagens Antisemitismus-Definition, die den Zusammenhang von kapitaler Vergesellschaftung und modernem Antisemitismus nicht sieht, ohne den der Wahn völkischer Identität aber nicht zu erklären ist.