Editorial 21

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Die Entwicklung des Kapitalismus konnte einem kritischen Bewußtsein so lange als "vernünftig" gelten, wie sie die Voraussetzungen für ihre eigene Aufhebung und die damit verbundene Einrichtung des Kommunismus bereitzustellen schien. Erst die explosive Entwicklung der "Produktivkräfte" unter dem Diktat des Kapitals schien die Bedingungen für eine endgültige Emanzipation der Menschen von ihrer Fesselung und Bedrängung durch die "erste" Natur zu gewährleisten. Die List der Vernunft schien offenbar das sich selbst nicht bewußte Voranschreiten der "zweiten" Natur mit einem endogenen Mechanismus ausgestattet zu haben. Einem Mechanismus, der über die Produktion von Widersprüchen und Klassenkämpfen ein Kollektivbewußtsein hervorbringen sollte, das die Abstreifung der nunmehr allein gesellschaftlichen Fesseln einleiten sollte. Als Trägerin dieses Bewußtseins galt die "Arbeiterklasse", die vom Genuß ausgeschlossene eigentliche Produzentin allen Reichtums, die letztendliche Vollstreckerin gesellschaftlicher Vernunft.

Das Setzen auf die immanente Vernunft der kapitalistischen Entwicklung wird dann zum Wahn, wenn nur noch durch eine vehemente Willensanstrengung zu verdrängen ist, daß die idealisierte proletarische Agentin der Aufhebung nie etwas anderes war als eine Funktion des allgemeinen Verwertungsprozesses, nicht mehr und nicht weniger als variables Kapital. Geboren aus der als naturhaft begriffenen Selbstverwertungslogik des Kapitals, aufgewachsen unter dem als Chance idealisierten Zwang zum Verkauf ihrer einzig verfügbaren Ware konnte die Arbeiterklasse ein "Klassenbewußtsein" stets nur als ihren Status affirmierendes hervorbringen und "Klassenkampf" als den allgemeinen Verwertungsprozeß festigendes und vorantreibendes Element praktizieren. Damit war sie fester Bestandteil des ohne die List der Vernunft nackt als Wahn dastehenden Fetischkults von Warenproduktion und -tausch.

"Hatte die materialistische Kritik der Gesellschaft dem Idealismus einst entgegengehalten, daß nicht das Bewußtsein das Sein, sondern das Sein das Bewußtsein bestimme, daß die Wahrheit über die Gesellschaft nicht in ihren idealistischen Vorstellungen, sondern in ihrer Wirtschaft zu finden sei, so hat das zeitgemäße Selbstbewußtsein solchen Idealismus mittlerweile abgeworfen. Sie beurteilen ihr eigenes Selbst nach ihrem Marktwert und lernen, was sie sind, aus dem, wie es ihnen in der kapitalistischen Wirtschaft ergeht. Ihr Schicksal, und wäre es das traurigste, ist ihnen nicht äußerlich, sie erkennen es an." (Horkheimer/Adorno)

Die linke Nichtanerkennung der proletarischen Selbstaffirmation als Ware, die daraus abgeleiteten Formen sowohl "reformistischer" wie "revolutionärer" Theorie und Praxis weisen sich als komplementärer Wahn zum offiziell herrschenden aus. Anstatt die radikale Kritik des Bestehenden als Chance und Voraussetzung des Kommunismus zu nutzen, anstatt die Einsicht in die grundsätzliche Menschenfeindlichkeit von Markt, Staat und dazugehörigem Personal als Scheidelinie zu deren wie auch immer gearteten Rechtfertigung zu begreifen, gefiel sich die Linke in der Sinngebung des Sinnlosen. Denn dann, wenn die vom Kapital blind produzierten materiellen Voraussetzungen einer möglichen, von Warenfetisch und Verwertungszwang befreiten Gesellschaft nicht ergriffen und gegen das Kapital benutzt werden, ist die Fortdauer der uns bekannten Verhältnisse ein barbarischer, durch nichts zu rechtfertigender Unsinn. Wer hier nach wie vor Chancen einer irgendwie als "emanzipatorisch" definierten Intervention sieht, ist selbst aktiver Bestandteil des allgemeinen Wahns. Gleichgültig, ob er hierzulande die Möglichkeit einer angeblich humaneren "Zivilgesellschaft" heraufdämmern sieht oder glaubt, die Ansprüche unzufriedener Staatsbürger in eine Bewegung zur "Aufhebung" transformieren zu können.

Gerade letzterem hängen die Theoretiker der Krisis-Gruppe an. Dabei hatten gerade sie sich in den letzten Jahre bei der Kritik des traditionellen Arbeiterbewegungs-Marxismus und des politizistischen Agierens der "Neuen Linken" verdient gemacht. Allerdings kleben die Vertreter der von ihnen selbst neuerdings so genannten "Nürnberger Schule" noch an Vorstellungen, die ihre Herkunft aus den traditionellen Stammbezirken der von ihnen Kritisierten nicht verhehlen können. So glaubt der Nürnberger wertkritische Ansatz fest an das Entstehen einer emanzipatorischen Vernunft bei den von Linken gern gehätschelten "Basisbewegungen". Hinzu kommt eine fatale Geschichtsmetaphysik, die noch die barbarischste Epoche kapitalistischer Nationalstaatlichkeit als notwendige Durchsetzungsphase für die letztendliche Aufhebung der Warengesellschaft interpretiert. Konsequenterweise steht am Ende der Vorstellung einer sich automatisch in Richtung "Aufhebung" bewegenden Geschichte die Vision eines selbsttätigen Ad-absurdum-führens des Kapitalismus.

Die vorliegende BAHAMAS widmet sich neben der Auseinandersetzung mit den Krisis-Positionen (auch der Krisis-Redakteur Ernst Lohoff kommt zu Wort) selbstverständlich den "traditionell antideutschen" Themen. Die das Verantwortungsgefühl der rasenden Mitläufer provozierende Goldhagendebatte, der Skandal um Peter Handkes abweichende Serbiendarstellung, der Lübecker "Brandstifterprozeß" und die militärpolitischen Ambitionen der BRD werden ebenso thematisiert, wenn auch anders als hierzulande bekannt, wie die Haltung der Linken zu Drogen und der Wunsch von Esoterikern nach "Ganzheitlichkeit". Auch in dieser Nummer hat selbstverständlich die Kritik am Antisemitismus ihren Platz. In kaum einem anderen Phänomen kommt der gesellschaftliche Wahn so konsequent zu seiner Wirklichkeit.