Editorial 22

Titelbild

Verzicht, Gemeinsinn und Zusammengehörigkeitsgefühl – dieser Dreiklang bestimt den ideologischen Alltag der Gesamtgesellschaft. Die Liberalität gegenüber dem blühenden Individualismus, die die scheinbar krisenfernen sozialdemokratischen Jahrzehnte geprägt hatte, gilt heute als Standortnachteil. So wie jeder Rausch mit einem Kater bestraft wird, erscheint die Krise als Strafe für Mangel an Selbstdisziplin und Anpassung an die Zumutungen der formierten Gesellschaft. Nach dem gleichen Mechanismus erklärt sich die Linke ihre Bedeutungs- und Orientierungslosigkeit. Wie der bürgerliche Leitartikel das verlorene gesellschaftliche Ziel beklagt und zu mehr Solidarität drängt, so meint auch die Linke sich "folgenlose" Debatten nicht mehr leisten zu können. Mit dem traditionellen Appell an die Einigkeit vollzieht sie die krisentypische Selbstverleumdung der urbürgerlichen Eigenschaft des Eigensinns nach. Wo die Bürger ihrer Ratlosigkeit mit mehr Gemeinschaft abhelfen wollen, erinnert sich eine Linke, die in ihrer Mehrheit Bernsteins Losung: "Der Weg ist das Ziel" verpflichtet ist, der Organisation, ihrer Form von Gemeinschaftsstiftung.

Nicht zufällig lautete das Motto einer Podiumsdiskussion, die im Rahmen des "Kongresses kritische Psychologie" am 8.2.97 in der Berliner FU stattfand: "Intellektuelle, individuelles Handeln und politische Organisation: Brauchen wir neue Organisationsformen?" Neben der Einheitsfront aus AABO, der KPF und der Ökologischen Linken, wurde als advocatus diaboli auch die Bahamas geladen.

Obwohl es hätte bekannt sein müssen, daß die Bahamas zu Organisation und Massenpolitik, Theorie und revolutionäre Praxis, Subjektivität und Subjektform zwar sehr viel, aber jedenfalls nichts "Konstruktives" beitragen würde, reagierte die Mehrheit der Zuhörer und Mitdiskutanten empört. Empörung hat dann, wenn sie frei von jeder Spontanität als Ritual zelebriert wird, die Funktion feindseliger Einigung gegen einen Popanz. Dem rituellen Charakter der Inszenierung entsprachen die verwendeten Worthülsen und Denkschablonen wie "Zynismus", "Elfenbeinturm" oder "Idealismus" und wenn es ganz dick kam: Nihilismus.

Was Nihilismus bedeutet, erklärt das "Etymologische Wörterbuch des Deutschen" (Berlin Ost, 1989): "Anschauung von der Nichtigkeit und Sinnlosigkeit aller Werte, Normen und Ziele ... Im Deutschen meint es seit der zweiten Hälfte des 19. Jhdts. ,Mißachtung aller geltenden politischen und sittlichen Autorität‘", in der Zeit der französischen Revolution "wer keiner politischen Partei angehört". Jean Paul verwendete es als "Gegenwort zu Materialist". "Im Munde von Reaktionären" – belehrt uns dieses letzte lexikalische Produkt der DDR – "dient diese Bezeichnung dagegen gerade der Diskreditierung fortschrittlicher Bestrebung."

Nihilistisch ist die Bahamas im Sinne all dieser Definitionen. Uns geht es um die Denunzierung der Nichtigkeit und Sinnlosigkeit aller Werte, Normen und Ziele jeder Zwangsgemeinschaft, also auch jener, der sich die traditionelle, revolutionär sein wollende Linke verschreibt. Wir mißachten alle geltenden politischen und sittlichen Autoritäten, auch wenn sie antifaschistisch oder sonst bewegungslinks gewandet sind. Wir gehören keiner Partei an und werden ganz sicher keine gründen. Es überrascht auch nicht, daß Materialismus, verstanden als radikale Kritik alles Bestehenden, von jenen "Materialisten", die sich in die gegenwärtig unbegründbare Vorstellung historisch notwendigen Fortschritts verbissen haben, als Nihilismus verschrien wird.

Wer sich von Nihilismus bedroht wähnt, hat etwas zu verlieren, das ihm heilig ist. Weil alles Heilige nur durch Glauben seinen Nimbus erhält, kennen Gläubige keine Kritiker, sondern nur Ketzer.

So wollen sich viele ihren Glauben daran erhalten, daß in der französischen Streikbewegung vom Dezember 1995 die soziale Frage zu revolutionär emanzipatorischer Kraft herangereift sei, und erklären das Modell für importreif. Daß der Gehalt dieser Bewegung eher vom Gegenteil kündet, ist die nihilistische Wahrheit ( "Über die Lähmung", S.10). Gern wird auch geglaubt, daß Adornos Werk bestenfalls kulturpessimistische Marxologie eines Großbürgers am Abgrund sei und keinen Erkenntniswert besäße, um so je nach Geschmack die Geschichtsmetaphysik oder ihre modernen Surrogate zu retten ( "Adornos Orthodoxie", S. 44).

Weil jeder Glauben sich seine Fetische schafft, werden die Toten des kommunistischen oder antifaschistischen Kampfes zu Heiligen verklärt, deren Leben Beispiel, deren Ermordung Märtyrertod und Auftrag zugleich seien. So wird Rosa Luxemburgs theoretisches und praktisches Tun nicht etwa kritisch analysiert, sondern auf aktuelle Handlungsanweisungen hin abgefragt. Luxemburg und Liebknechts Tod mahnen uns dann, den Weg der Arbeiterbewegung besinnungslos weiterzugehen. Die Ermordeten sind moralisches Unterpfand einer volksdemokratischen Bewegung, die vor der faschistischen Gefahr warnt, um den wenigen organisierten Faschisten das zuzuschreiben, was aus dem Staatsvolk – um dessen Gunst man buhlt – auch ohne diese erwächst ( Artikel auf S. 24–35).

Daß die Ikone im Zeitalter der Massenmedien ihrem Original nicht mehr gleicht, sondern als das weiterlebt, wozu die Ideologie sie gemacht hat, hat vor Jahren Gremliza illustriert, als er für einen Artikel über die zapatistische Bewegung nicht eine Photografie Emilio Zapatas verwendete, sondern den Film-Zapata Marlon Brando. So lebt auch die argentinische Volksheldin Evita Peron als Madonna im doppelten Sinn des Wortes fort. Der peronistischen Madonna den Kopf der kommunistischen aufzusetzen, die dem Berliner Gespensterumzug vom 12. Januar 97 den Kampfauftrag erteilt, erscheint als angemessene Devotionalie für die deutsche, revolutionäre Glaubensbewegung.