Editorial 23

Titelbild

Am 1.6.97 folgt ein Kontrabassist des Orchesters der Deutschen Oper Berlin dem Beispiel des Obersturmbannführers von Köpenick (Titanic über Gaskammerfan Juhnke) und zeichnete seine Hotelrechnung in Israel mit Adolf Hitler ab. Im Ruhrgebiet fallen Türken Wohnungsbränden zum Opfer, ohne daß die wahrscheinliche Ursache, deutsche Brandstifter, auch nur in Betracht gezogen wird. Im März veranstalten in Detmold deutsche Wehrpflichtige in Uniform eine Menschenjagd auf Ausländer und an Himmelfahrt kommt es in der Zone zu den mittlerweile üblich gewordenen Vatertagsausschreitungen gegen "Zecken" und "Fidschis". Diese deutsche Leistungsbilanz ließe sich beliebig verlängern.

Die verbliebenen Aushängeschilder linker Tradition tummeln sich derweilen auf Familientreffen. Und wie auf deutschen Familientreffen üblich, wenn die Verwandten vergilbte Fotos betrachten, erfreuen sich Veranstalter und Teilnehmer an ebenso verblichenen Themen: "Wie alles anfing", "Reformpädagogik in der antiautoritären Bewegung", "kritische Universität" und zur "Provokationsstrategie von Anti-Eliten". Zu diesem Seniorenwochenende für Apo– und nach-Apo-Linke hatte nicht etwa die überalterte Redaktion eines linken Traditionsblattes eingeladen, sondern die Berliner Studentenzeitschrift Kalaschnikow. Die im Titel geführte Waffe ist ihr keineswegs Ansporn zu radikaler und, wo irgend möglich, praktischer Kritik an den deutschen Tätern und dem gesellschaftlichen Konsens, der sie zu ihren Taten ermutigt, sondern lediglich Kokettiererei mit einer linken Tradition, die mit Kalaschnikows wenig, mit Lehrstühlen an Reformuniversitäten umso mehr zu tun hatte.

Damit kehrt die unselige Tradition der vor 1989 vom SB und dem linken Flügel der Grünen organisierten linkspluralen Kongresse zurück, die den jeweiligen Protestmoden theoretische Weihen verliehen. Dieser verlogenen Idylle hatte die deutsche Einheit und die mit ihr einhergehenden Schrecknisse, für die Städtenamen wie Rostock, Hoyerswerda, Solingen und Mölln stehen, den Garaus gemacht. Das Erschrecken über die ungebremste Vitalität des deutschen Nationalismus hat selbst die Linke an den Fundamenten ihrer praktischen Arbeit zumindest kurz zweifeln lassen. Plötzlich schien den notorischen Verteidigern selbstbestimmter Räume im Kiez, an der Uni und in der BI aufgegangen zu sein, daß ihr jahrzehntelanges Bemühen weniger der erhofften Emanzipation gedient hatte als der Wiedergeburt der Nation. Die rapide Wandlung der BRD von der postmodernen Spielwiese zum Terrain nationaler Aufmärsche zwang dazu, sich mit den richtigen, weil auf der Hand liegenden Themen wie dem Antisemitismus, dem eliminatorischen Rassismus und der mörderischen Sehnsucht nach Gemeinschaft zu beschäftigen. Seit dem Radikale-Linke-Kongress 1990 schien ein radikal antideutscher Gestus den inhaltsleeren Pluralismus linker Diskussionsveranstaltungen früherer Jahre endgültig abgelöst zu haben. Beibehalten wurde aber das in der Ära der Raketenzählerei und Becquerelhysterie perfektionierte blinde Vertrauen darin, daß sich deutsche Staatsbürger, wenn man sie nur gehörig bei ihren Betroffenheiten packt, für fortschrittliche Ziele mobilisieren ließen.

Der blinde Glaube an die Möglichkeit solcher "Aufklärung" blamierte sich an der deutschen Resistenz gegen sie. Nur zwei Möglichkeiten blieben: Sich den Gründen für diese Resistenz zu stellen und damit in Kauf zu nehmen, daß man sich von der liebgewordenen Realpolitik verabschieden muß, oder das Offensichtliche zu verdrängen, um weiter ohne allzu schlechtes Gewissen auch am "neuen Deutschland" politisch zu partizipieren. Welche Entscheidung die linke Mehrheit Mitte der 90er Jahre getroffen hat, ist bekannt. Sie ahnten, daß sie die täglichen Opfer deutscher Bauarbeiter, Datschenbewohner, Arbeitsloser und Schüler nur zum Ausgangspunkt ihrer Aktivität machen konnten, wenn sie zugleich auf den Anspruch, Politik machen zu wollen, restlos verzichteten. Statt nun aber offen die Konsequenz aus ihrer erklärten Bereitschaft, so weiterzumachen wie bisher, zu ziehen und Sozialarbeit für Jungnazis zu betreiben, veranstaltet die deutsche Linke Theoriekongresse, auf denen vorgeblich um Neuorientierung gerungen wird.

Die traditionalistischen Themen und die völlig willkürliche, weil pluralistische, Auswahl der Referenten machen jedoch deutlich, daß der Sinn solcher Veranstaltungen allein nostalgischem Nachvollzug vergangener und der Vorbereitung künftiger Praxis im denkbar konformistischsten Sinn dient. Dem deutschen Feuilleton gleich werden die verheerenden Niederlagen der Linken zu Erlebnismomenten allgemeiner Sinnstiftung hochgejubelt – siehe die vollzogene Stilisierung Ulrike Meinhofs zur bleichen Mutter des irgendwie anderen Deutschlands und die Erhebung von Chiffren wie "2. Juni" und symbolistisch-verquasten Metaphern wie "Deutscher Herbst" in den Rang von Anlässen kollektiven Gedenkens. Der ex-linke Verleger Klaus Wagenbach hat sein Bundesverdienstkreuz schon vor Jahren bekommen. Leuten wie Bernd Rabehl und Christian Semler dürfte solche Ehrung gerechterweise nicht verwehrt werden. Die aktivistischen Kongreß-Veranstalter möchten sie sich dennoch als lebende Denkmäler eines "emanzipatorischen" (was auch immer das sein mag) Handelns erhalten.

Um so politische Praxis von jeder Reflexion zu befreien, kann man entweder intellektuelle Bemühung pauschal diskreditieren (wie es besonders die autonome Linke tut) oder man eröffnet einen Gemischtwarenladen, in dem theoretische Urteile als bloße Meinungen gehandelt werden, die gleichberechtigt neben anderen stehen und damit keinerlei Wahrheitsgehalt für sich beanspruchen können. Wo alles interessant ist, ist nichts relevant. Wo keine theoretische Wahrheit mehr zugelassen ist, herrscht nicht nur in der Wissenschaft die Konvention. Eine Linke, die auf verbindliche Kritik der Verhältnisse verzichtet, wird von diesen beherrscht. Noch reden sie nicht von der gebotenen Therapie für die Täter wie die linksliberale Konkurrenz. Doch bei den "sozialen Verwerfungen" sind sie schon angelangt und von den Opfern Deutschlands ist, soweit vermeidbar, keine Rede mehr.