Editorial 24

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Der innerlinke Streit darüber, ob man sich für oder gegen den Euro "positionieren" müsse, ist töricht. Das macht die streitenden Fraktionen sich jedoch nicht gleich. Die Befürworter operieren mit dem redlich gemeinten, aber falschen Argument, das geeinte Europa schwäche Deutschlands Weltmachtambitionen. Doch während mit ihnen zu streiten ist, ist mit den Eurogegnern abzurechnen. Für sie ist die Ablehnung des Euro das Wunderelexier, das sie vom 89er Trauma endgültig kuriert. Damals hatte man gehofft, in die "sanfte Revolution" eingreifen und an die antikapitalistische Überzeugbarkeit von Datschenbewohnern appellieren zu können. Doch die so zum Experimentierfeld für Sozialbewegte auserkorene DDR brachte keinen Volksaufstand gegen den unsozialen Kapitalismus hervor. Stattdessen haben die Zonis wie die alten Bundesbürger die DM dazu erwählt, die Widrigkeiten des Kapitalismus in Wohltaten für den kleinen deutschen Mann zu verwandeln – der nichtdeutsche Rest wird "geklatscht".

Die von der Mehrheit der deutschen Linken nicht vorhergesehenen und bis heute unverstandenen Auswirkungen der deutschen Revolution haben sie nicht eines besseren belehrt, sondern lediglich leisetreten lassen. So leise, daß sie fast 8 Jahre lang sektiererische Einwände gegen Sozialbewegungen zum Schutze des deutschen Lebensstandards über sich ergehen ließ und selbst dann nur verhalten protestierte, wenn sie auf den Zusammenhang von "sozialer Frage" und Antisemitismus gestoßen wurde. Die Gewöhnung an den Terror der Wiedervereinigungsverlierer, wie sie das Mordpack gerne nennt, und das neue Thema, das die alten Ängste bündelt – der Euro – lockt die nationalrevolutionäre Bewegung aus der Defensive.

Da wäre zum Beispiel die AntiFa-AG der Uni Hannover, die genauso wie die Mehrzahl der anderen Antifas, Autonomen - von den Kommunistischen Plattförmlern ganz zu schweigen - mit dem Volk, im Linkssprech Bevölkerung genannt, unter dem Banner des "Internationalismus" gegen den "bürgerlichen Kosmopolitismus" ( AntiFa AG der Uni Hannover: Die Linke und Maastricht, S.15) paktiert. "Auch wenn das für Linke in Deutschland sicherlich eine eher seltene und vielleicht beängstigende Erfahrung ist, haben wir (!) bei der Ablehnung der WWU – stimmungsmäßig (!) – doch die Mehrheit der Bevölkerung hinter uns." Eine Bombenstimmung, die man sich auch nicht von apolitischen Volksfeinden und Nörglern verderben lassen will: "Daß Rechtsradikale mit sozialer Demagogie versuchen, die berechtigten sozialen Forderungen in ihr Gegenteil zu verkehren, dürfte bekannt sein ... sollte die Linke deshalb etwa - aus Angst dem Antisemitismus Vorschub zu leisten – auch ihren Kampf gegen das Kapital einstellen?" (S.15f). Unschwer läßt sich aus dieser infamen Konnotation schließen, daß die Autoren nichts gegen Antisemiten als Bündnispartner haben, solange es nur gegen das geht, was jene sich unter "Kapital" vorstellen. Das Wesen dieses Sozialbündnisses, die panische Angst vor der eigenen Überflüssigkeit, macht Sozialrevolutionäre nicht stutzig. Die kollektive Triebenergie deutscher Bewegungen ist ihnen Garant für den sicheren Instinkt des Volkes auf dem Weg zum Fortschritt. Mit German angst zur German revolution: "Die Ängste, die dahinterstehen, sind ... für 71% ein befürchteter Anstieg der organisierten Kriminalität, für 63% eine erwartete höhere Arbeitslosigkeit ... und für 62% der Verlust an Sozialstandards ... Da sollten sich linke Ängste, mit dem Kampf gegen das Europa des Kapitals Wasser auf die Mühlen der Rechtsradikalen zu leiten eigentlich in Grenzen halten." (S.16) Dieser deutschen Linken will nicht auffallen, wie genau in solchen Befindlichkeitsstatistiken der Inhalt des modernen Antisemitismus aufgehoben ist, die pathische Projektion nämlich, die überall internationale Verschwörungen ("organisierte Kriminalität") gegen das volksgemeinnützige deutsche Kapital am Werke sieht. Dieser Antiimperialismus ist stolz darauf, als echter deutscher Apfel nicht weit vom Stamm zu liegen.

Durchaus berechtigt hält das Hamburger Autorenduo Trampert/Ebermann solchen Volksfreunden, die ausgerechnet in Deutschland den Kampf gegen das internationale Finanzkapital führen möchten, entgegen, daß sie sich nahtlos in den spezifisch deutschen Antikapitalismus, den antisemitischen nämlich, einreihen. Sobald sich die beiden jedoch auf das Gebiet der Kritik der Politischen Ökonomie begeben, liefern sie den Volksfreunden aus Hannover unfreiwillig Munition. Wenn, wie sie behaupten, das "fiktive Kapital" gar nicht existiere und somit das sogenannte Ende des Sozialstaats nur ein Propagandatrick der Sozialabbaustrategen sei, dann müßte es eigentlich gute Gründe für eine radikalreformerische, vielleicht gar sozialrevolutionäre Bewegung geben. Die beiden verkennen vollkommen den Zusammenhang, daß – weil der Kapitalismus Einheit von Arbeits- und Verwertungsprozeß ist – die Akkumulation selbst vom Geld als Zirkulationsmittel zum zinstragenden Kapital führt. Dieses handelt wiederum Kapital selber wie eine Ware (deshalb spricht Marx von "fiktivem Kapital"). Sie wollen nicht begreifen, daß fiktives Kapital also Bedingung und Resultat des stofflichen Produktionsprozesses selber ist, insofern der Ware "kein Gramm Naturstoff innewohnt" (Marx). Damit enden sie zwangsläufig bei derselben "volkswirtschaftlichen" Grundlage, auf der ihre hannoveraner Gegner beginnen, Politik zu machen: bei der "Unschuldigkeit" der Produktion. Beide suchen nach dem Echten wider die Esoterik und werden deshalb von den Produkten der realen Esoterik des Kapitals geblendet: Während die einen in volkstümelndem Antiimperialismus machen, suchen deren "Kritiker" ihr Heil im vermeintlichen Nonkonformismus ihrer Subkultur.